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Full text of "Heilen und Bilden. Ärztlich-pädagogische Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie"

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HEILEN UND BILDEN 



Ärztlich-pädagogische Arbeiten des Vereins für 

Individualpsychologie 



Herausgegeben 



von 



Dr. Alfred Adler und Dr. Carl Furtmüller 



• • 



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«I 



München 1914 / Verlag von Ernst Eeinhardt 



S^MM. 



Alle Rechte vorbehalten 



Gedruckt bei M. Müller & Sohn, Manchen NW 



V 



191531 

JAN 27 1915 



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KD 5 



Inhalt. 



Seite 



Geleitwort von Dr. Carl Furtmüller V 

„Der Arzt als Erzieher" von Dr. Alfred Adler 1 

„Die Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Bedeutung für 

Philosophie und Psychologie" von Dr. Alfred Adler ... 11 

„Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose" von Dr. 

Alfred Adler 23 

„Entwicklungsfehler des Kindes" von Dr. Alfred Adler ... 33 

„Über Vererbung von Krankheiten" von Dr. Alfred Adler . . 41 

„Das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes" von Dr. Alfred Adler 50 

„Über neurotische Disposition" von Dr. Alfred Adler .... 54 

„Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neu- 
rose" von Dr. Alfred Adler . . 74 

„Trotz und Gehorsam" von Dr. Alfred Adler 84 

„Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität" von 

Dr. Alfred Adler 94 

„Zur Erziehung der Eltern" von Dr. Alfred Adler ..... 115 

„Organdialekt" von Dr. Alfred Adler 130 

* „Der nervöse Charakter" von Dr. Alfred Adler 140 

„Betätigungstrieb und Nervosität" von Prof. Johs. Duck . . . 151 

„Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse" von Dr. 

Carl Furtmüller 168 

„Rousseau und die Ethik" von Leopold Erwin Wexberg . . 187 

„Über Lügenhaftigkeit beim Kinde" von Otto Kaus .... 207 

„Fortschritte der Stottererbehandlung" von Direktor Alfred Appelt 226 

„Erziehung zur Grausamkeit" von Prof. Felix Asnaourow . . 246 

„Über strenge Erziehung" von Prof. Felix Asnaourow . . . 252 

„Der Kampf der Geschwister" von Dr. Aline Furtmüller . . 262 

„Ängstliche Kinder" von L. Erwin Wexberg 267 

„Selbsterfundene Märchen" von Dr. Carl Furtmüller .... 278 

„Psychologie der Berufswahl" von Dr. Stefan v. Mäday . . . 306 



IV Inhalt 

Seite 

„Zur Berufswahl" von Friedrich Thalberg 316 

„Kindliche Phantasien über Berufswahl" von Dr. Josef Kramer 321 

„Ein Beitrag zur Psychologie der ärztlichen Berufswahl" von 

Dr. Alfred Adler 336 

„Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords": 

L von Dr. D. E. Oppenheim 341 

IL von Dr. med. Alfred Adler 356 

III. von Dr. phil. Karl Molitor (Dr. Carl Furtmüller) . . . 363 

„Der Kampf des Kindes gegen Autorität" von Dr. Friedr. Lint 374 

„Kindheitserinnerungen einer ehemals Nervösen" 380 

„Nervöser Charakter, Disposition zur Trunksucht und Erziehung" 

von Dr. med. Vera Eppelbaum und Dr. med. Charlot Straßer 390 

Schlußwort von Dr. Alfred Adler 399 



Geleitwort. 

Der vorliegende Band möchte ein Bild geben von der Tätigkeit einer 
Arbeitsgemeinschaft von Ärzten und Pädagogen, die sich seit wenigen 
Jahren herausgebildet hat. Der Zweck unserer Veröffentlichung ist 
es, nicht nur Leser und Zuschauer, sondern vor allem tätige Mitarbeiter 
für unsere Bemühungen zu gewinnen. So mag denn zunächst dar- 
gelegt werden — soweit dies geschehen kann, ohne den folgenden 
Arbeiten vorzugreifen — , welches die Grundgedanken sind, die uns 
bei unserem Werke leiten, und was uns an diesem Handinhand- 
arbeiten von Arzt und Erzieher als das Neue und Charakteristische 

erscheint. 

Denn daß Ratschläge und Belehrungen des Arztes für den Erzieher 
unentbehrlich sind, daß wiederum jeder Arzt auch zur Entfaltung 
einer in gewissem Sinne erzieherischen Tätigkeit berufen ist, brauchte 
nicht erst entdeckt zu werden. Und die Tätigkeit des Psychotherapeuten 
insbesondere ist ja wohl immer, bei dem einen yoII bewußt, bei dem 

_ 

andern mehr oder weniger unbewußt, ihrem innersten Wesen nach 
eine erziehliche. Ein Zusammenarbeiten aber, wie wir es vor Augen 



wur 



psychologische Methode in der Psychotherapie zur Entwicklung gelangte. 
Versucht man, logisch zu sondern, was in Wirklichkeit freilich eng 



verbunden nebeneinander läuft, so zerfällt nach dieser Methode die 
Aufgabe des Nervenarztes in einen praktischen und in einen theo- 
retischen Teil. Er muß zunächst das Seelenleben seines Patienten 



in seinem innersten Kern zu verstehen suchen, indem er den verborgenen 
Zielpunkt aufdeckt, nach welchem alle Handlungen und psychischen 
Äußerungen des Patienten unbewußt gerichtet sind. So wird vor 
seinen Augen in immer klareren Umrissen das Persönlichkeits- 
ideal hervortreten, dessen Verwirklichung das tiefste Lebensinteresse 
des Patienten bildet, und es werden ihm die Leitlinien sichtbar 
werden, die die Wege bestimmen, auf denen der Patient diesem End- 
ziel zustrebt. Jetzt muß er aufspuren, was an diesem festgefügten 
Lebensplan schief und unhaltbar ist, was den Patienten mit der 
Realität in unlösbaren Widerspruch bringen mußte und ihn daher 
auf Umwege abdrängte, als deren verhängnisvollste sich oben die Neu- 
rosen und Psychosen darstellen. Zur Lösung dieser theoretischen Auf- 



VI Geleitwort 



gäbe wird er die Gabe psychologischer Intuition mit der Handhabung einer 
durchgebildeten individualpsychologischen Technik verbinden müssen. 

Der praktische Teil der Arbeit des Psychotherapeuten wird geleistet 
sein, wenn er den Patienten dazu bringt, zu verzichten und an Stelle 
seines unrealisierbaren Lebensplanes einen andern zu setzen, der ihm 
die Anpassung an die Wirklichkeit ermöglicht. 

Dieser Teil der Behandlung stellt sich also als eine besonders tief- 
greifende und unter besonders schwierigen Verhaltnissen zu leistende 
pädagogische Tätigkeit dar. Und doch wurzelt das Wesentliche, das 
die Ärzte und Pädagogen unseres Kreises vereint, vor allem im theo- 
retischen Gebiet. Der Psychotherapeut, der die Persönlichkeit seines 
Patienten verstehen will, muß die Geschichte dieser Persönlichkeit 
studieren. Er muß sich rückschauend klarmachen, wie gegebene körper- 
liche Veranlagung und die daraus entspringenden psychischen Reak- 
tionen, wie die Stellung zu Eltern und Geschwistern, zu Kameraden 
und Lehrern das Kind allmählich zu einer immer klarer hervor- 
tretenden, für das Individuum charakteristischen Stellungnahme zur 
Welt gedrängt haben. So begegnen sich Psychotherapeut 
und Pädagog in dem gemeinsamen Interesse für die 
Psychologie des Kindes. 

Aber zu diesem materiellen Moment kommt ein formales von vielleicht 
noch größere Bedeutsamkeit. Die Schaffung der individualpsycho- 
logischen Methode der Psychotherapie war ja nur dadurch möglich 
geworden, daß der Psychotherapeut weit über die ursprünglichen 
Grenzen seines Arbeitsgebiets hinausgriff, daß er die Grundlagen 
zu einer allgemeinen Individualpsychologie legte. Hatte 
die bisherige Psychologie sich vorzugsweise mit den seelischen Er- 
scheinungen beschäftigt, die an der Peripherie der Persönlichkeit 
liegen, und hatte sie höchstens schüchtern und zögernd den Versuch 
unternommen, sich von hier aus ein wenig dem Zentrum zu nähern, 
so wurde es jetzt zum methodischen Grundsatz, daß man sich erst 
des Kerns der Persönlichkeit bemächtigt haben müsse, um die peri- 
pheren Äußerungen überhaupt verstehen und richtig einschätzen zu 
können. Dem schulgemäßen Psychologen muß es Mühe machen, sich 
in diese neue Anschauung einzuleben, die seine gewohnte Arbeits- 
weise geradezu auf den Kopf stellt. Der Pädagog aber war i 



den lebendigen Persönlichkeiten seiner Schüler gegenübergestanden, 
er hatte sich immer bemüht, ihre Äußerungen nicht gesondert zu 
beurteilen, sondern sie auf das Ganze ihres Wesens zu beziehen. 



Geleitwort VII 



Nur soweit ihm dies gelang, konnte er ja wirklich individualisieren. 
Wandte er sich an die Psychologie um Rat, so konnte er von ihr 
eine Fülle des Wissenswerten erfahren; nur darüber, was ihm das 
Hauptproblem war, fand er nichts: in die Tiefen der Einzelpersönlich- 
keit wurde er nicht geführt. Nun begreift man, welche frohe Zu- 
versicht, ja Erhebung den Suchenden in dem Augenblick erfüllen 
muß, da ihm die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Individual- 
psychologie entgegentritt. So entwickelt sich beim Päda- 
gogen wie beim Psychotherapeuten aus praktischen 
Bedürfnissen heraus ein neues theoretisches Inter- 
esse, das sie verbindet. Die Psychologie erscheint ihnen nicht 
mehr als eine Hilfswissenschaft, der sie rezeptiv gegenüberstehen, 
sondern sie fühlen sich berufen, an dem Aufbau und der We i t c r- 
entwicklung einer Individualpsychologie produktiv 
mitzuarbeiten. 

Dabei kommen die unmittelbar praktischen Bedürfnisse des Päda- 
gogen nicht zu kurz. Indem er das Kind besser verstehen lernt, lernt 
er auch den oft gewissermaßen unterirdischen Einfluß seiner er- 
zieherischen Maßregeln besser abschätzen, um so mehr, als ihm durch 
des Psychotherapeuten Krankengeschichten und durch eigene Beob- 
achtung der Blick dafür aufgeht, inwieweit und in welcher Weise 
solche Eingriffe der Erzieher im Erwachsenen nachwirken. Man wird 
vielleicht meinen, daß in diesem Bande die Stellungnahme zu kon- 
kreten Erziehungsproblemen nicht genug betont ist. Nun werden 
ja dem aufmerksamen Leser die zahlreichen pädagogischen Winke 
und Hinweise nicht entgehen, die in dem Buche verstreut sind. Aber 
freilich, wer ein erzieherisches Programm zu finden erwartet, wird 
enttäuscht sein. Wir haben davon bewußt abgesehen, weil solche 
allgemeinen Formulierungen allzu leicht zum Schematisieren ver- 
leiten. Wir begnügen uns damit, in unserer psychologischen Arbeit 
fortzufahren und die pädagogischen Einsichten zu verzeichnen, die 
uns dabei als reife Früchte vom Baume fallen. Den Hauptnutzen 
aber, den der Pädagog aus der Beschäftigung mit der Individual- 
psychologie ziehen kann, erblicken wir darin, daß sie sein mensch- 
liches Interesse für den einzelnen Zögling erhöht, daß sie ihn zu 
kritischer Vorsicht seiner eigenen Tätigkeit gegenüber ermahnt, daß 
sie seinen psychologischen Instinkt verschärft und seinen pädagogischen 
Takt verfeinert. 

Ein flüchtiger Blick auf das Inhaltsverzeichnis dieses Bandes lehrt 



VIII Geleitwort 



schon, daß derselbe sich gewissermaßen in zwei Teile scheidet. Der 
erste bringt Arbeiten Alfred Adlers aus den Jahren 1904 bis 191 3 
und gibt so ein geschlossenes Bild der Entwicklung der von ihm ge- 
schaffenen individualpsychologischen Methode. Der zweite Teil zeigt 
Mitglieder unseres Kreises an der Arbeit, sich mit Hilfe der Individual- 
psychologie der mannigfachsten Probleme zu bemächtigen. Wir hoffen, 
in nicht zu ferner Zeit mit einem bedeutend erweiterten Kreis von 
Mitarbeitern neuerlich vor die Öffentlichkeit treten zu können. Es 
braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, daß wir die Be- 
dingung der Mitarbeiterschaft nicht in der Teilung unserer konkreten 
Anschauungen, sondern einzig und allein in der Anwendung des indi- 
vidualpsychologischen Gesichtspunktes erblicken. 

Dr. Carl Furtmüller. 

1 






Der Arzt als Erzieher. 

Von Dr. Alfred Adler (1904). 

Das Problem der Erziehung, wie es die Eltern und Lehrer auf 
ihrem Wege vorfinden, wird leicht unterschätzt. Man sollte meinen, 
daß die Jahrtausende menschlicher Kultur die strittigen Fragen längst 
gelöst haben müßten, daß eigentlich jeder, der , lange Jahre Objekt 
der Erziehung gewesen ist, das Erlernte auch an andere weitergeben 
und in klarer Erkenntnis der vorhandenen Kräfte und Ziele fruchtbar 
wirken könnte. Welch ein Trugschluß wäre das! Denn nirgendwo 
fällt uns so deutlich in die Augen, wie durchaus subjektiv unsere 
Anschauungsweise und wie unser Denken und Trachten, unsere ganze 
Lebensführung vom innersten Willen beseelt ist. Ein nahezu unüber- 
windlicher Drang leitet den Erzieher Schritt für Schritt, das Kind 
auf die eigene Bahn herüber zu ziehen, es dem Erzieher gleichzu- 
machen, und das nicht nur im Handeln, sondern auch in der An- 
schauungsweise und im Temperament. Nach einem Muster oder zu 
einem Muster das Kind zu erziehen, war vielfach und ist auch heute 
noch oft der oberste Leitstern der Eltern. Mit Unrecht natürlich! Aber 
diesem Zwang erliegen alle, die sich des Zwangs nicht bewußt werden. 

Ein flüchtiger Blick belehrt uns über die überraschende Mannig- 
faltigkeil persönlicher Anlagen. Kein Kind ist dem andern gleich, 
und bei jedem sind die Spuren seiner Anlage bis ins höchste Alter 
zu verfolgen. Ja, alles was wir an einem Menschen erblicken, be- 
wundern oder hassen, ist nichts anderes als die Summe seiner An- 
lagen und die Art, wie sie sich der Außenwelt gegenüber geltend 
machen. Bei einer derartigen Auffassung der Verhältnisse ist es klar, 
daß von einer völligen Vernichtung ursprünglicher Anlagen, ob sie 
nun dem Erzieher passen oder nicht, keine Rede sein kann. Was 
der Erziehungskunst möglich ist, läßt sich dahin zusammenfassen, 
daß wir imstande sind, eine Anlage zu fördern oder ihre Entwick- 
lung zu hemmen, oder — und dies ist leichter praktikabel — eine 
Anlage auf kulturelle Ziele hinzulenken, die ohne Erziehung oder bei 
falschen Methoden nicht erreicht werden können. Letzteren Vorgang 
nennt Freud, dem wir manche Aufklärung über die ungeheure Rolle 
infantiler Eindrücke, Erlebnisse und Entwicklungen beim Normalen 

1 



2 Der Arzt als Erzieher 



und Neurotiker verdanken, die Sublimierung. Er ist unerläßlich für 
die Entstehung und Entfaltung der Kultur. 

Daraus geht aber auch hervor, daß die Rolle des Erziehers keines- 
wegs für jeden paßt. Anlage und Entwicklung derselben sind auch 
für ihn und seine Bedeutung ausschlaggebend. Er muß ausgezeichnet 
sein durch die Fähigkeit ruhiger Erwägung, ein Kenner der Höhen 
und Tiefen der Menschenseele, muß er mit seinem Späherauge seine 
eigenen wie die fremden Anlagen und ihr Wachstum erfassen. Er 
muß die Kraft besitzen, unter Hintansetzung seiner eigenen persön- 
lichen Neigungen sich in die Persönlichkeit des andern zu vertiefen 
und aus dem Schachte einer fremden Seele herauszuholen, was dort 
etwa geringes Wachstum zeigt. Findet sich solch eine Individualität 
einmal, unter Tausenden einmal, mit dieser ursprünglichen Finder- 
fähigkeil ausgestattet: das ist ein Erzieher. 

Nicht viel anders wird unser Urteil lauten, wenn wir über jene 
Anlagen und Fähigkeiten zu Gericht sitzen, die den guten Arzt aus- 
machen. Auch ihn muß die Eigenschaft ruhiger Überlegung aus- 
zeichnen, die menschliche Seele sei ihm ein vertrautes Instrument, 
und wie der Erzieher muß er es vermeiden, an der Oberfläche der 
Erscheinungen seine Kraft zu erschöpfen. Mit immer wachem Inter- 
esse schafft er an den Wurzeln und Triebkräften jeder anormalen 
Gestaltung und versteht es, einzudringen in die Bahn, die vom Symp- 
tom zum Krankheitsherd führt. Frei von übermächtigen Selbsttäu- 
schungen, denn er muß sein Wesen kennen und meistern wie der 
Erzieher, soll er in fruchtbarer Logik und Intuition die heilenden 
Kräfte im Kranken erschließen, wecken und fördern. 

Die erzieherische Kraft der Ärzte und der medizinischen Wissen- 
schaft ist eine ungeheure. Auf allen Gebieten der Prophylaxe gräbt 
sie unvergängliche Spuren und bewegt die Besten des Volkes zur 
tätigen Mitarbeit. Wir stellen die vordersten Reihen im Kampf gegen 
den Alkoholismus und gegen Infektionskrankheiten. Von den Ärzten 
ging der Notschrei aus gegen die Erdrückung der Volkskraft durch 
die Geschlechtskrankheiten. Der Ansturm der Tuberkulose findet einzig 
nur Widerstand an den stetigen Belehrungen und Ermahnungen der 
Ärzte, solange nicht materielle Hilfe naht. Das gräßliche Säuglings- 
sterben, durch Jahrzehnte geheiligter Mord und Barbarei, ist durch 
die leuchtenden Strahlen der Wissenschaft erhellt und in das Zentrum 
des Kampfes gerückt. Schon harrt die Schulhygiene auf den Beginn 
ihrer fruchtbaren Tätigkeit und entwindet sich den ehernen Klam- 






Der Arzt als Erzieher 3 



mern engherziger Verwaltungen. Eine Fülle uneigennütziger, wert- 
voller Ratschläge und Lehren strömt Tag für Tag in die Volksseele 
über, und wenn nicht viele Früchte reifen, so deshalb, weil Auf- 
klärungsdienst und materielle Wohlfahrt des Volkes nicht in den 

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Händen der Ärzte liegen. 

In der Frage der körperlichen Erziehung des Kindes ist die oberste 
Instanz des Arztes unanfechtbar. Das Ausmaß und die Art der Er- 
nährung, Einteilung von Arbeit, Erholung und Spiel, Übung und 
Ausbildung der Körperkraft soll immer vom Arzt, muß von ihm 
im Falle der Not geregelt werden. Die Überwachung der körper- 
liehen Entwicklung des Kindes, die sofortige Behebung auftauchen- 
der übelstände ist eine der wichtigsten Berufspflichten des Arztes. 
Nicht erkrankte Kinder zu behandeln und zu heilen, sondern gesunde 
vor der Krankheit zu schützen, ist die konsequente, erhabene For- 
derung der medizinischen Wissenschaft. 

Von der körperlichen Erziehung ist die geistige nicht zu trennen. 
In der letzteren mitzureden, ist dem Arzte nicht allzu häufig Ge- 
legenheit geboten, obgleich gerade er aus dem reichen Borne seiner 
Erfahrung kraft seiner Objektivität und Gründlichkeit wertvolle Schätze 
schöpft. Preyers Buch über „Die Seele des Kindes" 1 fördert eine 
Unzahl fundamentaler Tatsachen zutage, die jedem Erzieher bekannt 
sein sollten. Es ist lange nicht erschöpfend, aber es bietet Material 
zur Beurteilung und Sichtung 'der eigenen Erfahrungen. Das gleiche 
gilt von dem Buche Karl Grooss' „Über das Seelenleben des Kindes" 2 . 
das ungleich mehr das Interesse des Psychologen erweckt. Die allg 
meine Volkserziehung zu beeinflussen, streben beide Bücher nicht an, 
können sie aus mehrfachen Gründen nicht erreichen. Vielleicht 
war erst der wuchtige Akzent nötig, mit dem Freud 3 das Kinder- 
leben bedenkt, und die Aufzeigung der tragischen Konflikte, die aus Ano- 
malien der kindlichen Erlebnisse fließen, um uns die hohe Bedeutung 
einer Erziehungslehre klar zu machen. 



Bei der vollständigen Anarchie, in der im allgemeinen die kind- 
liche Seele im Elternhaus heranwächst, können wir es begreiflich 
finden, daß manche wertvolle Persönlichkeit den Mangel einer jeden 
Erziehung höher schätzt als eine jede der heute möglichen Erziehungs- 
formen. Dennoch gibt es eine Anzahl von Schwierigkeiten, die ohne 

1 4. Auflage. Leipzig, Th. Grieben's Verlag. 

* Berlin, Reuther & Reichardt. 

8 S. Freud, Traumdeutung, Deuticke, Wien. 



4 Der Arzt als Erzieher 



Einsicht in das Wesen der Kindesseele nicht überwunden werden 
können. Einige dieser immer wieder auftauchenden Fragen wollen 
wir im folgenden besprechen, da es uns dünkt, daß vorwiegend die 
Ärzte dabei berufen sind, das Wort zu ergreifen. 

Bekanntlich soll die Erziehung des Kindes bereits im Mutterleib 
beginnen. Dem Arzte obliegt die Pflicht, die Aufmerksamkeit der 
Eheschließenden darauf zu lenken, daß nur gesunde Menschen 
zur Fortpflanzung geschaffen sind. Seine Aufgabe ist es, bei vor- 
liegendem Alkoholismus, bei Geschlechtskrankheiten, Epilepsie, Tuber- 
kulose etc. auf die Gefahren einer Ehe, auf die schädlichen Folgen 
für die Nachkommenschaft hinzuweisen. Die körperliche und seelische 
Pflege der Schwangeren ist nicht zu vernachlässigen, der Hinweis 
auf die Wichtigkeit des Selbststillens darf nicht unterlassen werden. 

Von größter Wichtigkeit für die Erziehung des Säuglings sind 
Pünktlichkeit und Reinlichkeit. Nichts leichter als durch ständiges 
Nachgeben in der Nahrungsbefriedigung einen eigensinnigen Schrei- 
hals heranzuziehen, der es später nicht ertragen wird, auf die Be- 
friedigung seiner Wünsche zu warten, ohne in die heftigste Erregung 

zu geraten. Nua gar die Erziehung zur Reinlichkeit muß uns als 
einer der mächtigsten Hebel zur Kultur dienen, und ein Kind, 
das seinen Körper rein zu halten gewöhnt ist, wird 
sich späterhin in schmutzigen Dingen nicht leicht 
wohl fühlen. 

Die Vernachlässigung der körperlichen Erziehung, wie sie in unserer 
Zeit gang und gäbe ist, übt stets einen schädlichen Rückschlag auf 
körperliche und geistige Gesundheit aus. Hier gibt es Zusammen- 
hänge, die nicht übersehen werden dürfen. Gute körperliche Ent- 
wicklung geht meist mit gesunder geistiger Entwicklung Hand in 
Hand. Schwächliche und kränkliche Kinder verlieren leicht die beste 
Stütze ihres geistigen Fortschritts : das Vertrauen in die eigene 
Kraft. Ähnliches findet man bei verzärtelten und allzu ängstlich 
behüteten Kindern. Sie weichen jeder körperlichen und geistigen An- 
strengung aus, flüchten sich gerne in eine Krankheitssimulation oder 
übertreiben ihre Beschwerden in unerträglicher Weise. Deshalb können 
körperliche Übungen, Turnen, Springen, Schwimmen, Spiele im Freien 
bei der Erziehung nicht entbehrt werden. Sie verleihen dem Kinde 
Selbstvertrauen, und auch späterhin sind es wieder solche Äußerungen 
persönlichen Muts und persönlicher Kraft, die — aus überschüssigen 
Kraftquellen gespeist — das Kind vor Entartungen behüten. 



Der Arzt als Erzieher 5 



Hat man es mit Schwachsinnigen, Kretinen, Taubstummen oder 
Blinden zu tun, so wird es Aufgabe des Arztes sein, die Größe des 
Defekts sicherzustellen, 'die Chancen einer Heilung oder Besserung 
zu erwägen und eine entsprechende, zumeist individualisierende Be- 
handlung und Erziehung zu empfehlen. 

Das wichtigste Hilfsmittel der Erziehung ist die Liebe. Eine Er- 
ziehung kann nur unter Assistenz der Liebe und Zuneigung des Kindes 
geleistet werden. Wir beobachten immer wieder, wie das Kind stets 
auf die von ihm geliebte Person achtet und wie es deren Bewegungen, 
Mienen, Gebärden und Worte nachahmt. Diese Liebe darf nicht gering 
geschätzt werden, denn sie ist das sicherste Unterpfand der Erziehungs- 
möglichkeit. Diese Liebe soll sich nahezu gleichmäßig auf Vater 
und Mutter erstrecken, und es muß alles vermieden werden, was den 
einen Teil davon ausschließen könnte. Streitigkeiten unter den Eltern, 



Kritik der getroffenen Maßnahmen sollen vor dem Kinde geheimge- 
halten werden. Bevorzugung eines der Kinder muß hintangehalten 
werden, denn sie würde sofort die erbitterte Eifersucht des andern 
hervorrufen. Es ist ohnehin nicht leicht, die eifersüchtigen Regungen 
des altern Kindes gegenüber dem neuangekommenen, die sich in man- 
nigfachster Weise äußern, einzudämmen. — Andererseits darf kein 
Übermaß von Liebe, keine Überschwänglichkeit gezüchtet werden. So 
angenehm es auch die Eltern berührt, ein derartiger Überschwang 
hemmt leicht die Entwicklung des Kindes. Besonnenheit den Lieb- 
kosungen des Kindes gegenüber, Hinlenken auf ethisch wertvolle Be- 
strebungen, auf Arbeit, Fleiß, Aufmerksamkeit kann in solchen Fällen 
die richtige Mittellinie garantieren. 

Wer die Erziehung seines Kindes fremden Personen: Ammen, Haus- 
lehrern, Gouvernanten, Pensionen überläßt, muß sich der großen Ge- 
fahren bewußt bleiben, die mit einer solchen Überantwortung ver- 
bunden sind. Selbst wo von ansteckenden Krankheiten oder offen- 
kundigen Lastern abgesehen werden kann, muß man doch die Fähigkeit 
einer Gouvernante, die väterliche oder mütterliche Erziehung zu er- 
setzen, in Frage ziehen. Verschüchtert, verbittert, ihr Leben lang 
gedemütigt, sind diese bedauernswerten Geschöpfe manchmal kaum 
in der Lage, die geistige Entwicklung eines Kindes zu leiten. 

Strafen können in der Erziehung nicht entbehrt werden. Dabei 
hat aber einzig und allein der Gesichtspunkt des Besserns zu gelten. 
Seit die Prügel aus der Justiz verschwunden sind, muß es als Bar- 
barei angesehen werden, Kinder zu schlagen. Wer da glaubt, nicht 



6 Der Arzt als Erzieher 



ohne Schläge in der Erziehung auskommen zu können, gesteht seine 
Unfähigkeit ein und sollte lieber die Hand von den Kindern lassen. 
Wenn wir der Strafen nicht entbehren können, so sind dies doch nur 
solche, die dem Kinde sein Unrecht, die Grenzen seiner Macht zeigen, 
es darüber belehren und durch kleine, unschädliche Entziehungen seine 
Aufmerksamkeit auf das Bessere konzentrieren. Entfernung vom Tisch 
der Eltern, eine kurze ernste Ermahnung, ein strafender Blick müssen 
gemeiniglich genügen. Entziehung von Nahrung, am ehesten noch 
von Obst und Leckerbissen, soll nur im äußersten Falle, eventuell bei 
störrischer Nahrungsverweigerung, dann aber für sehr kurze Zeit und 
energisch als Strafe dienen. Abschließung an einem einsamen Ort 
halten wir für ebenso barbarisch wie Schläge und wir können uns 
des Verdachts nicht erwehren, daß diese Strafe dem Charakter ebenso 
verhängnisvoll werden kann wie die erste Gefängnishaft dem jugend- 
lichen Verbrecher. Aber auch leichtere Strafen, wenn sie zu häufig 



erfolgen, können das Kind leicht zur Wiederholung verleiten und 
schädigen das Ehrgefühl. Schimpf worte oder beharrlicher, harter Tadel 
verschlechtern die Chancen der Erziehung. Es geht damit wie mit 
allen zu weit getriebenen erzieherischen Eingriffen: wer als Kind 

daran gewöhnt wurde, der wird sie auch später leicht hinnehmen. 
An Lob und Belohnung dagegen verträgt das Kind erstaunlich viel, 
doch kann auch hier ein schädliches Übermaß geleistet werden, so- 
bald das Kind in dem Glauben heranwächst, daß jede seiner Hand- 
lungen lobenswert sei und die Belohnung sofort nach sich ziehe. Die 
Erziehung des Kindes muß von weitblickenden Erziehern geleitet wer- 
den, nicht für den nächsten Tag, sondern für die ferne Zukunft. Vor 
allem aber sei dafür Sorge getragen, daß das Kind mit dem deut- 
lichen Bewußtsein heranwachse, in seinen Eltern stets gerecht ab- 
wägende Beurteiler, aber zugleich auch immer liebevolle Beschützer 
zu finden. 

Unter den Untugenden der Kinder, die gemeiniglich unter Strafe 
stehen, stechen der kindliche Eigensinn und das Lügen besonders 
hervor. Eigensinn in früher Kindheit ist mit freundlicher Ermahnung 
ganz sachte einzudämmen. Er bedeutet in den ersten Jahren nichts 
weiter als einen Drang zur Selbständigkeit, also eigentlich ein er- 
freuliches Symptom, das nur unter beständiger Lobhudelung aus- 
arten könnte. Bei großen Kindern dagegen und Erwachsenen ist der 
konstant auftretende Eigensinn nahezu ein Entwicklungsdefekt und 
läßt eigentlich nur eine einzige Art der Bekämpfung zu: Vorher- 



Der Arzt als Erzieher 7 



sagen einer möglichen Schädigung und ruhiger Hin- 
weis auf den Eintritt derselben. Dabei müssen alle An- 
deutungen auf ein überirdisches Eingreifen, wie „Strafe Gottes" etc. 
entfallen, da sie dem Kinde den Zusammenhang von Ursache und Wir- 
kung verhüllen. Von dieser Seite her ist selbst bei Eigensinnigen die 
Entwicklung ihrer Selbständigkeit bedroht. Neben den „Ja-sagern" 
gibt es nahezu ebenso viele „ewige Nein-sager", die sich in ihrer Ge- 
sinnungs- und Charakterschwäche ewig gleich bleiben. 

Bezüglich der Lügen bei Kindern herrscht die größtmögliche Ver- 
wirrung. Da unser ganzes Leben von Lügen durchseucht ist, darf 
es uns nicht wundern, auch in der Kinderstube die Lüge wieder zu 
finden. In der Tat lügen die ganz Kleinen in der harmlosesten Weise. 
Anfangs ist es ein Spiel mit Worten, dem jeder Zweck oder eine 
böse Absicht mangelt. Späterhin kommen Phantasielügen an die Reihe. 
Sie sind gleichfalls nicht tragisch zu nehmen, sind oft genährt durch 
ein Übermaß phantastischer Erzählungen und Lektüre. Hinweis auf 
die Wirklichkeit, Ersatz der Phantasiereize durch realeres Material, 
Naturgeschichte, Reisebeschreibungen und körperliche Tätigkeit ge- 
nügen, um diesen Lügen ein Ende zu machen. In den weiteren 
Jahren sind die Motive meist deutlich. Lügner aus Eitelkeit, Selbst- 
sucht und Furcht sind die hauptsächlichsten Vertreter. Lassen sich 
diese Motive wirkungsvoll bekämpfen, so fällt auch das Lügen 
fort. Besonders deutlich wird das Verschulden der Erziehung bei 
Angst- oder Verlegenheitslügen. Denn unter keinen Umständen sollte 
das Kind vor seinem Erzieher Furcht empfinden. Man hüte sich 
davor, das Kind an Geheimnissen, Lügen oder Verstellungen vor andern 
Personen teilnehmen zu lassen. Man hüte sich besonders vor Redens- 
arten, wie: „Warte, ich werd's dem Vater sagen!" um das Kind zur 
Abbitte zu bewegen. Denn man zieht damit den Hang zum Ver- 
schweigen und Lügen groß. Auch die Beichte kann bei unvorsich- 
tiger Haltung der Eltern der Erziehung zur Wahrhaftigkeit abträglich 
werden, da sie dem Hang zur Heimlichtuerei gegen die natürlichen 
Erzieher eine Stütze bietet. Gegen das Aufkommen eingewurzelter 
Lügenhaftigkeit bietet das gute Beispiel der Umgebung wie für das 
gesamte Erziehungsresultat eine sichere Gewähr. Jede Art von Kon- 
frontation dagegen und Inquisitionsverfahren wirken schädlich. Das 
gleiche gilt vom Zwang zur Abbitte, die überdies nie sofort, sondern 
nur als freiwillige eingefordert werden darf. Ein höchst verläßliches 
Schutzmittel gegen Lügenhaftigkeit bildet die Entwicklung eines muti- 



8 Der Arzt als Erzieher 



gen Charakters, der die Lüge als unerträgliche Beeinträchtigung ver- 



wi 



irft. 



Gehorsamkeit beim Kinde darf nicht erzwungen werden, sondern 
muß sich als selbständiger Effekt der Erziehung ergeben. Die Frei- 
heit der Entschließung muß dem Kinde möglichst gewahrt werden. 
Nichts ist unrichtiger als das fortwährende Ermahnen, wie es leider 
so weit verbreitet ist. Da es aber unerläßlich ist, in manchen Fällen 
Folgsamkeit zu erlangen, so stütze man sie auf das Verständnis des 
Kindes. Deshalb muß jeder unverständliche^ Befehl, jedes ungerecht 
scheinende Verlangen vermieden werden, denn sie erschüttern das Zu- 
trauen zu den Eltern. Ebenso sind unnütze, unausführbare und häufige 
Androhungen zu unterlassen. Ungerechtigkeiten dem Kinde gegenüber, 
von Geschwistern oder Kameraden verübt, erweisen sich oft als nütz- 
lich, wenn man an ihnen den Wert der Gerechtigkeit für alle aufweist. 

Überhaupt obliegt dem Erzieher, die wichtige Rolle des orien- 
tierenden Bewußtseins dem Kinde gegenüber zu vertreten. Er hat die 
Aufgabe, das Kind darauf zu leiten, wie die Kräfte und Äußerungen 
seines Seelenlebens zusammenhängen, um zu verhüten, daß das Kind 
irregeht oder von anderen mißleitet werde. Ein allzu häufiger Typus 

ist der des verängstigten, überaus schüchternen, überempfindlichen 
Kindes. Weder zur Arbeit noch zum Spiel taugt es. Jeder laute 

Ton schreckt diese „Zerstreuten" aus ihren Träumen, und sieht man 
ihnen ins Gesicht, so wenden sie die Augen ab. Ihre Verlegenheit 
in der Gesellschaft, in der Schule, dem Arzte gegenüber (Ärzte- 
furcht!) schlägt sie immer wieder zurück und läßt sie in die Einsam- 
keit flüchten. Die ernstesten Ermahnungen verhallen spurlos, die 
Schüchternheit bleibt, verstärkt sich und macht die Kinder zu dieser 
Zeit nahezu entwicklungsunfähig. Nun gibt es aber gar kein kul- 
turwidrigeres Element als solche Zurückgezogenheit oder Feigheit, die 
noch obendrein den Eindruck erweckt, als stünde sie unter dem 
Zeichen des Zwanges. Ich getraute mich zur Not, aus dem grausam- 
sten Knaben einen tauglichen Fleischhauer, Jäger, Insektensammler 
oder — Chirurgen zu machen. Der Feige wird immer kulturell 
minderwertig bleiben. Gelingt es bei solchen Kindern, die Wurzel 
ihrer Schüchternheit aufzudecken, so retten wir das Kind vor dem 
Verfall, vor einem Versinken in Frömmlerei und Pietismus. Man 
findet dann in der Regel, daß dieses Kind — meist zwischen dem 



8. und i5. Lebensjahr — eine Zeit der bittersten Selbstanklagen 
und Selbstbeschuldigungen hinter sich hat. In seiner Unkenntnis der 



' 



Der Arzt als Erzieher 9 



Welt und durch unverständige Erziehung gepeinigt, erwartet es be- 



ständig eine Strafe des Himmels. Daneben besteht die Ursache 
oft Furcht vor den Folgen der Masturbation — ruhig weiter fort, 
das Kind hat aber im Laufe der Zeit den Zusammenhang aufgegeben 
und kann ihn aus eigener Kraft meist nicht mehr finden. Hebt man 
die Ursache hervor und stellt man den Zusammenhang deutlich für 
das Kind wieder her, so hat man die Möglichkeit einer Einwirkung 
auf Ursache und Folgeerscheinung. 

An dieser Stelle können wir einige wichtige Bemerkungen nicht 
unterdrücken. Erstens: Unter gar keinen Umständen, auch bei sexu- 
ellen Vergehungen nicht, ist es gestattet, dem Kinde Schrecken ein- 
zujagen. Denn man erreicht damit sein Ziel niemals, nimmt dem 
Kinde das Selbstvertrauen und stürzt es in ungeheure Verwirrung. 
Solche Kinder, denen man Schreckbilder vor die Seele bringt, flüchten 
regelmäßig in die Arme *der Religion, und werden denselben Weg 
auch im reiferen Alter finden, wenn ihnen von irgendeiner Seite 
Ungemach droht. Zweitens: Das Selbstvertrauen des Kindes, sein 
persönlicher Mut ist sein größtes Glück. Mutige Kinder werden auch 
späterhin ihr Schicksal nicht von außen erwarten, sondern von ihrer 
eigenen Kraft. Und drittens: den natürlichen Drang des Kindes nach 
Erkenntnis soll man nicht 'unterbinden. Bei den meisten Kindern kommt 
eine Zeit, wo sie unaufhörlich Fragen stellen. Man darf dies nie bloß als 
Sekkatur empfinden; denn durch dieses Fragen verrät das Kind, daß 
es nunmehr in seiner eigenen Existenz viele Rätsel gefunden hat, 
und die ganze Fragerei steht eigentlich nur an Stelle der einen Frage: 
(Wo bin ich hergekommen und wohin gehe ich? Man beantworte, soviel 
man kann, zeige dem Kinde das Unsinnige und Lächerliche vieler seiner 
Fragen, und kommt es dann endlich doch einmal zu der einen großen 
Frage seiner Entstehung, so beantworte man diese nach der Entwicklung 
des Kindes, nehme die Vorgänge bei Pflanzen oder niedrigeren Tieren 
behufs Erläuterung vor, und man wird dadurch den Keim zum Verständ- 
nis der monistischen Naturauffassung, der Einheit des organischen 
Lebens, gelegt haben. 

Dagegen muß die Erweckung sexueller Frühreife strengstens hint- 
angehalten werden. Nach Freuds Annahme liegt hier geradezu der 
Schlüssel zur Prophylaxe der Neurosen. Wir wissen heute so viel, 
daß die Sexualität in frühester Kindheit bereits vorhanden ist. Sie 
kann durch unvorsichtige oder böswillige Behandlung, Unreinlichkeit, 
krankhafte Veränderung, durch Gewährenlassen von Unarten, Spielen, 



10 Der Arzt als Erzieher 



ferner durch gewisse, weitverbreitete Kinderspiele leicht gesteigert wer- 
den. — Das Kind beobachtet gerne und mit Neugierde. Das Schlaf- 
zimmer der Eltern sollte stets vom Kinderzimmer abgesondert sein. 
Der Koedukation können wir das Wort reden, warnen aber vor Sorg- 
losigkeit und Überraschungen. Die Kenntnisnahme ehelicher Vorgänge 
wirken auf die kindliche Seele besonders verheerend ein. Eifersüchtige 
Regungen gegen den Vater oder die Mutter müssen frühzeitig bemerkt 
und korrigiert werden. 

In den sogenannten Flegeljahren, zur Zeit der Pubertät, tritt meist 
ein eigentümlicher Zerfall der Kinder mit ihren Eltern, ja mit ihrer 
ganzen Umgebung ein. Spott- und Zweifelsucht werden rege, eine 
negative, jeder Autorität abholde Stimmung ergreift besonders die 
Knaben. Es ist kaum ein Zweifel berechtigt, daß diese Erscheinung 
mit dem vollen Erfassen des sexuellen Problems, mit dem gänzlichen 
Erwachen des Sexualtriebs zusammenhängt. In dieser Zeit wird nur 
der Erzieher bestehen können, der mit vollem Recht das Vertrauen des 
Kindes besitzt. Dies ist auch die Zeit, wo die sexuelle Aufklärung, 
am besten durch Vater, Mutter, älteren Freund oder Arzt, in wohl- 
wollender Weise zu erfolgen hat. Eine wichtige Aufgabe erwächst 
sodann dem zum Berater gewordenen Erzieher des Kindes, diese Zeit 
des Zweifels, des Widerstands gegen unbefugte Autoritäten auszu- 
nützen und dieses negierende Gefühl mit lauterem Inhalt zu füllen. 



Die Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Bedeutung 

für Philosophie und Psychologie. 

Vortrag in der Philosophischen Gesellschaft a. d. Universität in Wien. 

Von Dr. Alfred Adler. 

Der Begriff der Minderwertigkeit ist sowohl in der Medizin als in 
der gerichtlichen Praxis seit langem in Verwendung. Man versteht 
darunter zumeist einen Zustand, der geistige Defekte aufweist, ohne 
daß man gerade von geistiger Krankheit sprechen könnte. Dieser 
Begriff enthält also ein Gesamturteil und eine herabsetzende Kritik 
über das Ganze einer Psyche. Die Minderwertigkeit, mit der ich 






rechne, betrifft das unfertige, in der Entwicklung zurückgebliebene, 
im ganzen oder in einzelnen Teilen in seinem Wachstum gehemmte 
oder veränderte Organ. Das Schicksal dieser minderwertigen Or- 
gane, der Sinnesorgane, des Ernährungsapparates, Atmungstraktus, 
Harn-, Genitalapparates, der Zirkulationsorgane und des Nervensystems, 
ist ein ungemein wechselndes. Meist nur beim Eintritt ins Leben, oft 
nur auf embryonaler Stufe ist diese Minderwertigkeit nachzuweisen 
oder zu erschließen. Die Entwicklung und die Reizquellen des Lebens 
drängen auf Überwindung der Äußerungen dieser Minderwertigkeit, 
so daß als Ausgänge ungefähr folgende Stadien mit allen möglichen 
Zwischenstufen resultieren: Lebensunfähigkeit, Anomalien der Gestalt, 
der Funktion, Widerstandsunfähigkeit und Krankheitsanlagen, Kom- 
pensation (Ausgleichung) im Organ, Kompensation durch ein zweites 
Organ, durch den psychischen Überbau, Überkompensation im Or- 
ganischen oder Psychischen. 

Der Nachweis der Minderwertigkeit eines Organs ist am ehesten 
möglich, wenn in seinem morphologischen Aufbau eine vom 
Durchschnitte abweichende Form des ganzen Organs oder einzelner 
seiner Teile vorliegt, Abweichungen, die sich in die embryonale Zeit 
oder bis in die kindliche Wachstumsperiode zurückverfolgen lassen. ( 
Die gleiche Sicherheit gewähren Ausfallserscheinungen der 
Funktion oder Veränderungen der Ausscheidung; bei- 
derlei Mängel, der eine ein solcher des Aufbaues, der andere eine Ab- 
änderung der Arbeitsweise, finden sich recht häufig zusammen vor. 



12 Die Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Bedeutung für Philosophie usw. 



\ 



Hier muß ich eine biologische Erscheinung anführen, die in minder- 
wertigen Organen eingeleitet wird, sobald unter dem Mangel der 
Gestalt oder der Funktion das vorauszusetzende Gleichgewicht im 
Haushalte des Organs oder Organismus gestört erscheint. Die unbe- 
friedigten Ansprüche steigen so lange, bis der Ausfall durch Wachs- 
tum im minderwertigen Organ, im symmetrischen oder in einem 
andern Organ gedeckt wird, das ganz oder teilweise eine Stell- 
vertretung ausüben kann. Diese Deckung des Defekts durch Wachs- 
tums- und Funktionssteigerung, Kompensation, kann unter gün- 
stigen Umständen bis zu Überkompensation gelangen, und sie wird 
zumeist auch das Zentralnervensystem in seine ge- 
steigerte Entwicklung mit einbeziehen. 

Bei der Unsumme von Erscheinungsweisen, die dem minderwertigen 
Organ eigen sind, erscheint eine Orientierung nicht leicht. Doch gibt 
es eine Anzahl von Merkzeichen, deren Zusammenhang sich leicht 

erweisen läßt, so daß auch vereinzelte davon für die Erkennung von 
Bedeutung werden. 

So die Lokalisation einer Erkrankung in einem Organ, die eine 
der Erscheinungsweisen der Organminderwertigkeit darstellt, sobald 
das minderwertige Organ auf sogenannte „krankmachende" Reize der 
Umgebung reagiert. Es soll diese Formulierung : die Krankheit 
ist eine Resultierende aus Organminderwertigkeit 
und äußeren Angriffen, den dunklen Begriff der „D i s p o - 
sition" ersetzen. Die eine der Komponenten, äußere Bean- 
spruchungen, hat eine beschränkte Beständigkeit für kurze Zeit 
und für einen bestimmten Kulturkreis. Die daran vorgenommenen 
Änderungen sind kultureller Fortschritt, Änderungen der Lebensweise, 
soziale Verbesserungen, sind Werke des menschlichen Geistes und halten 
auf die Dauer jene Richtung ein, durch die allzu große Anspannungen 
der Organe hintangehalten werden. Sie stehen also in Beziehung zu 
den Entwicklungsmöglichkeiten der Organe und ihres nervösen Über- 
baues, arbeiten auf die gleichmäßige Entwicklung aller hin, sind abei 
andererseits Bedingung für die relative Minderwertigkeit, sobald ihre 
Anforderungen ein gewisses Maß überschreiten. In dem ganzen Kreis 
dieser Beobachtungen erscheint der Zufall als Korrektur der Ent- 
wicklung ausgeschlossen. Ein leicht zu durchschauendes Beispiel wäre 
die Beobachtung Professor Habermanns, nach der Angehörige 
von Berufen, in deren Betätigung heftige Schallwirkungen das Gehör 
treffen, z. B. Schmiede, Kanoniere, leicht von Ohrenerkrankungen 



Die Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Bedeutung für Philosophie usw. 13 



befallen werden. Es ist leicht einzusehen, daß sich nicht 
jeder Gehörapparat zu diesen Berufen eignet; daß 
derartige Verletzungen eines Organs zu technischen 
Betriebsänderungen regelmäßig den Anstoß geben; 

daß die dauernde Ausübung gewisser Berufe die in 
Anspruch genommenen Organe verändert; und daß 
auf dem Wege zur Voll Wertigkeit gesundheitliche 
Gefahren bestehen. 

Zusammenfassend können wir von Hygiene und Krankheitsverhütung 
sagen, daß sie diesen Bedingungen des Ausgleichs gehorchen, und 
ebenso sind alle unsere Heilmethoden auf den Ausgleich der 
sichtbar gewordenen Organminderwertigkeit gerichtet. 

Eine gesonderte Betrachtung des durch Erkrankung geschädigten 
Organs, der zweiten Komponente, ergibt unter Berücksichtigung der 
pathologischen Forschung und der weiter unten folgenden Zusam- 
menhänge die Vorbestimmung des von Geburt aus minderwertigen 
Organs für die Krankheit. — Die angeborenen Anomalien 
der Organe halten sich in einer Reihe, auf deren 
einem Pole die angeborene Mißbildung, an deren 
anderm die langsam reifenden, sonst normalen Or- 
gane stehen. Dazwischen liegen reine, kompensierte 
und überkompensierte Minderwertigkeiten. Die Frage 
nach dem ersten Beginn der Organminderwertigkeit ist gewiß von tiefer 
biologischer Bedeutung. Heute indes haben wir es bereits mit ausge- 
prägten Variationen zu tun und insbesondere bei den menschlichen 
Organen mit Abänderungen, die von meinem Standpunkte 
aus als angeborene Minderwertigkeiten zu deuten 
sind. Dieser Zusammenhang von Erkrankung und embryonal min- 
derwertigem Organ läßt den Schluß zu, daß in der Verwandtschaft 
in aufsteigender Linie bereits, also am Stammbaume der Familie, 
der Grund zur Minderwertigkeit gelegen ist, d. h. daß die Minder- 
wertigkeit des Organs erblich ist. 

Bei den starken Beziehungen zwischen Minderwertigkeit und Krank- 
heit ist demnach zu erwarten, daß recht häufig der ererbten 
Minderwertigkeit die ererbte Krankheit entspricht. 
Und so wird auch die Krankheit an einem Gliede des 
Stammbaumes zum Merkmale der Organminderwer- 
tigkeit für die nächsten Vorfahren und Nachkommen, 
mögen diese selbst auch gesund geblieben sein. Gleichzeitig mit der 



14 Die Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Bedeutung für Philosophie usw. 



Organminderwertigkeit oder der Tendenz zu dieser gehen in die Keim- 
substanz aber auch die Tendenzen ihrer Überwindung (Kompen- 
sationsbestrebungen) ein, die wieder neue und leistungs- 
fähigere Varianten schaffen, leistungsfähiger des- 
halb, weil sie aus der Überwindung der äußern Be- 
anspruchungen ihren Kraftzuwachs bezogen haben. 

Ich kann mich wegen der weiteren Merkmale der Or- 
ganminderwertigkeit darauf beschränken, zusammenfassend 
hervorzuheben, daß sie untereinander die gleichen Beziehungen haben 
wie zu Krankheit, Erblichkeit und Kompensation, wie die morpho- 
logischen angeborenen Anomalien, die Entartungszeichen oder Stigmen, 
von welchen ich behauptet habe, daß sie nicht selten als äußerlich 
sichtbare Zeichen die Minderwertigkeit des zugehörigen Organs, des 
Auges, des Ohres, des Atmungs- und Ernährungstraktes verraten, wäh- 
rend sie bisher als bedeutungslos abgelehnt wurden oder mit Unrecht 
als Zeichen einer allgemeinen Degeneration oder Minderwertigkeit ein- 
geschätzt wurden. In ihrem weitesten Ausmaß liefern sie das Material 
der persönlichen Physiognomie. 

Ebenso kurz kann ich mich über die Reflex anomalien aus- 
sprechen, von welchen besonders die dem Organ zugehörigen Schleim- 
hautref lexc als ursprüngliche nervöse Leistungen des 
Organs einen Leitfaden zur Auffindung der Organminderwertigkeit 
abgeben können, sobald sie sich als mangelhaft oder gesteigert er- 
weisen. 

Es lag nun angesichts der embryonalen Herkunft der Organminder- 
wertigkeil nahe, die Aufmerksamkeit auf die Anfänge der Entwick- 
lung nach der Geburt zu richten, in der Voraussicht, daß das Ein- 
setzen der Kompensation nicht ohne auffällige Störung zustande käme, 
daß andererseits bei fertiger Kompensation das Bild der Organminder- 
wertigkeit verwischt würde. — Tatsächlich hat uns diese Annahme nicht 
betrogen. Das minderwertige Organ braucht länger, 
um zur normalen Funktion zu gelangen und macht 
dabei eine Anzahl Störungen durch, deren Überwin- 
dung nur auf dem Wege gesteigerter Hirnleistung 
gelingt. Anstatt einer weitläufigen Beschreibung dieser Funktions- 
anomalien hebe ich hervor, daß es sich dabei um auffallende Er- 
scheinungen im Kindesleben handelt, von welchen die Pädagogen einen 
Teil „Ki n der fehl er" nennen. Es handelt sich dabei um Kinder, 
die schwer sprechen lernen, die Laute andauernd falsch bilden, stot- 



Die Theorie der Orgfanminderwertigkeit und ihre Bedeutung für Philosophie usw. 15 

tarn, blinzeln, schielen; die Gehörsfunktion, die Ausscheidungen sind 
längere Zeit mangelhaft, sie erbrechen, sind Daumenlutscher, schlechte 
Esser usw. 1 Zuweilen zeigen sich diese Kinderfehler nur spurenweise, 
meist aber ganz deutlich und vereint mit den übrigen Zeichen der 
Organminderwertigkeit, mit Degenerationszeichen, Reflexanomalien und 
Erkrankung. Oder die genannten Merkmale sind bunt am Stamm- 
baum zerstreut und beweisen so die Heredität der Organminderwertig- 
keit. Der Kinderfehler ist recht häufig selbst erblich. 

Ich muß hierbei bemerken, daß die Beobachtung eine ungeheure 
Häufigkeit von Kinderfehlern ergibt, die aber nur der großen An- 
zahl minderwertiger Organe entspricht. Eine einheitliche Erklärung 
der Kinderfehler wurde bisher nicht gegeben. Vom Standpunkt der 
Organminderwertigkeitslehre aus ist eine Einsicht möglich: der 
Kinderfehler ist der sichtbare Ausdruck einer ge- 
änderten Betriebsweise des minderwertigen Organs, 
der sichtbare Ausdruck, neben dem es noch mehr oder weniger ver- 
borgene Phänomene gibt, die allen Abstufungen der Minderwertigkeit 
entsprechen. 

Ist es nun schon bei den Reflexanomalien der Schleimhäute sicher- 
gestellt, daß sie einen Zusammenhang mit der Seele besitzen, so 
gilt dies für die Kinderfehler noch in höherem Maße. Zumeist scheint 
das normale Wachstum der übergeordneten Nervenbahnen, einfache 
Wachstumskompensation, zu genügen, um die normale Funktion herbei- 
zuführen. Dabei bleibt aber die Organanomalie die gleiche, und wenn 
wir mit geschärfter Aufmerksamkeit und Beobachtung an eine Prüfung 
gehen, so finden wir sehr häufig untilgbare Reste für das ganze 
Leben. Oder der Fehler ist für die Norm überwunden, stellt sich 
aber bei psychischen Anspannungen sofort wieder ein, so daß von 

einer Kontinuität des Zustandes gesprochen werden muß, der 
nur zur Zeit der Ruhe verdeckt wird. Solche Beispiele sind häufig: 
Blinzeln im hellen Licht, Schielen bei Naharbeit, Stottern in der Auf- 
regung 2 , Erbrechen im Affekte usw. — Dadurch findet die Ver- 
mutung, zu der wir von anderer Seite her gekommen sind, ihre 
Bestätigung, die Kompensation erfolge durch Mehrleistung und Wachs- 
tumsschub des Gehirns. Daß diese Verstärkung des psychischen Über- 
baues gelingt, zeigt der Erfolg; daß er im Zusammenhange mit einer 

1 Bezügl. der Vereinbarkeit solcher Erscheinungen s. F r i e d j u n g , Er- 
nährungsstörungen und Konstitution, Zft. 7. Kinderheilkunde 1913. 

2 Auch das Gegenteil : Aufhören des Stotterns im Affekt kommt vor. 



16 Die Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Bedeutung für Philosophie usw. 



ständigen Übung steht, ist leicht zu erraten. Als anatomische Vor- 
aussetzung können wir nach Ähnlichkeiten nur annehmen: leistungs- 
fähigere und vermehrte Nervenelemente. — Also auch im Zentral- 
nervensysteme herrschen die gleichen Beziehungen von Minderwertig- 
keit und Kompensation, ebenso wie der beigeordnete krankhafte Ein- 
schlag zuweilen deutlich wird. Es gibt eine Anzahl von Hinweisen, 
wie die v. Hansemanns, der angeborene pathologische Veränderun- 
gen in den Gehirnen bedeutender Männer nachwies. 

Steht so die Gehirnkompensation mit der Organminderwertigkeit 
im Zusammenhange, so ist es klar, daß gewisse, dem Organe zuge- 
hörige Verknüpfungen mit der Außenwelt auch im Überbau ihr 
psychisches Korrelat finden müssen; daß den ursprünglich minder- 
wertigen Augen im Überbau ein verstärktes Schauleben entspricht usw. 

In Verfolgung dieses Gedankenganges gelangt man zur Annahme, 
daß in günstig gelegenen Fällen das minderwertige Organ den ent- 
wickelteren und psychisch leistungsfähigeren Überbau besitzt, dessen 
psychische Phänomene, — was Trieb, Empfindung, Aufmerksamkeit, 
Gedächtnis, innere Anschauung, Einfühlung, Bewußtsein anlangt, reich- 
licher und entwickelter sein können. Ein minderwertiger Ernährungs 
apparat wird im günstigen Falle die größere psychische Leistungs- 
fähigkeil in allen Beziehungen zur Ernährung aufbringen, aber auch, 
da sein Überbau dominiert und die andern psychischen Komplexe in 
seinen Bereich zieht, in allen Beziehungen des Erwerbes von Nahrung. 
1 Der Nalirungstrieb wird so sehr vorherrschen, daß er in allen per- 
sönlichen und sozialen Beziehungen zum Ausdrucke kommen kann, 
als Feinschmeckerei, als Erwerbseifer, als Sparsamkeit und Geiz usw. 
So auch bei den andern minderwertigen Organen, die zu einem aus- 
gebreiteteren Empfindungsleben führen und zu einer sorgfältigeren 
und richtigeren Abtastung und Abschätzung der Welt, soweit sie 
dem betreffenden Organ zugänglich ist. 

Durch diesen Vorgang bilden sich psychische Achsen aus, 
nach welchen das Individuum gerichtet ist, immer in Abhängigkeit 
von einem oder mehreren minderwertigen Organen. Auch im Traume 
und in der Phantasie, in der Berufswahl und in der Neigung wird 
dieses Streben nach Lustgewinn für dieses Organ bemerkbar. Denn 
die primitive Organbetätigung (Trieb) ist besonders beim min- 
derwertigen Organ mit Lust verknüpft. Darauf weisen manche der 
Kinderfehler mit solcher Deutlichkeit hin, daß sie mit Unrecht als 
sexuelle Betätigung angesehen werden. Kehrt nun, wie fast regelmäßig 



Die Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Bedeutung für Philosophie usw. 17 



ira Traume, im Spiele, in der Phantasie der primitive Trieb des Organs 
wieder, so müssen wir auch hier (unter anderem) eine Forderung nach 
diesem Lustgewinn erblicken. Wenn man diesen Gedanken weiter 
verfolgt, so gelangt man schließlich zur Vermutung, daß der psy- 
chische Organüberbau größtenteils Ersatzfunktion 
besitzt für die Mängel des Organs, um im Verhält- 
nisse zur Außenwelt seinen Lustgewinn zu erreichen. 

Auch in anderen Punkten rührt die Organminderwertigkeitslehre 
an Probleme der Philosophie. — So in der Frage der geistigen Ent- 
wicklung, für die eine Kontinuität gefordert werden muß, gleichwie 
für die Triebe und Charakteranlagen. Und dies beim einzelnen wie 
bei der Gesamtheit. Ist Philosophie die wissenschaftliche Zusammen- 
fassung aller Beziehungen psychischer Leistungen, so wird es begreif- 
lich, daß die jeweilige Stufe des Denkens, damit auch der jeweilige 
Stand der Philosophie, durch die Abänderung der Organe und durch die 
zu leistende Gehirnkompensation bedingt ist. Ihre Entwicklung und 
Änderung der Grundlagen ist demnach begründet in der Entwick- 
lung und Änderung des Überbaus der variierenden Organe. Da letz- 
tere den Anstoß zu ihrer Minderwertigkeit aus der umgebenden Außen- 
welt erleiden, so erfolgen die Änderungen der Außenwelt, Organ- 
minderwertigkeit und entsprechende, verbessernde Hirnkompensation 
mit wechselseitiger Beeinflussung. 

Auch auf die Entstehung hochkultivierter psychomotorischer 
Leistungen, auf Herkunft und Entwicklung der Sprache, der 
Künste, auf das Wesen des Genies, auf die Geburt philosophischer 
Systeme und Weltanschauungen scheint mir diese Betrachtungsweise 
anwendbar und ich hoffe von ihr, daß sie sich auch bei der Erfindung 
neuer Aufgaben und ihrer Lösungen bewähren wird. Sie zwingt uns, viel- 
leicht deutlicher als jede andere Betrachtungsweise, die Klippen der Ab- 
straktion zu vermeiden und die Erscheinungen im Zusammenhange und 
im Flusse zu beobachten. In der medizinischen Wissenschaft bin 
ich dieser Betrachtungsweise nachgegangen. Vielleicht darf ich hoffen, 
daß meine bescheidene Anregung auch anderwärts Anklang findet. 

Das in der Gehirnkompensation gegründete Weltbild kann sich 
nicht schrankenlos entfalten. Weder mit seinen Trieben, noch mit 
seinem unbewußten Anteil ist es frei. Sondern seine Äußerungen 
sind durch das soziale Milieu, durch die Kultur, eingeschränkt, die 
durch das Mittel des Selbsterhaltungstriebs nur dann den Äußerungen 
der Psyche die Entfaltung gestattet, wenn sie sich dem Rahmen 



18 Die Theorie der Orjjanminderwertigkeit und ihre Bedeutung- für Philosophie usw. 



i 



der Kultur einfügen können. Auch in diesem Falle gestattet sich 
der verstärkte Überbau des minderwertigen Organs andere, oft neue 
und wertvolle Betriebsweisen. Allerdings oft auch krankhafte, wie 
bei den Neurosen. 

Ein junger Mann aus reichem Hause kam wegen Angst- und Zwangs- 
Vorstellungen in die Behandlung. Zudem litt er an Appetitmangel 
und Verdauungsbeschwerden, für die sich eine organische Ursache 
nicht nachweisen ließ. Als minderwertig konnte in erster Linie der 
Ernährungstrakt entlarvt werden. Entsprechend der eingangs ange- 
führten Skizze meiner Organminderwertigkeitslehre lassen sich fol- 
gende Daten beibringen: i. Frühere Erkrankung des Patien- 
ten, Magen- und Darmstörungen bedrohlicher Natur im ersten und 
zweiten Lebensjahr. 2. Heredität. Der Großvater väterlicherseits 
starb an Magenkrebs. Der Vater ist ein starker Esser, sehr geiziger 
Charakter, der es durch seinen intensiven Erwerbssinn zu großem 
Reichtum gebracht hat 1 . Die Mutter leidet an hysterischen Magen- 
darmbeschwerden. Die Geschwister zeigen Züge von Geiz und sind 
fast ausnahmslos starke Esser; Darmerkrankungen sind bei ihnen 
öfters verzeichnet. 3. Periphere Degenerationszeichen: 
Auffallender Schief stand der Zähne. 4. Kinderfehler: Daumen- 
lutscher bis ins hohe Kindesalter. — Ein Detail aus seiner Individual- 
psychologie soll uns den geistigen Grundcharakter des Patienten und des- 
sen Verwandlung zeigen. Eines Tages überbrachte der Patient einem 
Wohltätigkeitsvereine in Mariahilf ein Geschenk von 200 Kronen. Dies 
erzählte er mir anschließend an die Mitteilung, daß er sich heute 
wieder besonders schlecht befinde. Er fährt dann fort: „Vielleicht 
habe ich mich so schlecht befunden, weil ich schon hungrig war, 
als ich in Mariahilf die Spende abgab. Es war bereits Mittag vor- 
über und ich hatte noch nicht gegessen. Für 12 Uhr hatte ich eine 
Zusammenkunft in einem (nebenbei bemerkt: teuren) Restaurant ver- 
einbart und ging nun in schlechter Verfassung den (langen) Weg in die 
Stadt." — Die Erklärung für das nervöse Unbehagen ergab sich 
leicht. Wer diese Erzählung anhört, hat in den Ohren ein Gefühl 
wie bei einer Dissonanz. — Ein reicher Mann, der reichlich zu 



1 Solche Menschen (mit Magendarmstörungen behaftet oder auffallend starke 
Esser, mit deutlichen Zügen von Geiz und Rücksichtslosigkeit und besonderer 
Befähigung zum Erwerb) stellen einen öfters vorkommenden Typus dar. 
Sie erinnern, wenn man Kleines mit Großem vergleichen darf, an Napoleon, 
in dessen Familie der Magendarmkrebs erblich war. 






Di« Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Bedeutung für Philosophie usw. 19 



schenken pflegt, in vornehmen Restaurants speist, starkes Hungerge- 
fühl hat und zu Fuß einen längeren Spaziergang macht, — darin liegt 
wohl eine starke Unstimmigkeit, die sich nur ausgleichen läßt, wenn 
wir annehmen, der Patient sei ebenso geizig wie sein Vater, seine 
hohe Kultur aber gestatte ihm nicht, von diesem Geiz Gebrauch zu 
machen. Nur wo er nicht gegen die Kultur verstößt, — Ersparnis von 
einigen Hellern, die er, wenn es nötig ist, mit gesundheitlichen Grün- 
den rechtfertigen kann, — ist die Äußerung dieser Anlage möglich. 
Sonst benimmt er sich äußerst freigebig, nicht ohne seine Freigebigkeit 
jedesmal mit einem nervösen Anfall zu bezahlen. 

Der Fall ist imstande, uns über die Grenzen psychischer und 
motorischer Äußerungen der Kompensation zu belehren, die durch 
die Kulturder anderen gegeben sind. — Gleichzeitig zeigt er uns 
die (scheinbare) Vererbbarkeit psychischer Eigenschaften auf Grundlage 
der minderwertigen Organe. — Nebenbei kann ich an diesem Fall 
zeigen, was Freud in Wien unter dem „Verdrängungsmecha- 
nismus" meint. Wie aus der Organminderwertigkeitslehre her- 
vorgeht, zielt der Verdrängungsmechanismus auf eine Hemmung des \ 
Überbaus minderwertiger Organe und seiner Äußerungen; er ist gleich- * 
sam die Bremsvorrichtung bei der Entwicklung unbrauchbarer oder ' 
noch nicht reifer Betriebsweisen aus der Überkompensation. Daß 
dabei eine Charakteranlage, ein Trieb, ein Wunsch, eine Vorstellung 
in die Kontraststellung geraten, siah durch ihre Antithese äußern, 
stellt einen Spezialfall vor und erinnert einigermaßen an die Hegel- 
sche Dialektik. 

Sucht sich aber die Überkompensation in kultureller Weise geltend 
zu machen, schlägt sie neue, wenn auch schwierige und oft gehemmte 
Wege ein, so kommt es zu den ganz großen Äußerungen der Psyche, 
wie wir sie dem Genie zusprechen müssen. Lombroso hat sich 
in seiner Lehre vom Genie an die Mischfälle gehalten und ist dadurch 
zu seiner unrichtigen Auffassung des pathologischen Genies gekommen. 
Nach unseren Darlegungen ist das minderwertige Organ "keine patho- 
logische Bildung, wenngleich es die Grundbedingung des Patholo- 
gischen vorstellt. Der Antrieb zur Gehirnkompensation kann in gün- 
stigen Fällen mit Überkompensation enden, der alles Krankhafte fehlt. 

Das Schicksal der Überkompensation ist an mehrere Bedingungen 
geknüpft, also überbestimmt. Als dieser Bedingungen eine haben wir 
die Schranken der Kultur kennen gelernt. Eine andere Determination 
ist die Ankettung des dominierenden Überbaus an andere psychische 

2* 



20 Die Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Bedeutung für Philosophie usw. 



Felder, des visuellen Überbaus an den akustischen, an den Überbau 
der Sprachorgane. Diese mehrfachen Kompensationen, ihre Verschrän- 
kungen und gegenseitigen Hemmungen geben eigentlich erst das Bild 
der Psyche, deren Analyse uns wieder Grade der Kompensationen, 
Innigkeit und Gegensätzlichkeit in ihrer Verknüpfung und der ein- 
schränkenden Einflüsse der Kultur erkennen läßt. Besonders zu Un- 
fällen geneigt sind starke Verknüpfungen mit hochentwickelten Be- 
tätigungsneigungen, die nach meinen Untersuchungen, den Überbau 
der Primärtriebe verbindend, zur Entwicklung kommen, und ebenso 
dominierende Einflüsse des Sexual Überbaus; beide sind allerdings bei 
günstiger Konstellation zu den bedeutendsten Leistungen ausersehen. 
Als dritte Bedingung für das Schicksal einer Überkompensation ist 
ihre Widerstandsfähigkeit oder Hinfälligkeit zu betrachten. Recht 
häufig mißlingt der Natur die Korrektur des minderwertigen Organs, 
sio schafft dann leicht vergängliche, den Angriffen leicht erliegende 
Kompensationen. Unfähigkeit, Neurose, psychische Erkrankungen, kurz 
pathologische Gestaltungen können dabei zutage kommen. Ein kleiner 
Ausschnitt aus der Analyse der Paranoia mag ein Bild davon geben. 
Die Überkompensation des minderwertigen Sehapparates spielt neben 
der anderer Apparate eine hervorragende Rolle. Der Schautrieb z. B. ist 
bei einem großen Teile der Paranoiker zu großer Entwicklung gelangt 
und hat alle Sehmöglichkeiten der Welt erschöpft. Da tritt eine 
ungünstige Konstellation ein, die Schwäche der Überkompensation 
äußert sich in halluzinatorischen Ausbrüchen, visuellen Erscheinungen, 
die den Verstand konstituierenden Kräfte zeigen bald eine ähnliche 
Hinfälligkeit, der Patient sieht sich als das Objekt des Schau- 
triebs anderer, und die Konstituierung des Größen- und Ver- 
folgungswahns nimmt unter Anknüpfung an die Anlagen des Aggres- 
sionstriebs ihren Anfang. 

Das Gegenstück soll ein winziger Ausschnitt aus der Psyche 
eines Dichters zeigen, den ich dem Wiener Schriftsteller Rank, 
einem Kenner meiner Anschauungen, verdanke. Ich muß voraus- 
schicken, daß ich insbesondere dem dramatischen Dichter eine be- 
sondere und eigenartige Überkompensation des Sehorgans zusprechen 
muß, in der seine szenische Kraft, die Auswahl und Gestaltung seiner 
Stoffe, begründet ist. In dem Drama vom Schützen Teil 1 fin- 
den wir eine gehäufte Zahl von Anknüpfungen an die Überkompen- 
sation des Sehapparates, einzelne Wendungen, Gleichnisse, die das 

1 Auch in vielen Gedichten Schillers. 



Die Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Bedeutung für Philosophie usw. 21 



Auge in seiner Funktion betreffen. (Auch die Volksmythen haben 
sich seit undenklichen Zeiten dieser Erscheinung des minderwertigen 
Apparates und seiner Überkompensation bemächtigt und der Mythos 
vom blinden Schützen, der immer sein Ziel trifft, dürfte mit 
der Teilsage einige Verwandtschaft besitzen.) — Für die Beziehung 
des Dramatikers Schiller zum Sehapparat und seinen Funktionen will 
ich noch auf die Blendung Melchthals und den Hymnus auf das 
Licht der Augen im „Teil" hinweisen. Was das Sehorgan des Dich- 
ters anlangt, kann ich darauf hinweisen, daß er schwache Augen 
hatte, an Augenentzündungen litt und den Kinderfehler des Blin- 
zelns bis zum Mannesalter besaß. Für die Jagd hatte er großes 
Interesse. Weltrich erzählt, und dies wäre für die Heredität be- 
merkenswert, daß die Familie Schiller ihren Namen wegen des Schie- 
lens erhalten habe. — Ich erwähne dies kleine abschließende Detail nicht 
zum Zwecke einer Kunstbetrachtung, sondern um auf die Beziehungen 
des Künstlers zum minderwertigen Organ aufmerksam zu machen. 

Es darf uns nicht wundernehmen, daß die Merkmale des minder- 
wertigen Sehapparates insbesondere bei Malern 1 eine große Rolle 
spielen. Ich habe in meiner Schrift 2 einiges darüber mitgeteilt. 
Guercino da Centa, i5. Jahrhundert, erhielt seinen Namen, weil 
er schielte. Piero de la Francesca soll nach Angabe Vasaris 
im Alter erblindet sein. Ihm wird besonders die Kunst der Perspek- 
tive nachgerühmt. Von neueren ist Lenbach zu erwähnen, der 
einäugig war, der ungemein kurzsichtige Mateyko, Manet, der 
astigmatisch war, usw. Untersuchungen in Malerschulen haben ca. 700/0 
Augenanomalien ergeben. 

Daß Redner, Schauspieler, Sänger die Zeichen der Organminder- 
wertigkeit aufweisen, habe ich sehr häufig gefunden. Von Moses 
berichtet die Bibel, er habe eine schwere Zunge besessen, seinem Bruder 
A r o n war die Gabe der Rede verliehen. Demosthenes, der Stotterer, 
wurde zum größten Redner Griechenlands, und von Camille De- 
mo u 1 i n , der im gewöhnlichen Leben stotterte, berichten seine Zeit- 
genossen, daß seine Rede wie geschmolzenes Gold dahinfloß. 

Ähnlich bei den Musikern, die ziemlich oft an Ohrenleiden er- 
kranken. Beethoven, Robert Franz, die beide das Gehör ver- 

1 S. auch den Essay „Kunst und Auge" von J. Reich, österreichische Rund- 
schau, Wien, 1908. 

1 Studie über die Minderwertigkeit von Organen. Verlag von Urban & Schwar- 
zenberg in Wien. 1907. 



22 Die Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Bedeutung für Philosophie uiw. 

loren, seien als bekannte Beispiele hierher gesetzt. — Klara Schu- 
mann berichtet aus ihrem Leben über kindliche Gebrechen der Hör- 
und Sprachfähigkeit. 

Weit entfernt, all diese Details als vollen Beweis anbieten zu wollen, 
bezwecken diese Anführungen bloß, die Aufmerksamkeit der Leser 
auf den weiten Rahmen der Organminderwertigkeitslehre und auf ihre 
Beziehungen zur Philosophie, Psychologie und Ästhetik zu lenken. 



Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose. 1 

Von Dr. Alfred Adler. 

Die Anwendung der Freudschen Methode zur Aufdeckung des 
unbewußten Seelenlebens bei Gesunden und Neurotikern führt zur An- 
erkennung der Tatsache perverser Regungen, die bei Neurosen und 
Neuropsychosen aus dem Bewußtsein verdrängt sind, keineswegs aber 
ihren Einfluß auf das psychische Gleichgewicht verloren haben, viel- 
mehr als pathogene Quelle des Handelns, Denkens und der Stimmungen 
unschwer zu erkennen sind. Ganz hervorragend ist dabei der Anteil 
des Sadismus und seines Gegenstückes, des Masochismus, die ich als 
den unmittelbarsten, zur nervösen Erkrankung füh- 
renden Faktor erkannt zu haben glaube. Die folgende 
Abhandlung soll als Versuch einer programmatischen Darstellung des 
Aggressionstriebes und seiner Phasen, von dem ich behaupten 
muß, daß er auch den Erscheinungen des Sadismus zugrunde liegt, 
gelten. 

Bisher ging jede Betrachtung des Sadismus und Masochismus von 
sexuellen Erscheinungen aus, denen Züge von Grausamkeit beige- 
mischt waren. Die treibende Kraft stammt aber bei Gesunden (mann- 
licher Charakter der Sexualität), Perversen und Neurotikern (s. u.) 
offenbar aus zwei, ursprünglich gesonderten Trieben, 
die späterhin eine Verschränkung erfahren haben, derzufolge 
das sadistisch-masochistische Ergebnis zwei Trieben zugleich ent- 
spricht, dem Sexualtrieb und dem Aggressionstrieb. Ähnliche Ver- 
scbränkungen finden sich im Triebleben Erwachsener regelmäßig vor. 
So zeigt sich der Eßtrieb mit dem Sehtrieb, mit dem Riechtrieb 
(s. die Ergebnisse Pawlows), der Hörtrieb mit dem Sehtrieb (audi- 
tion coloree, musikalische Begabung), kurz jeder auffindbare Trieb 
mit einem oder mehreren der übrigen Triebe verknüpft, eine Ver- 
schränkung, an denen zuweilen auch der Harn- oder der Stuhltrieb 
ihren Anteil haben. Dabei soll uns „der Trieb" nichts mehr als eine 
Abstraktion bedeuten, eine Summe von Elementarfunktionen des ent- 
sprechenden Organs und seiner zugehörigen Nervenbahnen, deren Ent- 
stehung und Entwicklung aus dem Zwang der Außenwelt und ihrer 
Anforderungen abzuleiten sind, deren Ziel durch die Befriedigung 

i Aus „Fortschritte der Medizin", 1908. 



24 Der Aggressionslrieb im Leben und in der Neurose 



der Organbedürfnisse und durch den Lusterwerb aus der Umgebung 
bestimmt ist. In allen auffälligen Charakterbildern, deren Gesamt- 
physiognomie stets das Resultat einer Triebverschränkung ist, wobei 
einer oder mehrere der Triebe die Hauptachse der 
Psyche konstituieren, spielt der Sexualtrieb eine hervor- 

ragende Rolle. Die Ergebnisse einer großen Zahl von Psychoanalysen 
gesunder, neurotischer, perverser Personen, lebender und verstorbener 

Künstler und Dichter lassen in Betracht ihres Trieblebens und seiner 

Äußerungen folgende, stets erweisbare Tatsachen erkennen: 

I. Die Kontinuität jedes Triebes und seine Be- 
ziehung zu anderen Trieben ist für das ganze Leben sowie 
über das Leben des Individuums hinaus, in seiner Heredität, mit 
Sicherheit festzustellen. Dieser Gesichtspunkt hat für viele Fragen 
der Charakterbildung und ihrer Vererbung, für Familien- und Ras- 
senprobleme, für die Psychogenese der Neurosen, des künstlerischen 
Schaffens und der Berufswahl, des Verbrechens eine große Bedeutung. 

II. Was von den Trieben ins Bewußtsein dringt, sei es als Ein- 
fall, Wunsch, Willensäußerung, ebenso was für die Umgebung in 
Worten oder Handlungen deutlich wird, kann entweder in direkter 
Linie aus einem oder mehreren der Triebe abstammen und dabed 
kulturelle Umwandlungen, Verfeinerungen und Spezialisierungen (Subli- 
mierung Nietzsches, Freuds) erfahren haben. Oder der Trieb 
wird in seiner Ausbrei tungstendenz, mittels der er bei stärkerer Aus- 
bildung unumschränkt alle Beziehungsmöglichkeiten zur Umgebung- 
ausschöpft und geradezu weltumfassend auftritt, an einer durch die 
Kultur bestimmten oder durch einen zweiten Trieb geschaffenen 
Schranke gehemmt. (Hemmung des Schautriebs in bezug auf Fä- 
kalien etwa; Hemmung des Eßtriebs bei seiner Richtung auf schlecht 
riechende Speisen; — Triebhemmung bei inadäquater Beziehung; 
Hemmung des Schautriebs bei Kampf gegen Sexual erregungen.) 
Diese Triebhemmung ist als eine aktive psychische Leistung anzu- 
sehen und führt bei starken Trieben zu ganz charakteristischen Er- 
scheinungen, und dies umsomehr, je mehr von der Triebkraft durch 
dauernden psychischen Kraftaufwand gezügelt werden muß. Der 
Triebhemmung im Unbewußten aber entsprechen im 
Bewußtsein ganz charakteristische Erscheinungen^ 
unter denen vor allem durch die Individualpsychologie aufgedeckt werden : 

i. Verkehrung des Triebes in sein Gegenteil (z. B. 
dem Eß trieb im Unbewußten entspricht eine Andeutung von Nah- 






Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose 25 



rungsverweigerung im Bewußtsein; fast analog damit dem Geiz oder 
Futterneide — Freigebigkeit). 

Y. Verschiebung des Triebes auf ein anderes Ziel. 
(Der Liebe zum Vater im Unbewußten entspricht Verliebtheit in 
den Lehrer, den Arzt, den Cousin usw. im Bewußten; oder die 
Verdrängung geht soweit, daß der Sexualtrieb nur in pervertierter 

Richtung — homosexuell — zutage tritt.) 

3. Richtung des Tjiebes auf die eigene Person (z. B. 
dem verdrängten Schautrieb im Unbewußten entspricht im Bewußten 
der Trieb, selbst angeschaut zu werden: Exhibitionismus, aber auch 

in weiterer Folge Wurzel des Beachtungs-, Größen- 
und Verfolgungswahns). 

4. Verschiebung des Akzents auf einen zweiten star- 
ken Trieb, der meist gleichfalls in der Form 1 (Verkehrung in sein 
Gegenteil) zur Äußerung kommt (z. B. die Verdrängung des Sexual- 
triebs steigert die Tätigkeit des Schautriebs derart, daß entweder überall 
Sexualsymbole gesehen werden oder daß durch nervöse Anfälle 
das bewußte Sehen z. B. von Sexualsymbolen gehindert wird, — Ab- 

senzen, hysterische Anfälle usw.). 

Eine wichtige Abart des auf die eigene Person gerichteten Triebes 
(s. o. 3) bildet das „nach innen Schauen, Höre n", mit Er- 
innerung, Intuition, Introspektion, Ahnung, Illusion, Halluzination, 
Angst im Zusammenhang. 

Diese Gesichtspunkte sind für das Verständnis von Kultur, Religion, 
Bewußtseins, des Vergessens, der Moral, der Ethik, der Ästhetik, 
der Angst und der Verdrängungssymptome bei den Psychoneurosen von 
großer Wichtigkeit. 

III. Die Individualpsychologie läßt uns jeden der 
Triebe auf eine primäre Organbetätigung zurückfüh- 
ren. Diese primären Organbetätigungen umfassen die ungehemmten Lei- 
stungen der Sinnesorgane, des Ernährungstraktes, des Atmungsapparates, 
der Harnorgane, der Bewegungsapparate und der Sexualorgane. Der Be- 
griff „sexuelle Lust" kann auf dieser Stufe nur den Empfindungen 
des Sexualapparats zugesprochen werden; später kann durch die früher 
erwähnte „Trieb verschränkung" jedes Organgefühl mit Sexualität ge- 
paart erscheinen. Der psychische Überbau 1 entsteht durch 

die Hemmungen der Kultur, welche nur bestimmte Wege für die Lust- 

1 Siehe Alfred Adler, Studie über Minderwertigkeit von Organen, 
Urban & Schwarzenberg, Berlin, Wien, 1907, S. 61 u. f. 



26 Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose 



gewinnung als statthaft gelten läßt. In diesem Überbau, dessen organi- 
sches Substrat aus Teilen der zu- und abführenden Nervenfasern und aus 
Nervenzellen besteht, soweit sie mit dem Organ in Verbindung stehen, 
liegen die Möglichkeiten und Fähigkeiten zu bestimmten Leistungen des 
Gesunden und des Neuro tikers, und dieser bis zu einem gewissen Grade 
und Alter entwicklungsfähige Apparat gedeiht in der Regel soweit, 
daß er auf irgendeine Weise dem Begehren des Organs, d. i. dem 
Triebe des Organs nachzukommen in der Lage ist. Er hat demnach 
die Tendenz, entsprechend der Triebstärke zu wachsen, um seinen Lust- 
gewinn durchzusetzen. Dabei vollzieht sich die Anpassung der Technik 
seiner Leistungen an die Kultur aus egoistischen Motiven, was freilich 
durch die Auslese und weitgebende Blutvermischung, durch die Heredi- 
tät also, sehr vereinfacht ist. Immerhin hat das Zentralnervensystem, 
der psychische Überbau der Organe, in diesem Sinne die Ersatzfunktion 
für den Ausfall der primären Leistung des Organs übernommen. 
% Je stärker also ein Trieb ist, um so größer ist auch die Tendenz zur 
Ausbildung und Entwicklung des entsprechenden Organüberbaues. Wie 
diese Überentwicklung zustande kommt, was sie im Kampfe gegen die 
Außenwelt gewinnt, wie es dabei zur Verdrängung, notwendiger Konstel- 
lation (Schautrieb gegen Freßtrieb beispielsweise) und zur Kompen- 
sationsstörung (Psychosen) kommt, habe ich in meiner „Studie über 
Minderwertigkeit von Organen" geschildert. Desgleichen wie durch 
den Zwang der Außenwelt einerseits, durch den starken Trieb anderer- 
seits das Organ genötigt wird, neue Wege, eine neue, oft höhere Betriebs- 
weise zur Befriedigung seiner Bedürfnisse einzuschlagen. Auf diesem 
Wege vollzieht sich die Ausbildung des künstleri- 
schen, des genialen Gehirns, ebenso aber auch, wenn 
die Kompensation der Yerdrängungstendenz nicht ge- 
wachsen ist, sie nicht siegreich umgeht, die Ausbil- 
dung der Neurose. 

Die Heredität der Organ Wertigkeit hinwiederum, sowie die mit ihr 
zusammenhängende Heredität der Triebstärke, die beide sichergestellt 
sind, lassen erraten, daß in einer längeren Ahnenreihe bereits ein er- 
höhter Kampf um die Behauptung des Organes im Gange war. Daß 
dieser Kampf nicht ohne Schädigung abläuft und daß den in der 
Ahnenreihe geschädigten Organen eine Keimanlage in der De- 
szendenz entspricht, die einerseits Spuren dieser 
Schädigung (Hypoplasie), andererseits Kompen- 
sationstendenzen (Hyperplasie) zeigt, läßt sich aus der 



Der Ag-gTessionstrieb im Leben und in der Neurose 27 

Biologie, aber auch iaus der Kasuistik entnehmen. Heute, nach den ur- 
alten Kämpfen der Menschheit, haben wir es mit derartig veränderten 
Keimanlagen zu tun und jedes Organ wird den Stempel der Gefahren 
und Schädigungen seiner Ahnenreihe an sich tragen. (Grundlagen 
der Physiognomik.) Da hauptsächlich die Spannung zwischen 
Organmaterial und Trieb einerseits, den Anforderungen der Außenwelt 
andererseits die „relative** Organwertigkeit bestimmt haben, so wird die 
größere Schädigung in der Ahnenreihe (Krankheit, Überanstrengung, 
Überfluß, Mangel) das Organ zu einem minderwertigen machen, d. h. zu 
einem solchen, dem die Spuren dieses Kampfes in erheblichem Maße an- 
haften. — Diesen Spuren bin ich nachgegangen und habe am Organe 
als solche nachgewiesen: Erkrankungstendenz, Degenerations- 
zeichen und Stigmen, hypoplastische und hyperplastische Bildungen, 
Kinderfehler und Reflexanomalien. So wird uns die Organ- 
untersuchung eine wichtige Handhabe zur Aufdek- 
kungderTriebstärke: Das minderwertige Auge hat den größeren 
Schautrieb, der minderwertige Ernährungstrakt den*größeren Eß- und 
Trink trieb, das minderwertige Sexualorgan den stärkeren Sexualtrieb. 

Nun bedingen diese zu Lustgewinn drängenden Triebe und ihre Stärke 
die Stellung des Kindes zur Außenwelt. Seine ganze psychische Welt 
und seine psychischen Leistungen gehen aus dieser gegenseitigen Relation 
hervor und wir können die höheren psychischen Phänomene der Kindes- 
seele sehr bald im Zusammenhang mit dieser Anspannung aufsprießen 
sehen. Der Schautrieb (und der Hörtrieb) führen zur 

Neugierde und Wißbegierde, in ihrer Richtung auf 
dieeigene Person zu Eitelkeit und kindlichem Größen- 
wahn, bei ihrer Verkehrung ins Gegenteil zu Scham- 
gefühl (Verschränkung mit dem Sexualtrieb!); der Eß- 
trieb gestaltet den Futterneid, Geiz, die Sparsamkeit, 
gegen die eigene Person gewendet Bedürfnislosigkeit, 
bei Verkehrung ins Gegenteil Freigebigkeit usw. Und 
dies um so deutlicher und mannigfaltiger, je stärker der Trieb entwickelt 
ist, so daß das minderwertige Organ zumeist alle Möglichkeiten seiner 
Betätigung ausschöpft und alle Phasen seiner Triebverwandlung durch- 
macht. Denn auch der Zusammenstoß mit der Außenwelt, sei es infolge 
unlustbetonter Erfahrungen, sei es infolge der Ausbreitung des Ver- 
langens auf kulturell verwehrte Güter, erfolgt beim minderwer- 
tigen Organ mit unbedingter Gewißheit und erzwingt 
dann die Triebverwandlung. Die Bedeutung des infantilen 



— 



23 Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose 



Erlebnisses (Freud) oder ihrer Vielheit (Abraham) für die Neurose 
ist deshalb in der Richtung zu reduzieren, daß in ihm der starke 
Trieb und seine Grenzen (als Wunsch und dessen Hern- 
(I mung) mitgrößterDeutlichkeit zurAnschauung kom- 

men und daß das meist vergessene Erlebnis wie ein 
Wächter im Unbewußten die weitere nötige Ausbrei- 
tung des Tri cbverlangens auf die Außenwelt verhin- 
dert (infantile Psyche des Neurotikers) und allzu 
starke Triebverwandlung (Askese) erzwingt. Um kurz 
zu sein, das Schicksal des Menschen, damit auch die Prädestina- 
tion zur Neurose, liegt, wenn wir an dem Gedanken 
eines gesellschaftlich durchschnittlichen, gleich- 
mäßigen Kulturkreises und ebensolcher Kulturforde- 
rungen festhalten, in der Minderwertigkeit des Or- 
gans ausgesprochen. 

Nun finden wir schon im frühen Kindesalter, wir können sagen vom 
ersten Tage an (erster Schrei) eine Stellung des Kindes zur Außenwelt, 
die nicht anders denn als feindselig bezeichnet werden kann. Geht 
man ihr auf den Grund, so findet man sie bedingt durch die Schwierig- 
keit, dem Organ die Lustgewinnung zu ermöglichen. Dieser Umstand 
sowie die weiteren Beziehungen der feindseligen, kämpferischen Stellung 
des Individuums zur Umgebung lassen erkennen, daß der Trieb zur Er- 
kämpfung einer Befriedigung, den ich „Aggressionstrieb 4 ' nennen will, 
nicht mehr unmittelbar dem Organ und seiner Tendenz zur Lustgewin- 
nung anhaftet, sondern daß er dem Gesamtüberbau angehört und ein 
übergeordnetes, die Triebe verbindendes psychisches Feld darstellt, in 
das — der einfachste und häufigste Fall von Affekt- 
vorschiebung — die unerledigte Erregung einströmt, sobald einem 
der Primärtriebe die Befriedigung verwehrt ist. Den stärkeren Trieben, 
also der Organminderwertigkeit, entspricht normalerweise auch der 
stärkere Aggressionstrieb, und er bedeutet uns eine Summe von Empfin- 
dungen, Erregungen und deren Entladungen (hierher gehört auch 
Freuds „motorische Entladung" bei der Hysterie), deren organisches 
und funktionelles Substrat dem Menschen angeboren ist. Ähnlich wie 
bei den Primärtrieben wird die Erregung, des Aggressionstriebes durch 
das Verhältnis von Triebstärke und Anforderungen der Außenwelt ein- 
geleitet, das Ziel desselben durch die Befriedigung der Primärtriebe 
und durch Kultur und Anpassung gesteckt. Das labile Gleichgewicht 
der Psyche wird immer wieder dadurch hergestellt, daß der Primärtrieb 



Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose 29 



durch Erregung und Entladung des Aggressionstriebes zur Befriedigung 
gelangt, eine Leistung, bei der man normalerweise beide Triebe an der 
Arbeit sieht (z. B. Eßtrieb und Aggressionstrieb: Jagd). Am stärksten 
wird der Aggressionstrieb von solchen Primärtrieben erregt, deren Be- 
friedigung nicht allzu lange auf sich warten lassen kann, also vom Eß- 
und Trinktrieb, zuweilen vom Sexualtrieb und vom Schautrieb (aus 
Eitelkeit), insbesondere dann, wenn diese Triebe, wie bei Organminder- 
wertigkeit, erhöht sind. Ein gleiches gilt von körperlichen und seeli- 
schen Schmerzen, von denen ein großer Teil indirekt (Triebhemmung) 
oder direkt (Erregung von Unlust) die primäre lustvolle Organbetätigung 
hindert. Ziel und Schicksal des Aggressionstriebes stehen wie bei den 
Primärtrieben unter der Hemmung der Kultur; ebenso finden wir die 
gleichen Verwandlungen und Phasen wie bei ihnen. Zeigt sich im 
Raufen, Schlagen, Beißen, grausamen Handlungen der Aggres- 
sionstrieb in seiner reinen Form, so führen Verfeinerung 
und Spezialisierung zu Sport, Konkurrenz, Duell, Krieg, Herrschsucht, 
religiösen, sozialen, nationalen und Rassenkämpfen. (Lichtenberg 
sagt ungefähr: „Es ist merkwürdig, wie selten und ungerne die Men- 
schen nach ihren religiösen Geboten leben und wie gerne sie für die- 
selben kämpfen.") — Umkehrung des Triebs gegen die 
eigene Person ergibt Züge von Demut, Unterwürfigkeit und Er- 
gebenheit, Unterordnung, Flagellantismus, Masochismus. Daß sich dar- 
an hervorragende Kulturcharaktere knüpfen, wie Erziehbarkeit, Autori- 
tätsglaube, ebenso auch Suggestibilität und hypnotische Beeinflußbar- 
keil, brauche ich nur anzudeuten. Das äußerste Extrem ist Selbstmord. 

Wie leicht ersichtlich, beherrscht der Aggressionstrieb 
die gesamte Motilität. — Daß er auch die Bahnen des Bewußt- 
seins beherrscht (z. B. Zorn) wie jeder Trieb und daselbst die Auf- 
merksamkeit, das Interesse, Empfindung, Wahrnehmung, Erinnerung, 
Phantasie, Produktion und Reproduktion in die Wege der reinen oder 
verwandelten Aggression leitet, daß er dabei die anderen Triebe, vor 
allem diejenigen der minderwertigen Organe (Schimpfen bei Sprach- 
organminderwertigkeit; Sarkasmus), die den psychischen Hauptachsen 
zugrunde liegen, zu Hilfe nimmt und so die ganze Welt der Ag- 
gressionsmöglichkeiten austastet, kann man bei einigermaßen 
starkem Triebleben regelmäßig beobachten. Ich habe in solchen Fällen 
unter anderem immer telepathische Fähigkeiten und Nei- 
gungen beobachten können und bin auf Grund meiner Untersuchungen 
bereit, was an der Telepathie haltbar ist, auf den größeren Aggressions- 



30 Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose 



trieb zurückzuführen, der die größere Fähigkeit verleiht, in der Welt der 
Gefahren zurecht zu kommen und das Ahnungsvermögen, die Kunst 
der Prognose und Diagnose, erheblich zu erweitern. 

Ebenso wie die Schrecken der Weltgeschichte und des individuellen 
Lebens, schafft der erregte, verhaltene Aggressionstrieb die grausamen 
Gestaltungen der Kunst und Phantasie. Die Psyche der Maler, 
Bildhauer und insbesondere des tragischen Dichters, 
der mit seinen Schöpfungen „Furcht und Mitleid" erwecken soll, zeigt 
uns die Verschränkung ursprünglich starker Triebe, der Seh-, Hör- und 
Tasttriebe, die sich auf dem Umweg über den Aggressions trieb in hoch- 
kultivierten Formen durchsetzen und uns zugleich ein anschauliches Bild 
der Triebverwandlung liefern. Eine große Anzahl von Berufen, — 
von Tütlichkei tsverbrechen und Revolutionshelden 
nicht zu sprechen, — schafft und erwählt sich der stärkere Aggressions- 
trieb. Die Richterlaufbahn, der Polizeiberuf, der Beruf des Lehrers, 
des Geistlichen (Hölle!), die Heilkunde und viele andere werden von 
Personen mit größerem Aggressionstrieb ergriffen und gehen oft konti- 
nuierlich aus analogen Kinderspielen hervor. Daß sie vielfach, oft in 
erster Linie, der Triebverwandlung (Verkehrung ins Gegenteil z. B.) 

genügen, ist ebenso verständlich, wie die Flucht des Künstlers ins Idyll. 
Insbesondere sind die kindlichen Spiele, die Märchenwelt und 

ihre Lieblingsgestalten, der Sagenkreis der Völker, Heroen kultus und 
die vielen, vielen grausamen Erzählungen und Gedichte der Kinder- 

und Schulbücher vom Aggressionstrieb für den Aggressionstrieb ge- 
schaffen. Ein weites Reservoir zur Aufnahme des Aggressionstriebes 
bildet auch die Politik mit ihren zahllosen Möglichkeiten der Betäti- 
gung und der logischen Interpretation des Angriffes. Der Lieblingsheld 
Napoleon, das Interesse für Leichenzüge und Todesanzeigen, Aberglaube, 
Krankheits- und Infektionsfurcht, ebenso die Furcht vor dem Lebendig- 
begrabenwerden und das Interesse für Friedhöfe decken oft bei sonstiger 
Verdrängung des Aggressions triebes das heimliche Spiel der lüsternen 
Grausamkeit auf. 

Entzieht sich der Aggressionstrieb durch Umkehrung gegen die eigene 
Person, durch Verfeinerung und Spezialisierung wie so oft unserer Er- 
kenntnis, so wird die Verkehrung in sein Gegenteil, die 
Antithese des Aggressionstriebs, geradezu zum Vexierbild. 
Barmherzigkeit, Mitleid, Altruismus, gefühlvolles Inter- 
esse für das Elend stellen neue Befriedigungen vor, aus denen sich der 
ursprünglich zu Grausamkeiten geneigte Trieb speist. Scheint dies 



Der AggTessionstrieb im Leben und in der Neurose 31 



verwunderlich, so ist doch leicht zu erkennen, daß nur derjenige wirk- 
liches Verständnis für Leiden und Schmerzen besitzen kann, der ein ur- 
sprüngliches Interesse für die Welt von Qualen zu eigen hat; und diese 
kulturelle Umwandlung wird sich um so kräftiger ausgestalten, je größer 
der Aggressionstrieb ist. So wird der Schwarzseher zum Verhüter von 
Gefahren, Kassandra zur Wamerin und Prophetin. Alle diese Erschei- 
nungsformen des Aggressionstriebes, die reine Form, Umkehrung gegen 
die eigene Person, Verkehrung ins Gegenteil mit der äußerlich wahr- 
nehmbaren Erscheinungsform der Aggressionshemmung (Abu- 
lie; psychische Impotenz) finden sich in den Neurosen und 
Psychosen wieder. Ich nenne nur Wutanfälle und Attacken 
bei Hysterie, Epilepsie, Paranoia als reine Äußerung 
des Triebes, Hypochondrie, neuras thenische und 
hysterische Schmerzen, ja das ganze Krankhei tsge- 
fühl bei Neurasthenie, Hysterie, Unfallsneurose, Be- 
obachtungswahn, Verfolgungsideen, Verstümmelung 
und Selbstmord als Phasen der Umkehrung des Aggres- 
sionstriebes gegen die eigene Person, die milden Züge 
und Messiasideen der Hysteriker und Psychotiker bei 
Verkehrung ins Gegenteil. 

Anschließend an die Erörterung der Umkehrungsform gegen die 
eigene Person muß ich noch eines Phänomens erwähnen, dem die größte 
Bedeutung in der Struktur der Neurose zukommt, der Angst. Sie 
stellt eine Phase des gegen die eigene Person gerichte- 
ten Aggressionstriebes dar und ist nur mit der hallu- 
zinatorischen Phase anderer Triebe zu vergleichen. 
Die verschiedenen Formen der Angst kommen zustande, indem sich der 
der Angst zugrunde liegende Aggressions trieb verschiedener Systeme be- 
mächtigen kann. So kann er das motorische System innervieren (Tre- 

t, Schlottern, tonische, klonische Krämpfe, katatonische Erschei- 
nungen; funktionelle Lähmungen als Aggressionshemmung); auch die 
Vasomotoren kann er erregen (Herzpalpitation, Blässe, Röte) oder an- 
dere Bahnen, so daß es zu Schweiß, Stuhl-, Urinabgang, Erbrechen 
kommt oder zu Sekretionsverhinderung als Hemmungserscheinung. 
Strahlt er ins Bewußtsein aus, so erzeugt er koordinierte, den minder- 
wertigen Bahnen entsprechende Bewußtseinsphänomene, wie Angst- und 
Zwangsideen, Sinneshalluzinationen, Aura, Traumbilder. — Immer 
aber wird die Richtung auf das minderwertige Organ 
sowie auf seinen Überbau, auf Blase, Darm, Kehlkopf, 



I § 19 



32 Der Ag-gressionstrieb im Leben und in der Neurose 



Bewegungsapparat, Respirationsorgan (Asthma), 
Herzkreislauf innegehalten werden, so daß im An- 
fall die psychische Hauptachse des Erkrankten wieder 
in Erscheinung tritt. — Im Schlaf, in der Bewußt- 
losigkeit und Absence der Hysterie und Epilepsie 
sehen wir den höchsten Grad der Aggressionshem- 
mung. 

Abgesehen von den Primärtrieben ist auch der Schmerz imstande, 
den Aggressionstrieb zu erregen, sowie auch, — was aus dem Zusam- 
menhang der Erscheinungen hervorgeht, der auf die eigene Person ge- 
richtete Aggressionstrieb sich der Schmerzbahnen bemächti- 
gen kann, um je nach Maßgabe der Organminderwertigkeit Migräne, 
Clavus, Trigeminusneuralgie, nervöse Schmerzen in der Magen-, Leber-, 
Nieren- und Appendixgegend (ebenso wie Aufstoßen, Gähnen, Singul- 
tus, Erbrechen, Schreikrämpfe) zu erzeugen. In der psychologischen 
Analyse läßt sich als auslösende Ursache stets eine Triebhemmung nach- 
weisen, und ebenso geht dem Schmerzanfall voraus oder folgt ihm nach 
ein Aggressionstraum mit oder ohne Angst. Oder das Bild wird 
durch vorübergehende oder dauernde Schlaflosigkeit variiert, als deren 
nächste Ursache der unbefriedigte Aggressionstrieb aufgedeckt werden 
kann. 

Insbesondere die motorischen Ausstrahlungen des Aggressionstriebes 
sind im Kindesalter ungemein deutlich. Schreien, Zappeln, sich 
zu Boden werfen, Beißen, Knirschen usw. sind einfache Formen dieses 
Triebes, die im neurotischen Anfall, insbesondere bei der Hysterie nicht 
selten wieder zu finden sind. 



Entwicklungsfehler des Kindes. 

Von Dr. Alfred Adler (1907). 

In unseren Kindern liegt die Zukunft des VolkesI 
Alles Schaffen der Völker, alles Vorwärtsdrängen, das Zertrümmern alter 
Schranken und Vorurteile, es geschieht zumeist der Nachkommen wegen 
und soll ihnen vor allem nützen. Tobt heute der Kampf um Geistesfrei- 
heit, rütteln wir heute an den Säulen des Aberglaubens und der Knecht- 
schaft, so werden sich morgen unsere Kinder sonnen im milden Lichte 
der Freiheit und unbekümmert um die Drohungen modernder Denkungs- 
art an den Quellen des reinen Wissens schlürfen. Stürzt uns heute zu- 
sammen, was, alt und morsch, sein Daseinsrecht verloren hat, so baut 
sich stolzer und kühner als unsere Gedanken es fassen können dereinst 
die Kirche der wahren Menschlichkeit auf, vor der jeder Lug und Trug 
zerstäubt. Für unsere Kinder! Sie sollen genießen, was wir verlangend 
erstreben: Luft, Licht, Nahrung, die heute dem Volke noch verwehrt, 
sie sollen sich ganz daran erlaben I Für gesunde Wohnungen, für aus- 
reichende Löhne, für menschenwürdige Arbeit, für gediegenes Wissen 
kämpfen wir, damit sie dies alles dereinst gesichert haben. Unser 
Schweiß, das ist ihr Frieden, ihre Gesundheit, das ist unser Kampf. 

In unseren Kindern lieben wir unsere Jugend! Die 
unvergeßlichen fröhlichen Tage der eigenen Kindheit steigen herauf, 
wenn unser Blick auf die Kleinen fällt, und leichter dünkt uns die eigene 
Qual, wenn sie dazu dient, den Schatten von ihren jungen Jahren zu 
verscheuchen. Daß sie den Sorgen und Plagen entgehen, die uns 
vielleicht jene goldene Zeit verbittert, ist uns der köstlichste Ansporn 
zur Arbeit. Manche der Fehler, denen unsere Kindheit ausgesetzt war, 
sollen ihnen erspart bleiben, und unsere vielleicht schon verblühten 
Hoffnungen und Wünsche sollen in ihnen zu neuem Leben erwachen. 
So wachse denn heran, du holder Abglanz junger Jahre, zu frohem Ge- 
nießen bereit, besser gerüstet zu Kampf und Sieg als wirl 

Ist demnach das gute Gedeihen der Kinder der Eltern höchstes Glück 
und ein gutes Unterpfand der Zukunft, so bildet die Erkenntnis dessen, 
was für die Jugend not tut, und das Einsetzen aller Kräfte hierfür die 
wichtigste Aufgabe des Staates, der Eltern und einer Kulturpartei. An- 
greifbar sind von den feindlichen Kräften vor allem zwei: die widrigen 
.sozialen Verhältnisse und das Unverständnis für den Gesundheitsschutz 

8 



34 Entwicklungsfehler des Kindes 



des Kindes. Man muß sich außerdem vor Augen halten, daß die Sün- 
den gegen das Kind oft nicht leicht gutzumachen sind oder gar um Ge- 
nerationen zurückliegen. Wir nennen hier nur Unterernährung der El- 
tern, Überarbeit der schwangeren Frau, Krankheiten oder Minderwertig- 
keit der Erzeuger, frühzeitige Arbeitsleistung des Kindes, die es in seinem 
Wachstum schädigt, Unterernährung und schlechte Wohnung in der 
Kindheit, die alle eine soziale Wurzel haben und ihre Folgen dem 
wachsenden Organismus oft dauernd anheften. — Die Erscheinungen, 
welche wir im folgenden einer Besprechung unterziehen, sind solche* 
wie sie bei Kindern bei der Geburt oder kurz nachher wahrzunehmen 
sind. Soweit solche Fehler Lebensunfähigkeit bedingen, sollen sie über- 
gangen werden, weil ihr praktisches Interesse gering ist, wenngleich sie 
wissenschaftlich ein hohes Interesse verdienen. Oft sind sie nur Steige- 
rungen von solchen Fehlern, mit denen andere Kinder weiterleben 
können. 

Am leichtesten kommen natürlich solche Entwicklungsfehler zur 
Wahrnehmung, die einem der Körperteile eine absonderliche Form ver- 
leihen, so daß die Schönheit des Kindes darunter leidet. Nicht selten 
leidet auch die Funktion des zugehörigen Organs darunter. Wir nennen 
hier die Hasenscharte, eine Spaltbildung, die Oberlippe, harten und 
weichen Gaumen, alle zusammen oder einzelne Teile betreffen kann. 
Abgesehen von der Entstellung, zwingt auch in vielen Fällen die Unfähig- 
keit des Kindes, Nahrung zu sich zu nehmen, zu einer operativen Ab- 
hilfe, zu der man sich so rasch als möglich entschließen soll. Ebenso 
findet sich nicht selten als Hindernis beim Saugen eine abnorm weite 
Anheftung des Bändchens an der unteren Zungen- 
fläche, ein Befund, der leicht zu beseitigen ist, aber doch etwas zu 
häufig angenommen w r ird. Von Wichtigkeit ist das Wachstum der 
Zähne beim Säugling, da ein verzögertes Wachstum, — zuweilen 
kommt auch verfrühtes Wachstum vor, — mit ziemlicher Wahrschein- 
lichkeit auf Rachitis (Knochenweiche, englische Krankheit, doppelte 
Glieder) schließen läßt. Zumeist brechen normalerweise die beiden 
mittleren unteren Schneidezähne zwischen dem 6. und 9. Monat durch. 
Ihnen folgen nach etwa zwei Monaten die beiden mittleren oberen. 

Bis zum Ende des ersten Jahres sind die seitlichen oberen und die seit- 
liehen unteren Schneidezähne erschienen. Die vier vorderen Backzähne 

brechen bis gegen den 18. Monat durch, und ihnen schließen sich die 

vier Eckzähne an. Am Beginne des dritten Lebensjahres sind die vier 

hinteren Backzähne zum Durchbruch gelangt, und damit ist die erste 



Entwicklungsfehler des Kindes 35 



Zahnbildung vollendet. Lückenbildung zwischen den Zähnen und Ver- 
doppelung einzelner Zähne sind nicht so selten. Mit 4 1 /» bis 6 Jahren 
beginnt die zweite Zahnbildung, die meist mit der Entstehung der ersten 

bleibenden Backzähne eingeleitet wird, an das sich das Ausfallen der 
Milchzähne schließt. Das bleibende Gebiß kann eine Reihe von Fehlern 
zeigen, die teils der Schönheit, teils der Leistung abträglich sind, 
so Vorstehen der oberen, der unteren Zahnreihe, schiefes 
Wachstum einzelner Zähne, ungewöhnliche Schleifflächen usw., die 
zum Teil einer Besserung zugänglich sind. 

Von großer Bedeutung für die Entwicklung des Kindes, insbesondere 
für Hals und Lungen, ist die Durchgängigkeit der Nase. Schwellun- 
gen der Nasenschleimhäute hindern den Säugling am Trinken. Dauern 
die Verdickungen der Nasenmuscheln an, verlegen sie die Nasenatmung, 
oder bestehen Schleimhaut Wucherungen im Nasenrachenraum, so wird 
das Kind ebenso wie beim Bestehen von Nasenpolypen mit offenem 
Munde atmen. Solche Kinder sehen oft blaß aus, leiden gleichzeitig 
nicht selten an anderen Gebrechen, erkranken häufig an Kehlkopf-, 
Nasen- und Ohrkatarrhen und geben sich im Schlafe durch ihr 
Schnarchen zu erkennen. Die Herstellung der Nasenatmung hat 
große Vorteile für diese Kinder im Gefolge. Auch Besserung der geisti- 
gen Fähigkeiten sieht man zuweilen nach dieser gefahrlosen Opera- 
tion. Ähnliche Nachteile für den Rachen, Kehlkopf und Lunge stellen 
sich bei abnorm vergrößerten Mandeln ein. 

Verunstaltungen der Ohrmuschel haben heute noch ein rein theo- 
retisches Interesse. Anwachsungen des Ohrläppchens, spitzes Auslaufen 
der Muschel nach oben, nach der Seite, abstehende Ohren gelten als 
Zeichen der Entartung, ohne daß damit -etwas Bestimmtes gesagt 
wäre. 

Dasselbe gilt von Hautfaltenbildung nach innen vom inneren Augen- 
winkel, von den schräggestellten Lidspalten, „geschlitzten Augen", und 
den Flecken an der Regenbogenhaut. 

Wichtiger für die Beurteilung des Kindes sind seine Leistungen. Vor 
allem seine Sprachentwicklung. Vereinzelte kindliche „Sprach- 
fehler" ausgenommen, beherrscht das Kind im dritten Lebensjahre einen 
großen Teil der Sprache. Ein deutliches Zurückbleiben hinter dieser 
Grenze läßt den Verdacht auf Hörstummheit oder Taubstumm- 
heit aufkommen. Sprachfehler, die sich längere Zeit hinziehen, Stot- 
tern, Stammeln, Lispeln, Unfähigkeit, bestimmte Buchstaben korrekt 
auszusprechen, sollen einer mit Milde durchgeführten Behandlung un- 

8* 



36 Entwicklungsfehler des Kindes 



terworfen werden. Dasselbe ist von der fast um die gleiche Zeit 
häufig anzutreffenden Abneigung gegen das Essen zu sagen. 

Am Auge finden wir recht häufig Entwicklungsfehler, deren Besse- 
rung mit aller Kraft anzustreben ist. Blinzeln ist öfters mit einer Ent- 
zündung der Augenschleimhäute im Zusammenhang, regelmäßig bei 
Albinos (Menschen ohne Hautfarbstoff) zu finden. Regelmäßige, zit- 
ternde Bewegungen der Augäpfel sind zuweilen Symptome einer Nerven- 
erkrankung. Wichtig wäre die Hintanhaltung des Schielens, der Steige- 
rung von Kurzsichtigkeit und Ubersichtigkeit. Ersteres hängt oft 
mit den anderen beiden zusammen, hat übrigens in den ersten Monaten 
des Säuglings keine Bedeutung. Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit 
sind im Bau des Augapfels begründet, ebenso wie Krümmungsanomalien 
der Hornhaut, die das Sehen ebenso beeinträchtigen und verzerrte Bilder 
auf der Netzhaut entstehen lassen. Durch unzweckmäßige Beleuchtung, 
schlechtes Sitzen beim Schreiben können derartige Beeinträchtigungen 
zustande kommen, daß die Sehfähigkeit dauernd geschwächt bleibt. Ge- 
rade im Anfang müssen diese Entwicklungsfehler bekämpft werden. An- 
geborene Schwachsichtigkeit auf einem oder beiden Augen ist nicht gar 
so selten und bedarf ärztlicher Unterweisung. Daß auch völlige Blind- 
heit angeboren sein kann, ist bekannt. Eine häufige Ursache von 
schlechtem Sehen sind Starbildungcn, Trübungen der Linse, die gleich- 
falls angeboren sein können und durch Operation zu beseitigen sind. 

Erkrankungen des Ohres, Schwerhörigkeit auf einem oder beiden 
Ohren werden häufig übersehen und bilden zuweilen ein Hindernis 
für den geistigen Fortschritt des Kindes. Auch hier kann ärztlicher- 
seits manches gebessert werden. 

Die Schädelform kann in mehrfacher Hinsicht fehlerhaft ent- 
wickelt sein. Viele dieser Formen sind Folgen der englischen Krank- 
heit, wie Offenbleiben der Fontanellen bis über das zweite Lebensjahr 
hinaus, Verdickungen einzelner Partien des Schädels und Vorspringen 
desselben, speziell der Stirnbeinhöcker. Außerdem sind häufig früh- 
zeitige Verwachsungen der Knochennähte und daraus resultierende 
abnorme Kopfformen. Bei allen diesen Fehlern, ebenso bei Asymme- 
trien der Schädelhälften, besonders aber beim chronischen Wasserkopf 
kann man zuweilen nervöse Erkrankungen oder abnorme geistige Ent- 
wicklung beobachten. • 

Ein Organ, dem man derzeit große Beachtung schenken muß, ist die 
vorn am Halse befindliche Schilddrüse. Sie kann angeborener- 
weise als Kropf erscheinen oder sich später zu einer Kropfgeschwulst 



Entwicklungsfehler des Kindes 37 



entwickeln, manchmal sporadisch, zumeist aber in sogenannten Kropf- 
gegenden. Gewisse Geschwulstbildungen der Schilddrüse ebenso wie 
besondere Kleinheit dieses Organs hängen mit Wachs tumsveränderun gen 
des Kindes, besonderen Verdickungen der Haut, sowie mit geistiger 
Stumpfheit (Kretinismus) zusammen. Durch Fütterung mit Tierschild- 
drüsensubstanz ist ein Ausgleich, starkes Zurückgehen aller Krankheits- 
erscheinungen möglich. 

Angeborener oder erworbener Schiefhals, hervorgerufen durch 
Verkürzung der Halsmuskulatur einer Seite, bedarf einer operativen 
Behandlung, falb nicht ein Nervenleiden eine solche Verkürzung vor- 
täuscht. 

Die Brust des Kindes kann durch die englische Krankheit in mehr- 
facher Weise entstellt werden. Als Fingerzeig wichtig ist der frühzeitig 

auftretende rhachitische Rosenkranz, eine Reihe von Verdickungen an 
je einer Rippe sitzend. Ferner sind zu nennen Hühnerbrust und Trich- 
terbrust, die durch orthopädische Maßnahmen und Atmungsgymnastik 
gebessert werden können. Bedeutsamer als diese Deformitäten ist das 
Zurückbleiben des Wachstums der Brust überhaupt. Es kennzeichnet 
sich durch Dürftigkeit und Schwäche der Muskulatur, durch geringe 
Wölbung, Gruben oberhalb und unterhalb des Schlüsselbeins, und weite 
Zwischenrippenräume. Solche Personen zeigen Neigung zur Lungen- 
tuberkulose. Frühzeitiges Eingreifen kann vieles bessern. 

Große Beachtung verdient die Wirbelsäule des Kindes. „Schiefe 
Haltung" der Schultern, Vorstehen der Schulterblätter, vornüberhän- 
gender Gang, seitliche Neigung des Rumpfes, besonders aber Verschwin- 
den oder Vertiefung des „Taillendreiecks' ' (Lücke zwischen herabhängen- 
dem Arm und Taille) an einer Seite, oder „hohe Hüfte" fordern zur ärzt- 
lichen Untersuchung eventuell Behandlung auf. 

Es stellt sich dann meist heraus, daß die Wirbelsäule in einem seit- 
lichen Bogen der Mittellinie ausweicht. Zumeist handelt es sich um 
einen rhachitischen, frühzeitig auftretenden Prozeß in den Wirbel- 
knochen, oder um eine in die Zeit des Schulbesuches fallende Verbiegung 
bei schwächlichen Kindern, die durch schlechte Haltung beim Schrei- 
ben, auch durch schlechte Schulbänke gefördert wird. Zuweilen handelt 
es sich um Tuberkulose der Wirbel knochen. Die gleichen Ursachen, 
englische Krankheit, Muskelschwäche, Tuberkulose können zu einer 
nach rückwärts gerichteten Ausbiegung der Wirbelsäule führen. 

Eine Einbiegung der Lendenwirbelsäule nach vorne be- 
obachtet man regelmäßig bei fortschreitender Muskelentartung des Kin- 



38 Entwieklungsfehler des Kindes 

des. Diese Erkrankung zeigt als weitere wichtige Kennzeichen vorge- 
triebenen Bauch, watschelnden Gang und Unfähigkeit, sich vom Boden 
zu erheben, ohne die Hände zu Hilfe zu nehmen, mit denen der Patient 
zumeist an seinen eigenen Beinen „auf klettert". 

An den Armen und Händen findet sich zuweilen angeborener 
Mangel von einzelnen Röhrenknochen. Die Gebrauchsfähigkeit solcher 
Gliedmaßen, zum Beispiel von Klumphänden, muß auf künstlichem 
Wege erzielt werden. Häufiger sind auch hier Verkrümmungen und 
Brüche, besonders am Vorderarm, als Folgen der englischen Krankheit 
zu beobachten. 

Von Entwicklungsfehlern der unteren Extremitäten sind zu 
erwähnen: die angeborene Hüftgelenksverrenkung, die 
meist erst den Eltern auffällt, sobald das Kind Gehversuche unternimmt. 
Verdacht erwecken der watschelnde „Entengang", Auffallen auf eines 
der Beine, vorgetriebener Unterbauch und Verbreiterung der Hüfte. 
Angeborener Mangel von Knochen kann zu Klumpfuß führen. Be- 
sonders bedeutsam sind rhachi tische Veränderungen am weiblichen 
Becken, die später zu Geburtshindernissen Veranlassung geben können, 
und an den Beinen und Füßen, die vielfach den Gebrauch dieser 
Gliedmaßen stören. Sogenannte X- und O-Füße entwickeln sich auf 
dem Boden der englischen Krankheit zwischen dem 2. bis 4. Jahre. 
X-Füßo können sich auch um das i4- Lebensjahr bei Personen zeigen, 
die berufsmäßig viel stehen müssen: bei Kellnerjungen und Bäckern. 
Beschwerden, Schmerzen sind dabei recht häufig. Noch mehr 
beim Plattfuß, der fast regelmäßig bei X-Füßen, aber auch sonst bei 
Rhachi tikern frühzeitig, bei anderen schwächlichen Personen um die Zeit 
ihrer Berufswahl, wenn sie langem Stehen ausgesetzt sind, erworben 
wird. Ist der Plattfuß dadurch charakterisiert, daß der Fuß mit der 
Innenkante den Boden berührt, so kennzeichnet sich der angeborene 
Klumpfuß dadurch, daß die Innenkante stark gehoben und die Fuß- 
spitze nach innen gerichtet ist. Schweißfüße und Schweißhände soll- 
ten frühzeitig einer Behandlung zugeführt werden. Die Behauptung, 
daß dieso Behandlung schädlich wirke, ist nichts weiter als ein Märchen. 

Unter Eingeweidebrüchen versteht man das Vortreten von 
Darmschlingen oder anderem Bauchinhalt unter die Haut, so daß sie 
diese vorwölben und so sieht- und tastbar werden. Sie sind recht 
häufig und treten mit Vorliebe in der Nabelgegend, in der Gegend des 
Oberschenkels und in der Leistengegend zutage. Letztere können bei 
weiterem Vordrängen dem Samenstrang folgend bis in den Hodensack 



Entwicklungsfehler des Kindes 39 



gelangen. Da sie eine ständige Gefahr für ihren Träger bedeuten, 
sollten sie frühzeitig einer Operation zugeführt werden. Die Gefahr be- 
steht darin, daß der sie umschließende Gewebsring eines Tages die 
Darmpassage hemmt und den Bruchinhalt abschnürt. Schmerz, Er- 
brechen, Aufhören von Stuhl und Winden sind die zunächst drohenden 
Erscheinungen, die eine schleunige, sofortige Abhilfe erfordern. 

Zuletzt führen wir noch kurz an das Zurückbleiben d&r 
Hoden im Bauchraum, abnormale Ausmündung von Harnröhre und 
Mastdarm, angeborener Verschluß desselben, Polypen des Mastdarms als 
Ursache von Blutungen und die Erscheinungen der Zwitterbildung, 
bei der sich männliche und weibliche Geschlechts teile gleichzeitig vor- 
finden können. 

Von Entwicklungsfehlern der inneren Organe sind vor allem ange- 
borene Herzfehler hervorzuheben, denen zufolge die Neugeborenen 
oft dauernd eine bläuliche Hautfärbung beibehalten, und die seltenere 
Enge des Blutgefäßsystems bei dauernd schwächlichen, wenig 
entwickelten, blassen Kindern. Die Fehler des Gehirns können sich in 
Schwachsinn und Epilepsie äußern. 

Eine große Reihe von Entwicklungsfehlern findet sich unter den als 
„Unarten" bezeichneten Eigenheiten des Kindes. Sie sind oft nur der 
Ausdruck des innersten Wesens und prägen dem Charakter 
des Menschen oft dauernd ihren Stempel auf. Man findet sie in der Kind- 
heitgeschichte von gesunden sowie nervösen, hervorragenden sowie min- 
derwertigen Personen. Ihnen mit Strenge zu begegnen ist ein verfehltes 
Unternehmen. Doch soll man ihnen stets Beachtung schenken. Ich er- 
wähne hier Daumenlutschen, Saugen an den Lippen, Nägelbeißen, Bett- 
nässen und Kotschmieren. Sie treten bei Kindern auf, die auch zu ge- 
schlechtlicher Frühreife neigen. Geschlechtliche Erfahrungen von die- 
sen fernzuhalten, ist alles, mißlingt aber nicht selten. 

Man könnte noch vieles anführen, was dem Kinde in jungen Jahren 
droht, was den kleinen Geschöpfen Leiden bereitet und Verunstaltung 
bringt. Auch die Haut nimmt an Entwicklungsfehlern teil und zeigt 
sich oft an Juckblättchen oder Schuppenflechte erkrankt, 
die beide nicht leicht völlig zu beseitigen sind. Aber genug davon, 
und freuen wir uns der zahlreichen Möglichkeiten, die uns die moderne 
Wissenschaft bietet, das Los dieser Kinder zu bessern und erträglich 

zu gestalten. Seien wir als Eltern dessen eingedenk, daß frühzeitiges 
Erkennen solcher Entwicklungsfehler viele Qualen ersparen hilft, und 
versäumen wir nicht, dieses Kindermaterial, das der Bearbeitung durch 



40 Entwicklung-sfehler des Kindes 

das Leben und durch die sozialen Bedingungen oft viel schwerer unter- 
worfen ist, mit besonderer Liebe und Vorsicht über ihre jungen Jahre 
hinauszubringen. 



Über Vererbung von Krankheiten. 

Von Dr. Alfred Adler (i9o8). 

Die Frage nach der Übertragung von körperlichen Eigenschaften der 
Eltern auf die Kinder ist wohl die schwerwiegendste und inhaltsreichste 
der gesamten Lehre vom Leben. An sie und ihre stückweise Lösung 
knüpft unser Verständnis von der Stetigkeit der Tier- und Pflanzenarten, 
von ihrer Abänderung und Aufzüchtung, von der Erhaltung förderlicher 
Eigenschaften und dem Verschwinden untauglicher auch beim Menschen, 
von der Einheit der Natur und ihrer fortschreitenden Gestaltung an. 
Die Macht der Vererbung fixiert die Arten im Tier- und Pflanzenreich 
und läßt nur Gleiches von Gleichem abstammen. Dieselbe Macht aber 
tritt ein anderes Mal artbildend auf und überträgt einmal erworbene 
Veränderungen unter gewissen Umständen auf die Nachkommen. 

Da tauchen die alten Rätsel der Menschheit auf und fordern immer 
dringender ihre Lösung. Was wird vererbt? Wie vollzieht sich die 
Vererbung? Wie können erworbene Eigenschaften auf die Nachkom- 
men übergehen? Können geistige Eigenschaften übertragen werden? 
Wie weil reicht der Einfluß des Vaters? der Mutter? der Ahnen? Gehen 
wir einer Verbesserung der menschlichen Rasse durch Auslese des besse- 
ren Materials, einer Verschlechterung durch Steigen der Keimschwäche 
entgegen? Wie und wodurch können sich Krankheiten vererben? 

Die Lehren Darwins weisen auf den Kampf ums Dasein hin, der 
das untaugliche Material unbarmherzig ausrottet und so den ewigen 
Fortschritt der einheitlichen organischen Welt erzwingt. Weismann 
fordert die Anerkennung des ewig unveränderlichen Keimmaterials, das 
wesentlich nur durch mächtige äußere Einflüsse in seinem feineren Auf- 
bau verändert werden könne. De V r i e s und die Neo-Lamarcki- 
s t c n heben die Wichtigkeit und Bedeutung größerer, sprunghafter 

Veränderungen im organischen Reiche hervor und halten diese im Werde- 
prozeß der Arten für bedeutungsvoll. Gregor Mendel endlich zeigt 
uns die Abhängigkeit der Veränderungen von der Verschiedenheit des 
Elternpaares und die Gesetzmäßigkeit der Vererbungsprinzipien. Sie 
und ihre näheren und entfernteren Anhänger haben manche der schwe- 
benden Fragen gelöst, doch ist vieles noch dunkel und strittig und 
die naturphilosophische Spekulation gedeiht noch recht üppig auf dem 
Boden der Vererbungslehre. 



42 Über Vererbung- von Krankheiten 



Die einzelligen Organismen besitzen in ihrer einen Zelle alle zum 
Leben und zur Fortpflanzung nötigen Kräfte. Ihr Bestand an Zellstoff 
reicht aus, um Nahrung heranzuziehen, diese zu verarbeiten, zu atmen, 
sich zu bewegen und sich durch Abschnürung eines Teiles der Leibes- 
substanz fortzupflanzen. Aber schon die nächsthöheren Stufen zeigen 
eine oft weitgehende Differenzierung ihres Zellbestandes und Zellver- 
mögens. Bald begegnen wir in dem Aufstieg der organischen Welt zu 
höheren Organismen Zellen und Zellorganisationen, die nicht mehr all- 
vermögend sind. Die einen dienen dem Gesamtindividuum, das seinen 
Zellenzusammenhang bald nicht mehr aufgibt, als Ernährungsapparat, 
die anderen als Atmungsorgan, die eine Zellgruppe dient der Bewegung, 
eine andere wird schützender Mantel, Tastorgan, in der weiteren Folge 
Auge, Ohr und Nase. Die Fortpflanzung wird schließlich nicht mehr durch 
Teilung der einzelnen Zelle, sondern von einem Geschlechtsorgan, in 
der weiteren Folge von zwei getrennten Geschlechtsorganen aus einge- 
leitet. Dieser fortschreitenden Differenzierung und Arbeitsteilung ver- 
danken die hochqualifizierten Organe, Nervensystem, Blutkreislauf usw., 
ihre Entstehung. 

Die Naturbetrachtung hat vorwiegend dieser Vervollkommnung, die 
in der Ausgestaltung des Individuums liegt, ihr Augenmerk geschenkt, 
und dies mit Recht. Sie hat aber auch Raum genug und wird sich ge- 
wöhnen müssen, das Moment der Verkümmerung, der Zell- 
beeinträch tigung, ins Auge zu fassen, auf dem sich 
der Fortschritt in der organischen Welt aufbaut. 

Immer war es der Zwang der äußeren Umgebung, durch den die Um- 
gestaltung von Zellen und Zellgruppen, die Ausgestaltung chemischer 
und physikalischer Kräfte erwirkt wurde. Die einfachen Aufsau- 
gungsverhältnisse der Zelle genügten nicht mehr, — da entstand 
durch einen einseitigen Wachstumsschub die erste Mund- und Darm- 
bildung. Das Tasten der Zelle sollte in die Ferne dringen, — da bildete 
sich die Seh- und Gehörsanlage. Die Entwicklung in der organischen 
Welt vollzieht sich so durch die Ausschöpfung und Umgestaltung aller 
der Zelle innewohnenden Fähigkeiten gemäß dem Anspruch der 
äußeren Reizquellen. 

Der Eintritt der geschlechtlichen, insbesondere der zweigeschlecht- 
liehen Fortpflanzung bedeutet eine Sicherung der auf das verschie- 
denartigste gediehenen Zellgruppen, der Organe. Was die differenzierte 
Einzelzelle nicht mehr vermag, aus sich die anderen Ausgestaltungen 
hervorgehen zu lassen, das leisten nun die Geschlechtszellen, welche die 



Über Vererbung von Krankheiten 43 

Entwicklungsfähigkeit der Urzelle samt den Entwicklungsbestrebungen 
der Organe und Gewebe in sich vereinen. 

Der Zwang schuf die Ausgestaltung der Organe, der äußere Zwang 
und die Reizquellen des Lebens rufen in den Organen eine Spannung 
hervor, deren befriedigender Lösung der Organismus zeitlebens zustrebt. 
Was der Organismus von der ihn umgebenden Welt sieht, hört, 
schmeckt, tastet, riecht, das fügt er innerlich zu seinem „Weltbild" 
zusammen. Und nicht minder, wie seine Organe dem Zwang der Außen- 
welt unterliegen und sich nach ihnen umformen, ist das Organ be- 
strebt, die vor ihm liegende Welt zu erfassen und nach seinen Bedürf- 
nissen umzugestalten. Die steigende Entwicklung des Nervensystems, 
vor allem des Gehirns, bei den höheren Formen der Organismen dient 
dabei der Verknüpfung und Ausgestaltung des Wollens und Könnens 
der Organe. 

Es ist klar, daß diese Entwicklungsreihe nur unter großen Kämpfen 
und Gefahren zustande kam und daß das Organ auf jede neue Erschwe- 
rung der Lebensbedingungen antwortet. Für den Ausgang ist sowohl 
Art und Größe der Anspannung als auch der Zustand des betroffenen 
Organs maßgebend. Im günstigen Fall erfolgt ein Ausgleich der Span- 
nung, der Bestand und die Funktion des Organs und damit der Gleich- 
gewichtszustand des Organismus bleiben gewahrt. Und die gleiche 
Harmonie der Vegetation macht sich auch in den Fort- 
pflanzungsorganen geltend und sichert den Abkömm- 
lingen die vollwertigen Keime einer der Außenwelt 
angepaßten Entwicklung. 

Dieses Bild einer allseits harmonischen Entwicklung hält den wirk- 
lichen Verhältnissen nicht stand. Und besonders die Zellverbände des 
höchstentwickelten Organismus, des Menschen, haben aus Vergan- 
genheit, Gegenwart und Zukunft mit ewig unausgeglichenen 
Spannungen zu rechnen, die sich aus mangelhaften Leistungen der Or- 
gane und Gewebe und den Anforderungen der sozialen Verhältnisse erge- 
ben. Soll der glatte Ablauf der Lebensfunktionen in Gang bleiben, soll 
den Ansprüchen der Umgebung Genüge geleistet werden, so muß oft der 
Aufbrauch der inneren Spannkräfte eines Organs eine ungewöhnliche 
Steigerung erfahren. Die Störungen eines solchen oft recht mühevoll auf- 
recht erhaltenen Einklangs bezeichnen wir als Krankheiten und finden 
als ihre letzten äußeren Ursachen zumeist Angriffe äußerer Kräfte, als 
da sind Verletzungen, Verunreinigungen mit Bakterien und anderen 
dem Körper feindlichen Stoffen, Hunger, Übermaß und Unzweckmäßig- 



mm 

44 Über Vererbung von Krankheiten 



keit der Ernährung, Mangel der lebenswichtigen Luft, des Lichtes, 
der Wärme, des Schlafes, Überanstrengungen körperlicher und geistiger 

Art. 

Sehen wir so die Entwicklung und Anspannung und Störung unserer 

Organe in Wechselbeziehung zur ökonomischen Lage, die Vorzüge und 
Krankheiten des menschlichen Organismus und die entwickelte Waren- 
produktion unserer Tage in gegenseitiger Abhängigkeit, so müssen wir 
die gleichen Beziehungen für die Fortpflanzungsorgane gelten lassen, 
die den Keimstoff liefern mit den gleichen Vorzügen und Schwächen 
des im Kampfe stehenden Organismus. 

Es ist leicht einzusehen, daß die Schicksale des fertigen Organs und 
des wachsenden Keimes unter den auf sie wirkenden Kräften nicht die 
gleichen zu sein brauchen, in der Regel auch nicht die gleichen sind. 
Hier ein letztes Wachstumsprodukt, das nur wenige Reaktionen im Ver- 
hältnis zu der mit unendlicher Fülle und Reaktionsmöglichkeit ausge- 
statteten Keimzelle kennt, dort ein in mächtigen Wachstumsschübeu zur 
Ausgestaltung drängender Organismus. Auch die Art des Angriffes 
ist nicht gleichgültig. Das fertige Organ vermag vielleicht in einer letz- 
ten Kraftanstrengung zum Siege zu gelangen, ohne daß ein Schaden auf- 
fällig wird. Der Keim kann aber bereits leichte Schädigungen erfahren 
haben, die seine Entwicklung mehr oder weniger beeinträchtigen, oder 
eine offenkundige Organerkrankung reicht nicht aus, um die Lebenskraft 
der Keimstoffe zu beeinträchtigen. Am häufigsten wohl trifft eine 

Krankheil das bereits im Keim geschädigte Organ und setzt so die 
Keimverschlechterung in den Nachkommen fort. 

Höchst bedeutungsvoll für die Lehre von den kranken Organen und 
ihrer Vererbung ist der Umstand, daß die übertragene Keimstörung 
verschiedene Erscheinungen setzt, je nach der Zeit ihres Auftretens 
während der Keimentwicklung; daß sie Zusammenhangsstörungen her- 
vorrufen kann je nach der Beziehung und der gegenseitigen Beeinflus- 
sung der wachsenden Organe; und endlich, daß sie Entwicklungs- 
stillständo und Fehlbildungen des Embryo erzeugen kann, welche die 
Spuren einer früheren embryonalen Zeit tragen als etwa dem Neugebore- 
nen entsprechen. Die Reihe dieser Keimstörungen, die in ihren 
harmlosen Ausprägungen als „Variationen" bekannt sind, ist so 
mannigfaltig, daß die ihnen entstammenden Organe keineswegs 
durchaus als mangelhaft oder untauglich, in vielen Fällen vielmehr 
wegen ihrer größeren, — weil dem Embryonalen näheren — Wachs- 
tumsenergie geeigneter sind, die Widerstände sozialer Natur zu über- 



Über Vererbung von Krankheiten 45 



winden, als die elterlichen Organe, die im Daseinskämpfe dem Scheitern 
nahegebracht wurden. Denn auch die „Widerstandsreaktion", die Ab- 
härtung gegen äußere Not, setzt sich im Embryonalleben fort, kann 
vielfach erst dort die zum Sieg erforderliche Größe gewinnen, wie 
uns die Erscheinungen der Gewöhnung an geändertes Klima beweisen. 

Zudem werden durch die zweigeschlechtliche Abstammung des Men- 
schen Keimstörungen bei einem der Elternpaare durch den Keim des 
anderen häufig verwischt, wenn auch nicht völlig aufgehoben. Frei- 
lich können sie bei gleichlaufender Richtung auch verstärkt werden, 
was uns insbesondere den Blutsverwandtenehen gegenüber mißtrauisch 
macht. Nicht dort, wo wir familiäre Keimstörungen ausschließen kön- 
nen; bei solcher einwandfreien Inzucht können gewisse Vorzüge der 
Nachkommenschaft sogar in verstärktem Maße vererbt werden. Dann 
entspringen der Blutsverwandtenehe zuweilen individuell hervorragende 
Sprößlinge, die ihrer Umgebung in manchem überlegen sein können. 
Die Mischehe dagegen läßt weniger Gefahren bezüglich der Vererbung 
befürchten und hat für größere Zeiträume entschieden die Tendenz, 
eine Gleichheit im Organischen anzubahnen. 

Mit den Anfängen der Keimstörung haben wir heute wohl 
kaum mehr zu rechnen. Soweit die äußeren Krankheitsursachen für 
ein gesundes Organ und für ein Individuum von voller Widerstandskraft 
in Frage kommen, — speziell bei Vergiftungen und epidemisch wirken- 
den Krankheitsursachen, — können wir das Verhältnis von Organ und 
schädigendem Anspruch als das einer relativen Minderwertigkeit des 
Organs bezeichnen, aus der allerdings eine Keimstörung und damit eine 
absolute Minderwertigkeit des abstammenden Organs entstehen kann. 
Zumeist läßt sich aber der Nachweis führen, daß heute vor aller 
Erkrankung eines oder mehrere der Organe in unserem Sinne min- 
derwertig sind, das heißt eine Keimstörung durchgemacht haben, deren 
Veranlassung in der Ahnenreihe zu suchen ist. Von den großen Schädi- 
gern des Keimmaterials werden von ärztlicher Seite gewöhnlich drei 
genannt : Alkohol, Lues und Tuberkulose. Wir können mit 
dem gleichen Recht alle Angriffsmomente sozialer Natur 
hinzunehmen, auf die oben summarisch hingewiesen wurde, und müssen 
noch hinzufügen, daß sie alle in erster Linie das von Natur aus minder- 
wertige Organ bedrohen. 

Von diesem aber, das seine Eigenart irgendwelchen Entwicklungs- 
störungen des Keimes verdankt, müssen wir behaupten, daß es sich 
als minderwertig vererbt. Damit ist über den Ausgang noch nichts fest- 



46 Über Vererbung von Krankheiten 



gestellt. Sicher kommt es zum Absterben einer ungeheuren Zahl von 
Individuen, bei denen sich die Minderwertigkeit einzelner Organe bis 
zur Lebensunfähigkeit des Organismus entwickelt hat. Viele werden 
durch sonst erträgliche Ursachen zu Krankheit und Tod gebracht. An- 
dere gewinnen Raum, finden durch Kräftigung oder durch die Huld ihrer 
sozialen Verhältnisse dauernd den Weg zur Gesundheit und können 
ihren Nachkommen eine günstigere Keimentwicklung vererben. Vielen 
erwachsen Hilfen aus gewissen Überleistungen der Nervenbahnen und 
des Gehirns, die sich in bewußter oder unbewußter Weise äußern und 
den Schein einer Vererbung geistiger Fähigkeiten hervorrufen. Immer 
aber sehen wir, wie das minderwertige Organ, solange nicht ein äußer- 
ster Grad von Schwäche daran hindert, mit den äußeren Feinden ringt, 
am sich direkt durch Wachstumszuschuß oder indirekt auf dem 
Wege intensiverer nervöser und psychischer Leistungen zu behaupten. 
Die Voll Wertigkeit des Organismus hat keine Neigung sich zu verändern, 
körperlicher und geistiger Stillstand sind ihre Ursachen und Folgen. 
Erst wenn sie durch eine Verschärfung der sozialen Ansprüche aufge- 
hoben und in die Minderwertigkeit gedrängt wurde, wenn der hierdurch 
vererbte minderwertige Keim seine dem Embryonalen verwandte Kraft 
zur Entladung bringt, kommt neues körperliches und geistiges Wachs- 
tum in die Welt. Oder, da dem organischen Wachstum Schranken auf- 
erlegt sind, es entfaltet sich die Stärke des minderwertigen Organs in 
seinem psychischen Überbau und schafft sich seine Geltung durch neue 
Wege, Erfindungen, Künste und Abwehr der sozialen Gefahren. 

Die medizinische Wissenschaft, die sozialen Gefühle der menschlichen 
Gemeinschaft, aber auch unsere Kultur, die auf volle Arbeitsfähigkeit 
des Individuums ihren Anspruch erhebt, haben erfreulicherweise das 
Interesse an dem erkrankten Menschen erheblich vertieft. Eine Steige- 
rung dieses Interesses wird unbedingt eintreten, wenn die Menschheit 
gezwungen ist, die Fragen der zukünftigen Gesellschaft für die Gegen- 
wart als bindend anzusehen. Alle diese Umstände verstärken die Not- 
wendigkeit, den Fragen der Vererbung in der Lehre von den Krankheiten 
mit regem Eifer nachzugehen. Aus unserer Darstellung ergibt sich, 
daß den angeborenen Anlagen zur Krankheit ein ungeheurer Einfluß 
einzuräumen ist, der nur zu oft verkannt wird, weil so häufig die Anlage 
unerkannt bleibt, ohne daß der Ausbruch einer Erkrankung vermieden 
wird. Je weiter die medizinische Erkenntnis vordringt, um so mehr lehrt 
sie uns im Falle der Erkrankung den Beitrag der Erblichkeit würdigen. 
Aber noch mehr. Bei aufmerksamer Beobachtung sind wir heute be- 



Über Vererbung von Krankheiten 47 

reits vielfach in der Lage, aus den dem fertigen Organismus anhaften- 
den verräterischen Spuren einer Keimschwächung den Verdacht auf 
bestimmte drohende Erkrankungen zu lenken. Wohl nur den Verdacht; 
denn es darf die Mitbeteiligung konkurrierender Krankheitsursachen 
niemals außer Betracht gelassen werden, wenngleich bei den schwer 
ausschaltbaren Ansprüchen unserer Kultur manche dieser weiteren Ur- 
sachen sich mit Notwendigkeit einstellen. DieKonjunkturz. B.be- 
herrscht das Keimmaterial, führt zur Minderwertigkeit der 
Organe und damit zur erblichen Krankheitsanlage. An dem wenig 
scharfen Krankheitsbegriff scheitert eine sichere Unterscheidung zwi- 
schen Vererbung von Anlage und Vererbung von Krankheit. Die auf- 
zubringende Leistung des Organs und ihr Verhältnis zur Organ Wertig- 
keit entscheiden über Leben und Tod, über Gesundheit und Krankheit. 
Fehlbildungen oft feinster Art und Funktionsmängel sind im allge- 
meinen die Zeichen der ererbten Minderwertigkeit und als solche recht 
häufig vererbbar. Sie sind nicht immer, trotz Krankheitsanlage, nach- 
weisbar oder können an anderen Gliedern des Stammbaumes hervortre- 
ten. Was sich daran als Krankheit anschließt, ist zumeist recht ver- 
schiedener Art. So kann es kommen, daß der bunteste Wechsel von 
Erkrankungen eines Organs und seiner zugehörigen Anteile in der Erb- 
folge in Erscheinung tritt, daß Krankheit und Gesundheit einander ab- 
lösen, daß Anlage und Gesundheit, Krankheit und Anlage aufeinander 
folgen. Die Mannigfaltigkeit wird noch gesteigert, da der Sitz des 
„geringeren Widerstandes" im Organ ein wechselnder sein kann, so 

daß die Minderwertigkeit in der Erbfolge nicht nur verschiedene und 
anderswertige Stellen des Organs, und diese in verschiedener Ausprä- 
gung, sondern auch zugehörige Zellgruppen des Nervensystems, der 
Blut-, der Lymphbahnen ergreifen kann und so einer ausbrechenden Er- 
krankung formgebend vorbaut. Andererseits darf es nicht wunder- 
nehmen, wenn wir bei manchen Erbfolgen Gleichheit der Erkrankungen 
oder sogar Auftreten identischer Krankheiten in der gleichen Entwick- 
lungsperiode vorfinden. 

Alle zu weit gehenden Anforderungen an den Organismus, Angriffe, 
die über ein bestimmtes Maß hinausgehen, auch Einschränkungen, 
die der Entwicklung eines Organs hinderlich sind, setzen in der Nach- 
kommenschaft verderbliche Wirkungen. Die Schädigungen des Indi- 
viduums: chronischer Hungerzustand, dauernd schlechte, unzweck- 
mäßige Ernährung, Überarbeit, ein Übermaß seelischer Aufregungen 
und Sorgen, frühzeitiger Arbeitsbeginn vor vollendeter Entwicklung, 



48 Über Vererbung von Krankheiten 



zittern in der Erbfolge nach. Sie erfassen in erster Linie das überan- 
strengte Organ, korrumpieren es und schaffen die schwachen Ernäh- 
rungsorgane, Muskelschwäche, Nervenschwäche, Verminderung der gei- 
stigen Leistungsfähigkeit usw., indem sie den ungestörten Ausbau der 
Organe im Keime hemmen. Kommen im Leben die inneren und äuße- 
ren Krankheitsursachen dazu, Vergiftungen, Ansteckungskeime usf., 
so kann die Beeinträchtigung einen Grad erreichen, der als Krankheit 
auffällt, wenn dies vorher noch nicht der Fall gewesen ist. Eine unge- 
heure Summe von Schädigungen, die fortgesetzt an den Organen an- 
setzen, fließt aus der heutigen Kultur. Das Defizit guter, reiner Luft in 
der Stadt, in den Wohnräumen, in schlecht ventilierten, von Staub und 
Rauch erfüllten Arbeitsräumen ist als dauernder Angriff auf die 
Atmungsorgane der Bevölkerung und ihrer Nachkommen anzu- 
sehen. Die Ausrottung der Tuberkelbazillen, deren Hauptansiedlungs- 
stättc die von Geburt aus schwachen Lungen sind, ist ein frommer 
Wunsch; die angeborene Minderwertigkeit der Atmungsorgane und 
ihrer zugehörigen Nerven-, Lymph- und Blutbahnen bestimmt den 
Ausbruch und Verlauf der Erkrankung. Die keimzüchtende Unrein- 
lichkeil, die Mängel der Hygiene in Stadt und Land verstärken den 
Angriff und können den Schutz der Haut erheblich vermindern. Wei- 
tere Störungen erfolgen aus den gesteigerten Ansprüchen an die A u g e n , 
vor allem durch schlechte Beleuchtung, an die Ohren, durch die be- 
sonderen Ansprüche unserer Kultur an "das Gehörsorgan und seine zu- 
gehörigen Anteile. Herz und Gefäße leiden durch anhaltende 
Sorgen, Überarbeit, mangelhafte Blutbildung, unzweckmäßige Ernäh- 
rung. Und alle diese Benachteiligungen erfahren für die Nachfolge 
durch ausbrechende Krankheiten eine Steigerung, von denen manche, 
wie Tuberkulose, Lues, Vergiftungen durch Alkohol, Blei usw. den 
Keimstoff besonders schwer schädigen. Maßlose Oberanstrengung des 
Gehirns durch gesteigerte Anforderungen der Organe, durch Sorgen, 
dauernde Unbefriedigung, unerträgliches Mißverhältnis zwischen 
Wunschleben und Wirklichkeit schaffen die Anlage zu nervösen 
Erkrankungen, die im Keime weitergegeben und durch erneute 
Angriffe der Innen- und Außenwelt verstärkt werden können. Dazu 
die Wechselbeziehungen oft inniger Art zwischen einzelnen 
Organen und Organteilen, die Bestrebungen des Gesamtorganismus, 
durch Ersatz und Ersatzbildungen mit den äußeren Anforderungen 
ins Gleichgewicht zu kommen, und das häufige Scheitern an einem 
Zuviel oder Zuwenig. Die Erbfolge kann diese Ersatzbestrebungen auf- 



• • 



Über Vererbung von Krankheiten 49 

nehmen und zu besserem oder schlechterem Ende weiterführen. Die 
Häufung der nervösen und geistigen Erkrankungen unserer Zeit zeigen 
mit großer Deutlichkeit auf die Größe der Widerstände, die sich einer 
harmonischen Verarbeitung der menschlichen Kultur durch den mensch- 
lichen Geist entgegenstellen. Vererbung von minderwertigen Gehirnan- 
lagen, größere Neigung zu Nervenkrankheiten sind Zeichen auf dem 
Wege zum Wachstum und Erstarken der Gehirne in der Nachkommen- 
schaft. Die stärkeren Gehirne aber, freier vom Ballast des Aberglau- 
bens und nicht mehr so sehr im Joche unbewußter Regungen, an den 
Schwierigkeiten des Lebens herangewachsen und im Kampfe gekräf- 
tigt, sind gleichzeitig Produkt und Schöpfer der fortschreitenden Ent- 
wicklung. 



Das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes. 

Von Dr. Alfred Adler (1908). 

Das Studium nervöser Kinder und Erwachsener hat in den letzten 
Jahren die fruchtbarsten Aufschlüsse über das Seelenleben zutage geför- 
dert. Nachdem erst die wichtig scheinende Vorfrage erledigt war, ob 
das Seelenleben gesunder und nervöser Personen qualitativ verschieden 
sei, — eine Frage, die heute dahin beantwortet werden muß, daß die 
psychischen Phänomene beider auf die gleichen Grundlagen zurückzu- 
führen sind — , konnte getrost der Versuch unternommen werden, 
die Ergebnisse der Psychoanalyse nervöser Menschen an dem „norma- 
len" Seelenleben zu messen. Da zeigt sich nun in gleicher Weise die 
grundlegende Bedeutung des Trieblebens für Aufbau und Zusammen- 
setzung der Psyche sowie der große Anteil des Unbewußten am Den- 
ken und Handeln, der Zusammenhang des Organischen mit der Psyche, 
die Kontinuität und Vererbbarkeit von Charakteranlagen, die volle 
Deutbarkeit des Traumlebens und seine Bedeutung und der große 

Anteil des Sexualtriebs und seiner Umwandlungen an den persönlichen 
Beziehungen und an der Kultur des Kindes. 

Unter den äußerlich wahrnehmbaren psychischen Phänomenen im 
Kindesleben macht sich das Zärtlichkeitsbedürfnis ziemlich früh be- 
merkbar. Man hat darunter durchaus kein umgrenztes psychisches 
Gebilde zu verstehen, das etwa in der psychomotorischen Gehirnsphäre 
lokalisiert wäre. Sondern wir nehmen darin den Abglanz von mehr- 
fachen Regungen, von offenen und unbewußten Wünschen wahr, Äuße- 
rungen von Instinkten, die sich stellenweise zu Bewußtseinsintensitäten 
verdichten. Abgespaltene Komponenten des Tasttriebs, des Schautriebs, 
des Hörtriebs liefern in eigenartiger Verschränkung die treibende Kraft. 
Das Ziel liegt in der Befriedigung dieser nach dem Objekt ringenden 
Regungen. Und der erste unserer Schlüsse darf lauten: ein starkes 
Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes läßt unter sonst gleichen Umständen 
ein starkes Triebleben vermuten. — In der Regel, — und vernünftiger- 
weise, — ist eine Befriedigung des Begehrens nach Zärtlichkeit nicht 
ganz umsonst zu erlangen. Und so wird das Zärtlichkeitsbedürfnis 
zum Hebel der Erziehung. Eine Umarmung, ein Kuß, eine freundliche 
Miene, ein liebevoll tönendes Wort sind nur zu erzielen, wenn sich das 
Kind dem Erzieher unterwirft, also auf dem Umweg über die Kultur. 



Das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes 51 



In gleicher Weise wie von den Eltern ersehnt das Kind Befriedigung 
vom Lehrer, später von der Gesellschaft. Das Zärtlichkeitsbedürfnis 

ist somit ein wesentlicher Bestandteil der sozialen Gefühle geworden. 
Die Stärke der Zärtlichkeitsregungen, der psychische Apparat, den das 
Kind in Szene setzen kann, um zur Befriedigung zu gelangen, und die 
Art, wie es die Unbefriedigung erträgt, machen einen wesentlichen Teil 
des kindlichen Charakters aus. — Die ursprünglichen Äußerungen des 
Zärtlichkeitsbedürfnisses sind auffällig genug und hinlänglich bekannt. 
Die Kinder wollen gehätschelt, geliebkost, gelobt werden, sie haben eine 
Neigung sich anzuschmiegen, halten sich stets in der Nähe geliebter 
Personen auf, wollen ins Bett genommen werden usw. Später geht das 
Begehren auf liebevolle Beziehung, aus der Verwandtenliebe, Freund- 
schaft, Gemeinschaftsgefühle und Liebe stammen. 

Begreiflicherweise hängt von einer richtigen Führung dieses Trieb- 
komplexes ein großer Teil der Entwicklung ab. Und es ist bei dieser 
Betrachtung recht deutlich zu sehen, wie eine Teilbef riedigung des Trieb- 
lebens ein unerläßlicher Faktor der Kultur wird, ebenso wie der ver- 
bleibende unbefriedigte Triebkomplex den ewigen, immanenten Antrieb 
zu seiner fortschreitenden Kultur abgibt. Auch die fehlerhaften Rich- 
tungen, auf die das Zärtlichkeitsbedürfnis geraten kann, sind leicht zu 
ersehen. Der Impuls soll, ehe er zur Befriedigung gelangt, zum Um- 
wege verhalten werden, er soll die Kultur des Kindes treiben. Dadurch 
werden Weg und Ziel des Zärtlichkeitsbedürfnisses auf eine höhere Stufe 
gehoben und die abgeleiteten, geläuterten Gemeinschaftsgefühle er- 
wachen in der Seele des Kindes, sobald das Ziel Ersatzbildungen zuläßt, 
sobald an die Stelle des Vaters etwa der Lehrer, der Freund, der Kampf- 
genosse treten kann. Damit muß sich die Ausdauer der Triebregung 
eng verknüpfen. Die Entbehrung der Befriedigung soll nicht das 
psychische Gleichgewicht vernichten, soll nur die Energie wachrufen 
und die „kulturelle Aggressionsstellung" erzeugen. Bleibt dem Kinde 
der Umweg über die Kultur erspart, erlangt es nur Befriedigungen pri- 
mitiver Art, und diese ohne Verzögerung, so bleiben seine Wünsche stets 
auf sofortige, sinnliche Lust gerichtet. Dabei kommt ihm vielfach 
die Neigung der Eltern entgegen, deren Freude es sein mag, sich von 
sinnlos hätschelnden, kosenden Kindern umgeben zu sehen, folgend 
den Erinnerungsspuren ihrer eigenen Kindheit. — Bei derart erzogenen 
Kindern wird stets eine der ursprünglichen Formen der Befriedigung 
auffallend bevorzugt erscheinen. Auch die Entwicklung von Selbstän- 
digkeit, Initiative und Selbstzucht leidet Mangel. Der Idealzustand 

4» 



52 Das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes 

bleibt Anlehnung und Abhängigkeit von einer der geliebten Personen, 
Entwicklungshemmungen, die mit einer ganzen Schar abgeleiteter 
Charakterzüge das weitere Lebensbild beherrschen. Bald wird Schreck- 
haftigkeit, Neigung zur Angst auffällig, die sich in die Gedankenwelt 
und ins Traumleben fortsetzen. WeibischeZügeimschlechten 
Sinne bekommen die Oberhand, und im extremen Falle baut sich die 
Psyche in falscher Richtung so weit vor, bis der mutlose, maso- 
chistische, nervöse Charakter erreicht ist. 

Den Gegensatz liefert eine Erziehung, welche dem Zärtlichkeitsbe- 
dürfnis auch die kulturellen Befriedigungen entzieht und das Kind 
mit seiner Sehnsucht nach Liebe allein läßt. Von allen Objekten der 
Zärtlichkeit abgeschnitten, besitzt das Kind nur die eigene Person als 
Ziel seiner Sehnsucht, die Sozialgefühle bleiben rudimentär, und Be- 
friedigungstendenzen erhalten die Oberhand, die Eigenliebe in je- 
der Form zum Inhalte haben. Oder das Kind gerät in die Angriffs- 
stellung. Jeder unbefriedigte Trieb richtet den Organismus schließlich 
derart, daß er sich in Aggression zur Umgebung stellt. Die rauhen Charak- 
tere, die zügellosen, unerziehbaren Kinder können uns darüber belehren, 
wie der dauernd unbefriedigte Zärtlichkeitstrieb die Aggressionsbahnen 
in Erregung bringt. Das Verständnis für den jugendlichen Verbrecher 
wird, meinen wir, durch diese Betrachtung wesentlich gefördert. Aber 
nicht immer geht die Reaktion bis zur Wirkung auf die Außenwelt. 
Die Aggressionsneigung kann eine Hemmung erleiden, die ursprünglich 
wohl im Sinne und unter dem Druck der Kultur einsetzt, später aber 
weitergreift und auch die „kulturelle Aggression", — Betätigung, Stu- 
dium, Kulturbestrebungen, — unmöglich macht, indem sie sie durch 
„des Zweifels Blässe" ersetzt. Auch bei dieser Entwicklungsanomalie 
finden wir an Stelle der Triebbefriedigung oder der „kulturellen Aggres- 
sion" Verdrossenheit, Mangel an Selbstvertrauen und Angst als den 
Ausdruc,k der gegen die eigene Person gerichteten Aggression. Daß 
viele dieser Kinder später der Neurose verfallen, darf uns nicht wunder- 
nehmen, ebensowenig, daß viele von ihnen als Charaktertypen oder 
eigenartige Individualitäten, zuweilen mit genialen Zügen ausgestattet, 
durchs Leben wandeln. 

Hier schließt sich eine große Zahl pädagogischer Betrachtungen 
an. Mag jeder Erzieher daran prüfen und weiterarbeiten. Nur hüte er 
sich, seine eigenen Wünsche und Gefühle in die Beweisführung hinein- 
zutragen, wie es unmerklich zu geschehen pflegt, wenn man eine Materie 
bearbeitet, zu der uns eigene Erinnerungsspuren hin überleiten. Und 



Das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes 53 



man bedenke, daß die Natur nicht engherzig vorgeht. Es wäre ein 
Jammer, wenn jeder Erziehungsfehler seine Folgen hätte. Für die 
Norm aber muß die Behauptung gelten: das Zärtlichkeitsbedürfnis 
des Kindes soll nicht zum Spiel allein, sondern vor allem mit kulturellem 
Nutzeffekt befriedigt werden; und man sperre dem Kinde nicht die Zu- 
gänge zur Befriedigung seiner Zärtlichkeit, wenn es sie auf kulturel- 
len Bahnen erreichen kann, denn sein Zärtlichkeitstrieb wurzelt in 
organischem Boden und zielt auf Selbstbehauptung. 



Über neurotische Disposition. 

Zugleich ein Beitrag zur Ätiologie und zur Frage der Neurosen wähl . 

Von Dr. Alfred Adler (1909). 

Die analytische Methode hat uns befriedigende Aufklärungen über 
das Wesen der Neurosen, über den Aufbau ihrer Symptome und über 
die Mittel einer souveränen Therapie gebracht. Das scheinbar 
sinnlose Verhalten der Neurasthenie, der Degenerationspsychose, der 
Zwangsneurose, der Hysterie, der Paranoia erscheint verständlich und 
wohldeterminiert. Die Leistungen genialer Menschen, verbrecherische 
Handlungen, Schöpfungen der Volkspsyche sind der psychologischen 
Analyse zugänglich und zeigen sich in ihrer psychischen Struktur 
gleichbar mit dem Aufbau der neurotischen Symptome. Diese Ver- 
gleichbarkeit der analytischen Ergebnisse und deren erstaunliche 
Identität geben dem Forscher eine solche Sicherheit auf dem nicht un- 
schwierigen Gebiete der Neurosenlehre, daß er auch gegenüber starken 
Einwänden einer berufenen Kritik nicht aus dem Takte käme. Wieviel 






weniger gegenüber ungerechtfertigten Lamentationen oder unberufener 
Aburteilung I 

Die starken Positionen in der Neurosenforschung lassen sich deutlich 
auf die ontogenetische, individualpsychologische Betrachtungsweise zu- 
rückführen. Diese Richtung betrachtet das Symptom sowie den neu- 
rotischen Charakter nicht bloß als Krankheitsphänomen, son- 
dern vor allem als individuelles Entwicklungsprodukt und sucht sie aus 
den Erlebnissen und Phantasien des Individuums zu verstehen. Das rät- 
selhafte Bild der Neurose und ihrer Erscheinungsformen fesselte wohl 
seit jeher die Aufmerksamkeit der Beobachter. Aber erst mit der Indivi- 
dualpsychologie begann der erste Schritt der R ä t s e 1 1 ö s u n g , der die 
individuellen Eindrücke und das Weltbild des Kranken in Rechnung zog, 
um daraus das Verständnis für das Rätselvolle zu gewinnen. So kamen 
auch Freud und andere zum Postulat einer ätiologi- 
schen Therapie. Die medikamentöse und physikalische Behand- 
lung erwiesen sich als überflüssige Notbehelfe, ihre zuweilen günstigen 
Erfolge als Wirkungen psychischen Einflusses von meist geringer Dauer 

und Ergiebigkeit. Doch soll nicht außer acht bleiben, daß die Zeit, „die 
alle Wunden heilt", unabhängig von Medikamenten und Kaltwasserkuren, 



*# 



Über neurotische Diaposition 55 



zuweilen psychische Schäden auszugleichen vermag, ebenso wie das Leben 
manches wieder gut macht, was es an einer Person verbrochen hat. Zahl- 
reiche Menschen weisen die Bedingungen der Neurose auf, ohne ihr 
zu verfallen, weil sie von rezenten Anlässen verschont bleiben und so, 
wenn auch oft mühsam, das psychische Gleichgewicht aufrechterhalten 
können. 

Da liegt es nun nahe, den Vergleich mit der gesunden 
Psyche zu ziehen, um der Frage näher zu kommen : was macht einen 
Menschen neurotisch? Anfangs schien es und scheint es wohl jedem, als 
ob besondere Erlebnisse oder Phantasien in den Kinderjahren den An- 
stoß zur Entwicklung der Krankheit gäben. Und tatsächlich hoben die 
ersten Untersucher auf dem Boden der Psychoanalyse, insbesondere 
Freud und Breuer, hervor, daß der traumatische Einfluß 
eines sexuellen Erlebnisses mit seinen direkten und indirekten 
Folgen, der Verdrängung und der Verschiebung, unter den Ursachen 

der Neurose die erste Rolle spiele. Die Erweiterung dieser Lehre ging 
dahin, die „sexuelle Ätiologie*' für alle Neurosen als ausschlag- 
gebend hinzustellen und den Hinweis auf den allgemeingültigen Einfluß 
der Sexualentwicklung auch für den Normalen mit dem Argumente zu 
entkräften, daß die „sexuelle Konstitution", also eine biologische Nuance 
des Sexualtriebes, die letzte Wurzel der Neurose bilde, die sich im Zu- 
sammenhange mit sexuellen Kindheitseindrücken unter dem Einfluß 
einer abnormalen Verteilung der Libido und bei Eintritt einer auslösen- 
den Konstellation einstellt. 

Was aber die sexuellen und anderen Kindheitseindrücke anlangt, die 
durch die Untersuchung des Neuro tikers zutage gefördert werden, sind 
sie in Grad und Umfang von denen der Normalen nicht sonderlich ver- 
schieden. Man findet einmal mehr, ein andermal weniger davon, immer 
aber ein Maß, das von den Gesunden auch erreicht wurde. Was 
nur so lange im Dunkeln bleiben konnte, so lange nicht eine ausgiebige 
Kinderforschung und vor allem die analytische Schulung den Blick 
für diese Geheimnisse geschärft hatte. Ich möchte diese Einsichten durch 
folgendo zwei Fälle aus meinen letzten Erfahrungen verstärken: 

Ein 4Vs jähriger Knabe, körperlich und geistig tadellos entwickelt, 
dessen Gehaben durchaus keine auffallende Bevorzugung eines der Eltern 
erkennen läßt, wendet sich mit dem Wunsche an die Mutter, er möchte 
einmal im Bette des Vaters schlafen, der Vater könne ja im Kinderbett 
schlafen. Die Mutter, eine ausgezeichnete Beobachterin ihres Kindes, 
findet den Wunsch des Kindes auffallend und versucht dessen tieferen 



56 Über neurotische Disposition 



Sinn zu ergründen. „Das geht nicht", sagt sie dem Knaben; „der Vater 
kommt immer spät und müde aus dem Bureau nach Hause. Da will 
er seine Ruhe und sein eigenes Bett haben. Aber ich werde dich in 
meinem Bette schlafen lassen, und will mich an deiner Stelle ins Kin- 
derbett legen." Das Kind schüttelt den Kopf und erwidert: „Das 
will ich nicht. Aber wenn der Vater in seinem Bette schlafen muß, 
so kann ich ja bei dir in deinem Bett liegen." 

Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, daß die Betten des Ehepaares 
nebeneinander stehen. Was wir sonst aus diesem Falle noch entnehmen 
können, ist die Courage des Jungen, seine ruhige Energie, mit der er 
nach Befriedigung seines Zärtlichkeitsbedürfnisses strebt und der 
männliche Mut, mit dem er sich an die Stelle des Vaters zu setzen 
sucht. Ich erinnere hier an meine Arbeit über den „Aggressionstrieb im 
Leben und in der Neurose", wo ich als den Mechanismus der Neurose 
die „Aggressionshemmung" hingestellt habe. In unserem nor- 
malen Falle sehen wir kaum eine Spur einer Hemmung, sondern der 
Knabe versucht zielbewußt seinen Wunsch, bei der Mutter zu liegen* 
durchzusetzen, kommt auch leicht darüber hinweg, als sein Versuch 
fehlschlägt, und wendet sich anderen Wünschen zu. Nebenbei ist er 
gut Freund mit dem Vater und hegt keinerlei Rachegedanken gegen ihn. 

Und doch konnte die Mutter kurze Zeit hernach feststellen, daß der 
kleine Junge bereits an der Lösung des Sexualproblems arbeitete. Fritz 
begann nämlich mit jener unheimlichen Fragesucht zu quälen, die eine* 
regelmäßige Erscheinung im vierten bis fünften Lebensjahre bildet; 
Freud hat darauf hingewiesen und hervorgehoben, daß sich hinter 
diesen Fragen die Frage nach der eigenen Herkunft, nach der Herkunft 
der Kinder verberge. Ich unterwies die Eltern, und als der Junge aber- 
mals zu fragen begann und vom Schreibtisch aufs Holz, dann auf den 
Baum, aufs Samenkorn und zuletzt auf das erste Samenkorn kam, er- 
hielt er zur Antwort, man wisse wohl, daß er neugierig sei, woher er und 
die andern Kinder kämen. Er möge nur ruhig fragen, er werde alles er- 
fahren. Das Kind verneinte wohl, seine Fragesucht war aber damit zu 
Ende. Also doch eine kleine Aggressionshemmung, wie sie wohl allgemein 
und erträglich sein dürfte. In der Tat blieb der Junge weiter mannhaft 
und couragiert, und seinem Benehmen haftete keinerlei Empfind- 
lichkeit, Nachträglichkeit oder Rachsucht an. 

Noch ein wichtiger Umstand ist in solchen Fällen deutlich zu erfas- 
sen. Man sieht das Kind bereits tief im Banne der Kausalität» 
Ein Kind, das Eltern, Großeltern vor sich sieht, das von Kindern hört* 



Über neurotische Disposition 57 



die zur Welt kommen, wird normalerweise auf die Kausalität stoßen, 
die zwischen ihnen besteht. Kommtnun der kindliche Ehrgeiz 
ins Spiel, dann führen Gedanken und Phantasien das Kind so weit, daß 
es selbst Vater werden will, — wie in unserem Falle. — Derartige kon- 
krete Erfahrungen, dazu Erinnerungen gesunder und neurotischer Perso- 
nen, lassen den sicheren Schluß zu, daß jedes denkfähige Kind 
um das vierte Lebensjahr auf das Geburtsproblem 
stößt. 

Außerdem geht aus unserem Falle hervor, daß wir es mit einem 
Knaben zu tun haben, der sich seiner männlichen Rolle im 
Gegensatze zurFrau bereits voll bewußt ist. Für ihn gibt es kein 
Schwanken una keinen Zweifel K Zärtlichkeitsregungen einem Manne ge- 
genüber können bei solchen Individuen die Grenzen normaler Freund- 
schaft nie überschreiten. Eine Entwicklung zur Homosexua- 
lität erscheint dadurch ausgeschlossen. 

In einem zweiten Falle, den ich hier zur Mitteilung bringen will, 
können wir die Anfänge der neurotischen Entwicklung beobachten. 

Ein siebenjähriges, blasses Mädchen mit schwach entwickelter Musku- 
latur leidet seit zwei Jahren an häufigen, anfallsweise auftretenden Kopf- 
schmerzen, die sich ganz unvermutet einstellen, Stirne und Augengegend 
befallen, ins Vorder- und Hinterhaupt ausstrahlen und nach mehreren 
Stunden wieder verschwinden. Keine Magenstörungen, kein Augenflim- 
mern. Eine organische Erkrankung ist nicht nachzuweisen. Sie soll 
stets blaß und schwächlich gewesen sein, ist nach Angabe 
der Mutter sehr klug und gilt als die beste Schülerin ihrer Klasse. 
Medikamentöse und hydropathische Kuren blieben erfolglos. 

Ich bin zur Überzeugung gelangt, daß die neurotische Psyche sich 
am leichtesten durch ihre psychische Überempfindlichkeit ver- 
rät. Die Klinik der Neurosen rechnet wohl schon lange mit dieser Er- 
scheinung, ohne, wie mir scheint, ihre psychologische Dignität gehörig 
zu würdigen oder ihre individuelle Bedingtheit zu ergründen und zu 
beseitigen. Ich kann eigentlich nur zwei Autoren nennen, die von der 
ungeheuren Tragweite dieser Erscheinung sprechen. Der Historiker 
Lamprecht hat für die Völkerpsychologie die Bedeutung dieser 

1 Aus einer großen Anzahl von Untersuchungen geht nämlich hervor, daß 
sich der Zweifel neurotischer Personen an dieses frühe kindliche Schwan- 
ken anschließt, ob ihm eine männliche oder weibliche Rolle zufallen werde. 
Die sexuelle Unerfahrenheit bringt in diesen Fällen die Verwirrung hervor. 



58 Über neurotische Disposition 



„R e i z s a m k e i t" festgestellt. Und Bleuler 1 stellt die „A f f e k t i - 
vi tat" in den Mittelpunkt der Neurosen, insbesondere der Paranoia. 

In der Regel findet sich* diese Überempfindlichkeit bei allen Neuroti- 
kern in gleicher Weise deutlich vor. Meist gibt der Patient selbst auf 
Befragen zu, daß er sich sehr leicht durch ein Wort, durch eine Miene 
verletzt fühlt. Oder er leugnet es, seine Angehörigen haben es aber 
längst empfunden, haben gewöhnlich auch schon angestrengte Versuche 
gemacht, diese Empfindlichkeit nicht zu reizen. Zuweilen muß man 
sie dem Kranken nachweisen und zeigen. Daß man diese Empfindlich- 
keit auch bei gesund gebliebenen Personen findet, kann weiter nichts be- 
weisen, wenn man sich an die zahlreichen Grenzfälle der Neurose erinnert. 

Die Äußerungen dieser Überempfindlichkeit sind interessant genug. 
Sie erfolgen präzise, sobald es sich um eine Situation handelt, in der 
sich der Patient vernachlässigt, verletzt, klein oder be- 
schmutzt vorkommt, wobei es ihm recht häufig zustößt, daß 
er auf Nebensächlichkeiten gestützt, eine derartige Situation willkür- 
lich erfindet. Oft mit großem Scharfsinne sucht er seinem Stand- 
punkte logische Repräsentation zu verleihen, die nur der ge- 
übte Psychotherapeut durchschaut. Oder der Patient nimmt eine Wahn- 
idee — wie bei der Paranoia, aber auch bei anderen Neurosen — zu 

Hilfe, um das Unerklärliche seines Benehmens zu begreifen. Dabei fällt 
immer die überraschende Häufung von Herabsetzungen und Demütigun- 
gen auf, denen solche Patienten ausgesetzt sind, bis man entdeckt, daß 
sie sozusagen ihren Ohrfeigen nachlaufen 2 . Diese Strömung 
stammt aus dem Unbewußten und führt meist vereint mit anderen 
Regungen den masochis tischen Charakter der Neurose herbei, der uns 
den Patienten als Hypochonder, als Verletzten, Verfolgten, Herabgesetz- 
ten, nicht anerkannten Menschen zeigt, für den es nur Leid, Unglück, 
„Pech 14 gibt. Der Mangel an Lebensfreude, die stete Erwartung von 

1 Bleuler, Suggestibilität, Affektivität und Paranoia. 

2 Ein Fall für viele: Ein 36jähriger Patient gefährdete sein Fortkommen 
dadurch in hohem Grade, daß er nach kurzer Zeit überall in Streit ver- 
wickelt wurde. In der Analyse gelang der Nachweis, daß in ihm ein heim- 
liches Streben lag, der Vater möge ihn mißhandeln. Aus seiner Kindheit 
und Pubertät lagen Erinnerungen vor, nach welchen er bei irgendeiner Herab- 
setzung in der Familie andernorts Streit anfing, um Prügel zu bekommen; 
oder er ließ sich „zur Beruhigung" gesunde Zähne ziehen. Der Wunsch, 
vom Vater mißhandelt zu werden, entsprach seinem Suchen nach Beweisen 
des väterlichen Hasses, dessen und anderer Überlegenheit, um die masochistische, 
„weibliche" Linie halten zu können und sich abzuhärten. 



Über neurotische Disposition 59 



Unglücksfällen, Verspätungen, mißglückten Unternehmungen und Zu- 
rücksetzungen, schon in der Haltung und in den Gesichtszügen des 
Patienten erkennbar, die abergläubische Furcht vor Zahlen, Unglücks- 
tagen und der telepathische Hang, der immer Schlimmes vorausahnt, 
das Mißtrauen in die eigene Kraft, die den Zweifel an allem erst leben- 
dig macht, das Mißtrauen in die anderen, das sozial zerstörend wirkt 
und jede Gemeinschaft sprengt, — so stellt sich zuweilen das Bild des 
überempfindlichen Patienten dar. Alle Grade der Aggressions- 
hemmung, Schüchternheit, Zaghaftigkeit, Angst und Aufregungs- 
zustände bei neuen, ungewohnten Situationen bis zu physi- 
scher und psychischer Lähmung können dem Bilde der Neurose eine 
besondere Färbung verleihen. 

Wird so die Oberempfindlichkeit zu einer „Vorempfindlich- 
koit", so sehen wir anderseits Erscheinungen in der Neurose auftreten, 
die man als „Nachempfindlichkeit 1 ' charakterisieren kann. 
Solche Patienten können einen schmerzlichen Ein- 
druck nicht verwinden, und sind nicht imstande, ihre 
Psyche aus einer Unbefriedigung loszulösen. Man hat 
den Eindruck von eigensinnigen, trotzigen Menschen, die 

es nicht vermögen, durch „kulturelle Aggression" Ersatz zu schaffen, 
sondern starr und fest „auf ihrem Willen" bestehen. Und dies in 

jeder Sache und über ihr ganzes Leben hinaus. Gerechtigkeitsfanati- 
ker und Querulanten weisen immer diesen Zug auf. Wir wollen 
einstweilen bloß hervorheben, daß diese angeführten Charaktere allen 
Neurotikern gemeinsam sind und mit der „Überemp- 
findlichkeit" in innigstem Zusammenhange stehen. 
Die Anfänge dieser Überempfindlichkeit gehen auf 
organische Überempfindlichkeit zurück, lassen sich sehr 
weit in das kindliche Leben zurückverfolgen und differieren von der 
normalen Empfindlichkeit in verschiedenem Grade. Man findet erheb- 
lichere Lichtscheu, Hyperästhesien des Gehörs, der 
Haut, größere Schmerzempfindlichkeit, besondere 
Erregbarkeit der Vasomotoren, erhöhtes Kitzelge- 
fühl, muskuläre Erregbarkeit 1 , Höhenschwindel bis in 

* Eine bestimmte Art der Nervenübererregbarkeit ist bekanntlich von Ano- 
malien der Nebenschilddrüsen abhängig, so daß wir die angeborene Minder- 
wertigkeit bestimmter Drüsen, der Schilddrüsen, des Pankreas, der Hypo- 
physe, der Nebennieren, vielleicht auch der Prostata, der Hoden und Ovarien 
usw. als den Ausgangspunkt bestimmter Überempfindlichkeiten erkennen 






•« 



60 Über neurotische Dispositioo 



r 



die früheste Kindheit zurück verfolgbar und kann sie stets auf eine O r- 
ganminderwertigkeit beziehen. In meiner „Studie über 
Minderwertigkeit der Organe" (Verlag Urban und Schwar- 
zenberg, Berlin, Wien 1907) habe ich bereits die Beziehungen dieser 
Organminderwertigkeit zur Neurose aufgedeckt und habe nach viel- 
fachen Untersuchungen noch festzustellen, daß die Überempfindlichkeit 
eines Organes in den Kreis der Minderwertigkeitserscheinungen aufzu- 
nehmen ist. Ebenso die Unterempfindlichkeit, wie wir sie bei Idioten, 

Verbrechernaturen, bei Personen mit moral insanity so häufig beobach- 
ten können, zuweilen auch bei den Neurosen, als Verlust oder Einschrän- 

kung des Schmerzgefühles, des Kitzelgefühles, der Tätigkeit der Haut- 
vasomotoren. Die Herabsetzung der Empfindlichkeit zeigt uns, — was 
aus der Betrachtungsweise der Organminderwertigkeitstheorie hervor- 
geht, — den von iden Vorfahren ererbten Defekt, dieüberempfind- 
lichkeit deckt die Kompensationstendenz auf, die aus 
den Kämpfen der Vorfahren oder des Trägers um den Bestand eines ge- 
schädigten Organes erfließt. Immer finden sich nebenbei auch andere 
Organ minderwertigkeits zeichen wie Degenerationszeichen, Schleimhaut- 
und Hautreflexanomalien, Kinderfehler und Erkrankungen des betref- 
fenden Organs oder Organsystems, wenn auch häufig, wie schon be- 
schrieben, am Stammbaume des Patienten verstreut. So kommt in 
die Grundlagen der psychologischen Forschung ein phylogenetisches Mo- 
ment, das bis auf die organischen Wurzeln der Neurose und auf das 
Problem der Heredität zurückreicht. Die Überempfindlichkeit samt 
ihrem psychischen Substrat machen es aus, daß die aus den Organen 
stammenden Trieb tendenzen ungesättigt bleiben und so den Aggressions- 
trieb in einen andauernden Reizzustand versetzen K Erhöhte Reizbarkeit, 
Jähzorn, Neid, Trotz, Ängstlichkeit bleiben nicht aus und erfüllen die 
Gedankenkreise des Kindes frühzeitig miteinem inneren Wider- 
spruch gegen die ihm aufgezwungene Kultur, die nur bei geringer 
Widerstandsleistung des Kindes leicht haftet. Nun kann sich auch die 
einsichtsvollste Erziehung bis heute nur schwer von ihrem Grundprinzipe 

werden. In vielen Fällen geht dann die auslösende Wirkung nicht von der 
ursprünglich minderwertigen Drüse aus, sondern kommt durch Überkom- 
pensation einzelner Teile oder anderer Organe zustande, die qualitativ oder 
quantitativ den Ersatzzweck verfehlt. So auch durch das Zentralnerven- 
system oder bestimmte Nervenbahnen, wenn sie zur Überkompensation ge- 
zwungen sind. Eine eingehende Erörterung siehe in Adlers „Studie über 
Minderwertigkeit der Organe". 

1 Siehe „Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose". 



Ober neurotische Disposition 61 



losmachen, welches nach dem Schema „Schuld — Strafe" 1 zu er- 
ziehen verpflichtet. Dies und der Lauf der Dinge, der so oft nach dem glei- 
chen Schema gerichtet ist, erfüllt die Gedankenwelt vor allem jener Kinder, 
die frühzeitig in den inneren Widerspruch geraten mit einer Er- 
wartung eines unheilvollen Ausganges seiner ver- 
botenen Wünsche und Handlungen. Anderseits bringen es 
die Überempfindlichkeit sowie die sekundär verstärkte Triebintensität 
und -extensität mit sich, daß sich die gereizte Aggressionstendenz des 
Kindes gegen Personen richtet, die ihm die allernäch- 
sten, zuweilen auch die allerliebsten sind, gegen Va- 
ter, Mutter oder Geschwister. Ist es ein Knabe, so wird er in 
der Regel nach den väterlichen Prärogativen verlangen, ein Mädchen, 
nach den mütterlichen. Findet sich das Kind in seiner Ge- 
schlechtsrolle nicht zurecht, so beginnt es zu schwanken, 
und der Zweifel beginnt seine frühesten Wurzeln zu schlagen. Zu- 
weilen kann sich die feindliche Aggressionsneigung im Kinde entfalten, 
dann kommt es zu feindseligen Gedanken und Regungen gegen Personen 
der Familie. Gewöhnlich widerstreitet diesen ein Gefühl der Zärtlichkeit, 
der Liebe, der Dankbarkeit, die Aggression wird eingeschränkt oder so weit 
abgeschwächt, daß ihr Ursprung nur schwer zu finden ist oder sich nur in 
Träumen und im Charakter auch der späteren Jahre als Schema verrät. 
Schon auf dieser Stufe der Entwicklung ergeben sich verschiedene 
psychische Zustandsbilder, deren Zahl noch namhaft vergrös- 
sert wird, wenn wir andere gleichzeitig oder nacheinander wirksame psy- 
chische Einschläge und Regungen in Betracht ziehen. So ist die teilweise 
Emanzipation des Kindes von seinem Stuhl- und Harntrieb vor sich 
gegangen, und diese Emanzipation hat ihm im Zusammenhange mit 
der Entwicklung des Schau- und Riechtriebes eine dauernde Re- 
aktion gegen Schmutz und schlechte Gerüche hinterlassen. Ich 
muß auch bei diesem Punkte darauf hinweisen, wie sehr dieses Resultat 
von der Wertigkeit und Empfindlichkeit des Auges, 
der Nase abhängig ist, so daß die Entscheidung gleichfalls von 
der Organminderwertigkeit abhängig wird. Haben nun schon das Organ 
und sein Trieb, sowie alle ihre differenzierten Fähigkeiten, wie Empfind- 
lichkeit usw., auf der primitivsten Stufe ihren psychischen Ausdruck und 
Charakter, so fallen die Erscheinungen der Hemmungen, der Reaktion, 
ganz ins Gebiet der psychisch en Phänomene und präsen- 

1 Asnaourow, Sadismus und Masochismus in Erziehung und Kultur. 
E. Reinhardt, München, 1913. 



62 Über neurotische Disposition 



tieren sich als Furcht, Idiosynkrasie, Ekel, Scham. Die ganz psychisch 
gewordene Uberempf indlichkeit erfaßt je nach der Individua- 
lität, d. h. je nach der Beeinflussung der Psyche durch 
das minderwertige Organ, alle Beziehungsmöglichkeiten, die 
ihr widerstreiten und sucht sie aus dem Erleben auszuschalten 1 . Aus 
diesen Affektlagen, die, mit Überempfindlichkeit und starker Reaktions- 



wu 



stellen, entspringt bald eine passive, bald eine aktive Konstellation, 
überwiegt bald das Ausweichen vor Verletzungen der Empfindlich- 
keit, bald das aggressive Vo rbauen oder Vo rschauen, meist beides. 
Die Stärke des ursprünglich vorhandenen Aggres- 
sionstriebes sowie der Aggressionsfähigkeit ist 
offenbar vererbt und als Ausdruck der Kompensa- 
tionstendenz zu betrachten. Physiologisch betrachtet handelt 
es sich um die Leistungsfähigkeit der kortiko-muskulären Bahn, und 
eines der Zeichen ihrer angeborenen Minderwertigkeit wird sich als 
„körperliche Schwäche", d. h. in erster Linie als muskuläre In- 
suffizienz darstellen. In der Tat ist es ein nahezu regelmäßiger Bericht 
der Frühanamnese neurotischer Patienten, daß sie schwächliche Kinder 

waren. Oder aber man erfährt, daß die Patienten als Kinder auffallend 



(linkshändig?) und ungeschickt 
lamaffen und Strafen zugezogen haben 



Enure- 



Stammeln 



habe, nel 
Eindruck 



schicklichkeit hervortreten lassen, so daß auch die Ungeschick- 
lichkeit als ein Beweisstück des Kampfes angesehen werden muß, 
den gewisse Organsysteme bei ihrer Domestikation, bei ihrer Ein- 
fügung in das Kulturmilieu zu führen haben. 



1 Ein dreijähriges Mädchen zeigt seit einiger Zeit Mangel an Eßlust. Be- 
fund negativ. Bei der Untersuchung fällt auf, daß das Kind wiederholt aus- 
ruft: „Es stinkt!" Die Eltern geben an, daß das Kind seit einiger Zeit 
bei allen Gelegenheiten diesen Ausruf gebrauche. Die weitere Exploration 
ergab eine überaus starke familiäre Geruchsüberempfindlichkeit und Defä- 
kationsanomalien. Die Nase macht ihre Idiosynkrasien als Trotz geltend. Die 
Geruchstoleranz ist so niedrig geworden, daß auch auf normale Gerüche 
mit Widerwillen reagiert wird. Der Mangel an Eßlust stammt aus dieser 
tendenziös verminderten Toleranz. — Vor allem kommt das Ziel in Be- 
tracht, das Gefühl der Überlegenheit durch Negativismus zu erreichen. 



■ 



Über neurotische, Disposition 63 



Spuren dieser Ungeschicklichkeit kann man ebenso wie Reste des 

Kinderfehlers im Leben des erwachsenen Neurotikers oft nachweisen 1 . 
Häufig bleibt eine psychische Unbeholfenheit zurück, die mit der späteren 
häufig hervorragenden geistigen Schärfe lebhaft kontrastiert und den 
Schein geistiger Minderwertigkeit hervorrufen kann. Zumeist aber re- 
sultiert ein Zustand der Ratlosigkeit, Schüchternheit, Zag- 
haftigkeit, der weit vor Beginn der Neurose einsetzt. Die Entwick- 
lung des Selbstvertrauens, der Selbständigkeit bleibt mangelhaft, das 
Anlehnungs- und Zärtlichkeitsbedürfnis steigert sich ins Unermeßliche, 
so daß den Wünschen des Kindes unmöglich Genüge geleistet werden 
kann. So kommt es, daß die von Haus aus vorhandene stärkere Emp- 
findlichkeit ungemein gesteigert wird und zu einer Überempfindlich- 
keit anwächst, die fortwährend zu Verwicklungen und Konflikten Anlaß 
gibt. Anfänglich besteht ein Gefühl des Zurückgesetztseins, der Ver- 
nachlässigung, „man ist ein Stiefkind, ein Aschenbrödel", daran knüpfen 
Gedanken und Phantasien an, die sich wieder im Leben des Kindes 
äußern, als Entfremdung, Hang zum Mißtrauen und als der brennende 
Ehrgeiz, es den anderen zuvorzutun, besser zu sein wie diese, schöner, 
stärker, größer und klüger. Daß diese ununterbrochen andauernden 
Wünsche einen mächtigen psychischen Antrieb bilden, und daß sie in 
der Tal vielen von diesen Kindern zur Überwertigkeit verhelfen, ist 
keine Frage. Oft aber tritt aus dieser Konstellation vorwiegend die 
Kehrseite an die Oberfläche, die wirklich geeignet ist, dieses Menschen- 
material unbeliebt zu machen, so daß sie mit ihren Befürchtungen der 
Herabsetzung, der Mißgunst, der allgemeinen menschlichen Schlechtig- 
keit und Gehässigkeit zum Schlüsse scheinbar recht behal- 
ten. Damit nun hängt es zusammen, daß sich gewisse Charakter- 
züge immens verstärken, daß wir Regungen des Hasses, des 
Neides, des Geizes vorfinden, die sonst in der Kinderseele 
nicht diese große Rolle spielen, und daß wir in der fertigen 
Neurose diese Stimmungslagen individuell nachweisen können. Aus 
der Weiterentwicklung dieser Regungen, die in der verwegensten Weise 
die Gedankenwelt und die Phantasie des Kindes befruchten, sowie der 



1 Daß diese Unbeholfenheit oft in eine auffallende Geschicklichkeit, Kunst- 
fertigkeit oder in künstlerisches Wesen übergeht, und zwar auf dem Wege 
der psychischen Überkompensation, habe ich in meiner „Studie" (1. c.) hin- 
länglich betont. Ich bin der Ansicht, daß die häufige Erscheinung der Links- 
händigkeit bei Künstlern (siehe Fließ), aber auch bei Neurotikern die gleichen 
Grundlagen der cortico-muskulären Systemminderwertigkeit aufweist. 



64 Über neurotische Disposition 



psychischen Überempfindlichkeit, mittels deren das Kind Blamage und 
Strafe nicht nur härter empfindet wie andere, sondern auch — zuweilen 
grundlos — vorausahnt, ergibt sich von selbst ein fortwähren- 
der innererKonfliktin der kindlichen Psyche, der der Umgebung 
nur selten bekannt wird. Denn das Kind lernt sich verstellen und 
schweigt, — eben aus Überempfindlichkeit, aus Furcht vor Strafe oder 
Herabsetzung. 

Dieses Schweigen aber, das Geheimnis des Kindes, verrät 
uns, daß in ihm Bewußtseinsregungen wirksam geworden sind, die es 
nicht merken lassen will. Und es ist die Vorstellung gerechtfertigt, 
daß das Kind vor anderen schweigt, aber auch seinen eigenen 
Gedanken über bestimmte Wünsche, über gewisse 
Triebregungen auszuweichen sucht, weil es sich durch 
das Bewußtsein derselben beschmutzt, herabgesetzt, 
lächerlich gemacht fühlt, oder, — und dies ist bereits 
ein Erfolg seiner Vorempfindlichkeit, — weil es solche 
unangenehmen Folgen erwartet und befürchtet. Während sich einerseits 
eine Weltanschauung des Kindes Bahn bricht, die oft nur in Spuren 
rekonstruierbar oder zu erkennen ist, aus der eine Erwartung entspringt, 
wie: „man wird mich strafen", — „man wird mich auslachen", identisch 
mit einer tiefgefühlten Überzeugung, wie: „ich bin ja böse, sünd- 
haft" oder „ich bin zu plump und ungeschickt", versucht die Über- 
empfindlichkeit je nach dem vorhandenen Material und zu- 
meist ausgehend von den schwächsten Punkten des 
Seelenlebens oft die entgegengesetzten Charaktere und Eigenschaf- 
ten zu entwickeln. Man wird in diesen Fällen Tendenzen wahrnehmen, 
die auf Hemmung der primären Triebregungen (des Mundes, der Augen, 



der Exkretionsorgane) gerichtet sind, oder die imstande sind, das Pein- 
liche der Minder wertigkoitserscheinungen oder gleichgeachteter Schwä- 
chen besonders tief empfinden zu lassen (das Erröten, die Schmerz- 
empfindlichkeit, Schwächlichkeit, Unverständnis, geringe Körpergröße 1 ). 
Dicht daneben bemerkt man aber bereits die Ansätze, die als die psy- 
chischen Schutzvorrichtungen deutlich zu erkennen sind, 
berufen, einem Umkippen in den alten Fehler und damit einer Ver- 
letzung der Überempfindlichkeit vorzubauen. Hierher gehören alle Züge 
von Pedanterie, die nur den einen Sinn haben, eine Sicherung der 
Lage herbeizuführen und, wie ich später fand, zum Druck auf die Um- 



1 Erythrophobie, Stottern, Hypochondrie und verwandte Züge in den 
Neurosen lassen diesen Mechanismus stets erkennen. 



9V 



Über neurotische Disposition 65 



gebung bestimmt sind. Aber ebenso machen sich abergläubische 
oder einem Anlehnungsbedürfnis entspringende Re- 
gungen breit, die wie Sicherungsvorkehrungen die Höhe 
der neugewonnenen moralischen oder ästhetischen Kultur garantieren müs- 
sen (Gebete, Zeichen- und Zahlensymbolik, Zauberglauben usw. 1 ). 
Und wieder nebenan, aus der gleichen Weltanschauung stammend, findet 
man Erscheinungen der Selbstbestrafung oder der Buße, 
ästhetische Anwandlungen, Tendenzen, sich Schmerzen, Entbehrungen, 
Leistungen aufzuerlegen 2 , sich vom Spiel, von Vergnügungen, von der 
kleinen Welt der Gespielen zurückzuziehen 3 . Dabei ist das Kind stets 
am Werke, mit äußerster Vorsicht sein Geheimnis zu wahren und kann 
dabei so weil kommen, bei jedem Menschen, insbesondere aber beim 
Arzt, die Absicht zu vermuten, dieses Geheimnis auszukundschaften 4 . 
Mißtrauen und der Verdacht, man habe etwas mit ihm vor, entstehen 

■ 

beim Kinde. Dieses Ensemble führt zu den von mir (siehe: „Der 
Aggressionstrieb") beschriebenen Formen der Aggressionshemmung, und 
ich muß weiterhin die Behauptung aufstellen, daß die Aggres- 
sionshemmung zustande kommt durch die Konkur- 
renz anderer Organminder wertigkeitsers cheinun-- 
gen, insbesondere der Überempfindlichkeiti 

■ 
■ 

Von der moralischen Seite betrachtet, mündet der psychische Entwick- 
lungsprozeß der Organminderwertigkeit in ein vergrößertes S c h u 1 d b e- 
wüßt sein und in eine Überempfindlichkeit gegen Selbst vorwürfe und 
Vorwürfe der Umgebung 5 . Diese drückende Konstellation bewirkt es, daß 

1 Diese Züge finden sich später insbesondere bei der 
Zwangsneurose. 

2 Einer meiner Patienten mußte jedesmal im Bade den Kopf so lange unter 
Wasser halten, als er bis 49 gezählt hatte; vor allem, um sich «eine Über- 
legenheit zu beweisen. 

3 Erscheinungen, die wir in der Hysterie, Hypochondrie und Melancholie 
wiederfinden. Auch hier: „Aus der Not eine Tugend machen", im kleinen 
Kreise überlegen zu sein, nicht „mitzuspielen". 

4 Ist diese Tendenz besonders ausgebildet, so stellt sie das normale Ana- 
logon der Paranoia dar. Auch bei der Hysterie finden sich diese Züge. 

6 Die Bedeutung der „tragischen Schuld" im Drama entspricht un- 
gefähr der Stellung des Schuldbewußtseins in der Neurose. Viele Dichter 
insbesondere Dostojewsky, haben die Zusammenhänge von Schuldbewußtsein 
und Psyche meisterhaft dargestellt. Spätere Befunde legten mir nämlich 
nahe, das Schuldbewußtsein als ein Mittel zur Aggressionshemmung, als 
Sicherung aufzufassen, dem gleichwohl oft das Gefühl der Überlegenheit über 
andere sich anschließt oder entstammt (Ethik, religiöse Erhebung.) 



66 Über neurotische Disposition 



die psychische Arbeitsleistung eine namhafte Erhöhung erfährt, da das 
ganze weitere Leben unter dem Drucke der Überempfindlichkeit steht, 
die wie ein allzeit bereiter Motor das Triebleben modifiziert, die Trieb- 
richtung hemmt und beeinflußt. Anderseits besteht dauernd ein lasten- 
des, drückendes Gefühl einer begangenen oder zu ver- 
hütenden Schuld 1 , das abstrakt geworden ist und stän- 
dig nach einem Inhalte sucht. Zuweilen ist dieses 
Suchen nach dem Inhalte des Schuldvollen, Straf- 
baren besonders akzentuiert (dann entsprechen ihm später 
oft Zwangshandlungen und Zwangsideen, Aufspüren des „Lasters" in 
jeder Form). Das Gefühl« ein „Verbrecher", ein „Auswürfling" zu 
sein, beginnt zu dominieren und steigert die Überempfindlichkeit gerade 
gegen Vorwürfe und Konstellationen entsprechender Art. 

Es scheint, daß gewisse Entwicklungspunkte diese innere Spannung, 
den primären inneren Konflikt steigern und mit ihrem Inhalt 
erfüllen können. So vor allem sind es die ersten Berührungen 

mit dem Sexualproblem, die etwa um das fünfte Lebensjahr statt« 
haben, ferner die Masturbation und die Sexualbeziehun- 
gen des Erwachsenen. Man gewinnt dabei den Eindruck, daß 
alle die späteren Konflikte zur manifesten Neurose 
führen können, sobald der primäre, aus der Organ- 
minderwertigkeit stammende innere Widerspruch be- 
st e h t , und man kann bei allen zur Neurose Disponierten von einem 
Zustande der „psychischen Anaphylaxie" sprechen, der sein 
materielles Analogon bei bakteriellen Erkrankungen hat, wo bei ge- 
wissen Vorimpfungen eine Überempfindlichkeit gegen das ursprüngliche 
Gift erlangt wird. 

Die ersten Sexualerkenntnisse, die sich dem Kinde auf Schleichwegen 
ergeben, verletzen eine vorhandene Überempfindlichkeit auf 
das allerheftigste. Das Kind kann sich betrogen, gefoppt, ausgeschlossen 
vom allgemeinen Wissen vorkommen. Es empfängt den Eindruck, 
daß man Komödie vor ihm spiele, es sieht sich einem Geheimbunde der 
anderen gegenüber und ist, was insbesondere bei Minderwertigkeit der 
Sexualorgane und der sie häufig begleitenden größeren Empfindlich- 
keit anbelangt, mit seinem frühzeitig gesteigerten Sexualtriebe in eine 
schwierige Lage versetzt. Das „sexuelle Trauma", ebenso die Frühmastur- 
bation ergeben sich dann von selbst, wichtiger aber sind die frühen Ge- 



1 Die Erbsünde der religiösen Anschauung ist das normale Gegenstück. 



Über neurotische Disposition 67 



dankenregungen und Phantasien, die ins Inzestuöse 1 geraten können 
und mangels wichtiger Orientierung perverse Züge verraten oder 
das Schwanken und den Zweifel 2 des Kindes ungemein verstär- 
ken. Und über alle Regungen des Kindes legt sich drohend das nunmehr 
vertiefte Schuldbewußtsein, damit die Hemmung jeder Aggression, die 
Buße und die Erwartung einer Strafe, eines unglücklichen Ausganges. 
Ähnliche Vorgänge steigert die Masturbationsperiode. Und es bleibt Sache 
des Schicksals des einzelnen, vor allem aber der jeweiligen Konstel- 
lation, aus welchen der oben geschilderten Minderwertigkeitserschei- 
nungen und aus welcher Zeit ihrer Entwicklung die Neu- 
rose ihre Bilder zu nehmen gezwungen ist. 

Nach diesen Vorbemerkungen will ich einige psychotherapeutische Er- 
gebnisse zu dem Falle des siebenjährigen Mädchens mit „nervösem 
Kopfschmerze" vorbringen. Meine erste Frage betraf die Empfindlich- 
keit des Kindes. Die Mutter berichtete, daß das Mädchen gegen 
Sdbmerz, gegen Kälte und Hitze sehr empfindlich sei. In seelischer 
Beziehung sei die Empfindlichkeit geradezu krankhaft. Sie lerne un- 
gemein fleißig und komme ganz verstört nach Hause, wenn sie einmal 
in der Stfwle eine Frage nicht beantworten konnte.' 



>> 



Wie verträgt sie sich mit ihren Mitschülerinnen?" 



„Sie streitet nicht, rauft nicht, hat aber keine eigentliche Freundin. 
Audi will sie immer alles besser wissen und besser machen als die 



anderen. 



«« 



„Können Sie etwas darüber sagen, ob sie den Vater vorzieht?" 

„Der Vater ist häufig auf Reisen. Sie ist ihm sehr zugetan. Eher 
möchte ich glauben, daß sie mich vorzieht." 

„Woraus schließen Sie das?" 

„Es ist eine ständige Redensart meiner Tochter: wenn ich einmal 
groß bin, werde ich auch einen Hut, ein Kleid, usw. wie 
die Mama haben." 

„Leiden Sie denn auch an Kopfschmerzen?" 

„Oh, ich habe seit Jahren die entsetzlichsten Kopf - 
schmerzen." 



1 Wie sich mir diese Regung später als eine Täuschung des Nervösen ten- 
denziöser Art, als „Inzestgleichnis", erwies, siehe „Über den nervösen Cha- 
rakter" 1. c. 

2 Der Wiener Dialekt hat für den Fall des äußersten Zweifels und der 
lähmenden Ratlosigkeit den Ausruf: „Jetzt weiß ich nicht, ob ich ein 

Mandl oder ein Weibl bin." 

5' 



68 - Über neurotische Disposition 



„Nun, da hat die Kleine eben auch Kopfschmerzen 



wie die Mama!" 

Solche Behauptungen aufzustellen, dürfte manchem gewagt erschei- 
nen. Eine gewisse Erfahrung in der analytischen Psychologie läßt aber 
ein solches Vorgehen gerechtfertigt, ja noch mehr als notwendig 
erscheinen. So viel ist aus der kurzen Bekanntschaft bereits zu er- 
schließen, daß dieses Mädchen den angestrengten Versuch 
macht, sich in die Rolle der Mama hineinzudenken, woraus wir entneh- 
men können, daß sie sich über ihre Stellung als Mädchen und zukünftige 
Frau unzweifelhaft im klaren ist. Was die Mutter als Bevorzugung 
ihrer Person ansieht, kann nicht als solche zugegeben werden. Es 
gewinnt vielmehr den Anschein, als wähle die Kleine für ihr Benehmen 
in manchen Punkten die Beziehung der Mutter zum Vater als Aus- 
gangspunkt, wobei sie der Mutter möglichst gleich zu werden trachtet. 
Diese Tendenz sowie der unverkennbare Ehrgeiz des Mädchens, ihre 
gereizte Überempfindlichkeit, wenn sie Kameradinnen gegenüber zu- 
rückstehen soll, müssen notwendigerweise nach außen hin das Ge- 
präge des Neides erhalten. Eine diesbezügliche Frage wird von 
der Mutter bejaht mit dem Hinweise, daß es sich dabei vorwiegend um 
Futterneid, — Obst und Näschereien bezüglich, — handle. Der 
Vater der kleinen Patientin leidet an Cholelithiasis (Minderwertigkeit des 
Ernährungsapparates), die Kleine hat in den ersten zwei Lebensjahren 
an Diarrhöen, seither an Obstipation (Darmkompensation) gelitten. 
Sollte die Kleine im allgemeinen die Mutter beneiden und bereits Zei- 
chen von Wissensneid (Vorbereitung für die zukünftige Rolle!) äußern? 

Weitere Erkundigungen ergeben, daß das Kind schon vor länge- 
rer Zeil eine Neigung zu masturba torischen Berührungen zeigte, daß 
es seit Geburt im Schlafzimmer der Eltern schlief, daß es kokett 
sei und sich gern in schönen Kleidern im Spiegel betrachte. Als 
ich der Mutter meine Vermutung über die Ursache der Kopfschmerzen 
mitteilte, rief die Mutter aus: „Oh, deshalb peinigt mich der Fratz 
immer mit der Frage, woher die Kinder kämen I" Sie er- 
zählte mir weiter, sie habe dem Kinde auf seine Fragen vor längerer 
Zeit geantwortet, die Kinder kämen aus einem Teiche. Seither bringe 
das Mädchen sehr häufig das Gespräch wieder auf diesen Punkt. 
Eines Tages fragte es: „Und wozu braucht man die Hebamme?" 
Die Mutter antwortete ihr, die hole eben das Kind aus dem Teiche 
Nach einiger Zeit fragte das Mädchen: „Du sagst also, daß man 
die kleinen Kinder aus einem Teiche bringe? Was geschieht aber im 



2 



M 



Über neurotische Disposition 69 



Winter, wenn der Teich zugefroren ist?" Darauf konnte die Mutter 
nur ausweichend antworten. 

■ 

Man sieht hier deutlich, wie die sexuelle Neugierde den Witz und 
Scharfsinn des Kindes zur Entfaltung bringt und im allgemeinen seine 
Wißbegierde steigert 1 . — Von Zornausdrücken, Jähzorn, Wut ist bei 
dem Kinde keine Spur wahrzunehmen. Der Aggressionstrieb vermeidet 
offenbar bei gegebener Verletzung der Überempfindlichkeit diese aktiv- 
sten Bahnen. Außer den Fragen an seine Mutter, die aber auch äus- 
serst vorsichtig gefaßt sind, findet man keinerlei Zeichen einer 
äußeren Aggression. Es ist daher die Vermutung berechtigt, daß der 
stürmische Wissensdrang, der in dem Kinde tobt, auf die Schmerz- 
bahnen abgelenkt wird (Imitation der Mutter), dabei einen ererbten 
Locus minor is resistentiae ergreift und so das Symptom der Kopf- 
schmerzen erzeugt. 

Bleibt noch die Frage, wodurch wird jedesmal dieser nervöse Me- 
chanismus ausgelöst? Ich frage die Mutter, wann der letzte Anfall 
aufgetreten ist. „Gestern nachmittag; auf der Straße!" 

„Können Sie einen Grund ausfindig machen?" 

„Nein. Ich wollte mir ein Kleid bestellen." 

„Haben Sie das Kleid bestellt?" 

„Nein. Die Kleine jammerte so entsetzlich, daß mir nichts übrig 
blieb, als unverrichteter Dinge nach Hause zu fahren." 

Das heißt, das Kind hat es durch seine Kopfschmerzen vorüber- 
gehend verhindert, daß die Mutter ein neues Kleid bekommt. Dann 
muß aber, wie wir vorausgesetzt haben, der Neid (ursprünglich Futter- 
neid, später durch Verschränkung Augenneid, Wissensneid) eine maß- 
gebende Rolle spielen. Wir erinnern uns der Worte des Kindes: „Wenn 
ich groß bin, werde ich auch einen solchen Hut, solche Kleider wie die 
Mutter haben." Die Überempfindlichkeit des Mädchens ist also gegen 
jeden Vorzug gerichtet, durch den die Mutter vor ihr ausgezeichnet 
erscheint, gegen die Anschaffung neuer Kleidungsstücke, gegen das 
bessere Wissen über die Herkunft der Kinder, und es wäre nur zu 



1 Für die Pädagogik möchte ich daraus die Folgerung ableiten, mit der 
Sexualaufklärung des Kindes so lange zu warten, bis diese Förderung der 
Wißbegierde erfolgt ist. Allerdings auch nicht länger. (Nachträglich: Heute 
würde ich diesen Fall etwas anders ansehen. Das Mädchen machte offenbar 
erhöhte Anstrengungen, um in der weiblichen Rolle, da sie kein 
Mann werden konnte, die Mutter zu überflügeln. Daher auch die zu diesem 
Zwecke der Überlegenheit brauchbaren Koptschmerzen.) 



70 Über neurotische Disposition 

verwundern, wenn sich die gleiche Überempfindlichkeit des früh- 
reifen Kindes nicht auch gegen die zärtlichen Beziehungen des Vaters 
zur Mutter richten würden. — Es ist sicher vorauszusetzen, 
daß die Zärtlichkeit des Vaters gegen die Mutter gerade zur Zeit 



besonders 



itoms 



lächelnd zugibt. Die Fixierung des gleichen Sym 

zeigt also in die gleiche Richtung : Rivalität gegen die Mutter. 



Der etwas ängstliche Vater, aber auch die Mutter beginnen nun 
das Kind zu verhätscheln. 

Damit erspart sich das Kind eine große Anzahl von Verletzungen 
seiner Überempfindlichkeit. Aber schon zeigt sich von ferne die Gefahr, 
die dem Kinde droht. Es hat keine Freundin, meidet Gesellschaft, wird 
schüchtern und feige, zeigt sich aufgeregt, wenn Besuche zu erwarten 
sind. Es ist kein Zweifel, daß seine „kulturelle Aggression" gehemmt ist. 

Welches ist nun die Kraft, die imstande ist, eine solche Hemmung 
durchzuführen und dem Kinde die ungehinderte, freie Auswahl der 
Mittel, seine Triebe zu befriedigen, unmöglich zu machen? Nach 
meiner Erfahrung erfährt man dies von den Kindern selten. Es sei 
denn unter ganz günstigen Bedingungen, bei noch ungebrochenem 

Mute des Kindes, und wenn man sein volles Zutrauen hat. Man ist dar- 
auf angewiesen, die aus der Individualpsychologie Neurotischer ge- 
wonnenen Erfahrungen zu Rate zu ziehen, aus denen auch die vorange- 
schickten Beobachtungen stammen. Die volle Beruhigung über die Rich- 
tigkeit und Konformität des Zusammenhanges wird sich dann aus der 
Anwendbarkeit und dem Verständnisse für mehrere oder alle Symptome 

der kindlichen Psyche ergeben. So auch in diesem Falle. Der innere 
Widerspruch, der zum primären Konflikte und damit zur Unausge- 
glichenheit und Zaghaftigkeit dieser Kinderseele führte, muß in dem 
Zusammenstoße seiner Triebe und einer sie verurteilenden Instanz ge- 
legen sein, wobei eine kleine Erfahrung peinlicher Erlebnisse (Organ- 
empfindlichkeit, Blamagen, Strafen) zur Intoleranz gegen Herabsetzung 
führte. Damit war ein mächtiger Impuls zum Neid und der An- 
satz zu stürmischem Ehrgeiz gegeben, der größeren, erfahre- 
neren Mutter gleich zu werden. Die Verschränkung mit dem frühzeitig 
erwachenden Sexualtriebe könnte in das ganze Ensemble von Regungen 
einen feindseligen, aber straffälligen Zug gegen die Mutter bringen. Es 
ergibt sich deshalb ein sicherndes Schuldgefühl, dessen Basis 
und Inhalt aus dem Bewußtsein gestoßen wird, ein sozusagen abstraktes 
Schuldgefühl, das sich mit jedem möglichen Inhalte verbinden kann, 



Über neurotische Disposition 71 



durch seine Inkongruenz aber leicht auffällig wird. Dieses Schuldge- 
fühl bewirkt die Hemmung der Aggression, — „so macht Gewissen 
Feige aus uns allen", — und so entsteht eine Situation, der die Aus- 
gleichsmöglichkeit fehlt, eine Konstellation, auf deren Bahnen sich 
die Symptome der Neurose entwickeln, die aber wieder dem ehrgeizi- 
gen Ziele des Kindes, allen überlegen zu sein, genügen. 

Dementsprechend wird der Aufbau einer Neurose in jedem Falle 
Erscheinungen nachweisen lassen, die auf diese Konstellation 
und ihr vorläufiges Resultat (je nach der Wirksamkeit der angebore- 



nen Aggressionsfähigkeit) reduzierbar sind, sich auch von dies« 
Punkte aus verstehen und kurieren lassen. Ein Schema der Neurose 
und ihrer Erscheinungen, das auf Vollständigkeit oder Abgeschlossen- 
heit keinen Anspruch erhebt, hätte folgende Punkte regelmäßig 
zu berücksichtigen : 

I. Erscheinungen, die den ursprünglichen Triebregungen sowie den 
Merkmalen der Organminderwertigkeit entsprechen. 



Psychischer 
Verrat des 

Unsicherheits- 
und 

Schuld- 
gefühles. 



II. Überempfindlichkeit, die sich gegen Herab- 
kzung, Beschmutzung, Bestrafung kehrt. 

III. Erwartung von Herabsetzung, Beschmutzung 



selben. Angst. 

IV. Selbst vor würfe, Selbstbeschuldigung. 

V. Selbstbestrafung, Buße, Askese 1 . 



geg 



VI. Ursachen des Schuldgefühles: Immer tendenziöse Verfehlungen 
infolge von festgehaltener Organminderwertigkeit, und feindselige Ag- 
gression gegen den gleichgeschlechtlichen Teil der Eltern (letztere kann 
bei zweifelhafter sexueller Orientierung in der Kindheit fehlen), Mastur- 
bation. Alle anderen Ursachen des Schuldgefühles lassen sich als 
Verschiebungen erkennen. Auch diese Hervorhebungen des Nervösen 
erwiesen sich später als tendenziöse Mittel zum Zweck. 

VII. Als Folge einer der möglichen Konstellationen eine sich er* 
gebende Aggressionshemmung, die als brauchbares Arrangement fest- 
gehalten wird. 



1 Zuweilen kommen hier Erscheinungen zutage, die dem Punkte I gleich- 
zeitig entsprechen: Selbstbeschmutzungen, Selbsterniedrigungen, Masturbations- 
zwang oder Verschiebungen ins Psychische: Ungeschicktheiten, gesuchte Bla- 
magen und Schmerzen; Bevorzugung von Dirnen u. a.; die „Wollust der 
Askese", Masochismus gehören in dieses Kapitel. Erstere sind ursprünglich 
als Realien, später, aus letzteren gebaut und als tendenziöse Mittel aufzufassen. 



72 Über neurotische Disposition 



, Eine zusammenfassende Betrachtung ergibt zunächst den einheit- 
lichen Aufbau bestimmter Neurosen, zu denen ich Hy- 
sterie, Zwangsneurose, Paranoia, Neurasthenie und 
Angstneurose rechnen muß. Alle diese Erkrankungen 1 befallen 
nur jenes Menschenmaterial, das als Träger von Organminderwertigkei- 
ten die größeren Schwierigkeiten bei Einfügung in die Kultur zu über- 
winden hat. 

Diese Schwierigkeiten, von denen in meiner „Studie" 
(1. c.) und im vorhergehenden abgehandelt wird, liegen 

der Disposition zur Neurose zugrunde und sind iden- 
tisch mit ihr. Die Möglichkeit einer glatten Überwindung durch 
Kompensation und Überkompensation ist allerdings gegeben. Oft stellen 
sich aber neue Erschwerungen ein, die aus dem Familien zu- 
sammenhange stammen. Wie weit die gegenwärtige Erziehung 
einen Einfluß hat, ist in jedem Falle besonders abzuschätzen, verdient 
aber eine gesonderte Besprechung. Da ihr Prinzip fast allgemein die 
Erzielung von Feigheit ist, kommt sie oft in die Lage, das 
Schuldbewußtsein zu verstärken. 

Wer für die Einheit und den einheitlichen Aufbau der Psycho- 
neurosen eintritt, dem erwächst naturgemäß die Pflicht, die Besonder- 
heiten zu erklären. Die vorliegende Arbeit hat an verschiedenen 
Punkten dazu Stellung genommen. Je nach Art, Ausbildung und Zu- 
sammenwirken der vorhandenen Organminderwertigkeiten wird das Bild 
der Neurose sich gestalten. Von Wichtigkeit ist die Größe, Verwand- 
lungsfähigkeit und Ausdauer des angeborenen Aggressionstriebes, weil 
diese Faktoren es sind, die das Kind „schuldig werden lassen", ihm 
anderseits die Möglichkeit geben, teilweise oder ganz auf weniger 
strafbare Gebiete auszuweichen. Von großer Bedeutung ist ferner 
die Stellung des zur Neurose disponierten Kindes in 
der Familie, insbesondere, weil sich daraus die Situ- 
ation ergibt, die zum Grundrisse der Neurose wird. 
In dieser Situation ist bereits alles angedeutet, was 
der fertige Neurotiker an krankhaften Erscheinungen 
aufbringt, und es liegen die Ursachen für den krank- 
haften Charakter in ihr zutage. Die zur Neurose dis- 
ponierende traumatische Situation setzt sich unge- 

1 Vielleicht wird eine reichere Erfahrung gestatten, auch die Dementia 
praecox, Melancholie, das manisch-depressive Irresein und die Manie auf 
dieses Schema zu beziehen. 



Über neurotische Disposition 73 

fähr im Areale der oben angeführten sieben Grund- 
linien durch und erzeugt den Zustand einer bestimm- 
ten psychischen Anaphylaxie, der entsprechend 
gleichgerichtete psychische Schädigungen des spä- 
teren Lebens den verstärkten Zustand der ursprüng- 
lichen traumatischen Situation erzeugen: die beson- 
dere individuelle Neurose. 









Der psychische Hermaphroditismus im Leben 

und in der Neurose. 

(Zur Dynamik und Therapie der Neurosen.) 

Von Dr. Alfred Adler, Wien (1910). 

I. Tatsachen des psychischen Hermaphroditismus. 

Von den Autoren, die der Frage des Hermaphroditismus beim Men- 
schen nachgingen, hat fast jeder die Tatsache gestreift oder hervor- 
gehoben, daß unter den abgeleiteten Geschlechtscharakteren sich häufig 
oder regelmäßig Charakterzüge und psychische Eigenschaften des an- 
deren Geschlechtes vorfinden. So Krafft-Ebing, Dessoir, 
Halban, Fließ, Freud, Hirschfeld und andere. Unter ihnen 
hat Freud die Erscheinungen der Inversion in der Neurose besonders 
studiert und hat festgestellt, daß in keinem Fall von Neurose invertierte 
Züge fehlen. Seither hat sich diese Beobachtung reichlich feststellen 
lassen. Ich habe in einer kleinen Arbeit 1 auf den Zusammenhang von 
Prostitution und Homosexualität hingewiesen, Fließ meinte schon früher, 
daß der männliche Neurotiker an der Unterdrückung seiner weiblichen, 
der weibliche an der Verdrängung seiner männlichen Züge erkranke. 
Ähnlich S a d g e r. 

Eine eingehende Untersuchung der Neurosen in bezug auf herma- 
phroditische Züge ergibt folgende Resultate: 

1. Körperliche Erscheinungen des gegensätzlichen Geschlechts finden 
sich auffallend häufig. So weiblicher Habitus bei männ- 
lichen Neurotikern, männlicher bei weiblichen. Ebenso 
gegensätzliche sekundäre Geschlechtscharaktere, insbesondere aber Min- 
derwertigkeitserscheinungen an den Genitalien, wie Hypospadie, parau- 



* 



rethrale Gänge, kleiner Penis, kleine Hoden, Kryptorchismus usw., an- 
dererseits große Labia minora, große Klitoris, Infantilismus des Sexual- 
apparates 2 u. a. m., zu denen sich in der Regel Minderwertigkeits- 
erscheinungen an anderen Organen hinzugesellen. 

Ob diese körperlichen Erscheinungen von vorne herein in irgendeinem 
genetischen Zusammenhange mit einer gegengeschlechtlichen Psyche 

1 Adler, Träume einer Prostituierten. Zeitschr. f. Sexualwissenschaft, 1908. 

2 Siehe Adler, Studie über Minderwertigkeit von Organen. Urban & 
Schwarzenberg. Berlin und Wien, 1907. 



* ^ 



Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose 75 

ihres Trägers stehen, wie Fließ annimmt und wie Krafft-Ebing 
ausführte, so daß beim Manne die weibliche Psyche, beim Weib die 
männliche stärker entwickelt wäre, läßt sich derzeit nicht «irweisen. 
Es läßt sich aber zeigen, daß Motilität und körperliche Entwicklung 
solcher Kinder mit minderwertigen Organen, Organ- 
und Drüsensystemen oft von der Norm Abweichungen zei- 
gen, daß ihr Wachstum und ihre Funktionstüchtigkeit Mängel auf- 
weisen, daß Krankheiten und Schwächlichkeit gerade am Beginn ihrer 
Entwicklung hervortreten, die später allerdings oft einer robusten Ge- 
sundheit und Kraft weichen. 

Diese objektiven Erscheinungen geben vielfach An- 
laß zu einem subjektiven Gefühl der Minderwertig- 
keit, hindern dadurch die Selbständigkeit des Kindes, steigern sein 
Anlehnungs- und Zärtlichkeitsbedürfnis und charakterisieren eine Person 
oft bis ins späteste Alter. — Schwächlichkeit, Plumpheit, linkisches 
Benehmen, Kränklichkeit, Kinderfehler wie Enuresis, Incontinentia alvi, 
Flatulenz, Stottern, Kurzatmigkeit, Höhenschwindel, Insuffizienzen des 
Seh- und Hörapparates, angeborene und früherworbene Verunstaltungen, 
auf fallende Häßlichkeit usw. sind imstande, das Gefühl der Inferiorität 
gegenüber den Stärkeren, in sb es on de re gegenüber dem Vater, 
tief zu begründen und fürs Leben, selbst über das Grab des Vaters hinaus, 
dauernd festzulegen. Bedeutsame Züge von Gehorsam, Unterwürfigkeit und 
hingebungsvolle Liebe gerade dem Vater gegenüber zeichnen viele Kinder, 
insbesondere aber die zur Neurose neigenden, aus 1 . Und sie werden 
dadurch oft in eine Rolle gerückt, die ihnen als 
unmännlich erscheint. Alle Neurotiker haben eine 
Kindheit hinter sich, in der sitfh der Zweifel in ihnen 
regte, ob sie zur vollen Männlichkeit gelangen könn- 
ten. Der Verzicht auf die Männlichkeit aber scheint für das Kind 
gleichbedeutend mit Weiblichkeit 2 , und damit ist ein reicher 
Kreis ursprünglich kindlicher Werturteile gegeben, 
nach welchen jede Form der -ungehemmten Aggression, der Aktivität, 

des Könnens, der Macht, mutig, frei, reich, angreifend, sadistisch, als 
männlich, alle Hemmungen und Mängel (auch Feigheit, Gehorsam, Armut 

1 Siehe auch C. G. Jung, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des 
Einzelnen. Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschun- 
gen, 1. Bd., 1909. 

2 Übrigens nicht allein für das Kind, sondern für den größeren Teil unseres 
Kulturbewußtseins. 



76 Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose 



usw.) als weiblich aufgefaßt werden können 1 . Man kann nun leicht erken- 
nen, daß das Kind eine Zeitlangeine Doppelrollespielt, 
daß es einerseits Tendenzen zeigt, die seine Unterwerfung unter die 
Eltern, Lehrer und Erzieher verraten, andererseits Wünsche, Phantasien 

und Handlungen, die sein Streben nach Selbständigkeit, freiem Willen 
und Geltung („der kleine Gernegroß") zum Ausdruck bringen. Da 
von dem einen mehr die Mädchen und Frauen, von letzterem mehr die 
Knaben und Männer zur Schau tragen 2 , so kann es nicht wunder- 
nehmen, daß die Weltanschauung des Kindes zu Werturteilen gelangt, 
wie sie von den Werturteilen der Erwachsenen gar nicht so sehr abwei- 
chen : die Hemmungen der Aggression als weiblich, die 
gesteigerte Aggression selbst als männlich anzusehen. 

Dieser innere Zwiespalt in der Kinderseele, Vorbild und Grundlage 
der wichtigsten psychischen Phänomene zumal der Neurose, der S p a 1 - 
tung des Bewußtseins und des Zweifels, kann mannig- 
facho Ausgänge im späteren Leben erfahren. In der Regel wird 
man Einstellungen des Individuums bald mehr nach 
der femininen, bald mehr nach der maskulinen Rich- 
tung finden, daneben aber vielleicht immer Versuche und Bestre- 
bungen, die Einheitlichkeit des Bildes aus dem Innern 
heraus zustärken; das männliche Material hindert eben ein völliges 
Aufgehen in einer weiblichen Rolle, das weibliche erweist sich als Hin- 
dernis, sich ganz männlich zu gebärden. Dadurch wird meist ein Kom- 
promiß eingeleitet: weibliches Gebaren mit männlichen Mitteln (z.B. 
männliche Schüchternheit und Unterwerfung, männlicher Masochi 
Homosexualität usw.), männliche Rolle mit weiblichen Mitteln (Eman- 
zipationstendenzen der Frauen, Polyandrie, Zwangsneurosen als Stö- 
rung der Frauenrolle u. a.). Oder man findet ein scheinbar 
regelloses Nebeneinander von männlichen und weib- 
lichen Charakterzügen. 

In der Neurose, wo es sich stets um Inkongruenzen solcher oft maßlos 
verstärkter Charakterzüge handelt, gelingt die Sichtung und Reduktion 
all dieser Tendenzen und die Aufdeckung des psychischen Hermaphrodi- 
tismus stets mit den Mitteln der Individualpsychologie. Als Vorbedin- 
gung hat allerdings zu gelten, daß der Arzt nicht sein eigenes Wertur- 
teil über männliche und weibliche Züge in die Analyse hineinträgt, 

1 Siehe „Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose". 

2 „Schlimm sein" bedeutet für das Kind oft: männlich sein. 



t 



Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose 77 

sondern sich dem gefühlsmäßigen Empfinden des Patienten anpaßt, 
demselben nachspürt. 

II. Über Verstärkungen des psychischen Herma- 
phroditismus. Der männliche Protest als Endziel 1 . 

Wir haben oben als Ausgangspunkt für die weiblichen Tendenzen 
des Nervösen das Schwächegefühl des Kindes gegenüber den Er- 
wachsenen hingestellt, aus dem ein Anlehnungsbedürfnis, ein Verlangen 
nach Zärtlichkeit erwächst, eine physiologische und seelische Unselbstän- 
digkeit und Unterordnung. Auch darauf wurde oben bereits hingewiesen, 
wie diese Züge bei frühzeitig und subjektiv empfundener 
Organminderwertigkeit (motorische Schwäche, Ungeschick- 
lichkeit, Kränklichkeit, Kinderfehler, verlangsamte Entwicklung usw.) 
intensiver zum Ausdruck kommen; wie dadurch die Unselbständigkeit 
wächst, wie dieses verstärkt empfundene Gefühl der eigenen 
Kleinheit und Schwäche (Wurzel des Kleinheitswahns) zur 
Aggressionshemmung und damit zur Erscheinung der 
Angst führt, wie die Unsicherheit bezüglich des eige- 
nen Könnens den Zweifel auslöst, ein Schwanken einleitet, das 

p 

bald mehr von den weiblichen Tendenzen (Angst und ver- 
wandte Erscheinungen), bald mehr von den männlichen 
(Aggression, Zwangserscheinungen) beeinflußt wird, läßt 
sich von diesem Gesichtspunkt aus leicht nachweisen. Die Struk- 
tur der Neurosen (Neurasthenie, Hysterie, Phobie, Zwangsneurose, 
Paranoia) zeigt uns, am schönsten die Zwangsneurose, die vielfach 
verschlungenen weiblichen Linien, sorgsam verdeckt und über- 
baut durch hypertrophisch männliche Wünsche und Bestrebungen. 

Dieser männliche Protest erfolgt zwangs mäßig, als 
Überkompensation, weil die „weibliche" Tendenz vom kindlichen 
Urteil etwa wie ein Kinderfehler abfällig gewertet und nur in sublimicrter 
Form und wegen äußerer Vorteile (Liebe der Angehörigen, Straffreiheit, 
Belobung des Gehorsams, der Unterordnung usw.) festgehalten wird. 
Jede Form von innerem Zwang bei Normalen und Neu- 
rotikern ist aus diesem Versuch eines männlichen Protestes ab- 
zuleiten. Wo er sich durchzusetzen vermag, verstärkt er natürlich die 
männlichen Tendenzen ganz ungemein, steckt sich die höchsten, oft uner- 
reichbaren Ziele, entwickelt eine Gier nach Befriedigung und Triumph, 
peitscht alle Fähigkeiten und egoistischen Triebe, steigert den Neid, den 

1 Siehe Schiller, Männerwürde: „Ich bin ein Mann" usw. 



78 Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose 



Geiz, den Ehrgeiz und fuhrt eine innere Unruhe herbei, die jeden äußeren 
Zwang, die Unbefriedigung, Herabsetzung und Beeinträchtigung als un- 
erträglich empfinden läßt. Trotz, Rachsucht, Nachträglichkeit sind seine 
steten Begleiter, und durch maßlose Steigerung der Empfindlichkeit führt 
er zu fortwährenden Konflikten. Normale und krankhafte Größen- 
phantasien und Tagträume werden von solchem überstarken 
männlichen Protest erzwungen und als vorläufige Surrogate der Trieb- 
befriedigung empfunden. Aber auch das Traumleben gerät ganz 
unter die Herrschaft dieses männlichen Protestes, und jeder Traum 

zeigt uns bei seiner Analyse die Tendenz, von der weib- 
lichen Linie zur männlichen abzurücken. 

Sieht sich der Patient von jedem persönlichen Er- 
folg abgeschnitten, ist ihm die Befriedigung seines. 
meist zu weit gehenden männlichen Protestes 1 auf 
einer Hauptlinie, die immer auch vom Sexualtrieb 
konstituiert wird, mißlungen, dann kommt es zum 
Ausbruch der längst vorbereiteten Neurose. Dann ver- 
sucht er die Befriedigung seines männlichen Ehrgeizes auf Neben- 
" Knien, durch Verschiebung auf andere Per son e n, andere Zieler 
Oder die Hemmung und Sperrung wirkt intensiver, und es kommt zu 
jenen Verwandlungen des Aggressionstriebes, die ich in der Arbeit über 



1 Gilt natürlich in gleicher Weise für weibliche wie männliche Personen. 
Der männliche Protest des Weibes geht nur meist verdeckt und verwandelt 
und sucht den Triumph mit weiblichen Mitteln. Sehr häufig findet man in 
der Analyse den Wunsch, sich in einen Mann zu verwandeln; Vaginismus, 
sexuelle Anästhesie und viele bekannte neurotische Erscheinungen stammen 
aus dieser Tendenz. — Folgt man der von mir hier angeregten „dynami- 
schen Betrachtungsweise", so wird man bald erkennen, daß allen 
diesen Erscheinungen das Streben gemeinsam ist, sich von der weiblichen Linie 
irgendwie zu entfernen, um die männliche zu gewinnen, so daß man als 
psychische Lokalisationsstelle der neurotischen Symptome bald mehr die weib- 
liche, bald mehr die männliche Seite erkennen kann. Demnach stellt jedes 
neurotische Symptom einen Hermaphroditen vor. Der neurotische 
Zwang zeigt den männlichen Protest, dem Zwang erliegen, ist weiblich. — 
Beim Zwangserröten (Erythrophobia) z. B. reagiert der Patient mit 
(männlicher) Wut und Unmut auf gefühlte oder befürchtete Herabsetzungen. 
Aber die Reaktion geschieht mit weiblichen Mitteln, mit Erröten oder Furcht 
vor Erröten. Und der Sinn des Anfalles ist: „Ich bin ein Weib und will ein 
Mann sein." So sichert sich der Nervöse vor gefahrvoll scheinenden Ent- 
scheidungen, u. a. indem er einen eigenen Zwang statt des fremden setzt. 
S. Furtmüller, Psychoanalyse und Ethik, E. Reinhardt, München, 1912^ 



Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose 79 

den „Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose" beschrieben 
habe. Für die Struktur der Neurose gewinnen alle diese Variationen 
große Bedeutung, die (im Sinne des Patienten) weibliche, masochisti- 
6che Tendenz schlägt vor und schafft das weibliche, masochistische 
Bild der Neurose, während gleichzeitig der Patient mit der äußersten 
Empfindlichkeit gegen jedes Versinken in die „Weiblichkeit", gegen 
jede Herabsetzung, Unterdrückung, Beeinträchtigung, Beschmutzung 
ausgestattet wird. Der schwache Punkt, das Gefühl der Minderwertig- 
keit, die weiblichen Linien werden verdeckt oder durch Kompromiß- 
bildung maskiert oder durch Sublimierung und Symbolisierung unkennt- 
lich gemacht, gewinnen aber an Breite und Intensität, dauernd oder 
anfallsweise, und präsentieren sich in der Aboulie, in der Verstimmung,, 
in der Depression, in der Angst, in den Schmerzen, im Gefühl der ban- 
gen Erwartung, im Zweifel, in Lähmungen, Impotenz, Insuffizienz usw. 
Das Gefühl der Minderwertigkeit peitscht also das 
Triebleben, steigert die Wünsche ins Ungemessene, 
ruft die Oberempfindlichkeit hervor und erzeugt 
eine Gier nach Befriedigung, die keine Anspannung- 
verträgt und in ein dauerndes überhitztes Gefühl der 

Erwartung und Erwartung» angstausmündet. In dieser 

hypertrophischenGier, der Sucht nach Erfolg, in dem. 
sich toll gebärdenden männlichen Protest liegt der 
Keim des Mißerfolges, allerdings auch die Prädesti- 
nation zu den genialen und künstlerischen Leistun- 
gen. Die Neurose setzt nun ein beim Scheitern des. 
männlichen Protestes auf einer Hauptlinie. Die weib- 
liehen Züge erhalten scheinbar das Übergewicht,, 
allerdings nur unter fortwährenden Steigerungen des 
männlichen Protestes und unter krankhaften Ver- 
suchen eines Durchbruchs auf männlichen Neben- 
linien. Das Schicksal dieser Versuche ist verschie- 
den. Entweder gelingen sie, ohne daß eine rechte Be- 
friedigung und Harmonie eintritt, oder sie mißlingen 
gleichfalls, wie oft in der Neurose, und drängen den 
Patienten immer weiter in die weibliche Rolle, in die 
Apathie, in die Angst, in die geistige, körperliche, 
sexuelle Insuffizienz usw., die weiterhin als Mittel 
zur Macht ausgenützt werden. 

Die Untersuchung der fertigen Neurose wird dem — 



80 Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose 

» - ■ ■ ■_— ■■ ■ ■■ ■ M - ■ ■ ■ ■■■■■ — — ■■ ■» ■ — 

nach stets "folgende Züge aufdecken und ihre dyna- 
mische Wertigkeit feststellen müssen: 

A. Weibliche Züge. 

B. Hypertrophischen männlichen Protest. 

C. Kompromißbildung zwischen A und B. 

Das Scheitern des männlichen Protestes bei psychischem Herma- 
phroditismus wird durch folgende Faktoren begünstigt, ja geradezu 
herbeigeführt: 

i. Durch dieÜberspannung des Protestes. Das Ziel ist im all- 
gemeinen oder für die Kräfte des Patienten unerreichbar. 

2. Durch die Überschätzung des Zieles. Diese Über- 
schätzung (Don Quichoterie z. B.) geschieht unbewußt tendenziös, um 
die Heldenrolle des Patienten nicht zu stören. Auf diesem Wege ergeben 
sich Enttäuschungen von selbst. 

3. Die weiblichen Tendenzen schlagen vor und hem* 
men die Aggression. Oft im wichtigsten Moment oder vor der be- 
absichtigten Leistung erwacht das „weibliche" Gefühl im Sinne eines 
übertriebenen Autoritätsglaubens, des Zweifels, der Angst und führt zur 
Demütigung und Unterwerfung unter andauernder Protest- 

b i 1 d u n g oder macht aus dem Zweifel, der Angst usw. eine Waffe 
und führt so die Unterwerfung ad absurdum. 

[\. Ein aus der Kindheit überkommenes, reges, leicht 
verschiebliches Schuldgefühl 1 protegiert die weib- 
lichen Züge und schreckt den Patienten mit möglichen 
Folgen seiner Tat. (Hamletnaturen). 



Ich muß nun noch weiterer Verstärkungen der weiblichen Linien 
beim Kinde gedenken, die mehr oder weniger über das physiologische 
Maß hinausgehen und die regelmäßigen Veranlassungen darstellen, um 
den männlichen Protest in der geschilderten Weise zu übertreiben. Ein 
nicht unbeträchtliches, sorgfältig analysiertes Material von männlichen 
und weiblichen Neurotikern ließ mich regelmäßig diese Ursprünge und den 
gleichen Mechanismus erkennen, so daß ich wohl von einer allge- 
meinen Geltung dieser Befunde sprechen darf, um so mehr, 
als durch Aufdeckung derselben die Heilung der Neurose eingeleitet wird. 

Zur Verstärkung der weiblichen Züge, damit aber auch zum se- 
kundären, verstärkten männlichen Protest auf Umwegen, tragen fol- 
gende Momente bei: 

i. Furcht vorStrafe. Als begünstigend wirken besondere Weh- 

1 Siehe Adler, die vorige Arbeit „Über neurotische Disposition". 



Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose 81 



leidigkeit und Hauthyperästhesien, Strenge der Erzieher, Prügelstrafe. 
Als männliche Reaktion ist zu verstehen : Gleichgültigkeit gegen Strafe, 
trotzige Gleichgültigkeit, Ertragen von Schmerzen, oft Aufsuchen von 
Qualen (scheinbarer Masochismus 1 ), und demonstrativer Hin- 
weis des Patienten, wie viel er vertragen könne, Erektion und aktive 
Sexualbetätigung, wenn Strafe droht, was zuweilen durch individuelle 
Eigenart physiologisch vorgebildet sein könnte. (Siehe Asnaourow, 
„Sadismus und Masochismus", E. Reinhardt, München.) 

9. Aufsuchen des Mitleids durch Demonstration der eige- 
nen Schwäche, des eigenen Leidens. Männlicher Protest: Größenideen 

(zur Kompensation des weiblichen Klein heitswahns), Empörung gegen 
das Mitleid der anderen, Lachen statt Weinen usw. — („Sich lustig 
machen über sich selbst* 4 ). Mischbildungen treten regelmäßig auf. 
Kinderfehler wie Enuresis, Stottern, aber auch Kränklichkeit, Kopf- 
schmerzen, Appetitlosigkeit usw. können durch Spekulation auf das 
Mitleid oder trotzig fixiert werden. Fast regelmäßig kommt es aber 
zur Kompromißbildung. Die männliche Reaktion verwendet die 
Schwäche zum Ärgernis der Eltern und trotzt mit Beibehaltung des Feh- 
lers, um nicht nachgeben zu müssen. Deutlich geht dies aus der Fest- 
haltung der Enuresis und anderer Kinderfehler hervor. Jeder enure- 
tische Traum zeigt den Versuch des oder der Träumen- 
den, sich wie ein Mann zu gebärden. (Stehend zu urinieren, 
männliches Pissoir, großer Bogen des Urinstrahls, Ziffern in den Sand 
urinieren.) — Gleichzeitig als männliche Reaktion gegen i., oft unter 
tendenziöser Anwendung von Fiktionen, als ob der Topf, das Klosett 
bereit stünden. 

3. Falsche Auffassung der Sexualrollen, Unkennt- 
nis des Unterschiedes zwischen Mann und Frau, Ge- 
danken über die Möglichkeit einer Verwandlung de r 
Knaben in Mädchen und umgekehrt bei Kindern. Häufig 
besteht ein mehr oder weniger dunkles Gefühl, ein Zwitter zu sein. 
Körperliche Eigenschaften, Erziehungsfehler, mißverstandene Äußerun- 
gen der Umgebung (Mädchenkleider bei Knaben, lange Haare bei Kna- 
ben, kurze bei Mädchen, Bäder in Gemeinschaft mit dem anderen Ge- 
schlecht, Unzufriedenheit der Eltern mit dem Geschlecht des Kindes 
usw.) wecken oder steigern den Zweifel des Kindes, solange ihm der 
Sexualunterschied unklar ist. In gleicher Weise rufen Märchen über die 
Geburt der Kinder oder falsche Vorstellungen davon (Geburt durch |den 

1 Siehe Wexberg, „Rousseau" in diesem Band. 



7 

82 Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose 



After, Empfängnis durch den Mund, infolge eines Kusses, durch -Gift 
oder durch Berührung) Verwirrung hervor. Perverse frühzeitige Sexual- 
erfahrungen oder Phantasien, bei denen der Mund oder After die Rolle 
des Sexualorgans spielt, helfen den Unterschied zwischen Mann und Frau 
verwischen und können tendenziös zur Fixierung gelangen. 

Die Homosexualität geht aus vom Versuch des Wech- 
sels der Geschlechtsrolle. Homosexuelle Männer hatten in 
der Kindheit die Gabe, sich in eine Mädchenrolle hineinzudenken. Er- 
folgt, wie immer, der männliche Protest, so geht die Verwandlung in 
den Homosexuellen vor sich als Ausweichung vor der gefürchteten Frau. 

Überhaupt kann das Verständnis nur erlangt werden, wenn man 
den männlichen Protestversuchen nachgeht. So beim Onaniezwang, der 
wie jeder Zwang den Versuch, sich quasi männlich zu gebärden und 
doch seiner Sexualrolle auszuweichen, bedeutet. Die gleiche Tendenz fin- 
det sich bei Pollutionen und bei der Ejaculatio praecox. Die Hast so- 
wie die begleitenden Erscheinungen (mangelhafte Erektion, zuweilen 
homosexuelle Träume) verraten uns den dahinter verborgenen schwachen 
Punkt. Bei der Analyse von Träumen achte man auf Alpträume, 
auf Träume von Gehemmtsein und Angstträume, die 
einer Ausmalung der weiblichen Linie, einer Niederlage, angehören; da- 
bei bricht doch fast regelmäßig die männliche Tendenz durch (Schreien, 
Flucht, Aufwachen), — als Protest. 

Exhibitionistische Züge werden begünstigt durch die Ten- 
denz, sich als Mann zu zeigen. Bei Mädchen und Frauen scheint für 
diesen Zweck die Lossagung vom weiblichen Schamgefühl, die Ab- 
lehnung von weiblichen Kleidungsstücken zu genügen. Die gleiche 
Tendenz zur Macht charakterisiert den Na r ciss ism us. Im Feti- 
schismus kommt regelmäßig die unmännliche Linie zur Geltung (Vor- 
liebe für Dessous, Blusen, Schürzen, Schmuck, Zöpfe usw.), aber stets 
begleitet von der männlichen Tendenz, nicht vom Partner beherrscht 
zu werden. Ursprünglich Ausdruck des Hermaphroditismus wie jeder 
Autoerotismus richtet sich der Schuhfetischismus auf die Umhüllung 
gewinnt durch seine Distanz von der männlichen 
Rolle sein weibliches, masochistisches Gepräge. 

Ursprünglich masochistische Züge, ebenso Hypochondrie 
und übertriebene Schmerzempfindlichkeit liegen im Bereiche der weib- 
lichen Züge des Duldens. Wie jede psychische Erscheinung entbehren 
sie nie weiterer Nebendeterminationen, die Größe des Leidens usw. zu 




zeigen. 



Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose 83 



Es ist leicht begreiflich, daß sich das Kind zur Darstellung seiner 
weiblichen Linien der Züge der Mutter bedient, zur Darstellung 
der männlichen Züge des Vaters („Vom Vater hab* ich die Statur 4 ' 
usw.). Der männliche Protest peitscht die Wünsche des Kindes auf, 
es sucht den Vater in jeder Hinsicht zu übertreffen, gerät in Konflikte 
mit ihm, und so kommen sekundär jene Züge zustande, die auf die 
Mutter gerichteten Begehrungsvorstellungen entsprechen. (Oedipus- 
gleichnis.) 

Sache der Pädagogik und der Neurosen therapie ist es, diese Dynamik 
aufzudecken und bewußt zu machen. Damit verschwindet die tenden- 
ziöse Hypertrophie der „weiblichen und männlichen Züge", die kindliche 
Wertung macht einer gereif teren Weltanschauung Platz *. Die Überemp- 
findlichkeit weicht und der Patient lernt die Anspannungen der Außen- 
welt ertragen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Er, der früher 
„ein Spielball dunkler, unbewußter Regungen war, wird zum bewußten 
Beherrscher oder Dulder seiner Gefühle 44 . 



1 Ebenso hören die dissoziativen Prozesse, die Bewußtseinsspaltung, das 
Double vie auf. 



- 



6 



Trotz und Gehorsam. 

Von Dr. Alfred Adler (1910). 

Seit wir in der Individualpsychologie ein so wertvolles 
Hilfsmittel besitzen, um psychische Zustandsbilder und Charaktere aus 
ihrer frühkindlichen Entwicklung zu begreifen, zeigt sich die grund- 
legende Bedeutung der Pädagogik für die Entwicklung eines gesunden 
Seelenlebens in voller Klarheit. Jede Analyse erhellt Beziehungen zwi- 
schen den erzieherischen Beeinflussungen und dem Auftreten nervöser 
Erscheinungen. Ich zweifle nicht, daß diese Forschungsrichtung eine 
ungemeine Vertiefung der Pädagogik zustande bringen wird, so wie sie 
umgekehrt aus den sicheren Erfahrungen der Erziehungswissenschaft 
ihre wertvollsten Beweise und Hilfen entnimmt. Die meisten der bisheri- 
gen individualpsychologischen Arbeiten sind naturgemäß vom Stand- 
punkte der ärztlichen Kunst aus geschrieben. Immerhin berücksichtigen 
sie eine ganze Anzahl erzieherischer Fragen so sehr oder stellen sie in 

den Vordergrund, daß man es wagen darf, sie den Nichtärzten, vor 
allem Eltern, Lehrern und Psychologen, als Probe vorzulegen. 

Was ganz besonders die Eignung der Individualpsychologie für die 
Entwicklung der Pädagogik ausmacht, ist die sich ergebende 
Anschauung vom Wesen des Charakters. Ich kann hier nur 
die Ergebnisse aus einer großen Reihe von Erfahrungen, vor allem eige- 
ner Befunde, mitteilen, aus welchen hervorgeht, daß bestimmte Cha- 
rakterzüge sich in gerader Linie von einem Organsystem ab- 
leiten lassen und dem daran haftenden Triebe entsprechen. So stammt 
vom Sehorgane und seinem Triebe die visuelle Neugierde und später 
die Wißbegierde, vom Nahrungsorgan der Charakter der Gefräßig- 
keit, hernach des Futter neides und, sobald das Geld äquivalent 
in Wirksamkeit tritt, des Geizes. Der Haut und ihren besonders ge- 
arteten Stellen entstammen bestimmte, dauernde Neigungen zur Berüh- 
rung und sinnlichen Lustgewinnung. Die Absonderungsorgane, die ur- 
sprünglich bloß mit Entleerungsneigung behaftet sind, arbeiten zunächst 
im Triebleben gleichberechtigt mit, — bis endlich unter Aufgabe der 
fast noch vorgeburtlichen Arbeitsweisen der Organe eine Änderung 
eintritt, eingeleitet durch eine starke Unterordnung des gesam- 
ten Trieblebens unter den Zweck der Unlustverhü- 
tung, so gegen Ende des Säuglingsalters. Das Kind ist wissend ge- 



Trotz und Gehorsam 85 



worden und nützt sein Bewußtsein aus, indem es sein Leben und Trei- 

ben auf Lustgewinnung einstellt. Kulturhistorisch wie in der 
Entwicklung des einzelnen zeigt sich die gleiche Stufenfolge: im all- 
gemeinen werden die Befriedigungsarten bevorzugt und festgelegt, die 
entweder mehreren Organtrieben zugleich entsprechen oder Unlust ver- 
meiden. Die Nahrung soll nicht nur angenehme Geschmackseigenschaften 
besitzen, sondern auch dem Auge, der Nase Lust bereiten. Die Kleidung 
soll die Haut vor Unlusterregung, vor Kälte, Nässe bewahren und zugleich 
dem Auge wohlgefällig sein. Das Gehaben des Kindes auf dieser 
St u federEnt wicklung ist durchaus selbstsuchtig, nur auf Lust- 
gewinnungeingestellt, nur sein Triebleben ist in seiner Ausbrei- 
tung durch innigeres Zusammenwirken, durch Triebverschrän- 
kung und gelegentliche gegenseitige Hemmung, durch 
Eigenerfahrung und Belehrung bestimmt. Immerhin lassen sich bereits 
Unterschiede, Ansätze zur Eigenart und Gesinnungsbildung erkennen. 

Bald ist der Schautrieb, bald der Eß- oder ein anderer 
Trieb die Hauptachse des Seelenlebens, bald treten 
Schwächen oder kennzeichnende Vorzüge eines Trie- 
bes (des Hör-, Schau-, Riechtriebes) so deutlich hervor, daß 
ein umschriebenes Charakterbild zutage kommt. Alle 
diese Eigenheiten, wie auch Plumpheit, Ungeschicklichkeit, Trägheit, 
auffallende Lebhaftigkeit, Wehleidigkeit, stammen in gerader Linie von 
Organminderwertigkeiten her, stehen mit organischen Empfindlich- 
keiten, scharf abgegrenzten oder abgeschwächten Sinnesempfindungen 
im Zusammenhang und fallen durch die andersartige Triebaüsbreitung 
und Triebbefriedigung ais ursprüngliche und angeborene 
Charakterzüge auf, deren Material später zu einer einheitlichen 

Persönlichkeit umgeformt wird. 

Denn in diese seelische Vorbereitung fallen nun die Wirkungen der Um- 
gebung und der gesellschaftlichen Bedingungen. Von größterTrag- 
weite sind die Einflüsse des Familienlebens. Sie brin- 
gen neue Einschränkungen der Triebausbreitung, und die Einstellung des 
Kindes auf Lustgewinnung gerät in Widerspruch mit ihnen. Hier 
liegen die Wurzeln des gewöhnlichen, sozusagen 
physiologischen Trotzes der Kindheit. Das Kind soll 
lernen, sich in den Kulturbetrieb einzufügen und seinen spielerischen 
Hang nach freier Organbetätigung aufzugeben. Diese Umwand- 
lung gelingt nur dann leicht, wenn das Kind an Stelle 
ursprünglicher Triebbefriedigung einen Ersatz an- 



86 Trotz und Gehorsam 



nimmt; die Liebe seiner Umgebung oder eine Ehrgeiz- 
befriedigung. Dann kann es, ohne ungeduldig zu werden, auf 
die Triebbefriedigung warten, die Einfügung ist gelungen, das Kind 
ist auf Gehorsam eingestellt. Andernfalls sträubt es sich gegen den 
Einklang des Familienlebens, verweigert den Gehorsam, geht 
seine eigenen Wege, die oft weitab vom Erziehungsziele führen, sträubt 
sich gegen den Eß- und Reinigungszwang, leistet beim Schlafengehen, 
später auch beim Lernen tätigen und leidenden Widerstand, nicht selten 
auch bei Verrichtung seiner Notdurft. Oder das Kind wird jähzornig, 
neidisch, voll Ungeduld und stört den Frieden des Hauses durch 
stillen oder lauten Trotz. Immerhin sind es auf dieser Stufe 
der Entwicklung nur Spuren, die aber unter bestimmten Bedingungen 
immer stärker und stärker zur Ausprägung gelangen, bis sie sich zum 
hervorstechenden Charakterzug ausgebildet haben, der oft das 
Schicksal der Person und ihrer Umgebung wird. 



Von verstärkenden Bedingungen für den Gharakterdes Trotzes 
habe ich vornehmlich zwei gefunden, die den Lauf der Dinge ent- 

scheiden. Die erste : Kinder, die infolge angeborener Organmin- 
derwertigkeit schwächlich, ungeschickt, kränklich, im Wachstum 
zurückgeblieben, häßlich oder entstellt sind, einen Kinderfehler haben, 
erwerben sehr leicht aus ihren Beziehungen zur Umgebung 
einGefühlder Minder Wertigkeit, das sie schwer bedrückt und 
das sie mit allen Mitteln zu überwinden trachten. Ich darf wohl auch hier 
von einer anormalen Einstellung sprechen, deren Charakterzüge sich um 
dieses Minderwertigkeitsgefühl ordnen, nebenbei aber meist viel 
deutlicherumdiedaraus (nach dem GesetzederDialek- 
tik) folgende verstärkte Angriffsneigung gegen die 
Außenwelt. Dem Minderwertigkeitsgefühl entsprechen Züge wie 
Ängstlichkeit, Zweifel, Unsicherheit, Schüchtern- 
heit, Feigheit und verstärkte Züge vonAnlehnungsbe- 
dürfnisundunter würfigem Gehorsam. Daneben finden sich 
Phantasien, ja auch Wünsche, die man als Kleinheitsideen oder 
masochistische Regungen zusammenfassen kann, über diesem Gewebe 
von Charakterzügen finden sich regelmäßig — in abweisender und aus- 
gleichender Absicht — Frechheit, Mut und Übermut, Hang 
zur Auflehnung, Starrköpfigkeit und Trotz, l>egleitet 
von Phantasien und Wünschen nach einer Helden-, Krieger-, Räuber- 



Trotz und Gehorsam 87 



rolle, kurz von Größenideen und sadistischen Regun- 
gen. — Das Minderwertigkeitsgefühl gipfelt schließlich in einem nie 
versagenden, stets übertriebenen Gefühl der Zurückgesetzt- 
heit, und die Aschenbrödelphantasie ist fertig, fertig auch mit ihrer 
sehnsüchtigen Erwartung der Erlösung und des Tri- 
umphes. Hierher gehören auch die häufigen Phantasien der Kinder 
von ihrer geheimen fürstlichen Abstammung und ihrer vorübergehen- 
den Verbannung aus dem „wirklichen** Elternhause. Die Wirklichkeit 
aber spottet der Harmlosigkeit des Märchens. Das ganze 
Triebleben des Kindes wird aufgepeitscht und 
übermächtig, Rachegedanken und Todeswünsche gegen die 
eigene Person wie gegen die Umgebung werden bei der leise- 
sten Beeinträchtigung laut, Kinderfehler und Unarten werden trotzig 
festgehalten, und sexuelle Frühreife, sexuelles Begehren bricht aus der 
Kinderseele hervor, um nur so zu sein wie die Erwachsenen, Voll- 
wertigen. Der Große, der alles kann, alles hat, — das ist der Vater, 
oder wer ihn vertritt, die Mutter, ein älterer Bruder, der Lehrer. Er 
wird zum Gegner, der bekämpft werden muß, das Kind wird blind und 
taub gegen seine Leitung, verkennt alle guten Absichten, wird mißtrau- 
isch und äußerst scharfsinnig allen Beeinträchtigungen gegenüber, 
die von ihm kommen, kurz, es ist auf Trotz eingestellt, hat 
sich aber gerade dadurch von der Meinung und Hal- 
tung der andern völlig abhängig gemacht. 

Oder das Kind ist durch seine Anlage und durch Lebenserfahrungen 
um seine Aggressionstendenz gekommen, ist durch Schaden „klug" 
geworden und sucht seine Triebbefriedigung und seinen endlichen Tri- 
umph durch passives Verhalten herbeizuführen, durch Unterwerfung, 
durch ehrlichen und unehrlichen Gehorsam. Freilich lodert zuweilen 
die Flamme des Hasses auf, oft nur in den Träumen und nervösen 
Symptomen dem Kundigen ein Zeichen, daß der Boden unterwühlt, 
zur Neurose oder zu verbotenen Handlungen geeignet ist, wenn sich 
das Kind nicht zu triumphalen Leistungen oder zur Indolenz fähig er- 
weist. Überwiegt die Einstellung auf Gehorsam und Unter- 
w e r f u n g , dann beglückwünschen sich die Angehörigen nicht selten 
zu ihrem Musterkinde, ohne zu ahnen, daß das Leben, die Liebe, der 
Beruf in ungünstigen Fällen gar leicht den Verfall, das Vereinken in 
die Nervosität herbeiführen kann. 

In beiden Hauptgruppen von Charakterzügen also sehen wir die 
Wirkung falscher Einstellungen, deren kompensatorische Bedeutung, 



88 Trotz und Gehorsam 



wie ich zuerst gezeigt habe, in der Vernichtung des Minderwertigkeits- 
gefühls durch einen ausgleichenden Protest und durch Größenphantasien 
besteht. In der Mehrzahl findet man Mischfälle, so daß Zuge von 
Gehorsam und Trotz nebeneinanderlaufen, wobei eine 
starke Überempfindlichkeit jeden Schein von Beeinträchtigung mit 
Abwehrregungen im Denken, Phantasieren oder Handeln beantworten 
läßt. Für diese große Zahl von Kindern, aus welchen ungünstigenfalles 
nervöse Menschen herauswachsen, können wir diese Behauptung auf- 
stellen, daß sie ihr Gehorchen nicht vertragen, oder besten- 
falls wieder nur dann, wenn sie einen Ersatz in der Liebe oder in der 
Ehrgeizbefriedigung finden. 

Die zweite der verstärkenden Bedingungen für die 
Einstellung auf Trotz habe ich in der subjektiven 
Unsicherheit der Geschlechtsrolle des betreffend eft 

* 

Kindes nachgewiesen. Diese Bedingung steht durchaus nicht 
vereinzelt da, sondern schließt sich eng an die vorige an. Das Suchen 
nach der Geschlechtsrolle beginnt gewöhnlich um das vierte Lebensjahr. 
Der Wissensdrang des Kindes erfährt dabei eine starke Steigerung. Der 
Mangel an geschlechtlicher Aufklärung macht sich für das Kind ge- 
rade in diesem Punkte fühlbar. In Unkenntnis der Bedeutung der 
Geschlechtswerkzeuge sucht das Kind den Unterschied der Geschlechter 
in der Kleidung, in den Haaren, in körperlichen und geistigen Eigen- 
schaften und geht dabei vielfach irre. Dabei befestigen manche Miß- 
bräuche diesen Irrtum. So die Neigung mancher Eltern, Knaben bis- 
über das vierte Lebensjahr hinaus Mädchenkleider mit breiten Schärpen 
und Spitzen, oder gar Arm- und Halsbänder tragen zu lassen, eine 
Neigung, die auf einer falschen Einstellung der Mutter beruht, die 
sich ein Mädchen gewünscht hatte. Auch das Tragen langer Haare* 
stärkere Entwicklung der Brüste, blasse Gesichtsfarbe und Mißbildun- 
gen der Genitalien können den Knaben in der Auffassung seiner Ge- 
schlechtsrolle unsicher machen. Ja selbst wenn das Kind den Unter- 
schied der Geschlechtsorgane in seiner Bedeutung für die Geschlechts- 
rolle erkannt hat, bleibt oft ein Rest von Unsicherheit, weil Gedanken 
von Veränderungen der Geschlechtsorgane plötzlich oder veranlaßt durch 
Drohungen der Eltern zur Erwägung kommen. Bei Mädchen wird 
diese Unsicherheit oft verstärkt durch ein knabenhaftes Aussehen oder 
durch ein solches Benehmen, wobei entsprechende Bemerkungen der Um- 
gebung („die ist gar kein Mädel") stark ins Gewicht fallen. Dazu 
kommt noch der Krebsschaden unserer Kultur, der zu starke Vor- 



Trotz und Gehorsam 89 



rangderMännlichkeit. Nun setzt die gleiche Kraft wie oben, nur 
maßlos verstärkt, ein. AlleKinder, die so imZweifelüberihre 
Geschlechtsrolle waren, übertreiben die ihnen männ- 
lich erscheinenden Eigenschaften, in erster Linie 
den Trotz. Der Gehorsam, die Unterwerfung, schwach, klein, dumm, 
passiv sein, werden als weibliche Merkmale gefühlt, denn der Vater, 
der männliche Richtschnur bleibt, zeigt in der Regel die entgegenge- 
setzten Eigenschaften. Der Sieg wird als männlich, die Niederlage als 
weiblich erfaßt, undein hastiges Drängen und Suchen nach 

männlichem Protest verstärkt in hervorragender 
Weise die Einstellung auf Trotz, verstärkt sie des- 
halb, weil nunmehr zu dem Ausgangspunkt dieser Be- 
einflussung, dem Gefühl der Minderwertigkeit, ein 
besonderes Minderheitsgefühl hinzutritt, in der er- 
wogenen Möglichkeit, wie eine Frau zu werden. Und eine 
Frau zu werden bedeutet für diesen Typus von Kindern mit ihrem 

Gefühl der Zurückgesetztheit und Beeinträchtigung eine Erwartung 
von unausgesetzten Plagen und Schmerzen, von Verfolgungen und Nie- 
derlagen. So suchen sie seelisch wett zu machen, was sie etwa körper- 
lich vermissen, und sie steigern ihren männlichen Protest, damit ihren 
Trotz oft ins Ungemessene. Wie oft da die beste Erziehung versagt, 
weiß jeder Erzieher. Worte, Lehren, Beispiele dringen fast nie bis 
zum Urgrund dieser Charakterzüge, dem Gefühl eines vermeintlichen 
Hermaphroditismus. Sie wollen alles besser wissen, verbeißen sich 
in den Gedanken ihrer Einzigartigkeit, dulden niemand über sich und 
wollen sich durch nichts belehren lassen. Dabei treten oft verbreche- 
rische Instinkte zutage, Selbstsucht, Hang zur Lüge, zu Diebstahl. 
Auch hier kann die Liebe, sicher nicht der Haß oder die Strafe, bessernd 
wirken, ja diese Kinder stellen zuweilen in ihrer immerwährenden Gier 
nach Triumph im späteren Leben das Material, aus dem unter günsti- 
gen Bedingungen die großen Menschen, Künstler und Dichter hervor- 
gehen. — Für die andern aber, — und nur diese können Gegenstand 
der Pädagogik sein — , für die Kinder, die durch die falsche Einstellung 
Schaden leiden, muß behauptet werden, daß nur die Individualpsycho- 
logie imstande ist, eine Änderung herbeizuführen. Denn Ausgangs- 
punkt, die falsche Einstellung und das Endziel, der männliche Protest, 
sind dem Bewußtsein entzogen, und »die ganze Folge von 
Wirkungen wickelt sich zwangsmäßig im Unbewuß- 
ten ab. 



90 Trotz und Gehorsam 



Hier seien zwei Krankengeschichten vorgeführt, die die ursprüngliche Ein- 
stellung auf Trotz und Gehorsam zeigen. 

Der eine Patient, ein 26jähriger Mediziner, beklagte sich über nervöse Be- 
schwerden (Angstanfälle, Prüfungsangst, Kopfschmerzen, Unfähigkeit zu lesen). 
Ich kann die Erörterung dieser Zustände an dieser Stelle übergehen, indem 
ich darauf hinweise, daß sie alle einer unbewußten Absicht dienten, den 
Beweis herzustellen, daß dem Patienten alle Aussichten versperrt seien, allein 
durch das Leben zu gehen. Die wirkliche, dem Patienten über unbe- 
wußte letzte Ursache, die diesen Beweis forderte, fand sich in seiner Unzu- 
friedenheit in der gegen den Willen seines Vaters geschlossenen Ehe. Konnte 
er nun lebenswichtige Handlungen allein nicht vollbringen, so war auch 
die Trennung von seiner Frau ausgeschlossen. So oft er nun Ursache zu 
haben glaubte, sich von dieser zu entfernen, so oft hinderte ihn daran die alte 
trotzige Einstellung gegen den Vater. Sein Trotz ließ sich bis in die früheste 
Kindheit verfolgen und zeigte den oben geschilderten Aufbau. Er war ein 
übermäßiges plumpes Kind gewesen, von der ganzen Umgebung verspottet 
und verlacht, wobei Vergleiche mit einer schwangeren Frau recht 
häufig wiederkehrten. Seine Unsicherheit in der Auffassung seiner Geschlechts- 
rolle wurde noch erheblich gesteigert, als ihm eine Gouvernante drohte, er werde 
sich in ein Mädchen verwandeln, wenn er unzüchtige Berührungen an sich 
vornähme. 

Vermeintliche oder wirkliche Zurücksetzungen fehlten auch in diesem Falle 
nicht, so daß der Boden genügend vorbereitet war, um den Knaben aus seinem 
Gefühl der Minderwertigkeit heraus zu unbeugsamem Trotze und überstiegenem 
Ehrgeize zu treiben. Überall wollte er der Erste, der Klügste, der 
Ausgezeichnetste sein. Daß er auf diesem Wege zu hohen sittlichen 
Werten gelangte, wird uns nicht wundernehmen; er wollte sich auch durch 
unerschütterliche Wahrheitsliebe, Reinheit der Sitten und gro- 
ßes Wissen hervortun. Andererseits fehlten Züge abträglicher Art keines- 
wegs, er wurde herrschsüchtig, starrköpfig, selbstbewußt 
und leicht geneigt, das Wissen und die Erfahrung anderer zu unterschätzen. 
Frühzeitig schritt er zur Verehelichung, um in diesem Verhältnisse den 
Triumph seiner Männlichkeit zu finden. Je mehr sein Vater ihn 
hiervon mit guten Gründen abzuhalten suchte, um so trotziger bestand er auf 
seinem Plane, den er auch bald nachher ausführte. Weil sich die Frau doch 
nicht in dem Maße unterwarf, wie es seinen unbewußten Erwartungen ent- 
sprochen hätte, und weil sie ihm wegen seines fortgesetzten Mißtrauens und 
Nörgeins mit immer stärkerer Widerspenstigkeit begegnete, offenbar um 
ihre „M ä n n 1 i c h k e i t" zu beweisen, war er vor eine Niederlage 
gestellt, die ihn vor der Welt, vor seinem Vater und vor seiner Frau als 
minderwertig, d. h. als „weiblich" (unmännlich) erwiesen hätte. Zu trotzig, 
um zu einer bewußten Erfassung dieser Lage zu schreiten, fand er den Aus- 
weg in die Krankheit und versuchte sich derart vor dem Wiedererwachen der 
alten sdunerzlichen Erinnerungen an Spott und Herabsetzung zu schützen. 
Die Klärung dieser Zustände brachte es dahin, daß der Patient auf den 
scheinbaren Vorteil seiner Krankheit verzichtete, und, unbekümmert um die 



Trotz und Gehorsam 91 



m 

Meinung seiner Umgebung, beherzt an die Ordnung seiner häuslichen Ver- 
hältnisse schreiten wollte. 

Ein zweiter Fall betrifft eine Patientin, Beamtin, 34 Jahre alt, die wegen 
Aufregungszuständen, nervösen Herzklopfens und nächtlichen Aufschreiens in 
die Behandlung kam. Der Vorteil dieser Erkrankungsform lag darin, daß 
die Patientin in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit ihrer 
Umgebung trat, stets nur in Begleitung ihrer Schwester ausging und 
sich aller gesellschaftlichen Pflichten entledigen durfte. Die uneingestandene 
Absicht war dabei, sich allen Heiratsplänen zu entrücken. Als 
Kind zeigte sie frühzeitig knabenhaftes Aussehen, ungebärdiges Benehmen 
und Kinderfehler, wie Bettnässen und Daumenlutschen. Sie bewegte sich nur 
in Knabenkreisen, an deren Balgereien und grausamen Spielen sie Gefallen 
fand. In der Pubertät brachte sie ihr aggressives Vorgehen einigemal in 
Gefahr, sich zu verlieren. Diese Gefahr und die Einschüchterungen durch 
die Mutter führten dazu, daß das in sexuellen Dingen schlecht unterrichtete 
Mädchen für ihre „männliche Rolle" zu fürchten begann. Ihre persönlichen 
Erfahrungen über eheliche Verhältnisse waren gleichfalls nicht danach ange- 
tan, ihr die Rolle einer Frau sympathisch zu machen. Sie sah in ihrer Um- 
gebung die Gattin stets als minderwertiges und unterdrücktes Wesen behandelt 
und fürchtete, dem gleichen Lose anheimzufallen. So wuchs ihre Abneigung 
gegen die Ehe bis zu einem solchen Grade, daß sie es vorzog, als kranke, 
zur Ehe untaugliche Person durch das Leben zu gehen. Durch das Herzklopfen 
bewies sie sich und anderen, daß sie als Herzkranke der Gefahr einer Schwan- 
gerschaft ausweichen müsse; die Gesellschaftsflucht und die Angst, allein 
auf die Straße zu gehen, sollte dazu dienen, die Bekanntschaft mit Männern 
zu verhüten. In diesem Falle hat die Abneigung, die natürliche 
weibliche Aufgabe auf sich zu nehmen, die Patientin dazu ge- 
bracht, den Einschüchterungen durch die Mutter, der sie in anderen Dingen 
seit jeher trotzig und auflehnend gegenüberstand, mit übertriebenem Gehorsam 
zu folgen. Die Einstellung auf Gehorsam diente dem gleichen Zwecke 
wie ihr Trotz, der Aufrechterhaltung eines scheinbar männlichen Charakters. 
Eine gute Schilderung ihrer knabenhaften Kindheit folgt später. (S. „Kindheits- 
erinnerungen".) 



_ 

Ich habe in knappen Umrissen zu zeigen versucht, daß die Charakter- 
züge des Trotzes und des Gehorsams auf unbewußten und fal- 
schen Einstellungen des Kindes beruhen 1 und darf nun wohl 
anschließen, daß die erziehlichen Mittel des Hauses und der Schule so- 
lange dagegen nicht aufkommen können, als sie nicht imstande sind, 
die falsche Einstellung zu verbessern. Welches sind nun die Forde- 
rungen, die der Nervenarzt an den Pädagogen stellen darf? 

In erster Linie solche vorbeugender Natur. Die Erziehung 

x v. Kries hat auf den „Einstellungsmechanismus" als erster hingewiesen. 



92 Trotz und Gehorsam 



muß dem Kinde die Möglichkeit nehmen, — sei es 
wegen seiner Schwäche, Kleinheit oder Unkenntnis, 
ein Gefühl der Minderwertigkeit aufkommen zu 
lassen 1 . Kranke und schwächliche Kinder müssen 
tunlichst rasch geheilt und gekräftigt werden. Wo 
dies auch durch soziale Maßnahmen ausgeschlossen 
ist, hat sich der Erziehungsplan besonders darauf zu 
richten, das Kind zu selbständigem Urteil zu bringen, 
es von der Meinung der anderen unabhängiger zu 
machen und Ersatzziele aufzustellen. Die Unsicher- 
heit der Geschlechtsrolle ist ein ungemein schädi- 
gender Zustand und muß von vorneherein durch da- 
hinzielende Belehrung und Haltung ausgemerzt wer- 
den. 

Die Gleichstellung der Frau ist eine sehr dringen- 
de pädagogische Forderung. Herabsetzende Bemer- 
kungen oder Handlungsweisen, die den Wert der Frau 
im allgemeinen bezweifeln, vergiften das Gemüt des 
Kindes und nötigen Knaben wie Mädchen, sich früh- 
zeitig den falschen Schein einer übertriebenen Männ- 
lichkeit beizulegen. Man erziehe nicht zum Gehor- 
sam, wenn man die Einstellung auf Trotz vermeiden 

will. 

Die falsche Einstellung auf Trotz oder Gehorsam ist bei Verfolgung 
obiger Schilderung leicht wahrzunehmen. Hat man es mit einem 
solchen Kinde zu tun, so zwingt ja die Frage nach dessen späterem 
Schicksal zu bestimmten Maßnahmen. Auch die Gefahr einer nervösen 
Erkrankung ist in Betracht zu ziehen. In der Schule verraten sie sich 
zuweilen dadurch, daß sie träumerisch oder aber stumpfsinnig da- 
sitzen, erschrecken und zittern oder erröten, wenn sie aufgerufen werden 
und ständig oder nur bei der Prüfung „ein böses Gesicht" machen. 
Werden sie ausgelacht oder bestraft, so erfolgt eine unerwartet heftige 
Gegenwirkung. Manchmal sind sie Muster von Folgsamkeit in der 



1 Von diesem Standpunkte aus erscheint das System der „Förderklassen" 
als gefährlich, weil es den männlichen Protest aufs heftigste steigern muß, 
eine entsprechende Begrenzung desselben in der Schule aber unmöglich ist. 
Was das eine Kind etwa aus der Förderung gewinnen mag, wird durch die 
Schädigung der Überzahl, durch Vermehrung ihres Trotzes und ihrer Ver- 
bitterung, mehr als aufgewogen. 



Trotz und Gehorsam 93 



Schule, quälende Tyrannen aber zu Hause 1 . Es versteht sich leicht, 
daß weder der Trotz gereizt, noch der Gehorsam ver- 
tieft werden darf, wie es öfter zu geschehen pflegt, wenn man im 
ersten Fall die Hilflosigkeit des Kindes lächerlich zu machen sucht, 
im zweiten sichere Belohnung in Aussicht stellt, die das Leben ja doch 
nicht gibt. Wo man aber den Gehorsam nur des Gehorsams wegen an- 
trifft, da verdankt er, ähnlich wie bei manchen religiösen Übungen, der 
tiefsten Zerknirschung, einem übermächtigen Gefühl der Minderwertig- 
keit seinen Ursprung und nähert sich dem masochistischen Kleinheits- 
wahn, um heimliche Triumphe zu feiern. Gelingt es, dem Kinde die 
abnorme Einstellung nachzuweisen und zu zeigen, seine falschen Wer- 



tungen von eigener und fremder, von männlicher und weib- 
licher Bedeutung zu entwerten, ihm den Zwangsmechanis- 
mus klar zu machen, der von der psychischen Zweigeschlecht- 
lichkeil zum aufgepeitschten männlichen Protest führt, seinen Trotz 
oder Gehorsam als auf diesen Linien gelegen aufzudecken, so ist 
das Spiel gewonnen. Das Kind wird innerlich frei und äußerlich 
unabhängig, und kann sich nunmehr mit seiner vollen, nicht mehr 
gebundenen Kraft zu selbständigem Denken und Handeln aufraffen. 
Wenn dabei auch ein großes Stück von Autoritätsglaube fällt, — 
und auch das trotzige Kind trotzt nur der Autorität 1 
wir wollen es nicht bedauern. Wir steuern ja einer Zeit entgegen, 
wo jeder selbständig und frei, nicht mehr im Dienste einer Person, 
sondern im Dienste einer gemeinsamen Idee seinen gleichberechtigten 
Platz ausführen wird, im Dienste der Idee des körperlichen und gei- 
stigen Fortschritts. 



1 Ich meine, daß sie sich am deutlichsten in freien oder selbstgewählten 
Aufsätzen, wo ihnen das Thema nicht allzu nahe gelegt wird, verraten müßten, 
indem sie etwa Probleme oder Problemlösungen im Sinne der oben darge- 
stellten Regungen zur Darstellung brächten. Für derartige Beobachtungen 
hätte man allen Grund, den Lehrern dankbar zu sein. Herrn Professor Oppen- 
heim, Frau Dr. Furtmüller, Herrn und Frau Dr. Kramer und anderen danke 
ich an dieser Stelle für die freundliche Ausführung dieser Anregung, die im 
folgenden zur Darstellung gelangt. 






Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität. 

I. 

Die Rolle der Sexualität in der Neurose. 

Vortrag, gehalten im Januar 191 1. Von Dr. Alfred Adler. 

Die Frage ist müßig, ob eine Neurose ohne Einbeziehung des Sexual- 
triebes möglich sei. Hat er doch im Leben aller eine ähnlich große 
Bedeutung. Fragt sich also, ob in seinen Schicksalen der Anfang und 
das Ende, alle Symptombildungen der Neurose zu erblicken seien. Ich 
muß darauf mit einer kurzen Schilderung*, — nicht des losgelösten 
Sexualtriebs, sondern seiner Entwicklung im Ensemble des Trieblebens 
antworten. Biologisch wäre die Auffassung nicht zu halten, daß jeder 
Trieb eine sexuelle Komponente habe, also auch der Freßtrieb, der 
Schautrieb, der Tasttrieb usw. Man muß vielmehr annehmen, daß die 
Evolution im organischen Reich zu Ausgestaltungen geführt hat, die 
wir uns als Differenzierung ursprünglich vorhandener Zellfähigkeiten 
zu denken haben. So ist dem Willen und der Not zur Assimilation 

ein Nahrungsorgan gefolgt, ein Tast-, Gehörs-, Gesichtsorgan dem 
Willen und Zwang zum Fühlen, Hören, Sehen, ein Zeugungsorgan dem 

Willen und Zwang zu Nachkommenschaft. Die Behütung aller 
dieser Organe war so sehr nötig, daß sie von zwei Seiten in Angriff 
genommen wurde: durch Schmerz- und durch Lustempfindung. 
Da dies nicht genügte, durch eine dritte Sicherung, durch ein Organ 
der Voraussicht, dem Denkorgan, dem Gehirn. Auf dem Experimentier- 
felde der Natur finden sich Variationen aller drei Sicherungsgrö- 
ßen. Der Anstoß kommt aus Angriffen in der Aszendenz, die Deszendenz 
weicht aus. Bald kommt es zu peripheren Defekten, bald zu erhöhten 
Schmerz- und Lustempfindungen im minderwertigen Organ. Der varia- 
belste Anteil, das Zentralnervensystem, übernimmt die endgültige Kom- 
pensation. Es ist ein zweifaches Unrecht, den Begriff des minder- 
wertigen Organs und den der „erogenen Zone" Havelok Ellis zu 
konfundieren. Nur ein kleiner Teil der minderwertigen Organe zeigt 
erhöhte Lust- oder Kitzelgefühle im peripheren Anteil. Will man, wie 
Sadger versucht, einen minderwertigen Nierenleiter, eine Gallenblase, 
Leber-Pankreas, adenoide Vegetationen und Lymphdrüsen zu den ero- 
ffenen Zonen zählen? Die Otosklerose zeigt nach neueren Untersuchun- 



Kritik 



95 



gen einen Mangel des Kitzelgefühls im äußeren Gehörgang. Ferner: 
wo stellen Sie bei der Auffassung von den erogenen Zonen die Gehirn- 
kompensation und Überkompensation hin? 

Zweitens: es präjudiziell der Begriff „erogene Zone", und zwar mit 
Unrecht. Nicht als ob ich leugnen wollte, daß sich am minderwertigen 
Organ bewußte und unbewußte perverse Phantasien anknüpfen könnten. 
Aber erst im späteren Leben, unter Zuhilfenahme falscher Sexual- 
vorstellungen oder unter dem Drucke bestimmter Sicherungstendenzen. 
Um erogen zu werden, bedürfen diese Zonen einer sekundären Trieb- 
verschränkung unter dem Drucke falscher Sexual theorien oder gegen- 
sätzlicher überflüssiger Sicherungstendenzen. Die Be- 
hauptung, daß das Kind polymorph-pervers ist, ist ein Hysteron- 
Proteron, eine dichterische Lizenz. Die „sexuelle Konstitution 4 * 
kann durch Erlebnisse, durch Erziehung, insbesondere auf Basis der Or- 
ganminderwertigkeit beliebig gezüchtet werden. Selbst die Frühreife 
kann niedergehalten oder gefördert werden. Sadistische und 
masochistische Regungen aber entwickeln sich erst aus den 
harmloseren Beziehungen von regelmäßig vorhandenem Anlehnungsbe- 
dürfnis und Selbständigkeitsregungen, sobald der männliche Protest 
in Frage kommt, mit seiner Aufpeitschung von Wut, Zorn und Trotz. 



Das Sexualorgan entwickelt einzig und allein den sexuellen Faktor im 
Leben und in der Neurose. Sowie die Sexualität Beziehungen eingeht 
zum gesamten Triebleben und seinen Ursachen, so gilt dies von jedem 
anderen Trieb. Bevor der Sexualtrieb eine nennenswerte Größe er- 
reicht, etwa am Ende des ersten Jahres, ist das psychische lieben des 
Kindes bereits reich entwickelt. Freud erwähnt die Auffassung alter 
Autoren, denen sich Czerny anschließt, daß Kinder, die sich beim 

Stuhlabsetzen trotzig benehmen, oft nervös werden. Im Gegensatz 
zu anderen Autoren führt er ihren Trotz darauf zurück, daß sie bei 
der Stuhl verhaltung sexuelle Lustgefühle haben. Ich habe keinen ein- 
wandfreien derartigen Fall gesehen, will aber nicht leugnen, daß Kinder, 
die derartige Kitzelgefühle bei der Retention haben, wenn sie in die 
Trotzeinstellung geraten, gerade diese Art des Widerstandes be- 
vorzugen. Dabei ist aber doch der Trotz maßgebend, und die Organ- 
minderwertigkeit ist für die Lokalisation und Auswahl des Symptoms 
ausschlaggebend. Ich habe viel öfters beobachtet, daß derartige trotzige 
Kinder den Stuhl knapp vor oder nach der Inszenierung des nötigen 
Apparates oder auch neben dem Apparat produzieren. Dasselbe gilt 
vom Urinieren solcher Kinder, dasselbe aber auch vom Essen und 



96 Zur Kritik der Frcudschen Sexualtheorie der Nervosität 



Trinken. Man braucht gewissen Kindern das Trinken bloß einzu- 
schränken, und ihre „libido" steigt ins Unermeßliche. Man braucht 
ihnen nur zu sagen, daß man auf regelmäßiges Essen Wert legt, und 
ihre libido sinkt auf Null. Kann man diese „Libidogrößen" ernst 
oder gar energetisch nehmen und zu Vergleichen benützen? Ich sah einen 

dreizehn Monate alten Knaben, der kaum stehen und gehen gelernt 
hatte. Setzte man ihn in seinen Sessel, so stand er auf. Sagte man ihm: 

„Setze dich nieder", so blieb er stehen und sah schelmisch drein. 
Seine sechsjährige Schwester rief ihm bei einer solchen Gelegenheit 
zu: „Bleib stehen I" und das Blind setzte sich nieder. Dies sind die 
Anfänge des männlichen Protestes, und die inzwischen aufkeimende 
Sexualität ist seinen Stößen und seinem Drängen fortwährend aus- 
gesetzt. Auch die Wertschätzung des Männlichen beginnt auffällig 
früh. Ich sah einjährige Kinder, Knaben und Mädchen, die männ- 
liche Personen sichtlich bevorzugten. Vielleicht ist es der Klang der 
Stimme, das sichere Auftreten, die Größe, die Kraft, die Ruhe, die 
dabei den Ausschlag gibt. Ich habe auf diese Wertschätzung in einem 
Referat über Jungs „Konflikte der kindlichen Seele" kritisch 1 hin- 
gewiesen. Sie löst regelmäßig den Wunsch aus, auch ein Mann zu 
werden. Neulich hörte ich ein Kind von zwei Jahren, einen Knaben, 
sprechen: „Mama dumm, Fräulein dumm, Toni (Köchin) dumm, Usi 
(Schwester) dumm, O-mama (Großmama) dumm!" Als er gefragt 
wurde, ob der Großpapa auch dumm sei, sagte er: „O-papa doß 
(groß)." — Allen fiel es auf, daß er den Vater ausgenommen hatte. 
Man hielt es für ein Zeichen des Respektes. Es war leicht zu ver- 
stehen, daß er die sämtlichen weiblichen Mitglieder seiner Um- 
gebung für dumm erklären wollte, sich und die männlichen für klug. 
Er identifizierte dumm und weiblich, klug und männlich, aber diese 
Imitation verhalf ihm zur Geltung. 

Ich habe in mehreren Arbeiten hervorgehoben, daß vor .dlem die 
Kinder mit fühlbarer Organminderwertigkeit, Kinder, die an Fehlern 
leiden, deren Unsicherheit größer, deren Furcht vor Blamage und 
vor Strafe ausgiebiger ist, jene Gier und jene Hast entwickeln, die 
schließlich zur Neurose disponieren. Sie sehnen sich frühzeitig schon 
nach dem Beweis ihres Wertes oder weichen Verletzun- 
gen ihrer Empfindlichkeit aus. Sie sind schüchtern, erröten 
leicht, fliehen vor jeder Prüfung ihres Könnens und verlieren frühzeitig 

1 Wie ich derzeit sehe, mit Erfolg. Siehe Hitschmann, Freuds Neu- 
rosenlehre, II. Aufl., und Jung (Bleuler-Freudsches Jahrbuch 1913). 



m 

g 

Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 97 



die Natürlichkeit des Benehmens. Dieser unbehagliche Zustand drängt 
mit Macht nach Sicherungen. Bald wollen sie gehätschelt sein, 
bald alles allein machen, sie schrecken vor jeder Arbeit zurück oder lesen 
ununterbrochen. In der Regel sind sie frühreif. Ihre Wißbegierde ist 
ein kompensatorisches Produkt ihrer Unsicherheit und 
greift frühzeitig nach den Fragen über den Geburtshergang und über den 
Geschlechtsunterschied. Diese angestrengte und andauernde Phantasie- 
tätigkeit muß als ein Reiz für den Sexualtrieb aufgefaßt werden, sobald 
primitive Kenntnisse von Sexualvorgängen zustande gekommen sind. 
Auch hier gilt ihnen als Ziel der Beweis ihrer Männlichkeit. 
Ich habe in der „Minderwertigkeitslehre" hervorgehoben, daß die Sexual- 
minderwertigkeit mit ihrer oft größeren Lustempfindung zur Frühreife 
disponiert. Treffen, wie so häufig, männlicher Protest und größere Lust- 
empfindung am Genitale zusammen, so resultieren Frühmasturbation 
und frühzeitige Sexualwünsche. Vorstellungen von den Schrecken und 
Schmerzen des Geburtsaktes, des Geschlechts Verkehres sind es, die 
den Protest in männlicher Richtung weitertreiben. Wo in 
der Neurose Geburtsphantasien, Kastrationsgedanken oder analog zu 
verstehende Gedanken vom Untensein, von Atemnot, vom Überfahren- 



werden usw. auftauchen, sind es weder Wünsche noch verdrängte 
Phantasien, sondern symbolisch gefaßte Befürchtungen, 
zu unterliegen, gegen die sich der Neurotiker zu sichern trachtet 
oder die er als Warnungen sich vor die Seele ruft. Ein nicht seltener 
Typus, den ich bisher nur selten in den Kreis meiner Erwägungen 
gezogen habe, meist Söhne starkgeistiger, männlicher Mütter, hat die 
Angst vor der Frau tief im Gemüte. In ihren Phantasien spielt 
die männliche Frau häufig eine Rolle, das ist die Frau, die oben, ein 
Mann sein will. Oder sie haben die symbolische Phantasie des Penis 
captivus, d. h. sie fürchten, von der Frau nicht loszukommen, wobei 
das Bild vom Sexual verkehr der Hunde entlehnt ist. Um nun recht acht 
zu geben, übertreiben sie maßlos. Ihre eigene Sinnlichkeit erscheint 
ihnen riesenhaft, das Weib wird zum Dämon, und so wächst ihr 
Mißtrauen soweit, daß es sie geschlechtlich unbrauchbar macht. Sie 
müssen jedes Mädchen peinlich prüfen, belauern, auf 
die Probe stellen (Griselda!). Auch bei ihnen geht die Natür- 
lichkeit der Beziehungen verloren. 

Und es erhebt sich wieder die Frage: Ist das, was uns 
der Neurotiker an Libido zeigt, echt? Seine Frühreife 
ist erzwungen, sein Onaniezwang dient dem Trotz und der Si- 



98 Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 



cherung gegen den Dämon Weib, seine Liebesleidenschaft geht 
bloß auf den Sieg, seine Liebeshörigkeit ist ein Spiel, darauf 
berechnet, sich dem ernsthaften Partner nicht zu unterwerfen, 
seine perversen Phantasien, ja selbst seine aktiven Perversionen 
dienen ihm nur dazu, sich von der Liebe fernzuhalten. Wohl sind 
sie ihm ein Ersatz, aber nur, weil er seine Heldenrolle spielen will, und 
weil er fürchtet, auf normalem Wege unter die Räder zu kommen. 

Zumal das sogenannte „Kernproblem' 4 der Neurose, die Incestphantasie, 
hat meist die Aufgabe, den Glauben an die eigene, übermächtige Libido 
zu nähren und deshalb jeder „wirklichen" Gefahr so weit als möglich 
aus dem Wege zu gehen. 

Ich gehe nunmehr an die Analyse eines Falles aus der letzten Zeit. 
Der betreffende Patient ist noch nicht entlassen. Die Struktur seiner 
Neurose liegt aber so weit klar, daß ich sie auszugsweise vortragen 
kann, um an ihr meine Behauptungen noch deutlicher zu machen. 

Ein 2 2 jähriger Bauzeichner klagt über Anfälle von Zittern in den 
Händen seit iV 2 Jahren und häufige nächtliche Pollutionen. Die 
ersten Erkundungen ergaben: Verlor den Vater im fünften Lebens- 
jahr. Der Vater konnte die letzten drei Jahre kaum allein stehen 
oder gehen und war auf beiden Augen erblindet. Erst in seinem 
siebzehnten Lebensjahre erfuhr der Patient, daß sein Vater an Rücken- 
markssch windsucht gestorben war; gleichzeitig gab man ihm als Ur- 
sache dieses Leidens übermäßigen Geschlechtsverkehr an. Diese Mit- 
teilungen fielen in eine Zeit heftiger Masturbation und erfüllten den 
Patienten mit großem Schrecken für seine eigene Zukunft. 

Für seine eigene Zukunft hatte er schon oft zu fürchten Gelegenheit 
gehabt. Zuerst als kleiner Knabe, da er, schwächlich und kleiner als 
seine Geschwister und Gespielen, stets Schutz bei seiner Mutter suchte, 
die ihn als Jüngsten auffällig verhätschelte. Ängstlichkeit und Schüch- 
ternheit hafteten seinem Wesen stets an. Doch wurde er bald recht- 
haberisch, wollte unter seinen Gespielen stets die erste Rolle spielen 
und konnte deshalb nie Freunde erwerben. Sein Wissensdrang zeigte 
sich bald, und zwar sowohl in sexuellen Dingen als in der Schule. 
Seine Sehnsucht war, ein großer Mann zu werden. Und so kam er 
als einziger einer großen Geschwisterschar in die Mittelschule. Eine 
Kindheitserinnerung, in der sich der männliche Protest seiner Kindheit 
widerspiegelt, ist folgender: Wenn er im Grase auf dem Rücken 
lag, sah er oben in den Wolken das Bild seines Va- 
ters. Er, der weibliche Schwächling, in der weiblichen Position; 



Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 99 



• 



oben der Vater, der Mann. Er hatte bis in die letzten Jahre weibliche 
Züge und mußte oft in seiner Kindheit beim TTieaterspielen in weib- 
lichen Kleidern Mädchenrollen spielen. Er schlief lange mit der um 
zwei Jahre älteren Schwester in einem Bett und befriedigte dort seine 
sexuelle Neugierde. In seinen Träumen gab es vereinzelt Incestphanta- 
sien, die sich auf Mutter und Schwester bezogen. — Die Mutter 
hielt strenge auf Moral, und er hatte Gelegenheit, ihre Härte gegenüber 
den älteren Brüdern, sobald Liebesaffären vorfielen, zu beobachten. 
Bezüglich der Ehen ihrer Kinder sah sie in erster Linie auf materielle 
Güter und verfolgte eine ihrer Schwiegertöchter viele Jahre mit ihrem 
Hasse, weil sie arm in die Ehe getreten war. Alles in allem beherrschte 
ihn die Mutter in jeder Beziehung. 

Erregungen und masturba torische Beziehungen kamen bei unserem 
Patienten vom neunten Lebensjahre an vor. Später hatte er häufig 
Sexualerregungen, wenn er in Mädchengesellschaft war. Als er im 
vierzehnten Lebensjahr Masturbation zu üben begann, wurde ihm da- 
durch jede Mädchengesellschaft so sehr verleidet, daß er am liebsten 
allein blieb. Er vertiefte seine Überzeugung, daß seine Sexuallibido un^ 
geheuer groß war und kaum zu bewältigen. Als er von der Krankheit 
seines Vaters erfuhr und gleichzeitig annehmen mußte, daß dieser 
ebenso sinnlich wie er gewesen, gab ihm dies einen gewaltigen Ruck: 
er ließ von der Masturbation! Oft ließ er sich hinreißen, trotz seiner 
Furcht vor Erektionen, Mädchen zu küssen, um nachher längere Zeit 
alle Orte zu meiden, wo er Mädchen treffen konnte. 

War nun seine Libido wirklich so groß, als er annahm? War 
sie vor allem so groß, daß er zu Sicherungen, wie die der Gesellschafts- 
angst, greifen mußte? Manches spricht strikte dagegen. Er war 
in Verhältnissen auf dem Lande aufgewachsen, später allein an einer 
Provinzrealschule, wo Gelegenheiten zum Geschlechtsverkehr reichlich 
zu finden waren. Manches der Mädchen war ihm weit genug ent- 
gegengekommen. Als er von der Krankheit des Vaters hörte und 
von deren angeblicher Veranlassung, setzte er sofort mit der Mastur- 
bation aus. Er nahm bald nachher normalen Verkehr auf, übte diesen 
aber selten aus und ließ sich durch Gedanken an die Geldausgaben 
leicht davon abhalten. Mädchen, die ihm freiwillig entgegenkamen, 
verließ er nach ihrer Eroberung, aus Befürchtung, nicht mehr von 
ihnen loszukommen. Er stellt sich jedes Weib als einen Dämon vor 
und äußerst sinnlich, der ihn beherrschen will, dem gegenüber er 
schwach sein könnte, und er bleibt stark. Dabei verachtet er die 

7* 



100 Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 



Frauen, hält sie für minderwertig, mißtraut ihnen und mutet ihnen 
stets egoistische Motive zu. Vor zwei Jahren wurde er mit einem 
schönen, aber armen Mädchen bekannt, zu dem er sich anfangs hin- 
gezogen fühlte. Als beide eine Heirat in Aussicht nahmen, war die 
Konsequenz die, daß er massenhafte Pollutionen bekam und bei Prosti- 
tuierten Evaculatio praecox oder Impotenz zeigte. Gleichzeitig machte 
er die Wahrnehmung, daß er im Amte zu zittern begann und seine 
Zeichnungen nur mit Mühe fertig brachte. Eine genauere Unter- 
suchung ließ erkennen, daß er nur dann Zittern und Stocken beim 
Sprechen zeigte, wenn er tags vorher Verkehr oder eine Polhition 



Kr II 



gehabt hatte. Die naheliegende Annahme, daß er das Zittern bei sei 
Vater gesehen habe und nunmehr nachahme, um sich zu schrecken, 
konnte Patient nicht bestätigen. Dagegen fiel ihm ein alter Pro- 
fessor der Mittelschule ein, der sowohl Zittern als Stocken in der 
Stimme zeigte, Erscheinungen, die unser Patient damals als Alters- 
erscheinungen bei Leuten deutete, die in der Jugend viel Sexual- 
verkehr gehabt hatten. Eine zweite Quelle, die er verwendete, ergab 
sich in einer Schrift über Pollutionen, in der als Folgen Zittern 
und Stocken der Stimme beschrieben wurden. Nähere Aufklärungen 



brachten seine Gedanken über die bevorstehende Heirat. Die Mutter 
wird unzufrieden sein. Seine reichen Verwandten würden ihn ver- 
achten. Das Mädchen heirate ihn nur aus materiellem Interesse. Sie 
sei sinnlich und werde ihn in den Taumel ihrer Sinneslust hinein- 
ziehen. Er selbst sei sinnlich. Die Folgen seiner Masturbation, seiner 
Pollutionen und seines Verkehrs träten bereits ein. Und so zog er 
sich aufGrunddieser Arrangements wieder von dem Mädchen 
zurück, ohne recht zu wissen, wie er ganz von ihr loskommen könne. 
Dieses Schwanken ist einem Nein gleichwertig, si- 
chert ihn auch zugleich gegenüber anderen Mäd- 
chen. m 

Er zittert also jetzt schon, um sich daran zu erinnern, was ihm 
dereinst droht. Er zittert, um seiner Urangst zu entgehen, wieder, wie 
einst bei der Mutter, unter die Gewalt eines Weibes zu kommen. Er 
zittert, um sich vor dem Schicksal des Vaters, vor dem Schicksal 
jenes alten Lehrers zu bewahren. Er zittert, um dem Dämon Weib, 
und um seiner eigenen Sinnlichkeit wie der des Mädchens zu ent- 
gehen. Und er zittert, um, entgegen seinem eigenen Wunsch, dem 
der Mutter zu genügen, die der Heirat abhold wäre, was aber 
in letzter Linie ihm nur wieder seine Abhängigkeit vom Weibe be- 



I 

I 






I 



Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 101 



weisen soll. — Deshalb seine Auffassung von seiner übergroßen 
Sinnlichkeit, sowie von der des Weibes, darum die häufigen Erektionen 
und Pollutionen, die zum größten Teil zustande kommen, weil er 
sie will, weil er sie braucht, und weil er, um sie zu 
konstruieren, ununterbrochen an sexuelle Dinge 
< denkt. Und ich frage nochmals: Wie soll man die Libido 

dieses Neurotikers abschätzen, wo alles gemacht, 
arrangiert, vergrößert, verzerrt, ein tendenziös gekünstel- 
tes und unnatürliches Produkt, Aktivum und Passivum zugleich, ge- 
worden ist? 

Ein Traum des Patienten, der alle diese Züge wiedergibt, gleich- 
zeitig auch die bedeutsamste Tendenz des Traumes, die 
Sicherungstendenz, hervorhebt, ist folgender : 

„Ein Mädchen, jung, frisch, mit vollem Busen, sitzt nackt hin- 
gelehnt auf einem Diwan. Was sie sagte, weiß ich nicht. (Denkt an 
eine Dirne und zugleich, daß ihm beim Anblick der nackten Frau 
die Sinne schwinden.) Sie suchte mich zu verführen. (Der Dämon 
Weib.) Ich wollte darauf eingehen, aber im letzten Moment bekam 
ich das Bewußtsein, vor einer Pollution zu stehen und hielt mich 
von ihr zurück. (Versuch, einen Weg ohne Frau zu nehmen. 



Der ganze Traum zeigt die warnende Perspektive auf Pollutionen 
und Verkehr als die auslösenden Momente einer Tabes.)" 

Die einfache Aufklärung, daß Tabes eine Folge von Lues sei, hatte 
keinerlei Wirkung. Erst das Verständnis für seine über- 
triebenen Sicherungstendenzen beendete das Zittern. 

Wo ist nun das Kernproblem dieser Neurose? Die Incest- 
phantasie hatte gerade nur den Wert, ihm den Glauben an seine 
übergroße, verbrecherische Phantasie zu verbürgen. — Die Verdrän- 
gung der Onanieneigung, die leicht gelang, mußte 
von einer anderen gleichwertigen oder besseren Si- 
cherung gefolgt sein, von den Pollutionen. Erst als 
er vor einer Ehe stand, als er fürchtete, wieder wie einst 
„unten" zu sein, nicht wie der Mann, der Vater „oben", unter 
den Einfluß einer Frau zu geraten und so seine Minderwertigkeit vor 
allen eingestehen zu müssen, wurde er „k r a n k". Daß er es eben- 
sowenig vertrug, unter einem Manne zu stehen, den Kollegen gegenüber, 
die er fortwährend herabsetzen wollte, und mit denen er sich stets 
zerschlug, den Professoren gegenüber, die ihm in häufigen Prüfungs- 
träumen drohend erschienen, seinem Vorgesetzten gegenüber, vor dem 



102 Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 



ihn an den bestimmten Tagen sein Zustand gewöhnlich überfiel, will 
ich nur nebenbei erwähnen. 

Wie kommt die Sexualität in die Neurose und welche 
Rolle spielt sie also? 

Sie wird frühzeitig geweckt und gereizt bei vorhandener Minder- 
Wertigkeit und starkem männlichen Protest, sie wird als riesenhaft 



angesetzt und empfunden, damit der Patient recht- 
zeitig sich sichert, oder sie wird entwertet und als Faktor gestri- 
chen, wenn dies der Tendenz des Patienten dient. Im allgemeinen ist es 
nicht möglich, die Sexualregungen des Neurotikers oder Kulturmenschen 
als echt zu nehmen, um mit ihnen zu rechnen, geschweige sie, in wel- 
cher Anschauungsform immer, als den grundlegenden Fak- 
tor des gesunden oder kranken Seelenlebens weiterhin 
auszugeben. Sie sind niemals Ursachen, sondern bearbeitetes Material 
und Mittel des persönlichen Strebens. 

Die wahre Einstellung zum Leben kann man schon in den 
ersten Träumen und erinnerten Erlebnissen eines 
Menschen deutlich wahrnehmen, ein Beweis, daß auch die Er- 
, innerung ah sie im Sinne eines planmäßigen Vorgehens konstruiert ist. 
Unser Fall gibt als die weitest zurückliegenden Träume, etwa aus 
dem fünften Lebensjahre, folgende an: 

Erstens: „Ein Stier verfolgt mich und will mich aufspießen. 14 

Der Patient glaubt, den Traum kurz nach dem Tode .eines Vaters 
geträumt zu haben, der an einer Rückenmarksschwindsucht lange Zeit 
siech zu Bette lag. Ziehen wir eine Verbindungslinie zu dem Phan- 
tasiebild des Vaters in den Wolken (Gott?), so drängt sich der Ge- 
danke an eine Todesfurcht des Knaben auf. Die spätere „Rekonstruk- 
tion" (Biers tein) dürfte auf die Tabes des Vaters und dessen 
Tod, die den Patienten so stark ergriffen hatte, Rücksicht genommen 
haben. Der Stier muß ferner dem auf dem Lande aufgewachsenen 
Knaben als männlich erschienen sein, was ihn, den Verfolgten, 
in einer unmännlichen, für die primitiv gegensätzliche Anschauung 
des Kindes also weiblichen Rolle des Verfolgten zeigte. Auch wer 
nicht so weit in der Deutung gehen will, dürfte aber das Gemüt dieses 
Kindes als von düsteren Ahnungen erfüllt nachempfinden können. 

Der zweite Traum setzt diese schlimmen Erwartungen fort. Es 
war ihm, als sei er abgestürzt und auf eine harte Unter- 
lage gefallen. Solche Fallträume deuten immer auf eine ins Pessi- 



Zur Kritik der Frcudschen Sexualtheorie der Nervosität 103 



mistische gerückte Vorsicht des Träumers, die mit bösen Möglichkeiten, 
mit dem „Untensein", schreckt. 






Die älteste Erinnerung seines wachen Lebens glaubt er darin zu 
finden, daß er am ersten Schultag mit unaufhaltsamer Schnelle 
in die Mädchenschule seinen Weg nahm und sich nur 
unter Tränen in die Knabenschule abweisen ließ. Wir 
dürfen dies als ein Gleichnis seiner Sehnsucht ansehen, nicht krank, 
elend, tot, „unten", wie der Vater, sondern entsprechend einer weib- 
lichen Rolle, die er bei seiner starken Mutter fand (die nach allge- 
meiner Aussage wie ein Mann die Wirtschaft führte), gesund, 
kraftvoll und lebendig seine Zukunft zu suchen. 

Das Verzögern in seiner männlichen Rolle mit allen dazugehörigen 
Erscheinungen, auch der krankhaft-nervösen, war also die Achse seines 
Seelenlebens geworden. Ihr entsprachen dann freilich auch die mit 
Notwendigkeit erwachsenen Erscheinungen seines Sexuallebens. 



IL 

„Verdrängung" und „männlicher Protest"; ihre Rolle 
und Bedeutung für die neurotische Dynamik (1911). 

Ich darf in diesem Kreise die Kenntnis des Wesens der „Verdrän- 
gung", wie es von Freud entworfen und geschildert wurde, als ge- 



geben voraussetzen. Die Ursachen der Verdrängung aber und der Weg, 
der von der Verdrängung zur Neurose führt, sind durchaus nicht so 
klar, als man in der Freudschule gemeiniglich annimmt. Die Zahl der 
Hilfsvorstellungen, die bei den Erklärungsversuchen zutage treten, sind 
überaus groß, und sie erweisen sich oft als unbewiesen oder aber gar 
als unbeweisbar. Gar nicht von denen zu reden, die (in plattester Weise) 
eine Analogie aus der Physik oder Chemie zu Hilfe nehmen, von 
„Stauung" und „erhöhtem Druck", von „Fixierung", vom „Zurückströ- 
men in infantile Bahnen", von „Projektionen" und „Regression" reden. 

Schon die Ausführungen über die Ursachen der Verdrängung erweisen 
sich in den Arbeiten dieser Schule als äußerst summarisch gefaßt, 
als dogmatisch gebrauchte Klischees, freilich auch als Intuitionen, 
deren Grundlagen festzustellen sich immer lohnt. Das Problem der 
gelungenen und mißlungenen Verdrängung wird nur rätselhafter, wenn 
man es auf die „sexuelle Konstitution" zurückführt, die einfache Kon- 
statierung zeigt aber nur den Mangel einer gegenwärtigen psychologi- 



104 Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 



sehen Einsicht. Die Ursachen der „Sublimierung", der „Ersatzbildun- 
gen*', sind ebenfalls nicht ergründet, wenn man einfach Tautologien 
als Tatsachen hinnimmt. Die „organische Verdrängung" erscheint da 
nur als ein Notausgang, als Beweis einer Möglichkeit von Umänderungen 
der Betriebsformen und hat mit der Theorie der Neurosen kaum 

etwas zu schaffen. 

So kommen zur Betrachtung: verdrängte Triebe und Triebkompo- 
nenten, verdrängte Komplexe, verdrängte Phantasien, verdrängte Erleb- 
nisse und verdrängte Wünsche. Und über allen schwebt als Deus ex 
machina eine Zauberformel: die Lust, von der Nietzsche so schön 
sagt: „Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit." Und 
Freud: „Der Mensch kann auf jemals empfundene Lust nicht verzich- 
ten." Und so kommen dann — unter dieser Voraussetzung — jene 
drastischen Gebilde zustande, die jede Schülerarbeit aufweisen muß: 
der Knabe, der an der Brust der Mutter saugen muß, der Neurotiker, 
der den Genuß, mit Wein oder Fruchtwasser bespült zu werden, im- 
mer wieder sucht, bis hinauf zu den reineren Sphären, wo dem Suchen- 
den kein Mädchen recht ist, weil er die unersetzliche Mutter sucht. War 
diese Art der Beobachtung, so bedeutend auch der Fortschritt war, 

den hier diese Methode schuf, geeignet, die in Wirklichkeit arbei- 
tende und auf Zukünftiges bedachte Psyche zu ver- 
gegenständlichen und so in eine starre Form zu bringen, so war die 
Festlegung auf den Begriff des Komplexes ein weiterer Schritt, 
die räumliche Anschauung über die dynamische zu 
setzen. Natürlich ging dies nie so weit, daß man nicht das energetische 
Prinzip, das jravra 'pei nachträglich hineinzubringen versucht hätte. 

Die Frage lautet doch: ist das treibende Moment in der Neurose die 
Verdrängung oder, wie ich vorläufig unpräjudizierlich sagen will, die 
andersartige, irritierte Psyche, bei deren Untersuchung 
auch die Verdrängung zu finden ist? Und nun bitte ich zu beachten: 
Die Verdrängung geschieht unter dem Drucke der Kultur, unter dem 
Drucke der „Ichtriebe", wobei die Gedanken an eine abnorme sexuelle 
Konstitution, an sexuelle Frühreife zu Hilfe genommen werden. 
Frage: Woher stammt unsere Kultur? Antwort: Aus der Verdrän- 
gung. — Und die „Ichtriebe", ein Begriff, so pleonastisch und inhalts- 
los wie wenig andere? Haben sie nicht den gleichen „libidinösen 
Charakter wie der Sexualtrieb? Faßt man aber die Ichtriebe nicht 
als etwas Starrgewordenes, Individuelles, sondern als die Anspan- 
nung und Einstellung gegen die Außenwelt auf, als ein 



a 



1 






Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 105 

Geltenwollen, als ein Streben nach Macht, nach Herrschaft, nach Oben, 
so muß man theoretisch wie praktisch zwei Möglichkeiten ins Auge fas- 
sen: I. Das Geltenwollen kann auf gewisse Triebe hemmend, verdrän- 
gend, modifizierend einwirken. II. Es muß vor allem steigernd ein- 
wirken. — Nun ist das Unwandelbare, für unsere Betrachtung Unverän- 
derliche die Kultur, die Gesellschaft, ihre Einrichtungen, und unser 
Triebleben, dessen Befriedigung eigentlich als Zweck gedacht wird, muß 
sich begnügen, bloß als richtunggebendes Mittel aufzutreten, 

um, zumeist in ferner Zeit, Befriedigungen einzuleiten. Unser Auge, das 
Ohr, auch die Haut haben die eigentümliche Fähigkeit erlangt, unseren 
Wirkungskreis über die körperlich räumliche Sphäre hinaus zu er- 
strecken, und unsere Psyche tritt auf dem Wege der Vorempfindlichkeit 
aus der Gegenwart, also zeitlich, außer die Grenzen dieser primitiven 
Triebbefriedigung. Hier sind erhöhte Anspannungen ebenso 
dringlich als Verdrängungen, in diesen Beziehungen liegt die Nötigung 
zu einem ausgebreiteten Sicherungssystem, deren einen kleinen 
Teil wir in der Neurose zu erblicken haben. 

Diese Anspannungen aber beginnen am ersten Tage der Kindheit und 
wirken dermaßen verändernd auf alle körperlichen und psychischen 
Tendenzen, daß das, was wir sehen, niemals etwas Ursprüng- 
liches, Unbeeinflußtes darstellt, etwa erst von einem späteren Zeit- 
punkt an Verändertes, sondern die Einfügung des Kindes 
richtet und modifiziert sein Triebleben so lange, bis es sich in 
irgendeiner Art an die Außenwelt angepaßt hat. In dieser ersten Zeit 
eines psychischen Lebens kann von einer dauernden Vorbildlichkeit 
nicht gesprochen werden, auch nicht von Identifizierung, wenn das 
Kind sich nach einem Vorbild richtet. Denn dies ist oft der einzige 
Weg und die einzige Möglichkeit zur Triebbefriedigung. 

Bedenkt man nun, in welch verschiedener Art und wie verschiedenem 
Tempo allerorts und zu allen Zeiten sich die Triebbefriedigung durch- 
gesetzt hat, wie sehr sie von gesellschaftlichen Einrichtungen und von 
der Ökonomie abhängig w r ar, so kommt man zu einem dem Obigen 
analogen Schlüsse, daß die Triebbefriedigung und damit die Qualität 
und Stärke des Triebes jederzeit variabel und daher für uns unmeßbar 
ist. Erinnern Sie sich, daß ich in meinem Vortrage über „Sexualität und 
Neurose" aus den Beobachtungen über den Sexualtrieb der Neuro tiker 
gleichfalls zu dem Schlüsse gekommen bin, daß die scheinbar 
libidinösen und sexuellen Tendenzen in der Neurose 
wie auch beim Normalen durchaus keinen Schluß auf 



106 Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 



Stärke oder Zusammensetzung seines Sexualtriebes 
zulassen. 

Wie vollzieht sich nun die Anpassung eines Kindes an ein bestimmtes, 
familiär gegebenes Milieu? Erinnern wir uns, wie verschieden sich die 
Äußerungen des kindlichen Organismus gestalten, und zwar, wo der 
Überblick noch am ehesten möglich ist, in den ersten Monaten. Die 
einen bekommen nie genug, die anderen verhalten sich recht gemäßigt 
bei der Nahrungsaufnahme, manche lehnen Änderungen in der Nahrung 
ab, andere wollen alles aufnehmen. Ebenso beim Sehen, beim Hören, 
bei der Exkretion, beim Baden, bei den Beziehungen zu den Personen 
der Umgebung. In den ersten Tagen schon fühlt sich das Kind beruhigt, 
wenn man es auf den Arm nimmt, Erziehungseinflüsse, die dem Kind 
den Weg ebnen, sind da von großer Tragweite. Schon in diesen ersten 
Anpassungen liegen Gefühlswerte gegenüber den umgebenden Personen. 
Das Kind ist beruhigt, fühlt sich sicher, liebt, folgt usw., oder wird un- 
sicher, ängstlich, trotzig, ungehorsam. Greift man frühzeitig mit kluger 
Taktik ein, so resultiert ein Zustand, den man etwa mit sorgloser Heiter- 
keit bezeichnen könnte, und das Kind fühlt kaum den Zwang, derin 
jeder Erziehung steckt. Erziehungsfehler, insbesondere bei man- 
gelhaft ausgebildeten Organen, führen zu so häufigen Benachteiligungen 
des Kindes und zu Unlustgefühlen, daß es Sicherungen sucht. Im 
großen und ganzen bleiben da zwei Hauptrichtungen bestehen: zu weit 
gehende Unterwerfung oder Auflehnung und Hang 

zur Selbständigkeit. Gehorsam oder Trotz, — die menschliche 
Psycho ist fähig, in jeder dieser Richtungen zu arbeiten. 

Diese beiden richtunggebenden Tendenzen modifizieren, verändern, 
hemmen und erregen jede Triebregung so sehr, daß, was immer angebore- 
nerweise sich als Trieb geltend macht, von diesem Punkte aus nur zu verste- 
hen ist. „Schön ist häßlich, häßlich — schön", wie Macbeths Hexen 
singen. Trauer wird Freude, der Schmerz wandelt sich in Lust, das 
Leben wird verworfen, der Tod erscheint begehrenswert, sobald die 
Trotzregungen stark ins Spiel eingreifen. Was dem andern lieb ist, 
wird gehaßt, was andere verwerfen, hoch gewertet. Was die Kultur 
verbietet, was Eltern und Erzieher widerraten, gerade das wird zum 
heißersehnten Ziel auserkoren. Ein Ding, eine Person erlangen nur 
Wert, wenn andere darunter leiden. Stets verfolgen sie andere und 
glauben sich doch immer verfolgt. So wächst eine Gier, eine Hast 
des Verlangens heran, die nur eine große Analogie besitzt, den mörde- 
rischen Kampf aller gegen alle, die Anfachung des Neides, des Geizes, 



Zur Kritik der Freudschcn Sexualtheorie der Nervosität 107 



der Eitelkeit und des Ehrgeizes in unserer modernen Gesellschaft. 
Die Spannung von Person zu Person ist beim Nervösen zu groß, 
sein Triebbegehren ist derart aufgepeitscht, daß er in unruhiger Er- 
wartung stets seinem Triumph nachjagt. So erklärt sich das Fest- 
halten an alten Kinderfehlern, wie Lutschen, Enuresis, Kotschmieren, 
Nägelbeißen, Stottern usw., und man kann in diesen Fällen getrost 
von Trotz reden, wenn einer derartige, scheinbar „libidinöse" Regun- 
gen dauernd beibehalten hat. 

Das gleiche gilt von der sogenannten Frühmasturbation, von der 
sexuellen Frühreife und verfrühtem Geschlechtsverkehr. Ich kannte 
ein siebzehnjähriges Mädchen aus gutem Hause, das mit seinem vier- 
zehnten Lebensjahr häufigen Geschlechtsverkehr hatte. Dabei war es 
frigid. So oft es mit der Mutter zankte, was immer nach kurzen 
Pausen eintrat, wußte es sich Geschlechtsverkehr zu verschaffen. Ein 
anderes Mädchen näßte das Bett nach jeder Herabsetzung von seiten 
der Mutter und beschmierte es mit Kot. 

Schlechter Fortgang in den Studien, Vergeßlichkeit, mangelnde Freude 
am Beruf, Schlaf zwang zeigen sich als Protesterscheinungen 
beim Nervösen und werden als wertvoll, ich sage nicht lustYoll, im 
Kampfe gegen einen Gegenspieler beibehalten. Einen Teil dieser Psyche 

schildert Siegmund in Wagners Walküre: „Wie viel ich traf, wo ich 
sie fand, ob ich um Freund, um Bruder warb, immer doch war ich 
geächtet, Unheil lag auf mir. Was Rechtes je ich riet, andern dünkte 
es arg, was schlimm immer mir schien, andre gaben ihm Gunst. In 
Fehde fiel ich, wo ich mich fand, Zorn traf mich, wohin ich zog. 
Giert* ich nach Wonne, weckt' ich nur Weh: drum mußt' ich mich 
Wehwalt nennen, des Wehes waltet' ich nur." 

So entwickelt sich die Charakterologie des Neurotikers, die ich am 
ausführlichsten in der „Disposition zur Neurose" geschildert habe 1 . 

Woher stammt nun diese Gier nach Geltung, diese Lust am Verkehr- 
ten, dieses trotzige Festhalten an Fehlern und diese Sicherungsmaß- 
regeln gegen ein Zuviel und Zuwenig (siehe die Ausführungen über 
Pseudomasochismus in der „Psychischen Behandlung der Tri- 

geminusneuralgie", Zeitschrift für Psychoanalyse 1910), in welch letz- 
terem Falle der Patient zur Selbstentwertung schreitet, nur um sich 
hinterher oder andernorts zu behaupten? 

Wie Sie wissen, habe ich zwei Durchgangspunkte der psychischen 
Entwicklung dafür verantwortlich gemacht, die ich hier nur kurz an- 

1 Später im „Nervösen Charakter". Bergmann, Wiesbaden 1912. 



108 Zur Kritik der Freudsdicn Sexualtheorie der Nervosität 



führe. Der eine liegt im Aufkeimen eines beträchtlicheren Minder- 
wertigkeitsgefühles, das ich immer im Zusammenhang mit 
minderwertigen Organen beobachtet habe, der andere ist ein mehr oder 
weniger deutlicher Hinweis auf eine ehemalige Befürchtung vor einer 
weiblichen Rolle. Beide unterstützen das Auflehnungsbedürfnis und die 
Trotzeinstellung so sehr, daß stets neurotische Züge sich entwickeln 

müssen, ob der Betreffende nun als Gesunder gilt, als Neurotiker in Be- 
handlung steht, als Genie oder als Verbrecher sich einen Namen macht. 
Und von diesem Punkte aus wird nun das Gefühlsleben verfälscht, 
es handelt sich nicht mehr um einfache, natürliche Beziehungen, son- 
dem um ein Hasten und Haschen nach vermeintlichen Triumphen, die 
lockend und werbend in seiner Zukunft vor ihm zu liegen scheinen und 
seine krankhafte Einstellung dauernd festhalten. Der Neurotiker lebt 
und denkt auch viel weiter in die Zukunft als der Normale und weicht 
meist den gegenwärtigen Prüfungen aus. Sehr häufig verbirgt sich der 
Charakter des Neurotikers, und so konnte es geschehen, daß man, als 
ich davon sprach, diese Charakterzüge als selten, als Eigentümlichkeiten 
des Verschrobenen auffassen wollte. Was sagt der Neurotiker zu die- 
sen seinen Charakterzügen? Manche wissen davon, wenn sie auch 
nicht den ganzen Umfang oder gar die Tragweite kennen. Viele haben 
es einmal gewußt und dann vergessen. Aus Ehrgeiz und Eitelkeit. 
Sie sichern sich dann vor diesem sie entwürdigenden Egoismus durch 
eine Art gegenteiligen Handelns. Immer sehen wir dabei, daß egoisti- 
sche Triebregungen entwürdigender Art, z. B. Geiz, Rachsucht, Bos- 
heit, Grausamkeit von solchen wertvollen, ethischen Gehaltes abgelöst 
werden. Also muß doch die „Sucht zu gelten" drinnen 
stecken, die Führung übernommen haben! Ein schönes 
Beispiel dieser Triebverdrängung habe ich in einem Vortrage in der 
Philosophischen Gesellschaft in Wien (S. III. dieses Bandes) mitge- 
teilt. Es betraf einen Fall von Stottern, einem Leiden, das in jedem 
Punkte durch den Mechanismus des männlichen Protestes konstituiert 
wird. Der Patient hatte ein Geschenk von ioo fl. im 7. Bezirke Wiens 
zu wohltätigen Zwecken abgeliefert, sollte in einem vornehmen Re- 
staurant der inneren Stadt pünktlich eintreffen, verspürte schon großen 
Hunger und ging mißmutig und matt zu Fuß den weiten Weg. Er 
wollte 12 Heller ersparen, wie sich bei der Analyse herausstellte. 
Wie bei allen Neurosen, kam bei ihm zutage: er wollte alles haben, 
alles Geld, alle Weiber, alle Seelen, und suchte beständig andere zu ent- 
werten. Auf die Wertschätzung", die man ihm entgegen brachte, achtete er 



Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 109 



gierig. Er konnte asketisch leben, wo es ihm Geltung verschuf, konnte über- 
eifrig studieren, wenn es sich darum handelte, anderen den Rang abzu- 
laufen, konnte wohltätig sein, wenn man es sah, geizte aber im kleinen, 
wenn er sich unbemerkt glaubte. Wo einer etwas leistete, war er 



verstimmt, wo einer gefiel, griff er an. Unaufhörlich lag er mit seinem 
Vater im Kampf und schreckte vor Selbstmorddrohungen nicht zurück, 
wenn er seinen Willen haben wollte. Das Stottern war gegen seinen 
Vater gerichtet, machte dem einen Strich durch die Rechnung und ver- 
half meinem Patienten zu größerer Bewegungsfreiheit. Zugleich sicherte 
es ihn vor der Ehe. Jedes Verhältnis brach er nach einiger Zeit ab mit 
der Motivierung, solange er stottere, könne er nicht heiraten. Diese Er- 
scheinung der „langen Liebesreihe", wie Freud sie nennt, kam in Wirk- 
lichkeit zustande, weil er alle Frauen wollte (wie Don Juan) and weil er 
zweierlei fürchtete und sich davor sichern wollte: i. daß er von einer 
Frau beherrscht werden, ihr dienstbar sein, andere aber aufgeben sollte; 
2. daß er bei seinem Egoismus, der ihm allerdings nur gefühlsmäßig, 
nicht aber gedanklich bewußt war, ein schlechter Gatte und Vater sein 
müßte, von Frau und Kindern deshalb zur Strafe betrogen werden müßte. 
Die Aufdeckung dieser Protestcharakterzüge ergibt sich mir in der 
Regel als erstes Stück der Analyse, ist gewöhnlich von einer Besserung 
gefolgt, regelmäßig aber von heftig einsetzendem Widerstand, der sich 
in Versuchen zur Entwertung meiner Person kundgibt. Einer meiner 
Patienten kam aus Ungarn in meine Kur, wie sich in der Analyse 
herausstellte, weil er es nicht vertragen konnte, daß seine von mir ge- 
heilte Schwester gut von mir sprach. Sie werden sagen, er war in 
seine Schwester verliebt. Richtig ! Aber nur dann, wenn diese 
gut von einem Manne dachte. Anfangs war er höflich, demütig 
fast und bescheiden, strotzte von Biederkeit und Wahrheitsliebe. Als 
ich ihm seine Rachsucht, Bosheit, Verlogenheit und seinen Neid nach- 
wies, tobte er längere Zeit, gab schließlich alles zu, erklärte aber, er 
müsse nun bei mir in der Kur bleiben, bis er gesund sei, und wenn 
das mehrere Jahre dauerte. Als ich ihm antwortete, er werde so lange 
bleiben, als ich es für gut befände, saß er einige Zeit lang sinnend da. 
Dann fragte er mich lächelnd: „Hat sich bei Ihnen in der Kur schon 
jemand das Leben genommen?" Ich antwortete ihm: „Noch nicht, 
aber ich bin jederzeit darauf gefaßt 1 ." — Dieser Patient litt unter 

1 „Die Waffen aus der Hand schlagen", d. h. die krankhaften Mittel 
des Nervösen unwirksam erscheinen zu lassen, ist das Ziel jeder psycho- 
therapeutischen Taktik. 



110 Zur Kritik der Freudschcn Sexualtheorie der Nervosität 



anderem auch an Schlaflosigkeit. Er drängte auf Besprechung 
dieses Symptoms, mit der Erklärung, daß er schon zufrieden wäre, 
wenn er seine Potenz bekäme. Die Aufklärung ging glatt vonstatten 

und er hatte bereits längere Zeit seinen vollen Schlaf erreicht, bevor er 
mir davon Mitteilung machte. 

Also hatte ja dieser Patient seine Charakterzüge verdrängt? Keines- 
wegs. Sein ganzer männlicher Protest kam klar zutage, allerdings in 
einer Art, daß er weder nach innen noch nach außen allzu viel An- 

stoß erregte. Ähnlich aber schildert ja Freud das Ergebnis der miß- 
glückten Verdrängung. Die Spuren der verdrängten Triebregungen 
sind in der Neurose stets deutlich zu erkennen, eine Erkenntnis, zu der 
Freud selbst manches beigetragen hat. Sie sind zu erkennen nicht 
bloß in den Phantasien des Neurotikers und in seinem Traumleben, 
sondern vor allem mittels der psychologischen Analyse, die uns die 
kleinen und großen Disharmonien und Inkongruenzen des Seelenlebens 
sehen lernt und uns deren Einordnung gestattet. 

Freilich ist die Arbeit noch recht unvollständig, wenn erst die Auf- 
deckung der neurotischen Charakterologie vorliegt. Aber sie ist wich- 
tig vor allem, weil ihre Kenntnis den Patienten warnt. Das schwieri- 
gere Stück der Kur führt dann nach meinen Erfahrungen regelmäßig 
zu den zwei Durchgangspunkten der psychischen Entwicklung des 
Neurotikers, zu den Quellen der Neurose, dem Gefühl der Min- 
derwertigkeit und dem männlichen Protest. 

Nun die von Ihnen gewiß schon mit brennender Begier erwartete 
Hauptfrage: Wodurch erkrankt der Neurotiker? Wann wird seine 
Neurose manifest? Freud hat diesem Punkte weniger Aufmerksam- 
keit geschenkt. Doch wissen wir, daß er eine Gelegenheitsursache an- 
nimmt, bei der die Verdrängung stärker, der alte psychische Konflikt 
wieder neu genährt wird. Es läßt sich nicht leugnen, daß hier Unklar- 
heiten vorliegen. Vielleicht ist die heutige Diskussion berufen, sie zu 
lösen. — Nach meiner Erfahrung antwortet der neurotisch Disponierte, 
der eigentlich stets leidet, auf jede Erwartung oder auf jedes 
Gefühl der Herabsetzung mit einem akuten oder chronischen 
Anfall. Letzterer gibt uns den Zeitpunkt, von dem wir den Ausbruch 
der Neurose datieren. Wenn nun neuerlich Triebverdrängungen ein- 
treten, so sind dies Begleiterscheinungen, die sich unter dem erhöhten 
Zwang des männlichen Protestes, unter dem Druck des Geltungsdranges 
und der Sicherungstendenzen bilden. Ich will dies an unserem Falle 
aus meinem letzten Vortrage demonstrieren. Unser Patient erinnert 



Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 111 



sich, zuerst beim Geigenspielen gezittert zu haben, zu einer Zeit, wo er 
mit einem Eheversprechen an Albertine, das von ihm scheinbar heiß- 
geliebte Mädchen, herausrücken sollte. Er hörte deshalb auf, Violine 
zu spielen. Nun erfahren wir folgendes: Albertine war eine vorzüg- 
liche Klavierspielerin, weshalb er oft daran denken mußte, daß er sie 
gerne auf der Violine begleitet hätte, wenn er nur besser spielen ge- 
konnt hätte. Und in der Ehe gar hätte es ein Konzert gegeben, bei 
dem ihm seine Frau entschieden über gewesen wäre. Solcher Art 
aber war die Furcht seines ganzen Lebens gewesen, eine Frau, die ihm 
überlegen wäre. Ich habe noch keinen Neurotiker getroffen, der nicht 
zumindestens heimlich von dieser Furcht benagt würde. Aus der Lite- 
ratur erwähne ich bloß den Fall Ganghofers, den Alexander Witt im 
4. Heft des Zentralblattes für Psychoanalyse, I. Jahrgang, zum Abdruck 
bringt, ferner einen ganz analogen Fall aus Stendhals Erinnerungen. 
In beiden Fällen handelt es sich um Kindheitserinnerungen, bei denen 
eine Frau über das Kind wegschreitet. Phantasien von Riesinnen, Wal- 
küren, von Frauen, die Knaben binden oder schlagen, die zuweilen im 
Pseudomasochismus zur Ausführung gelangen, Märchen von weiblichen 
Unholden, Nixen, Nymphen, Frauen mit männlichen Genitalien, mit einem 
Fischschwanz oder ähnlich der Jugenderinnerung Leonardo da Vincis sind 
häufig und finden ihr gleichwertiges und gleichsinniges Gegenstück in 
den ebenso häufigen Geburtsphantasien, Kastrationsgedanken und Wün- 
schen nach einer Mädchenrolle. Letzterer Wunsch erscheint oft äußerst 
abgeschwächt, verblasst bis zur Frage: was wohl ein Mädchen fühle? 

Wie Sie sich entsinnen, hatte auch unser Patient eine analoge Kindheits- 
erinnerung, daß eine Magd sich über ihm befunden habe 1 . Sie war nicht 
verdrängt, auch nicht vergessen, aber sie befand sich scheinbar außer 
allem Zusammenhang mit seinem gegenwärtigen oder 
früheren psychischen Zustand. Sie war all' ihrer Be- 
deutung entkleidet worden. War sie etwa ein wirksames 



Agens gewesen? Niemand kann das annehmen. Aus seiner Vorge- 
schichte tauchen Erinnerungen auf, an die energische Mutter, die als 
Witwe ihr großes Gut verwaltete, die ohne Mann ihr Auskommen fand, 
und von der die Leute sagten, sie sei wie ein Mann. Diese Mutter, 

1 Das heißt: „Die Frau ist stärker als der Mann!" In den 
ersten Kindheitserinnerungen steckt wie in den Berufswahlphantasien immer 
die gestaltende Weltanschauung des Menschen, gleichgültig, ob es sich um 
echte, phantasierte oder rekonstruierte (Birst ein) Erinnerungen handelt. 
S. Adler „Zur Schlafstörung"' in „Fortschritte der Medizin", Leipzig, 1913. 



112 Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 



die ihn verhätschelte, aber 'doch auch strafte, war ihm entschieden über- 
legen. Als dann seine Sehnsucht erwachte, daß er, das schwächliche 
Kind mit weiblichem Habitus, der oft verlachte und bestrafte Bettnässer, 
zum Manne werde, als er in Gedanken, Träumen und im trotzigen Bett- 
nässen seinem männlichen Protest Ausdruck verlieh, kamen ihm Erinne- 
rungen zu Hilfe wie die, daß er oft in weiblicher Kleidung Theater spielte, 
daß er am ersten Schultag mit seinen älteren Schwestern, an die er 
sich am meisten gewöhnt hatte, in die Mädchenschule lief und 
sich unter Tränen weigerte, zu den Knaben zu gehen. Und immer noch 
gab es Verschärfungen, die Ihn weiter in den männlichen Protest trieben. 
Die Crines pubis ließen lange auf sich warten, sein Genitale schien ihm 
kürzer als das seiner Altersgenossen. Er steckte sein Ziel nur 
um so höher, wollte Hervorragendes leisten, der Erste in der Schule, 
im Amte werden, bis er an Albertine kam, deren Überlegenheit er 
fürchtete. Er hatte alle Mädchen und Frauen, seine Mutter insgesamt 
entwertet, aber aus Furcht. Mit den gewöhnlichen Mitteln. Sie 
hätten keinen Verstand, keine Selbständigkeit, seien leichtfertig. (Siehe 
Hamlet: „0, ich weiß auch mit Euren Mätzchen Bescheid. Ihr tänzelt, 
Ihr trippelt, Ihr gebt Gottes Kreaturen verhunzte Namen und stellt 
Euch aus Leichtfertigkeit unwissend. Geht mir, es hat mich toll ge- 
macht I") Auch hätten sie einen schlechten Geruch. — Nebenbei: 
Diese „Geruchskomponente", der Freud wiederholt eine besondere 
Wichtigkeit als libidinöser Komponente zugeschrieben hat, er- 
weist sich mir immer mehr als neurotischer Schwindel. Eine Patientin, 
54 Jahre alt, die aus Furcht vor dem Kindergebären schwer neurotisch 
geworden ist, träumt gegen Ende der Kur den nicht mißzuverstehenden 
Traum: „Ich packe Eier aus. Alle stinken. Ich sage: Pfui, wie sie stin- 
ken.*' Am nächsten Tage sollte ihr Mann kommen. Sie hat bereits alle me- 
dizinischen Kapazitäten Deutschlands und Österreichs entwertet. — Eine 
neurotische Schauspielerin kam auf Liebesverhältnisse zu sprechen. 
Sie sagt: Ich schrecke keineswegs davor zurück. Ich bin eigentlich 
ganz amoralisch. Nur eins: Ich habe gefunden, daß alle Männer 
stinken, und dagegen kehrt sich meine Ästhetik." Wir aber werden 
verstehen: Bei einer derartigen Einstellung kann man ohne Gefahr 
amoralisch sein. Im 4- Heft des Zentralblattes für Psychoanalyse 191 1 
(„Zur Lehre vom Widerstand") finden Sie einige solcher Fälle zusam- 
mengestellt. — Die männlichen Neurotiker machen es ebenso. Es ist 
die Rache an der Frau. Europäer und Chinesen, Amerikaner und 
Neger, Juden und Arier werfen sich gegenseitig ihren Geruch vor. 



Zur Kritik der Freudschcn Sexualtheorie der Nervosität 




Ein vierjähriger Knabe sagt, so oft er bei der Küche vorbeigeht: 
„Es stinkt." Er lebt mit der Köchin in Feindschaft. — So auch unser 
Patient. Wollen wir diese Erscheinung als Entwertungstendenz 
bezeichnen, der analog die Fabel vom Fuchs und den sauren Trauben 
zusammengesetzt erscheint. 

Woher stammt die Entwertungstendenz? Aus der Furcht 
vor einer Verletzung der eigenen Empfindlichkeit. Sie ist also gleich- 
falls Sicherungstendenz, eingeleitet durch den Drang nach Geltung. 
Und steht psychisch im gleichen Rang mit dem Wunsche, oben zu sein, 
sexuelle Triumphe zu feiern, zu fliegen, auf einer Leiter oder Treppe 
oder am Giebel eines Daches („Baumeister Solneß") zu stehen. Fast 
regelmäßig findet man beim Nervösen die Tendenz, die Frau zu ent- 
werten und mit ihr zu verkehren eng nebeneinander. Ja, das Gefühl 
des Neurotikers spricht es deutlich aus: Ich will die Frau durch den 
Sexualverkehr entwerten, herabsetzen. Er läßt sie auch dann leicht 
stehen und wendet sich andern zu. Ich habe dies den Don Juan- 
charakter des Neurotikers genannt, es ist nichts anderes als 
Freuds „Liebesreihe", die er phantastisch deutet. Und die Entwertung 
der Frau, der Mutter sowohl wie aller Frauen, führt dazu, daß sich 
mancher der Neurotiker zur Dirne flüchtet l , wo er sich die Arbeit der 
Entwertung spart und noch obendrein seine Angehörigen vor Wut 
platzen sieht. Der Knabe sieht oder ahnt, daß es männlich ist, oben 
zu sein. Zumeist ist die Mutter die Frau, der gegenüber er das Pathos 
der Distanz herzustellen sucht. Ihr gegenüber will er den Mann spielen, 
um sie zu entwerten, sich zu erhöhen. Er schimpft sie wohl auch und 
schlägt sie oder lacht sie aus, wird unfolgsam und störrisch gegen sie, 
versucht zu kommandieren usw. Ob und wieviel Libido dabei im Spiele 
ist, ist vollkommen gleichgültig. Auch gegen andere Mädchen und Frauen 

wendet sich sein männlicher Protest, zumeist in der Linie des gering- 
sten Widerstandes auf Dienstboten und Gouvernanten. Später verfällt 
er auf Masturbation und Pollution, nicht ohne damit Sicherungsten- 
denzen gegen den Dämon Weib zu verbinden. So auch unser Patient. 
Als er sein Ziel bei der Mutter nicht erreichen konnte, ihr Herr zu 
sein, wendet er sich dem Dienstmädchen zu, wo ihm dies mit 6 — 7 
Jahren besser gelingt. Er sieht sie nackt und greift ihr unter die Röcke. 
Bis in die Gegenwart war diese Art der sexuellen Aggression seine 
hauptsächlichste Betätigung. Nur bei Prostituierten kam er zum Ko- 

1 S. Adler, Neurologische Betrachtungen zu Bergers „Eysenhardt", Zeit- 
schrift f. mediz. Psychologie und Psychotherapie, Stuttgart, 1913. 

8 



114 Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität 



itus, — bis es sich als notwendig erwies, sich zu beweisen, daß er nicht 
heiraten könne. Da stellten sich Pollutionen und Impotenz ein, und 
die Furcht vor seiner unbändigen Sexualität samt ihren vermeintlichen 
Gefahren der Paralyse und des Zitterns im Alter trat ihm vor Augen. 
Oder besser gesagt: Zittern und Stammeln stellten sich ebenso wie 
Pollutionen und Impotenz ein, weil sie ihn vor einer Ehe zu sichern 
in der Lage waren. — Wahrscheinlich hätte er rechtzeitig angebrochen 
und wäre vor der ausbrechenden Neurose verschont geblieben, wenn 
nicht ein Dritter am Plan erschienen wäre. Dies war für seinen Stolz 
zu viel. Nun konnte er nicht weichen und wollte doch nicht zugreifen. 
Seine „libidiösen" Strebungen, der Wunsch, Alber tine zu besitzen, 
erfüllte sein ganzes Bewußtsein, aber das Unbewußte sagte ein starres 
Nein und drängte ihn von der Brautwerbung ab, indem es Symptome 

arrangierte, die gegen eine Ehe sprachen. Ganz gleichwertig im 
Bewußtsein ist der Gedanke: ich kann erst heiraten, wenn ich eine 
gute Stelle bekleide. Gleichzeitig aber stellen sich Krankheitserscheinun- 
gen ein, die eine Vorrückung im Amte unmöglich machen. 

Was hat unser Patient „verdrängt"? Seinen Sexualtrieb, seine libido 
etwa? Er war sich ihrer so 6ehr bewußt, daß er fortwährend daran 
dachte, sich davor zu sichern. Eine Phantasie? Kurz ausgedrückt war 
seine Phantasie die Frau über ihm, die Frau als die Stärkere. 
Es bedurfte aller meiner Vorarbeiten, um den Zusammenhang dieser 
und ähnlicher Phantasien und der Neurose sichtbar zu machen. Und 
nun stellt sich heraus, diese Phantasie ist selbst nur ein Schreck- 
b i 1 d für den Patienten, aufgerichtet und festgehalten, um selbstauf 
Schleichwegen Geltung zu erhalten! Hat er libidinöse Re- 
gungen zur Mutter verdrängt? Das heißt, ist er am Ödipuskomplex 
erkrankt? Ich sah genug Patienten, die ihren „Ödipuskomplex" genau 
kennen, ohne Besserung zu empfinden. Wenn man erst dem männlichen 
Protest darin Geltung trägt, dann kann man gerechterweise nicht mehr 
von einem Komplex von Phantasien und Wünschen reden, sondern 
wird auch den scheinbaren „Ödipuskomplex" als kleinen Teil 
der überstarken neurotischen Dynamik verstehen lernen, 
als ein an sich belangloses, im Zusammenhang allerdings lehrreiches 
Stadium des männlichen Protestes 1 , von der aus die wichtigeren Ein- 
sichten in die Charakterologie des Neuro tikers ebenfalls möglich werden. 

1 Als eine symbolisch aufzufassende Situation. 



Zur Erziehung der Eltern. 

Vor Dr. Alfred Adler (1912). 

Ob es wohl noch Erzieher gibt, die dem lehrhaften Worte allein 
eine bessernde Kraft zuschreiben? Man fühlt sich versucht, diese 
Frage nach allen pädagogischen Erfahrungen und Belehrungen zu 
verneinen, wird aber gut tun, der menschlichen Psyche genug Fehler- 
quellen zuzutrauen, daß irgendwer, der sich mit Bewußtsein ganz 
des Erziehens durch Worte entschlagen hat, in einer Art Anmaßung 
immer wieder seinem Wort so viel Gewicht beimessen könnte, um ins 
Reden statt ins Erziehen zu verfallen. 

Aber das Kind zeigt von seinen frühesten Tagen an eine Neigung, 
sich gegen das Wort wie gegen das Machtgebot seiner^ Erzieher auf- 
zulehnen. Verschiedene dieser aggressiven, aus einer gegnerischen 
Stellung zur Umgebung stammenden Regungen sind uns zu vertraut, 
als daß man sie nicht als Auflehnung fühlte. Wer seine Aufmerksamkeit 
auf die Aggression des Kindes richtet, wird sich bald die feinere Witte- 
rung aneignen, die nötig ist, um zu verstehen, daßsichdasKindim 
Gegensatze zu seiner Umgebung fühlt und sich im Gegen- 
satze zu ihr zu entwickeln sucht. Und es fällt weiter nicht schwer, 
alle sogenannten Kinderfehler und psychischen Entwicklungshemmun- 
gen, wenn bloß ein organischer Defekt ausgeschlossen werden kann, 
auf diese mißratene Aggression gegen die Umgebung zurückzuführen. 
Trotz und Jähzorn, Neid gegen Geschwister und Erwachsene, grau- 
same Züge und Erscheinungen der Frühreife, aber auch Ängstlich- 
keit, Schüchternheit, Feigheit und Hang zur Lüge, kurz alle Regungen, 
die die Harmonie des Kindes mit Schule und Haus oft dauernd stören, 
sind als schärfere Ausprägungen dieser gegnerischen Stellung des Kindes 
zur Umgebung zu verstehen, ebenso die krankhaften Ausartungen wie 
Sprachfehler, Eß- und Schlafstörungen, Bettnässen, Nervosität wie 
Hysterie und Zwangserscheinungen. 

Wer sich kurzerhand von der Richtigkeit dieser Behauptungen über- 
zeugen will, beachte nur, wie selten das Kind imstande ist, „aufs 
Wort 14 zu folgen oder sofort einer Ermahnung nachzukommen. Noch 
lehrreicher vielleicht ist die Erscheinung des „gegenteiligen Er- 
folges". 

Es wäre oft nicht schwer, Kinder wie auch Erwachsene durch An- 




befehlen des Gegenteils auf den richtigen Weg zu bringen. Nur 
liefe man dabei Gefahr, alle Gemeinschaftsgefühle zu untergraben, 
ohne die Selbständigkeit des Urteils zu fördern; und „negative Abhängig- 
keit" ist ein größeres Übel als Folgsamkeit. 

Bei diesen Untersuchungen und bei dem Bestreben einer Heilung 
der mißratenen Aggression wird man bald belehrt, daß zwei Punkte 
vor allem in Frage kommen. Der — wie ich glaube — natür- 
liche Gegensatz von Kind und Umgebung läßt sich 
nur durch das Mittel der Liebe mildern. Und der Gel- 
tungsdrang des Kindes, der den Gegensatz so sehr ver- 
schärft, muß freie Bahn auf kulturellen Linien haben, 
muß durch Zukunftsfreudigkeit, Achtung und liebe- 
volle Leitung zum Ausleben kommen. 

Dies soll sich nun jeder vor Augen halten, der seine Feder eintaucht, 
um über Erziehungsfragen zu schreiben. Und ferner auch, daß man 
all die Regungen der Kinder mühelos wiederfindet im Leben der Er- 
wachsenen, nicht anders, als wäre das Leben eine Fortsetzung der 
Kinderstube, nur mit schwerwiegenden Folgen und persönlicherer Ge- 
fahr. Und der Prediger muß gewärtig sein, entweder gleich am 
Anfang niedergeschrien oder erst angehört und bald vergessen zu 
werden. Wie recht hat doch jene Anekdote, die von zwei Freunden 
erzählt, daß sie eines Tages über eine Frau in Streit gerieten, wo- 
bei der eine sie als dick, der andere als mager hinstellte! Unser 
geistiges Leben ist hochgradig nervös geworden, reizsam, möchte 
der Geschichtsf orscher Lamp recht sagen, so sehr, daß jede lehr- 
hafte Meinung oder Äußerung in der Regel den Widerspruch des 
andern wachruft. Und dies ist noch der günstigere Fall. Denn isl 
so das Gleichgewicht zwischen Schriftsteller und Leser einigermaßen 
hergestellt, dann wagt sich schüchtern auch die Anerkennung hervor 
oder man trägt fürsorglich eine gewonnene Einsicht nach Hause. Be- 
sonders dem Erzieher, aber auch dem Arzte geht es so. Die Früchte 
ihrer sozialen Leistungen reifen spät. Denn wo gibt es einen Menschen, 
der sich nicht zum Erzieher oder Arzt geschaffen glaubte und deshalb 
munter herumdokterte an Kindern und Kranken? 

Am besten, man lernt an den Kindern, wie man den Eltern mit 
Ratschlägen beikommt. D^ muß nun in erster Linie anerkannt werden, 
was gut und klug erscheint. Und zwar unbedingt, womöglich ohne 
Übertreibung. Aber dieses Zugeständnis dürfen wir Pädagogen den 
Eltern machen, daß sie viele Vorurteile aufgegeben haben, daß sie 



Zur Erziehung der Eltern 117 



bessere Beobachter geworden sind und daß sie nur selten mehr den 
Drill für ein Erziehungsmittel halten. Auch die Aufmerksamkeit und 
das Interesse für Wohlergehen des Kindes sind ungleich größer ge- 
worden, wo nicht das Massenelend allen Eifer und alles Verständnis 
erstickt oder den Zusammenhang von Eltern und Kindern zerreißt. 
Man trachtet mehr als früher nach körperlicher Ausbildung, weiß 
Verstocktheit und Krankheit besser zu trennen, sucht seine Grund- 
sätze über Kinderhygiene den modernen Anschauungen anzupassen 
und beginnt sich loszulösen vom Wunderglauben an den Stock, von 
der Fabel, daß die Strafe im Kinderleben die Sittlichkeit stärke. 

Und wir Pädagogen wollen uns nicht aufs hohe Roß setzen. Wir 
wollen gerne zugeben, daß unsere Wissenschaft keine allgemeingülti- 
gen Regeln liefert. Auch daß sie nicht abgeschlossen, sondern in 
Entwicklung begriffen ist. Daß wir das Beste, was wir haben, nicht 
erdenken oder erdichten können, sondern in vorurteilsloser Beobachtung 
erlernen. Auch läßt sich Pädagogik nicht wie eine Wissenschaft, 
sondern nur als Kunst erlernen, und daraus geht hervor, daß mancher 
ein Künstler sein kann, bevor er ein Lernender war. 

Das „Werk der guten Kinderstube", — dieses Wort verdanke ich 
einer klugen Mutter, — ist unvergänglich und ein sicheres Bollwerk fürs 
Leben. Wer möchte es nicht seinen Kindern schaffen? Am Willen 
fehlt es wohl nie. Was am meisten die ruhige Entwicklung des 
Kindes stört, ist die Uneinigkeit der Eltern und einseitige, oft un- 
bewußte Ziele und Absichten des Vaters oder der Mutter. Von diesen 
soll nun die Rede sein. 

Wie oft ist eines oder beide der Elternteile in seiner geistigen Reifung 
vorzeitig stecken geblieben! Nicht wissenschaftliche, sondern soziale 
Reife kommt in Betracht, die Schärfung des Blicks für Entwicklung, 
für neuo Formen des Lebens. Schon das Leben in der Schule und der 
Umgang mit Altersgenossen fördert häufig innere Widersprüche zutage, 
in denen die Achtung vor dem Elternhause verfliegt. Wird diese nun 
gar mit Gewalt festzuhalten versucht, so kommt das Kind leicht zu 
offener oder heimlicher Auflehnung. Es sieht die Eltern so oft im 
Unrecht, daß sein Geltungstrieb in ein einziges trotziges Sehnen aus- 
läuft: alles im Gegensatz zu den Eltern zu tun! In den äußersten 
Fällen merkt man leicht am Gehaben des Kindes: die Eltern 
sollen nicht recht behalten! Der rückwärts gewandte Blick 
der Eltern hindert oft ihr Vorwärtsschreiten, sie hängen oft an Dog- 
men und veralteten Erziehungs weisen fest, weil sie im Kampf des 



118 Zur Erziehung der Eltern 



Lebens sich und ihre Familie isoliert haben. Nun ist der Fortschritt 
des sozialen Lebens an ihnen vorübergegangen, sie sind von der Über- 
lieferung alter Erziehungsweisen gefangen gesetzt, bis das Kind aus 
der Schule die neuen Keime nach Hause trägt und die Erkenntnis 
seines Gegensatzes zu seinen Eltern täglich stärker fühlt und erlebt. 
Auch die Verschiedenheit der Wertschätzung fällt ins Gewicht. In 
der engen Kinderstube gilt der Knabe als Genie, in der Schule stößt 
man sich an seinen frech-albernen Äußerungen. Zu Hause zurück- 
gesetzt, bringt das Kind sich in der Schule zur Geltung. Oder es 
tauscht eine traditionell unzärtliche Häuslichkeit gegen verständnis- 
volles Entgegenkommen bei Altersgenossen und Lehrern. Dieser Um- 
schwung in den Beziehungen tritt häufig ein und macht das Kind 
für lange Zeit unsicher. 

Es muß ein Einklang bestehen zwischen den Forderungen in der 
Kinderstube und der Entwicklung unseres öffentlichen Lebens. Denn 
gerade die Kinder, die erst in der Schule und in der Außenwelt um- 
satteln müssen, die auf andersgeartete, kaum vermutete Schwierigkeiten 
stoßen, sind am meisten gefährdet. Die Eltern könnten es zur Not 
erreichen, daß sich das Kind ihnen völlig unterordnet und seine Selb- 
ständigkeit begräbt. Die Schule aber und die Gesellschaft von Kame- 
raden, von der Gesellschaft der Erwachsenen ganz zu schweigen, wird 
sich gerade an dieser Hilflosigkeit und an diesem unselbständigen Wesen 
am meisten stoßen, sie werden den Schwächling verwerfen, krank 
machen oder erst aufrütteln müssen, wobei recht oft der kaum gebän- 
digte Trotz über alles Maß hinauswächst und sich in allerlei Verkehrt- 
heiten austobt. 

Zeitigt die Isolierung der Familie oft solche Fehler, so sollte man 
meinen, daß ein einfacher Hinweis bereits genügt. Weit gefehlt! 
Eine genaue Einsicht hat gelehrt, daß die Eltern oder wenigstens ein 
Teil derselben nicht imstande sind, ihre oft unbewußte Stellung 
zur Gesellschaft aufzugeben, und daß sie immer wieder versuchen, 
innerhalb ihrer Familie sich die Geltung zu verschaffen, die ihnen 
die Außenwelt verwehrt hat. Wie oft dieses Gehaben in offene oder 
versteckte Tyrannei ausartet, lehren die Krankheitsgeschichten der 
später nervös gewordenen Kinder. Bald ist es der Vater, der seine eige- 
nen schlimmen Instinkte fürchtet, sie mit Gewalt bezähmt und nun 
bei den Kindern deren Ausbruch und Spuren mit Übereifer zu verhüten 
sucht, bald eine Mutter, die ewig ihre unerfüllten Jugendphantasien 
betrauert und ihre Kinder zum Opfer ihrer unbefriedigten Zärtlichkeit 



Zur Erziehung der Eltern 119 



oder ihrer Launenhaftigkeit auserwählt. Oder: der Vater sieht sich 
von einem heißersehnten Lebensziel abgeschnitten und peitscht nun 
den Sohn mit ängstlicher Hast, daß der ihm die Erfüllung seines 
Sehnens bringe. Hier eine Mutter, die sich zum übereifrigen Schutz- 
engel ihrer Kinder aufwirft, jeden Schritt der vielleicht bereits Er- 
wachsenen belauert, überall Ängstlichkeit und Feigheit züchtet, jede 
Willensregung des Kindes als gefahrvoll bejammert, vielleicht nur, 
um sich ihre Unentbehrlichkeit zu beweisen, vielleicht nur um „der Kin- 
der wegen" in einer liebeleeren Ehe standzuhalten. 

Im folgenden will ich einige dieser typischen Situationen zu 
schildern versuchen. Immer werden wir es mit Eltern zu tun bekommen, 
dieeinemGefühldereigenen Unsicherheitdurchüber- 
triebene Erziehungskünste zu entkommen suchen. Ihr 

ganzes Leben ist mit ausgeklügelten „Sicherungstendenzen" 1 
durchsetzt. Mit letzteren greifen sie in die Erziehung ein, machen 
ihre Kinder ebenso unsicher und im schlechten Sinne weibisch, 
wie sie selbst es sind, und legen so den Keim zu den stürmischen Re- 
aktionen des „männlichen Protestes", durch die der Greiz, der Ehrgeiz, 
der Neid, der Geltungsdrang, Trotz, Rachsucht, Grausamkeit, sexuelle 
Frühreife und verbrecherische Gelüste maßlos aufgepeitscht werden kön- 
nen. Trotz des fortschreitenden Zusammenbruchs ihres Erziehungswerkes 
halten sich solche Eltern häufig für geborene Pädagogen. Oft haben 
sie den Schein für sich: sie haben alle kleinen Möglichkeiten in den 
Bereich ihrer Erwägungen gezogen. Nur ein kleines haben sie ver- 
gessen: den Mut und die selbständige Energie ihrer Kinder zu ent- 
wickeln, den Kindern gegenüber ihre Unfehlbarkeit preiszugeben, ihnen 
den Weg frei zu geben. Mit beharrlicher Selbstsucht, die ihnen selbst 
nicht bewußt wird, lagern sie sich vor die Entwicklung der eigenen 
Kinder, bis diese gezwungen sind, über sie hinwegzuschreiten. 

Manchmal wird ihnen der Schiffbruch offenbar. Dann sind sie 
geneigt, diesen „Schicksalsschlag" als unbegreiflich hinzustellen und 
die Flinte rasch ins Korn zu werfen. In solchen Fällen muß man — 
man hat es ja mit nervös Erkrankten zu tun — vorsichtig eingreifen. 
Belehrungen werden regelmäßig als Beleidigungen aufgenommen. 

1 Der Nervenarzt muß sie zu den „Nervösen" rechnen, mögen sie in Be- 
handlung stehen oder nicht Ihre übertriebene Empfindlichkeit, ihre Furcht 
vor Herabsetzung und Blamage rufen die oben erwähnten „Sicherungstenden- 
zen" hervor, die ich als den wesentlichen Charakter der Neurose wiederholt 
beschrieben habe. 



120 Zur Erziehung- der Eltern 



Manche verstehen es mit großer Geschicklichkeit, ein Fiasko der päd- 
agogischen Ratschläge herbeizuführen, um den Arzt und Pädagogen 
bloßzustellen. Feines Taktgefühl, unerschütterliche Ruhe und Vorher- 
sage der zu erwartenden Schwierigkeiten bei Eltern und Kindern sichern 
den Erfolg. 

Und nun zu unseren Typen, zu den Fragen nach der Erziehung der 
Eltern. 



I. Schädigung der Kinder durch Übertreibung der 

Autorität. 

Ich habe den bestimmten Eindruck gewonnen, daß die menschliche 
Psyche eine dauernde Unterwerfung nicht verträgt. Nicht unter die 
Naturgesetze, die sie durch List und Gewalt zu überwinden trachtet, 
nicht in der Liebe und Freundschaft, und am wenigsten in der Er- 
ziehung. In diesem Ringen frei, selbständig zu werden, oben zu 
sein, liegt offenbar ein Teil jenes übermächtigen Antriebes zutage, 
der die ganze Menschheit empor zum Lichte führt. Selbst die Frommen 
und Heiligen hatten ihre Stunden des inneren Aufruhrs, und die fuß- 
fällige Anbetung der Naturgewalten dauerte nur so lange, bis ein Mensch 
den Blitz den Händen des Gottes entriß, bis die gemeinsame Einsicht 
den tobenden Gewalten des Meeres und der Flüsse Dämme erbaute 
und die Herrschaft erlistete. 

Über die Herkunft dieses Drängens nach oben erfährt man 
durch genaue Einzelbeobachtungen folgendes : Je kleiner oder schwächer 
ein Kind sich in seiner Umgebung fühlt, desto stärker wird sein 
Hang, seine Hast und Gier, an erster Stelle zu sein; je unsicherer und 
minderwertiger es den Erziehern gegenübersteht, um so stürmischer 
sehnt es deren Überwindung herbei, um Anerkennung und Sicherheit 
zu finden. Jedes Kind trägt Züge dieser Unsicherheit und zeigt die 
Spuren des Weges dauernd in seinem Charakter, wie es sich zu schützen 
suchte, fürs ganze Leben. Bald sind es Charakterzüge, die wir als 
aktive, bald solche, die wir als passive empfinden. Trotz, Mut, Zorn, 
Herrschsucht, Wißbegierde sollen uns als aktive Sicherungs- 
tendenzen gelten, durch die sich das Kind vor dem Unterliegen, 
vor dem „Untensein" zu schützen sucht. Die deutlichsten 
Sicherungstendenzen der passiven Reihe sind Angst, Scham, 
Schüchternheit und Unterwerfung. Es ist wie beim Wachstum der 
Organismen überhaupt, etwa der Pflanzen: die einen durchbrechen 
jeden Widerstand und streben mutig empor, die andern ducken sich 



1 



Zur Erziehung der Eltern 121 



und kriechen ängstlich am Boden, bis sie sich zögernd und anklammernd 
erheben. Denn hinauf, zur Sonne, wollen sie alle. Das organische 
Wachstum des Kindes hat in dem seelischen Aufwärtsstreben, in seinem 
Geltungsdrang eine durchaus nicht zufällige Parallele. 

Wie gesagt, da gibt es nun Eltern, — und vielleicht sind wir alle 
ihnen ähnlich — , die sich nicht vollends ausgewachsen haben. Irgend- 
wo sind sie im Wachstum gehemmt, geknickt, nach unten gebeugt, 
und nun steckt noch das machtvolle Drängen und Sehnen nach auf- 
wärts in ihnen. Die Außenwelt nimmt keine Rücksicht auf sie. Aber 
innerhalb ihrer Familie darf nur ihr Wort gelten. Sie sind die 
brennendsten Verfechter der Autorität. Und wie immer, wenn einer 
die Autorität verteidigt, meinen sie stets die ihrige, nie die des ande- 
ren. Nicht immer sind sie brutale Tyrannen, obgleich sie die Neigung 
dazu haben. Auch Schmeichelei und List wenden sie an, um die andern 
zu beherrschen. Und immer sind sie voll von Grundsätzen und Prin- 
zipien. Alles müssen sie wissen und besser wissen, stets soll ihre Über- 
legenheit zutage treten. Die anderen Familienglieder sind strenge ver- 
pflichtet, die Ehre und Bedeutung der herrschenden Person in der 
Außenwelt zu bekunden. Nur Lichtseiten des Familienlebens müssen 
der Umgebung vor Augen geführt werden, in allen anderen Beziehun- 
gen muß gelogen und geheuchelt werden. Der geistige und körperliche 
Fortschritt der Kinder soll dem Ruhme des Vaters oder der Mutter 
dienen, jeder Tadel in der Schule und alle die kleinen Streiche der 
Kindheit werden zum Elternmord aufgeblasen und ununterbrochen ver- 
folgt. Vater oder Mutter spielen dann lebenslänglich den Kaiser, 
den unfehlbaren Papst, den Untersuchungsrichter, den Weltweisen, 
und die schwache Kraft des Kindes zwingt sich vergeblich zum Wett- 
lauf. Ewig beschämt und verschüchtert, bestraft, verworfen und von 
Rachegedanken gequält, verliert das Kind allmählich seinen Lebensmut 
oder flüchtet sich in den Trotz. Allenthalben schwebt das Bild des 
Erziehers als Autorität um den Heranwachsenden, droht und fordert, 
hält ihm Gewissen und Schuldgefühl rege, ohne daß dabei mehr heraus- 
kommt als feige Unterwerfung mit folgender Wut oder trotziges Auf- 
bäumen mit folgender Reue. 

Des Kindes ferneres Leben verrinnt dann in diesem Zwiespalt. Seine 
Tatkraft wird gelähmt; die ihm auferlegten Hemmungen erscheinen 
ihm unerträglich. Man kann solche Menschen im späteren Leben 
leicht erkennen : sie zeigen auffällig viele Halbheiten in 
ihrem Wesen, stets ringen zwei entgegengesetzte Regungen um die 



122 Zur Erziehung der Eltern 



Herrschaft in ihrer Seele, lösen jederzeit den Zweifel aus, der sich 
gelegentlich in die Angst vor der Tat oder in den Zwang zur 
Tat auflöst. Der Idealtypus dieser Art Menschen, der psychische 
Hermaphrodit, ist auf halb und halb eingestellt. 

II. Schädigung der Kinder durch die Furcht vor 

Familienzuwachs. 

Wer wollte die große Verantwortlichkeit aus dem Auge lassen, die 
der Eltern wartet, sobald sie Kinder in die Welt setzen. Die Unsicher- 
heit unserer Erwerbsverhältnisse, die Rücksicht auf die eigene Kraft, 
wie oft erfüllen sie ein Ehepaar mit Sorgen, wenn sie an die Erhaltung 
und Erziehung von Kindern denken! Nicht anders die Schmerzen und 
Qualen, die Krankheiten, Mißwuchs und schlechtes Gedeihen der Kinder 
dem Elternherzen bereiten können. Dazu kommen noch andere Be- 
denken. Man war vielleicht selbst einmal krank. Irgendwer in der 
Familie litt an Nervosität, an Geisteskrankheit, an Tuberkulose oder 
Augen- und Ohrenkrankheiten. Wie leicht kann das Kind ein Krüppel, 
ein Idiot, ein Verbrecher werden. Wie leicht könnte die Mutter selbst 
unter der Mühe des Gebarens, der Pflege, des Stillens zusammenbrechen. 
Soll man so viel Schuld auf sich laden? Darf man ein Kind einer ge- 
fährlichen Zukunft aussetzen? 

Solche Einwendungen werden oft mit unheimlichem Scharfsinn er- 
dacht und begründet. Und doch! Manche der obigen Fragen sind 
bis heute noch nicht einwandfrei gelöst. 

Aber gerade deshalb eignen sie sich ganz ausgezeichnet, den Schreck- 
popanz abzugeben. Und sobald diese Frage, die nur sozial gelöst 
werden kann, innerhalb der Familie oder durch private Initiative 
behandelt wird, muß sie notwendigerweise zu Schädigungen führen. 
Wir wollen bloß hindeuten auf die Verdrossenheit und Unbefriedi- 
gung, die dem Prohibitivverkehr zuweilen folgen. Ebenso ist zu be- 
denken, daß die künstliche Behinderung der Befruchtung meist ein 
Verhalten nötig macht, das vorhandene Nervosität steigert. Nicht weni- 
ger fällt ins Gewicht, daß es meist die allzu vorsichtigen Menschen 
sind, die dem Kindersegen vorzubeugen trachten, daß diese ein ganzes 
Sicherungssystem ausbauen, wodurch ihre Vorsicht sich erheblich aus- 
wächst und auf alle Beziehungen des Lebens ausgedehnt wird. Ist 
in solchen Ehen noch kein Kind vorhanden, so zwingt die Sicherungs- 
tendenz die Eltern, ihre Lage grau in grau anzusehen. Allerlei hypo- 
chondrische Grübeleien werden angesponnen und festgehalten, damit 



Zur Erziehung- der Eltern 123 



die Gesundheit nur nicht einwandfrei erscheint. Fragen der Bequemlich- 
keit und des Luxus nehmen einen ungeheuren Raum ein und züchten 
einen ungemein verschärften Egoismus, so daß sich dieser Egoismus 
wie eine unübersteigliche Schranke gegen die Eventualität einer Nach- 
kommenschaft aufrichtet. Kommt aber dann doch ein Kind, so be- 
findet es sich in einer so untauglichen Umgebung, daß seine leibliche 
und geistige Gesundheit in Frage gestellt ist. Jedes der Elternteile 
sucht dem andern die Last der Erziehung zuzuschieben, wie wenn 
er ihm die Schwierigkeit der Kinderpflege verkosten lassen wollte, 
um vor weiterer Nachkommenschaft abzuschrecken. Alle Leistungen 
werden als Qual empfunden, das Stillgeschäft wird oft zurückgewiesen, 
die gestörte Nachtruhe, die Abhaltung von Vergnügungen überaus schwer 
und unter fortwährenden Klagen ertragen. Allerlei nervöse Sym- 
ptome, Kopfschmerz, Migräne, Mattigkeit setzen ein, und machen den 
Angehörigen recht deutlich, daß ein weiterer Zuwachs eine Gefahr, 
gewöhnlich für die Mutter, bedeuten würde. Oder die Eltern übertreiben 
ihr Pflichtgefühl in einer Weise, daß sie sich und das Kind dauernd 
schädigen. Fortwährend sind sie mit dem Kinde beschäftigt, belauschen 
jeden Atemzug, wittern überall Krankheitsgefahr, reißen das Kind 
aus dem Schlafe und überschreiten jede Maßregel so sehr, bis „Ver- 
nunft Unsinn, Wohltat Plage" wird. So daß in allen Beobachtern 
der Gedanke laut wird : wie schrecklich wäre es, wenn diese 
Eltern ein zweites Kind hätten. 

In späterer Zeit werden alle die fehlerhaften Eigenschaften des 
„einzigen Kindes" klar zutage treten. Das Kind wird selbst übertrieben 
ängstlich, lauert auf jede Gelegenheit, die überängstlichen Eltern unter- 
zukriegen, mit ihrer Sorge zu spielen und sie in ihren Dienst zu 
stellen. Trotz und Anlehnungsbedürfnis wuchern ins Ungemessene, 
und eine Sucht, krank zu sein, zeichnet solche Kinder aus, weil sie 
durch Krankheit am leichtesten zu Herren der Lage werden. 



III. Schädigung des „Lieblingskindes" und des 



>■> 



Aschenbrödels". 



Es ist für Eltern gewiß nicht leicht, ihre Sorgfalt und Liebe gleich- 
mäßig auf mehrere Kinder zu verteilen. Der gute Wille fehlt selten. 

Was bedeutet dies aber gegenüber einer unbewußten Einstellung, 
die ständig das Urteil und die Handlungsweise der Eltern zu beein- 
flussen versucht; was bedeutet dies vollends gegenüber dem feinen 



124 Zur Erziehung der Eltern 



Gefühle der Kinder für Gleichberechtigung, oder gar gegenüber einem 
einmal erwachten Mißtrauen! 

Schon unter den günstigsten Verhältnissen in der Kinderstube wird 
sich das jüngere von den Kindern hinter die älteren zurückgesetzt 
fühlen. Des Kindes Wachstumsdrang verleitet es dazu, sich ständig 
mit seiner Umgebung zu messen und stets seine Kräfte mit denen der 
andern Geschwister zu vergleichen. In der Regel stehen die jüngsten 
Kinder unter einem verstärkten seelischen Antriebe und entwickeln 
die größere Gier nach Geltung, Besitz und Macht. Solange dieses 
Streben in den Grenzen des kulturellen Ehrgeizes bleibt, kann man 
davon die besten Früchte erwarten. Nicht selten aber kommen starke 
Übertreibungen aktiver Charakterzüge zustande, unter denen Neid, 
Geiz, Mißtrauen und Roheit besonders stark hervorstechen. Die natür- 
lichen Vorteile der älteren Kinder drücken wie eine Last auf dem 
Kleinsten und zwingen es zu verstärkten Sicherungstendenzen, 
wenn es sich auf ungefähr gleicher Höhe der Geltung erhalten will. 

Nicht anders wirkt die Bevorzugung eines Kindes auf die anderen. 



Ein Gefühl und die Befürchtung der Zurückgesetztheit mischt sich 



dann stets in alle seelischen Regungen, die Aschenbrödelphantasie breitet 
sich mächtig aus, und bald setzen Schüchternheit und Verschlossenheit 
ein. Das zurückgesetzte Kind sperrt sich seelisch ab und versetzt sich 
bei allen denkbaren Anlässen in eine Stimmung der Gekränktheit, die 
endlich in dauernde Uberempfindlichkeit und Gereiztheit übergeht. 
Verzagt und ohne rechte Zuversicht blickt es in die Zukunft, sucht 
sich durch allerlei Winkelzüge vor stets erwarteten Kränkungen zu 
sichern und fürchtet jede Prüfung oder Entscheidung. Seine Tat- 
kraft leidet durch die ewige Angst vor dem Nichtankommenkönnen, 
vor der Blamage, vor der Strafe. In den stärker ausgeprägten Fällen 
wandelt sich das Kind so sehr zu seinen Ungunsten, seine gereizte 
Trotzigkeit wird ein derart bedeutsames Hindernis für seine Entwick- 
lung, daß es schließlich die Zurücksetzung gegenüber den andern 
Kindern zu verdienen scheint. Wenn dann bei unliebsamen Zufällen 
und Streichen, an denen gerade dieses Kind beteiligt erscheint, die 
»Eltern oder Lehrer zornig hervorheben: „Wir haben es immer ge- 
wußt! So mußte es kommen I" — dann ist die bescheidene Erinnerung 
am Platze: „Gewußt? Neinl Ihr habt es gemacht! " — Zuweilen 
sind solche „zurückgesetzte" Kinder bloß in ihrem Verwandten- 
und Bekanntenkreis befangen, legen ihre Zurückhaltung aber ab, so- 
bald sie in fremder Gesellschaft sind, so als ob sie unter dem Druck 



Zur Erziehung- der Eltern 125 



ihrer bekanntgewordenen Sünden stünden. Da hilft freilich dann nur 
Entfernung aus dem oft ungeeigneten Kreis oder — in schwereren 
Fällen — vollkommene Erfassung der Lage durch das Kind und 
Loslösung, Erziehung zur Selbständigkeit durch Heilpädagogik. 

Oft liegt der Grund zur Zurücksetzung im Geschlecht 
des Kindes ; sehr häufig wird der Knabe dem Mädchen vorgezogen, 
wenn auch das Gegenteil manchmal vorkommt. Unsere gesellschaft- 
lichen Formen sind dem männlichen Geschlecht um vieles günstiger. 
Dieser Umstand wird von den Mädchen ziemlich früh erfaßt, und 
das Gefühl der Zurücksetzung ist unter ihnen ziemlich allgemein 
verbreitet. Entweder wollen sie es in allem den Knaben gleich tun, 
oder sie suchen in ihrer, der weiblichen Sphäre, ihr Gefühl der Zu- 
rückgesetz tzeit wettzumachen, sichern sich vor Demütigungen und 
Beeinträchtigungen durch übergroße Empfindlichkeit und Trotz, und 
nehmen Charakterzüge an, die sich nur als Schutzmaßregeln 
verstehen lassen. Sie werden geizig, neidisch, boshaft, rachsüchtig, 
mißtrauisch, und zuweilen versuchen sie sich durch Verlogenheit und 
Hang zu heimlichen Verbrechen schadlos zu halten. In diesem Streben 
liegt durchaus kein weiblicher Zug, sondern dies ist der Pro- 
test des in seinem innersten Wesen unsicher gewor- 
denen Kindes, es ist der unbewußte, unabweisbare Zwang, die 
gleiche Höhe mit dem Manne zu halten, kurz: der männliche 

Protest. Nicht etwa die Tatsache der Zurücksetzung fällt dabei 
ins Gewicht, sondern ein recht häufig verfälschtes, unrichtiges Gefühl 
einer Zurückgesetztheit. Mit der Zeit freilich, wenn das über- 
empfindliche Kind unleidig wird, stets störend in die Harmonie des 
Zusammenlebens eingreift und seine überspannten, aufgepeitschten Pro- 
testcharaktere entwickelt, wird die Zurücksetzung zur Wahrheit, und 
das nervös disponierte Kind wird bestraft, strenger behandelt, gemieden, 
oft mit dem Erfolg, daß es sich in seinen Trotz versteift. 

Oder die Umgebung gerät unter das Joch des zügellos gewordenen 
Kindes, für das jede persönliche Beziehung zu einem Kampf wird und 
jedes Verlangen in einen Hunger nach Triumph, nach einer Niederlage 
des andern ausartet. Damit gerät das Kind an die Schwelle der Neurose, 
des Verbrechens, des Selbstmordes. Zuweilen freilich auch an das 
Eintrittstor zur genialen Schöpfung. Aus dem Gefühl der Zu- 
rückgesetz theit, der persönlichen Unsicherheit, aus 
der Furcht vor der zukünftigen Rolle und vor dem 
Leben entwickeln sich machtvoll übertriebene Resrun- 



i 



126 Zur Erziehung der Eltern 



gen nach Geltung, Liebe und Zärtlichkeit, deren Befrie- 
digung fast nie gelingt, geschweige denn sofort. Im letzten Augen- 
blicke noch schreckt das nervös disponierte Kind vor jeder Unter- 
nehmung zurück und ergibt sich einer Zagheit, die jedes tatkräftige 
Handeln ausschließt. Alle Formen der Nervosität schlum- 
hiern hier im Keime und dienen, einmal zum Ausbruch 
gekommen, dieser Furcht vor Entscheidungen. Oder 
die aufgepeitschten Affekte durchbrechen alle moralischen und seelischen 
Sicherungen, drängen mit Ungestüm zur Tat, die freilich oft genug 
auf den verbotenen Wegen des Verbrechens und des Lasters reif wird. 

AVas das Lieblingskind, das verhätschelte, verzogene Kind an- 
langt, so besteht dessen Schädigung vor allem darin, daß es schon 
frühzeitig seine Macht fühlen und mißbrauchen lernt. 
Infolgedessen ist sein Geltungsdrang so wenig eingeschränkt und füg- 
sam, daß das Kind jede Unbefriedigung, mag sie noch so sehr durch 
das Leben bedingt sein, als eine Zurücksetzung fühlt. Die 
Eltern schaffen also mit Fleiß und Absicht für ihren Liebling Zustände, 
die ihm die gleiche Gereiztheit und Überempfindlichkeit anheften 
wie dem zurückgesetzten Kinde. Dies wird freilich zumeist erst in 
der Schule oder außerhalb der Kinderstube klar. Die gleiche Unsicher- 
heit, die gleiche Ängstlichkeit und das Bangen vor dem Leben cha- 
rakterisieren die Lieblingskinder. Zuweilen sind diese Züge bloß durch 
anmaßendes Benehmen und Jähzorn verdeckt. Da diese Kinder gewohnt 
waren, sich ihrer Umgebung als einer Stütze zu bedienen, den Eltern 
und Geschwistern eine dienende Rolle zuzuweisen, suchen sie in ihrem 
ferneren Leben stets wieder nach ähnlichen Stützen, finden sie nicht 
und ziehen sich verschüchtert und grollend zurück. 

Beiderlei Erziehungsweisen führen also zu Steigerungen der Affekt- 
größen und drohen mit dauernder Unzufriedenheit, Pessimismus, Welt- 
schmerz und Unentschlossen hei t. Nicht selten betrifft die Verzärte- 
lung ein einziges Kind. Wie oft sich da die Schädigungen der Verwöh- 
nung mit jenen summieren, die aus der Furcht vor weiterem Nach- 
wuchs entstehen, ist leicht einzusehen. Auch übertriebenes Autoritäts- 
gelüste der Eltern wirkt schärfer, sobald es sich nicht auf mehrere 
Kinder verteilen kann, sondern bloß auf ein einziges drückt. 

Nun gibt es gerade in Hinsicht auf die Ursachen der Verzärtelung 
eine Anzahl von Schwierigkeiten, zu deren Beseitigung ein besonders 
heller Blick der Eltern und hervorragendes erzieherisches Feingefühl 
gehören. So in dem Falle, wenn es sich um ein kränkliches oder 



Zur Erziehung der Eltern 127 



krüppelhaftes Kind handelt. Wen rührt nicht der Gedanke an die 
Liebe und treue Pflege der Mutter am Bett des kranken Kindes 1 Und 
doch kann dabei leicht ein Übermaß von Zärtlichkeit einfließen, be- 
sonders dort, wo dauernd kränkliche Kinder in Betracht kommen. 
Das Kind findet sich leicht in dem Gedankengang zurecht, daß ihm 
die Krankheit zur „Sicherung" im Leben dienlich sein kann, daß 
sie ihm zu vermehrter Liebe, zur Schonung und zu mehreren anderen 
Vorteilen verhilft. Von den kleinen, aber für das spätere Leben oft 
so bedeutsamen Vergünstigungen, — im Bett der Eltern, in ihrem 
Schlafzimmer schlafen zu dürfen, beständig unter ihrer Obhut zu 
stehen, jeder Mühe überhoben zu werden, — bis zum Verlust jeder 
Hoffnung und jedes Wunsches nach selbständigem Handeln führt eine 
gerade Linie. Der Raub aller Lebenszuversicht, der an diesen von der 
Natur zurückgesetzten Kindern begangen wird, wirkt um so aufreizen- 
der, weil er oft nur mit Mühe umgangen werden kann. Aber so 
stark muß die Liebe und das erzieherische Pflichtgefühl sein, daß es 
auch um den Preis des eigenen Schmerzes den Krüppeln und Bresthaft 
zum Lebensmut und zum selbständiger! Wirken und Ausharren verhilft. 

Auch die Bevorzugung schöngebildeter und beson- 
ders wohlgeratener Kinder entspringt meist einer begreiflichen 
Stellungnahme der Eltern und Erzieher, geht aber oft, da unbewußte 
unkontrollierte Gefühle mitsprechen, um ein Erhebliches zu weit. Man 
muß nur auch den Fehler zu vermeiden trachten, den gesunden und 
geratenen Kindern ihrer natürlichen Vorzüge wegen schärfer zu be- 
gegnen, wozu man sich manchmal aus übertriebenem Gerechtigkeits- 
gefühl gedrängt glaubt. 

Nun gibt es eine Art der Bevorzugung, die mehr als alle anderen ins 
Gewicht fällt, die aus gesellschaftlichen, realen Ursachen hervorgeht, 
von den Eltern und Erziehern aber oft bedeutsam gefördert wird, so 
daß häufig genug nicht bloß das bevorzugte, sondern auch das zurück- 
gesetzte Kind Schaden leidet. Ich meine die überaus großen Vorteile, 
deren sich im allgemeinen das männliche Geschlecht erfreut. 
Diese Vorteile beeinflussen das Verhalten der Eltern allzusehr, und es 
ändert an dem Schaden nur wenig, wenn Mädchen in der Familie keine 
Zurücksetzung erfahren. Das Leben und unsere gesellschaftlichen Zu- 
stände legen den Mädchen das Gefühl ihrer Minderwertigkeit so nahe, 
daß der Psychologe ausnahmslos die Regungen erwarten darf, die einer 
Reaktion auf dieses Gefühl der Zurückgesetztheit entspringen: Wünsche, 
es dem männlichen Geschlecht gleich zu tun, Widerstand gegen jeden 



128 Zur Erziehung der Eltern 



Zwang, Unfähigkeit, sich zu unterwerfen, sich zu fügen. Selbst bei 
der geeignetsten Erziehung wird sich des Mädchens, aber auch des 
mädchenhaften Knaben ein Gefühl der Unsicherheit, ein Hang zur 
Verdrossenheit und eine meist unbestimmte Empfindung von ängst- 
licher Erwartung bemächtigen. Die Einordnung in die Ge- 
schlechtsrolle geht unter ungeheurer Anspannung 
der Phantasie vor sich. Eine Phase der Undifferenziertheit 
(D e s s o i r) läßt regelmäßig Regungen erstarken, die eine Hast, 
männlich zu werden, verraten, stark, groß, hart, reich, herr- 
schend, mächtig, wissend zu erscheinen, die von Furchtregungen be- 
gleitet werden, als deren psychologischen Ausdruck man eine gewisse 
Unverträglichkeit gegen Zwang, gegen Gehorsam, gegen Unterwerfung 
und Feigheit, kurz, gegen weibliche Züge finden wird. Alle Kinder nun. 
deren Undifferenziertheit länger und deutlicher zum Ausdruck kommt, 
psychische Hermaphroditen — , werden kompensatorisch als 
Gegengewicht gegen das wachsende Gefühl ihrer Minderwertigkeit nega- 
tivistische Züge entwickeln, Knaben wie Mädchen, Züge von Trotz, Grau- 
samkeit, Unfolgsamkeit, ebenso auch von Schüchternheit, Angst, Feig- 
heit, List und Bosheit, oft ein Gemisch mehr oder weniger aggressiver 
Neigungen, die ich den männlichen Protest genannt habe. So 
kommt ein aufgepeitschtes Verlangen in diese Kinderseelen, aus unbe- 
wußten Phantasien reichlich genährt : männlich zu scheinen 
und sofort den Beweis von der Umgebung zu verlangen. 
Und nie fehlt die Gegenseite dieses Verlangens: die Furcht vor der 
Entscheidung, vor der Niederlage, vor dem „Untensein". Aus diesen 
Kindern werden die Stürmer und Dränger in gutem wie in schlechtem 
Sinne, die stets Verlangenden, nie Zufriedenen, hitzige, aufbrausende 
Kampfnaturen, die doch stets wieder an den Rückzug denken. Stets 
leiden ihre sozialen Gefühle, sie sind starre Egoisten, haben aber oft 
die Fähigkeit, ihre Selbstsucht vor sich und anderen zu verstecken, und 
arbeiten ununterbrochen an der Entwertung aller Werte. Wir finden 
sie an der Spitze der Kultur, ebenso im Sumpfe. Der größte Teil von 
ihnen scheitert und verfällt in Nervosität. 

Ein Hauptcharakter ihrer Psyche ist der Kampf gegen das 
andere Geschlecht, ein oft heftig, oft still, aber erbittert ge- 
führter Kampf, dem stets auch Züge von Furcht sich beimengen. Es 
ist, als ob sie zur Erlangung ihrer erträumten Männlichkeit die Nieder- 
lage eines Geschlechtsgegners nötig hätten. Man glaube aber nicht, 
daß die Züge offen zutage liegen. Sie verstecken sich gewöhnlich unter 



Zur Erziehung der Eltern 129 



ethische oder ästhetische Rücksichten und gipfeln in den Jahren nach 
der Pubertät in der Unfähigkeit zur Liebe und in der 
Furcht von der Ehe. 

Was können Eltern und Erzieher tun, um diesem Schaden vorzu- 
beugen, der aus dem Umstände entspringt, daß das Kind die Frau 
und ihre Aufgaben geringer wertet? Die Wertdifferenz zwischen männ- 
lichen und weiblichen Leistungen in unserer allzusehr auf Werte er- 
pichten Gesellschaft können sie nicht aus der Welt schaffen. Sie 
können aber dafür sorgen, daß sie im Rahmen der Kinderstube nicht 
allzu aufdringlich hervortritt. Dann wird die Angst 
vor dem Schicksal der Weiblichkeit nicht aufflammen 
können, und die Affekte bleiben ungereizt. Man darf also die Frau 
und ihre Aufgaben in der Kinderstube nicht verkleinern, wie es oft 
zu geschehen pflegt, wenn der Vater seine Männlichkeit hervorzuheben 
sucht oder wenn die Mutter verdrossen über ihre Stellung im Leben 
zürnt. Man soll Knaben nicht zum Knabenstolz anhalten, noch weniger 
dem Neid der Mädchen gegenüber den Knaben Vorschub leisten. Und 
man soll in erster Linie den Zweifel des Kindes an seiner Geschlechts- 
rolle nicht nähren, sondern von der Säuglingszeit angefangen seine 
Einfügung in dieselbe durch geeignete Erziehungsmaßnahmen fördern. 



9t 



Organdialekt. 

Von Dr. Alfred Adler (1912). 

Im Jahre 19 10 habe ich in einer Arbeit über „Psychische Behandlung 
der Trigeminusneuralgie" (Zeitschrift für Psychoanalyse, Heft 1) von 
einer allgemein verbreiteten menschlichen Neigung gesprochen, die seeli- 
sche Überwältigung einer Person durch die andere, ihre 
Überlegenheit in einem sexuellen Bild zu erfassen oder auszudrücken. 
Besonders bei nervösen Personen kann die Wirkung eines solchen 
inneren Schlagwortes" (Robert Kann) so weit gehen, daß dabei auch 
die Geschlechtsorgane in die entsprechende Angriffsstellung geraten. 
Die Sprechweise bedient sich oft solcher bildlichen Eindrücke. Beispiele 
scheinen mir in den Wörtern : vergewaltigen, übermannen, Jungfernrede, 
schicksalschwanger und in zahllosen Schimpf- und Spottreden vorzu- 
liegen, wie sie uns die Volkskunde liefert. 

Diese Tatsachen, die es mir erlaubten, in der Kritik der Freud sehen 
Libidotheorie einen weiteren Schritt vorwärts zu gehen und zu zeigen, 
daß auch das geschlechtliche Gebaren und Fühlen des Nervösen und 
Gesunden nicht in „banaler" Weise als ausschließlich geschlechtlich 
zu verstehen ist, geschweige denn seine übrige psychische Haltung, 
werden heute auch von den ehemaligen Gegnern anerkannt. Insbe- 
sondere die Arbeiten der Schweizer Psychoanalytiker tragen dieser 
Auffassung in weitestem Maße Rechnung. 

Der psychologische Vorgang dieses Übergreifens aus einer Denk-, 
Gefühls- und Willenssphäre, z. B. des Willens zur Macht, auf eine 
zweite, z. B. der Sexualvorgänge, geschieht offenbar zum Zweck 
einer Verstärkung des Affekts, der auf eine Erhöhung des 
Persönlichkeitsgefühls hinzielt. Und eine solche Person spricht, denkt, 
handelt dann so, als ob sie einen Sexualakt letzter Linie vorhätte. 
Dabei ist es fraglos, daß diese Person, — abgesehen vom Wahn in der 

Neurose und Psychose, im Traum, im Mythos und im Märchen, 
im klaren ist, daß ihr Endziel nicht durch das Sinnbild, nicht durch 
das bildliche Element gegeben ist, sondern daß dieses nur als Modus 
dicendi, als Form des Redens, als Dialekt angesehen werden kann, 
wogegen das Handeln und Denken auf die wahre Natur der Dinge ge- 
richtet bleiben muß. Im Sinne Vaihingers haben wir es demnach 

1 Vaihinger, Die Philosophie des Als-Ob, Berlin, Reuther & Reichard, 
1911. 



Organdialekt 131 



mit einer echten „Als-Ob "-Konstruktion, mit einer Fiktion, mit einem 
Kunstgriff des Geistes zu tun, und es obliegt uns noch die weitere Er- 
örterung der Frage, was mit der Sexualisierung oder mit einem anderen 
Organ dialekt des Denkens und Fühlens bezweckt ist. Leichtverständ- 
licherweise ist auch unser Begriff : Organdialekt als eine „Als- 

Ob"-Bildung zu nehmen, weil auch er sich auf das Fühlen und Handeln 
erstreckt, und nicht bloß auf die Sprache. 

Die allgemeine Antwort, die ich oben gegeben habe, daß diese Kunst- 
griffe auf eine Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls hinzielen, orfordert 
auch noch eine Beschreibung der Wege, auf denen dieses Ende zu er- 
reichen gesucht wird. Der eine Weg verläuft in der künstlich hinzu- 
gesellten Bahn, lenkt also vom ursprünglichen Ziele ab und schafft 
einen Ersatz. In der „Liebkosung des Windes", in der „seligen Hin- 
gabe" an die Kunst, in der „Vermählung" mit der Muse kann ebenso 
wie im „Klingen kreuzen" mit einem wissenschaftlichen Gegner etwa 
eine solche Ablenkung vom ursprünglichen Ziele liegen, wo wir unter 
Umständen annehmen dürfen, daß der geradlinige Weg zur Liebe, 
zum Kampf aus Gründen einer inneren Vorsicht gemieden wird (Furcht 
vor der Entscheidung). In anderen Fällen bringt diese „Triebverschrän- 
kung" oder „das Junktim 44 die zur Persönlichkeitserhöhung nötige 
Resonanz hervor, bedient sich die Person zum Zwecke des eindrucks- 
vollen Sprechens, Denkens und Handelns der daraus fließenden fäl- 
schenden Affektbegleitung, um ihr Ziel zu sichern. So wenn ich das 
Weib als Sphinx, den Mann als Angreifer denke, wo immer ein sexuelles 
Schicksal mit dem Gedanken einer Niederlage verbunden ist. Ein 
zweiter Weg ergibt sich geradliniger, sobald die Phantasie die Lockung 

eines gesetzten Zieles dadurch verstärkt, daß sie auf bekanntere oder be- 
sonders reizvolle Genüsse auffordernd hinweist: Rosenlippen, Mannes- 
ehre, Paradies der Kindheit usw. 

Unfaßbare Qualitäten werden dabei durch einfachere, faßbare erklärt, 
ergänzt, verstärkt und übertrieben. Bei günstiger Darstellung fehlt nie 
der „Naturlau t". Was den einen besonders ergreift oder ihn selbst 
zum Organdialekt treibt, stammt aus seiner Vorgeschichte, wesentlich 
aus seinen Hauptinteressen und aus seiner körperlichen \nlage, soweit 
sie sich einem Endziel ausgleichend eingeordnet hat. Menschen mit 
empfindlichen Sehorganen werden bis in ihre Ausdrucksweise hinein 
eine Häufung von Begriffen des Sehens, Einsehens, der \nschauung 
usw. aufweisen, wie kürzlich erst von der Pfordten in geistreicher 

9* 



132 Orffandialekt 



Weise wieder gezeigt hat 1 . Überhaupt spielt in die Begriffswelt der 

Menschen der Abglanz ihrer minderwertigen, empfindlicheren Organe 
hinein. In den nervösen Symptomen kommt diese Beziehung zu greif- 
barer Gestalt. So kann ein nervöses Asthma (minderwertiger Atmungs- 
apparat, Czernys exsudative Diathese) eine bedrängte Lage ausdrücken 
helfen, in der einem „die LuJt ausgeht", eine Hartleibigkeit unter 
anderem Sperrung von Ausgaben, nervöser Trismus (Kieferkrampf) 
auf Denkumwegen, aber gehorchend dem „inneren Schlagwort", Hint- 
anhaltung von Einnahme, etwa auch von Empfängnis (Schwanger- 
schaft) *. 

Die verstärkende Wirkung dieses fiktiven Denkens 3 , Sprechens und 
Handelns ist leicht einzusehen. Auch versteht es sich, daß Sexual- 
gleichnisse dabei gehäuft auftreten, weil u. a. der männliche Einschlag 
(männlicher Protest) im Leitideal solche Wendungen fördert. 

Es ist leicht nachzuprüfen, wie sehr die Sprache und Gestaltungskraft 



1 O. v. d. Pfordten, Weltanschauung und Weltgestaltung (Deutsche 
Revue, 1912) sagt in einer Polemik gegen den Begriff „ Weltanschauung" : 
„Es ist nirgends Sicheres zu finden, wer zuerst den Terminus , Weltanschau- 
ung' geprägt hat. Es heißt, Goethe sei es gewesen. Es würde sehr gut zu 
seiner ganzen Denkart passen, die durchaus auf Intuition gegründet war. 
Jedenfalls wimmeln seine Werke, vor allem der Faust, besonders der 2. Teil, 
von den Worten : schauen, anschauen, Anschauung. — Darin 
liegt eine Einseitigkeit, denn Worte haben ihre Sous-entendus, die an ihnen, 
hängen: die Nebengedanken, die sie unweigerlich erwecken, möge man sie 
definieren wie man will. — Immer hat ,Anschauung' einen optischen — 
und einen kontemplativen Charakter." Bekannt ist die Kurzsichtigkeit Goethes. 
Auf dieser baut sich vielleicht bei allen Dichtern die visuelle Begabung auf. 
Siehe auch Adler, «Organminderwertigkeit in ihrer Beziehung zur Philo- 
sophie und Psychologie", mit einem solchen Hinweis auf Schiller. 

* Das Obergreifen auf das veranlagte Organ ist bei Kundgabe des Schlag- 
wortes fast regelmäßig zu finden. Die Annahme einer „Verschiebung" ist 
überflüssig. 

8 Bleulers autistisches (selbstisches) Denken deckt sich fast 
mit unserem Hervortreten der fiktiven (erdichteten) Leit- 
linie. Leider ist uns dieser hervorragende Forscher auf diesem Gebiete 
noch die Antwort auf die Frage nach den Ursachen dieser Anomalie schuldig 
geblieben. Freud hat mit dem Hinweis auf das Lustprinzip und seine Geltung 

beim Nervösen die gleiche Lücke gelassen, ohne den ganzen Kreis des 
„autistischen Denkens" zu erschöpfen. Erst als richtendes Voraus- 
denken, verlockt von einem überspannten Endziel, wie 
ich es im psychischen Hermaphroditismus als Forderung für 
die Erforschung der Neurose gesetzt hatte, wird dieser Mechanismus der Abkehr 

von der Wirklichkeit und seine Ursache klarer. 



i 



Or^andialekt 133 



von Dichtern durch die Überkompensation ihrer minderwertigen Augen 
beeinflußt wird, und wie ihnen darnach ihre wirksamen Probleme ge- 
raten. So weist Goethes Farbenlehre mit Sicherheit auf die ursprüng- 
liche, aber mit größerer Empfindlichkeit bedachte Augenminderwertig- 
keit hin. Irgendwo schildert Jules Verne einen Journalisten und 
hebt von ihm hervor, daß er die Verkörperung eines Auges sei. Dies 
und die gesteigerten psychischen Leistungen könnten zur Not im Sinne 
Freuds als gesteigerte sinnliche Begabung, als erogene Sehzone erfaßt 
werden. Wenn wir aber regelmäßig Anzeichen finden, wie diese be- 
gabteren Organe und ihr Überbau mit innewohnenden Minderwertig- 
keiten, mit Zeichen des Niedergangs, mit Erkrankungen und mit erb- 
lichen und familiären Schwächen im Bunde stehen, so daß man zur 
unsicheren Annahme einer stärkeren Sinnlichkeit erst recht eine Organ- 
minderwertigkeit als Erklärungsgrund fordern muß, dann bleibt wohl 
keine andere Wahl als die Libidotheorie zu verwerfen und an ihre 
Stelle die Lehre von der Organminderwertigkeit und ihrer Folgen zu 
setzen. So ist die spätere Erblindung von Jules Vernes phantastischen 
Augen ein Beweisstück, das hundert ungestützte Spekulationen aufwiegt. 
Die Wirkung dieser allgemein verständlichen und somit leichter 
fühlbaren Leistungen des Organ dialektes kann bei Rednern und Dichtern, 
in der symbolischen Ausdrucksweise, in Gleichnissen und im Vergleich 
am besten erwogen werden. So werden in der folgenden Stelle aus 
Schillers Maria Stuart (2. Aufzug) die Keuschheit als Festung und 
sinnliche Wünsche als französische Kavaliere geschildert, während Eng- 
länder die Sicherungen herstellen. Der auffallende Zug in der Schiller- 
sehen Geistesrichtung, Überschätzung der Frau, wie er in der Jungfrau 
von Orleans, Maria Stuart, in zahlreichen Gedichten durchbricht, ge- 
legentlich begleitet von starken männlichen Protestregungen („Ich bin 



ein Mann"), führt auch an dieser Stelle wieder zur Eingebung, die Frau 
siegen zu lassen. Das Problem Mann — Frau wird in ein Junktim mit 
einer kriegerischen Leistung gebracht, und dies führt eine besondere, 
eindrucksvolle Wirkung herbei: 

Kent: . . . denn, wißt, 

Es wurde vorgestellt die keusche Festung, 

Die Schönheit, wie sie vom Verlangen 

Berennt wird Der Lord Marschall, Oberrichter, 

Der Seneschal nebst zehen andern Rittern 

Der Königin verteidigten die Festung, 

Und Frankreichs Kavaliere griffen an. 



134 Organdialekt 



. . . Umsonst I Die Stürme wurden abgeschlagen, 
Und das Verlangen mußte sich zurückziehen. 

Der gesteigerte Aggressionstrieb führt demnach im Denken und 
Handeln und Sprechen zu solchen Ausgleichungen, die über die ur- 
sprünglich gegebene Machtsphäre (des Wortes, der Tat, des Gedankens) 
hinausreichen, damit ein höheres Ziel erreicht werde. Und wir haben 
gesehen, wie selbst im Bereich der Sprache, des Denkens dieser Weg 
zur Kraftsteigerung durch die Heranziehung eines aus dem Organleben 
stammenden Gleichnisses betreten werden kann 1 . 

Es wird uns deshalb nicht wundernehmen, zu erfahren, daß die 
Sedentätigkeit, um zu einem wirkungsvolleren Ergebnis zu gelangen, sich 
außerhalb der Sprache ähnlicher Kampfesmittel bedient, einen Organ- 
dialekt spricht, der in der Mimik und Physiognomie, in den Ausdrucks- 
bewegungen der Affekte, in den Rhythmen des Tanzes, der religiösen 
Verzückung, in der Pantomime, in der Kunst, vor allem ausdrucksvoll 
in der Musik auf die Verständigungsmittel der Sprache verzichtet, um 
auf uns einzuwirken. Die Gemeinsamkeit des Kulturkreises, die ähnlich 
tätigen und ähnlich erregbaren Aufnahmsorgane der Menschen lassen 
solche Wirkungen ohne weiteres zu. Und sie geben wohl nicht die 
Eindeutigkeil des wirkenden Wortes, eher die stärkere Resonanz 
der bildlichen Sprache, und verraten damit ihre Tendenz, sich als be- 
sondere Kunstgriffe durchzusetzen, wo das gesprochene Wort ver- 
sagt, eine Herrschaft und Überlegenheit zu erringen über 
die Grenzen des Gewöhnlichen hinaus. So ist uns auch kraft der uns 
innewohnenden Stärke der Persönlichkeit ein Einfluß gegeben, indem 
die gewohnheitsmäßigen Äußerungs formen des Wirkens und Erregt- 
werdens im Verkehr der Menschen aufeinanderstoßen. Das Hervor- 
treten solcher Kunstgriffe aber erweist allein schon die Verstärkung 
des Angriffs, den nun die Lenkerin jedes Fortschritts, avdyxn,, die 
innere Not, zu erringen imstande ist. Die Lehre von der Organminder- 
wertigkeit und ihrer Folgen (Gefühl der Minderwertigkeit — Unsicher- 
heit — Kompensation und Überkompensation — stärkeres Drängen 
nach höheren Zielen — verstärkter Wille zur Herrschaft) kann allein 
uns über die Bedeutung dieser Kunstgriffe belehren und uns die Halb- 
heit begreiflich machen, zu der wir durch das verstärkte Wollen im 
Gegensatz zu einem gering eingeschätzten Können gelangen. Denn die 

1 Über das verstärkende oder affektauslösende Arrangement in der Neurose 
siehe Adl e r, „Individualpsychologische Behandi. der Neurosen". Jahreskurse 
für ärztliche Fortbildung. Lehmann, München, 1913. 



Organdialekt 135 



Furcht vor der Entscheidung bringt es zuwege, daß solche Menschen 
auf „halb und halb" eingestellt sind. 

Diese Betrachtung zeigt uns auch den Weg des* Verständnisses für 

die auffälligeren Erscheinungen des krankhaften Seelenlebens, und wie 

es sich durch körperliche Haltungen und Aus drucks weisen, abermals 

durch einen Organdialekt, auf die Bahn der Kunstgriffe begibt, um die 
Persönlichkeit zur Geltung zu bringen. Da tauchen schon in der 

Kindheit Empfindungen des minderwertigen Organs 
auf, deren sich der Wille zur Macht bedient, und verbleiben bei dem 
ungeheilten Nervösen das ganze Leben lang. Der Verdauungsapparat, die 
Atmungsorgane, das Herz, die Haut, der Sexualapparat, die Bewegungsor- 
gane, der Sinnesapparat, die Schmerzbahnen werden je nach ihrer Wertig- 
keit und nach ihrer Brauchbarkeit für den Ausdruck des Machtbegehrens, 
durch die Neigung zu herrschen in Erregung versetzt und zeigen die 
Formen des feindseligen Angriffs, der Aggression oder des Stillstands 
und der Flucht, Aggressionshemmung, beides in Übereinstimmung mit 
der Lebenslinie des Patienten, mit seinem heimlichen Lebensplan. Um 
kurz auf Beispiele von Organdialekt hinzuweisen: Trotz kann durch 
Verweigerung normaler Funktionen, Neid und Begehren durch Schmer- 
zen, Ehrgeiz durch Schlaflosigkeit, Herrschsucht durch Überempfind- 
lichkeit, durch Angst und durch nervöse Organerkrankungen zum Aus- 
druck kommen. Sexualerregungen entstehen dabei gelegentlich als 
gleichgerichtete Formen der Ausdrucksbewegungen, ihre Analyse er- 
weist sie als besondere Art und Leistung des Aggressionstriebes, 
die ursprüngliche und grundlegende Bedeutung der Sexualität aber, 
die die Freudsche Schule immer wieder zu behaupten versucht, läßt 
sich nirgends in den Erscheinungen des krankhaften Seelenlebens und 
iner Ausdrucksformen erweisen. Die Flucht in die Begriff ser Weiterung 
aber, wie: daß man dem Begriff der „libido" (deutsch: Liebe) eine 

asexuelle Bedeutung zu geben trachtet, oder daß man gemäß unserer 
Anschauung ein Verständnis zu schaffen sucht, um hinterdrein 
im Sexualdialekt eine symbolische sexuelle Formulierung anzustreben, 
die naturgemäß kein weiteres Verständnis ermöglichen kann, ist auf die 
Dauer aussichtslos und schrullenhaft 1 . Bei dem stetigen Ziele von Den- 
kern und Forschern, mit der Wirklichkeit so innig als möglich zu- 
sammenzutreffen, kann als Prüfstein der Echtheit wohl angesehen 

1 Siehe Hinrichsen, „Unser Verstehen der seelischen Zusammenhänge 
in der Neurose und Freuds und Adlers Theorien", Zentralblatt für Psycho- 
analyse, Bergmann, Wiesbaden, 1913. • 



136 Organ dialekt 



werden: die Fähigkeit, Irrtümer aufzugeben und haltbarere Anschau- 
ungen offen anzuerkennen. 

Unter den Autoren, die in der Erfassung der Grundlagen und gewisser 
Ausführungen der hier behandelten Fragen auffällige Leistungen auf- 
weisen, müssen wir in erster Linie Dr. Ludwig Klages nennen, 
der in den „Problemen der Graphologie 41 und in den „Prinzipien der 
Charakterologie 1 ' (Leipzig, J. A. Barth, 1910) besondere Ergebnisse 
aus seiner Lehre der Ausdrucksbewegungen mitteilt. Schon im Jahre 
1905 hat dieser Forscher in einer Arbeit über „Graphologische Prin- 
zipienlehre' 1 zur persönlichen Ausdrucksform Gedanken entwickelt 
(Graphologische Monatshefte, München, 1905, Seite 7 und 8), die wir 
wegen ihrer Bedeutung und klassischen Form mit Zustimmung des 
Autors hieher setzen wollen. 

„Jede innere Tätigkeit nun, soweit nicht Gegenkräfte sie 
durchkreuzen, wird begleitet von der ihr analogen Bewe- 
gung: das ist das Grundgesetz des Ausdrucks und der Deutung. 

Mit ihren allgemeinsten Zustandsmerkmalen beispielsweise müssen 
folgende der Bewegung korrespondieren : mit dem Streben vordringende, 
mit dem Widerstreben rückläufige Bewegungen; mit dem inneren Fort- 
schreiten der Bewegungsabfluß, mit dem Stillestehen die Bewegungs- 
unterbrechung; mit den Widerstands-, Hemmungs- und Spannungs- 
gefühlen diejenigen Funktionen, die als gegen physische Wider- 
stände gerichtet befähigt wären, gesteigerte Kontaktempf indungen 
wachzurufen. (Man denke etwa an das Sich-Ballen der Fäuste!) 

Von zahllosen subtil unterschiedenen Zuständen läßt sie (die Sprache) 
uns wissen, welches ihre Art des Daseins wäre, wofern sie sich ver- 
wandeln könnten in Körper, Formen, Farben, Vorgänge, Temperaturen 
oder Gerüche. Sie sagt uns, daß, falls es anginge, innere »Weichheit 4 
z. B. als ein Weiches, ,Schwermut' als ein Schweres, »Trübsinn 1 als 

ein Trübes, »Kälte* als ein Kaltes, »Bitterkeit 4 als ein Bitteres in die 
Erscheinung träte 1 , und sie wählt diese Formen ihrer möglichen Er- 
scheinungsweisen, um die Zustände für uns festzuhalten. 

1 So gewiß wir zwar für jeden der betreffenden Zustände mancherlei 
andere, obwohl schwerlich prägnantere Sinnbilder angeben könnten, so gewiß 
doch hat die Sprache die ihrigen aus einer objektiven Nötigung des Geistes 
gewählt: daher auch der gleiche Zustand in den verschiedensten Sprachen 
an ähnlichen Bildern versinnlicht wird. Die „Schwermut" etwa kehrt im 
lateinischen „gravitas mentis", der damit, fast identische „Trübsinn" im 
französischen „sombre" (von umbra) wieder. Und wenn auch andere Völker 
andere Sinnesqualitäten bevorzugen, so gibt es doch keines, das mit dem 



Orffandialekt 137 



Für die Psychologie von größter Wichtigkeit, aber ungleich schwieri- 
ger verwertbar als die abstrakten Metaphern sind zumal die unter ihnen, 
welche innere Vorgänge nach bestimmten Verrichtungen und 
Organen des Körpers benennen. Das geschieht etwa, indem 
man durch die Attribution ,beißend* die Ironie mit den Zähnen und 
ihrer Tätigkeit oder durch den Zusatz , verknöchert* pedantisches Wesen 
speziell mit den Knochen in Verbindung bringt oder ersichtlich zwar 
nicht den ,Sitz', wohl aber das Organ der Beredsamkeit substituiert 
in der Kennzeichnung des Redegewandten als eines, der , nicht auf 
den Mund gefallen 1 . Unter derartigen Wendungen wieder die größte 
Bedeutung hat die uralte Scheidung von ,Kopf und ,Herz', deren 
dieses in zahlreichen Kombinationen mit staunenerregender Konsequenz 
für Gefühl und Pathos, jener ebenso ausnahmslos für Intellekt und 
Willen steht, womit übereinstimmend ,Kopf 1 o s i g k e i t' die Ab- 
wesenheit der Einsicht, »Herzlosigkeit 1 hingegen die Abwesenheit 
des Gemütes bedeutet 1 . Neben gewissen Körperempfindungen (worüber 
sogleich Genaueres) haben zu solchen Organunterschiebungen auch noch 
beigetragen symbolische Vorstellungen mannigfachster Art 2 , die als 
aufs engste mit philosophischen und religiösen Lehren verflochten in 



Kummer etwa die Helle, Höhe und Bewegtheit, mit der Freude die Finsternis, 
Niedrigkeit und Bewegungslosigkeit in Verbindung brächte. 

1 Zum Belege führen wir aus der großen Anzahl einschlägiger Wörter und 
Wendungen folgende an: Herzenskälte, Herzenswärme, Herzlichkeit, hart- 
herzig, weichherzig, mildherzig, herzlos, gutherzig, herzzerreißend, offenherzig, 
Mutterherz (Gefühl). — Herzensangst, Herzensfreude, Engherzigkeit, Män- 
nerherz, Weiberherz, Hasenherz, hochherzig, kleinherzig, leichtherzig, matt- 
herzig, herzhaft, beherzt (Pathos). — Ein schweres Herz haben, das 
Herz auf dem rechten Fleck haben, sich etwas zu Herzen nehmen, etwas 
nicht übers Herz bringen können, jemandem sein Herz ausschütten, es geht 
einem etwas zu Herzen, jemandem ins Herz sehen, jemanden im Herzen tragen, 
gebrochenes Herz, sein Herz verlieren (Gefühl). — Scharfer Kopf, klarer 
Kopf, offener Kopf, kopflos, etwas im Kopf haben, etwas im Kopf behalten, 
sich den Kopf zerbrechen, Dummkopf, Kindskopf (Intellekt). — Querkopf, 
starrköpfig, hartköpfig, seinen eigenen Kopf haben, Dickkopf, sich etwas in 
den Kopf setzen, seinen Kopf durchsetzen, mit dem Kopf durch die Wand 
wollen; kalter Kopf, den Kopf oben behalten, den Kopf verlieren, kopfscheu 
werden; Brausekopf, hitzköpfig (Eigensinn — Selbstbeherrschung — Reiz- 
barkeit: Wille). 

2 So bildet der Kopf zu Geist und Willen schon darum eine Analogie, weil 
er als den Körper überragend ihn so zu beherrschen scheint wie jene beiden 
die Seele. 



138 Oryandialckt 



die Vergangenheit der Geistesgeschichte und selbst auf die Besonder- 
heiten altertümlicher Bräuche zurückweisen können. Das jetzt für 
Übelreden gebrauchte , Anschwärzen 4 z. B. gibt von einer nicht mehr 
vorhandenen Sitte des gegenseitigen Schwarzmachens bei gewissen Ge- 
legenheiten Kunde; »linkisch* hieß ursprünglich nur linkshändig und 
verblaßte zum Synonym für »unbeholfen' erst mit zunehmender Ver- 
pönung der Linkshändigkeit; die Einbildungskraft' führt uns den 
fast vergessenen Bildzauber vor Augen, indem sie früher einmal wört- 
lich die Kraft bedeutete, etwas »einzubilden 4 , d. h. durch Willens- 
konzentration und magische Beihilfen ein, sei es heilsames, sei es schäd- 
liches »Bild* (z. B. die Vorstellung einer Krankheit) auf eine andere 
Person zu übertragen. Man sieht, die konkreten Metaphern bergen an 
physiognomischen Winken zwar manchen Schatz; aber es bedarf ihn 
zu heben oft entlegener Studien und um nichts weniger nahe liegender 
Erwägungen. Die drei zuletzt genannten Beispiele leiten zu einer dritten 
Gruppe von Bezeichnungen über, die wieder unmittelbar belehrend ist: 
zu den unbildlich gemeinten, den direkten Namen. 

Wenn ältere Mediziner mit der Wendung, beim Erschrecken »erstarre 

das Blut in den Adern' oder werde ,zu Eis', die Ansicht stützten, das 
es tatsächlich koaguliere, so ist das zwar eine Naivität. Allein schon das 
für verwandte Gefühle gebrauchte »Schauern* oder , Gruseln' nennt 
zweifellos Körperempfindungen, welche von der Blutleere der Haut 
herrühren. Das Volksmärchen läßt durchaus folgerichtig die Wirkung 
greulicher Spukgesichte auf den, der ,auszog, das Fürchten zu lernen', 
übertroffen werden von einem Guß kalten Wassers, in welchem Grund- 
linge schwimmen. Auch die »Finsterkeit des Gemütes' und, was ihr 
gemäß, ,alles in den schwärzesten Farben zu sehen', hat noch andere 
als nur metaphorische Gründe. Es wird dem Erregten tatsächlich wohl 
einmal , dunkel vor den Augen', und längere Depressionen können 
unserem Weltbild dauernd die Farbe rauben, indem sie machen, daß 
wir Helles nimmer hell, Dunkles noch dunkler nicht zwar sehen, aber 
zu sehen meinen. Unfraglich vollends nehmen auf Wahrgenommenes 
Bezug viele Wendungen, die vom Herzen handeln. Aussagen wie: 
etwas »schneide ins Herz* oder »nage am Herzen' oder »ziehe das 
Herz zusammen' sind zu besonders, als daß sie nur gleichnishaft ver- 
standen sein wollen. Dasselbe gilt von den die Atmungstätigkeit be- 
treffenden Redensarten wie: es sei uns »beklommen* oder »schwül 1 
zumute, oder wir hätten ein Gefühl der »Erleichterung*. Die volkstüm- 
liche Terminologie ist überaus reich an solchen Beobachtungsnieder- 



Organdialekt 1 39 



schlagen, an deren einigen wir endlich abermals das Grundgesetz des 

Ausdrucks illustrieren. 

Von der Redewendung, daß ihm jemand ,geneigt* sei, pflegt wohl 

niemand mehr den Ursinn mitzudenken, den das Wort uns bewahrt 

hat: die vorgeneigte Körperhaltung nämlich des freundlich Gestimmten. 

Auch die zwar ist nur teilweise Ausdruck, teilweise Geste, wovon wir 

für unseren Zweck jedoch absehen. Der Charakter der Positivität in 

der Tätigkeit des bezeichneten Gefühls müßte nach dem Gesetz jeden- 
falls zu adduktiven oder vordringenden Bewegungen führen, was außer 

»geneigt* auch »zugeneigt', »entgegen kommend', zuvorkommend', 
»verbindlich' bestätigen. Mit dem Widerstreben der umgekehrten 
Stimmung andererseits sollten rückläufige Funktionen korrespondieren, 
und in der Tat lassen Wörter wie ,abgeneigt', zurückhaltend', »ab- 
lehnend' keinen Zweifel übrig, daß es sich wirklich so verhalte. 
Schließlich sei noch des Zustands der Trauer, des Kummers, des Grams 
gedacht. Dem inneren Druck entspricht hier laut Namenszeugnis des 
Körpers: der Bekümmerte fühlt sich »niedergeschlagen*, er ist t \ 



beladen', der Kummer »lastet' auf ihm; und so sehr gibt davon 
seine Haltung Kunde, daß sein zuschauender Nebenmensch diase Ge- 
mütsverfassung ,kopf hängerisch' taufte." 

In Fortsetzung dieser Gedanken gelangt der Autor zu dem Ergebnis: 
„Die Ausdrucksbewegung ist ein generelles Gleich- 
nis der Handlung." Es waren in vielen Punkten ähnliche Be- 
trachtungen, die mich später zu dem Schlüsse führten : Ausdrucks- 
bewegung, Handlung, Affekt, Physiognomie und alle 
anderen seelischen Phänomene, die krankhaften ra i t - 
inbegriffen, sind ein Gleichnis des unbewußt gesetz- 
ten und wirkenden Lebensplanes 1 . 

1 Diese Arbeit war bereits gesetzt, als Hofrat S. Exner über Affekt- 
äußerungen als Ausdrucksbewegungen vorgetragen hat. 



Der nervöse Charakter. 

(Vortrag im „Sozialwissenschaftlichen Bildungsverein' 4 in Prag, 1913.) 

Von Dr. Alfred Adler. 

Stets wird die Darstellung seelischer Erscheinungen in der Wissen- 
schaft mit zwei Mängeln zu rechnen haben. Das stetige, allseitige 
Weben der Psyche kann in der sachlichen Wissenschaft nur strecken- 
weise und als ruhendes Material erfaßt werden. Und das Abbild, das sie 
liefert, muß so viel Gehalt besitzen, daß es, durch seine Andeutungen 
bloß, vorhandene Empfänglichkeiten des Lesers und Zuhörers in Schwin- 
gung bringen kann. Nicht anders als die Kunst verlangt auch die Seelen- 
kunde jenes starke, intuitive Erfassen ihres Stoffes, ein Ergreifen und 
eine Ergriffenheit, die über die Grenzen der Induktion und Deduktion 
hinausgehen. Wenn ich den Namen Nietzsche nenne, so ist eine der 
ragenden Säulen unserer Kunst enthüllt. Jeder Künstler, der uns seine 
Seele schenkt, jeder Philosoph, der uns verstehen läßt, wie er sich 
geistig des Lebens bemächtigt, jeder Lehrer und Erzieher, der uns 
fühlen läßt, wie sich in ihm die Welt spiegelt, geben unserem Blick 
Richtung, unserem Wollen ein Ziel, sind uns die Führer im weiten Land 
der Seele. In den Denkgewohnheiten und in der seelischen Blickrich- 
tung des wissenschaftlichen Forschers liegt viel geheiligte Tradition, 
die sich im Wort und im Satzbau nicht verraten. Und doch ist sie ge- 
bändigter künstlerischer Urinstinkt, der tragende Geist seiner Arbeit. 
Bis die heiligere Not ihn zwingt, wie ein suchendes Kind altes Räderwerk 
zu zerbrechen. Neue Wege zu ersinnen, Kunstgriffe und Finten aneinan- 
derzureihen, die Schwierigkeiten des Lebens zu umgehen, die realen ge- 
gebenen Widerstände zu beschleichen lehrt ihn sein schaffender Geist. 
In den Rätseln des Lebens, in seelischer Not ist jedermann ein Forscher 
und Dichter. Um die Übel und Widerwärtigkeiten zu bestehen, findet 
jeder einen Weg, gestalten alle ihre Lebenslinie aus, von der sie erwarten, 
daß diese endlich dorthin mündet, wo sie hoch über allem Leid, über 
aller Entbehrung, über aller Mühsal thronen. In allen ihren Hand- 
lungen, in der Art, wie sie das Leben, die Gegenwart, die Zukunft er- 
fassen, wie sie sich die Lehren der Vergangenheit aneignen, erklingt 
immer wieder des Menschen leitende Idee, das Ziel, das er sich schöpfe- 
risch gesetzt, und der Weg, den er gesucht hat, um dorthin zu gelangen. 
Wenn wir die flüchtigen Handlungen und Ausdrucksbewegungen eines 



Der nervöse Charakter 141 



Menschen, seine Haltung, Sprache, Mimik und Gebärde analysieren, 
zerlegen, ohne sie auf uns und auf unsere schöpferische Gestaltungskraft 
wirken zu lassen, geben wir dann in unserem Urteil nicht zu wenig? 
Durch die bloß objektive Analyse gelangen wir nie zum Verständnis 
eines Eindruckes, eines Erlebnisses, aber ohne daß wir es merken, oft 
ohne daß wir es zugeben wollen, sind die aufnehmenden und urteilenden 
Instanzen in einer durch unsere Persönlichkeit vorbereiteten Form. Die 
Bearbeitung, Hervorhebung und Abschwächung aller Eindrücke, die auf 
uns wirken, sind durch unsere unbewußte Erfahrung im voraus be- 
stimmt und lassen nicht leicht Änderungen zu. Wir müssen diese vorbe- 
reitenden Haltungen und Bereitschaften auch bei anderen herausfühlen, 
ihre Tendenzen erkennen, wenn wir den gegebenen Ausdruck verstehen 
wollen. Die gleichen Eigenschaften mehrerer Menschen lassen sich 
wohl vergleichen, aber niemals gleichstellen. Der Zorn des einen ist als 
Erlebnis von dem des anderen grundverschieden; in dem Ehrgeiz einer 
Menschenseele liegt nicht bloß eine Gegenwart, sondern die ganze Vor- 
geschichte, die Zukunft und ein erdichtetes Finale. 

Die Schwierigkeit einer Darstellung seelischer Erscheinungen liegt also 
darin, daß man gezwungen ist, ein planmäßiges Werden in einer Aus- 
drucksbewegung als ruhendes Material zu erfassen, doch so wiederzu- 
geben, daß der Eindruck eines Geschehens lebendig wird. Dieser Auf- 
gäbe ist eigentlich nur der Künstler gewachsen, voran der Dichter und 
-etwa der Musiker. Dagegen erledigt sich eine andere scheinbare Schwie- 
rigkeit aus der vorliegenden Betrachtung selbst. Ich meine die Flüch- 
tigkeit der meisten Ausdrucksbewegungen. Ständige Erscheinungen, 
wie körperliche und seelische Haltung, auch die Schrift, bieten wert- 
volles Material, das einen vorläufig leitenden Eindruck fördert. Un- 
schätzbar sind für das Verständnis eines Menschen seine gewohnheits- 
mäßigen, immer wiederkehrenden Stellungnahmen und Attitüden, kör- 
perliche sowohl wie insbesondere seelische. Zu diesen gehören in erster 
Linie alle Eigenschaften, aus denen wir auf den Charakter schließen, 
und die mehr absonderlich erscheinenden Symptome der Nervosi- 
tät, die wir nach einer schwer haltbaren Analogie als Krankheit emp- 
finden, weil sie auch wie diese die Lebens- und Arbeitsfähigkeit beein- 
trächtigen. Aber auch gegenüber den flüchtigen, kaum je wiederkehren- 
den Ausdrucksbewegungen versagt unsere Arbeitsmethode nicht. Kehrt 
doch in jeder Bewegung das alte System wieder, der einheitliche Lebens- 
plan, aufgebaut auf den Individualerfahrungen der Vergangenheit und 
hinzielend auf den erdichteten fünften Akt. Wir müssen nur vergleichen, 



142 Der nervöse Charakter 



den Eindruck empfindend auf uns wirken lassen, um die Einheit jener 
Bewegungen zu fühlen und zu verstehen. Nicht anders als wir bei einem 
Kunstwerk vorgehen, wenn wir die Synthese eines Dramas nacherleben, 



oder wenn wir neben den einzelnen Tönen einer Melodie ihren Sinn, 
ihre lückenlose Linie empfinden. 

Diese Forschungsmethode der vergleichenden Individual- 
ps ychologie ergibt für jeden Fall, der zur Untersuchung kommt, als 
bedeutsames Resultat die Einheit der Persönlichkeit. Und diese Einheit ist 
derart geschlossen, daß sie sich in jeder Einzelerscheinung widerspiegelt. 
Der unumstößliche Eindruck der Richtigkeit einer solchen Erforschung 
geht erst daraus hervor, daß man in allen Schichten des Seelenlebens 
die gleiche Lebenslinie wiederfindet. Als wichtige Bestätigung und 
als Probe aufs Exempel darf es gelten, wenn diese Linie, zuweilen in 
den sonderbarsten Umbiegungen und Ausbiegungen, von unten nach 
oben führt. Bei geradlinigen Charakteren und Kampf naturen 
wird sich diese Linie etwa in der Kopfhaltung, im Ansteigen ihrer 
Stimme, ihrer Schrift, in Bewegungen ihrer Arme abzeichnen, nicht 
weniger deutlich auch in allen ihren Unternehmungen und ebenso in 
ihren Träumen und Phantasien, wenn sie sich im Flug über die anderen 
erheben. Sie werden nur ungern einsam sein, weil ihre vorgeschrie- 
bene Reise sie zu den Menschen führt, sich mit ihnen zu messen, alle 
zu übertreffen, überall die ersten zu sein. Es bedeutet schon eine kleine 
Ablenkung, sobald sie den Partner wählen, etwa bloß Männer und 
Frauen beherrschen wollen, die sie als schwächer eingeschätzt haben. 
Oder wenn sie den als schwächer Erkannten zuerst erhöhen, um ihn 
dann unter ihre Herrschaft zu bringen. Bei Nervösen gelingt es immer, 
ihre Lebenslinie auf eine knappe Formel zu bringen, da bei ihnen, wie 
wir sehen werden, jeder Charakter prinzipieller und schärfer hervor- 
tritt. Als Gegenstück kann schematisch der schlangenartige, 
vorsichtige Charakter angesehen werden. Sein Ziel ist nicht weniger 
hoch gesetzt, aber sein Weg führt in unglaublichen Windungen und 
Ausbiegungen zur Höhe. Selbst auf der Höhe, nach der er sich sehnt, 
fühlt er sich nicht sicher. Seiner Höhenangst gleichgeordnet ist seine 
Furcht zu stürzen, und seine Träume vom Fallen führen eine beredte 
Sprache. Überall bringt er einen Sicherungskoeffizienten an und ver- 
zichtet, ohne die unsichere Zukunft zu versuchen. Er ist der Standard- 
typus des Nervösen, der sich allenthalben von Unheil bedroht sieht. 
Sein Weg ist allerorts mit Sicherungen versehen, aus jedem Erlebnis 
zieht er eine warnende Moral, Prinzipien und Leitsprüchlein begleiten 



Der nervöse Charakter 143 



ihn jederzeit, und seinen Wirkungskreis hat er durch allerlei Empfind- 
lichkeiten, durch körperliche und durch seelische Intoleranz aufs engste 
eingeschränkt, um ihn so besser zu erschüttern. Listig zuweilen und ver- 
schlagen oder ängstlich, vor dem eigenen Mut erschrocken, immer in 
zögernder Haltung, ist er stets auf dem Rückzug oder verschleiert ihn 
durch ein zweifelndes Hin und Her. Er hat jede männliche Haltung ab- 
gelegt, um desto sicherer den Schein seiner unbesiegbaren Männlichkeit 
zu behalten. 

Es ist nun am Platz, das heimliche Ziel und den unbewußten Lebens- 
plan des Nervösen, die sich von denen des Normalen nur durch den Grad 
ihrer Deutlichkeit unterscheiden, näher zu beleuchten. Dieses Vorhaben 
führt uns zur Betrachtung der kindlichen Seele. Die Erziehung richtet 
den Blick des Kindes vom ersten Tag an auf die Zukunft und ihre Ge- 
fahren. Wohl auch auf ihre Glücksgüter. Im Rahmen der Familie 
selbst gibt es immer Vorbilder an Kraft und Stärke, die häufig genug 
sich den Schein der Unerreichbarkeit erborgen. Freiheit und Gleichbe- 
rechtigung des Kindes könnten als beruhigende Abschlagszahlungen gel- 
ten. Aber wie selten erfreut sich ein Kind ihres Besitzes! Kein Wunder, 
daß sich der meisten Kinder ein Gefühl der Unsicherheit bemächtigt, 
das in zwei verschiedenen Richtungen ihre Seele bewegt. Die eine Er- 
regung macht sich als ein Gefühl der Minderwertigkeit, der Hilflosig- 
keit und der Schwäche geltend und zeitigt ein Bedürfnis nach Anleh- 
nung, Zärtlichkeit und Unterstützung. Recht häufig findet das Kind 
jetzt den Weg, aus seiner Schwäche Nutzen zu ziehen: es beginnt seine 
Ängstlichkeit zu fördern und als wertvollen Charakterzug zu stabili- 
sieren, weil es in diesem Zeichen seinen Angehörigen überlegen wird. 
Die gleichen Vorteile können ihm durch die Unterstreichung von Krank- 
heitserscheinungen und durch das Festhalten an Kinderfehlern er- 
wachsen. 

Die zweite Erregung, die wir bereits im Werden gesehen haben, zeigt 
sich als ein verstärkter Drang nach Überlegenheit, als eine dauernde 
Sehnsucht aus der Unsicherheit zur Überlegenheit, aus dem Gefühl der 
Schwäche zur Sicherheit zu gelangen. Je minderwertiger sich das Kind 
fühlt, um so stärker wird dieser Drang. Und so finden wir neben den 
geradlinig aufsteigenden Charakterzügen des Ehrgeizes, der Tapferkeit, 
des Sichmessens mit der Umgebung bald mehr, bald weniger Charak- 
terschwächen, die gleichwohl beibehalten werden, wenn sie in 
irgendeiner Weise zum Ziel der Überlegenheit führen: Neid, Geiz, 
Lügenhaftigkeit, Feigheit und andere. 



144 Der nervöse Charakter 



Ein siebenjähriges Mädchen, das zwischen einem nachgiebigen Vater, 
einer strengen Mutter und einer von dieser verzärtelten jüngeren Schwe- 
ster aufwuchs, erkrankte an nächtlichen Angstanfällen, die sich bald 
auch auf den Tag fortsetzten. Wie sich leicht nachweisen ließ, war das 
Kind von einem unheimlichen Ehrgeiz beseelt, mochte die vorgezogene 
Schwester nicht leiden und zeigte häßliche Züge der Eifersucht und des 
Neides, nicht nur der Schwester gegenüber, sondern auch in der Schule. 
Wir können die fortwährende Pein dieses Kindes verstehen, das also ver- 
gebens um den Vorrang mit der Schwester rivalisierte, vergebens auch 
an den festgefügten nervösen Charakteren der Mutter rüttelte. Lang- 
sam schlich sich eine Neigung ein, ein Kranksein in die Länge zu 
ziehen, eine Unpäßlichkeit als unerträglich zu empfinden, da das Kind 
während der Krankheit keine Zurücksetzung zu erdulden hatte. Der 
Vater war aufmerksam geworden und nahm sich vor, die Bevorzugung 
der jüngeren Tochter durch die Mutter weltzumachen, indem er nun 
die ältere verzärtelte. Mit schlechtem Erfolg. Das heimliche Ziel nach 
Überlegenheit war bereits so weit gefestigt, der Charakter des Ehrgeizes, 
des Neides, der Herrschsucht so weit vorgebaut, daß man eine Diktatur 
des Mädchens zu gewärtigen hatte. Eines Tages machte die Mutter dem 
Vater Vorwürfe, daß er für das Mädchen so viel Geld ausgäbe, auf den 
Semmering fahre, im Wagen mit ihr herumkutschiere, während 
sie und die jüngere Schwester zu Hause bleiben müßten. In der Nacht 
darauf brach der erste Angstanfall bei dem Kinde aus, der in unserem 
Sinne als überaus kräftige Revolte gelten muß. Denn nun war der Vater 
mehr als je gezwungen, seine Liebe dem nunmehr kranken Kinde zuzu- 
wenden, und der Widerstand der Mutter war lahmgelegt. Die ursprüng- 
liche Benachteiligung des Kindes erwies sich jetzt als kompensiert, 
seine Zurücksetzung und die Bevorzugung der jüngeren Schwester hat- 
ten ein Ende. 

Vergleicht man aber die heimliche Linie dieser Angstanfälle, ihren 
Sinn und ihre Melodie mit dem früheren seelischen Zustande des 
Kindes, mit seinem gesteigerten Ehrgeiz, seiner Empfindlichkeit und 
seinem Neid, verfolgt man diese Charakterzüge bis zu jenem Punkt, wo 
sie sich schneiden, so kommt man auf diegleiche Leitlinie, die 
zur Überlegenheit über Mutter und Schwester führt und ebenso darauf 
hinzielt, den Vater in den Dienst zu stellen. Die Angst aber, die das Mäd- 
chen bei banalen Anlässen kennen gelernt hatte, war ihm zur Sicherung 
und zur Waffe geworden, mit der es sich vor einer Herabsetzung seines 
Persönlichkeitsgefühles zur Wehr setzte. Ich wäre in Verlegenheit, 



Der nervöse Charakter 145 



wenn ich ein besseres Mittel nennen sollte, als es dieses Kind gefunden 
hatte, richtiger: in das es nach mannigfachen Vorbereitungen und Vor- 
versuchen hineingewachsen war. An der konsequenten, kunstvollen 
Konzeption des nervösen Systems ist kein Fehl; jede Kritik, die an 
diesem Punkt einsetzt, ist übel angebracht. Der Fehler kann nur an 
einer anderen Stelle liegen : an der Zielsetzung, die das Kind 
instinktiv vorgenommen hat. 

Wenn wir die bisher gewonnenen Resultate überblicken, so ergibt sich 
uns eine fundamentale Anschauung über den Zusammenhang von kind- 
lichem Minderwertigkeitsgefühl, beruhigender und orientierender Ziel- 
setzung und den Anstrengungen und Wegsicherungen, die ein Näherkom- 
men an das Ziel ermöglichen sollen. Es läßt sich nun leicht nachweisen, 
daß ein verschärftes Unsicherheitsgefühl in der Kindheit eine höhere 
und unabänderlichere Zielsetzung, ein Streben über das menschliche Maß 
hinaus und zugleich auch die geeigneten Anstrengungen und Sicherun- 
gen herbeiführt, ein Ensemble, das uns das Bild jener Erscheinungen 
gibt, die wir Nervosität nennen, aus denen sich, auffallend und 
schärfer hervortretend, mit aufgepeitschter Aktivität oder im Schein einer 
irreparablen Passivität, zuweilen in der Maske des Zweifeins und des 
Schwankens der nervöse Charakter hervorhebt. 

In diesem psychologischen Schema gibt es zwei annähernd feste 
Punkte: die niedrige Selbsteinschätzung des Kindes, das sich minder- 
wertig fühlt, und das überlebensgroße Ziel, das bis zur Gottähnlichkeit 
reichen kann. Zwischen diesen beiden Punkten liegen die vorbereiten- 
den Versuche, die tastenden Kunstgriffe und Finten, bilden sich auch 
fertige Bereitschaften und gewohnheitsmäßige Haltungen, aus denen 
sich das verborgene Ziel erschließen läßt. Eine der Formen dieser vor- 
bereitenden Haltungen, Saugadern vergleichbar, wenn sie die Erfah- 
rungen, Aufmunterungen und Warnungen der Vergangenheit in Spuren 
aufweisen, tastenden Fühlern ähnlich, wenn sie dem fiktiven Ziel im 
Gedränge der Wirklichkeit näherzukommen suchen, sind die Charakter- 
züge. Sie, die der Persönlichkeit Haltung und Gestalt verleihen, sind 
die eigentlichen Mittler zwischen Vergangenheit und Zukunft und dienen 

als geistige Bereitschaften dem leitenden Ideal des Menschen: je nach 
ihrer Art nehmen sie bald Fühlung, bald leiten sie den Kampf mit der Um- 
welt ein oder erzwingen einer Entscheidung gegenüber eine zögernde 
oder eine ausweichende Attitüde. Das kindliche Gefühl der 
Unsicherheit bedarf solcher Richtungslinien und bereitgestellter Fertig- 
keiten. Es läßt sie schärfer hervortreten und macht sie zu kategorischen 

10 



146 Der nervöse Charakter 



Imperativen, sobald das erhöhte Minderwertigkeitsgefühl dazukommt. 
Was solchen Kindern einmal nützlich war, wird wegen seiner beruhigen- 
den Wirkung zu verewigen, zu vergöttlichen gesucht. Und nur deutliche 
Niederlagen sind imstande, einen Frontwechsel zu erzwingen und damit 
eine Änderung der Charaktere. Dann tritt die Notwendigkeit stärkerer 
Leitlinien ein; das Individuum ist aber an das Kreuz seiner Idee ge- 
schlagen, und jetzt erscheint als fertige Nervosität, was vorher nervöse 
Disposition war. Der weitere Erfolg dieser Tatsachen führt auf medizi- 
nisches Gebiet. Ich muß daher hier abbrechen. 

Wenn es mir bisher nicht geglückt sein sollte, den Beweis der dominie- 
renden Stellung des fiktiven Leitideals für alle seelischen Erscheinungen, 
speziell auch für den Charakter, aus der Einheitlichkeit ihrer Zielrich- 
tung zu erbringen, so möchte ich noch folgende Betrachtungen anreihen. 
Wir sind nicht imstande, auch nur die geringfügigste körperliche oder 
geistige Bewegung zu vollführen, ohne daß uns in der Idee ein Bild des 
Zieles vorschwebte. Dies gilt sowohl für die Fortbewegung als auch 
für das Sprechen und Denken und Wollen. Durch diese Fiktion einer 
Zielsetzung kommt erst Ordnung und Richtung in unser Tun; das Chaos 
der Welt scheint überwunden und der Weg gegeben, auf dem die Bewäl- 
tigung des Lebens und seiner Mühsal möglich erscheint. Im Leben des 
Kindes läßt sich leicht beobachten, wie beim Erlernen des Gehens, des 
Schauens, des Hörens, des Sprechens ein vorläufiges Ziel des Gelingens 
organisch vorbereitet ist. Bei komplizierteren Haltungen und bei seeli- 
scher Tätigkeit steht immer ein Vorbild als Leitideal vor der Seele des 
Kindes, dem es gleichzukommen sucht oder das es übertreffen will. 
Drückt dieses Vorbild auf das Empfinden des Kindes, dann gerät es in 
eine Kampfesstellung und wird häufig im Trotz, zuweilen auch mit 
übertriebener Unterwürfigkeit und mit Gehorsam sein Ziel der Über- 
legenheit zu erreichen suchen. Die entscheidende Instanz aber für die 
seelischen Leistungen des Kindes und später des Erwachsenen ist jene 
höchste Spitze seines Machtgefühls, bis zu der es in der Zukunft durch- 
zudringen verlangt. 

Es wurde bereits hervorgehoben, daß diese Spitze im Kampf um die 
Selbstbehauptung um so höher angesetzt wird, je niedriger die Selbstein- 
schätzung ausfällt, zu der das Kind gezwungen ist. Da lag es nun 
nahe, auf jene Kinder zu achten, die durch eine erschwerte körperliche 
Entwicklung, durch Verunstaltung, organische Mängel und Kinderfehler, 
wie sie einer angeborenen Organminderwertigkeit entspringen, ihre Gel- 
tung schwerer und später erringen. Diese Kinder sind es auch, die in 



Der nervöse Charakter 147 



ihrem späteren Leben, noch bis ins Greisenalter, meist also in einer Zeit, 
wo ihre Mängel längst nicht mehr fühlbar sind, mit erhöhten Anstren- 
gungen und mit aufgepeitschtem Empfinden ihr kindliches Leitideal ver- 
folgen, bei dem ihre Sehnsucht nach Überwindung des Todes, nach 
männlicher Kraft, nach Ansehen, Schönheit und Reichtum, kurz, nach 
Triumphen aller Art Befriedigung fände. Sie worden sich immer mit 
allen messen, werden alle in ihren Dienst stellen wollen, werden in Un- 
ruhe und voll Empfindlichkeit ihre Forderungen kundgeben, werden 
aber auch, wenn sie gewitzigt sind, in nervöser Unsicherheit nach Kunst- 
griffen suchen, um einer für sie fatalen Entscheidung, meist jeder Ent- 
scheidung, auszuweichen. Ihre Charakterzüge zielen weit über mensch- 
liches Maß hinaus, mischen sich aber mit anderen von solch aus- 
weichenden Linien, daß man leicht ersieht: hier fehlt der Glaube an 
sich selbst. Letzter Linie erheben sie sich nicht mehr zum Willen zur 
Macht, sondern wollen nur mehr den Schein für sich gewinnen. Je 
mehr sie sich in ihrer Kindheit dem Nichts, dem Staub verwandt gefühlt 
haben, desto mehr ringen sie nach Gottähnlichkeit. Sie fühlen sich dem 
Gott, dem Künstler verwandt, wenn sie aus nichts etwas machen können, 
das ihre Phantasie mit willkürlicher Wertung ungeheuer übertreibt. 

Diese Tatsachen stellen den Wissenschaften neue Probleme oder ver- 
stärken die Wucht alter brennender Fragen. Die rasche Behandlung 
und tunlichste Heilung von Kindern mit Organminderwertigkeiten ist 
eine dringende Forderung der vorgetragenen Anschauungen. In gleicher 
Weise erscheint durch sie der Wert und die Bedeutung der sozialen Medi- 
zin betont. Der Bekämpfung der Volksseuchen, der Lues, der Tuber- 
kulose und der Trunksucht muß auch aus dieser Rücksicht besonderes 
Augenmerk geschenkt werden, da sie der Keimverschlechterung hervor- 
ragend Vorschub leisten. In gleich schädigender Weise wirken Paupe- 
rismus und Überarbeit, die schlechte Konjunktur beherrscht und ver- 
schlechtert das Keimplasma und steigert die Häufigkeit minderwertiger 
Organe. 

Das Grenzgebiet der Sozial Wissenschaft birgt gemäß den vorgetragenen 
Anschauungen noch manche wichtige Frage. Die soziale ebenso wie die 
Familienerziehung müssen Zustände schaffen, die das Kind vom Druck 
eines stärkeren Minderwertigkeitsgefühles entlasten. Die Kenntnis und 
Vertiefung in die Anschauungen der vergleichenden Individualpsycho- 
logie geben dem Erzieher rechtzeitig die Möglichkeit einzugreifen, setzen 
ihn instand, Übertreibungen einzuschränken und die Furcht vor der Un- 



sicherheit der Zukunft zu mildern. 



10* 



148 Der nervöse Charakter 



Der speziellen Probleme unserer Wissenschaft, die vorwiegend in das 
Gebiet der Nervenheilkunde und Psychotherapie fallen, gibt es eine 
unergründliche Zahl. Eines der wichtigsten, das wegen seiner Bezie- 
hung zur Pädagogik besprochen werden soll, betrifft die Beziehung der 
Geschlechter. Es hängt mit der wirkenden Kraft des fiktiven Leitziels 
beim Nervösen zusammen, daß er in seiner neurotischen Perspektive 
und bei der Konstruktion seiner Charakterzüge auch alle Beziehungen 
der Liebe und den sozialen Zusammenhang der Geschlechter auflöst 



und zu einer Kampfposition macht. Auf welche Weise macht sich da- 
bei das leitende Ziel geltend? Es ergibt sich nun bei näherer Betrach- 
tung in einwandfreier Weise, daß der Gottähnlichkeitsgedanke des Ner- 
vösen, sein Ideal der Vollkommenheit, das er zu erreichen strebt, einen 
überaus starken männlichen Einschlag aufweist. So daß jedes 
nervös disponierte Kind, Knabe wie Mädchen, imstande ist, sein ganzes 
Streben und seine ganze Zielrichtung in das Schema zu fassen: Ich 
will ein voller Mann werden. Denn in dieser Idee gipfelt jeder Wunsch 
nach Herrschaft, Macht, Reichtum und Sieg. Kein Wunder. Aus den 
Eindrücken der Außenwelt schöpft das zur Nervosität geneigte Kind 
schon zu einer Zeit, wo ihm die Unveränderlichkeit des Geschlechts- 
charakters meist noch unbekannt ist, die Empfindung, daß nur der 
Mann zum Herrscher geboren ist. 

Freilich gehört im Anfang Mut dazu, spärliche Ausdrucksbewegungen, 
zumal bei Mädchen, in dieser Art zu deuten. Erst wenn es wieder ge- 
lingt, auf diesem Weg die einheitliche Leitlinie zu entdecken, kommt 
allmählich die Überzeugung auf. Die Verschwommenheit eines Ein- 
druckes hindert oft unser Verständnis. Wenn aber etwa ein vierjähri- 
ges Mädchen erklärt, es werde, wenn es groß sei, die Mutter heiraten, 
wenn dieses Kind dann auch noch befiehlt, man müsse es Hans nennen, 
wenn es später Neigung zeigt, Knabenkleider anzulegen, Mädchenspie- 
len auszuweichen, mit Knaben herumzutollen und selbst zu äußern, 
es möchte ein Knabe sein, dann bleibt wohl kaum mehr ein Rest des 
Zweifels übrig. Ein achtjähriges Mädchen, das manche dieser Züge 
zeigte, hatte ich Gelegenheit kennen zu lernen, weil es neben unbändi- 
gem Trotz an einem Kinderfehler und an Ohnmachtsanfällen litt, die 
es instand setzten, jede Folgsamkeit und jedes erzieherische Einwirken 
abzuweisen. Im Gespräch mit mir zeigte es eine auffallend trotzige 
Attitüde und verschränkte plötzlich die Arme. Auf die Frage an die 
begleitende Tante, wer in der Umgebung des Kindes die Arme derart 
verschränkte, erhielt ich die Antwort: der Vater. Wächst ein solches 



Der nervöse Charakter 149 



Mädchen heran, dann kommt es immer auch zu einem Formenwandel 
der männlichen Fiktion, aber das leitende Ziel wird um nichts erreich- 
barer. Das Prinzessinnenideal, ein häufiger Formenwandel, zeigt sich 
ungemein oft und schafft wie andere Ideale eine ungeheuere Überemp- 
findlichkeit. Die Einfügung in die Wirklichkeit wird dauernd er- 
schwert, und trotz aller Kompromisse im Leben tritt die Unzufrieden- 
heit mit der weiblichen Rolle immer wieder hervor. Eines dieser Mäd- 
chen hatte, wie man mir erzählte, im 20. Lebensjahr, in der Zeit der 
Heiratsmöglichkeit also, einen Selbstmordversuch unternommen, als es 
in Weiningers „Geschlecht und Charakter" eine Bestätigung 
für seine Auffassung von der Minderwertigkeit der Frau zu erblicken 
glaubte. Wir sehen hier, wie die Herabsetzung der Frau in unserer 
Gesellschaft mit Notwendigkeit zu ihrer psychischen Vermänn- 
lich u n g , zum männlichen Protest führt, gleichwie der er- 
zieherische Druck im Leben des Kindes, wie die Rechtsentziehungen 
im Staat zu Revolten. Wahrlich, es ruht kein Segen darauf, und der 
zur Minderwertigkeit Verdammte wird durch Kunstgriffe und Finten 
zur Geißel seines Herrn. 

Eine 4o jährige Frau, die an Berührungsfurcht und einer Zwangs- 
handlung im 20. Jahre bereits erkrankt war, läßt diese männliche 
Lebenslinie ziemlich eingehend verfolgen. Eines ihrer kindlichen Leit- 
ideale war, wie ein Indianer (männlich) alles zu ertragen und ihre 
Wünsche zu unterdrücken. Später wurde dieses Ideal von einem schein- 
bar weiblichen abgelöst: wie die Jungfrau von Orleans zu sein. Der 
Sinn der Berührungsfurcht wird hier schon klarer. Mit zwanzig Jahren 
trat sie in Beziehung zu einem tuberkulösen, dem Tode geweihten Manne 
und dachte an eine Ehe, die von ihren Angehörigen nie zugegeben wor- 
den wäre. Im Sommer desselben Jahres kamen mehrere Freier. Da 
stellte sich die Zwangshandlung ein. Sie konnte nichts von ihren Be- 
schäftigungen fertig machen. Insbesondere war es eine Handarbeit, die 
sie immer wieder auftrennen mußte. Jeder wird hier unwillkürlich an 
Penelopo denken müssen. Das heißt, sie wollte auf den als unmöglich 
erkannten Gatten warten. Auf meine Frage, ob ihr diese Geschichte 
nicht bekannt vorkäme, ob sie nicht jemanden kenne, der auch nichts 
zu Endo gebracht habe, antwortete sie: „Freilich, Sysiphus und Tantalus 
und die Dardanellen." Rasch verbesserte sie: „Danaiden." Auf mein 
Drängen, noch eine Person zu nennen, da sie mit ihrem Ausflug ins 
griechische Altertum offenbar auf dem richtigen Weg sei, fällt ihr 
niemand mehr ein. Und doch wird sie die richtige, leitende Idee P e n e - 



150 Der nervöse Charakter 



lope auf der Zunge gehabt haben, da der Weg von den Danaiden zu 
den Dardanellen durch das nel aus Penelope bezeichnet ist. Ihr Un- 
vermögen aber, sich der Penelope zu erinnern, zeigt die starke Ver- 
schleierung der leitenden Idee an ; ebenso wie wir in anderen Fällen den 
Sinn einer Ausdrucksbewegung erfassen müssen, ohne daß die Unter- 
suchte ihn uns verrät, so auch bei diesem Fall, wo ihn die Patientin 
durch eine harmonische Bindung zweier Linien an den Tag bringt. 
Penelope aber ist für diese Frau ein Sinnbild : die Frau, die keinen Freier 
gelten läßt, die Frau, die keine Frau sein will K 

In der seelischen Entwicklung der Knaben finden wir den gleichen 
männlichen Protest. Sie handeln so, als ob die Frau das Maß 
ihrer Kräfte wäre. Oft hört man von kleinen Knaben, wie auf den Un- 
terschied hinweisend, daß sie sich von einer Frau nichts befehlen las- 
sen. Kommt dann das Alter, wo die Liebe doch befiehlt, so gibt es un- 
geheuere Schwierigkeiten, ebenso wie in der Ehe. Denn beide werden als 
Kampf positionen erfaßt, wo es gilt, für jeden Teil den Beweis oder den 
Scheinbeweis seiner Überlegenheit immer wieder zu versuchen. So zer- 
stören die nervöse Perspektive und das Leitideal des männlichen 
Protestes immer wieder die Unbefangenheit und Kameradschaftlich- 
keit beider Teile und erzwingen eine bleibende Unzufriedenheit der Ge- 
schlechter miteinander. 

Damit glaube ich eine der tiefsten Wunden unseres Gesellschafts- 
lebens berührt zu haben. Die Gefahr ist größer als man ahnt. Auch 
in dieser Beziehung ist die seelische Gesundung von einer Pädagogik 
zu erwarten, die nicht mit dem Kinde nur redet, sondern es versteht, 
das Gefühl der Gleichberechtigung der Geschlechter trotz der Gegen- 
wart, die das Gegenteil zeigt, in den Kindern wachzurufen. 

1 Wichtiger als die Anschauung Freuds von dem Versprechen, die in diesem 
Fall auch zu Recht kommt, ist der Umstand, daß ihr nur männliche Typen über 
die Zunge wollen; Herr Dr. Martin, Freiburg, hat mich auf den Umstand hinge- 
wiesen, der ganz im Sinn meiner Auffassung liegt. 



Betätigungstrieb und Nervosität. 

Prof. Johs. Duck. 

Noch war der Menschheit goldener Frühling nicht vorbei. Kraftvoll 
stand der Mann im selbstverständlichen und täglich geübten Kampfe 
mit der Natur. Kein Titel, keine Würde trat als Symbol des Seins 
für ihn ein, kein Geldsack brachte den Schein zustande, als ob er 
etwas leiste, was doch einem anderen zuzuschreiben war. Er galt 
nur das, was er selbst im Augenblick wert war. Wohlgemerkt: er 
selbstl Offen wurde es bekannt: „Jeder Fremdling ist zugleich 
Gegner und wird demgemäß behandelt." Das Weib barg sich an der 
Brust des Tüchtigsten, um durch ihn Anteil an der Geltung der 
Kraft zu nehmen. Noch stellte sich kein weichliches Gesetz dem Kampfe 
des Besseren gegen das Gute, der Auslese des Besten entgegen, 
und was im Kampfe unterging, wurde nicht als unersetzlich betrauert. 



Was zu schwach zum Leben war, galt eben für nicht mehr wert, als 
unterzugehen. Unbefangen und glücklich trat der Mensch den 
Dingen entgegen, er wußte, was er w o 1 1 1 e , er wußte, was er k o n n t e , 
und aus diesem Wissen ergab sich seine Betätigung. Es galt allein, 
was wirklich war. 

Doch der Menschen wurden immer mehr, die Bewegungsfreiheit ge- 
ringer, die Interessenkreise kreuzten sich öfter, die ganze Lage wurde 
verworrener, die Arbeitsteilung führte von selbst zu Titel und Würden, 
und nun war der Augenblick gekommen, wo der schwarze Engel im 
glitzernden Gewand dem Menschen mit süßer Schmeichelrede das Gift 
beizubringen verstand, das seitdem die Menschheit nicht mehr los 
werden konnte : den Schein! Und hatte sich der Mensch erst einmal 
dank diesem Kunstgriff einen Erfolg zuzuschreiben, so war er ihm 
meist für immer verfallen. Es lockte und reizte ihn stets aufs neue, 
diesen Weg zur Macht zu gehen und versetzte ihn doch in dauernde 
Furcht, das Sein möchte unter dem Luftgebilde des Scheins zu- 
tage kommen und er dann zu einer minderwertigen Persönlichkeit 
herabgestürzt werden. Der Wurm saß in seinem Herzen und fraß 
sich immer tiefer in seine Lebenskraft, bis sich einmal jener Zustand 
zeigte, den wir heute so oft sehen und den wir landläufig „Nervosi- 
tat" nennen. Der Mensch mußte sich insgeheim gestehen, daß er 
nicht in Wahrheit könne, was er scheinen wollte. 






152 Bc t ät ig ungs trieb und Nervosität 



Doch nehmen wir unseren Kulturzustand, wie er nun einmal als ge- 
geben vor uns liegt! 

Was macht den Menschen vor allem nervös? Der dauernde, unüber- 
brückbare Gegensatz zwischen Wollen und Können einerseits und 
Nicht wollen und Müssen anderseits. Beste Seelenmedizin enthält daher 
der Spruch: 

„Das ist der Weisheit letzter Schluß: 

Der Mensch soll wollen lernen, was er muß. 



<• 



Leider aber muß diese Weisheit nur allzu oft eine papierene genannt 
werden, denn manches Wollen beruht auf einem so starken und un- 
unterdrückbarem Trieb, daß seine Beherrschung eben nur für kurze 
Zeit trotz besten Wissens gelingt. Wer kennt nicht die Fabel» 
in der ein Bauer seinem Esel das Fressen abgewöhnen will und dieser 

„unglücklicherweise gerade dann stirbt, als ihm sein Herr das Fressen 
abgewöhnt hatte!" Mancher Trieb, zum Beispiel der Selbsterhaltungs- 
trieb, ist eben mit allen „geistreichen" Gründen nicht aus der Welt 
zu schaffen, und wie die Massen nach dem Gesetz der Schwere dem 
Mittelpunkt der Erde zustreben, so stellen sich ungeachtet der Hinder- 
nisse eben immer wieder diese Triebe ein. Sogar die Selbstmorde 
beweisen mitunter das Vorhandensein dieser Triebe in deutlicher Weise: 
eben weil sich der einzelne in der Befriedigung seiner Triebe dauernd 
gestört sieht und diese ihm das Leben bedeuten, so sucht er noch durch 
eine frei gewählte Schlußtat den verhaßten Zwang abzuschütteln. Nicht 
in allen Fällen braucht sich dieser Zwiespalt bis zur Katastrophe zuzu- 
spitzen; oft wird der Trieb eben doch teilweise und vorübergehend be- 
friedigt, und es führt dann dieses Spiel bei stärkeren Naturen zur Über- 
legenheit, bei schwächeren aber zur „Nervosität". Nicht selten bringt 
die Beobachtung, daß durch Mitleid etwas erreicht wurde, was durch 
ehrliches Streben nicht erlangt werden konnte, zu mehr oder weniger 
bewußten und eingestandenen Sicherungen durch das Auftreten eben, 
dieser Mitleid verursachenden Umstände im gegebenen Augenblick. 

Zu diesen Trieben gehört aber nicht bloß der Selbsterhaltungs- 
trieb, sondern auch der Geltungstrieb (das Geltungsbedürfnis"), oft 
auch der Sexualtrieb, und ganz besonders häufig einfach der Betäti- 
gungstrieb. Letzterer soll nun mit besonderer Berücksichtigung der 
Schule in seinem Ursprung erhellt werden. 

Leben ist stets mit Veränderung verbunden; Veränderungen aber 
können aktiv oder passiv bedingt sein. Angenehm werden nur die ersten 



Betätigungstrieb und Nervosität 153 

gefühlt, und von den passiven die gewünschten oder gern zugelassenen; 
unerwünschte passive rufen stets als Gegenwirkung eine Bremsung, 
eine Widerstandskraft hervor, die sich mitunter nur in der 
Versagung der Mitarbeit äußert (passive Resistenz). Dieser Kampf 
gegen ungewollte Veränderungen oder gar Zustände aber ist mit gewal-i 
tigern Energieverbrauch verbunden, und zwar um so mehr, als 
die bei rein aktiver Veränderung so wohltätigen und meist willkürlichen 
Ruhepausen fehlen, als häufig ein dauernder Qui-vive-Zustand, eine 
dauernde Paradestellung die Folge ist, die selbstverständlich an die 
Nerven kraft außerordentliche Anforderungen stellt und daher eine stän-» 
dig gereizte Stimmungslage erzeugt; übrigens werden auch durch, 
gegenseitige Beeinflussung von Körper und Geist die Muskeln in einen 
dauernden Spannungszustand versetzt und sogar die Drüsen l>etroffen, 
was sich in mannigfachen Störungen zeigt. Es ist naheliegend, daß 
alle Ausdrucksbewegungen diesem „chronischen" Reizzustand entspre- 
chen, wie man das ja bei der Sprache, beim Mienenspiel, beim Gang 
und nicht zuletzt bei der einzigen schon im Entstehen fixierten Aus- 
drucksbewegung, bei der Schrift, tagtäglich beobachten kann. 

Die Widerstandskraft der einzelnen Zellen und daher auch der ein- 
zelnen Organe und Individuen ist aber durchaus nicht gleich, sondern 
je nach Vererbung und nach Beeinflussung durch die Umwelt 
sehr verschieden; ebenso ist der Ablauf der Lebensvorgänge, 
zu denen auch die Bewegungen gehören, sehr verschieden: langsamer, 
rascher, regelmäßig, stoßweise; das liegt in der „Individualität" be- 
gründet. Auch gibt es ganze Gruppen von Menschen, die unter ähn- 
lichen Lebensbedingungen auch so ziemlich zu einem ähnlichen Ab- 
laufe der Lebensvorgänge gekommen sind; Gegensätze bilden zum Bei- 
spiel der Bauernsproß und das Großstadtkind. Der Einfluß der Erzie- 
hung und der Umwelt macht sich eben hier nicht bloß im Laufe des 
einzelnen Menschenlebens, sondern auch bei langen Generations- 
reihen geltend. Nun ergibt sich sofort der natürliche Widerspruch, 
ich möchte sagen: das aufs Psychische übertragene Beharrungsver- 
mögen, die oben geschilderte Bremskraft, wenn wir zum Beispiel den 
Bauern, der an langsame Abwicklung gewohnt ist, zu rascherer Tätig- 
keit antreiben, oder das Großstadtkind aufhalten, hinhalten, vertrösten, 
warten lassen — beide werden zunächst „akut", später, bei allzu langer 
Dauer, „chronisch" nervös. So habe ich schon manchen „nervösen" 
Bauernjungen frisch vom Lande weg beobachten können. 

Ebenso ist es für den leichtbeweglichen Menschen eine Qual, stille. 



154 Betätigungstrieb und Nervosität 



zu sitzen, für den begabten, bei ewiger Wiederholung aufzupassen; 
diese zwangmäßige Müßigkeit, die Nichtbetätigung vorhandener Ener- 
gie, macht ihn eben „nervös". Gewiß läßt sich durch Erziehung hier 
viel erreichen. Der Schwerbewegliche wird durch die fortdauernde Aus- 
schleifung der Nervenbahnen allmählich leichter beweglich; der Leicht- 
bewegliche aber, bei dem durch die ständig und rasch wechselnden 
Eindrücke die Gefahr der Oberflächlichkeit und der Halbheit sehr nahe 
liegt, kann durch sachkundige und andauernde Anleitung zur Selbst- 
zucht zur schärferen und länger dauernden Beobachtung bezw. Be- 
schäftigung mit einem Gegenstand geführt werden. Wenn wir Ost- 
walds klassisches energetisches Grundgesetz (den energetischen Impe- 
rativ) : „Vergeude keine Energie, verwerte sie" anerkennen, so ist auch 
im Schulbetrieb nach jeder Richtung durch passende Arbeitsverteilung 
eine Sparsamkeit im Energieverbrauch bei Lehrer und 
Schüler und damit auch eine wirklich wertvolle Höchstleistung zu ver- 
langen. Durch die Gewöhnung an eine solche Arbeitsweise zieht schließ- 
lich auch der Staat den größten Nutzen aus so vorgebildeten Beamten 
und Staatsbürgern. Wer tiefer sieht, muß zugeben, daß gerade in un- 
serem Kulturleben eine unrichtige, unkaufmännische Verteilung 
der Arbeit und der verfügbaren Arbeitskräfte (Bureaukratismus) die 
Schuld an vielen Übelständen trägt. Alle wahren Vaterlandsfreunde 
werden daher die Bestrebungen der Schulmänner nach dieser Richtung 
wärmstens unterstützen müssen; wie die Schule, so die Zukunft! 
Zu dieser unrationellen Verwertung der Energie zum Schaden des Leh- 
rers wie des Schülers gehört auch die in den letzten Jahren gewünschte 
große Nachsicht gegenüber schwächeren Schülern. Es hat das zu einer 

Überfüllung unseres gesamten höheren Schulwesens mit teilweise 
ganz unmöglichem Schülermaterial geführt, so daß gerade die 
tüchtigsten und gewissenhaftesten Lehrer ihre besten Kräfte an Un- 
würdige vergeuden müssen und doch das allgemeine Lehrziel nicht 
mehr erreicht werden kann. Weil nun sofort Zeter und Mordio über 
die „tyrannischen" und „unfähigen" Lehrer geschrien und sogar mit 
Zeitung und Parlament gedroht wird, so ist in der Regel eine Herab- 
setzung der Anforderungen die ganz selbstverständliche Folge, sehr zum 
Schaden des Schülers, aber auch des Lehrers, der eben durch diesen an- 
dauernden Zwiespalt zwischen Wollen und Können nicht selten vor der 
Zeit aufgebraucht, „nervös" werden muß. Das gesamte Wirt- 
schaftsleben wird durch das Verhältnis von Nachfrage und An- 
gebot geregelt, und nun, wo ohnehin schon so starke Überproduktion 



Betätigungstrieb und Nervosität 155 



an Gebildeten vorhanden ist, daß viele zum bedauernswerten Proletariat 
gehören und so wieder den Staat in irgendeiner Form schädigen, er- 
leichtert man es noch unfähigen Elementen, eine ihren Kräften nicht 
entsprechende Stellung zu erlangen: zu ihrem eigenen Schaden, noch 
mehr aber zum Schaden der besseren Elemente, die man eben durch 
eine stärkere Siebung schützen sollte; nicht immer holt das Leben diese 
in der Schule versäumte Auslese nach 1 . Die Setzung von Schein 
an Stelle des Seins, diese Vergeudung von Energie, dieser 
Widerspruch zwischen Können und Wollen in den verschiedensten For- 
men muß zu einer Herabdrückung unserer gesamten Kul- 
tur, unserer gesamten Volkskraft führen. Gar mancher hätte es zum 
Beispiel als Mechaniker zu einem höchst brauchbaren und innerlich 
und äußerlich zufriedenen Staatsbürger gebracht, der nun ein unfähi- 
ger und unzufriedener Beamter ist. Österreich hat heute noch 36 o/o, 
Ungarn noch 48 °/o Analphabeten ; dürfen wir uns da wundern, wenn auch 
an den höheren Schulen je nach der Lage sehr verschiedene Ansprüche 
gestellt werden, wenn im Leben höchst verschieden zu bewertende Ele- 
mente durch gleiche Zeugnisse dieselben Vorrückungsverhältnisse haben 
und dann dank dieser Ungerechtigkeit reger Betätigungstrieb zur Gel- 
tendmachung der eigenen Kraft — des höheren Energiewertes — und 
wegen unüberwindlicher äußerer Hindernisse „Nervosität" entsteht? 
Wir bleiben dabei : die Gesundung unserer zweifellos kranken Kul- 
turverhältnisse muß von der Schule ausgehen! Auch die japani- 
schen Siege hat in letzter Linie der Schulmeister gewonnen, wie 
überall die künftige rationelle Ausnutzung der Energie, die günstige 
Umwandlung der Energieformen und damit der Sieg oder Untergang 
des einzelnen wie des gesamten Volkes auf die Schulverhältnisse zu- 
rückzuführen ist. Die unvernünftige Ausnützung des Betätigungstrie- 
bes (Umwandlung der Energieformen) hat aber unsere ganze Gemein- 
schaft „nervös", d. h. krank gemacht. 

Wie ist nun dieser Lehrbetrieb aufzufassen? Man hat in den letzten 
Jahren sehr viele auf diese Fragen bezügliche Erlasse herausgegeben 
und damit höchsten Orts den besten Willen gezeigt; doch wird man 
kaum leugnen können, daß wir in Wirklichkeit noch recht weit 
von einer allgemeinen Durchführung dieser Weisungen entfernt 
sind, die übrigens kein „Allheilmittel" darstellen können; auch der 

1 Auch auf der Hochschule ist es für eine zweckmäßige Siebung schon zu 
spät, da in der Regel kein innerlich befriedigender Lebensberuf für durchge- 
fallene Hochschüler mehr gefunden werden kann. 



156 Betätigung* trieb und Nervosität 



beste Lehrer, die weiseste Schuleinrichtung und die idealste Durchfüh- 
rung aller Erlasse können aus einem zu minderwertigen Element 
nicht ein genügendes Ergebnis erzielen, aus einem Weidenstab keinen 
\, Apollo schnitzen. Darum ist Auslese zur richtigen Kraftver Wer- 
tung unerläßlich. 

Als Mittel sind im wesentlichen folgende Punkte empfohlen worden: 
i. Möglichst wenig dozieren, dafür aber möglichst viele Schüler 
zur Mitarbeit heranziehen. Das sprungweise Abfragen aber hat 
sich in der Praxis eher als eine Veranlassung zur Spekulation und zur 
Unruhe, besonders in einer großen Klasse, erwiesen. Viel eher kann 
man bei der Durchnahme des neuen Stoffes die schon vorhandenen 
Kenntnisse einzelner besserer Schüler benutzen und so auch gleich das 
Motiv des Ehrgeizes nutzbringend im Unterrichtsbetrieb ver- 
werten. Auch sollte manchmal eine Hausübung schon in der letzten 
Unterrichts-Viertelstunde begonnen werden, wobei die äußere Form 
zu überwachen wäre und der einzelne nach seiner Eigenart arbeiten 
könnte, was er als Erholung fühlen wird. Auch ist freiwillig geleistete 
schriftliche oder zeichnerische Arbeit zu begünstigen. Man möge die 
Schüler möglichst frühzeitig zu geregelter, zielbewußter Arbeit 
auch außerhalb der Schule ermuntern, zu Sammlungen, Musik 
usw., ohne die persönliche Neigung zu unterdrücken, die vielmehr 
sorgfältig berücksichtigt werden sollte. Durch Schulaufsätze und durch 
Rundfragen, die an verschiedenen Anstalten, bei Knaben und Mädchen, 
nach meiner Anregung unternommen wurden, und die gelegentlich 
veröffentlicht werden sollen, habe ich erfahren, daß bei den Knaben 
schon sehr frühzeitig eine starke Neigung zur „Bastelei 1 * be- 
steht, die sich engstens an den Unterricht in den naturwissenschaftlichen 
Fächern anschließt und durch diese, wie durch Tagesereignisse (z. B. 
Luftschiffahrt) sehr befruchtet wird. Es kann keinem Zweifel unter- 
liegen, daß diese Beschäftigung in höchstem Grade geeignet ist, das 
etwa verlorene seelische Gleichgewicht wieder herzustellen, ganz abge- 
sehen natürlich von dem Nutzen für Kenntnisse, Fertigkeiten und Leibes- 
übung. Bei den Mädchen stehen obenan darstellende Kunst und Musik, 
wogegen Lesen mehr bei den bequemeren Schülerinnen angeführt er- 
scheint. Es zeigt sich deutlich, daß der beiden Geschlechtern gemein- 
same Durst nach Ausübung von Fertigkeiten einem Bedürfnis 
j nach Ausgleich der mehr aufnehmenden Tätigkeit in der Schule 
entspricht, einem Betätigungstrieb, der in der Schule eben 
nicht oder nicht genügend befriedigt wurde. Wollen wir also wirkliche 



5 

l 



Betätigungstrieb und Nervosität 157 



Pädagogen sein, so müssen wir auch durch Anregungen nach dieser 
Richtung zu wirken suchen. Die günstige Rückwirkung auf den Schul- 
betrieb bleibt nicht aus : es wird eine fröhliche, dem Lehrer freundliche 
Grundstimmung (Reaktion im guten Sinne) bei den Schülern erzeugt, 
die die Grundlage jedes Lernfortschrittes ist; ja es kann das mehr oder 
weniger unbewußte Gefühl einer natürlichen Gegnerschaft zwischen 
Lehrer und Schüler beseitigt und damit der größte pädagogische 
Erfolg erzielt werden 1 . 

2. Mit besonderer Vorliebe hat man in den letzten Jahren das Tur- 
nen und die Bewegungsspiele begünstigt; doch dürfte zuweilen 
hier des Guten etwas zu viel geschehen sein. Wo diese Dinge, vor allem 
das Skilaufen, bis zur Übermüdung betrieben werden, so daß dann 
des andern Tags eine deutliche Abspannung zu bemerken ist, wo gar 
Gipfelleistungen angestrebt werden und die Schüler sich mit den Vor- 
bereitungen zu einem Skiwettrennen und dergleichen in der Schule 
entschuldigen — da ist sicher über das Ziel hinausgeschossen worden. 
Jedenfalls paßt auch hier nicht alles für alle. Was ein besonders kräf- 
tiger Bursche aushält, das schadet einem andern für das Leben. Man 
wird mir vielleicht von turnerischer und ärztlicher Seite recht geben, 
wenn ich behaupte, das erstrebenswerte Ziel seien bei jungen Leuten nie- 
mals Gipfelleistungen („Höherhinaus- Wollen"), sondern neben allseiti- 
ger individuell fein abgestufter körperlicher Tätigkeit vor allem eine 
Beherrschung der einzelnen Muskelgruppen und eine Einord- 
nung der Persönlichkeit in ein Ganzes, also auch psychische 
Errungenschaften. Gerade deswegen sind alle nach militärischem Zu- 
schnitt geübten Spiele und Sportarten aufs wärmste zu unterstützen, 
wie auch der späteren militärischen Ausbildung dadurch wesentlich 
Vorschub geleistet wird. Wer einmal Gelegenheit gehabt hat, in der 
Schweiz, zum Beispiel in St. Gallen, die mit Gewehren und Geschützen 
ausrückende Jungmannschaft zu beobachten, konnte sich wohl nicht 
des Eindrucks erwehren, daß wir hier eine nach jeder Richtung gerade- 
zu ideale Ergänzung des Schulunterrichts haben. Überhaupt sollte man 
sich zum Grundsatz machen, nur solche Spiele zu pflegen, die eine ^ 
möglichste Anlehnung an die Bedürfnisse des Lebens enthalten ; 
so dringt auch beim Turnen immer mehr dieser Grundsatz durch, 

1 Im übrigen verweise ich hier auf die ausführlichen Tabellen zu meiner 
in der Septem ber-Nummei 1913 der „Sexualprobleme" erschienenen Abhand- 
lung: „Ober den Reizwert geschlechtlicher Anklänge — ein Beitrag aus der 
Werkstatt des Experimental-Psychologen." Sauerländers Verlag, Frankfurt a. M. 



158 Betätigungstrieb und Nervosität 

und dio langsamen, mit großer Kraftentfaltung und unter Anhaltung 
des Atems ausgeführten Übungen verschwinden immer mehr zugunsten 
der mit richtiger Atemgymnastik verbundenen und dem natürlichen 
Leben entnommenen Übungen. Hier heißt es also dem Betätigungs- 
trieb in trefflicher Weise entgegenzukommen, indem diese Übungen nie 
im Gegensatz zur Schule, sondern in inniger Verbindung mit 
ihr ausgeführt werden. Nur sollte man sie für alle Schüler, ausge- 
nommen die vom Schularzt für eine bestimmte Zeit als untauglich 
erklärten, zu diesen militärischen Übungen heranziehen. Die Schieß- 
übungen sind ein Schritt dazu, dem hoffentlich noch weitere folgen 
werden I — 



Es ist eine alte Erfahrung, daß Erreichung eines Zieles er- 
höhte Lebens- und Tätigkeitsfreude, Nichterreichung das Gegen- 
teil hervorruft. Der Selbsterhaltungstrieb führt nun dazu, eine Lehre 
daraus zu ziehen und für ähnliche Fälle der Zukunft andere Mittel 
anzuwenden. Bewegen sich diese Mittel innerhalb des Rahmens, der 
durch die Vernunft und durch die gegenseitigen Rechte gegeben ist. 
so sind diese Sicherungen als völlig einwandfrei anzusehen. In diesem 
Fall wird eben das Maß des eigenen Könnens richtig abgeschätzt und 
mit der Umwelt in ein richtiges Verhältnis gebracht. Das 
ist aber leider wohl nur in seltenen Fällen zutreffend. In unserer 
Lügenkultur, die so außerordentlich oft Schein an Stelle von 
Sein setzt, ist nicht bloß die Täuschung anderer, sondern ebenso oft 
Selbsttäuschung anzutreffen. Das zeigt sich auch im Ablaufe 
der Betätigungen, in einer Art, die ich als falschen Betätigungstrieb, 
als eine Art Sicherung gegen die Aufdeckung der eigenen Hohlheit 
bezeichnen möchte. Ich stelle diese Sicherung auf eine Stufe mit den 
andern, Weinen, Krämpfen, besonders Schreibkrampf, Stottern usw. 
Wir wissen, daß die Leute am meisten schwätzen, die am wenigsten 
zu sagen haben, daß Verlegenheit von manchen Personen durch Pfei- 
fen, Lachen, Trällern, Trommeln, Rauchen und viele andere Bewegun- 
gen verdeckt werden soll. Mit dem Bewußtsein dieses Zustandes 
der Minderwertigkeit läuft stets Hand in Hand eine „Erhöhung 
der Eigenbeziehunge n", so daß sich diese Leute eben im Gefühl 
ihrer Minderwertigkeit überall „gemeint" oder „betroffen" füh- 
len. „Freund, du hast unrecht, denn du wirst grob!", sagt ein sehr 
tief blickender Mann, und so ist weiter sehr oft zu bemerken, daß Leute, 
die nicht den Mut haben, einen Irrtum einzugestehen, durch erhöhte 



Betätigungstrieb und Nervosität 159 



Lungenkraft und großen Wortschwall, ja Gewalttätigkeit den Mangel 
ihrer Gründe zu ersetzen suchen 1 . Haben sie darin gelegentlich Erfolg, 
so führt das allmählich zu einem krankhaften psychischen Zustand, der 
sie hindert, sich ordentlich in die menschliche Gesellschaft einzufügen, 
und mannigfache Konflikte hervorruft. Diese Konflikte sind um so fol- 
genschwerer, je höher die Stellung der Betreffenden ist, weil sie dann 
unter Umständen ihren Untergebenen bitteres Unrecht zufügen können; 
und bekanntlich wird nichts schwerer ertragen als Unrecht, besonders 
von der Jugend. Ein Lehrer, der sich gar nie irrt, bei dem stets 
die Schüler unrecht haben, wirkt zerstörend auf die kindliche Psyche 
ein und ruft bei vielleicht ohnehin schon psychisch geschwächten Kin- \ 
dem und jungen Leuten ein ganzes Heer von nervösen Erscheinungen \ 
» wach. Ein Lehrer, der alle Augenblicke die Konferenz und den Direktor | 
mit Disziplinarangelegenheiten beschäftigt, leidet in 90 von 100 Fällen 
selbst an einem krankhaften Beta tigungs trieb. Bekannt ist die Tat- I 
sache, daß die meisten angehenden Lehrer „zu scharf" sindl 
Der beste Lehrer ist so wie die beste Hausfrau, die am wenigsten von 
ihrer Arbeit hören lassen wird. Beide brauchen eben nicht diese 
Sicherungen, weil sie in sich selbst gefestigt sindl Damit soll natür- 
lich nicht den Beschwichtigungsräten das Wort geredet sein; das ist 
ein anderer psychischer Fehler, der nicht hierher gehört. — Das Ge- j 
meinwesen beruht darauf, daß die einzelnen Mitglieder sich in das. 
Ganze einordnen können. Wird das unmöglich, so muß eben das Indi- 
viduum ausscheiden, und daß das geschehen kann, dafür leben wir 
eben ein einem Rech tsstaate. Je mehr aber Gewalttätig- 
keiten geduldet werden, je mehr aus politischen und andern unge- 
rechtfertigten Motiven solche Leute in ihren Stellungen gehalten wer- 
den, desto mehr muß eine allgemeine Nervosität die geschädigten und 
durch nichts entschädigten Personen aus dem Gleise bringen, weil die 
wenigsten sich zu einer über die Wechsel fälle des Lebens erhabenen 
Weltanschauung oder Religion durchgerungen haben werden. Und 
immer doch gilt der Spruch: „Und 1000 Jahre Unrecht sind keine 
Stunde Recht!" 

Es liegt auf der Hand, daß oft die absichtlichen Einwendungen, die 
Hinhaltung und Verzögerung in nichts anderem ihren Grund haben, als 
in dem Bestreben, wenigstens durch eine Art passive Resistenz die 
„ Macht" zu zeigen. Daß diese hindernde Art der Betätigung auf un- 



1 Vgl. dazu meine Ausführungen im Mai-Heft 1913 der „Monatshefte für 
Pädagogik",. Wien, über „Wirtschaftspsychologie und Pädagogik". 



160 Betätigungstrieb und Nervosität 



gesunder Grundlage beruht, ist einleuchtend. Wenn man genauer zu- 
sieht, kann man jedesmal finden, daß sie von Personen ausgeht, bei 
denen eine, wenn auch uneingestandene Unzufriedenheit wegen ihrer 
Machtstellung vorhanden ist. Nicht selten hängt damit aufs engste 
eine Minderwertigkeit in der einen oder anderen Richtung zusammen, 
die dann eben zu diesem Verhalten als eine Art Kompensation — auch 
zuweilen Selbsttäuschung — führt. 

In der Arbeit, in der eignem Wunsch entsprechenden Arbeit liegt 
die Gesundung von dem Volksübel der Nervosität; der Lehrer kann 
und muß daher auch psychotherapeutisch wirken und dadurch die 
richtige Einordnung des zukünftigen vollwertigen Staatsbürgers in die 

menschliche Gesellschaft vorbereiten. 

Mit der dauernden unberechtigten Einschränkung des Betätigungs- 
triebes bei andern, nicht nur als Sicherung gegen die Aufdeckung 
wirklicher eigener Minderwertigkeit, hängt auch eine gewisse nervöse 

i 

Überspannung des Geltungsbedürfnisses (entsprungen dem 
Neid der besitzlosen Klassen 4 ', als Brotneid, Liebesneid, Geltungsneid *, 
Wissensneid, selbst Zufriedenheitsneid oder Betätigungsneid, also ganz 
allgemein!) zusammen. Der wirklich geistig starke Mensch begeht 
nicht selten den Fehler, daß er auf äußere Anerkennung zu wenig 
Wert legt — wie Athleten oft am allergutmütigsten sind. Der 
Schwache jedoch legt im Gefühl seiner Ohnmacht und seines gerin- 
gen wirklichen inneren Wertes großen Wert auf äußere Ehrun- 
gen: das wird oft zu Konflikten und weiter zur Nervosität führen. 
Im Staatsleben ist das nicht selten in einer Wichtigtuerei der Fall, 
wobei der Schein erweckt wird, ,,als ob*' sich die oberen Stellen um 
alles selbst kümmern würden und könnten, während eben dadurch 
bei den unteren Stellen auch da, wo sie selbständig handeln sollten, 
die Freude am Handeln vergällt und auch eine gewisse Ablehnung 
der eigenen Verantwortlichkeit erzielt wird. Daher stammt die oft 
ganz zwecklose „Vielschreiberei". Wie beim Eigentumsbegriff, muß 



»» 



auch bei der Arbeitsverteilung der Grundsatz gelten: Jedem das Seinel 
Das aber uneingeschränkt; denn nur dadurch, daß man der Arbeit 
eines Menschen Vertrauen entgegenbringt, spornt man ihn zur Einset- 
zung aller seiner Kräfte bei dieser Arbeit an. Es ist daher auch schon 
in der Schule notwendig, die Leute bei ihrer Arbeit an eine gewisse 

1 Warum sieht man so wenig Lehrer höherer Schulen und Hochschullehrer 
in öffentlichen Bädern, Turn- und Sportplätzen usw.? Sicher nicht bloß aus 
Zeitmangel! Man fürchtet hier eben den Wettbewerb! 



B etat ig- ungs trieb und Nervosität 161 

Selbständigkeit zu gewöhnen, wie ich das in einem demnächst in der 
„Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädag- 
ogik" erscheinenden Aufsatz über den freien Vortrag an einem Beispiel 
genauer zeigen werde. Wir können eben keine stumpfsinnigen Maschi- 
nenteilo im Leben brauchen, (nicht Leute, die, wie der Volksmund 
sagt, „ihr eigenes Todesurteil unterschreiben", weil sie nichts durch- 
lesen!), sondern nur Glieder, die in voller, ungehemmter Verantwort- ^y 
lichkeit, aber auch im Vollbewußtsein ihrer Rechte ihre Stelle aus- 
füllen; nur dann findet eine harmonische Einfügung in das 



Kulturgetriebe statt, zum Besten für den einzelnen und zum Vor- 
teil der Gesamtheit I 

Nur so erziehen wir Menschen, die den Mut und die Kraft haben, 
gegen Mißbräuche aufzutreten, die sich vor Schreiern nicht fürchten, 
mögen diese auch noch so sehr durch die leider nicht seltene Übung, 
den ärgsten Schreiern durch Nachgiebigkeit den Mund zu stopfen, 
verwöhnt sein; was uns not tut, sind nicht Hasenfüße, keine Leise- 
treter, die zufrieden sind, wenn sich niemand rührt, sondern Leute mit 
Selbstbewußtsein und unbeirrter Pflichterfüllung; nicht nur Lärm 

und Streit, auch Grabesstille ist verdächtig! 

Der Betätigungstrieb ist also überall vorhanden, aber bei jedem Indi- 
viduum verschieden. Er ist bedingt durch die Trias der jeden Menschen 
modelnden Ursachen : Vererbung, Erziehung und Umwelt. 
Die größte Rolle spielt vermutlich die Vererbung. Schon wie sich vom 
ersten Lebensaugenblicke eines Wesens an die chemisch-physiologischen 
Vorgänge abspielen, kann nicht ohne schwerwiegenden Einfluß auf die 
spätere Abwicklung auch der Nerven- und Gehirn Vorgänge bleiben. 
Wie die Art des Verbrauchs und Wiederersatzes der in Frage stehenden 
Teile stattfindet, ob langsam oder rasch, ob vollständig oder in der einen 
oder andern Richtung ungenügend, das ist selbstverständlich nicht 
gleichgültig. Es wäre recht lehrreich, zu untersuchen, wieweit zum 
Beispiel die Pulszahl, die Ernährungsweise, das Alter bestimmend auf 
den Betätigungs trieb eines Menschen einwirken können. Wie ver- 
halten sich zum Beispiel Leute, die rasch ermüden, aber auch wieder 
rasch erholt sind, gegenüber solchen, die lange ausharren, aber auch 
wieder lange Ruhepausen nötig haben 1 . 

Sicher scheint mir, daß bei unserer Kultur im allgemeinen die Ab- 
nutzung der Nervenkraft rascher und stärker als der Wiederersatz vor 

^ — — 

1 Vgl. Graßberger Roland, Der Einfluß der Ermüdung auf die Pro- 
duktion in Kunst und Wissenschaft. Wien, 1912. 



ll 



162 Betätigungstrieb und Nervosität 



sich gehl. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, daß allmählich eine Her- 
anziehung der Kräfte aus andern Körperteilen stattfindet — also eine 
Transformation der Energie — , so daß schließlich der ganze Organis- 
mus durch diese unzweckmäßige Energieverwertung minderwertig wer- 
den muß. Das ist sicherlich auch für die Keimzellen im allgemeinen, 
nicht bloß bezüglich differenzierter Energie der Fall; so ist es zu 
erklären, daß einzelne besonders tüchtige Kopfarbeiter — hauptsächlich, 

wenn die geistige Beanspruchung mehrere Generationen angedauert 
hat — geistig und oft auch körperlich minderwertige Nachkommen 
haben, obwohl scheinbar alles in bester Ordnung ist. Man kommt 
also eigentlich zu dem Schlüsse, daß geistig sehr tüchtige, gewisser- 
maßen übertätige Leute keine Kinder zeugen sollten, sondern die 
Fortpflanzung der Menschheit unverbrauchter Kraft anvertraut werden 
müßte; zumindest dürften nicht Vater und Mutter die gleiche Energie- 
art verbraucht haben. Theoretisch klingt das ja recht schön, läßt 
sich aber, wie so vieles andere, praktisch wohl nur dem guten Willen 
und der Einsicht des einzelnen empfehlen. Aber das eine ist zu 
sagen: Wo sich bei Kindern besserer Leute Unlust und Unfähigkeit 
zur Geistesarbeit zeigt, soll man diesen Wink der Natur nicht außer 
acht lassen, sondern in einem Wechsel der Betätigung, vor allem in 
einer Rückkehr zur Bauernarbeit (Garten- und Forstbeschäftigung) 
eine Erholung für die betreffende Generation suchen. Es ist ja der 
günstige Einfluß der schweren Bauernarbeit bei Auswanderern be- 
kannt, warum sollte das nicht ebenso in der Heimat gelten? Das Vor- 
urteil dagegen muß und wird einmal überwunden werden. Darin 
haben wir das einzige Heilmittel gegen Nervosität zu suchen, alles 
andere sind nur Mittel chen, die die gestörte Umwandlung der Ener- 
gieformen nicht berichtigen können. 

Ich wollte zeigen, wie der Betätigungstrieb bei jedem Menschen vor- 
handen ist, aber durch falsche Ausnutzung in einer einseitigen, ver- 
kehrten Richtung zum Schaden für das Individuum und weiterhin für 
die Gesamtheit gereichen muß. Die sich zeigende Nervosität ist ge- 
wissermaßen der erste Warnruf der Natur. 



Es fragt sich nun: Ist als Ideal jener Zustand anzusehen, in dem das 
Leben in einer gleichmäßigen Betätigung ohne jeden Zwischenfall 
verläuft, der etwa ein Mißverhältnis zwischen Wollen und Können 
enthält? Mit nichten! Ein solches Leben würde jeden Reiz verlieren, es 
würde schal werden, die meisten würden es als nicht mehr lebenswert 






Betätigungstrieb und Nervosität 163 



betrachten. Tatsächlich sind auch die, denen nichts abgeht, die jeden 
Wunsch erfüllen können, oft die allerunglücklichsten. Der Mensch 
braucht vielmehr einen gewissen Anreiz, ein Hindernis, das zu über- 
winden, ein Ziel, das zu erreichen ist. Der Stoiker mag mitunter mit 
seinem „Gleichmut in jeder Lebenslage" einem überlegenen Wesen 
gleichen, viel menschlicher, viel natürlicher kommt uns 
aber doch der vor, bei dem sich auch eine empfindlichere Affektlage 
zeigt, ein Mensch, der auch Temperament hat, wie denn auch der 

beobachtende Dichter sagt: 

Etwas wünschen und verlangen, 

Etwas hoffen muß das Herz, 

Etwas zu verlieren bangen, 

Und um etwas fühlen Schmerz! 
Und das sollen wir bei der Jugend mit ihrem so lebhaften Betäti- 
gungstrieb auch nach der affektiven Seite hin vor allem berücksichtigen I 
Der Knabe, der Jüngling ist eben kein gereifter Mann, noch weniger 
ein Greis, der mit dem Leben schon abgeschlossen hat, und soll auch 
keines von beiden sein. Es gibt keinen besseren Vergleich dafür 

als den „gärenden Most", und es wäre unnatürlich und darum auch 
unrecht, diese Betätigungsfreude hemmen zu wollen. Wir sollen sie 
in die richtigen, das heißt für den einzelnen passenden Wege leiten, 
überwachen und regeln. Geschieht das nicht, so dürfen wir uns nicht 
wundern, wenn das Kind „nervös" wird. Wer hat noch nicht gesehen, 
wie zuweilen bei einem jungen Menschen wie mit einem Schlag die 
Nervosität" verschwand, als er in einer geeigneten Beschäftigung 
gewissermaßen ein Ventil für seinen Betätigungstrieb gefunden hatte! 
Ein Mißerfolg macht den normalen Menschen noch nicht nervös; 
auch das nicht, wenn er eines Irrtums überwiesen wird ! Die falsche 
Konsequenz, die Unbelehrbarkeit, die Bockbeinigkeit ist allemal 
schon ein psychopathologisches Symptom, und wir tun gut, unseren 
jungen Freunden die hohe Sittlichkeit des Eingeständnisses von Fehlern 
schon so früh wie möglich und so eindringlich wie möglich einzuprägen : 

Die durch den Irrtum zur Wahrheit reisen, das sind die Weisen, 



91 



*t 



Die auf dem Irrtum beharren, das sind die Narren." 
Es ist übrigens eine Eigenschaft des Alters, daß es nicht mehr gerne 
„umlernen" will, und das hat schon manchem jungen Forscher schwere 
Anfeindungen von seiten der „beati possidentes" eingetragen; in der 
Regel begnügt man sich allerdings mit einer vornehmen Nichtbeachtung! 
Wer nicht mehr lernen — auch umlernen — will, der hat eigentlich 



164 Betätigungstrieb und Nervosität 

schon seine Daseinsberechtigung verloren. Gewiß: ein hartes Wort; 
aber Leben ist eben Veränderung. 

Irrtümer und Mißerfolge führen den tüchtigen Menschen nur zu er- 
neuter Tätigkeit; er erinnert sich, daß nur der Untüchtige dauernd 
Mißerfolg hat. Es ist ein mehr stolzes als berechtigtes Wort, das dem 
alten Bismarck in den Mund gelegt wird: „Ich habe alles erreicht, 
ich wollte, weil ich nur wollte, was ich erreichen konnte!" Wir 
sind eben niemals in der Lage, mit Sicherheit unsere Leistungsfähigkeit 
für die Zukunft vorauszusagen. 

Sorgen wir also, daß wir neben unserem Beruf, vielleicht in Verbin- 
dung mit ihm, ein „Steckenpferd" haben, an dem wir zu unserer Er- 
holung unsern Betätigungstrieb in einer uns erfreuenden, darum auch 
erquickenden Weise ausüben können, so werden wir den Sieg über das 
Schreckgespenst „Nervosität" davontragen. Unsern Kindern aber lassen 
wir auch die möglichst natürliche Wahl bei ihrer Betätigung; dann 
werden wir weit weniger über nervöse Kinder zu klagen haben. Ein 
gewisses Maß der Freiheit braucht eben jeder Mensch als „Existenz- 



min im um" 



Damit wären wir vom rein pädagogischen Standpunkt aus zu 
Ende ; nicht aber vom allgemein psychologischen! Wo haben 
wir denn die tiefste Wurzel für den Betätigungs trieb zu suchen? In 
nichts anderem als in dem Persönlichkeitsgefühl, das eben 
durch die Tätigkeit seinen vornehmsten Ausdruck findet. Wir 
kommen damit zu demselben Ziel wie Alfred Adler in seinem geist- 
reichen Buch: Über den nervösen Charakter. In einer Tätigkeit, die 
freiem Wollen entspringt, zeigt sich die „männliche Rolle", sie ist 
daher unter Umständen als „männlicher Protest" gegenüber der Passi- 
vität, der „weiblichen Rolle" aufzufassen. Die eingestandene Minder- 
wertigkeit wäre nämlich nichts anderes als die Konkurserklärung eines 
Individuums in bezug auf seine Ziele wegen andauernder Unterbilanz 
der Energie in psychischem oder auch körperlichem Sinne. Gelingt 
es dem Psychotherapeuten, dem Patienten das klarzumachen, bevor 
die akute Minderwertigkeit durch dauernde falsche Bilanzierung der 

verfügbaren Kräfte eine chronische Schädigung der in Frage kommen- 
den Teile, vor allem der Gehirnbahnen, hervorgerufen hat; gelingt es 
ihm, eine kraftentsprechende Betätigung auch als „dienendes Glied" 
als etwas durchaus Ehrenhaftes und dem Ganzen Förderliches zu 









Betätigungstrieb und Nervosität 165 



zeigen, so ist eben dadurch der richtige Weg zur Bilanz, d. h. zur 
Gesundung, beschritten. 

Das Persönlichkeitsgefühl ist etwas durchaus Normales, am einfach- 
sten wohl durch die Summe der freien Energien erklärbar, die im 
Sinne Exners und Flechsigs durch Assoziationszentren zu einer 
Einheit verbunden werden. Störungen in der Energieumwandlung oder 
in der Assoziation müssen auch im Persönlichkeitsgefühl zum Aus- 
druck kommen. Normal ist auch der Betätigungstrieb, der sich aus 
diesem Überschuß an Energie ergibt, solange er sich in den Grenzen 
des durch die Gesellschaft verlangten Grundsatzes „Jedem das Seine!" 
bewegt. Immerhin ist das aber doch in dem Sinne aufzufassen, daß ein 
Wettbewerb natürlich ist, solange die wirkliche Tüchtigkeit den Aus- 
schlag gibt. Erst dann haben wir etwas Ungesundes, wenn die Betäti- 
gung zur Verdeckung einer vorhandenen Minderwertigkeit dienen soll. 
Wenn auch das Ideal der reinen, durch nichts gehemmten Auslese des 
Tüchtigsten, d. h. Passendsten, wie alle Ideale nicht durchaus erreich- 
bar ist, so wollen wir doch unser möglichstes tun, es uns selbst gegen- 
über und dann in dem uns zugewiesenen Wirkungskreise zu verwirk- 
lichen. 

Dann ist die Forderung erfüllt, die offenbar einem Weltenergiegesetz 
entspricht: eine dem vorhandenen Energievorrat entsprechende Betäti- 
gungsmöglichkeit, ein Ausgleich, der als innere Zufriedenheit 
gefühlt wird. Wir könnten uns das vielleicht so denken, daß von der 
vorhandenen und ständig zugeführten Energiemenge ein Teil zu den 
notwendigen vegetativen Funktionen verwendet wird, der Überschuß 
aber zu freier Betätigung des Menschen, sowohl in physischer als auch 
in psychischer Hinsicht dienen kann. Durch die Möglichkeit der Über- 
leitung einer Energieform in eine andere wäre dann bei größerer An- 
forderung an die Tätigkeit, als die verfügbare überschüssige Energie zu- 
läßt, eine Entnahme aus der für die vegetativen Funktionen bestimm- 
ten Energiemenge die Folge, was dann natürlich schädigend auf diese 
Funktionen einwirken muß. Umgekehrt würde schließlich die Auf- 
speicherung überschüssiger Energie 1 zu Krankheiten der Organe (Ver- 

1 Ob es eine eigene Nervenenergie (von Ostwald psychische Energie ge- 
nannt) gibt, ist heute noch eine offene Frage; es kommen wohl auch elek- 
trische Spannungserscheinungen usw., also nicht eigentlich „anatomisch" nach- 
weisbare Zustände, in Betracht. Vermutlich werden wir einmal sehr unter- 
schiedliche Formen, jedenfalls sehr differenzierte Änderungen der „psychischen" 
Energie nachweisen können; dementsprechend kommen wir eben zu verschie- 
denen „Trieben", wogegen „Betätigungstrieb" mehr die allgemeine — nach 



166 Betätigungstrieb und Nervosität 



fettung, Ablagerung von Salzen usw.) bezw. zu dem führen, was wir 
als „Betätigungstrieb' 1 empfinden, beides ist ja bis zu einem 

gewissen Grade ganz normal und nötig zur Erhaltung des Individuums 
(potentielle Energie). 

Da bei jeder Umwandlung einer Energieform in eine andere nur ein 
Teil als reiner Nutzeffekt in Betracht kommt, ein anderer aber als 
unbeabsichtigte Wärme für den gewollten Zweck verloren geht, 
so ergibt sich auch für den einzelnen in psycho-physiologischer Hin- 
sicht, was der geniale O s t w a 1 d als allgemeine Aufgabe der gesamten 
Kultur hinstellt: „die Transformationskoeffizienten der 
umzuwandelnden Energien so günstig wie möglich zu 
gestalten." 

Greifen wir auf den Ausgangspunkt unserer Betrachtungen zurück, 
so werden wir also sagen: 

Betätigungs trieb ist die freie Energie, die nicht 
vegetativ verbraucht wird; 

Nervosität ist der Ausdruck der Störung im günsti- 
gen Ablauf der Umwandlung der Energieformen, eine 
]/ Bilanzstörung im Transformationsprozeß der Energien, daher auch 
eine Störung in dem Persönlichkeitsgefühle. 

Wir werden uns auch nicht wundern dürfen, wenn dabei die Nerven- 
und Gehirnbahnen oder die Ganglienzellen als Transformatoren zunächst 
und am schwersten geschädigt erscheinen. Die Störung zu verhindern, 
ist also grundlegende Kulturaufgabe. 

Die Übertragung psychischer Energie kann neben der 
Belehrung durch alle anderen Arten der Beeinflussung — auch nach 
dem Gesetz der Kontraimitation — erfolgen, und es ist ganz gut mög- 
lich, daß sich in den Ganglienzellen der Assoziationszentren auch auf 
diese Weise eine Anhäufung von Spannkraft vollzieht, die dann als 
regelnde und hemmende Tätigkeit dieser Zentren gegenüber den 
die Sinneseindrücke vermittelnden Teilen des Gehirns verwendet wird. 

Ziel der Erziehung muß also die Stärkung jener Zentren sein, 
die in dem „Kampf der Vernunft mit der Sinnlichkeit" mitwirken; 
eine Energieaufspeicherung im Wege der Belehrung, sittlichen Begrün- 

ihrem Endziele noch im Unterbewußtsein gelegene — überschüssige, „freie" 
Energie darstellt. Am häufigsten gefühlt wird wohl der Spannungsausgleich 
durch Befriedigung des Sexualtriebes, wie denn wohl dieses Gebiet als Grenz- 
gebiet zwischen Körper und Geist eine weitere Energieforschung am meisten 
interessieren muß. 



Betätigungstrieb und Nervosität 167 

dung und des Beispiels, womit von der psychischen Seite auf dasselbe 
Ziel losgegangen wird, auf das die Ärzte hauptsächlich von der somati- 
schen hinarbeiten: Gesundung des einzelnen wie der Gesamtheit durch 
die Ordnung der Energieumwandlung. Daß wir einstweilen von einem 
vollen Einblick in diese Zusammenhänge noch weit entfernt sind, 
tut für die praktische Anwendung ebensowenig, wie dem Ingenieur 
seine Unkenntnis vom tiefsten Wesen der Elektrizität ein Hindernis 

- 

für deren Ausnützung ist. Es spielt sich dann im gesunden, veredelten 
menschlichen Gehirn durch Selbstzucht dasselbe ab, was Tigers tedt 
als ideale Gesellschaftsordnung mit Recht hinstellt: Die blinden 
Triebe der moralisch und intellektuell Minderwer- 
tigen der tieferen Einsicht und dem besseren Wollen 
einer geistig-sittlichen Aristokratie zu unterwerfen. 






Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse. 

Von Dr. Carl Furtmüller. 

I. 

Die moderne Psychologie hat zu wiederholten Malen von der Be- 
schäftigung mit dem anormalen Seelenleben her bedeutsame Anstöße 
erfahren. Nie aber waren die Brücken, die von der Betrachtung der 
kranken zu der der gesunden Psyche führten, so zahlreich und so trag- 
fähig als die von der Psychoanalyse errichteten, die, ursprüng- 
lich eine ärztliche Heilmethode zur Behandlung neurotischer Erkrankun- 
gen, heute den Anspruch erhebt, uns auch den psychischen Organismus 
des Gesunden in ganz neuem Lichte zu zeigen. So darf sie heute wohl 
auf das zumindest prüfende Interesse eines jeden rechnen, der ein 
Psychologe in dem tieferen Sinne ist, daß es ihn nach einer Auf- 
deckung des inneren Zusammenhanges unseres Seelenlebens verlangt. 
Rechtfertigt dies den Versuch einer übersichtlichen Darstellung der 
Probleme der Psychoanalyse, so sind die entgegenstehenden Schwierig- 
keiten doch nicht gering. Auf eine ausführliche Darlegung bestimmter 
Fälle muß eine solche Arbeit mit Rücksicht auf ihren Umfang von vorn- 
herein verzichten; aber sie kann nicht hoffen, ohne sie volles Verständnis 
zu vermitteln, geschweige denn volle Überzeugung herbeizuführen. Dazu 
kommt noch, daß die Psychoanalyse, wie es bei einer so jungen Wissen- 
schaft selbstverständlich ist, sich in rascher Entwicklung und ständigem 
Flusse befindet und sich in ihr entgegengesetzte Anschauungen oft recht 
schroff gegenüberstehen. Der Verfasser würde also seine Absicht für 
erreicht halten, wenn er durch die folgenden Ausführungen den Leser 
überzeugte, daß eine Sache vorliegt, die des eigenen Nachprüfens wert 
ist, wenn er ihn anregte, die psychoanalytische Literatur zu verfolgen, 
aber auch seinem eigenen Seelenleben nachzuspüren. 

Die grundlegende Entdeckung der Psychoanalyse ist dem Wiener 
Arzte Josef Breuer zuerst gelungen. In den Jahren 1881/82 be- 
handelte er ein junges Mädchen, das zu der Zeit, als es den geliebten 
Vater in seiner Todeskrankheit aufopfernd pflegte, an schweren hysteri- 
schen Erscheinungen erkrankt war, von welchen Lähmung der rechts- 
seitigen Extremitäten, schwere Sprachstörungen, Nahrungsverweigerung 
und die zeitweilige Unfähigkeit zu trinken hervorgehoben seien. Die 
Behandlung zog sich monatelang hin und der Arzt vermochte nicht 



Die psychologische Bedeutung- der Psychoanalyse 169 



mehr als eine vorübergehende Erleichterung des Zustandes zu erreichen, 



indem er sich in der Hypnose die Phantasien, die sie während ihrer 
Anfälle plagten, erzählen ließ. Dann aber gelang es ihm, die Patientin 
wieder in der Hypnose dahin zu bringen, daß sie die Vorfälle reprodu- 
zierte, die das erste Auftreten der einzelnen Symptome veranlaßt hatten. 
Die Erinnerung an diese im Wachzustand völlig vergessenen Ereignisse 
geschah unter großer Erregung und von da an war das betreffende 
Symptom für immer geschwunden. Ein Vergleich aber zwischen dem 
in die Erinnerung beschworenen Vorfall und der Krankheitserscheinung 
ergab, daß zwischen beiden ein innerer Zusammenhang bestanden hatte. 
So überraschte die Patientin einst die ihr unsympathische englische Ge- 
sellschafterin, wie diese ihren kleinen Hund, „das ekelhafte Tier", 
aus einem Glase hatte trinken lassen. Aus Höflichkeit unterdrückte 
sie damals Ärger und Ekel. Die neurotische Wirkung dieses Anlasses 
war nun die Unfähigkeit, zu trinken. 

So ergänzungsbedürftig auch die Aufklärung dieses Falles vom heuti- 
gen Standpunkt der Analyse aus erscheinen müßte, so ergaben sich 
doch schon aus ihm, abgesehen von seiner praktischen Bedeutsamkeit 
für den Arzt, wichtige theoretische Schlüsse: 

i. Die Patientin hat durch ihre Handlungsweise auf ein Erinnerungs- 
bild reagiert, ohne daß dieses in ihrem Bewußtsein vorhanden gewesen 
wäre. Ebenso konnte in der Folge die Psychoanalyse immer wieder 
zeigen, daß gewisse Handlungsweisen und Gedankengänge des Patienten 
(oder auch des Normalen) unverständlich blieben, bis eine Bewußtseins- 
lücke ausgefüllt wurde. Dann aber stellte sich heraus, daß die Betref- 
fenden auch früher schon so gehandelt hatten, als ob die erst jetzt 
ins Bewußtsein gehobenen Erinnerungen (Phantasien, Gedanken) schon 
bestimmend gewirkt hätten. Um diesen Tatbestand festzustellen, hat 
die Psychoanalyse den Hilfsbegriff der unbewußten Vorstellung 
gebildet. Es handelt sich also bei diesem Terminus, wie ihn die Psycho- 
analyse gebraucht, nicht um psychische Phänomene, die wegen zu 
geringer Bedeutung unter der Schwelle des Bewußtseins bleiben, sondern 

um psychische Kräfte, die ungeachtet ihrer hohen Wertigkeit, ja gerade 
derenthalben, vom Bewußtsein ausgeschlossen bleiben. 

2. Wird eine solche unbewußte Vorstellung bewußt, so lernt das 
Individuum nicht nur seinen Zustand verstehen, sondern es ändert auch 
sein Verhalten; es wird ein neuer Teil der Lebensäußerungen der Person 
ihrer bewußten Leitung unterstellt. 

3. Für Breuer entstand die psychische Erkrankung dadurch, daß 



170 Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse 



wegen der Verdrängung des Erlebnisses aus dem Bewußtsein der damit 
verbundene Affekt an seinem normalen Ablauf gehindert war. Die 
Kur machte mit der Erinnerung auch den Affekt wieder frei und führte 
ihn der Erledigung zu. Er nannte deshalb seine Methode „kathartisches 
(reinigendes) Verfahren". Haben diese Aufstellungen auch in der Folge 
mannigfache Korrekturen erfahren, so bieten sie im Kerne doch eine 
Erkenntnis von bedeutender Tragweite. Sie zeigen, daß man bei sich 
und anderen gegen unerwünschte psychische Angriffe nicht dadurch 
wirksam ankämpfen kann, daß man ihnen einfach den Weg zur Äuße- 
rung und Betätigung versperrt; sie wirken dann unerkannt und unbe- 
wacht um so gefährlicher. Und so gelangen wir schon von den Anfängen 
der Psychoanalyse aus zu dem wichtigen pädagogischen Grundsatze, 
der mit der Theorie weniger in Widerspruch steht als mit unserer 
Praxis in Haus und Schule : Fruchtbare sittliche Erziehung 
ist nur möglich durch Erweiterung des Bewußtseins 
(nicht Wissens!), nicht durch seine Einschränkung. 
War auch das schon Erreichte wichtig genug, so bedeutete das neue 
Verfahren auf dieser Stufe doch nicht mehr als eine ärztliche Heil- 
methode. Die Möglichkeit, sich darüber hinaus zu einem neuen und 
unentbehrlichen Forschungsmittel der Psychologie zu entwickeln, erhielt 
es erst durch einen Schritt Sigmund Freuds, der, Breuers Schüler 
und Mitarbeiter, das von diesem Begonnene bald selbständig und genial 
fortsetzte. Praktische Erwägungen legten es ihm nahe, einen Weg zu 
suchen, der die Anwendung des neuen Verfahrens ohne Hypnose er- 
möglichte. Der Gedankengang, der Freud dabei leitete, läßt sich unge- 
fähr so formulieren: Wenn von den unbewußten psychischen Inhalten 
des Patienten eine solche Energie ausgeht, daß sie quälende und hart- 
näckige Krankheitserscheinungen erzeugen, dann ist wohl anzunehmen, 
daß ihre Wirkungen sich auch sonst im seelischen Leben des Indi- 
viduums, wenn auch unscheinbarer und nur spurweise, fühlbar macl 
dann darf man hoffen, ihren Einfluß überall dort nachweisen zu können, 
wo die bewußte Lenkung unserer Vorstellungen nachläßt. So kam 
Freud nach einem Übergangsstadium zu folgendem Verfahren: Der 
Patient wurde aufgefordert, sich dem freien Lauf seiner Vorstellungen 
zu überlassen und zu sagen, was ihm einfalle. Bedingung war dabei, 
daß er wirklich alle Einfälle dem Arzte mitteilte, auch wenn sie ihm 
unsinnig, nicht zur Sache gehörig, peinlich erschienen. Indem nun 
der Arzt im Auge behielt, wo verschiedene Reihen von Einfällen sich 
einem gemeinsamen Knotenpunkt zu nähern schienen, vor allem aber. 



Die psychologische Bedeutung- der Psychoanalyse 171 



indem er festhielt, daß die scheinbar zufällige Aufeinanderfolge zweier 
Einfälle auf einen inneren Zusammenhang hinweise, konnte er erraten, 
in welche Richtung die Gedankengänge des Patienten drängten. Er ver- 
mochte diesem dann durch einzelne Aufklärungen, bei denen er seine 
an anderen Patienten erworbenen Erfahrungen verwertete, vor allem 
aber, indem er Abbiegen und Steckenbleiben zu verhindern suchte.. 
bei seiner Selbstbesinnung zu unterstützen. Denn im Wesen ist ja die 
psychoanalytische Methode nichts anderes als kunstmäßig geleitete 
Selbsterforschung. 

Bei dieser Art der Kur nun war es notwendig, daß sich im Laufe der 
Zeit — eine psychoanalytische Behandlung dauert oft viele Monate, mit- 
unter Jahre — das ganze Leben des Patienten, von der frühesten Jugend 
bis auf die Gegenwart, in seinen großen Erlebnissen und in den schein- 
bar unwichtigsten Details, in seinen offensichtlichen Handlungen wie 
in seinen geheimsten Wünschen und Befürchtungen vor den Augen 
des Arztes abrollte. Er erhielt so eine Biographie seines Patienten, 
vermehrt um das, was man bei der Niederschrift einer Lebensbeschrei- 
bung unterdrückt; dazu kam noch, was vor der Behandlung der Patient 
nicht einmal sich selbst eingestehen konnte und wollte. Hier scheint 
mir das Moment zu liegen, durch das das neue Verfahren am liefsten 
in den Entwicklungsgang der Psychologie einzugreifen bestimmt ist. 
Dadurch, daß sich dem Psychoanalytiker das Seelenleben nicht eines 
Menschen, sondern einer großen Zahl in einer Breite und einer Tiefe 
erschließt wie nie vor ihm einem anderen Psychologen, muß sich für 
die wissenschaftliche Seelenkunde eine ganz neue Einstellung, ein grund- 
sätzlich neues Problem ergeben. Die bisherige Psychologie verfährt 
so, daß sie aus dem Zusammenhang des psychischen Lebens einzelne 
Erscheinungen oder Reihen und Gruppen von Erscheinungen heraus- 
greift. Indem sie diese jetzt weiter zu zergliedern sucht und unterein- 
ander vergleicht, kommt sie allerdings zu wissenschaftlichen Beschrei- 
bungen und zur Feststellung gesetzmäßiger Abläufe; aber durch das 
Wesen ihres Verfahrens selbst hat sie sich zwei Grenzen gesteckt. Ein- 
mal erstreckt sich ihre Betrachtung immer auf das Formale des psychi- 
schen Ablaufs: die Materie des Seelenlebens entzieht sich aber ihrer 
Untersuchung. Beim Urteil zum Beispiel beschäftigt sie sich mit dem 
Urteils akt; der Inhalt des konkreten Urteils in seiner Bedeutung 
für das Individuum ist ihr jedoch gleichgültig. Bei der Assoziation 
untersucht sie die Beziehung der einzelnen Glieder zueinander: diese 
Glieder an sich bedeuten ihr nichts. Und damit steht dann ein Zweites 



172 Die psychologische Bedeutung- der Psychoanalyse 



in innerem Zusammenhang: es war der bisherigen Psychologie ver- 
sagt, zum Verständnis der lebendigen Einheit des individuellen Seelen- 
lebens vorzudringen 1 . Die wissenschaftliche Bearbeitung 
des Inhaltes der Psyche und die Erforschung der Per- 
sönlichkeit sind also die beiden wesentlichen neuen 
Aufgaben, die die Psychoanalyse stellt, und deren 
Lösung sie ermöglicht. Und man kann die Bedeutung eines 
psychoanalytischen Forschers für die Psychologie nach dem Grade 
der Klarheit abschätzen, mit der er diese Aufgaben erkennt, und nach 
der Intensivität, mit der er sich ihrer Erledigung widmet. 

Dieser allgemeine Gedankengang zeigt uns schon, daß die Psycho- 
analyse dahin kommen mußte, ihr ursprüngliches Arbeitsgebiet wesent- 
lich zu erweitern, daß sie sich nicht mehr auf die Erforschung des 
krankhaften Seelenlebens beschränken konnte, sondern auch das Stu- 
dium der normalen Psyche in ihre Untersuchungen einzubeziehen ge- 
zwungen war. Es lag in der Natur der Sache, daß sie sich dabei zu- 
nächst jenen Erscheinungen zukehrte, die schon äußerlich eine ge- 
wisse Verwandtschaft mit den als krankhaft angesehenen psychischen 
Störungen darbieten. So hat Freud die „Psychopathologie des Alltags'* 
untersucht, jene Fälle von Fehlhandlungen, Vergreifen, Versprechen. 
Verlesen, Verschreiben, Vergessen, in denen unser seelischer Apparat 
bei einer sonst spielend zustande gebrachten Leistung in auffallender 
Weise versagt. Er konnte nachweisen, daß, zumindest in sehr vielen 
Fällen, dieses Versagen nicht „zuf fällig", sondern psychisch, wenn auch 
unbewußt, genau bestimmt ist. Er befaßte sich auch mit den Phanta- 
sien, denen sich die Menschen in unbeschäftigten Augenblicken hin- 
geben, den „Tagträumen". Seine bedeutendste Leistung aber vollbrachte 
er durch die Aufhellung jenes Gebietes, auf dem das Seelenleben des 
Gesunden sich am meisten dem des psychisch Gestörten zu nähern 
scheint, durch seine Erforschung des Traumlebens. In seiner „Traum- 
deutung" hat er gezeigt, daß in jedem Traume, ungeachtet seiner schein- 
baren Rätselhaftigkeit, Verworrenheit, ja Absurdität, ein Sinn steckt. 
Freilich finden wir diesen Sinn nicht unmittelbar in den Bildern, 
die uns der Traum zeigt, oder in dem, was uns der Träumer erzählt, 
sondern wir müssen hinter diesen kundgetanen Trauminhalt zurück- 

1 Daher kommt es, daß die Psychologie bisher mit „Menschenkenntnis" so 
wenig zu tun hatte und daß sie nicht imstande war, intuitive Selbsterkenntnis, 
wie sie z. B. in den Werken großer Dichter niedergelegt ist, systematisch 
zu verwerten. 



Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse 173 



gehen, um zu den in ihm verborgenen Traumgedanken zu gelangen. 
Diese psychologische Analyse wird uns dadurch ermöglicht, daß uns 
der Träumer die Einfälle mitteilt, die bei ihm durch die einzelnen 
Traumstücke ausgelöst werden. Wir müssen bei der Traumdeutung 
gefaßt sein, daß an Stelle der inneren Assoziationen, wie sie das 
logische Denken des Wachen kennzeichnet, ganz äußerliche treten, 
und das vieles von dem, was uns der Traum zeigt, als bildliche Dar- 
Stellung, als Symbol, aufzufassen ist. Eine solche Traumdeutung zeigt 
uns, daß das, was man früher oft als das Entscheidende für die Traum- 
bildung angesehen hat, Leibesreize und Sinneseindrücke während des 
Schlafes, nur soweit von Bedeutung ist, als es dem Traum Material 
liefert. Eine viel wichtigere Rolle spielen schon Gedanken und Eindrücke 
des Tages, die im Wachleben keine psychische Erledigung gefunden 
haben. Der Kern des Traumes aber zeigt uns den Menschen auch 
während des Schlafes mit Problemen beschäftigt, die den tiefsten 
Grund seiner Persönlichkeit ausmachen. Und zwar stellt für Freud 
jeder Traum, möge der Trauminhalt dem* noch so zu widersprechen 
scheinen, eine Wunscherfüllung dar und in seinem tiefsten Sinne die 

Erfüllung eines alten, im Lauf der Entwicklung des Individuums aus 
dem Wachbewußlsein längst verdrängten Kinderwunsches. 

Der Begriff der Wunscherfüllung nimmt im Zusammenhang der 
Freudschen Lehren eine beherrschende Stellung ein. Von hier aus 
kann man vielleicht am besten den inneren Entwicklungsgang der 
Psychoanalyse überschauen und erkennen, wie weit Freud vorgedrungen 
und wo er stehen geblieben ist. Die erste Tatsache, die die Psycho- 
analyse zutage gefördert hatte, war die, daß scheinbar vergessenen Er- 
innerungen doch eine sehr starke psychische Wirksamkeit zukommen 
kann. Dadurch wurde die seelische Bedeutung der eigenen Vergangen- 
heit ganz besonders in den Vordergrund gerückt und man kam zu der 

Formel: Der Hysterische leidet größtenteils an unklaren Erinnerungen. 
So schien anfänglich das Unbewußte etwas rein Rückschauendes zu 
sein, ein Ballast der Vergangenheit, der dem Individuum zwecklos und 
störend anhing und es für seine eigentliche Aufgabe, die Bewältigung 
der Zukunft, untüchtig machte. Von zwei Seiten her aber mußten 
sich gegen diese Auffassung Schwierigkeiten ergeben. Was vorstellbar 
war, solange man das Vorhandensein unbewußter Vorstellungen an sich 
als krankhafte Störung auffaßte, wurde unhaltbar in dem Moment, 
wo man die Rolle des Unbewußten auch in der Psyche des Normalen 
erkannte. Man konnte nicht auch den psychisch Gesunden mit rück- 




174 Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse 



wärts gewandten Augen durch das Leben gehen lassen. Und dann 
mußte sich ein Widerstreit ergeben mit dem Wesen der psychoanalyti- 
schen Methode selbst, die ja die Zielstrebigkeit der Assoziation, also 

das Vorwärtsdrängen der Gedanken, zur notwendigen Voraussetzung hat. 
Bei dieser Schwierigkeit setzt nun Freuds Theorie von den jnbewußten 
Wünschen ein. Ihre Bedeutung liegt darin, daß es ihr gelingt, Ver- 
gangenheit und Zukunft zu verbinden. Das Unbewußte hält das Ge- 
wesene fest, aber nur um des Künftigen willen, weil es möchte, daß 

das, was war, wieder werden soll. 

Trotz der großen Bedeutung der Wunschtheorie war es doch aus- 
geschlossen, daß die Psychoanalyse sich dauernd bei ihr hätte be- 
ruhigen können. War früher das Unbewußte ein rückwärts gewandter 
Prophet, so ist es jetzt ein vorwärts gewandter Historiker; die Zukunft 
ist ihm nur ein Umweg zur Vergangenheit. Auch jetzt noch hat die 
Vergangenheit, außer ihrer sozusagen historischen Bedeutung, daß sie 
nämlich das Individuum zu dem gemacht hat, was es jetzt ist, einen 
so entscheidenden Einfluß,* daß sie Gegenwart und Zukunft in ihre 
Farben kleidet. Wenn man nach Freudschen Gesichtspunkten ein 
Menschenschicksal erforscht, so kann man weit und immer weiter 
zurückgehen, bis in die frühesten Kinder jähre, und nie findet man 
eigentlich den Augenblick, wo der Mensch seine Zukunft selbständig 
aufbauen will, immer finden wir ihn dabei, die Vergangenheit wieder- 
herzustellen. 

An dieser Stelle der Entwicklung hat die Psychoanalyse durch 

Alfred Adler eine entscheidende Förderung erfahren. Er sieht 
die Rolle der Vergangenheit in einem anderen Lichte und so kann 

er auch die Stellung des Individuums zur Zukunft besser verstehen. 
Was wir die historische Bedeutung der psychischen Vergangenheit 
genannt haben, schätzt er mindestens ebenso hoch ein wie Freud, und 
er hat gerade hier, z. B. was die psychische Nachwirkung kindlicher 
Minderwertigkeiten betrifft, unsere Erkenntnis sehr gefördert. Aber 
seine Auffassung der aktuellen Rolle der psychischen Vergangen- 
heit ist eine gänzlich verschiedene. Für ihn sind nicht konkrete Wünsche 
und Gedanken das Wesentliche am Unbewußten, sondern der unbe- 
wußte Lebensplan, eine unbewußte Vorstellung von der Rolle, 
die man in der Welt spielen will. Dieser Lebensplan ruft fortwährend 
Versuche hervor, sich vorbauend und vorausdenkend für alle möglichen 
Fälle zu rüsten. Bei diesen tastenden Versuchen nun dient die ganze 
Vergangenheit als Material. Als Mittel also, nicht als Ziel, taucht 



Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse 175 



sie immer dort auf, wo wir uns mit der Zukunft beschäftigen. In 
vielen Fällen, wo Freud eine objektive Wunschregung voll Heimweh 
nach der Vergangenheit sieht, erblickt daher Adler nichts als eine sym- 
bolische Vorbereitung für die Zukunft. 

So scheint mir Adler das Problem, das sich gleich zum Beginne der 
Psychoanalyse erhob, das Problem nach der seelischen Rolle der Er- 
innerungen, gelöst zu haben, indem er den von Freud betretenen Weg 
bis ans Ende verfolgte. Ich halte es daher für ein Widerstreben gegen 
die innere Logik des Entwicklungsganges der Psychoanalyse, wenn 
die vollständig auf Freud festgelegten Autoren Adlers Befunde zwar 
in vielem einzelnen, oft stillschweigend, übernehmen, den großen Zu- 
sammenhang seiner Forschungen aber ablehnen 1 . 

Die Differenz dieser beiden Standpunkte kann uns jedoch erst dann 
völlig klar werden, wenn wir uns endlich der Frage zuwenden: Was 
hat die Psychoanalyse über den Inhalt der Psyche zutage gebracht? 



II. 

Wenn dieser Aufsatz es unternehmen will, das, was die Psychoanalyse 
über den Inhalt der Psyche zutage gefördert hat, kurz darzustellen, so 
kann das — wie schon hervorgehoben wurde — nicht in einem Zuge 
geschehen, sondern nur so, daß wir die Standpunkte Freuds und 
Adlers einander gegenüberstellen. Die Tatsache eines solchen Zwie- 
spalts allein scheint freilich den Gegnern ein sehr wirksames Argument 
in die Hand zu geben. Wenn die Anwendung der psychoanalytischen 
Methode zu so verschiedenen Ergebnissen führt, könnten sie sagen, so 
beweist das doch, daß wir es bei dieser Methode keineswegs mit einem 
neuen Weg zu tun haben, psychische Tatsachen ans Licht zu ziehen 
denn über Tatsachen könnte es keinen Streit geben — , sondern mit 
einer Reihe vielleicht geistreicher, jedenfalls aber willkürlicher Auf- 
stellungen, denen gegenüber freilich dogmatische Rechtgläubigkeit und 
heftige Opposition gleich möglich seien. Ganz derselben Waffe, nur 
von einem anderen Standpunkt aus, bedienen sich übrigens manche 
Psychoanalytiker, indem sie jeden Widerspruch mit dem Hinweis ab- 
lehnen, was sie vortrügen, seien nicht Theorien, über die sich streiten 
lasse, sondern nur eine nüchterne Zusammenfassung der mit Hilfe 
ihrer Methode objektiv festgestellten psychischen Tatsachen. Die Un- 

1 In den letzten Veröffentlichungen der sogenannten Züricher Schule der 
Psychoanalyse (J un 8 Maeder) findet man allerdings vom Einflüsse Adlers 
schon auf Schritt und Tritt deutliche Spuren. 



176 Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse 



haltbarkeit dieser beiden entgegengesetzt gerichteten und doch im Kern 
übereinstimmenden Beweisführungen wird sofort klar, wenn man sich 
das Wesen wissenschaftlicher Arbeit im allgemeinen und psychologi- 

scher im besonderen vor Augen hält. Die Frage der Nachprüfung der 
Einzelbeobachtungen sei hier völlig ausgeschaltet. Aber die Richtigkeit 
aller Einzelbeobachtungen zugegeben, so kann doch das Tatsachen- 
material, auf das sich eine Wissenschaft stützt, an sich nichts anderes 
sein als eine Unzahl einzelner, zusammenhangloser Fakten. Damit aus 
diesem Chaos zusammenhängende, einheitliche Erkenntnis werde, 
ist es nötig, die Einzeltatsachen zusammenzufassen, zu ordnen, unter 
leitende Gesichtspunkte zu bringen. So tritt also in jeder wissen- 
schaftlichen Theorie dem objektiven Faktor ein in gewissem Sinne 
subjektives Moment gegenüber. Der Widerstreit zweier Theorien spricht 
daher keineswegs gegen die Richtigkeit ihrer gemeinsamen objektiven 
Grundlage und die Richtigkeit dieser Grundlage allein spricht noch 

nicht für eine Theorie. Das Tatsachenmaterial, auf dem sich das 
ptolomäische und das kopernikanische Weltsystem aufbauen, ist das 
gleiche; die Art seiner Bearbeitung und seiner Bewältigung ist aller- 
dings grundverschieden. Freilich muß sich dieser subjektive Faktor 
wieder den Tatsachen gegenüber bewähren. Aber gerade die praktische 
Prüfung wird nur möglich durch das Gegenüberstellen und Ausproben 
verschiedener Möglichkeiten. 

Ist also ein subjektiver Anteil immer vorhanden, so muß er natur- 
gemäß eine besondere Rolle spielen in einer wahrhaft psychologischen 
Psychologie. Der Forscher kann ja fremdes Seelenleben nur verstehen, 
indem er es nachzuerleben sucht, die Einfühlung ist Voraussetzung 
jeder psychologischen Arbeit. Bei genauester Beachtung aller objektiven 
Befunde wird also das entstehende Gesamtbild doch immer wesentlich 
beeinflußt sein von der Persönlichkeit des Psychologen, so redlich er 
bemüht sein mag, allzu Individuelles auszuschalten. Die Unpersönlich- 
keit kann hier wohl ein Ziel der nachprüfenden Kritik, nicht aber des 
aufbauenden Forschers sein. So tritt uns denn auch in den Theorien 
Freuds und Adlers ein Gegensatz der Weltanschauung entgegen, der 
nicht etwa erst aus ihren psychologischen Anschauungen entspringt, 
sondern ihnen zugrunde liegt. 

Das Charakteristische der Freud sehen Psychologie liegt einerseits 
in der beherrschenden, ja alleinherrschenden Stellung, die sie der 
Sexualität zuweist. Daß dieser bei einer vertieften Neurosenforschung 
eine besondere Rolle zufallen müsse, war freilich klar. Auch früher 






Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse 177 



hatte man ja den Zusammenhang zwischen Neurosen und sexuellen 
Störungen bemerkt, ja mitunter für gewisse nervöse Erkrankungen 
direkt sexuelle Verursachung behauptet. Und anderseits brachte es 
die Eigenart der psychoanalytischen Behandlung, bei der der Kranke 
das sonst als persönlichstes Geheimnis Gehütete dem Arzt mitteilt, mit 
sich, daß das Sexualleben des Patienten bei jeder Kur eine ausführ- 
liche Erörterung erfuhr. Freud hat nun das so aufgeworfene Problem 
mit dem äußersten Radikalismus gelöst. Nach ihm ist jede Neurose 
im wesentlichen sexuell verursacht. Dieser Lehrsatz erfuhr noch eine 
weitere Bestimmung dadurch, daß die Psychoanalyse etwas konkret 
aufzeigen konnte, was man ja auch früher als allgemeinen Erfahrungs- 
satz ohne speziellen Beweis willig geglaubt hatte: die entscheidende 
Bedeutung der Kindheitsjahre für das psychische Leben des Erwach- 
senen. So kam Freud zu der Behauptung, die Neurosen — mit Aus- 
nahme der Neurasthenie und der Angstneurose, die er auf aktuelle 
Schädigungen zurückführte — beruhten auf Störungen der kindlichen 
Sexualität. Zunächst nahm er an, daß es sich dabei um ein Einzel- 
erlebnis oder um eine Reihe von solchen handle, die gewissermaßen 
als psychische Verletzungen (Traumen) wirkten. Dem stand aber ent- 
gegen, daß für die krankheitserregende Kraft dieser an sich oft recht 
unscheinbaren Erlebnisse zwar die tatsächlich eingetretene Krankheit 
zu bürgen schien, daß man aber bald erkennen mußte, daß zahlreiche 
Gesunde Gleiches oder Ähnliches erlebt hatten, ohne Schaden zu nehmen. 
Das drängte dazu, die eigentliche Wurzel der Krankheit anderswo zu 
suchen, und Freud fand sie in der sexuellen Konstitution. Er kam i 
so dazu, eine Sexualtheorie aufzustellen, die das Sexualleben nicht nur 
des Kranken, sondern auch des Normalen in ganz neuem Lichte er- 
scheinen ließ und die der Sexualität nach Umfang und Intensität 
eine weit wichtigere Rolle zuwies, als dies je zuvor geschehen war. 

Der zunächst in die Augen fallende Unterschied der Freudschen Auf- 
fassung von der verbreiteten Ansicht ist der, daß nach ihm die Sexualität 
nicht etwa erst im Stadium der Pubertät oder der Vorpubertät in den 
Menschen fährt „wie der Teufel in die Säue", sondern daß für ihn 
das Kind vom Moment seiner Geburt an, und zwar in hohem Grade, 
sexuell ist. Daraus geht schon hervor, daß der Ausdruck „sexuell" 
in einem weiteren Sinne nimmt, als dies sonst geschieht. Der Lust- 
gewinn beim Saugen, die Freude am Lutschen, das Interesse für die 
Stuhlentleerung, das Vergnügen beim Schaukeln und Fahren erscheinen 
ihm als ebenso sexuell wie die von anderen oft als bedeutungsloses 

12 



178 Die psychologische Bedeutung* der Psychoanalyse 



Spiel aufgefaßte Beschäftigung des Kindes mit seinen Genitalien *. 
So stehen am Beginn der Entwicklung des Individuums verschiedene 
„erogene Zonen 44 (vor allem die Mund-, die After- und die Genitalzone) 
gleichberechtigt nebeneinander und erst im Laufe dieser Entwicklung 
erlangt die Genitalzone gewissermaßen den Primat, so daß die Be- 
deutung der andern teils ganz zurücktritt, teils der von ihnen stammende 
Lusterwerb nur den Charakter der Vorbereitung oder des Ersatzes trägt. 

Die Sexualität des. Kindes muß aber noch eine andere Entwicklung 
durchmachen. Zuerst genügt ihm zum Lusterwerb der eigene Körper, 
daneben tritt dann der Lusterwerb durch Hinzutreten einer zweiten 
Person; so schreitet es vom Autoerotismus zur Objektliebe. Die Sexual- 
objekte wieder wählt es zuerst unterschiedlos in beiden Geschlechtern, 
allmählich erst bildet sich die gegengeschlechtliche Objektwahl heraus. 
Getreu seiner Grundanschauung faßt Freud alle Beziehungen zwischen 
Menschen als sexuell auf. Nicht nur in der Liebe, auch in der Freund- 
schaft, der Elternliebe, der Kindesliebe, der Geschwisterliebe erkennt 
er das Walten der Libido. 

Die von uns geschilderte Entwicklung setzt voraus, daß bestimmte 
Komponenten der Libido, bestimmte Formen der Triebbefriedigung 
teils durch die organische Entwicklung, teils unter dem Druck unserer 
ethischen und kulturellen Anschauungen aus dem Bewußtsein des Indi- 
viduums ausgelöscht, „verdrängt 44 werden. Die psychischen Energien, 
die sich in ihnen ausgedrückt haben, können natürlich nicht verschwin- 
den, sie sollen höheren kulturellen Aufgaben zugeführt, „sublimiert" 
werden. Bei diesem verwickelten Vorgang nun sind Entwicklungs- 
störungen möglich. Unterbleibt die Verdrängung an einem oder meh- 
reren Punkten, dann haben wir den sexuell Perversen vor uns. 
Wird die Verdrängung vollzogen, aber gelingt es nicht, die beteiligte 
Energie einer anderen Verwendung zuzuführen, so können diese jetzt 
innerlich wirkenden Kräfte in einem gegebenen Zeitpunkt als Neu- 
rose oder Psychose hervorbrechen. Die mißglückte Verdrängung 
libidinöser Regungen also ist es, was in der seelischen Erkrankung zum 
Ausdruck kommt, und so konnte Freud die Neurose das Negativ der 
Perversion nennen. 

Eine besonders wichtige Rolle spielt nach Freud in der Entwicklung 
der kindlichen Sexualität die Beziehung des Kindes zu den Eltern. 
Wenn er uns sagt, daß die ursprünglich Vater und Mutter gleich 

1 Audi die Schaulust der Kinder, ihre Freude an der Entblößung und am 
Schmutz gelten ihm als Äußerungen der kindlichen Sexualität. 



Die psychologische Bedeutung- der Psychoanalyse 179 



geltende Neigung bald dem gegengeschlechtlichen Elternteil in beson- 
derem Maße zugewandt werde, so scheint er sich freilich von dem 
Boden früherer Beobachtungen noch nicht zu entfernen. Aber nach ihm 
liebt der Knabe die Mutter eben als Geliebte und wünscht sie sexuell 
zu besitzen nach Maßgabe der Vorstellungen, die sich sein kindlicher 
Verstand über menschliche Liebesbeziehungen gemacht hat. Hier tritt 
ihm nun ein Hindernis entgegen in der Person des Vaters, der ihm 
jetzt als begünstigter Nebenbuhler erscheint. Nach dessen Entfernung 
würde seinem Glück nichts mehr im Wege stehen. Weil nun nach 
Freud dem Kinde die Bedeutung des Todes noch nicht klar geworden 
ist und für dasselbe tot sein nur soviel bedeutet wie nicht mehr wieder- 
kommen, so kann im Knaben der Wunsch entstehen, der Vater möge 
sterben und ihm Platz machen. So sieht Freud in jedem Kind, wenigstens 
in jedem künftigen Neurotiker, einen kleinen ödipus, der seinen Vater 
töten möchte, um dann die Mutter zu heiraten. Bei fortschreitender 
ethischer Entwicklung des Knaben verfallen dann diese beiden Regungen, 
der Haß und der Todeswunsch gegen den Vater und die sexuelle Liebe 
zur Mutter, der Verdrängung und werden oft sogar durch entgegen- 

gesetzte Gefühle verdeckt. Aber ihre Wirkung vom Unbewußten her 
und ihre Rolle bei der neurotischen Erkrankung scheinen Freud so 
bedeutsam, daß er den Ödipuskomplex geradezu den Kernkomplex 
der Neurose genannt hat. 

Daß die hier umrissene Theorie Freuds auf einer großen Zahl neuer 
und glücklicher Beobachtungen beruht, daß sie vielem, was früher 
gesehen, aber nicht beachtet wurde, eine neue Bedeutung verleiht, kann 
nur von denen geleugnet werden, die im Eifer der Ablehnung den unbe- 
fangenen Blick für Tatsachen verlieren. Anderen Beobachtungen Freuds 
merkt man es allerdings an, daß bei ihnen die fertige Theorie das Urteil 
beeinflußt hat. Diese Theorie selbst wird den, der den anfänglichen 
Widerstand überwunden hat und sich ihr willig überläßt, vor allem 
durch ihre großzügige Einheitlichkeit bestechen. Die Sexualität, die 
Libido, ist die gemeinsame Wurzel, aus der all die mannigfaltigen Er- 
scheinungen des psychischen Lebens sprießen. Bei einer eingehenden 
wissenschaftlichen Nachprüfung aber muß man freilich erkennen, daß 
gerade diese Einheitlichkeit den schwächsten Punkt des ganzen Ge- 
dankengebäudes deckt. Freud hat den Umfang des Begriffes Sexualität 
erweitert, er hat es aber unterlassen, gleichzeitig den Inhalt dieses Be- 
griffes neu zu bestimmen. Dadurch kommt in alle Äußerungen der 
Freudschen Schule über Sexualität etwas Vages und Schillerndes. Man 

12* 



180 Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse 

hält sich zwei Wege offen: einmal erweitert man den Umfang des 
Begriffes Sexualität aufs radikalste, so daß man z. B. Lust ohne 
weiteres gleichsetzt sexueller Lust, und behält doch den Inhalt des Be- 
griffes in seiner ganzen ursprünglichen Tragweite und Reichhaltigkeit 
bei. Das andere Mal vermeidet man diesen Fehler; da geht dann natür- 
lich mit der Ausdehnung des Begriffes immer mehr von seinem Inhalt 
verloren, so daß man schließlich dazu kommt, Libido = Affektivität 
oder psychischer Energie zu setzen. Die Bezeichnung „sexuell 44 erscheint 
nunmehr als bloße terminologische Neuerung ohne Erkenntniswert. 
Diese Neigung zur einfachen Gleichsetzung von psychisch und sexuell 
wird besonders gefördert durch Freuds Theorie von der Sublimierung, 
die alle höheren psychischen Gebilde — Ethik, Wissenschaft, Kunst 
als Produkte einer Richtungsänderung der Libido auffaßt. Die 
größte Gefahr aber liegt darin, daß die beiden von uns aufgezeigten 
entgegengesetzten Möglichkeiten nicht so scharf geschieden werden als 
man glauben sollte, sondern daß oft in derselben Arbeit erst der eine, 
dann der andere Weg beschritten wird. 

Die Zwieschlächtigkeit der Freudschen Auffassung erleidet aber noch 
dadurch eine besondere Verschärfung, daß Freud, nachdem er erst alles 

1 psychische Geschehen auf Sexualität reduziert hat, dann doch einen 
Gegenpol zur Sexualität nicht entbehren kann. Die seelischen Konflikte, 
die zur Erkrankung führen, sind von seinem Standpunkt aus ja nur 
dadurch zu verstehen, daß der Libido eine andere Macht feindlich 
gegen übertritt. Daher die Verdrängung, daher der Gegensatz zwischen 
der unbewußten Libido und der bewußten Persönlichkeit. Und so be- 
ruht für ihn die Neurose auf einem Kampf der Sexualität mit den Ich- 
Trieben. Nur nebenbei sei hier bemerkt, daß sich bei dieser Gegen- 
übersetzung die Unklarheiten im Freudschen Begriff der Sexualität 
empfindlich bemerkbar machen. Von der alten Anschauung aus war 
es allerdings ganz gut angängig, den Geschlechtstrieb als arterhaltende 
Funktion den Trieben der Selbsterhaltung gegenüberzustellen, obzwar 
man auch da sagen muß, daß dies biologisch und nicht psychologisch 
gedacht ist. Bei Freuds so erweiterter Auffassung von der Sexualität 
aber verliert diese Gegenübersetzung jede Berechtigung. Es ist nicht 
einzusehen, was die Lust des Kindes am Lutschen oder an seinen 
Darmfunktionen mit der Arterhaltung zu tun haben soll. Wir haben 
es in der so eigenartigen Gedankenwelt Freuds an dieser Stelle mit 
einem nicht amalgamierten Rest früherer Anschauungen zu tun. Weit 
schwerwiegender aber als dieser logische Schönheitsfehler ist es, daß 



Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse 181 



dieser Gegensatz zwischen Sexualität und Ichtrieben, der bei Freud 
mit dem Gegensatz zwischen „bewußt" und „unbewußt" in Parallele 
gebracht wird, von dem stolzesten Ziel, das die Psychoanalyse sich 
stecken konnte, seitab zu führen droht. Sie wollte versuchen, mit Zu- 
hilfenahme des Unbewußten das Seelenleben des Individuums in Kicken- 
losem Zusammenhange aufzudecken. Jetzt aber haben wir vor uns 
zuerst die bewußte Persönlichkeit, die irgendwie ethisch wertvoll oder 
mangelhaft, gütig oder eigensüchtig, liebenswürdig oder abstoßend 
sein kann. Und in diese bricht dann aus dem Dunkel des Unbewußten 
eine fremde Macht herein, sie sekundär verändernd oder zerstörend. 
So müßten diese Gedanken Freuds, konsequent festgehalten, dazu 
führen, daß mit der Theorie von der sexuellen Wurzel aller psychischen 

Gebilde zugleich überhaupt die Möglichkeit zusammenbräche, den in- 
neren Zusammenhang der Persönlichkeit zu begreifen. 

Hier ist der Punkt, von dem aus der Psychologe am besten Einblick 
gewinnt in die Bedeutung der Forschung Alfred Adlers. Ihm steht 

der einheitliche Zusammenhang der Gesamtpersönlichkeit immer im 
Mittelpunkt der Betrachtung. Für ihn sind Bewußtes und Unbewußtes 

nicht gänzlich wesensverschiedene psychische Gebilde, sondern für ihn 

kommt im Unbewußten nur das klar und eindeutig zum Ausdruck, 
was sich auch im Bewußtsein, wenngleich versteckt, verzerrt und ver- 
fälscht, nachweisen läßt. Daher ist ihm auch die Neurose nicht ein 
plötzlicher Einbruch dunkler Gewalten in die Persönlichkeit, sondern 
sie wächst aus dem Boden einer ganz spezifisch geformten Persönlich- 
keit hervor. Daher ist für Adler die neurotische Disposition wichtiger 
als die Neurose. Sie ist die bleibende Grundlage, die Krankheit hingegen j 
unter Umständen etwas Vorübergehendes. Das Zurückgehen der Krank- * 
heitssymptome an sich stellt daher auch keine eigentliche Heilung dar, \ 
weil der Patient dann noch immer die große Wahrscheinlichkeit einer 
neuen Erkrankung in sich trägt. Wirkliche Heilung liegt nur in der 
Behebung oder bedeutenden Herabsetzung der neurotischen Disposition, 
also in einer Umformung der Persönlichkeit, in einer Wandlung ihrer 
Zielsetzung und ihres Charakters. Beruht somit die Erkenntnis der 
Krankheit auf dem psychologischen Scharfblick des Arztes, so werden 
seine Heilerfolge nicht zuletzt von seinen pädagogischen Fähigkeiten 
abhängen. 

Uns die mannigfaltigen und oft widerspruchsvollen psychischen Le- 
bensäußerungen eines Individuums als die zusammenhängenden Funk- 
tionen einer Persönlichkeit verstehen zu lehren, ist also die Aufgabe, 



182 Die psychologische Bedeutung- der Psychoanalyse 



die Adler sich stellt. Es kann sich dabei nicht darum handeln, diese 
Mannigfaltigkeit materiell auf eine Einheit zu reduzieren. Denn daß 
ein solches Unterfangen scheitern muß, haben wir ja soeben bei der 
Kritik der Freudschen Gedanken gesehen. Das, worauf es Adler an- 
kommt, ist, gewissermaßen den Kristallisationspunkt zu entdecken, 
um den herum das verschiedenartige Material sich gesetzmäßig an- 
ordnet, eine beherrschende Tendenz aufzuzeigen, in deren Dienst der 
psychische Rohstoff verarbeitet wird. 

Diesen Angelpunkt findet Adler im Gefühl der Minderwertigkeit, das 
sich gegenüber den unendlichen Anforderungen der Außenwelt und 

dem kompakten Gefüge der Gesellschaft auch im stärksten Individuum 
geltend machen muß, das aber normalerweise beim Kinde infolge seiner 
natürlichen Schwäche und Ungeübtheit am intensivsten auftreten wird, 

besonders weil ihm die höheren Leistungen und die höhere soziale 
Wertung der Erwachsenen immer als Vergleichspunkt vor Augen stehen. 
Dieses Gefühl der Minderwertigkeit wird von außerordentlicher lebens- 
und entwicklungsfördernder Bedeutung dadurch, daß es nicht passiv 
bleibt, sondern ein energisches Streben nach Kompensation hervorruft. 
Vor allem in seiner „Studie über die Minderwertigkeit von Organen" hat 
Adler zahlreiche Beispiele sowohl aus der ärztlichen Kasuistik als auch 
aus der Lebensgeschichte bedeutender Männer dafür gegeben, wie sich 
auf Grund einer organischen Minderwertigkeit durch das Dazwischen- 
treten dieser beiden seelischen Faktoren überwertige Leistungen ent- 
wickeln, die oft nicht nur für das Individuum, sondern für unsere 
ganze Kultur Bedeutung erlangen. Fälle von Malern mit Sehstörungen, 
von Musikern mit Schäden des Gehörorgans, berühmten Rednern, die 
stottern, sind ja allgemein geläufig, obzwar dieses Material nie syste- 
matisch durchforscht wurde und uns daher nur die besonders krassen 
Fälle zugänglich sind, die auch dem Laien auffallen mochten K Hier 
sehen wir gleich, daß das Kompensationsstreben nicht dabei haltmacht, 
die Wagschalen wieder gleich zu stellen, sondern daß es darüber hinaus 
zu einer Überkompensation drängt. Darin liegt der Grund, daß diese 
psychische Reihe — Minderwertigkeitsgefühl mit darauf folgendem 
Kompensationsstreben — deren positive Seite wir bisher betrachtet ha- 
ben, auch eine sehr gefährliche, mitunter verhängnisvolle Rolle in der 
Entwicklung des Individuums spielt. Je lebhafter das Gefühl der 

1 Den Einfluß dieser Faktoren auf die Entwicklung einiger bedeutender 
Naturforscher habe ich zu zeigen versucht in meiner Besprechung von Ostwalds 
„Große Männer" (Zentralblatt für Psychoanalyse, 1. Band). 



Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse 183 



Minderwertigkeit, desto stürmischer wird das Kompensationsstreben sein. 
Das Individuum wird dann zu Ansprüchen an sich selbst, an seine Um- 
gebung, an das Leben kommen, die durchzusetzen seine Kraft nicht 
ausreicht, ja, die überhaupt über das Maß des menschlich Erreichbaren 
weit hinausgehen. So ist es auf eine Bahn gedrängt, die es einer sicheren 
Niederlage, ja einer fortgesetzten Reihe von Niederlagen entgegenzu- 
führen droht. Hier setzt nun eine rückläufige Bewegung ein. An 
Stelle der „Leitlinien", die mit der Wirklichkeit allzusehr in Konflikt 
geraten, treten andere, sekundäre, die ihr besser entsprechen. Dort, 
wo die direkte Verfolgung eines Ziels eine Niederlage befürchten läßt, 
werden Zwischenglieder eingeschoben — „Sicherungen" — , die es 
gewissermaßen ermöglichen, dem Kampf auszuweichen, ohne doch die 

Kampfstellung aufzugeben. Die Einsicht in dieses Kräftespiel bildet 
den Ariadne-Faden, der uns durch das oft verworrene Gestrüpp der 
Charakterzüge, Phantasien und Wünsche des Individuums, in weiterer 
Linie auch zum Verständnis der hysterischen Symptome, Zwangsgedan- 
ken und Zwangshandlungen des neurotisch Erkrankten führt. Fest- 
zuhalten ist dabei natürlich, daß die konkrete Ausfüllung dieses ab- 
strakten Schemas die allermannigf altigste sein wird, weil hierbei die 
gesamte Veranlagung und die ganze Erfahrungssumme der Persönlich- 
keit einerseits, die Umwelt mit ihren Einflüssen und Beziehungen an- 
dererseits bestimmend sind. Festzuhalten ist ferner, daß das Individuum 
vor erfolgter psychoanalytischer Aufklärung in die von uns dargelegten 
Kräfteverhältnisse keine oder höchstens eine ganz stückweise Einsicht 
besitzt. Sie sind es gerade, die für Adler das entscheidende Unbewußte 
bilden. 

Ein grob gezeichnetes Beispiel möge das Gesagte einigermaßen > er- 
anschaulichen. In einem Kinde von besonders intensivem Minder- 
Wertigkeitsgefühl — durch eine Erziehung, die dem Kinde seine 
Schwäche allzu stark zum Bewußtsein bringt, vor allem aber durch die 
Wirkungen organischer Minderwertigkeiten (Rhachitis, Kinderfehler) 
verursacht — , werden sich kompensatorisch Größenideen entwickeln. 
Es wird immer beachtet werden, wird überall der Erste, der Stärkste, 
der Größte sein, wird alles haben wollen. Weil sich dieses Programm 
in seiner Allgemeinheit nicht durchführen läßt, so mag an seine Stelle 
als sekundäre Leitlinie der Wettkampf mit einer einzelnen Person, 
etwa mit dem Vater, treten. Infolge eines weiteren Zurück weichens kann 
dann auch die Gestalt des Vaters durch eine andere, eine Warteperson, 
einen älteren Bruder, ersetzt werden. Der sekundäre Charakter dieser 



U 



184 Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse 



Leitlinien wird daraus klar, daß auch ihre vollständige Durchsetzung 
nicht zu dauernder Befriedigung und Beruhigung führt. Bei diesen 
Herrschversuchen wird das Kind auf den Widerstand seiner Umgebung 
stoßen. Und hier zeigt sich deutlich, wie eine solche psychische Ent- 
wicklung nicht von vornherein eindeutig bestimmt ist, sondern wie 
demselben Ziel auf scheinbar ganz entgegengesetzte Weise zugestrebt 
werden kann. Auf den Widerstand der Umgebung kann nämlich das 
Kind reagieren mit Trotz oder mit Gehorsam. Zeigt sich im ersten 
Falle der Wunsch, sich seiner Umgebung gegenüber zu behaupten, 
ganz unmittelbar, so wird er sich bei dem geschilderten Kindertypus 
dem feineren Beobachter auch im zweiten Falle verraten. Nur werden 
jetzt die Mittel indirekte sein; das Kind wird seine Schwäche, Hilfs- 
bedürftigkeit, Ungeschicklichkeit besonders betonen und bewahren, um 
auf diesem Umwege die Umgebung doch in seinen Dienst zu zwingen. 

Es bleibt uns aber noch ein Moment darzustellen, das die psychische 
Spannung außerordentlich verschärft und alle Verhältnisse kompliziert. 
Das Kind, das unter dem Druck eines außerordentlichen Minder- 
Wertigkeitsgefühls und des daraus folgenden Kompensationsstrebens 
steht, sucht krampfhaft nach Maßstäben, mit deren Hilfe es seine 
eigenen Leistungen abschätzen und sich anspornen und vorwärtstreiben 
kann. Da wird ihm nun inmitten unserer heutigen Kultur in lausend 
kleinen und großen Beispielen die allgemeine Ansicht von der Minder- 
wertigkeit des Weibes dem Manne gegenüber klar. Bei der Neigung 
solcher Kinder, alles auf die Spitze zu treiben, werden sie diesen Wer- 
tungsunterschied bald ins Unendliche steigern. „Männlich" wird ihnen 
zum Ausdruck alles Starken, Edlen und Wahren, „weiblich" zu einem 
ausschließlich herabsetzenden Prädikat. Gefährlich und folgenschwer 
aber wird diese Wertung erst dadurch, daß sie sich in einer Zeit ent- 
wickelt, wo sich das Kind über die reale Bedeutung der Geschlechts- 
unterschiedc noch nicht im klaren ist, wo es noch nicht begreift, daß 
ihm seine Geschlechtsrolle von der Natur unabänderlich zugewiesen 
ist. Wer zweifeln sollte, daß es eine solche Epoche im Kindesleben gibt, 
den verweisen wir auf die Erfahrungen der Kinderstube und auf manche 
gegenüber Kindern leider beliebte Scherze. Wie sehr kann man mitunter 
einen Knaben damit ängstigen, daß man ihm sagt, man werde ihn in 
Mädchenkleider stecken, davon bekäme er lange Haare und werde dann 
ein Mädchen sein. Aber auch die Kenntnis des Unterschiedes der Geni- 
talien gibt dem Kinde keine entscheidende Sicherheit. Seine Phantasie 
setzt sich darüber, auch hiezu oft durch stupide Scherze der Warteper- 



Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse 185 

sonen veranlaßt, durch die Vorstellung späteren Wachstums einerseits, 
der Kastration andererseits, hinweg. So erfährt die kindliche Unsicher- 
heit an einem entscheidenden Punkte eine verhängnisvolle Steigerung, 
und das Kind reagiert darauf mit dem Wunsche: „Ich will ein Mann 

sein." Das wird jetzt die oberste Leitlinie des Individuums, die sein ganzes 
stürmisches Verlangen, nach oben zu kommen, alle seine Forderungen 
an Natur und Gesellschaft in sich aufnimmt. Wir haben es aber dabei 
nicht mit einem einfachen Formwandel zu tun; sondern das Feld, auf 
dem sich die psychischen Konflikte abspielen, und damit ihre Breite und 
Tiefe, ist außerordentlich erweitert. Die gesamte Sexualität und alle 
menschlichen Beziehungen, die sich auf ihr aufbauen, werden jetzt in 
das Kräftespiel einbezogen. Natürlich wird bei fortschreitender Kehntnis 

der Realität die Formel „Ich will ein Mann sein" nicht in ihrer ur- 
sprünglichen Naivität aufrechterhalten. Aber die sekundären Leitlinien, 
die sich dafür einschieben, können wieder die allerverschiedensten sein. 
Sie haben alle das Gemeinsame, daß sie das Individuum von der nor- 
malen Stellung zur Sexualität und zum Leben überhaupt abdrängen; 
im Hintergründe steht immer ein unrealisierbares Endziel (unrealisier- 
bar auch beim Manne, denn der „Mann", der hier gesucht wird, ist ein 
Übermann, den es in Wirklichkeit nicht gibt), und das macht es unmög- 
lich, sich mit dem Leben abzufinden und, wo es nottut, zu resignieren. 
Die Mannigfaltigkeit der möglichen sekundären Leitlinien soll durch 
einige extreme Fälle dargetan werden. Das Mädchen, das begriffen hat, 
daß es nicht wirklich ein Mann werden kann, wird doch „männlichen 
Protest" gegen seine weibliche Rolle einlegen. Es kann dies nun rein 
negativ tun, indem es die Sexualität überhaupt ablehnt, oder positiv, 
indem es sexuell so frei und ungebunden leben will wie ein Mann. So 
entwickeln sich aus derselben Wurzel Virginitäts- und Kurtisanenideal 1 . 
Ähnlich ist es in der Psychologie des Mannes. Seine Unsicherheil dar- 
über, ob er als Mann werde voll bestehen können, und die Verträglich- 
keit des Gedankens, vielleicht einem Weibe zu unterliegen, kann in ihm 
eine Furcht vor dem Weibe entwickeln, die ihn zur sexuellen Askese 



treibt ; oder er kann sich durch die immer erneute Besiegung des Weibes 
seine Männlichkeit beweisen wollen. So sind auch Don Juan und der 
heilige Aloysius innerlich viel verwandter, als es von außen her scheinen 
mag. 

Für die Theorie der Neurosen hat Adlers Lehre vom männlichen Pro- 

1 Letzterer Zusammenhang zeigt sich besonders deutlich in den Briefen 
der Ninon de Lenclos. 



186 Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse 



test die besondere Bedeutung, daß sie uns die Rolle der Sexualität in 
r seelischen Erkrankung verstehen läßt, ohne deswegen bei der Sexua- 
lität als Ursache stehen zu bleiben. So kann Adler auch den Befunden 
Freuds ihr Recht werden lassen, nur daß sie bei ihm in einen größeren 
Zusammenhang gerückt werden und dadurch eine neue Bedeutung ge- 
winnen. 



Die hier gekennzeichneten Grundlinien können sich natürlich nur in 
ständiger Anwendung auf die konkrete Wirklichkeit bewähren. Ihr Wert 
will darin liegen, daß sie uns den einheitlichen Strom psychischer Kraft 
aufzuspüren lehren, der die vielgestaltige Persönlichkeit durchflutet. 
Und so stellt uns jeder neue Einzelfall, handle es sich nun um einen 
Kranken, handle es sich um das psychologische Erfassen einer Künstler- 
oder Denkerpersönlichkeit, handle es sich um das psychologische Ein- 
dringen in ein Kunstwerk, vor eine neue Aufgabe. Der neuen Seelen- 
kunde, die sich hier anbahnt und für die die Erforschung der Persönlich- 
keit im Vordergrunde steht, soll eben nicht nur das Besondere den Weg 
zum Allgemeinen, sondern auch ebenso das Allgemeine den Weg zum Be- 
sonderen bahnen. Diese lebendige Durchdringung des Konkreten und 
Abstrakten auch in der Darstellung zum Ausdruck gebracht zu haben, 
bildet einen besonderen Reiz von Adlers Buch „Über den nervösen 
Charakter", in dem er die Ergebnisse seiner Forschungen vorläufig ab- 
schließend dargestellt hat. In diesem Werke sehen wir die Grund- 
legung einer weit- und tiefgreifenden Individualpsychologie. 



Rousseau und die Ethik. 

Von Leopold Erwin Wexberg. 

I. 

Es wäre eine ebenso dankbare wie überflüssige Aufgabe, aus Rousseaus 
Leben zu erweisen, daß auch er ein Neurotiker war. Von dieser Seite 
betrachtet, ist er ein „Fall" wie viele andere, und so sehr im allgemeinen 
die Veröffentlichung von Krankengeschichten zu begrüßen ist, so be- 
rechtigt ist andererseits das Widerstreben des wissenschaftlichen Publi- 
kums gegen Analysen hervorragender Menschen, wenn sie eben nichts 

anderes sind als Krankengeschichten. Wo sich aber die Psychologie 
bemüht, das Werk eines Künstlers oder eines Philosophen aus den 
Notwendigkeiten seines Charakters abzuleiten, da begegnet sie sich mit 
der Arbeit der Biographen und Literaturhistoriker. Jede medizinische 

Betrachtungsweise fällt weg, und unterstützt von den psychologischen 
Erfahrungen am Kranken und am Gesunden, wird der Versuch unter- 
nommen, eine charakterologische Deutung des Individuums zu 
geben, die nicht die Möglichkeit, aber die innere Notwendigkeit 
seines Werkes verständlich machen kann. 



Wie ein Symbol für Rousseaus Entwicklung erscheint eine Kinderge- 
schichte, die er im ersten Buche der Confessions erzählt: Er sei einmal 
von seinem Erzieher ungerecht gezüchtigt worden, und das habe einen so 
unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht, daß er seit jener Zeit der 
Fanatiker der Gerechtigkeit geworden sei, als den er sich kenne. Wir 
werden die ursächliche Bedeutung dieses Erlebnisses gewiß nicht über- 
schätzen. Aber die Erzählung zeigt, wie Rousseau selbst, indem er 
einen einzelnen Vorfall als Typus seiner Jugendschicksale heraushebt, 
diese selbst verantwortlich macht für seine ethische Wertung, die zur 
Ethik eines Jahrhunderts geworden ist. 

Ein schwächliches Kind, unter beschränkten Verhältnissen geboren, 
kam er bald aus dem Elternhaus in fremde Hände. Seine Mutter starb 
bei seiner Geburt. Sein Vater leitete seine erste Erziehung gemeinsam 
mit einer Tante. Jean-Jacques genoß viel Zärtlichkeit. 
• Von frühester Jugend an zeigte er den Charakter des nervösen Kindes. 
Statt im Freien zu spielen und zu tollen, saß er schon mit sieben Jahren 
bei Büchern, die für Erwachsene bestimmt waren. Er hebt in den Con- 



188 Rousseau und die Ethik 



fessions sein frühzeitiges Verständnis für das Gefühlsleben der Erwach- 
senen hervor. Manche andere Zeichen der Frühreife zeigten sich, so 
etwa die berühmte Episode aus seinem achten Jahre, als er die Züchti- 
gung von der Hand seiner Erzieherin Mademoiselle Lambercier als 
sexuellen Genuß empfand. Er gehörte zu jener Art schüchterner, allzu 
ruhiger Kinder, die, schwächer als die anderen, rascher als diese alle jene 
Vorsichten und Sicherungen erlernen, die die neurotische Psyche zusam- 
mensetzen, und die deshalb vor der Zeit gereift erscheinen. Daß dieses 
System von Sicherungen, von Schüchternheit, Zurückhaltung und Klug- 
heit auch bei ihm von krankhaftem Ehrgeiz durchbrochen wurde, zeigt 
zum Beispiel die von ihm erzählte Szene, wie er einst mit acht Jahren 
vor vielen Leuten die Geschichte von Mucius Scävola erzählte und dabei 
in solche Begeisterung geriet, daß er die Hand ins Kaminfeuer steckte, 
um es dem Römer gleichzutun. Wir erkennen hier wie in der sexuellen 
Prügelszene dieselbe Einstellung: immer wird er mit dem Schmerz fer- 
tig und erhebt sich über ihn, indem er ihn freiwillig und mit Lust auf 
sich nimmt. Kein Zweifel, daß er viel öfter geschlagen wurde als er 
erzählt. Es ist jener Mechanismus der neurotischen Abwehr, der im 
späteren Leben zu masochistischen Neigungen führen kann. So auch 
bei Rousseau. Er selbst führt seinen späteren Masochismus, der freilich 
wegen seiner Schüchternheit nie das Bereich der Phantasien überschritt, 
auf seine Jugenderlebnisse zurück. Daß aber hier die Methode, den 
Schmerz als Lust zu fühlen, nicht primär als „Perversität 44 , sondern als 
Uberkompensation und neurotische Abfindung mit sich selbst zu fassen 
ist, scheint aus der sekundären Verwendung dieser Reaktion in den 
beiden Jugenderlebnissen hervorzugehen. In der Prügelszene setzte er 
sich durch die sexuelle Umdeutung über die Erniedrigung und über 
den physischen Schmerz hinweg und entzog sich so jeder Strafe, ohne 
daß die Erzieherin es ahnte. Schließlich hatte er den unverhofften Er- 
folg, daß Mademoiselle Lambercier seinen heimlichen Genuß durch- 
schaute und ihn nie mehr schlug. In der Scävolaszene aber wollte er 
durch seine Standhaftigkeit Bewunderung erregen. Der Stolz auf das 
Ertragen von Schmerzen ist ein gemeinsames Merkmal vieler nervöser 
Kinder: er ist sicher eine wesentliche Quelle des späteren Ma- 
sochismus. 

Seit Rousseau einmal in diese Rolle des Märtyrers gedrängt war, hat er 
sie zeitlebens beibehalten. Passivität bis zur völligen Willenslähmung, 
Empfindsamkeit bis zur Sentimentalität treten bis in die Zeit seiner Gei- 
steskrankheit in seinem Charakter am stärksten hervor. In sexuellen 



Rousseau und die Ethik 189 



Dingen war er schüchtern, ohne jede aggressive Energie, immer erfolg- 
los, zeitlebens fast der Masturbation ergeben. Die Angst vor der Frau 
nahm in der Unmöglichkeit seiner Wünsche, in der Unerreichbarkeit 
seiner Liebesobjekte groteske Formen an. Und immer gelang es ihm, 
aus der Not eine Tugend zu machen, die unglückliche Liebe als einzig 
erstrebenswert, die glückliche als leer und enttäuschend zu fühlen. 
Das Verhältnis zu Mademoiselle Lambercier blieb ihm vorbildlich fürs 
ganze Leben; so heißt es in den Confessions: „Lange gequält, ohne zu 
wissen wovon, verzehrte ich schöne Frauen mit glühenden Blicken; 
meine Phantasie rief sie mir unablässig ins Gedächtnis zurück, bloß 
um sie nach meinem Wunsche in Aktion zu setzen und ebensoviele 
Fräulein Lambercier aus ihnen zu machen." Wo es ihm im realen 
Leben nicht gelingt, eine Frau in die überlegene Rolle zu zwingen, da 
vorsagt seine Sinnlichkeit; die sanften, gütigen Frauen will er nie zu 
Geliebten, höchstens zu „Freundinnen" haben. So, als er sich mit 



zwölf Jahren in zwei Mädchen zugleich „verliebte* 1 : die eine entsprach 
dem Typus der Mademoiselle Lambercier, die andere war sanft und 
freundlich wie seine Tante Suson, die bei ihm Mutterstelle vertreten 
hatte; jener galt, wie er erzählt, seine Sinnlichkeit, eine ruhige Zärt- 
lichkeit aber der anderen. Wir werden nicht verkennen, daß dieses 
Erlebnis, wie manches andere aus seiner Kinderzeit, im Sinne des Er- 
wachsenen umgedeutet, daß vieles sexuell gesehen wurde, was es in 
Wahrheit noch nicht war. Sicher ist aber, daß er diesen Schutzbau 
gegen das Weib schon in der Jugend entworfen und beharrlich durch- 
geführt hat. Denn Rousseau hat nie glücklich geliebt. Immer wußte 
er sich davor zu hüten: die Frauen, die ihm gefielen, bekam er nicht, 
und die er haben konnte, begehrte er nicht. 

Die psychoanalytische Schule ist gewohnt, in dem System der neuroti- 
sehen Erotik das Bild der Mutter dominierend vorzufinden. Rousseaus 
Mutter ist bei seiner Geburt gestorben. Und seiner Tante Suson, die bei 
ihm Mutterstelle vertrat, fehlte für die Mutterrolle ein wichtiges 
Moment: die Beziehung zum Vater. Wenn auch Rousseau mit dank- 
barer Zärtlichkeit ihrer gedenkt, so scheint sie doch seinem späteren 
Leben nichts Bleibendes hinterlassen zu haben, außer dem Ideal weicher, 
liebevoller Weiblichkeit, das er aber im Leben kaum suchte. Doch als 
er fünfzehn Jahre alt war, fand er eine Frau, die er sozusagen aus 
eigener Machtvollkommenheit zu seiner Mutter ernannte. Madame de 
Warens, die er „maman" nannte, war Jahre hindurch seine mütterliche 
Freundin und Beschützerin, zu der er in wahrhaft kindlicher Verehrung 



190 Rousseau und die Ethik 



aufsah, an der er mit ängstlicher Unselbständigkeit hing. Als sie sich 
schließlich, wie es scheint aus pädagogischen Gründen, entschloß, seine 
Geliebte zu werden, da gelangte, schon in der Erwartung dieses Ereig- 
nisses, sein ganzes neurotisches System, die Angst vor der Frau zur 
vollen Entfaltung. Er sollte, mit 22 Jahren, zum erstenmal ein Weib 
besitzen. Hatte er Madame de Warens nicht deshalb „maman" ge- 
nannt, sie zum Abgott erhoben, um sich vor ihr als Weib zu schützen? 
Er hatte die Inzestschranke zwischen sich und ihr errichtet, weil er seine 
eigenen Begierden fürchtete. Nun mußte er es doch wagen. Was er 
vor diesem Ereignis fühlte, beschreibt er in folgendem: „ . . . (Ich war) 
erfüllt von einer Art Entsetzen, gemischt mit Ungeduld, das fürch- 
tend, was ich ersehnte, so sehr, daß ich zuweilen allen Ernstes 
nach irgendeinem anständigen Vor wand suchte, um dem verheißenen 
Glück zu entkommen . . . mit einem Wort, ich liebte sie zu sehr, um 
sie zu begehren." Und als es geschehen war: „War ich glücklich? 
Nein, ich genoß bloß die Lust. Irgendeine unüberwindliche Traurig- 
keit vergiftete den Reiz: mir war, als hätte ich einen Inzest 
begangen." 

Rousseau war so zu jenem Schritt gezwungen worden, den er am 
meisten fürchtete. Bisher war es ihm trotz seinem bunten Leben tat- 
sächlich gelungen, der Frau fernzubleiben. Ein Handkuß war das 
Höchste, was er wagte, und er meinte in diesem mehr zu genießen, 
als andere im Besitze des Weibes, Nun war er plötzlich auf den allge- 
meinen Kampfplatz herabgestiegen, es galt ein Mann zu sein, kein Aus- 
weg war möglich. Nach den Erfahrungen der Psychoanalyse muß eine 
solche Konstellation fast mit Sicherheit die Neurose zur Folge haben 
(die „Flucht in die Krankheit"). Tatsachlich schloß sich bei 
Rousseau kurz darauf an eine akute fieberhafte Erkrankung ein 
längeres Leiden an, das nach der Beschreibung der Confessions wenig- 
stens großenteils nervöser Natur war. Ein schweres Krankheitsgefühl 
war wohl das Wesentliche daran. Ist unsere Vermutung richtig, dann 
kann die unbewußte Bestrebung, die dieser Neurose wie jeder anderen 
zugrunde liegen mußte, nur eines gewesen sein: der Protest gegen den 
geschlechtlichen Verkehr mit „maman", der ihn dauernd an sie zu 
ketten drohte und ihn deshalb nicht befriedigte. Der Zweck wurde 
zweifellos erreicht: die Krankheit machte schließlich eine Erholungs- 
reise notwendig, und die längere Trennung führte zu einer Erkaltung 
der Beziehungen zwischen Madame de Warens und ihm, so daß er 
bei seiner Rückkehr einen anderen Liebhaber an seiner Stelle vorfand. 



Rousseau und die Ethik 191 



Er aber war nun gesund. Die Befreiung war ihm gelungen. Kurz 
darauf ging er — im Alter von dreißig Jahren — nach Paris. 

Rousseau hatte bisher kaum einen selbständigen Schritt gewagt. Un- 
fähig, sich selbst eine Stellung im Leben zu erkämpfen, war er immer 
wieder zu „maman" zurückgekehrt, um hier wie im Elternhause zu 
leben, nur auf ihren Befehl zu arbeiten. Literarische Versuche began- 
nen erst in der letzten Zeit vor seiner Abreise nach Paris, als er, von 
seiner Krankheit genesend, im Frieden des Landlebens Muße gefunden 
hatte, seine bisher recht lückenhafte Bildung autodidaktisch zu ver- 
vollständigen. Aber an eine literarische oder wissenschaftliche Zukunft 
dachte er damals noch nicht, und als er nach Paris ging, stützte er sich 
auf nichts als auf seine musikalischen Kenntnisse und auf ein neues 
System der Notenschrift, das er erfunden hatte. Als er damit keinen 
Erfolg erzielte, nahm er eine Stellung als Gesandtschaftssekretär in 
Venedig an. Sein ganzes Auftreten in dieser Zeit zeigt schon viel mehr 
Sicherheit, wenn auch keine Zielbewußtheit. Vielleicht war es das 
Bewußtsein, die größte Gefahr: die Frau — erlebt und, wenn auch 
unter Kämpfen, bestanden zu haben, das ihn so plötzlich erwachsen wer- 
den ließ. Sein sexuelles Verhalten blieb freilich weiter das des schüch- 
ternen, ängstlichen, auf Wahrung seiner selbst bedachten Neurotikers. 
Das spricht recht deutlich aus seinen Erlebnissen mit zwei veneziani- 

wm 

sehen Kurtisanen. Von der einen, die ihn förmlich zwingen mußte, 
sie zu nehmen, brachte er eine jahrelang andauernde Furcht vor Ge- 
schlechtskrankheiteo heim, die natürlich nichts anderes war als eine 
notdürftige Verkleidung der Furcht vor der Frau überhaupt. Die an- 
dere, die ihm gefiel, die er begehrte, erregte plötzlich seinen Abscheu, 
als er bemerkte, daß sie eine eingezogene Brustwarze hatte. Ohne zu 
wissen, was das zu bedeuten hätte, glaubte er darin etwas wie eine Ge- 
fahr, wie einen Makel zu erblicken, der ihm erst erklärlich machte, 
wieso all diese Schönheit für ihn, gerade für ihn, nicht zu gut wäre. 
Er quälte sie so lange damit, bis sie sich ihm versagte. 

% 

Immerhin gelang es ihm, nach seiner Rückkehr nach Paris (i7^4) 
durch eine dauernde Verbindung mit einem Mädchen aus niederen 
Ständen, Therese Levasseur, sein sexuelles Leben in ruhige Bahnen 
zu lenken. Er liebte sie nie, aber blieb ihr immer treu. Durch dieses 
eine, vom erotischen Standpunkt aus ungefährliche Weib hielt er sich von 
nun ab alle anderen Frauen vom Leibe. Es ist bekannt, daß Rousseau 
die vier Kinder, die ihm Therese gebar, ins Findelhaus gab, offenbar, 



192 Rousseau und die Ethik 



um sich vor der Gefahr des Familienlebens, der Verantwortung und 
des Sorgens für so viele Menschen zu schützen. 

Erst im Alter von 37 Jahren fand Rousseau seinen eigentlichen Beruf. 
17/49 verfaßte er die berühmte Preisschrift über das Thema: „Hat der 
Fortschritt der Wissenschaften und Künste zur Verderbnis oder zur 
Läuterung der Sitten beigetragen?" Mit der paradoxen Beantwortung 
dieser Frage, die bekanntlich in einer leidenschaftlichen Verdammung 
aller Kultur gipfelte, war Rousseaus Kampfeinstellung für alle Zeit 
und nicht nur für seine Rolle als Philosoph — gegeben. Er hatte 
eine Basis gefunden, von wo aus er für sein ganzes bisheriges Leben 
Rache nehmen und in eben der Gesellschaft, die er verurteilte, zur 
Geltung kommen konnte. Erst der Erfolg seiner Schrift ermutigte 
ihn, seine Grundsätze ins wirkliche Leben zu Übertrafiren. Von jetzt an 
wies er jede Möglichkeit, zu Reichtum und Ansehen zu gelangen, von 
sich. Er war wie ein trotziges Kind, das ganz auf sein Essen verzich- 
tet, weil man ihm bei Tisch nicht alle seine Wünsche gewähren will. 
Er lebte von dem Ertrag des Notenschreibens, kleidete sich armselig, 
ließ sich den Bart wachsen — kurz, er spielte den Wilden, den Natur- 
menschen inmitten der Pariser Gesellschaft, um gegen sie zu protestie- 
ren. Er wußte nur zu gut, daß er gerade dadurch zur gesellschaftlichen 
Sensation wurde, er ließ es sich gefallen, als Sonderling halb verlacht, 
halb bewundert, immer aber besprochen zu werden 1 . Er wurde der 
Liebling der Salons, die er haßte. Kein Zweifel, daß ihm an dem 
Effekt seines Auftretens mehr gelegen war als er je zugegeben hätte. 
„Ich gab mich zynisch und beißend aus Scham; ich tat, als verachtete 
ich die Höflichkeit, zu der ich nicht fähig war. Allerdings nahm 
diese Grobheit, entsprechend meinen neuen Prinzipien, in meiner Seele 

1 „Sie sagen, daß ich niemand gleichgültig bin. Um so besser! Ich kann die 
Lauen nicht leiden und will lieber von tausend auf das äußerste gehaßt und von 
einem ebenso geliebt werden. Wer sich um mich nicht ereifert, ist meiner nicht 
wert . . ." (Aus einem Brief an Frau von La Tour-Franqueville, zitiert nach 
Möbius. J. J. Rousseau, 3. Aufl., Leipzig 1911.) 

„Ich gestehe, daß der Name, den mir meine Schriften erworben haben, mir 
die Ausführung meines Vorhabens sehr erleichtert hat. Man muß für einen guten 
Autor gehalten werden, um sich ungestraft zu einem schlechten Kopisten machen 
zu dürfen und doch als solcher der Arbeit nicht zu ermangeln. Ohne jenen 
Titel würde man diesen vielleicht zu ernsthaft genommen haben, und das 
hätte mich elend machen können. Denn der Lächerlichkeit will 
ich gern Trotz bieten, die Geringschätzung aber würde 
ich nicht so leicht ertrage n." (Aus dem 2. Brief an Herrn von 
Malesherbes vom 12. 1.1762. Zitiert nach Möbius.) 






Rousseau und die Ethik 193 



eine edle Gestalt an, gab sich für die Furchtlosigkeit der Jugend aus; 
• . . dennoch ... ist es sicher, daß Freunde und Bekannte diesen wilden 
Bären wie ein Lamm lenkten, und daß ich, indem ich meine Sarkas- 
men auf harte, aber allgemeine Wahrheiten beschränkte, keinem Men- 
schen jemals ein beleidigendes Wort zu sagen vermochte." 

Man sieht, er war nicht ganz befriedigt von seiner Haltung: er fühlte 
sich nicht stark und sicher genug, um die Rolle, die er gewählt hatte, 
bis in die letzten Konsequenzen durchzuführen. Immer wieder sieht 
er sich gezwungen, auf der Linie des größten Widerstandes zurückzu- 
weichen. Daß die Prinzipientreue darunter litt, scheint selbstverständ- 
lich; aber ebenso, daß sie ihm oft auch als Deckung für den Rückzug 
gelten konnte. Als sein Singspiel: „Le devin de villago" (Der Dorf- 
prophet) in Versailles vor dem Hofe mit großem Erfolge aufgeführt 
wurde, saß er in seiner gewöhnlichen Tracht, mit einem wilden Bart, 
in abgenutzten Kleidern, inmitten der höchsten Pariser Gesellschaft. Das 
wagte er noch, gestützt auf seine Prinzipien. Als er aber am nächsten 
Tage zur Audienz befohlen wurde, um vom König eine lebenslängliche 
Rente zu empfangen, brach seine krankhafte Schüchternheit durch: 

unter der Angst, daß sein altes Leiden, eine Blasenschwäche, ihn vor 

dem König in eine unerträgliche Situation bringen könnte, verbarg sich 
das Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber dem Monarchen. Er konnte 
es nicht ertragen, von einem König eine Gnade zu empfangen. Zwang- 
haft mußte er sich mit jenem messen, und weil er keine Möglichkeit 
sah, über dem König zu stehen, wich er ihm aus. Er erschien 
nicht zur Audienz und verzichtete damit auf die Rente. Mit einiger 
Mühe redete er sich ein, daß wieder seine republikanischen Prinzipien 
gesiegt hätten. So kämpfte er mit zwei Fronten: die eine, die der 
Welt zugekehrt war, durfte nichts als unbeirrte Konsequenz im Dienste 
seiner ethischen Grundsätze verraten ; die andere aber, die er nur selbst 
kannte, war die Linie seiner allerpersönlichsten Notwendigkeiten, seines 
Geltungsdranges und seiner Selbstschätzung. Was in der einen Front 
ein Sieg, war oft in der anderen eine Niederlage. Diese Taktik hatte den 
Vorteil, seine persönlichen Konflikte ganz den Augen der Welt zu ent- 
ziehen. Aber sie wurden darum nicht geringer. — In dieser Zeit, da 
er unter den stärksten Kontrasten von Stolz und Feigheit, von Eitelkeit 
und Selbstverachtung, von Bewunderung und Lächerlichkeit einen Ent- 
wicklungsprozeß durchmachte, der in unerbittlicher Konsequenz die 
Konflikte seines bisherigen Lebens ins Große steigerte, einer Lösung zu- 
führen wollte, die unmöglich war — in dieser Zeit traten die ersten Vor- 

J3 



194 Rousseau und die Ethik 



boten der Geisteskrankheit auf. Unberechtigte Forderungen und Vor- 
würfe gegen Freunde waren der Anfang. Diderots Verrat an seiner 
Freundschaft wurde von ihm als willkommener Anlaß benutzt, die neue 
Rolle der verfolgten Tugend aufzunehmen. Von der Höhe seines Selbst- 
bewußtseins gefiel er sich in der Vorstellung, daß er Feinde habe. Ganz 
unmerklich ging er vom Angriff in die Verteidigung über. Unfähig, 
auf die Dauer die Maske des öffentlichen Anklägers und Sittenrichters 
durchzuführen, die ihm wirklich Feinde machte, unfähig, auf der 
Basis seiner Prinzipien mit jener Sicherheit auszuharren, die ihm, un- 
abhängig vom persönlichen Erfolg oder Mißerfolg, den Ruf eines 
starken Mannes, eines Helden im Kampfe für seine Überzeugung ver- 
schaffen sollte, unfähig, die Lächerlichkeit zu ertragen, die seine eigenen 
Zweifel erweckte — trat er den Rückzug an. Und wie eine Flut von 
Verwünschungen gegen den siegreichen Feind erscheinen nun seine 
Anklagen, die allmählich immer persönlicher, immer unphilosophischer 
wurden 1 . Während er in unermüdlicher Arbeit die genialen Werke 
schuf, die einem Jahrhundert zum Wahrzeichen wurden, während er am 
Emile arbeitete, diesem ersten großartigen Versuch einer Pädagogik auf 
psychologischer Grundlage — kämpfte er in seinem persönlichen Leben 
gegen selbstgeschaffene Widersacher, erfand Feindseligkeiten, wo er 
keine fand, und ergriff schließlich die Flucht vor der großstädtischen 
Gesellschaft 2 . Er bezog sein Asyl, die Ermitage, die ihm von einer 

1 „Ich hasse die Großen, ich hasse ihren Stand, ihre Vorurteile, ihre Klein- 
heit und alle ihre Laster; ich würde sie noch mehr hassen, wenn ich sie 
weniger mißachtete". (Aus dem 4. Brief an Malesherbes, 28. I. 1762. Zitiert 
nach M ö b i u s.) 

2 „Ja, mein Herr, obgleich ich die Ungerechtigkeit und die Schlechtigkeit 
im höchsten Grade hasse, trotzdem würde diese Empfindlichkeit allein mich 
nicht dazu gebracht haben, die menschliche Gesellschaft zu fliehen, wenn 
mich dies ein großes Opfer gekostet hätte. Mein Beweggrund ist weniger 
edel . . . Ich habe die Neigung zur Einsamkeit mit auf die Welt gebracht, 
und sie ist in dem Grade gewachsen, wie ich die Menschen besser kennen 
gelernt habe. Ich finde meine Rechnung eher bei den Wesen, die meine 
Einbildungskraft um mich versammelt, als bei denen, die ich in der Wirklichkeit 

treffe, und die Gesellschaft, deren Kosten in meiner Stille die Phantasie bestreitet, 
verleidet mir die gänzlich, die ich verlassen habe. Sie halten mich für unglück- 
lich, für verzehrt vom Trübsinn. Oh, wie sehr, mein Herr, täuschen Sie sich. 
In Paris war ich es, in Paris vergiftete mir die Galle das Blut, und diese 

gallige Bitterkeit macht sich nur zu sehr in allen Schriften bemerklich, die 
ich dort veröffentlicht habe." (Aus dem 1. Brief an Malesherbes vom 4. I. 1762. 
Zitiert nach Möbius.) 



Rousseau und die Ethik 195 



reichen Freundin eingeräumt wurde. Es war das beste, was er tun 
konnte. Nur durch die Vermeidung jeder näheren Berührung mit der 
Gesellschaft konnte er die wachsende Überempfindlichkeit vor krank- 
machenden Erlebnissen bewahren. Er war nun auf der Suche nach 
Erniedrigungen und Beleidigungen, um ohnmächtig gegen sie zu prote- 
stieren. Die Feinde wuchsen ihm aus dem Boden, wo immer er hin- 
sah. Er allein war tugendhaft und unschuldig, alle anderen hatten es 
auf nichts als Treubruch und Grausamkeit abgesehen. Und schon war 
auch ein Komplott zurechtphantasiert, eine Verbindung von ehemaligen 
Freunden, Neidern und Heuchlern, die sich seinen Untergang zum 
Lebenszweck gemacht hätten. Und dieses Komplott wurde immer 
größer, bald war die Regierung daran beteiligt, die zum Unglück den 
Emile unter Zensurverbot stellte. Wie ein letzter freundlicher Augen- 
blick ist ihm die Phantasie einer glücklichen Liebe, die er im ersten 
Teil seiner Nouvelle Heloise mit der überschwenglichen Empfindsam- 
keit eines, der im Leben zu kurz gekommen ist, zum Kunstwerk ge- 
staltet 1 . Und unter dem Einfluß seiner eigenen Phantasie verliebt er 
sich wirklich — zum ersten und einzigen Male, wie er sagt. Madame 
de Houdetot sprach gern mit ihm, ließ sich die Schwärmerei des be- 
rühmten Philosophen gefallen, aber sie konnte ihm nichts gewähren. 
Rousseau mußte von der Aussichtslosigkeit seiner Liebe von Anfang an 
überzeugt sein. Das war aber auch der Grund, warum er sich in dieses 
Abenteuer einließ. Nichts hätte ihn mehr überraschen, mehr erschrecken 
können, als ein Erfolg seiner Werbungen. Er blieb ihm erspart. Aber 
der Skandal, den er durch seine unkluge, fast öffentliche Schwärmerei 
hervorrief, gab seinen Verfolgungsideen von neuem etwas wie eine reale 
Basis. Er mußte die Ermitage verlassen. Nachdem er vier Jahre als 
Gast des Marschalls von Luxemburg in Montmorency ein Leben voll 
Unruhe und Unzufriedenheit geführt hatte, mußte er einem Auswei- 
sungsbefehle Folge leisten, den er einer unzarten Anspielung auf eine 
einflußreiche Persönlichkeit in einem seiner Werke zu verdanken hatte. 
Im Jahre 1762, 5o Jahre alt, verließ er Frankreich, und nun begann 
ein ruheloses Wanderleben, das ihn zuerst in verschiedene Orte der 
Schweiz, dann nach England führte. Hier kam die Geisteskrankheit 

1 „Ich versammelte um mich alles, was mein Herz erfreuen konnte. Meine 
Wünsche waren das Maß meiner Lust. Nein, kein Wollüstling hat jemals 
gleiche Wonnen geschmeckt. Hundertmal mehr habe ich in meinen Einbildun- 
gen genossen, als jener in Wirklichkeit." (Aus dem 3. Brief an Malesherbes 
vom 26. I. 1762. Zitiert nach Möbius.) 

13. 



• 



196 Rousseau und die Ethik 



offen zum Ausbruch. Die Wahnidee von der geheimen Verschwörung 
war ihm in die Fremde gefolgt, in England nahm sie riesige Dimen- 
sionen an. Nun glaubte er fest an eine Vereinigung aller seiner Feinde in 
Europa, die es sich zum Ziel gesetzt hätte, ihn nirgends zur Ruhe kom- 
men zu lassen. Er stieß seine besten Freunde von sich, indem er sie der 
Teilnahme an der Verschwörung bezichtigte. Er wollte offenbar allein 
gegen eine Welt von Feinden stehen, die bedrängte Tugend inmitten aller 
Laster. Und je zahlreicher seine vermeintlichen Gegner wurden, desto 
höher wnichs er selbst in seinen Augen. Als er endlich vor seinen an- 
geblichen Verfolgern aus England flüchten wollte, da gab er in einem 
Anfall völliger Verwirrung seinen Feinden die Schuld an den Stürmen, 
die seine Abreise verzögerten. Schließlich kehrte er nach Frankreich 
zurück. Es ist unnötig, seine weiteren Schicksale zu verfolgen. Sie 
standen alle unter dem Zeichen seines Verfolgungswahnsinnes, der nach 

• - 

der erregten Phase in England allmählich in einem fixen, unerschütter- 
lichen System erstarrte. Er schrieb Verteidigungsschriften, wie die 
Confessions, deren erste Hälfte schon in England entstand. Sie sind 
ein Dokument seiner unerschütterten geistigen Fähigkeiten, die durch die 
Erfordernisse seines Wahns nur in einem engen Kreise beeinträchtigt 
wurden. Bis zu welchem Grade aber die geistige Störung gedieh, geht 
aus einer späteren Verteidigungsschrift hervor, die „Rousseau juge de 
Jean- Jacques" betitelt ist und zum Beispiel folgende Sätze enthält 
(zitiert nach Brockerhoff, J. J. Rousseau, sein Leben und seine 
Werke. Leipzig, i863): 

„Sobald er sich irgendwo niederläßt, was man immer im voraus weiß, 
werden die Mauern, die Fußböden, die Schlösser, kurz, alles um ihn 
her in passender Weise eingerichtet. Auch vergißt man nicht, ihm 
geeignete Nachbarn zu geben, das heißt schlaue Spione, gewandte Schur- 
ken und gefällige Mädchen, die man genau instruiert hat. Natürlich 
werden alle seine Briefe geöffnet und diejenigen zurückgehalten, aus 
welchen er einen Aufschluß über seine Lage gewinnen könnte. Dagegen 
läßt man ihm beständig andere von verschiedener Hand zugehen, um 
aus seinen Antworten seine Stimmungen und Absichten zu erfahren. Man 
hat es so verstanden, ihm aus Paris eine Einöde zu machen, die schreck- 
licher ist als Höhlen und Wälder. Er findet mitten unter den Menschen 
weder Umgang noch Trost, weder Rat noch Aufklärung, noch irgend 
etwas, was ihm helfen könnte, sich in angemessener Weise zu erhalten. 
Es ist ein ungeheueres Labyrinth, in dem man ihn in der Finsternis 
nur falsche Wege entdecken läßt, die ihn immer weiter in die 



Rousseau und die Ethik 197 



Irre führen 1 . Niemand spricht ihn an, der nicht über das, was er 
ihm sagen, wie über den Ton, den er gegen ihn anschlagen soll, genaue 
Weisung erhalten hat. Man notiert sich alle, die ihn zu sehen wünschen, 
und gestattet es ihnen erst, nachdem sie über ihn gehörig instruiert 
worden sind. Wenn er an einem öffentlichen Orte erscheint, wird er wie 
ein mit der Pest Behafteter angesehen und behandelt. Alle Welt um- 
ringt und fixiert ihn, aber so, daß man sich von ihm fernhält und, ohne 
mit ihm zu sprechen, bloß um ihm als Barriere zu dienen. Wagt er 
es, selbst zu sprechen, und läßt man sich herbei, ihm zu antworten, 
so geschieht es entweder mit einer Lüge oder man umgeht seine Frage 
mit einem so harten und verächtlichen Ton, daß ihm die Lust vergeht, 
deren noch weitere zu stellen. Im Theater bemüht man sich eifrig, 
ihn seiner Umgebung zu empfehlen und stets eine Wache oder einen 
Polizisten neben ihn zu stellen, der so sehr deutlich von ihm spricht, 
ohne etwas zu sagen. Man hat ihn überall und jedermann gezeigt und 
signalisiert, den Kommis, den Packträgern, den Polizeispionen, den 
Savoyarden, in allen Theatern, allen Cafes, den Barbieren, den Kaufleu- 
ten, den Kolporteuren, den Buchhändlern. Wenn er ein Buch, einen 
Kalender, einen Roman suchte, in ganz Paris würde keiner zu finden 
sein; das bloße Verlangen nach einer Sache ist, wenn er es ausspricht, 
das unfehlbarste Mittel, sie für ihn verschwinden zu machen . . . Will 
er über den Fluß, so wird man für ihn nicht übersetzen, auch wenn er 
die ganze Fähre bezahlt. Wünscht er sich des Schmutzes zu entledigen, 
die Schuhputzer werden ihm verächtlich ihre Dienste verweigern. Tritt 
er in die Tuilerien oder ins Luxemburg, so haben die Leute, die an der 
Türe gedruckte Billette verleihen, Befehl, ihn mit beleidigender Miene zu 
übergehen, oder sie ihm rundweg abzuschlagen, wenn er sich nähert, 
um sie in Empfang zu nehmen." 

In tiefster Einsamkeit, kaum berührt von dem Ruhm, der seine Per- 
sönlichkeit und sein Wirken umgab, starb er im Jahre 1778, elf Jahre 
vor dem Ausbruch der französischen Revolution. 



II. 

So war Rousseau. Ein verworrener Charakter, der, aus lauter ver- 

ständlichen Zügen zusammengesetzt, nur durch das Extreme in den 

1 Von mir hervorgehoben. Man beachte, wie sich hier ein dunkles Bewußt- 
sein des Wahnsinns in zweideutiger Form durchsetzt, doch nur, um auch 
für den Wahnsinn die Umwelt verantwortlich und schuldig erscheinen zu 
lassen. ■ 



198 Rousseau und die Ethik 



wohlbekannten Elementen fremdartig wirkt. Aber wir verstehen seine 
Schwäche im Verhältnis zur Welt. Wir verstehen, wie er, mehr und 
| mehr unfähig zum sozialen Leben, die Realität verneinen und eine 
\ Phantasie an ihre Stelle setzen mußte; und wie schließlich diese Phan- 
tasie in dem Maße, als sich der Riß zwischen ihm und der Welt ver- 
tiefte, völlig überwucherte und zur Psychose führte. Er hätte die Men- 
sehen ertragen, wenn sie ihn geliebt und verzogen hätten wie eine Mutter; 
er hätte sie ertragen, wenn sie ihn zum Herrn über sich gesetzt hätten. 
Da ihm keines von beiden beschieden war, wollte er von ihnen gehaßt 
und verfolgt sein, und er machte sie zu seinen Feinden. 

Aus denselben Quellen aber stammt Rousseaus Unsterbliches. Seine 
Ethik hat eine geträumte Welt zur Voraussetzung, in der alles nach 
seinem Wohlgefallen eingerichtet ist. „Ich schuf mir Wesen nach 
meinem Herzen und, indem ich Meinungen, Vorurteile und törichte 
Leidenschaften weithin verbannte, führte ich in die stille Zuflucht der 
Natur ihrer würdige Menschen. Ich bildete aus ihnen eine reizende 
Gesellschaft, deren ich mich nicht unwert fühlte, und formte mir ein 
goldenes Zeitalter nach meiner Phantasie." (Aus dem 3. Brief an 
Malesherbes.) Aber dieser Traum war eine polemische Schöpfung, 
er diente der Ablehnung, der Verurteilung des Bestehenden. Er erin- 
nert in mehr als einer Hinsicht an die utopischen Romane sozialistischer 
Schriftsteller, nur daß diese das kommende, immerhin mögliche Glück 
schildern, Rousseau aber das verlorene Paradies. Kein Wunder, wenn er 
mit der wissenschaftlichen Forschung in Widerspruch gerät. Doch 
was ist ihm die Wissenschaft? Auch nur ein Produkt der verderblichen 
Kultur, die unserer natürlichen Glückseligkeit ein Ende gesetzt hat. 

Rousseau geht von einer Voraussetzung aus, die ihm alle Folgerungen 
seiner Ethik wesentlich erleichtert: der Mensch ist von Natur aus gut. 
„Man sagt uns, daß das Gewissen das Werk der Vorurteile sei ; und doch 
weiß ich aus Erfahrung, daß es hartnäckig dem Gebot der Natur folgt, 
gegen alle Gesetze der Menschen." Er versucht keine Begründung, 
sein Gefühl ist ihm gienügende Sicherheit dafür, wie auch für die Ent- 
scheidung der Vorfrage nach der Existenz eines freien Willens. „Ich 
will meinen Arm bewegen, und ich bewege ihn, ohne daß diese Be- 
wegung eine andere unmittelbare Ursache hätte als meinen Willen. Ver- 
geblich würde man durch vernunftgemäße Auseinandersetzungen dieses 
Gefühl in mir zerstören wollen, es ist stärker als jede Augenscheinlich- 
keit; ebensogut könnte man mir beweisen, daß ich nicht existiere." 
Man sieht, Rousseau begibt sich hier auf den rein phänomenologischen, 



Rousseau und die Ethik 199 



das heißt also psychologischen Standpunkt, der ihm für die Frage des 
freien Willens auch durchaus recht geben muß. Doch er verläßt diese 
Basis sofort, wenn er im Sinne seiner Tendenz etwas beweisen will: 
„Indem ich über die Natur des Menschen nachdachte, glaubte ich darin 
zwei verschiedene Prinzipe zu finden; das eine erhob ihn zur Beschäfti- 



gung mit den ewigen Wahrheiten, zur Liebe der Gerechtigkeit und der 
edlen Sittlichkeit . . . ; das andere aber führte ihn niedrig auf sich selbst 
zurück, unterwarf ihn der Herrschaft der Sinne, den Leidenschaften, 
die die Diener der Sinne sind, und bekämpfte durch sie alles, was ihm 
das Gefühl des ersten Prinzips eingab." Hier bewegt sich Rousseau 
ganz auf den herkömmlichen Bahnen der christlichen Ethik. Das gute 
und das böse Prinzip im Menschen, Gott und der Teufel, Seele und 
Körper — wir kennen und verstehen diese Antithesen 1 . Die „Leiden- 
schaften" sind für Rousseau der Inbegriff alles Aktiven, Vordringenden, 
Angreifenden im Menschen. Aus Angst, sich zu verlieren, dämmt er sie 
ein, aus dem Gefühl der Schwäche kommt ihm die Vorsicht, die ihn 
vor den Leidenschaften warnt 2 . Nietzsche hat diesen Zusammenhang 
erkannt. Der Schwache nennt alles Starke „böse", weil er selbst nicht 
dazu fähig ist und weil er selbst darunter leidet. Es mag sein, daß diese 
Ableitung der unendlichen Bedeutung und Tiefe der christlichen Ethik 



1 Es ist hier nicht der Platz, der Psychologie der Ethik im allgemeinen 
nachzugehen. Ich verweise auf die Arbeit Dr. Karl Furtmüllers : „Psycho- 
analyse und Ethik", München 1912, dessen Auffassung meinem Standpunkte sehr 
nahe steht. 

1 „Woher stammt die Schwäche des Menschen? Von der Ungleichheit, 
die zwischen seiner Kraft und seinen Wünschen besteht. Unsere Leidenschaften 
machen uns schwach, denn ihre Befriedigung würde mehr Kräfte erfordern 
als die Natur uns gab. Vermindert also die Begierden, und es ist dasselbe, als 
ob ihr die Kräfte vermehrtet: wer mehr vermag, als er begehrt, hat einen 
Oberschuß; er ist sicher ein sehr mächtiges Wesen." 

„Was die Natur uns verbietet, ist: innere Neigungen weiter auszudehnen 
als unsere Kräfte. Was die Vernunft uns verbietet, ist: zu wollen, was wir 
nicht erreichen können. Was uns das Gewissen verbietet, ist nicht, sich in 
Versuchung führen zu lassen, sondern den Versuchungen zu unterliegen. 
Es hängt nicht von uns ab, Leidenschaften zu haben oder nicht, aber es liegt 
in unserer Macht, über sie zu herrschen. Alle Gefühle, die wir beherrschen, sind 

erlaubt, alle, die uns beherrschen, sind sündhaft. Ein Mensch ist nicht 
sündig, weil er eines andern Frau liebt, wenn er diese unglückselige Leiden- 
schaft dem Gesetze der Pflicht unterworfen hält; er ist sündig durch die 

Liebe zur eigenen Frau, wenn er seiner Liebe alles zu opfern bereit ist." 
(Rousseau, Emile.) 



200 Rousseau und die Ethik 



nicht gerecht wird: für Rousseau ist sie von maßgebender Wichtigkeit. 
Ihm ist die sittliche Natur des Menschen eine Stütze, eine Basis, von der 
aus er die Überlegenheit seiner Umwelt fiktiv in ihr Gegenteil verkehren 
kann. Und für seine Person bedeutet das moralische Gesetz die Leit- 
linie der Vorsicht, die ihm verbietet, irgend etwas aufs Spiel zu setzen. 
Er fühlt sich schwach und hütet seinen Besitzstand mit doppelter Wach- 
samkeit. Die „Leidenschaften" sind für ihn, was der kostspielige 
Lebensgenuß für den Geizhals ist: er vergönnt sich sie nicht. Jeder 
Neurotiker führt strenge energetische Rechnung im psychischen Haus- 
halt. Ihm erscheint jede Triebbefriedigung als Encrgieverlust, er ver- 
meidet sie wie eine unnütze Ausgabe und erlaubt sie sich nur dann, 
wenn sie einem höheren Zweck dient: einer Tendenz. Auch darin 
gleicht er dem vorsichtigen Kapitalisten, der jede Ausgabe mit reichen 
Zinsen wieder zurückzubekommen hofft. 

Aber diese Schwäche bedarf der Rechtfertigung. Irgendwie muß die 
Schwäche zur Stärke gemacht, der Nachteil in Vorteil umgerechnet wer- 
den. Die christliche Ethik hat den Ausweg gefunden: „Mein Reich 
ist nicht von dieser Welt." Das ist die Lösung: die andere Welt ist 
das Negativ der Realität. Die hier die letzten sind, dort werden sie die 
ersten sein. Und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöhet werden. 
Das christliche Paradoxon ist auch Rousseaus Gedanke. Aus der Tat- 
sache, daß er willkürlich den Arm bewegen könne, schloß er die Frei- 
heit des Willens. Die wahre Freiheit aber, die Freiheit des anderen 
Reiches, ist ihm die Inaktivität, gleichsam der Entschluß, den Arm 
nicht zu bewegen. „Ich bin aktiv, wenn ich meiner Vernunft Gehör 
schenke, passiv, wenn meine Leidenschaften mich mit sich fortreißen." 
Und: „Ich bin ein Sklave durch meine Laster, frei durch meine Reue." 



• • 



„Ach! Allzusehr fühle ich es durch meine Laster: der Mensch 
lebt nur zur Hälfte während seines Lebens, und das Leben der Seele 
beginnt erst beim Tode des Körpers." 

Das ist Christentum. Soweit wußte Rosseau diesen Ideen nichts 
Neues hinzuzufügen. Unermüdlich ist er aber in den Versuchen, die 
Ethik aus der natürlichen Anlage des Menschen abzuleiten. Jede an- 
dere Möglichkeit scheint ihm absurd: „Wenn die sittliche Güte un- 
serer Natur angemessen ist, kann der Mensch nur insoweit geistig ge- 
sund und normal veranlagt sein, als er gut ist. Ist sie es aber nicht, 
und ist der Mensch von Natur aus böse, dann wäre das Gegenteil Ent- 
artung und die Güte bei ihm nur ein widernatürliches Laster. Geschaf- 
fen, um seinesgleichen zu schaden, wie ein Wolf um seine Beute zu 



Rousseau und die Ethik 




erwürgen, wäre ein sittlicher Mensch ebenso verderbt wie ein mitleidiger 
Wolf, und die Tugend allein würde uns Reue verursachen." Man weiß, 
daß Nietzsche diese zweite Möglichkeit nicht absurd gefunden, daß 
er sie zur Grundlage einer Antimoral gemacht hat. Für Rousseau und 
seine Zeit mag diese Art der Dialektik viel Bestechendes gehabt haben. 

Es mag wundernehmen, daß Rousseau nicht den Versuch machte, aus 
der sozialen Entwicklung der Menschheit die Entstehung und selbst 
die Notwendigkeit der Moral abzuleiten. Hier aber liegt das Charakte- 
ristische seiner Anschauungen: Rousseau war ein Feind der Sozialität. 
Er haßte alle Zivilisation *, ihre Grundlagen wie ihre Ergebnisse. Darum 
mußte er für diese zwangloseste, verständlichste Deduktion des morali- 
schen Gesetzes blind sein 2 . Aus seiner Persönlichkeit ist diese Eigenart 
seiner philosophischen Anschauungen leicht zu verstehen. „Gesellschaft* 4 
ist ihm die Masse von fremden, unzuverlässigen Menschen, die ihm das 
Leben in Paris verleidet haben; diese Unzahl überlegener Konkurrenten, 
denen er nur dann nicht unterlag, wenn er sich dem Kampf entzog, 
diesem Heer von Feinden, gegen ihn Verschworenen, die er in der 
Psychose auf seinen Fersen fühlte. Sie waren stärker als er: darum 
waren sie das böse Prinzip. Und das ist diese, anscheinend so unwesent- 
liche, Modifikation der christlichen Lehre, die er in seinem Leben und 
in seinen Werken so leidenschaftlich vertrat. Natur, Freiheit und Sitt- 
lichkeil ist ihm eins, Gesellschaft, Sklaverei und Unsittlichkeit das an- 
dere. Das war Rousseaus ethischer Fund, der neue Gedanke, der ihm 
aus den Leiden seines Erlebens als Trost und Rache erwuchs. 

Rousseaus Philosophie ist für uns zur Historie geworden. Sie hat 
ihre Bestimmung vor mehr als hundert Jahren erfüllt. Wie ein zu- 

1 „Je mehr sie (die Nationen) der Natur nahestehen, desto mehr herrscht die 
Güte in ihrem Charakter; erst wenn sie sich in den Städten einschließen, 
wenn sie sich unter dem Einfluß der Kultur verändern, werden sie verdorben, 
dann erst verwandeln sich einzelne Fehler, die mehr plump als bösartig waren, 
in angenehme und verderbliche Laster." 

„Wie wenigen Übeln ist doch der Mensch ausgesetzt, der in seiner ur- 
sprünglichen Einfachheit lebt! Er lebt fast ohne Krankheiten wie ohne Leiden- 
schaften, er sieht den Tod nicht voraus, und fühlt ihn nicht, wenn er kommt, 
dann machen ihn ihm seine Leiden wünschenswert: von da an ist der Tod 
kein Übel mehr für ihn." 

2 „Das Gewissen ist ängstlich, es liebt die Zurückgezogenheit und den 
Frieden; die Welt und der Lärm erschrecken es; die Vorurteile, aus denen 
es angeblich hervorgegangen sein soll, sind seine grausamsten Feinde; es flieht 
oder schweigt vor ihnen; ihre lärmende Stimme erstickt die des Gewissens 
und hindert es, sich Gehör zu verschaffen." (Emil e.) 



202 Rousseau und die Ethik 



fälliges Nebenprodukt seines Werkes erscheint dem Biographen das, was 
heute und für alle Zeiten Wert behalten wird: Rousseaus Pädagogik. 

Ich halto mich nicht für berufen, ihre Bedeutung für unsere Zeit zu 

würdigen, sie auf ihren praktischen Wert zu prüfen. Ich möchte nur 

an einzelnen Beispielen dartun, wie Rousseau seine Erziehungslehre auf 

psychologischen Voraussetzungen aufbaut, die sich überraschend mit 

neuesten Erkenntnissen begegnen. 

Im Beginn des 4. Buches des Emile finden sich psychologische Er- 
örterungen, die, obwohl oder vielleicht eben weil sie tendenziös gemeint 
sind, durch die scharfsinnige Problemstellung überraschen. Rousseau 
unterscheidet eine Liebe zu sich selbst (amour de soi) und eine Selbst- 
sucht (amour-propre). Die eine ist berechtigt, die andere nicht: „Die 
Liebe zu sich selbst, die bloß uns allein betrifft, ist zufrieden, wenn 
unsere wahren Bedürfnisse gestillt sind; aber die Selbstsucht, die sich 
mit anderen mißt, ist nie zufrieden und kann es nicht sein, denn indem 
dieses Gefühl uns den anderen vorzieht, verlangt es auch, daß die an- 
deren uns vor sich selbst den Vorzug geben; und das ist unmöglich. 
So entstehen die sanften und liebevollen Leidenschaften aus der Liebe 
zu sich selbst, die boshaften und heftigen aus der Selbstsucht." Rousseau 
erkennt richtig die Überspannung des Persönlichkeitsgefühles bei jenen 
Charakteren, die wir heute als neurotisch (im Sinne Adlers) be- 
zeichnen würden. Ja auch über den Mechanismus ihrer Entwicklung 
ist er sich teilweise klar: „Wenn man es (das Kind) zum Gehorsam 
zwingt, ohne daß es den Nutzen dessen einsieht, was ihm befohlen 
wird, faßt es das als Laune auf, als die Absicht, es zu quälen, und lehnt 
sich auf. Wenn man ihm aber selbst gehorcht, sieht es in jedem Wider- 
stand eine Rebellion, eine Absicht, ihm Widerstand zu leisten . . ." 
Aus diesen Überlegungen zieht Rousseau Schlüsse für die praktische 
Pädagogik; ein Kind ist weder mit Strenge noch mit grenzenloser Nach- 
giebigkeit zu erziehen. Beide Fehler bedingen einander, der eine ist 
unvermeidlich, wenn man dem anderen verfallen ist. Und in dieser un- 
gesunden Atmosphäre, wo Sturm und Sonnenschein, Kälte und Hitze 
wechseln, entstehen jene schrankenlosen und dabei schwächlichen Men- 



schen, die sich selbst und anderen zur Last werden, die Psych astheniker 



und Haustyrannen, die ewig ungezogene Kinder bleiben, denen die An- 
passung an die Realität nie völlig gelingt, weil ihre Kindheitserlebnisse 
von der Realität so grundverschieden waren. Jene künstliche Kinder- 
stubenwelt, in der der Mensch so schlecht auf das Kommende vorbe- 
reitet wird, als sollte er nie erwachsen sein, so daß er leicht für alle 






Rousseau und die Ethik 203 



Zeit eine falsche Einstellung zum Leben behält, will Rousseau abschaffen. 
Er bemüht sich, dem Kind eine Umgebung zu setzen, die sich zum 
Kinde so verhält wie die Wirklichkeit zum Erwachsenen — also eine 
Vorstufe der Wirklichkeit, eine nur in einzelnen Punkten vereinfachte 
Wirklichkeit. Er schreckt vor kunstvollen Komödien nicht zurück, 
die dem Kinde durch eigene Erfahrung die Konsequenzen irgendeiner 
unklugen Handlung demonstrieren sollen. Aber all das ist für das 
Kind Realität, kein Unterricht 1 , und Moralpredigten, Befehle und Ver- 
bote haben in dieser wirklichen Welt keinen Platz, wie sie ja auch 
beim Erwachsenen als solche keine Rolle spielen, sondern nur auf dem 
Umwege des Vorteils oder Nachteils 2 . 

Bis dahin ist Rousseaus Erziehungssystem mustergültig. Sein Kampf 
gegen die „amour-propre" müßte das Motto sein für jede moderne 
Pädagogik; denn er ist der Kampf gegen die Entwicklung zur Untaug- 
licbkeit, Verbrechertum, Schwäche und Neurose. Rousseaus Irrtum 
beginnt erst dort, wo er ins ethische Gebiet gelangt. Immer wieder ver- 
sucht er an der Hand der Unterscheidung zwischen „natürlichen' 1 und 
„unnatürlichen" Leidenschaften das sittlich Gute, die affektive Moral, 
als notwendiges Resultat von den natürlichen Leidenschaften abzuleiten. 
Er weiß jedoch, daß das Kind amoralisch ist und weist jeden Versuch 
einer moralischen Erziehung des Kindes zurück. Er zeigt an den Fabeln 
von Lafontaine, wie unfähig die Kinder sind, die „Moral von der Ge- 
schichte zu verstehen 3 . Das Kind, meint er, sei zum „natürlichen 

1 „Man irrt auch, wenn man sie auf Überlegungen aufmerksam machen 
will, die sie noch in keiner Weise berühren, wie die Rücksicht auf ihr zu- 
künftiges Interesse, auf ihr Glück als Erwachsene, auf die Achtung, die man 
ihnen zollen wird, wenn sie groß sind; Reden, die vor Wesen ohne jede 
Voraussicht gehalten, ihnen gar nichts bedeuten." (Emil e.) 

2 Es mag sein, daß diese Methode, wenn sie von der Doktrin der Natürlich- 
keit zu weit getrieben wird, zu spartanischer Gewaltsamkeit führen kann. 
So, wenn Rousseau die Wahl der Nahrung ganz dem natürlichen Instinkt des 
Kindes überlassen will, in der Erwartung, daß im Notfall die öftere Erfahrung 
eines verdorbenen Magens das Nötige tun wird, um das Kind qualitativ 
und quantitativ selbständig und dabei richtig wählen zu lassen. „Nie wird 
man mich überzeugen, daß unsere ersten Neigungen so regellos seien, daß 
man ihnen nicht nachkommen könne, ohne uns in Lebensgefahr zu bringen." 
(Emil e.) In der Praxis wird man es nicht wagen können, dieses Vertrauen 
zu teilen. 

• „Man erniedrigt sich nicht gern: sie werden immer die schöne Rolle 
wählen ; das ist die Wahl der Eigenliebe, das ist eine ganz natürliche Wahl . . . 
In allen Fabeln, wo der Löwe vorkommt, wird das Kind, weil dieser gewöhn- 
lich der mächtigste ist, unbedingt sich zum Löwen machen." 



204 Rousseau und die Ethik 



Menschen" zu erziehen, der der Moral noch nicht bedarf: „Das Glück 
des natürlichen Menschen ist so einfach wie sein Leben, es besteht 
darin, daß er nicht leidet: Gesundheit, Freiheit, das Notwendige zum 
Leben setzen es zusammen." Der eigene Vorteil muß also die bewegende 
Kraft sein, die das Kind veranlaßt, sich zu entwickeln und neue Fähig- 
keiten zu erwerben. 

Vielfach sind Rousseaus Erziehungsmaximen durch seine eigenartige 
Einstellung zur Welt beeinflußt. So, wenn er als wertvollstes Buch für 
den Knaben Robinson Crusoe empfiehlt; denn: „Das sicherste Mittel, 
sich über die Vorurteile zu erheben und seine Urteile nach den wahren 
Beziehungen der Dinge zu richten, ist, sich an die Stelle eines isolierten 
Menschen zu versetzen und alles so zu beurteilen, wie es dieser selbst 
beurteilen muß mit Rücksicht auf seinen eigenen Nutzen." Rousseaus 
Abneigung gegen die Gesellschaft, die zugleich ein Protest gegen sie 
und Angst vor ihr ist, kommt hier zum Durchbruch. Sogar die Kenntnis 
der sozialen Beziehungen will er dem Knaben so lange als möglich 
vorenthalten; muß man ihm aber darüber Aufklärung geben, so emp- 
fiehlt er eine Darstellung der Gesellschaftsordnung, wie sie sein soll, 
nicht wie sie ist. Der Knabe soll den Stand des Ackerbauers am höch- 
sten werten, die Luxusgewerbe am niedrigsten: „So wird er die Meinung 
mit der Wahrheit vergleichen und sich über das Gewöhnliche erheben 
können." Damit gibt Rousseau seinem Zögling von Anfang an jene 
feindliche Einstellung gegen die Kultur, die er sich selbst angeeignet 
hat. Ja, er erzieht den Knaben zum Sozialisten und hofft ihm damit 
die glücklichste Stellung zur Welt vorgezeichnet zu haben. Hier muß 
die Vernunft der Doktrin weichen. Und die doktrinäre Tendenz ver- 
leitet ihn auch zu dem Irrtum, daß sich in den Jahren der Pubertät, 
gleichzeitig mit dem Erwachen der Leidenschaften, auch die moralischen 
Gefühle einstellen. Man erkennt den klugen Psychologen nicht mehr, 
wenn er behauptet: „Die Jugendzeit ist nicht das Alter der Rachsucht 
und des Hasses; sie ist das des Mitleids, der Güte, des Edelmutes. Ja, 
ich behaupte . . . , ein Kind, das nicht schlecht geboren ist, und das bis 
zu zwanzig Jahren seine Unschuld bewahrt hat, ist in diesem Alter der 
edelste, der beste, der liebevollste und liebenswerteste Mensch." Wie 
Schopenhauer rechnet er mit dem natürlichen Mitleid, obwohl er den 
psychologischen Mechanismus dieses Affektes wohl kennt: „Das Mitleid 
ist lustvoll, weil man sich an die Stelle des Leidenden versetzt und dabei 
doch das Vergnügen fühlt, nicht so zu leiden wie er." Und in der meta- 
physischen Deutung des Mitleids berührt er sich völlig mit Schopen- 



Rousseau und die Ethik 205 



hauen „In der Tat, wie ließen wir uns zum Mitleid rühren, es sei 
denn, daß wir aus uns herausgehen und uns mit dem leidenden Lebe- 
wesen identifizieren, indem wir sozusagen unser Wesen verlassen und 

das seinige annehmen?" Unter den drei ethischen Maximen, die er 
aufstellt, lautet die erste: „Es liegt nicht im menschlichen Herzen, daß 
er sich an die Stelle von Leuten versetzt, die glücklicher sind als wir, 
sondern nur von solchen, die zu beklagen sind. 4 ' Diese Maxime ist in 
ihrer viel zu allgemeinen Form ein deutliches Dokument von Rousseaus 
Verhältnis zu jenen, die glücklicher und mächtiger sind als er. Er 
beneidet sie. Und er hält eine neidlose Teilnahme an fremdem Glück 
für ausgeschlossen. Der Neid aber ist keine „natürliche Leidenschaft". 
Darum kann sein Zögling an dem Glück anderer keinen Anteil 
nehmen . ' , 

In dieser Zeit der Entwicklung aber muß er der Natur die Zügel aus 
der Hand nehmen. Er empfiehlt, die Sinnlichkeit des jungen Menschen 
zu unterdrücken 1 . Und gleichzeitig beginnt nun der Kampf gegen die 



„Leidenschaften" auf allen Linien 2 . Durch Beispiele, durch Erlebnisse, 
deren Zeuge er ist, soll der junge Mann zum moralischen Menschen er- 
zogen werden. Rousseau scheut vor gewaltsamen Mitteln nicht zurück. 
Er erzählt beiläufig die Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn nach 
dessen erstem Verkehr mit Frauen in ein Spital für Syphilitische führt, 
um ihn abzuschrecken. Wir können Rousseau hier nicht folgen. 
Wir sehen, wie sein Erziehungsplan mit dem wachsenden Alter seines 
Zöglings immer mangelhafter wird, mehr und mehr erkennen wir Rous- 
seaus Charakter, seine ungesunde Eigenart in den pädagogischen Grund- 
sätzen. Immer wieder verläßt er sich auf die natürliche, angeborene 
Moral 3 . Schließlich kommt er aber doch zu dem Ergebnisse, 
daß das moralische Gesetz nur unter der Voraussetzung, daß es einen 



1 „Wenn das kritische Alter naht, bietet den jungen Leuten Schauspiele, 
die sie zurückhalten, und nicht solche, die sie aufreizen; beeinflußt ihre 
erwachende Phantasie durch Objekte, die, weit entfernt, ihre Sinne zu ent- 
zünden, deren Aktivität unterdrücken." 

* „Es ist nicht wahr, daß der Hang zum Bösen unbezähmbar ist, und daß 
man nicht imstande ist, ihn zu besiegen, ehe man sich daran gewöhnt hat, 
ihm zu unterliegen." 

3 „Es gibt also auf dem Grunde der Seelen ein angeborenes Prinzip der 
Gerechtigkeit und Tugend, nach dem wir, trotz unserer eigenen Grundsätze, 
unsere und fremde Handlungen als gut oder schlecht beurteilen, und dieses 
Prinzip nenne ich Gewissen." 



206 Rousseau und die Ethik 



Gott gibt, Gültigkeit hat 1 . Gott aber erkennt man in der Natur 2 . So 
kommt ihm von anderer Seite wieder dies Wort „Natur" in die Reihe 
seiner Gedanken. Die Natur wird zum mystischen Inbegriff alles Guten. 
Sowohl die andere Natur, als die innere „Natur" der Menschen — es 
erscheint ihm alles dasselbe. Sie ist das Urbild der Sittlichkeit und der 
Schönheit. Sie ist das Glück 3 . 

Rousseau hat dem Wort „Natur" einen tiefen inneren Gehalt gege- 
ben. Es war ihm das Symbol der Glückseligkeit auf Erden, das ver- 
lorene Paradies. Aber ehe er es zur Höhe eines philosophischen Be- 
griffes erhob, war es ein Kampfruf. Und als Kampfruf ist es von 
seinen Zeitgenossen aufgenommen worden. Der kranke Genius, der 
sich mit brennendem Ehrgeiz aus der Tiefe des Volkes emporgerungen 
hatte, der im Verkehr mit Grafen und Herzögen immer wieder den Kür- 
zeren zu ziehen glaubte, weil er schüchtern und ungeschickt war, er rieb 
sich auf im persönlichen Kampfe. Als seine schrankenlose Phantasie 
den Feind ins Riesenhafte vergöttert hatte, verzieh es ihm sein Stolz, 
daß er der Übermacht wich. Aber indessen hatte er, mit den tiefsten 
Instinkten des Volkes im Bunde, in seinen Büchern die Wut des Unter- 
drückten aufgestapelt. Er starb, und seine Saat ging auf. Rousseau ist 
der geistige Führer der Revolution, in seinem Namen werden Paläste 
in Brand gesteckt, unermeßliche Schätze einer alten Kultur im ersten 
Ansturm vernichtet. Ein Königsthron brichi zusammen, und die Her- 
ren und Adeligen werden vor das Revolutionsgericht geschleppt. Ihr 
unerbittlicher Ankläger und Richter aber ist der Geist Rousseaus. Un- 
sichtbar hat er sein Tribunal errichtet am Eingang einer neuen Zeit, 
und erbarmungslos, wie sie ihn durchs Leben gejagt haben, so wirft 
nun er die Träger und Hüter der verhaßten Kultur zu Boden — im 
Namen der Sittlichkeit und der Natur. 

1 „Wenn es keine Gottheit gibt, so ist nur der Böse vernünftig, und der 
Oute ist nichts als ein Tor." 

1 „So habe ich denn alle Bücher geschlossen. Es gibt ein einziges, das 
allen Augen offen ist, das ist das Buch der Natur. In diesem großen» 

erhabenen Buch lerne ich, seinem göttlichen Schöpfer zu dienen und ihn 
anzubeten." 



* „Alle wahren Urbilder des Geschmacks finden sich in der Natur." 



• • 



Ich hielt mich auf dem Wege der Natur, in der Erwartung, daß sie 
mir den Weg des Glückes zeigen würde. Es hat sich gefunden, daß es 
derselbe war, und daß ich ihm gefolgt war, ohne daran zu denken." 



Über Lügenhaftigkeit beim Kinde. 

Von Otto Kaus (i9i3). 

Wenn wir, absehend vom ethischen und soziologischen Problem, das 
Phänomen der Lüge psychologisch beleuchten wollen, so treten uns, viel 
eher als die Frage: was ist Lüge? — folgende drei Motive entgegen, 
die wir bei der Beurteilung der Lüge vor allem im Auge behalten 
müssen : 

Wie entsteht die Lüge? wie wird Lüge? (Eine Frage, die sich 
vielleicht nur bei der Betrachtung des Kindesalters etwas genauer be- 
antworten läßt, jedenfalls immer nur dann, wenn man, dem infantilen 
Charakter des Phänomens folgend, die Situation auch beim Erwach- 
senen mit einer frühen Entwicklungsperiode vergleicht.) ' 

Wie wirkt die Lüge auf die Umgebung? 

Wie wirkt die Lüge auf den Lügner selbst, auf das Subjekt (das 
Kind) zurück? 

Im weiteren Verlaufe unserer Auseinandersetzungen werden wir den 
Nachweis versuchen, daß diesen Hauptmotiven gegenüber die Frage 
nach dem Inhalt und dem logisch-ethischen Wesen der Lüge stark 
zurücktritt, daß vor allem die landläufige Definition, das Lügen be- 
stehe darin, „daß man bewußt eine Unwahrheit sagt", den Boden ver- 
liert. Daß damit auch zugleich die meisten pädagogischen und morali- 
schen Schlußfolgerungen, die sich von dieser Definition ableiten, fallen 
müssen, ist selbstverständlich. 

Die erste Überraschung, die uns beim Verfolgen dieser Betrachtungs- 
weise erwartet, ist die Einsicht, daß das Kind die Lüge erlernt, und 
zwar gerade von denjenigen erlernt, die, einer konventionellen Er- 
ziehungsmethode folgend, das Fernhalten der kindlichen Psyche von 
schädlichen Produkten als eine ihrer Hauptpflichten betrachten. Das 
gilt von allen jeweiligen Erziehern, — seien es Eltern oder fremde, mit 
der Erziehung des Kindes betraute Personen. Wir können noch einen 
Schritt weitergehen und sagen, daß speziell die Sorge, das Kind 
von der Lüge fernzuhalten, besonders wenn sie übertrieben 
ist, zur treibenden Kraft wird, welche in die bisher von diesem Motive, 
wenn auch nicht von anderen, reine Atmosphäre des Kindes das neue 
Phänomen der Lüge hineinträgt. 

Stellen wir uns für einen Augenblick den idealen, meist niemals der 



208 Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 



Wirklichkeit entsprechenden Zustand der vollkommenen Naivität des 
Kindes vor. Allerdings ist das ein Zustand, der mit dem ersten Lebens- 
laut aufhört, weil wir annehmen müssen, daß sich vom ersten Moment 
der Lebensempfindung an in der kindlichen Seele, die über so wenig 
somatische und psychische Korrelationen und Hilfsmittel verfügt, eine 
recht komplizierte Wechselfolge von Schwäche- und Kraftzuständen, 
von lust- und unlustbetonten Regungen, von unbestimmten Minderwertig- 
keitsempfindungen, aber um so bestimmteren Schmerzregungen und 
Expansionsimpulsen entwickeln, — von der vorerwähnten Disposition 

ganz abgesehen — , also ein Schwanken und Schweben, ein instinktives 
Vorwärtstasten und Zurückweichen, das mit dem Zustande der paradiesi- 
schen Naivität kaum vereinbar ist. Wie stark der Eindruck sein kann, 
den man bei genauerer Betrachtung der Vorgänge in der Seele des Kin- 
des erhält, beweist Stekels Annahme von einer „allgemeinen Kriminalität 
des Kindes", eine Annahme, die wir nicht teilen oder nur insoferne, als 
sie uns die pure Tatsache der Bewegtheit des Erlebens in der ersten 
Kindheit beweisen will. — Aber jedenfalls können wir uns einen Zustand 
denken, in dem das Kind in bezug auf die Lüge insofern naiv ist, als es 
nichtweiß, daßeseineLügegibt. Und wir stehen nun vor der 
Frage: wie kommt dieses Kind dazu, den Begriff der Lüge zu erfassen, 
in sich aufzunehmen und weiter zu verwenden, ja oft so stark zu 
verwenden, daß man darin — wie andere wohl im Stehl trieb — 
^ine spezifische Emanation der kindlichen Psyche erblicken wollte? 

Die Genese (wir möchten fast sagen die Pathogenese) der Lüge dürfte 
sich folgendermaßen darstellen: Das Kind steht den Realien und Ge- 
schehnissen der Umgebung mit vollkommener Unkenntnis ihrer Ur- 
sachen, Funktionen und Folgen gegenüber, solange es nicht, entweder 
durch eigene Beobachtung oder durch fremde Anweisung, mit den Ob- 
jekten der Welt umzugehen gelernt hat. Die Erziehung gibt ihm eine 
Leitung, Anweisung und Richtlinie, — sie gibt ihm die ., Kunstgriffe" 
in die Hand, mittels deren es den Schwierigkeiten des Lebens beikommen 
kann. Einer dieser Kunstgriffe ist z. B. die artikulierte Sprache und 
ihre Begriffe. Wir kennen die Wißbegierde des Kindes, die aus seinem 
Gefühl der Desorientierung entspringt (zum Teil auch schon 
aus seinem Bedürfnis, andere durch Fragen in seinen Dienst 
zu stellen); wichtig ist auch in dem Zusammenhange der eigen- 
tümliche Hang der Kinder, Stichproben auf die Richtigkeit ihrer 
Annahmen zu machen. Diesen Hang erblicken wir z. B. in der Tatsache, 
daß Kinder sich den ganzen Tag zu beschäftigen verstehen, obwohl sie 



Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 209 



nichts zu tun haben, und auch wenn man ihnen nichts zu tun gibt (im 
Gegenteil: sonst pflegen sie sich zu langweilen). Als weiteres Produkt 
dieses Versuchsdranges, in dem sich schon die Vorbereitungstendenz 
manifestiert, nehmen wir den Spieltrieb an 1 , dessen funktionelle 
Bedeutung darin besteht, daß er das Kind vor immer wechselnde 
Situationen stellt, die irgendeine Analogie mit den Situationen des 
wirklichen Lebens aufweisen, und dadurch die tätigen Kräfte 
übt und stärkt. Gleichzeitig entwickelt sich jedoch ein an- 
deres Bedürfnis und damit auch eine neue Fähig- 
keit: das Bedürfnis, Relationen und Beziehungen zwischen den Dingen 
aufzustellen, selbst Richtlinien zu finden ulnd zu schaffen, — und die 
Fähigkeit der Entdeckung solcher Beziehungen, des Gegeneinander- 
haltens von verschiedenen Objektiven, des Analogisierens, — kurz: die 
Fähigkeit der Intelligenz und Phantasie. 

Doch wie viele von den Hypothesen, die das Kind auf Grund dieser 
neuen Fähigkeit erfindet, mögen richtig sein, und wie viele falsch? 
Das hängt von der Beobachtungsgabe des Individuums ab, mittels 
welcher es aus der Tätigkeit der anderen allgemeinere Schlußfolgerungen 
zu ziehen vermag. Solche mißglückte Hypothesen sind alle jene drolligen 
Vorstellungen über Welt und Geschehen (später etwa auch über das 
Zusammenleben der Eltern, über die Geburt usw.), die uns als „Wahr- 
heiten aus Kindesmund" mitgeteilt werden 2 . Durch die Aufnahms- 
fähigkeit der Umgebung, der Eltern und Geschwister, durch die Art, 

wie dieselben auf die Einfälle reagieren, wird die Produktivität des 
Kindes wesentlich beeinflußt. Es braucht nur einmal einen Lacherfolg 
zu erzielen, zur Belohnung geherzt, geküßt, geliebkost zu werden, und 
es wird sich sofort doppelt angespornt fühlen. Jedenfalls wird es 
immer das Bedürfnis haben, seine neuentdeckten Weisheiten auszu- 
sprechen, um sie auf ihre Wahrheit hin zu prüfen. 

Wie leicht kann nun eine Situation eintreten, die wir rea- 
listisch folgendermaßen schildern könnten: Das Kind kommt herein 
mit der Nachricht: „Die Kati hat in der Küche einen Hund." Nun 
wissen die anderen bestimmt, daß die Kati in der Küche keinen Hund 

1 Groß: „Spiele der Tiere und des Menschen. " 

1 Ein Mädchen, das vor kurzem Zählen gelernt hat, sagt: „Der Großpapa 
ist alt, aber bald wird er sehr jung sein." — „Wieso?" — „Denn bei Hundert 
fängt es von vorne an". 

Ein Knabe zu seinem Spielkameraden: „Wenn du gestorben sein wirst, 
werde ich dich begießen." 



210 Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 



hat, sind sich aber über Ursache und Zweck dieser falschen Mitteilung 
nicht klar. Das Kind kann sogar eine aggressive Spitze in den 

Satz gelegt haben, — etwa dadurch, daß es vom Vater weiß, er dulde 
keine Hunde und einfach dieses Wissen verwendet, um auszudrücken: 
Die Kati ist mir unsympathisch! (Der Vater hat von Buben mit 
Hunden gesagt: das sind böse Buben, — woraus sich das Kind deduziert: 
alle Menschen mit Hunden sind böse — die Kati ist böse — «lie Kati 
hat einen Hund — ). Jemand spürt diese Spitze gegen die Kati, 

vermutet eine böse Absicht in der Aussprache des Kindes und weist 
es zurecht: Warum lügst du? 

Das Kind horcht auf und weiß plötzlich, was Lüge ist. Vorläufig 
weiß es vielleicht nur das Eine: Lüge ist, wenn ich meine Antipathie 

gegen die Kati ausdrücke. Es wird neue Versuche in der Richtung 
unternehmen, sei es nur, um diesen neuen Begriff aufzuklären; es 

wird die Erfahrungen summieren und abwägen, um zuletzt eine zirkum- 
skripte Vorstellung vom Wesen der Lüge zu erlangen. 

Meistens eine Vorstellung, die mit der Erfahrung verbunden ist* 
daß man für die Lüge bestraft wird und daß sich die Eltern darüber 
ärgern . 

Wir müssen jedoch im Laufe dieser Entwicklung einige Phasen 
festhalten, in welchen wir eine spätere Lügenhaftigkeit sich intensiver 
vorbereiten sehen. Wir haben davon gesprochen, daß der Mangel an 
Kunstgriffen und die Hilflosigkeit die kindliche Psyche zur Aus- 
bildung der Intelligenz des analogisierenden Denkens, der Phantasie oft 
über jenes Maß hinaus, das allgemeine Eigenschaft des für den Menschen 
spezifischen Denk- und Begriffsvermögens ist, sozusagen zueiner Hy- 
pertrophie dieser Fähigkeiten führt. Die Beobachtung be- 
lehrt uns, daß bei gewissen Kindern mit annähernd gleichen Möglich- 
keiten, Anlagen und Vorbedingungen diese Fähigkeiten schwächer, bei an- 
deren stärker ausgebildet sind, — eine Erscheinung, die wir uns nur da- 
durch zu erklären vermögen, daß auch das Bedürfnis und die Notwendig- 
keit zur Ausbildung dieser Eigenschaften in dem einen Fall stärker, in 
dem anderen schwächer ausgeprägt sein muß. Nun können jedoch nur 
jene Kinder einen stärkeren Drang nach Auswegen und Kunstgriffen 
empfinden, die starker vom Gefühl ihrer Minderwertigkeit 
geplagt sind, von dem sich Hilflosigkeits- und Schwächeempfindungen 
direkt ableiten lassen. Je nachdem die betreffenden Mechanismen in der 
Vererbungsreihe und in den Umständen des Milieus, der lebendigen und 
toten Umgebung vorbereitet sind, gefördert und gehemmt werden. 



Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 211 



wird die Entwicklung einen spezifischen Einschlag nach der einen 
oder anderen Richtung hin annehmen 1 , im allgemeinen können wir 
jedoch den Satz aufstellen: daß sich das intensivere analogisierende 
Denken als eine Kompensation auf ein Gefühl der Min- 
derwertigkeit darstellt, und das Streben des Kindes, über 
diese Schwächen hinwegzukommen, den männlichen Protest, 
unterstützt. 

Daneben entwickeln sich auf derselben Grundlage Kompensationen 
anderer Art, welche das Kind befähigen, sich unmittelbar gewisse 
Genugtuungen und Korrekturen seines Minderwertigkeitsgefühls aus 
der Umgebung zu holen und besonders aktuelle Anlässe auszunutzen. 
Wir nennen den sehr früh auftretenden Drang, die anderen „in den 
Dienst zu stellen", und das Bedürfnis, vor den anderen „groß zu er- 
scheinen". Nun kombinieren sich diese Tendenzen mit dem analogi- 
sierenden Denken, so daß schon viel früher, bevor das Kind sich 
des Wesens der Lüge bewußt wird, sich ihr Mechanismus den Funk- 
tionen einer tieferen Dynamik anpassen kann. 

Nehmen wir ein Kind, das sich das Schema zurechtgelegt hat: je 
mehr ich frage, desto mehr müssen mir die anderen zuhören. 
Es hieße einseitig urteilen, wenn man diesen Zug nur auf den Drang 
zurückführen wollte, etwas zu erfahren, sich zu orientieren. Wie oft 
fragt das Kind nach Dingen und Beziehungen, die es schon längst 
kennt, oder die es schon nach Maßgabe seiner ausgebildeten Erfahrung 
als falsch, nicht existierend oder unmöglich annehmen muß. Außerdem 
können wir beobachten, daß das Bedürfnis, etwas zu erfahren, erst 
dann auftritt oder besonders stark wird, wenn jemand da ist, der 
antworten kann; ja noch mehr: daß gewisse Personen vorgezogen und 
andere wieder verschont werden, — daß also die Sucht nach Wissen 
Menschen gegenüber aktuell wird, die das Kind mit Vorliebe in seinen 

Dienst stellt. 

Schon mit diesen Fragen kann irgendwie die Fähigkeit, „bewußt 
falsch zu kombinieren", verwoben sein, — auch schon mit dem Hang, 
alle anderen in Verlegenheit zu bringen, also schwach und klein zu 

1 Es sei uns z. B. die Hypothese gestattet, daß starke physiologische Minder- 
wertigkeit bei ungünstiger Vorbereitung der die Intelligenz vermittelnden 
Zentren und Bahnungen zu den Phänomenen der Spätreife, Moral insanity, 
Imbezillität, Idiotie des Kretinismus usw. — bei besonders günstiger Vorbe- 
reitung der betreffenden Bahnen zu Erscheinungen der Frühreife, eventuell 
Genialität — führt. 

14« 



212 Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 



sehen, oder mit der Absicht, hinter der Frage eine Möglichkeit ver- 
muten zu lassen, die nur für den Fragenden selbst zutrifft und ihn 
von allen anderen unterscheidet. Wie z. B. in folgendem Dialog: 

„Kann ein Pferd fliegen?" 

„Ein Pferd kann nicht fliegen, weil es keine Flügel hat, das habe 
ich dir schon gesagt." 

Aber ich habe heute vom Fenster aus ein Pferd fliegen ge- 



n 



sehen. 

Kann man das schon Lüge nennen? In dem Maße, als man annehmen 
kann, daß sich das Kind der Unmöglichkeit, daß ein Pferd fliege, 
bewußt ist, ja, — insofern es noch nicht weiß, was Lüge ist, nein. 
Diese Frage verliert ihre Bedeutung vor der zweiten, die wir auf- 
stellen müssen, nach dem Nutzen, den die kindliche Psyche aus einer 
solchen Situation schöpfen kann. Und der ist nach dem Vorher gesagten 
wohl darin zu suchen, daß sich der Sprecher höher und 
wichtiger erscheint als sein Partner, — es ist Groß- 
mannssucht in ihrer ursprünglichsten Form. Und das wollen wir fest- 
halten: daß uns die Dynamik des Phänomens nur dann verstandlich 
wird, wenn wir einerseits das Minderwertigkeitsgefühl und den daraus 
entspringenden Druck ins Auge fassen, andererseits das Ziel, das 
als Kompensation aufgestellt wird. 

Die Situation kann sich akzentuieren, wenn das Kind, anstatt zu 

fragen, es vorzieht, selbst fortwährend zu reden, so daß ihm die anderen 

zuhören müssen. Oft spricht es für sich allein, findet aber meistens 
jemanden, der ihm zuhört. In diesen kindlichen Reden ist nun Wahres 

und Unwahres seltsam vermischt, erstens wegen des natürlichen Mangels 
an Erfahrung, der zu falschen Hypothesen zwingt; wir können jedoch 
beobachten, daß die falschen Hypothesen die richtigen meistens an 
Zahl überwiegen, daß das Kind mit Vorliebe absurde und unmögliche 
Kombinationen wählt. Wenn außer der allgemeinen, man möchte sagen: 
objektiven Orientierungstendenz, noch eine spezifische, subjektive Ten- 
denz hinzukommt (groß zu erscheinen, jemanden auszustechen, Rache 
gegen eine bestimmte Person), kann das Kind leicht die Grenze der 
unbewußten Lüge überschreiten, um sich in der bewußten Unwahrheit 

jene Genugtuungen zu holen, die es braucht. Häufig hört man von 
Kindern den Ausspruch: „Alle anderen haben einen Vater, — ich 
aber habe zwei. Der eine wohnt hier, der andere dort und dort." 
(Der zweite Vater ist gewöhnlich bedeutender als der wirkliche [Kaiser- 
ideej. Häufige Phantome bei illegitimen Kindern.) Der Zusatz be- 



Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 213 



weist uns, daß die Unwahrheit bewußt konzipiert wurde, denn er 
nimmt Einwände vorweg und widerlegt sie. 

Ein drei- bis vierjähriges Mädchen, einziges Kind, das auch niemals 
einen Bruder gehabt hat (der etwa gestorben sein könnte), erzählt 

mit Vorliebe jedem Besucher, ihr Bruder sei gestorben und sie habe 

sein Leichenbegängnis mitgemacht. Sie wünscht sich als Spielzeug 

einen Puppenleichenwagen, und ihre Hauptbelustigung besteht darin, 

vom Fenster aus Leichenzüge zu sehen. 

Das wäre ein Phantasieprodukt, das sich als Tagtraum darstellen 
könnte. Da aber das Mädchen konsequent daran festhält und die Ge- 
schichte immer wieder erzählt, müssen wir annehmen, daß es nicht 
so sehr selbst daran glaubt als verlangt, daß die anderen daran 
glauben. Da man ihm außerdem wiederholt erfolglos entgegengehalten 
hat, daß der Bruder unmöglich gestorben sein kann, da sie niemals einen 
solchen hatte, haben wir es hier sicher mit einer bewußten Unwahrheit 
zu tun, die immer wieder verwendet wird, wenn das Bedürfnis darnach 

geweckt wird. Welcher Art kann nun dieses Bedürfnis sein? Wir 
glauben nicht fehlzugehen, wenn wir auf Grund unserer Erfahrungen 
über die kindliche Psyche folgendes annehmen: der Bruder ist der 
Ausdruck des überlegenen Prinzipes, des Druckes, der über dem Kinde 
lastet. Das Mädchen hat etwa beobachtet, wie ihre Freundinnen von 
den stärkeren Brüdern dominiert, sekkiert, geschlagen werden, — hat 
es bei den Spielen als unangenehm empfunden, daß die Buben immer 
die erste Rolle spielen. Nun arrangiert sie sich eine Kompen- 
sation: sie fingiert einen Bruder und läßt ihn sterben. — Naheliegend 
ist auch folgende weitere Verwendung derselben Fiktion: die Eltern 
haben sie das eine oder andere Mal gefragt, ob sie sich einen Bruder 
wünsche, wie sie sich dazu verhalten würde usw. Sie antwortet darauf 
it einer Drohung: der Bruder wird sterben 1 weil sie hofft, dadurch 
das Eindringen eines Wesens, das ihr die Alleinherrschaft im Hause 
nehmen, die Liebe der Eltern ablenken und sie eventuell sogar be- 
herrschen und schlagen werde, zu verhindern. — Doch die starke 
affektive Betonung des Todesgedankens könnte uns darauf hinweisen, 
daß dieses Kind schon viel weiter gegangen ist und den Wunsch ge- 
faßt hat: alle Buben sollen sterben. Von diesem Gedanken bis zur 
Idee: ich selbst will ein Bube seinl ist nur ein Schritt. Wie wir 
auch von anderen Mädchen hören: Ich heiße Hansl 

Für alle diese Gedankengänge finden wir Analogien in der Einstel- 
lung von weiblichen Hysterikerinnen. „Alle Männer sind Canaillen", 



i%% 



214 Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 



„die Männer sind Schufte" usw. Mit dem Todesgedanken und 
speziell der darin enthaltenen Drohung möchten wir folgende Episode 
vergleichen: Ein sechzig jähriger Mann geht zu seinem viel jüngeren 

Bruder und ersucht ihn mit ernster und kummervoller Miene, er möge 
ihm einen schriftlichen Ausweis darüber ausstellen, daß er seinen 
Platz in der Familiengruft ihm un<J seiner Frau abtritt. Dahinter 
steckt natürlich die Annahme, daß der jüngere Bruder früher stirbt, 
eine Möglichkeit, welche der ältere, von Todesideen geplagte Mann 
als sicher gegeben annimmt und dem lebenskräftigen Bruder drohend 

entgegenhält, um ihm die Freude am Leben zu verderben, damit er auch 
von Todesgedanken geplagt werde. 

Während sich bisher der Mechanismus der Lüge als relativ einfach 



darstellte, kompliziert sich die Situation bedeutend in dem Augenblick, 
da dem Kinde etwa in der früher geschilderten Art der Begriff 
der Lüge entgegengehalten wird und sich das Individuum einer ethischen 
Formel und einer moralischen, wenn nicht gar religiösen Forderung 
gegenübergestellt sieht. Es ist nicht wahrscheinlich, daß durch 
diese Tatsache allein alle jene Tendenzen und Kräfte, welche in der 
Form der gesprochenen phantastischen Unwahrheit, wie wir sie ver- 
folgt haben, eine Äußerung fanden, eliminiert oder nivelliert werden. 
Sie können jedoch eine Korrektur erfahren und in eine andere Form 
gegossen werden. Es ist nämlich, präziser gefaßt, folgendes geschehen: 
auf dem Wege zu einem Ziel der Überlegenheit hat das Individuum 
plötzlich eine Niederlage erlitten wegen der Unzulänglichkeit eines 
Mittels, das ihm bisher unfehlbar schien. Und jetzt steht das Kind 
vor der neuen Aufgabe: wie es diese Scharte auswetzen kann, diese 
Niederlage überwinden, wie es diese Situation seinem Plane und seinem 
Drange nach Überlegenheit einverleiben kann. 

Das Nächstliegende ist, aus der Not eine Tugend zu machen, — d. h. 
die Forderungen der Außenwelt zu seinen eigenen zu machen. So 
entsteht der Typus des Kindes als „moralischer Rigorist" — in diesem 
Falle als Wahrheitsfanatiker — wie ihn Furtmüller seinen Ausfüh- 
rungen über die subjektive Bedeutung des ethischen Prinzips zugrunde ge- 
legt hat 1 . Jedes Kind befolgt Lessings Rezept zur Erlangung der persön- 
lichen Freiheit. Dadurch, daß es selbst mit einer neuen Forderung 
der Umgebung entgegentritt, erreicht es erstens, daß es sich selbst 
fortwährend an die Niederlage erinnert, um durch das Memento von 
einem weiteren Faux pas abgehalten zu werden, — vor allem jedoch 

1 „Psychoanalyse und Ethik". E. Reinhardt, München 1912. 



Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 215 



einen hrsatz iur die verlorene Wall 

eine allgemeine und meistens sehr 



erreicht es dasselbe, was es früher durch das phantastische Aufschneiden 



wüßt 



«< 



[ und groß. 

tem die Definition der Lüge, „sie sage 
nicht zustimmt. Denn die Forderung 
nach Wahrheit deckt sich ihrer funktionellen Bedeutung nach voll- 
kommen mit der Verwendung der Lüge (Forderung nach Glauben an 
die Lüge). Einem kindlichen Moralisten gegenüber haben wir meistens 



omit 



ihm 



er uns eine Unwahrheit aufbinden — (eine Empfindung, die wir übri- 
gens auch bei erwachsenen Moralisten nicht immer loswerden). 

Außerdem bedeutet diese intensive Beschäftigung des Kindes mit 
der kaum erfaßten ethischen Forderung noch etwas Drittes. Wir 
können sicher sein, daß, je häufiger das Individuum uns an seine 
Überzeugung erinnert, es diese selbst als unecht empfindet. Die mo- 
ralische Forderung spielt in dem Falle die Rolle einer Festung, die 
von allen Seiten bestürmt wird; obwohl ihr so gehuldigt wird, wird 
sie doch als feindlich empfunden. 

Zur Illustration dieser Tatsache erinnern wir daran, daß es sehr 

verdächtig ist, wenn z. B. ein Patient während einer Kur übermäßige 

Freude über eine gelungene Lösung bekundet. Nehmen wir an, ein 

Neurotiker leide an einem besonders lästigen Symptom (Ohrensausen, 

Zwangsidee usw.), der Psychotherapeut deckt mit mehr oder weniger 

Mühe die Tendenzen und unbewußten Absichten auf, die sich in dem 
Symptom äußern; das Ohrensausen, die Zwangsidee verschwinden 

auf einige Tage. Wenn der Patient während dieser Zeit nichts Besseres 

zu tun weiß, als fortwährend über die gelungene Lösung zu jubeln 

und den Arzt seiner Dankbarkeit immer wieder zu versichern, oder (wie 

so häufig) alle seine Bekannten mit der Geschichte seines Symptoms 

t, daß über kurz oder lang 

Heftigkeit auftritt. (Die ge- 



sekkieren 



dasselbe 



als 



blamieren 



ist nur ein Deckmantel für die Vorbereitungstendenz. Patient „sinnt 
auf Böses" und versichert dem Arzt das Gegenteil, damit er ihm nicht 
auf die Spur kommt, — verrät sich aber zugleich wie der Dieb, der 
gleich nach Aufdeckung des Diebstahls, bevor noch jemand an ihn 



216 Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 



gedacht hat, berichtet, er habe nicht gestohlen. Den Bekannten, die 
er früher durch die Schilderung seiner Erlösung in den Dienst gestellt 
hat, erzählt er mit trauriger Miene seine neuen Qualen und erwartet wohl 
von jedem die Äußerung: „Dein Arzt kann also doch nichts", um sie 
lebhaft zu widerlegen.) Oder: der Neurotiker, der immer 
wieder behauptet, er sei endlich gesund, beweist ge- 
rade durch die hartnäckige Betonung seiner wieder- 
erlangten Gesundheit, daß er noch krank ist. 

Ähnlich tut es das Kind mit der Forderung: „Du darfst nicht lügen I" 
Es dauert nicht lange, und es hat die Klippe umschwommen, — den 
neuen Begriff, der wie ein Fremdkörper in das Gewebe seines Denkens 
eingedrungen ist, von allen Seiten umsponnen, durchtränkt und seinen 
eigenen Lebensbedürfnissen angeeignet. 

Die einfachste Methode, um dies zu erreichen, besteht wohl darin. 
die Forderung nach Wahrheit anderen entgegen- 
zuhalten, selbst jedoch unbehindert weiter zu lügen. Die 
Achtung vor dem moralischen Prinzip verschwindet, nachdem man 
es näher besehen und sich damit vertraut gemacht hat. Aber 
immerhin wird die neue Erfahrung zur Folge haben, daß das Indi- 
viduum von nun an bei seinen Lügen größere Vorsichtsmaßregeln 
anwendet, raffinierter wird. 

Natürlich wollen wir damit nicht sagen, daß jedes Kind diese ^Ent- 
wicklung nimmt, sondern nur die Möglichkeiten auseinandersetzen, die 
einem Kinde, das durch sein Minderwertigkeitsgefühl zu stärkerer 
Aggression und Sicherung gezwungen wird, zu Gebote stehen. 

Die Ziele, zu deren Erreichung die Lüge verwendet werden kann (Lüge 
als Selbstzweck ist eine unmögliche Fiktion; überall dort, wo scheinbar 
grundlos gelogen wird, ist der Trieb zum Unwahren nur nicht ganz deut- 
lich und oberflächlich, sondern im Dienste einer unbewußten Absicht), 
sind so vielfältig, wie die Lebensinteressen selbst. Immerhin lassen sich. 



allerdings auch nur äußerlich, zwei Kategorien unterscheiden: In die 
erste wären jene Individuen einzureihen, welche die Lüge verwenden, um 
eine bestimmte, aktuelle, genau zirkumskripte Absicht zu erzwingen 
(Analogie zum gewerbsmäßigen Betrüger und Hochstapler); in die 
zweite diejenigen, welche eine tiefere, oft unbewußte Absicht verfolgen 
(hieher können Kinder gehören, die lügen, um bestraft, geschlagen zu 
werden, — der Typus der Masochisten, wie ihn Asnaourow 1 hervorhebt 

1 „Sadismus und Masochismus in Kultur und Erziehung", E. Reinhardt, 
München 1913. 



Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 217 

■ 

und sehr oft bei einem „jüngeren Bruder" [Frischauf J vorkommt; oder 

» 

Kinder, die einfach den Vater ärgern wollen, um ihn aufgeregt, rat- und 
hilflos zu sehen). Welche Fälle komplizierter sind, ist schwer zu ent- 
scheiden; oberflächlich betrachtet, die letzteren, — aber auch, wenn ein 
Lügner scheinbar eine spezielle, reale Absicht verfolgt, bleibt noch im- 
mer die Frage offen, warum er gerade dieses Mittel wählt und gerade 
dieses Ziel verfolgt, — zwei Motive, welche die Situation sehr verwickeln 

können. 

Wie aus folgendem Fall hervorgeht: 

Aus der Kindheit eines Neurotikers, der in späteren Jahren ein typischer, 
hartnäckiger Pseudologe werden sollte, sind uns einige Episoden 
bekannt. Er wußte, daß sein Vater seiner Gouvernante streng verboten 
hatte, die Kinder (ihn und eine um zwei Jahre jüngere Schwester) 
zu schlagen, und überhaupt körperlich zu züchtigen. Als er sich ein- 
mal der Erzieherin gegenüber so arg benahm, daß sie sich nicht mehr 
zu helfen wußte (er gibt das nicht nur zu, sondern erzählt, daß er 
schon damals vom Gedanken geleitet war, das Fräulein in Verlegenheit 
zu bringen), verfiel diese auf den ungeschickten Gedanken, das Kind 
mit einem Strick, den sie ihm um einen Fußknöchel lose band, an 
den Fuß eines Tisches zu binden; eine Stunde lang, zur Strafe. 
Außerdem wohl, damit es sich ruhig verhalte, denn sie hatte gerade 
den Besuch einer Freundin bekommen. Der Knabe fühlte sich durch 
diese Maßregel sehr belustigt, von Erniedrigung war keine Spur in 
ihm, da er innerlich die Gouvernante total überwunden hatte und alles, 
was sie tat, für ihn nur lächerlich war; er tat aber sehr zornig, ver- 
suchte zu weinen und zerrte dabei fortwährend an dem Tische, so daß 
der Kaffee, den das Fräulein der Freundin vorgesetzt hatte, ausgeschüttet 
wurde und die beiden Frauen weder speisen noch eine Unterhaltung 
bei der fortwährenden Störung führen konnten. Bevor die Stunde ver- 
ging, band ihn das Fräulein los, um Ruhe zu haben. Der Vater war 
nicht zu Hause. — Nun sann der Knabe auf Rache. Er stahl den 
Strick, verbarg ihn in der Tasche und ging, kurz vor der Zeit, da 
der Papa nach Hause kommen sollte, auf den Abtritt, rieb sich am 
Knöchel so lange, bis eine blutige Strieme entstand, und zeigte dann 
weinend und innerlich triumphierend dem Vater die Verletzung, die 
ihm die Erzieherin zugefügt haben sollte.' Die Eltern waren wütend, 
die Gouvernante war furchtbar erschrocken und wurde weggeschickt. 

Man könnte nun (mit dem Betreffenden selbst) annehmen, er sei 
einfach vom Gedanken geleitet worden, die Gouvernante müsse aus dem 



218 Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 



Hause. Aber schon die Beziehung zu seiner späteren Pseudologie, das 
so heftige Rachebedürfnis in früher Kindheit, die komplizierte Insze- 
nierung lassen die Situation viel gefährlicher erscheinen. Für die 
Rolle, welche die Lüge in dem Falle spielt, ist jedoch wichtig, was 
der Mann noch von seiner Kindheit erzählt: er habe es damals über- 
haupt verstanden, Konflikte, die er bei den Erwachsenen 
erlauschte, zu inszenieren und auszunutzen, sei es durch 
sein Betragen (Lüge durch Pose), indem er Art und Benehmen von Vater 
und Mutter sich anmaßte, oder indem er die Bedingungen ^chuf, unter 
welchen sich solche Konflikte ausbilden mußten. (Tendenz, den Überlege- 
nen durch Reproduktion „ad absurdum" zu führen, wie ich mich bemüht 
habe, in Gogols Jugendgeschichte [„Der Fall Gogol", Ernst Rein- 
hardt, 19 12] nachzuweisen.) 

Nichts anderes als eine „Lüge durch die Tat 4 ' im Dienste einer pri- 
mären Absicht ist auch folgender Zug: Zur Mutter kommt die Fri- 
seurin. Die Schwester sieht das und fragt, vom Gleichheitswahn ge- 
plagt: „Warum kommt die Friseurin nicht auch zu mir?" Da sagt 
der Bruder mit ernster Miene: „Wart', ich bin die Friseurini' 1 — Das 
Mädchen setzt sich hin und läßt sich vom Bruder einen guten Teil 
ihrer Haare mit der Schere wegschneiden, bis jemand hinzukommt 
und dem grausamen Spiel ein Ende setzt. — Der junge Mann erinnert 
sich, er habe damals schon bewußt die Gelegenheit benutzt, um 
der Schwester, mit der er in manchen Punkten (Liebe der Eltern. 
Lob usw.) rivalisierte, einen Streich zu spielen. Noch jetzt werfe 
ihm das Mädchen, wenn seine Haare etwas widerspenstig sind, vor, 
die damalige Prozedur trage daran die Schuld, wobei er eine nicht 
geringe Genugtuung kaum überwinden könne. 

Mit den Gouvernanten hängt noch eine Episode zusammen. Während 
die beiden Kinder sonst nicht besonders friedlich miteinander lebten, 
konnten sie sich sehr gut verstehen, wenn es galt, eine Erzieherin 
zu quälen. Sie bildeten eine Art geheimen Bund (wie ja Komplott- 
macherei bei Kindern eine sehr häufige Form des Protestes ist und 
2. B. zur Erfindung von Geheimsprachen, Geheimzeichen usw. führt) und 
führten bei jeder neuen Gouvernante ein ganzes Programm von Sekkaturen 
und Quälereien durch, bis sie nichts mehr erfinden konnten und auf 
Mittel und Wege sannen, Um sie ganz aus dem Wege zu schaffen 
und durch ein neues Unterhaltungsobjekt ersetzen zu lassen. Der Bub 
hatte nun bemerkt, daß der Vater, der auf das Essen viel hielt, die 
Köchin als das wichtigste Mitglied des Haushaltes ansah, und darauf 



Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 219 



gründeten die Kinder ihren Plan. Der Köchin hintertrugen sie bös- 
willige, verleumderische Aussagen, die das Fräulein über sie getan haben 
sollte, und der Gouvernante dergleichen von der Köchin, bezeugten 
und unterstützten sich gegenseitig, bis die beiden Frauen außer Rand 
und Band gerieten und einen großen Skandal verursachten. Dem 
Vater wurde die Entscheidung des Streites anvertraut, und der behielt 
natürlich die Köchin und entließ die Gouvernante, womit die Kinder 
ihren Zweck erreicht hatten. 

Besonders bei dem Zusammenhang ist es unschwer, die weilgehende 



Verwendung des Kunstgriffes der Lüge zu erkennen. Durch diesen 
schlauen Plan hatten die Kinder nicht nur die Gouvernante und die 
Köchin überwunden, sondern auch Vater und Mutter gefoppt und 
lächerlich gemacht. Sie hatten den Druck der Autori- 
tät abgewälzt und eine enorme Steigerung ihres 
Persönlichkeitsgefühls genossen, woraus hervorgeht, 
daß auch jene Fälle, welche auf eine rein reale und bewußte 
Absicht hinzuzielen scheinen, die dunkelsten Mechanismen des infantilen 
Seelenlebens in Bewegung setzen können. 

Wenn sich nun die Lüge mehr als einmal als erfolgreiches und 
leichtes Mittel zum Erreichen der verschiedensten Ziele bewährt hat. 
kann sie in der Psyche eines unselbständigen, minderwertig organisierten 

Individuums leicht eine suggestive, übertriebene Bedeutung erlangen. 
Sie wird affektiv unterstrichen, herausgehoben, mit starken Lust- 
gefühlen verbunden und vor allem einer Devise unterstellt, die schon 
an und für sich richtunggebend wirkt und fortwährende unmittelbare 
Genugtuungen verschafft. Am häufigsten geschieht das in der Art, 
daß das Individuum in der Anwendung der Lüge ein besonderes 
Raffinement, ein Zeichen von überlegener geistiger Kraft und In- 
telligenz zu erblicken beginnt 1 . Überall dort, wo ihn ein Beweis oder 

auch nur ein Gefühl der Minderwertigkeit erwartet, findet er durch 
eine mehr oder minder geschickte Lüge den Weg zur Überlegenheit: 
Wie bin ich gescheit! Mir kann man doch nicht beikommen! 
Die letzte Konsequenz dieser Leitlinie finden wir in Oskar Wildes Apo- 
theose der Lüge wiedergegeben. „Wer die Wahrheit spricht, wird 

sicher früher oder später ertappt." „Eine Wahrheit ist nicht mehr 
wahr, wenn sie mehr als einer glaubt." „Vermeide Gründe jeglicher 
Art. Sie sind immer gewöhnlich, oft überzeugend." 

1 S. Otto Kaus : „Neurotische Lebenslinie im Einzelphänomen". Zentral- 
i)latt für Psychoanalyse, Januar 1913. 



220 Ober Lügenhaftigkeit beim Kinde 



Der Einfluß der Märchenerzählungen auf die Pseudologie ist in 
Ibsens „Peer Gynt" geschildert. Schrecker 1 hat gezeigt, wie der Knabe, 

der unter den kläglichen Zuständen seiner Umgebung leidet, das Ma- 
terial der Märchen verwendet, um seine Träume von Größe und Macht 
und seine Operationsbasis aufzubauen. Das Märchen (wenn nicht 
Dichtung und Kunst überhaupt) ist sozusagen eine sozial anerkannte, 
gesetzlich geschützte Form der Lüge. 

An einem Beispiel wollen wir ausführen, wie es einem Lügner mög- 
lich ist, auf dem entgegengesetzten Wege, nämlich dem der Wahrheit, 
dasselbe Ziel zu erreichen, zu dem ihm sonst die Lüge verhilft. Es 
ist eine Episode aus dem späteren Leben desselben Individuums, die 
wir jedoch zur Beweisführung heranziehen können, da sie die in- 
fantile Leitlinie genau, nur noch schärfer verfolgt. 

Herr P. geht in ein Kaffeehaus, um mit einem ihm mißliebigen 
(wohl mit dem Vater sehr befreundeten) Verwandten zusammenzu- 
kommen. Das Lokal ist überfüllt, er muß oft Platz wechseln, d. h. 

er muß sich beweisen, daß ihm alles gehört. Die erwartete Person führt 
ihn in ein Nebenzimmer. Beim Weggehen bemerkt er, daß ihm sein 
neuer Mantel gestohlen wurde. Sein erster Gedanke ist: Das 

hat man davon, wenn man mit L. zusammenkommt! Er ist 
schuld daranl — Nicht einen Augenblick fällt es ihm ein, sich 

selbst Vorwürfe zu machen, obwohl man allen Umständen nach ge- 
radezu den Eindruck bekommt, er habe den Diebstahl gewünscht und 

unbewußt arrangiert (um dann die fiktive Handhabe gegen die un- 
sympathische Unterredung zu haben); jedenfalls war es eine große 
Unvorsichtigkeit, den neuen, eleganten, lichtbraunen, sehr auffallenden 
Herbstmantel mit Seidenfutter frei hängen zu lassen. Er spürt nichts 
anderes als eine heimliche Freude und möchte am liebsten lachen. 
Auf die Aufforderung hin, der Polizei zu telephonieren, geht er zwei- 
mal ans Telephon und kommt immer zurück mit der Mitteilung, 
er habe keine Verbindung bekommen; in Wirklichkeit hat er es gar 
nicht versucht. Dann geht er fort, angeblich um die Anzeige zu 
erstatten. 

Zu Hause berichtet er gar nichts von dem Diebstahl, sondern wartet, 
daß die Hausgenossen selbst darauf kommen. Das ist auch bald der 
Fall. Seiner zweifelhaften, zögernden Haltung gegenüber schöpft der 
Vater Verdacht und beschuldigt ihn, nach Analogie von vielen ähnlichen 

1 Erscheint in „Wissen und Leben", Zürich. Vortrag im „Verein für freie 
psychoanalytische Forschung", Wien 1913. 



Über Lügenhaftigkeit beim (winde 221 



Streichen, den Rock versetzt zu haben". P. hat seinen Zweck erreicht, 
er ist unschuldig verdächtigt und hat den Vater ge- 
foppt. Er akzentuiert die Situation noch mehr, indem er alle Re- 
cherchen erschwert und, obwohl er behauptet, die Anzeige erstattet 

zu haben, nicht sagen will, wo und wann. Der Vater erkundigt sich 
vergebbch bei der Polizei und wird in seinem Verdacht natürlich be- 
stärkt. P. hetzt ihn noch weiter hinein durch die unwahrscheinliche 
Ausrede, er habe die Anzeige auf einen Zettel geschrieben und einem 
Messenger-Boy zur Übermittlung an die Polizei übergeben; der Bote 
habe wahrscheinlich seine Pflicht versäumt, er werde rekurrieren. 
Ob er damals überhaupt schon etwas unternommen hatte, war nicht 
zu eruieren. Es ist sehr möglich, daß er erst jetzt eingegriffen hat, 
nachdem er durch seine abwartende und zögernde Attitüde 
(Adler) die Situation bis zu jenem Punkte hatte gedeihen lassen, der 
ihm die meisten Vorteile versprach. 

Denn nun beginnt der Siegeslauf des Lügners, der durch 
einen seltsamen Zufall durch die äußeren Umstände gefördert wurde. 
Der Dieb wurde nämlich nach wenigen Tagen entdeckt, der Versatz- 
zettel des Mantels bei ihm gefunden und dem P. zurückgegeben. Wäh- 
rend der ganzen Zeit und bis zum letzten Augenblick lastete der Ver- 
dacht der Familie auf ihm, dem gegenüber er an der allerdings wahren 
(man möchte sagen zufällig wahren) Tatsache festhielt, der Mantel sei 
ihm wirklich gestohlen worden. Was nun folgte, die Überhebung und 
der Triumph, die den jungen Mann erfüllten, sind nicht zu schildern. 
In der allernächsten Zeit folgte natürlich eine unbarmherzige und 
rücksichtslose Lügenperiode. 

Es ist interessant zu beobachten, mit welchem Raffinement ein 
Pseudologe zu Werke geht, um auch jene Realien, welche seiner 
Haupttendenz, nämlich zu lügen, widerstehen, in seinen Plan 
einzubeziehen. In der ganzen Wirrnis von Tatsachen, die wir ge- 
schildert haben, war nur die eine wahr, der gestohlene Mantel, und 
die war jedoch so umsponnen mit Unwahrheiten und Fälschungen, daß 
P. es tatsächlich zustande gebracht hatte, durch die Wahrheit 
zu lügen; — um weiter im Anschluß daran dasselbe zu tun, was 
lügenhafte Kinder machen, die sich als Wahrheitsfanatiker aufspielen: 



sie halluzinieren (Adler) ein Gefühl der Wahrhaftigkeit, um 
desto erfolgreicher lügen zu können. — Auf einen Zug möchte ich noch 
in dem Zusammenhang hinweisen, nämlich darauf, daß in dem Falle 
die Empfindung der Lüge sicher viel stärker war als es dann zutrifft. 



222 Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 



wenn ein Individuum wirklich eine Unwahrheit auftischt. Ein Ethiker 
würde sagen: das böse Gewissen quält denjenigen, der Wahres lügt 
(während des Aktes selbst und auch später) mehr als den wirklichen 
Lügner. Die Erklärung glauben wir darin zu finden, daß der Pseu- 
dologe, der ja eine Steigerung seines Persönlichkeitsgefühls anstrebt, 
es vermeiden muß, bei der Handhabung seiner Mittel ein Gefühl der 
Unsicherheit und Minderwertigkeit einzuspinnen, weil sonst das End- 
resultat geschwächt wird; er darf sich nicht vor sich selbst 
blamieren. Während derjenige, der nur die Wahrheit verdreht, 
eben in dieser Wahrheit einen Rückhalt für eventuelle Erniedrigungs- 
empfindungen hat und andererseits das „böse Gewissen" zum Arran- 
gement der äußeren und inneren Situation braucht: er selbst ver- 
schafft sich dadurch das Junktim zur treibenden Fiktion der Lüge 
und die anderen werden durch seine Unsicherheit in ihren Zweifeln 
und ihrem Verdacht bestärkt, was sie müssen, um zuletzt gefoppt zu 
werden. 

Oft hört man von Lügnern die Entschuldigung: Es ist ja im Grunde 
wahr ! — Oder : wenn es nicht stimmt, so könnte es stimmen I usw. 
Redensarten, welche auf die Selbsttäuschung hinweisen, in welcher 

sich der Pseudologe befindet. 

Mit einer autobiographischen Skizze als Illustration dieses Gedanken- 
ganges, dessen Weiter Verfolgung uns viel zu weit führen würde, möchten 
wir unsere Ausführungen beschließen: 

Die Geschichte einer Lüge. 

Die kleine Lügnerin, von der hier erzählt werden soll, ist ein etwa 
elfjähriges Mädchen, deren starkes Phantasieleben durch begünstigende 
Umstände ihren Wirklichkeitssinn oft weit überwiegt. Ihr unerfülltes 
und hierdurch noch gesteigertes Zärtlichkeitsbedürfnis treibt sie förm- 
lich in ihre Traumwelt hinein, in der sie sich für all das zu ent- 
schädigen sucht, was ihr in Wirklichkeit versagt erscheint. Denn sie 
fühlt sich gegenüber ihren Geschwistern tief zurückgesetzt, die aber 
nur durch ihr ruhigeres, vernünftigeres Wesen ihrer Umgebung viel 
leichtere Umgangsmöglichkeit bieten als ihr überempfindliches, reiz- 
bares Temperament. Ihre Mutter aber, selbst eine nervöse, impulsive 
Natur, verliert in den Konflikten mit diesem Kinde oft alle Selbst- 
beherrschung und es kommt auf beiden Seiten zu Zornausbrüchen und 
immer stärkerer Erbitterung. So wird ihre Liebe wund unter sinnlosen 
Reibereien und Ärgernissen, die die Mutter gegen das Kind verstimmen 
müssen, diesem aber die Möglichkeit erschweren, sich dem harmlos- 



Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 223 



fröhlichen Familienleben freudig einzufügen. Durch das Gefühl der 
Zurücksetzung bald von bitterem Trotz, bald von stumpfer Teil- 
nahmslosigkeit erfüllt, kommt ihr Gefühlsleben im Kreise ihrer Familie so 
ungenügend zur Geltung, daß sie sich eine eigene Welt errichten muß, 

fernab von der Wirklichkeit, im uferlosen Traumland, um sich dann 
unter den Menschen die Träger ihrer Idealgestalten zu suchen, an die 
sie sich in blindem Fanatismus klammert. So bildet sich auch ein 
Idealbegriff der Freundschaft in ihrer Seele aus, durch 
dessen Übermaß jene Verwirrung in ihr entstand, die sie vor der 
Welt zur Lügnerin stempeln sollte. * 

Es war auf dem Land, wo zu A.s Jubel auch ihre beste Freun- 
din weilt, deren Familie mit der ihrigen auch befreundet ist. Und 
in der goldenen Ferienzeit, in 'der auch der Alltag, frei von jedem 

Schulzwang, voll von Wundern ist, und die Phantasie ins Leben über- 
greift, versetzt A. all die Erlösungsträume ihrer Seele in die Freund- 
schaft mit der Altersgenossin. Und lebt in einer Idealwelt, die sie für 
Wahrheit nimmt, und die vielleicht noch gefährlicher ist, als die ge- 
wohnten Träume von den Märchen wundern. Denn in dieser ist ihr 
die Grenze der Möglichkeit doch immer bewußt geblieben; nun aber 
umkleidet sie Menschen aus der Wirklichkeit, wie jetzt auch die 
Freundin, mit ihren Illusionen und rückt daher deren wahrem Wesen 
und den Geboten des alltäglichen Lebens immer ferner. 

Zu den beiden freundschaftlich miteinander verkehrenden Familien 
gesellt sich öfter eine Hof rätin mit ihren Kindern, die aber wegen 
ihrer Ziererei und Hochnäsigkeit bei den anderen wenig beliebt sind. 
Eines Tages, da A. von einem Besuch bei der Familie ihrer Freundin 
heimkehrt, begegnet sie der ältesten, schon erwachsenen Hofratstochter, 
und da sie gerade besonders heiter und unbefangen gestimmt ist, gefällt 
ihr Wesen diesmal so gut, daß sie aufgefordert wird, einige Zeit zu ver- 
weilen. Das Gespräch kommt nun auch auf Familie 0., und die 
Hofratstochter spricht in mißbilligendem Ton über die lärmende Art 
dieser Kinder, der gegenüber sie das feine, ruhige Wesen ihrer kleinen 
Schwester hervorhebt. Bei ihren gemeinsamen Spielen hört man immer 
nur die anderen heraus. Aber in ihrer Familie ist so eine Art nicht 
üblich, und man würde sie ihrer Schwester auch nicht angehen lassen. 

A., vom Bann des Augenblicks gefangen genommen, gibt zu, daß 
ein ruhiges Benehmen gewiß viel feiner sei als ein lautes. Sie verab- 
schiedet sich in bestem Einvernehmen. — Aber wie sie wieder allein 
ist, beginnen sich ihre Gedanken mit dem Vorfall zu beschäftigen, und 



224 Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 



ihr ihn nochmals, schon in die Sphäre ihrer Phantasterei entrückt, 
vor die Seele zu führen. Und nun wird ihr klar, daß die Hofrats- 
tochter eigentlich in empörender Weise über ihre Freunde geschimpft 
hat. Das Schrecklichste dabei aber ist, daß sie selbst sich so gleich- 
gültig verhielt, ihr Freundschaftsideal gar nicht hochgehalten hat. 
Aber es darf ihr nicht verloren gehen. Sie muß ihr Versehen wieder 
gut machen. — Hätte sie gleich kräftig dagegen gesprochen, so wäre 
die Sache erledigt gewesen. Nun aber kann sie nichts anderes mehr 
tun, als der Freundin alles wiedersagen, um sie vor der Falschheit 
dieser Leute zu warnen, gegen die sie nun gemeinsam Partei nehmen 



*» 



müssen. 



Da naht das Verhängnis. — Familie O . . . . , aufs tiefste verletzt, 
beschließt, den Verkehr mit der Hofratsfrau abzubrechen und sie wegen 
der beleidigenden Äußerungen zur Rede zu stellen. Die nun folgende 
Aussprache aber bringt für beide Teile das Ergebnis von A.s lügnerischer 
Hinterbringung des Gesagten. Die Hofratstochter ist allerdings hier- 
durch gezwungen, die tatsächlich gefallenen Bemerkungen festzustellen, 
und sie genügen, um eine Spannung zwischen den beiden Familien 
zu bewirken. Die schwerwiegendsten Folgen aber treffen A., die sich 
vor sämtlichen Betroffenen, auch ihren Angehörigen, zu verantworten 
hat, denen gegenüber sie kein Wort von dem Vorfall erwähnte. Zit- 
ternd, tief beschämt, daß sie am liebsten in den Erdboden versinken 
möchte, steht sie vor ihnen. Sie soll nun wiederholen, was gesagt 
worden ist. Aber in diesem Augenblick der Vernichtung verschwimmt 
alles in ihrer Vorstellung. Was sie bis vor kurzem noch als feste 
Überzeugung empfunden hat, ist nun, von dieser grausamen Ernüch- 
terung, die ihre Gedanken so hart auf die Wirklichkeit stößt, wie 
ausgelöscht. Vergebens lauscht sie in sich hinein, auf eine errettende 
Stimme. Da wird sie aus ihrem Schweigen gerissen. Die Hofrats- 
tochter herrscht sie an, zu antworten, ob sie vielleicht dies und jenes 
gesagt hätte. Und so muß sie nun, im Gefühl grenzenloser Er- 
niedrigung, ihre Lüge eingestehen. A.s Mutter, durch das Verhalten 
ihres Kindes selbst aufs tiefste beschämt, kann als einzige Rechtfertigung 
nur die Versicherung geben, daß A. bestraft werden wird, wie sie 
es verdient. Dann gehen die drei Familien auseinander, für immer 
geschieden. 

Die Zeit, die jetzt für A. folgt, gehört mit zu der schwersten ihres 

Lebens. Ihre Familie, die ihre schlechte Veranlagung mehr denn je 
bestätigt fand, beschließt, energisch dagegen einzuschreiten. Sie soll 



Über Lügenhaftigkeit beim Kinde 225 



strenger gehalten, schärfer beaufsichtigt werden, vor allem aber durch 
empfindliche Strafen einen warnenden Denkzettel an ihre Verlogenheit 

erhalten. Die geringste Freiheit wird ihr untersagt, die Ferienzeit 
größtenteils durch Straf arbeiten ausgefüllt. Das Bitterste aber ist, 
daß sie von ihren Angehörigen kaum mehr eines freundlichen Blickes 
gewürdigt wird. Jeder glaubt, sie aus erziehlichen Gründen seine Ver- 
achtung fühlen lassen zu müssen und stößt sie immer tiefer in ihre 
Vereinsamung und Haltlosigkeit hinein. An dem frohen Scherzen und 
Spielen der anderen darf sie nicht teilnehmen, damit ihr ihr Vergehen 
immer recht empfindlich vor Augen bleibt. Nirgends Milde und Ver- 
söhnung. Sie selbst aber steht ihrer Schuld völlig fassungslos gegenüber. 
Denn sie weiß es kaum selber, wie diese Lügen in ihre 
Seele kamen. So lebt sie sich in ihrer Verzweiflung immer tiefer 

in die Rolle der Märtyrerin hinein, ihre Phantasie treibt ihre Qual 
weit über das wirkliche Maß, und sie reibt ihre Nerven in zwecklosen 

Leiden auf. Dieser künstlich gesteigerte Schmerz aber wechselt oft mit 
stumpfer Erschöpfung und Ergebenheit, und dies ist auch die Stimmung, 
die ihr Wesen nach außen hin am stärksten beeinflußt. Weiß und 
spricht doch fast das ganze Dorf von der Verfeindung der drei Familien 
durch ihre Lügenhaftigkeit, so daß sie fast niemandem mehr frei, ohne 
vernichtende Scham in die Augen zu blicken vermag, schon allein aus 
Angst, durch das Urteil der anderen immer wieder vor ihre Schuld 
gestellt zu werden. Niemand hilft ihr, über sie hinwegzukommen und 
ihre Seele wieder aufzurichten. Und so ist nun in der weiteren Ent- 
wicklung ihres Wesens — vielleicht für immer — , etwas von der Ver- 
zagtheit und Gedrücktheit dieser Tage haften geblieben." 

Ohne die inhaltsreiche Episode näher zu untersuchen, wollen wir 
nur das eine hervorheben: daß sich die Lügnerin, weit davon ent- 
fernt, auch nur einen Augenblick (weder vor noch nach dem 
Akt) an der Berechtigung ihrer Tat zu zweifeln, von einem gewissen 
heroischen Gefühl getragen wird und alle Konsequenzen ihrer Lüge 
nur gegen die anderen ausspielt. Die möglichen Schlußfolgerungen 
aus dieser Idee würden uns zu weit in das Gebiet der Pädagogik, Kri- 
minalistik und Psychiatrie führen, — sie leiten hinüber zu den Phäno- 
menen des Verbrechens, der Halluzination, der Wahnidee, von denen 
wir den Mechanismus der Lüge wahrscheinlich ebensowenig abgrenzen 
können, wie wir Wahrheitsagen von Lügensagen unterscheiden konnten. 



15 



Fortschritte der Stottererbeharidlung. 

Von Direktor Alfred Appelt. 

Nahezu alle Stotterer, die sich bemüht haben, mit Hilfe von Atem-, 
Stimm- und Artikulationsübungen Heilung von ihrem Leiden zu finden, 
mußten die Erfahrung machen, (daß sich all ihre Mühe und Anstrengung 
als fruchtlos erwiesen; vielen blieb sogar die traurige Gewißheit nicht 
erspart, daß sich die Fesseln, je mehr sie an ihrer Beseitigung arbeiteten, 
nur *im so fester um sie zusammenzogen. Leider stellten die mechani- 
schen Sprechmethoden bis zum Beginne dieses Jahrhunderts die einzige 
Therapie der Sprachanomalien dar, abgesehen von sporadischen, in der 
Regel ganz vergeblichen Versuchen, dem Leiden durch hypnotische 
Suggestionen den Boden zu entziehen. Obschon die Zahl der bis zur 
Gegenwart zur Anwendung gebrachten mechanischen Methoden Legion 
zu sein scheint, so findet man doch bei näherer Betrachtung, daß sie 
ausnahmslos dasselbe Ziel verfolgen, nämlich durch systematische Ein- 
übung der Sprach Werkzeuge das Selbstvertrauen des Patienten zu heben. 
Er soll sich sagen : „Ich habe die Übungen wochenlang in der Anstalt 
tadellos ausgeführt, ich werde daher auch fern von ihr fehlerfrei 
sprechen können." Diese Auto-Suggestion erlangt bei einer ansehn- 
lichen Anzahl der Leidenden — vorausgesetzt, daß der Lehrer die Heran- 
bildung der Suggestion durch seinen persönlichen Einfluß kräftig 
unterstützt — eine solche Intensität, daß die Sprechangst für einige 
Zeit verschwindet und die Innervation des Sprechaktes glatt vonstatten 
geht. Die wirkliche Basis des Leidens ist indes, wie wir später sehen 
werden, Dicht im mindesten verändert, geschweige denn beseitigt worden, 
und es kann daher nicht wundernehmen, daß fast alle scheinbar Geheil- 
ten binnen kurzer Zeit wieder rückfällig wurden. Ist nämlich der 
„Geheilte" sich bewußt, daß er bei Wiederkehr eines Stotterparoxysmus 
die Regeln der Sprechmethode sorgfältig angewandt hat, gleichwohl 
aber vor dem Anfall nicht bewahrt geblieben ist, so beginnt dieser Ge- 
danke sofort die Auto-Suggestion zu erschüttern, mit dem unausbleib- 
lichen Erfolge, daß sein Selbstvertrauen sinkt, die Angst sich wieder 
einstellt und damit weitere Anfälle ermöglicht. Sobald aber die Sprech- 
angst sich wieder fühlbar macht, nützen alle Sprechmethoden so gut 
wie nichts, weil der geradezu paralytische Zustand der Sprachorgane 
es dem Leidenden unmöglich macht, sie nach Willkür zu bewegen 



Fortschritte der Stottererbehandlung 227 



Von Tag zu Tag nimmt die Häufigkeit wie auch die Intensität der 
Anfälle zu, bis der Patient schließlich der Tatsache gegenübersteht, 
daß er seinem Leiden wieder vollständig verfallen ist. In sehr ver- 
einzelten Fällen ist es möglich, die Auto-Suggestion so stark zu machen, 
daß feine dauernde Heilung erzielt wird. Wer Gelegenheit gehabt, die 
in Anstalten mit Hilfe von Sprechmethoden erzielten Dauerheilungen 
festzustellen, -wird mir zugeben, daß dieselben nicht einmal im Durch- 
schnitt zehn v. H. erreichen. 

Es verlohnt sich nicht, auf einzelne der bis zum heutigen Tage ange- 
wandten mechanischen Methoden einzugehen, weil es füf die wirkliche 
Heilung von Sprachanomalien ganz gleichgültig ist, auf welchen besonde- 
ren Punkt bei der physiologischen Einübung der für das Sprechen nötigen 
Bewegungen das Hauptgewicht gelegt wird. K u ß m a u 1 hatte das 
Naturwidrige und Zwecklose solcher Übungen * richtig gewertet, wenn 
er sagt: „Daß wir die Konstruktion unserer Sprechmaschine gar 
nicht kennen, ist die beste Garantie für den glatten Ablauf der Bewe- 
gungen, den sicheren und raschen Gang der Sprache. Indem der Wille 
schon alles vorgearbeitet findet und über die präformierten und einge- 
schulten Mechanismen einfach zu seinen Zwecken verfügt, wird er 
diese am leichtesten erreichen. Wie der Heerführer, um die hundert- 
tausend Glieder seiner wohlorganisierten und eingeübten Armee in den 
richtigen Gang zu setzen, nur im großen und ganzen seine Befehle zu 
erteilen hat, so brauchen wir zur Ausführung der kombiniertes ter; 
Bewegungsreigen unserer Sprachwerkzeuge nur durch dieses Wort oder 
jenen Satz einen Gedanken äußern zu wollen, um ihn wirklich zu äußern ; 
glücklicherweise haben wir uns hierbei um die dazu erforderlichen 

Einzel Vorgänge im Verkehr der unzähligen inneren Telegraphenstati- 
onen nicht weiter zu kümmern 1 ." 

In neuerer Zeit ist dieser Tatsache von einigen Stotterheilanstalten 

gebührend Rechnung getragen worden und man hat sich bemüht, unter 
Vermeidung von methodischen Artikulations- und Atemübungen das 
Übel durch Stärkungskuren, Ruheübungen und Heterosuggestionen zu 
beseitigen. Ich selbst habe dieses Rüstzeug im Kampfe gegen Sprach- 
störungen jahrelang benutzt, konnte aber nicht umhin, schließlich wahr- 
zunehmen, daß eine wesentlich höhere Anzahl von Dauerheilungen auch 
damit nicht zu erzielen war. 

Obschon seit Denhardt 2 von einer Reihe einsichtiger Lehrer klar 



1 Kuß maul: Die Störungen der Sprache. 1885. S. 5 und 6. 

2 Denhardt: Das Stottern, eine Psychose. 1890. 



15« 



228 Fortschritte der Stottererbehandlung 

erkannt worden war, daß Sprachstörungen sich auf einer psychischen 
Basis aufbauen, gelang es ihren Bemühungen doch nicht, die psychische 
Struktur zu durchschauen und den Grund zu einer rationellen Therapie 
für die Heilung des Stotterns zu legen. Die nötige Einsicht gestattete 
endlich die von den Wiener Ärzten Breuer und Freud begründete 
psychoanalytische Methode, die die individuellen Eindrücke und das 
Weltbild des Kranken gebührend in Ansatz brachte, um daraus das 
Verständnis für das bisher Rätselvolle zu gewinnen. Die ersten Forscher 

auf dem Gebiete der Psychoanalyse hoben hervor, daß bei der Ent- 
stehung von Neurosen der traumatische Einfluß sexueller Erlebnisse 
mit ihren Folgen (Verdrängung und Verschiebung) als das wesentlichste 
auslösende Moment anzusprechen sei. Bei der Erweiterung dieser Lehre 
gelangte Freud dahin, die „sexuelle Ätiologie" für alle Neurosen als 
das Entscheidende hinzustellen. Obschon weitere Erfahrungen bald 
ergaben, daß die sexuellen Kindheitseindrücke der Nervösen keineswegs 
sonderlich von denen der Normalen abweichen, hielt er daran fest, 
daß die „psychosexueile Konstitution " ausnahmslos die Basis neu- 
rotischer Erkrankungen bilde, deren Symptome sich unter dem Einfluß 
einer anomalen Verteilung der Libido, der psychischen Lust, und bei 
Eintritt einer auslösenden Konstellation einstellten. 

Die Auffassung Freuds, daß die Neurosen ein libidinöses System 
seien, ist vielfach — und mit Recht — angegriffen worden, wobei 
nehmlich auf die Tatsache hingewiesen worden ist, daß es keine Norm 
in der Lustwertung gibt, und daß es deshalb nicht angängig ist, das 
psychißche Geschehen auf solch schwankender Basis aufzubauen. Hand 
in Hand mit der Theorie von dem sexuellen Ursprünge der Neurosen 
geht ein weiterer Irrtum Freuds, nämlich daß der Neurotiker unter dem 
obsedierenden Einflüsse infantiler „verdrängter" Wünsche stehe, die 
in Träumen und bei gewissen Anlässen im Leben Verwirklichung an- 
streben. 

Obgleich das sehr verdienstvolle Werk Freuds von vorurteilslosen 
psychologischen Kreisen wohlverdiente Anerkennung gefunden, konnte 
schließlich doch flicht verkannt werden, daß dasselbe nur als eine Vor- 
arbeit für eine Vertiefung der Erkenntnisse in der Neurosen-Psychologie 
zu betrachten ist. Es war Alfred Adler vorbehalten, die heuristisch 
wertvollen Irrtümer Freuds aufzuzeigen und jene Momente festzustellen, 
die der gesunden wie der kranken Psyche in allen Lagen des Lebens 
Ziel und Richtung 




ui:. 



Im Gegensalz zu Freud, der die Anschauung vertritt, daß die Wurzel 



Fortschritte der Stottererbehandlung 229 

der Neurose vom Charakter des Kranken unabhängig sei, fand 
Adler, daß eine eigenartige Struktur des Charakters den innersten 
Kern jeder neurotischen Erkrankung bildet 1 . Für den Aufbau des 
nervösen Charakters sind nach Adler zwei Faktoren verantwortlich zu 
machen: einmal ein ausgesprochenes, vom Kinde als unerträglich ge- 
fühltes Minderwertigkeitsgefühl und zum andern — als psychische Re- 
aktion — hypertrophische Kompensationsbestrebungen. Das Minder- 
wertigkeitsgefühl leitet sich regelmäßig von angeborenen Organminder- 
wertigkeiten her, die die Einfügung des Kindes in den Kulturbetrieb 
in der Regel ungemein erschweren und es in häufige Konflikte mit der 
Umgebung bringen. Um dem bedrückenden Gefühl der Minderwertigkeit 
zu entgehen, beginnt das konstitutionell belastete Kind früh mit Ver- 
suchen, die dahin zielen, einen festen Standpunkt zu gewinnen, von dem 
aus es ihm möglich ist, das Verhältnis seiner Fähigkeiten zu den Problemen 
des Lebens abzuschätzen. „Von diesem Standpunkte aus, der als ruhen- 
der Pol in der Erscheinungen Flucht angenommen wird, spannt die kind- 
liche Psyche Gedankenfäden zu den Zielen seiner Sehnsucht. Auch 
diese werden von der abstrakten Anschauungsform des menschlichen 
Verstandes als feste Punkte erfaßt und sinnlich interpretiert. Das 

JL 

Ziel: groß zu sein, stark zu sein, ein Mann, oben zu sein, wird in der 
Person des Vaters, der Mutter, des Lehrers, des Kutschers, des Lokomo- 
tivführers usw. symbolisiert, und das Gebaren, die Haltung, identifizie- 
rende Gesten, das Spiel der Kinder und ihre Wünsche, Tagträume und 
Lieblingsmärchen, Gedanken über ihre künftige Berufswahl zeigen uns 
an, daß die Kompensationstendenz am Werke ist und Vorbereitungen 
für die zukünftige Rolle trifft. Das eigene Gefühl der Minderwertigkeit 
und Untauglichkeit, das Gefühl der Schwäche, der Kleinheit, der Un- 
sicherheit wird so zur geeigneten Operationsbasis, die aus den anhaften- 
den Gefühlen der Unlust und Unbefriedigung die inneren Antriebe her- 
gibt, einem fiktiven Endziel näher zu kommen' 4 (Adler, I. c). Weil 
das unter dem Gefühl der Mindenver tigkeit und Schwäche leidende 
Kind von der Furcht beherrscht ist, daß ihm eine Rolle zufallen könne, 

die ihm als unmännlich erscheint, so ist es nur natürlich, daß 
seine Kompensationstendenz, sein „männlicher Protest", mit aller 
Macht dahin strebt, eine Erhöhung seines Persönlichkeits- 
gefühls herbeizuführen, dessen einfache Formel „Ich will oben, 

1 

1 Adler: Ober den nervösen Charakter. Bergmann, Wiesbaden 1912. 
Siehe ferner die am Schlüsse des eben genannten Werkes angezogenen weiteren 
Schriften desselben Autors. 



230 Fortschritte der Stottererbehandlun; 



ich will ein ganzer Mann sein!" mit geringer Modifikation für beide 
Geschlechter (gilt. Diese leitende Fiktion beherrscht die neurotische 
Psyche fast in allen Lebenslagen und führt infolge des Umstandes, 
daß dem Kinde der Verzicht auf Männlichkeit gleichbedeutend mit 
Weiblichkeit erscheint, sehr bald dahin, daß es alle Hemmungen der 
Aggression (Schüchternheit, Feigheit, Unwissenheit, Gehorsam, Armut 

usw.) als weiblich auffaßt. Diese kindlichen Werturteile haben not- 
wendigerweise zur Folge, daß das Kind eine hermaphroditische Rolle 
spielt: auf der einen Seite wird es „weibliche" Neigungen zeigen, die 
seine Unterwerfung und Abhängigkeit von Eltern und Erziehern er- 
kennen lassen, auf der andern Seite dagegen Wünsche, Gedanken und 
Handlungen, die seine „männliche" Geltungssucht, seinen „Willen zur 
Macht" (Nietzsche) zum Ausdruck bringen. 

Der männliche Prolest, die Neigung, von der weiblichen zur männ- 
lichen Linie abzurücken, erfolgt zwangsmäßig und beherrscht die ge- 
samte psychische Struktur der Neurosen und ihrer Symptome. Auch 
die Phantasien und das Traumleben des Kranken geraten gänzlich unter 
die Herrschaft dieser fiktiven Leitlinie und es läßt sich verstehen, 
wie sich Freud durch die Verwendbarkeit des sexuellen Bildes, das sich 
aus dem ideellen Gegensatz „männlich- weiblich" "herschreibt, hat ver- 
leiten lassen, seine Grundanschauung von der sexuellen Ätiologie der 
Neurosen aufzustellen. Tatsächlich sind das Sexuelle wie das „Krimi- 
nelle" (Stekel) lediglich Ausdrucksformen, die bald der hyperaktiven 
(männlichen), bald der passiven (weiblichen) Manifestation der Neu- 
rose zur Darstellung dienen, ebenso sind der Inzest, die Homo- 
sexualität und andere Perversionen nur Gleichnisse, die den Umwes" 
erkennen lassen, mit dessen Hilfe der Nervöse sucht, zum männlichen 
Protest, zur Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls zu gelangen. 

Weil das dem disponierten Kinde unerträgliche Gefühl der Minder- 
wertigkeit gebieterisch nach einer sichernden Zwecksetzung verlangt, 
ist es naturgemäß, daß es unter äußerster Anspannung seiner psychi- 
schen Mittel bestrebt ist, seine schwache Position durch einen schützen- 
den Vor- und Überbau nach Möglichkeit zu befestigen. Diese Schutz- 
dämme und Hemmungen, um deren Aufrechterhaltung und Befestigung 
der Nervöse sich, ohne es zu wissen, fast unaufhörlich müht, machen das' 
Wesen jeder neurotischen Erkrankung aus. Die Neurose ist daher kein 
Libidosystem, sondern ein Sicherungssystem, geboren aus dem den Ner- 
vösen beherrschenden Zwange, eine Erhöhung des Persönlichkeitswertes 



Fortschritte der Stottererbehandlung 231 

mit allen Mitteln herbeizuführen und so dem unerträglichen Gefühl 
der Schwachheit und Untauglichkeit zu entgehen. 

Bevor ich nun dazu übergehe, in groben Umrissen zu zeigen, daß die 
Adlersche Lehre von der Minderwertigkeit der Organe, sowie von den 



psychischen Kompensationen und Sicherungstendenzen ausnahmslos 
auch fcuf alle Formen des Stotterns Anwendung findet, möchte ich be- 
merken, daß ich zahlreiche Stotter fälle anfangs mit der Psychoanalyse im 
Freudschen Sinne behandelt habe, bei schweren Fällen damit aber be- 
friedigende Resultate nicht habe erzielen können. Abgesehen davon, 
daß Freud den unbewußten Lebensplan des Nervösen und damit die 
Dynamik der Neurose nicht recht erkannt hat, überzeugten mich meine 
Beobachtungen an schweren Stotterfällen, daß die Mißerfolge mit der 
Freudschen Methode namentlich auf zwei Momente zurückzuführen 
sind: auf die unbefriedigende Lösung des Angstproblems und auf die 
ungenügende Betonung und Aufhellung des von der neurotischen Psyche 
in abnormem Ausmaße geübten Vorausschauens und Vorausdenkens, 
einer Neigung, von deren Intensität in schweren Fällen sich der 
Gesunde kaum eine annähernde Vorstellung bilden kann. Adler hat 
beide Faktoren sehr richtig als die Ausflüsse einer visuell-halluzi- 
natorischen Fähigkeit erkannt, die im Dienste der Sicherun gsten den z 
steht und darauf abzielt, den Patienten vor einer Herabsetzung seines 
Persönlichkeitsgefühls zu schützen. Je größer das Minderwertigkeits- 
gefühl ist, desto intensiver macht sich die Sprechangst und die Antizi- 
pation fühlbar; die letztere wirkt in manchen Fällen so stark, daß das 
Wortbild Zentrum geradezu in einen illuminationsartigen Zustand ver- 
setzt wird und „schwere" Buchstaben und Worte sich dann als hohe 
Hindernisse vor dem geistigen Auge des Leidenden aufstellen. Die 
Anwendung der Freudschen Theorie, wonach die Angst durch Verdrän- 
gung infantiler erotischer Wünsche entstanden sein soll, hilft dem 
Stotterer wenig, was nicht verwundern kann, wenn man berücksichtigt, 
daß diese Wünsche selbst schon unter dem Zwange der neurotischen 
Zwecksetzung ßtehen. Diese kindlichen sexuellen Wünsche wie auch 
die späteren Perversionen gliedern sich sämtlich der einheitlichen Dyna- 
mik der Neurose an, und nur dadurch, daß die Dynamik bei der Behand- 
lung ständig im Auge behalten und dem Patienten bewußt gemacht 
wird, lassen sich die Sicherungen und Hemmungen, auf denen die 
Sprachstörungen beruhen, für immer beseitigen. 

Soweit es der Raum erlaubt, will ich nunmehr an Hand eines um- 
fangreichen Materials zeigen, welche Feststellungen ich an einer großen 






232 Fortschritte der Stottererbehandlung 



Anzahl von mir psychoanalytisch behandelter Stotterer habe machen 
können. 

Was zunächst die Frage der Organminderwertigkeit betrifft, so fand 
ich als äußere Degenerationszeichen besonders häufig Mißbildungen 
der Ohren, der Beine und der Genitalien (Kryptorchismus, Verwach- 
sungen und Hypospadien) ; ferner, meist als Folge einer überstandenen 
Rhachitis, unverhältnismäßige Kleinheit, Langsamkeit und Plumpheit. 
Neigungen und Krankheitserscheinungen, die auf angeborene Minder- 
wertigkeiten der Mundhöhle zurückzuführen sind, wie Daumenlutschen, 
Lippensaugen, Diphtherie, Krupp, Mandelentzündungen, ließen sich 
fast regelmäßig feststellen. Hinsichtlich des Harn- und Verdauungs- 
apparates wurde mir von Enuresis (Bettnässen), Erbrechen, Incontinentia 
alvi und Obstipation (Verstopfung) berichtet, Schwierigkeiten, die sehr 
frühe ein Minderwertigkeitsgefühl, Furcht vor Bestrafung und ängst- 
liche Vorsicht beim Essen und Schlafen im Gefolge haben. Besonders 
Enuresis habe ich nahezu in allen Fällen gefunden, in denen Stottern 
vor dem fünften Lebensjahr begann. 

Die Minderwertigkeit der Mundzone und damit die besondere Dispo- 
sition zu Sprachschwierigkeiten habe ich häufig auf direkte Vererbung 

zurückführen können. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß 
Stottern in vielen Familien erblich ist; man darf indessen die erbliche 
Belastung nicht so auffassen, als ob der fertige Stottermechanismus 
als latente Disposition von den Eltern auf das Kind unmittelbar über- 
tragen werde. Das minderwertige Organ bedarf ja zweifellos längerer 
Zeit, um zur normalen Funktion zu gelangen, und auf dem Wege der Ent- 
wicklung fergeben sich naturgemäß leicht Schwierigkeiten und Störungen, 
die das Kind nur mit gesteigerten Leistungen seiner Psyche zu über- 
winden vermag; diese Störungen resultieren nicht selten — meist zwi- 
schen dem zweiten und dritten Lebensjahre — in Stammeln oder Stot- 
tern, das sich jedoch indes gewöhnlich nach einigen Monaten dank der in- 
zwischen erlangten größeren Übung und Sicherheit wieder verliert. Um 
aber Sprachstörungen zu fixieren oder später zu entwickeln, dazu bedarf 
es, wie wir sehen werden, eines schwerwiegenden psychischen Momentes, 
einer zwanghaft und unablässig wirkenden Zielsetzung, die nicht ererbt, 
sondern vom Kinde selbst als Sicherung gegen die Schwierigkeiten des 
Lebens aufgerichtet worden ist. Wäre der konstitutionelle Faktor allein 
verantwortlich, so ließe sich der Umstand nicht erklären, daß von 
Kindern stotternder Eltern meist nur das zweite oder das jüngste Sprach- 
störungen zeigen, während die übrigen davon völlig verschont bleiben. 



Fortschritte der Stottererbehandlung 233 



Ich habe nicht selten gefunden, daß das Gespenst der erblichen Be- 
lastung in den Köpfen mancher Stotterer Unheil insofern anrichtet, als 
sie geneigt sind, starr an der Anschauung festzuhalten, daß ihr „ererb- 
tes Leiden" unmöglich der Heilung zugeführt werden könne. Im tiefsten 
Grunde beruht diese ihre unbeugsame Meinung lediglich auf Trotzein- 
stellung gegen den stotternden Teil der Eltern, dem sie gern die ganze 
Verantwortung für ihr Leiden und die damit verknüpften sozialen Nach- 
teile aufbürden. Wenn die ererbte Disposition den gewichtigsten Faktor 
beistellte, so würde man zu der Erwartung berechtigt sein, daß Stottern, 
das sich ununterbrochen durch drei oder mehr Generationen verfolgen 
läßt, besondere Intensitätsgrade aufweist. Dies ist indessen nach meinen 
Erfahrungen keineswegs die Regel. 

Wie soeben erwähnt, gelingt dem minderwertigen Organe die Über- 
windung von Schwierigkeiten nur durch erhöhte psychische Leistungen, 
eine Kompensation, die oft die gesamte Psyche befruchtet und charakte- 
risiert. Adler hatte schon vor Jahren in seiner „Studie über Minder- 
wertigkeit von Organen" darauf hingewiesen, daß die ungewöhnlichen 
Leistungen des griechischen Redners Demos thenes, des hebräischen 
Volksredners und Führers Moses und anderer, die ursprünglich mit 
Sprachschwierigkeiten schwer zu kämpfen gehabt haben, auf eine über- 
wertigkeit des psychomotorischen Überbaues zurückzuführen sind. 
Leider gelingt die Kompensation in vielen Fällen nur teilweise und es 
ergeben sich dann psychische Spannungen, die zeitweiligen gesteigerten 
Anforderungen nicht gewachsen sind. So kann man häufig beobachten, 
daß Stotterer, deren Leiden sich allmählich von selbst wieder verloren 
hat, unter schwierigeren Umständen, wie bei Schreck oder großer 
Aufregung, bei Prüfungen usw., wieder in den „Kinder fehler" zurück- 
fallen und Sprachstörungen zeigen. 

Um Stottern auf die Dauer zu fixieren, bedarf es einer Reihe von 
Momenten, die geignet sind, beim Kinde das Gefühl der Organminder- 
wertigkeit einen solch unerträglichen Grad erreichen zu lassen, daß 
es zu neurotischen Kompensationserscheinungen kommt. Beim Über- 
gang aus der organischen Minderwertigkeit zur neurotischen Psyche 
kommen vornehmlich zwei Faktoren in Betracht: 

I. Jedes Kind hat, weil es unter „Großen" (den Riesen in der Mytholo- 
gie und den Märchen) lebt, ein relatives Gefühl der Minderwertigkeit und 
zeigt, um diesem Gefühle zu entrinnen, sehr früh die Neigung, ein 
Gernegroß zu sein: in seinen Spielen und Tagträumen schafft es fast 
unaufhörlich Situationen, die ihm gestatten, Dinge zu tun, die ihm 



■ 



234 Fortschritte der Stottererbehandlung 



durch seine körperliche Beschaffenheit schwierig oder gar unmöglich 
gemacht sind. Was nun für ein Kind mit dem Gefühle einer relativen 
Minderwertigkeit gilt, findet in weit höherem Maße auf das Kind An- 
wendung, das unter dem Drucke eines absoluten Minderwertigkeits- 
gefühles zu leiden hat. Es ist genötigt, zunächst eine scharfe Selbst- 
einschätzung vorzunehmen, und, um den zahlreichen Übeln jder Inferiori- 
tät zu entgehen, dann zu einer Hilfskonstruktion zu greifen, indem es, 

ausgehend von seinem Gefühl der Schwachheit, Untauglichkeit und 
Unwissenheit, als fixen Punkt den Vater oder die Mutter annimmt, die 
ihm Kraft, Macht und Wissen repräsentieren. Das konstitutionell 
belastete Kind, dem auch das zu streng erzogene und das verhätschelte 
Kind an die Seite gestellt werden können, versucht nicht nur, sich zum 
Range des allgewaltigen Vaters zu erheben, sondern ihn sogar zu über- 
treffen. Weit mehr als das gesunde Kind sucht es sich krampfhaft an 
diese Fiktion zu klammern, verliert damit den Boden der Realität unter 
seinen Füßen und setzt sich gleichzeitig häufigen Niederlagen und Miß- 
erfolgen aus, weil sein 'Ziel außer allem Verhältnis zu seinen körper- 
liehen und geistigen Fähigkeiten steht. Wegen der Überspannung des 
Zieles, kann es nicht befremden, daß bei nicht wenigen Nervösen der 
Gedanke vorherrscht, daß sie nie etwas Rechtes fertig bringen. Nicht 
selten führt die beständige Furcht vor Herabsetzungen und Mißerfolgen 
dahin, daß der Kranke von jeder Art geregelter Arbeit, bei der Wett- 
bewerb in Frage kommt, zurückschreckt. 

Weil ein neurotischer Knabe 1 durch seine Fiktion in die Aggression 
gegen den Vater gezwungen wird, so strebt er zur Sicherung seiner 
Stellung, sich an die Mutter anzulehnen, bei ihr Schutz und Unter- 
stützung zu suchen. Dieses Anlehnungsbedürfnis ist ungemein ausge- 
prägt und läßt sich auch beim erwachsenen Stotterer noch sehr deut- 
lich beobachten. Fast alle finden es leichter zu sprechen, wenn jemand, 
auf den sie sich verlassen können, mit ihnen ist. Aber auch physische 
Anlehnung hat häufig den gleichen Erfolg. So spüren manche eine auf- 
fallende Erleichterung, wenn sie sich während des Sprechens an die 
Wand anlehnen oder auf eine Stuhllehne, einen Tisch oder dergl. 
stützen können. Das, Anlehnungsbedürfnis hemmt naturgemäß die Ent- 
wicklung von Selbständigkeit, von Selbstzucht und Initiative sehr wesent- 
lich, und Züge wie Unsicherheit, Schüchternheit, Feigheit und unter- 
würfiger Gehorsam machen sich bald deutlich bemerkbar. Über diesen 

^"^^~ ■ ■ ■ ■ ■ m 

1 Für ein Mädchen gilt das gleiche, nur mit dem Unterschiede, daß der Vater 
und die Mutter ihre Rollen vertauschen. 



Fortschritte der Stottererbehandlung 235 



Charakterzügen finden sich als Ausgleich regelmäßig Trotz, Frechheit, 
Starrköpfigkeit, Übermut und Hang zur Auflehnung — Eigenschaften, 
die die Durchführung der Erziehungsabsichten oft ungemein erschwe- 
ren. Hat das Kind durch peinliche Erfahrungen seine Aggressions- 
tendenz in der Hauptsache eingebüßt, so sucht es durch passives Ver- 
halten, durch stillen Trotz, durch ehrlichen oder unehrlichen Gehorsam 
seine Stellung zu behaupten. Berichte nach Art des nachstehend an- 
geführten kann man von schweren Stotterern, die sich frühzeitig in 
die Maschen ihrer Fiktion verstrickt hatten, regelmäßig vernehmen: 
„Wir wurden sehr streng erzogen. Meine Eltern waren zum Verzwei- 
feln gewissenhaft, sehr nervös und ängstlich mit uns und stellten zahl- 
lose Regeln auf. Wir mußten eine Stunde vor dem Frühstück zum 
Privatunterricht erscheinen oder bei Verspätung schon am Nachmittag 
wieder zu Bett gehen; wir mußten Französisch mit unserer Erzieherin 
sprechen oder, wenn wir das versäumten, Strafarbeiten am Sonnabend 
Nachmittag machen; wir mußten zweimal täglich spazieren gehen 
und an Sonntagen zweimal die Kirche besuchen usw. Die Kinder im 
Nachbarhause hatten viel mehr Freiheit, und obschon ihr Vater in 
manchen Stücken entsetzlich streng war, beneidete ich sie doch sehr. 
Wie glücklich mußten sie sich fühlen, daß ihnen erlaubt war, in den 
Straßen zu spielen und an Sonntagen des Morgens zu Hause zu bleiben! 
Ich rief bei meinen Eltern Entsetzen hervor durch die gelegentliche 
Bemerkung, daß ich den Kirchenbesuch haßte. Der Gottesdienst in 
unserer Dorfkirche bedeutete für mich einen plärrenden Chor, eine 
das Ohr verletzende Orgel, eine endlose Litanei, Füße wie Eis im Winter 
und im Sommer ein Ohnmachtsgefühl, um dessentwillen ich regel- 
mäßig aus der Kirche geschickt werden mußte 1 . Meines Vaters Predigten 
langweilten ttiich zu Tode. Ich verabscheute auch den Zwang der Unter- 
richtsstunden : sie bildeten einen schmerzlichen Kontrast mit meinen 



ständigen Träumen von Feen und Elfen mit goldenen Flügeln, von 
glitzernden Edelsteinen und duftenden Blumen, von Privateisenbahnen 
und Veloziped-Pferden. Die Lektionen waren mir verhaßte Realitäten 
und gehörten zu all dem, was ich „die häßliche Welt" zu nennen pflegte. 
Da ich für diese meine Anschauungen häufig verlacht und zuweilen 
sogar bestraft wurde, lernte ich frühzeitig, mich zu verstellen und im 
geheimen auf Rache zu sinnen." 

1 Er hatte von frühester Kindheit an ein ganzes Arsenal von Krankheits- 
Arrangements zur Verfügung, die er bei bestimmten Gelegenheiten zur Über- 
windung der elterlichen Autorität ins Feld führte. 



236 Fortschritte der Stottererbehandlung 



Diese Ausführungen rühren von einem sehr schweren Stotterer her, 
dessen Psyche sich in weiblicher Richtung so weit vorgebaut hatte, daß 
sein mutloser, masochistischer Charakter ihn für das Leben völlig 



unbrauchbar werden ließ. Er ist der jüngste von vier Brüdern; alle 
sind mehr oder weniger neurotisch und die nervöse Familientradition, 
bei der jeder die Herrschaft über den andern zu erlangen strebt, stand 
dort in voller Blüte. Er hatte nicht nur als Jüngster im allgemeinen 
einen schweren Stand den anderen gegenüber, sondern eine Schwäche 
im linken Fuße im Verein mit großer Unbeholfenheit und Langsam- 
keit trugen noch im besonderen dazu bei, seine Selbsteinschätzung 
äußerst niedrig anzusetzen. 

Das Verhalten des zur Neurose veranlagten Kindes läßt sich regel- 
mäßig dahin auslegen, daß es in allen Lebensverhältnissen herrschen, 
„oben" sein will. Der Nervöse ist sehr ehrgeizig, eitel, will überall mit- 
reden und will der Erste in der Familie und in der Schule sein. Es ist 
selbstverständlich, daß ein solcher Mensch überempfindlich ist, keine 
wirkliche oder vermeintliche Zurücksetzung ertragen kann; er vermag 
eine Beleidigung nur sehr schwer zu vergessen und ist in ständiger 
Kampfbereitschaft, allzeit darauf bedacht, den andern unter seine Herr- 
schaft zu zwingen. Sieht er sich infolge seiner sehr niedrig angesetzten 
Selbsteinschätzung außerstande, sein Ziel auf dem Wege der direkten 
Kompensation zu erreichen, so geht er notgedrungen dazu über, die 
Erreichung des Zieles auf dunkeln und oft schwer verständlichen Um- 
wegen anzustreben und den kompliziertesten dieser Umwege stellt eben 
die Neurose dar. 

Solange der Stotterer seine Herrschergelüste ohne die leiseste Furcht, 

auf Widerstand zu stoßen, realisieren kann, hat er in der Regel keine 

oder nur sehr geringe Schwierigkeiten beim Sprechen. Hegt er dagegen 
hinsichtlich seiner Überlegenheit Zweifel oder weiß er von früheren 
Erfahrungen her, daß der andere ihm überlegen ist, so tritt sofort 
Stottern auf. Ich will zur Illustration dieser Erscheinung hier zwei 
Träume anführen, die von einem sechsundzwanzigjährigen Stotterer 

zu Beginn der psychoanalytischen Behandlung in zwei aufeinander 
folgenden Nächten geträumt wurden. Der erste lautet: „Ich bin zu 
Hause auf Besuch. Während ich durch den Hausflur gehe, begegnen 
mir mehrere meiner Geschwister in Begleitung zweier Bekannten, die 
ich nicht ausstehen kann, weil sie alles besser wissen wollen. Sie alle 
\ benehmen sich, als ob das ganze Haus ihr Eigentum wäre. Ich habe 
den Eindruck, daß ich kein Wort zu ihnen ohne Stottern werde sprechen 



Fortschritte der Stottererbehandlung 237 



— 



können." Der Traum der nächsten Nacht lautet: „Ich sitze allein 
mit meiner Mutter in unserem früheren Kinderzimmer vor dem Kamin- 1/ 
feuer. Wir führen eine angeregte Unterhaltung und ich fühle, daß 
ich geheilt bin." — Die Reduktion seiner Sprachschwierigkeiten einer- 
seits und seines ungehemmten Redeflusses andererseits auf die ent- 
sprechenden infantilen Situationen ist in beiden Träumen 60 durchsich- 
tig, daß ein Kommentar überflüssig erscheint. Bezüglich des Falles 
selbst möchte ich nur hinzufügen, daß der Patient der älteste von 1 1 Ge- 
schwistern ist. Von seiner Mutter anfangs verzogen, fühlte er es sehr 
unliebsam, daß er im Alter von vier Jahren seiner privilegierten Stellung 
durch das Erscheinen eines Schwesterchens verlustig ging. Für diese 
Entthronung rächte er sich durch unaufhörliche Angriffe gegen die 
Kleine und durch großen Trotz gegen den Vater, den er als den Urheber 1 
der erlittenen Verkürzung ansah. Sein Stottern begann kurz nach der- 
Geburt seiner zweiten Schwester, verlor sich indes nach etwa einund- 
einhalb Jahren wieder. Als aber kurze Zeit darauf sein Vater, der ein 
hohes Kirchenamt bekleidet, die Bemerkung gelegentlich fallen ließ, 
daß es sein Lieblingsw r unsch sei, ihn später als Geistlichen zu sehen, 
setzte das Stottern wieder ein, weil sich ihm jetzt eine Möglichkeit 
bot, seines Vaters Pläne zu durchkreuzen und sich als der Stärkere zu 
erweisen. Als er die Universität absolviert hatte, verließ er das elter- 
liche Haus, um in Ostafrika Landwirtschaft zu betreiben und sich auf 
diese Weise dem Einflüsse seines Vaters soweit wie nur irgend möglich 
zu entziehen. Im vorigen Jahre aus Gesundheitsrücksichten auf einige 
Monate nach Hause zurückgekehrt, ließ er sich auf Betreiben seines 
Vaters, der an seinem alten Lieblingswunsche noch immer festhielt, 
•von mir behandeln. Sein Stottern besserte sich sehr schnell, er brach 
jedoch die Behandlungen trotz der Gegenvorstellungen seiner Eltern vor- 
zeitig ab, als er erfuhr, daß sein Vater in der Kirche an einigen Sonn- 
tagen öffentliche Fürbitte für seine völlige Wiederherstellung hatte 
tun lassen. Durch den Abbruch der Kur wollte er seinen Vater wieder 
z usch an den werden lassen. 

Ehe ich zum zweiten Faktor übergehe, verdient noch ein wichtiger 
Punkt hervorgehoben zu werden: die intensive Befruchtung, die die 
Phantasietätigkeit des neurotischen Kindes infolge seiner Trotzeinstellung 
und seines Hanges zur Auflehnung erfährt. Bei jeder Psychoanalyse 
lassen sich eine Reihe von Phantasien und Wünschen feststellen, die 
Größenideen und sadistische Regungen zum Gegenstande haben. Phanta- 
sien von einer geheimen fürstlichen Abstammung, von Helden- und 



238 Fortschritte der Stottererbehandlung 



Räuberrollen, von Befreiung der Mutter aus den Händen des allge- 
waltigen Vaters sind sehr häufig. Ferner steigen Rachegedanken und 
Todeswünsche gegen Personen der Umgebung bei der leisesten Beein- 
trächtigung auf. Das Kind verkennt alle guten Absichten seiner Er- 
zieher und hat nur den einen Wunsch, den starken Vater oder seine Ver- 
treter — die Mutter, ältere Geschwister, den Lehrer — zu bekämpfen 
und so das Pathos der Distanz zu verringern. Aus diesem Grunde kann 
die Tatsache nicht befremden, daß die Distanz — im örtlichen sowohl 
wie im übertragenen Sinne — im Leben der Stotterer eine bedeutende 
Rolle spielt. Fast alle finden es schwierig, zu Personen zu sprechen, 
die entweder wesentlich älter sind oder eine höhere soziale Stellung 
einnehmen. Schwierigkeiten machen sich gleichfalls bemerkbar, wenn 
der Stotterer zu jemand zu sprechen hat, der in einiger Entfernung von 
ihm steht, oder einen Sitz über ihm einnimmt (z. B. ein Kutscher auf 



dem Bock). Um das Unbequeme der Distanz zu mildern, benutzt er als 
wesentlichstes Hilfsmittel entweder eine künstlich autoritative oder eine 
familiäre Sprechweise; die erstere wird namentlich untergeordneten 
Personen gegenüber zur Anwendung gebracht, während die letztere vor 
sozial Höherstehenden gute Dienste zu leisten bestimmt ist. Diese Hilfen 
versagen natürlich, wenn das Minderwertigkeitsgefühl des Stotterers 
derart ausgeprägt ist, daß er es nicht wagt, eine künstliche Brücke 
über die trennende Kluft zu schlagen. 

IL Als zweites Moment, das beim Übergang aus der Organminder- 
Wertigkeit zur Neurose einen sehr wesentlichen Faktor beistellt, ist 
von Adler die Unsicherheit des disponierten Kindes bezüglich der ihm 
später zufallenden Geschlech tsrolle nachgewiesen worden. Dieser Zwei- 
fel läßt sich bei jeder Psychoanalyse feststellen, und ich habe die Be- 
obachtung gemacht, daß in allen Fällen, in welchen das Stottern» 
zwischen dem vierten und fünften Lebensjahre begann, diese Unge- 
wißheit besonders ausgeprägt war und ein hastiges Drängen, mit Auf- 
bietung aller verfügbaren Mittel nach der männlichen Seite abzubiegen, 
ausgelöst hatte. Das Suchen mach der Geschlechtsrolle beginnt in der 
Regel um das vierte Lebensjahr. Ein denkfähiges Kind, das Eltern 
und Großeltern um sich sieht und von Kindern hört, die zur Welt 
kommen, kann sich der Nötigung nicht entziehen, der Kausalität nach- 
zuspüren. Weil direkte Fragen des Kindes von den Eltern in der Regel 
mit der Storchfabel oder tandern Ausflüchten 1 beantwortet werden, 

1 Weil in England die Störche sehr selten sind, wird den wißbegierigen 
Kindern entweder erzählt, daß das neu angekommene Baby unter einem Stachel- 



Fortschritte der Stottererbehandlung 239 

deren Haltlosigkeit es bald durchschaut, bleibt es ihm überlassen, des 
Rätsels Lösung selbst zu finden. Da es die Bedeutung der Geschlechts- 
werkzeuge nicht kennt, sucht es das Problem mit Hilfe von Theorien 
zu losen, die den Mund, den Nabel, den Anus oder Operationen (vgl. 
die Lösung des Problems im Märchen vom Rotkäppchen) in den Kreis 
der Möglichkeiten ziehen. Vornehmlich der beiden Geschlechtern zu- 
kommende Anus wird für eine Zeitlang regelmäßig als Sexual ziel an- 
genommen und bildet dann die Grundlage für eine Reihe von irrigen 
Schlüssen. Dem Kinde ist meist nur der Weg offen, den Unterschied 
der Geschlechter in der Kleidung, in den Haaren, in körperlichen 
und geistigen Eigenschaften zu suchen; aber auch hier geht es vielfach 
irre, weil manche Eltern eine Vorliebe dafür haben, die Knaben bis 
zum vierten Jahre und picht selten sogar darüber hinaus Mädchenkleider 
und langes Haar tragen zu lassen. Mißbildungen der Geschlechts- 
organe oder die Möglichkeit einer Veränderung derselben, veranlaßt 
durch Drohungen der Eltern, können gleichfalls zur Unsicherheit bei- 
tragen 1 . Bei Mädchen wird der Zweifel durch jungenhaftes Aussehen 
oder Benehmen verstärkt, wobei gelegentliche Bemerkungen („die ist 
ein ganzer Junge") den kindlichen Irrtum häufig befestigen. Als 
weiteres Moment kommt die bedauerliche Tatsache hinzu, daß unsere 
Kultur, unterstützt durch die Anschauungen der Religion, der Männ- 
lichkeit einen unverhältnismäßig hohen Vorrang einräumt. Viele Kinder 
haben leider allzu häufig Gelegenheit, herabsetzende Bemerkungen und 
Handlungsweisen, die die Frau als minderwertig erscheinen lassen, 
zufällig zu hören lind zu beobachten. Nun setzt die gleiche Reale tion, 
die wir schon vorher am Werke gesehen haben, in noch erhöhtem 
Maße ein. In der Erwägung, daß dem Kinde vielleicht das Los zufallen 

beerstrauch gefunden worden sei, oder aber, daß der Arzt es in seiner 
Handtasche mitgebracht habe, als er zur kranken Mutter gerufen worden sei. 

1 Fast alle neurotischen Knaben leiden an der Vorstellung, daß ihr Penis 
allzu klein sei, und es werden zur Beseitigung dieser „Unmännlichkeit" von 
ihnen häufig Versuche gemacht, das Genitale zur Vergrößerung, zur Erektion 
zu bringen, Versuche, die in der Regel zur Masturbation führen. Gewisse 
Handbewegungen mancher Stotterer lassen auf diese Form des männlichen 
Protestes direkt schließen; so die Neigung, bei einem „schwierigen" Worte 
mit der Hand die Nase (Penis-Symbol) zu berühren oder über das Haar zu 
streichen. Der Sinn der Bewegung ist: er schreckt nicht wie ein Weib vor 
einer Schwierigkeit zurück, sondern nimmt das Hindernis wie ein Mann. — 
Bei Mädchen hat das Bedecken des Mundes mit der Hand bei einem Stotter- 
paroxysmus ganz ähnlichen Sinn (Bedecken der „Öffnung" verbirgt die Weib- 
lichkeit). 



240 Fortschritte der Stottererbehandlung 

könnte, eine Frau zu werden, d. h. gehorsam, passiv, schwach zu sein 
und Schmerzen zu ertragen, legt es sich sehr frühe den Schein einer 
übertriebenen Männlichkeit bei und übertreibt so den männlichen Protest 
oft ins Ungemessene. Es will sich durch niemand belehren lassen, 

duldet keinen über sich, zeigt Selbstsucht und nicht selten starke Nei- 
gung zum Lügen. Dazu kommt noch, daß die ersten Erkenntnisse in 
sexuellen Fragen, die das Kind meist auf verbotenen Wegen erlangt, 

seine Überempfindlichkeit auf das heftigste verletzen und gleichzeitig 
sein Verhältnis zu den Eltern insofern stören, als das Kind sich von 
ihnen betrogen und ausgeschlossen vom allgemeinen Wissen vorkommt. 
Sein Eindruck, daß die Erwachsenen einen Geheimbund ihm gegenüber 
bilden, in den einzudringen ihm unmöglich gemacht ist, führt unmittel- 
bar zu einer Hemmung seiner Aggression. 

Das Vorstehende findet nicht nur Anwendung auf Knaben, sondern 
auch auf Mädchen, die fast regelmäßig ein Minderwertigkeitsgefühl 
den ersteren gegenüber haben. Bei der Behandlung von Stotterern hat 
sich mir zu wiederholten Malen der Eindruck aufgedrängt, daß die 
Furcht, ein Weib zu werden, bei dem disponierten Knaben im allgemei- 
nen noch mehr ausgeprägt ist als beim Mädchen. Diese Beobachtung 
dürfte zum Teil die Tatsache erklären, daß männliche Stotterer weit 
Jiäufiger anzutreffen sind als weibliche. 

Wie intensiv ein neurotisches Kind auf alles reagiert, was den Ge- 
danken der Weiblichkeit nahe legt, will ich an einem kleinen Ausschnitt 
aus einer Psychoanalyse zeigen. Ein Junge, das einzige Kind seiner 
Eltern, der mit vierundeinhalb Jahren zu stottern begonnen hatte, be- 
kam zu der Zeit seine ersten Höschen. Immer ein kränkliches, zartes 
Kind, konnte er bei den Eltern stets seinen Willen durchsetzen, mit 
dem unausbleiblichen Erfolge, daß sie schließlich nicht vermochten, 



ihn auch nur im mindesten zu leiten. Der Mutter und dem Kindermäd- 
chen verweigerte er rundweg den Gehorsam, und zum strengeren Vater 
stotterte er natürlich so jämmerlich, daß auch er es aufgeben mußte, 
den „armen kleinen Kerl" zu beeinflussen. Als nun der Junge die ersten 
Hosen bekam, zeigte es sich, daß die abgelegten Kleidchen den Eltern 
endlich ein Mittel boten, ihn auf einige Zeit in Schach zu halten. Wenn 
er nämlich sehr garstig war, brauchte ihm die Mutter nur zu drohen, 
daß sie ihm die Mädchen klei der wieder anziehen würde, um ihn sofort 
gefügig zu machen. Weder körperliche Züchtigungen noch Drohun D 
anderer Art hatten auch nur annähernd gleichen Erfolg gehabt. Als 
er die Hosen das erste Mal trug, hatten seine Eltern das wichtige Er- 



Fortschritte der Stottererbehandlung 241 



eignis dadurch festgelegt, daß sie mit dem Jungen zum Photographen 
gingen und ein Bild von ihm nehmen ließen. Wenige Wochen später 
wurde die Photographie einer Bekannten gezeigt, wobei die Mutter im 
Flüstertone die Bemerkung machte, daß das Gesicht des Kindes recht 
mädchenhaft ausgefallen wäre. Als die Mutter mit ihrer Freundin das 
Zimmer verlassen, stürzte sich der Junge sofort auf das Photographie- 
album, riß das Bild heraus, warf es ins Feuer und sagte wütend zu 
seiner Mutter, als sie <das Zimmer wieder betrat: „Wie kannst du sagen, 
daß ich wie ein Mädchen aussähe!" 

Weil das neurotische Kind unter dem Zwange steht, alle Gegensätze 
ins Maßlose zu übertreiben, so vergrößert sich bei ihm auch unverhält- 
nismäßig die verschiedene Wertung der beiden Geschlechter. Für man- 
che Neurotiker zerfallen alle Beziehungen des Lebens in männliche 

und weibliche Relationen. Ich habe wiederholt Stotterer gefunden, 
die diese Wertung in alles hineintrugen, womit sie überhaupt in Be- 
rührung kamen: Eisenbahnen, Dampfschiffe, Wege, Bäume usw. Ein 
sehr intelligenter Stotterer setzte mich unlängst etwas in Erstaunen da- 
mit, daß er mir einen langen Vortrag über die männlichen und weib- 
liehen Eisenbahnlinien und -Züge in Großbritannien hielt. Er erklärte 

mir, daß alle Eisenbahnlinien, die über ioo Yards hoch hegen, männlich, 
dagegen die, die tiefer liegen, weiblich seien ; Schnellzüge seien männlich, 
Bummelzüge weiblich; die Linien, auf denen sein Vater gewöhnlich 
reise, seien ebenfalls männlich, während die Züge der Eisenbahngesell- 
schaft, von der seine Mutter Aktien besitze, wieder weiblich seien. Er 
gab mir noch eine lange Serie weiterer „männlicher" und „weiblicher" 
Klassifizierungen, deren Aufzählung hier jedoch zu weit führen würde. 
In vorstehendem ist in knappen Zügen dargestellt worden, wie das 
Gefühl der absoluten Minderwertigkeit und der Unsicherheit in der 
Geschlechtsrolle den Hebel für die Entwicklung und Verstärkung einer 
Reihe von neurotischen Charakterzügen bildet. Das Gefühl der Un- 
sicherheit baut indes noch eine weitere, und zwar die wichtigste Gruppe 
von Charakterzügen auf, die sämtlich bestimmt sind, die fiktive Leit- 
linie des Nervösen zu verstärken, um sein Persönlichkeitsgefühl zu retten. 
Weil er immer „oben" sein, überall sich Geltung verschaffen will, 
infolge seines Minderwertigkeitsgefühls aber stets für den Erfolg zittert, 
so mündet sein Mißtrauen und Zweifel in der Anschauung, daß er sehr 
große Vorsicht anwenden müsse, wenn er sein Ziel erreichen wolle. 
Nun ist ihm der direkte Weg, auf dem er seine Gier nach Vergrößerung 
seines Besitzes und seiner Macht befriedigen könnte, mehr oder weniger 

16 



242 Fortschritte der Stottererbehandlung 

verschlossen und deshalb benutzt er, bewußt oder unbewußt, Umwege, 
um sein Ziel zu erreichen. Diese Umwege täuschen nicht nur die Um- 
gebung des Patienten, sondern auch oft ihn selbst. So hat er nie die 
Erkenntnis, daß sein Stottern den Umweg darstellt, auf dem er einer 
Niederlage im Leben, einer Erniedrigung seines Persönlichkeitsgefühls 
zu entgehen hofft, und es bedarf nicht selten monatelanger psycho- 
analytischer Arbeit, bevor es gelingt, ihm seine Schlupfwinkel nach- 
zuweisen, den psychischen Mechanismus seines Sprachleidens zu zer- 
brechen und ihn damit für immer zu heilen. Bei Benutzung der neu- 
rotischen Umwege ergeben sich für den Nervösen als hervorstechendste 
Charakterzüge vor allem Neid, Geiz, Herrschsucht und die Tendenz, 
Menschen und Dinge zu entwerten; weil er seine Neigung, sich über 
die andern zu stellen, nur selten direkt befriedigen kann, so kann er 
ihr meist nur indirekt, durch Herabsetzung der anderen, Rechnung 
tragen. Weitere Züge, wie Haß und Rechthaberei, sind dazu bestimmt, 
seine Überlegenheit anderen gegenüber sicherzustellen. Um die mannig- 
fachen Schwierigkeiten des Lebens nicht zu vermehren, wendet er Spar- 
samkeit, Genauigkeit, Pedanterie und abergläubische Regungen an. Des 
Stotterers größte Schwierigkeit, seine Furcht nicht nur vor dem Leben, 
sondern häufig auch vor der Ehe, verlangt oft Sicherungen in Gestalt 
von Masturbation, Perversionen und Impotenz, die seine Angst vor der 
Frau und vor Entscheidungen im allgemeinen nur sehr notdürftig 
verhüllen. Bemerken möchte ich dazu, daß ich in schweren Fällen 
von Stottern überraschend häufig psychische Impotenz gefunden 

Das System der Sicherungen und Hemmungen in der Psyche wird 
besonders befestigt und verstärkt durch Schuldgefühle, die dazu an- 
getan sind, den Unternehmungsgeist ungemein zu hemmen. Sie rühren 
in der Hauptsache her von dem Streben des Kindes nach Vergeltung und 
Rache für wirkliche oder vermeintliche Zurücksetzungen ; es sind Phanta- 
sien und Wünsche, die infolge der Trotzeinstellung leicht so unerhörte 
Grade erreichen, daß das Kind — das völlig unter dem Einflüsse des 
allenthalben geltenden Erziehungsprinzipes „Schuld — Strafe" steht 
vor den Folgen erschrickt, die ein Versuch, seine Rachepläne in die 
Tat umzusetzen, für dasselbe baben würde. Auf diese Weise tritt das 
Kind seinen eigenen Trieben entgegen und bewirkt eine intensive Ag- 
gressionshemmung, wie sie Adler für das Entstehen aller Neurosen als 
conditio sine qua non hingestellt hat. Den Schuldgefühlen fällt die Auf- 
gabe zu, einem Sinken des Persönlichkeitsgefühles vorzubeugen, wenn 
die angestachelte Aggression zu besonderen Taten drängt. 




• 



Fortschritte der Stottererbehandluug 243 



Zu Beginn hatte ich schon hervorgehoben, daß die Antizipation und 
die Angst das Krankheitsbild des Stotterns vollständig beherrscht. Beide 
Erscheinungen sind der Ausfluß des halluzinatorischen Charakters des 
Nervösen und stellen lediglich eine besondere Form des Sicherungs- 
mechanismus dar; beide stehen im umgekehrten Verhältnis zum Per- 
sönlichkeitsgefühle des Stotterers : sie machen sich um so mehr bemerk- 
bar, je weniger die Sicherheit des letzteren gewährleistet ist. So- 
lange der Stotterer sich vollkommen Herr der Situation fühlt, hat er 
weder die Neigung nach „leichten" Worten auszuschauen und eine 
Reihe von Sätzen im voraus zu präparieren, noch macht sich irgend- 
welche Beklemmung und Angst fühlbar. Adler hat unzweifelhaft recht, 
wenn er sagt, „daß das psychische Phänomen der Angst aus einer hallu- 
zinatorischen Erregung einer Bereitschaft entsteht, die in der Kindheit 
aus kleinen Anfängen somatisch erwachsen ist, sobald eine körperliche 
Schädigung drohte, später aber, und insbesondere in der Neurose durch 
den Endzweck bedingt ist, sich einer Herabsetzung des Persönlichkeits- 
gefühls zu entziehen und andere Personen dienstbar zu machen". In 
der Regel ist das Stottern anfangs nicht mit spürbarer Angst verbunden ; 
sie macht sich aber bald fühlbar in Fällen, wo das Gefühl der Minder- 
wertigkeit und infolgedessen auch das Bedürfnis, sich mit anderen 
zu messen, sehr ausgesprochen ist. In manchen Fällen ist dies Bedürf- 
nis so stark ausgeprägt, daß der Patient kaum imstande ist, irgend etwas 
unbefangen zu tun oder zu denken. Stotternde Kinder mit nicht über- 



mäßig ausgeprägtem Gefühle der Minderwertigkeit und Unsicherheit 



zeigen häufig keine Spuren von Angst vor dem zehnten oder zwölften 
Jahre; die überempfindlichen Kinder dagegen bringen den Sicherheits- 
mechanismus der Angst sehr früh zur Anwendung. Läßt man das Kind 
gewähren, zwingt man es nicht, sich häufig vor Erwachsenen zu produ- 
zieren oder an Kinderbällen und ähnlichen Veranstaltungen, wo es mit 
„Größeren" in Berührung kommt, teilzunehmen, so kann der Ausbruch 
der Angst längere Zeit hintangehalten werden. In den meisten Fällen 
ist die Schule das Gespenst, das die Angst auslöst und Sprachstörungen 
wesentlich verschlimmert. 

Ein Punkt hat meine Aufmerksamkeit wiederholt erregt: die häufige 
Wiederkehr der symbolischen Gestalt, die die Sicherungstendenzen in 
der Psyche der Stotterer annehmen. Ich fand nämlich, daß sie fast 
alle — manche von ihnen vollkommen bewußt — in Phantasien und 
Träumen die Vorstellung haben, daß sie sich entweder in einer Burg 
mit Schießscharten, einem mit sehr hoher Mauer umgebenen Hause 

16» 



244 Fortschritte der Stottererbehandlung 



oder in einem Gefängnis befinden. Sie haben den Eindruck, daß sie nicht 
aus dem Gefängnis entlassen werden oder die hohe Mauer übersteigen, 
d. h. zur „Welt" zurückkehren könnten, ehe sie nicht stärker geworden 
seien. Gedanken, daß sie den Aufenthalt im Gefängnis (ihrer Neurose) 
dazu benutzen müßten, ihre Kräfte zu verbessern (der Gefängniswärter 
erhält z. B. den Auftrag, ihnen Boxerhandschuhe zu Übungszwecken 
zu beschaffen), kehren häufig wieder. Auch wenn sie sich der Heilung 
nähern, werden die gleichen Symbole als Maßstab für ihre Fortschritte 
häufig benutzt: ihre Gefängnishaft wird in einigen Wochen beendet 
sein; von der hohen Mauer führen jetzt Stufen bis beinahe zur Erde 
hinab . . . Diese symbolische Auffassung, der ich, wie bemerkt, sehr oft 
begegnet bin, zeigt recht deutlich, wie korrekt die Adlersche Auffassung 
der Neurosen als eines Sicherungssystems ist. 

Die Nervosität bedient sich des Stotterns ursprünglich als einer Art 
trotziger Auflehnung gegen die Forderungen der elterlichen Autorität 
und später, nachdem das Sicherungssystem und die Verteidigungs werke 
vollständiger ausgebaut sind, als einer Art Hindernis, das dem Kinde er- 
laubt, Entscheidungen und Zusammenstöße, die sein Persönlichkeits- 
gefühl einer Verletzung aussetzen könnten, entweder völlig zu ver- 
meiden oder zum mindesten hinauszuschieben. Wie wir gesehen haben, 
bildet ein Minderwertigkeitsgefühl, das vom Kinde aus Sicherungs- 
gründen verstärkt gefühlt wird, die Grundlage des neurotischen Cha- 
rakters, und die psychische Analyse muß naturgemäß darauf hinarbeiten, 
diese Grundlage zu beseitigen oder zum mindesten beträchtlich zu modi- 
fizieren, eine Aufgabe, die sich um deswillen in den weitaus meisten 
Fällen erfolgreich lösen läßt, weil diese Basis fiktiv ist. Andere Behand- 
lungsmethoden versagen in der Regel völlig, weil sie außerstande sind, 
die falsche Einstellung des Stotterers und sein Endziel, den übertriebe- 
nen männlichen Protest, nebst der ganzen Folge der im Unbewußten 
sich zwangsmäßig abwickelnden Wirkungen zu beeinflussen. 

Was die Prophylaxis anlangt, so muß bei Kindern, die kränklich 
und schwächlich sind, besondere Organminderwertigkeiten zeigen oder 
erblich belastet sind, mit allen Mitteln dahin gewirkt werden, bei ihnen 
kein subjektives Minderwertigkeitsgefühl aufkommen zu lassen. In 
Haus und Schule muß der Erziehungsplan besonders erstreben, das bei 



zarten Kindern stark ausgeprägte Anlehnungsbedürfnis nicht zu unter- 
stützen, sondern das Kind zur Selbständigkeit anzuhalten und es von 
der Meinung der andern unabhängig zu machen. Es ist besonders 



angezeigt, väterliche Imperative so weit als irgend tunlich, zu vermeiden, 



Fortschritte der Stottererbehandlun? 245 

weil man sonst Gefahr läuft, das Kind in die Trotzeinstellung zu drän- 
gen, die meist den Ausgangspunkt für die Neurose bildet. Weiter ist 
es ein dringendes Erfordernis, die Unsicherheit der Geschlechtsrolle 
rechtzeitig durch entsprechende Aufklärung zu verhüten. Der Zeitpunkt 
für diese Belehrung ist gekommen, wenn die Beschäftigung mit dem 
Sexualproblem die Wißbegierde des Kindes so weit gesteigert hat, daß 
es mit bezüglichen Fragen an die Mutter herantritt. Zu Beginn des 
Schulbesuchs ergeben sich für das schwächliche Kind leicht Schwierig- 
keiten, denn das System der „Förderklassen' 4 und die abfällige Beurtei- 
lung, die der „Schwächling 1 * bei Sport 1 und Turnspielen erfährt, sind 
dazu angetan, bei ihm neurotische Kompensationsbestrebungen auszu- 
lösen. Hier kann des Lehrers Einfluß von großem Segen sein, wenn er 
es versteht, den Schwachen taktvoll, ohne das Kind es merken zu lassen, 
gegen die Übergriffe und Herausforderungen der Stärkeren zu schützen. 
Es wird dann zum mindesten in einer ganzen Anzahl von Fällen gelingen, 
von disponierten Kindern die Schädigungen fernzuhalten, die andern- 
falls ihre psychische Gesundheit vielleicht in Frage gestellt haben 
würden. 



1 Besonders in England, wo alles auf Sport zugeschnitten und wo demzufolge 
die Anbetung der Cricket- und Fußball-Helden außerordentlich in Blüte steht, 
ist das schwächliche Kind oft die Zielscheibe des Spottes. 



Erziehung zur Grausamkeit. 

Von Professor Felix Asnaourow. 

Motto: Es wird irgend wann einmal gar keinen Ge- 
danken geben als Erziehung. Nietzsche. 

Es wird jedem ohne weiteres klar sein, daß psychiatrisches oder 
psychopathologisches Wissen mannigfach in der Pädagogik Verwendung 
findet. Das ist eine Wahrheit, die leider noch nicht vollständig in die 
pädagogischen Kreise eingedrungen ist. 

Besonders in unserem Zeitalter christlich-kapitalistischer Zivilisation, 
da schon in die zarte Seele des Kindes algolagnische * Saat geworfen 
wird, sollte der wahre Pädagoge besonders acht geben und auf wirk- 
same Prophylaxe ständig sinnen. Erleben wir es doch selbst im ge- 
genwärtigen Zeitalter, daß der Grundsatz „Macht gilt vor Recht 4 ' 
von christlich und streng gläubig sein wollenden Regierungen gegenüber 
friedlichen, aber widerstandsunfähigen Volksstämmen im Osten und 
Westen befolgt wird, und daß unter der Flagge der Ausrottung des Hei- 
dentums oder sogenannter Kulturbestrebungen die scheußlichsten Grau- 
samkeiten und brutalsten Ungerechtigkeiten von Bevollmächtigten oder 
von kaufmännischen Privatunternehmern verübt werden 2 . Das Kind lebt 
oft in solcher sadistischen Atmosphäre, ohne daß die Umgebung auch 
nur die geringste Vorsicht beobachtet. Oft glauben die Eltern, daß sie 
den Charakter ihrer Kinder festigen und den „Sentimentalitätsdusel" 
mit Feuer und Schwert vernichten, wenn sie ihnen Egoismus und „Macht 



gilt vor Recht" predigen. Dann aber kommt großes Entsetzen, wenn 
diesen „edeln" Lehren ein Bonnot oder Garnier entsprießt, die ja auch 
denselben Theorien huldigen. Wie ansteckend algophile Beispiele sind, 
habe ich einmal in einer kleinen Stadt Rußlands beobachtet, wo Jungen 
im Alter von sechs bis zwölf Jahren den Übungen von Rekruten mit 
großem Interesse zusahen; nun war es und ist's noch jetzt Brauch in 
vielen Garnisonen dieses Landes, daß bei solchen Übungen die jungen 
Rekruten von den Vorgesetzten mit Ohrfeigen und Püffen bis auf das 
Blut gepeinigt werden; oft konnte ich nun abends bemerken, daß die- 
selben Jungen auf einer Wiese Soldaten spielten, wobei die älteren die 

1 Algolagnie = Freude an eigenem und fremdem Schmerz. 

* Dr. Horst Keferstein: „Aufgaben der Schule in Beziehung auf sozial- 
politisches Leben". 



Erziehung zur Grausamkeit 247 



Vorgesetzten nachahmten und die jüngeren so stark mißhandelten, daß 
gar mancher in Tränen ausbrach. — Man könnte noch viele Beispiele 
aus dem Alltagsleben anführen. 

Wir wollen hier nicht die Urquellen der Algolagnie untersuchen, wie 
es Kraf f t-Ebing, Schrenk-No tzing, Eulenburg, Moll, 
Fere, Garnier, Havelock Ellis, Dühren u. a. mit so großem 
Erfolg getan haben; wir wollen nur darauf hinweisen, wie die atavisti- 
schen, aus der Dämmerung des Menschentums stammenden, noch tieri- 
schen sadomasochistischen Gelüste in der Seele des Kindes als Perversions 
instinctives (Dr. Dupre) bestehen und sich je nach den Umständen, nach 
der Erziehung und der Umgebung entweder entfalten oder verschwinden. 

Meine eigenen Beobachtungen führten mich zur Überzeugung, daß 
schon im frühesten Kindesalter algolagnische Gelüste festzustellen sind. 
Der Marquis de Sade, von dem Dühren sagt, er sei der erste gewesen, der 
die ungeheuere Wichtigkeit der sexuellen Frage erkannt habe, schreibt mit 
Recht: „Wenn es in der Welt Wesen gibt, deren Taten unserer ganzen 
Geistesanschauung (toutes les ideees recues) mißfallen, so ist's nicht un- 
sere Sache, dieselben zu tadeln oder zu bestrafen, . . . denn ihr wunderlicher 
Geschmack hängt nicht von ihnen ab, ebenso wie es nicht von uns ab- 
hängt, ob wir klug oder dumm, wohlgestaltet oder Krüppel sind." 
Als Beispiel atavistischer Algolagnie führe ich einen fünfjährigen Kna- 
ben an, dem seine Bonne täglich die Geschichte des jungen Cyrus er- 
zählen mußte mit der Episode, wie der Knabe Cyrus beim Soldatenspiel 
einen seiner vornehmen Kameraden mit Ruten züchtigen läßt. Diese 
Erzählung löste jedesmal sexuelle Erregungen bei dem Kinde aus, das 
schließlich ein homosexueller Algophile geworden ist. 

Bei meinen Beobachtungen in Schulen konnte ich immer bemerken, 
daß es in den ersten Klassen, also bei Knaben im Alter von 9 — 13 Jah- 
ren, immer Quälende und Gequälte gab. — In den Schulen von fast 
ganz Europa konnte ich feststellen, daß die atavistischen algophilen In- 
stinkte in Externaten und besonders in Internaten in verschiedenster, 
oft in sehr verdeckter Weise zur Auslösung gelangen. Man müßte blind 
sein, um das nicht zu sehen. Leider können wir in der Literatur so wenig 



Erlebtes finden. Ich möchte nur „Die Verwirrungen des Zöglings 
Törleß" von Robert Musil anführen, dann „Erziehungsmethoden — 
Erziehungsresultate", eigene Erfahrungen und Beobachtungen einer Be- 
rufs-Erzieherin über die Sinnlichkeit im Leben des Kindes, „Das Leben 
in der Burssa von Pomjalowsky", „Der russische Eros" (anonym), 
„St. Winifred" von Farrar. In allen diesen Büchern werden selbst- 



. 



248 Erziehung- zur Grausamkeit 



beobachtete algolagnische Praktiken unter Schülern geschildert. Das 
im vorigen Jahre erschienene Buch A. M. D. G. (Ad majorem Dei 
gloriam) von Ramon Perez de Ayala schildert gleiche Exzesse 
zwischen Lehrern und Schülern eines spanischen Klosters. Wie wert- 
voll wären in dieser Hinsicht für die psychiatrische und kriminologische 



Wissenschaft Aufzeichnungen psychologisch gebildeter Lehrer und Er- 
zieher. 

In meiner pädagogischen Praxis wurde meine Aufmerksamkeit oft auf 
Knaben gelenkt, die mir durch ihr weibliches Äußere auffielen. 
Bei näherer Untersuchung fand ich bei denselben fast immer algolag- 
nische Anlagen. Ein zehnjähriger Junge wußte es so einzurichten, daß er 
von seinem älteren Bruder, mit dem er in einem Zimmer schlief, jeden 
Morgen Schläge bekam. Als ich den älteren Bruder dafür zur Rede 
stellte, bat der Jüngere, ihn nicht zu bestrafen und gab mir zu ver- 
stehen, daß er selbst der Grund zur Züchtigung gewesen sei. Einmal 
überraschte ich nach einer solchen Szene die Jungen, als der jüngere 
dem älteren das Gesäß küßte und dabei sichtlich irritiert war. Oft 
bemerkte ich, daß dieser Knabe seine Mutter mit dem Dienstmädchen 
durch kleine Klatschereien auseinanderbrachte, und wenn es dann Ver- 
druß und Streit gab, sich vor Freude die Hände rieb, sich ungebärdig 
benahm und nach vollendetem Auftritt die Mutter aufs Gesäß küßte. 
Auch mir bot der Junge recht durchsichtig an, ich sollte ihn züchtigen; 
dabei tat er alles, um mich dazu herauszufordern. — Die erste Aus- 
lösung seiner masochistischen Gefühle hatte er im Alter von ungefähr 
sieben Jahren erfahren, als er zusah, wie ein kleiner Hund vom Diener 
mit einer Rute bestraft wurde. Später hatte er den Diener gebeten, ihn 
„ebenso wie den Hund zu züchtigen", was dieser in seiner "Dummheit, 
vielleicht auch aus sexueller Raffiniertheit getan hatte. Oft bedauerte 
der Junge, daß er keine Dame sei, und ahmte in allem seine Mutter 
nach. Mütterlicherseits stammte der Junge von Tartarenchans, die be- 
kanntlich die Knute in Rußland einheimisch gemacht haben. Sein Onkel 
mütterlicherseits war pervers, der Vater normal, die Mutter hypochon- 
drisch. — Meine pädagogische Einwirkung auf den Knaben, wobei ich 
von der Psychoanalyse Gebrauch machte, war von gewisser positiver 
Wirkung. Nun ist der Knabe aber in eine jener privilegierten Schulen 
gekommen, in denen die sexuelle Raffiniertheit der Kinder degenerierter 
Adelsstämme ihren Höhepunkt erreicht. Obzwar ich mit ihm in Brief- 
wechsel stehe, wird eine Fortsetzung meiner Beobachtungen erst bei 
einem Wiedersehen stattfinden können. 



Erziehung- zur Grausamkeit ♦ 249 



Vor einem Jahre war ich Erzieher bei einem fast vierzehnjährigen 
Knaben von feinem Äußeren, für Kunst und Musik hochbegabt. Bei Zu- 
sammenkünften mit seinen Kameraden liebte er es, mit einem von ihnen, 
der kleiner und schwächer war als er, zu ringen; trotz aller Be- 
mühungen wurde er jedoch immer überwältigt. Bald merkte ich, daß es 
nur vorgespiegelter Widerstand war und daß der Junge sich mit Ab- 
sicht immer nach unten legte. Ich glaubte schon, einen jungen Masochi- 
stcn vor mir zu sehen. Seine sonstige Nervosität und teilweise Verweich- 
lichung, sein ausgeprägter, für sein Alter anormaler Kunstsinn, sein 
Stehenbleiben auf der Straße, wenn Knaben sich balgten, bekräftigten 
meine Meinung. Ich trat dem in sexueller Beziehung sehr verschwie- 
genen Knaben seelisch immer näher, vernahm, daß er in ein zwölf- 
jähriges Mädchen schwärmerisch verliebt sei und für sie leiden 
wollte. Groß war mein Erstaunen, als ich bemerkte, daß der Junge 
sexuell ganz unaufgeklärt war und vom Zeugungsprozeß die fabelhafte- 
sten Vorstellungen hatte. Weil er bei mir Naturgeschichte lernte, so mußte 
auch diese Unkenntnis bald behoben werden. Er nahm die Sache sehr 
nüchtern und verständig auf. Seine Verliebtheit war von ganz idealer 
Natur; auch war sie ein großes Geheimnis, das er nicht einmal seinem 
um einundeinhalb Jahre älteren Bruder anvertraute. Nun bemerkte ich 
öfter, daß der Junge, der mich bisher sehr gern hatte und mir nie zu 
nahe getreten war, mir gleichsam im Scherze physischen Schmerz zu 
bereiten suchte. Entweder brach er,eine Gerte auf unserem Spaziergang 
und fuchtelte mit ihr, so daß er meine Hände oder Füße traf, oder er 
suchte mich, wenn wir Arm in Arm spazierten, plötzlich schmerzhaft 
in den Arm zu kneifen und dergleichen mehr. Ich hielt alles dieses für 
kindische Ausgelassenheit, bis ich eines Tages eines anderen belehrt 
wurde. Wir waren eine Wette eingegangen, und ich schlug dem Gewin- 
ner eino Tafel Schokolade vor, die mein Schüler liebte. Der Junge 
wollte auf etwas anderes wetten, rückte mit der Sprache jedoch nicht 
heraus. Nach langem Zaudern und Erröten brachte er es endlich her- 
vor: wenn er die Wette gewönne, so sollte ich ihm erlauben, mir mit 
einem Lineal zehn Schläge zu erteilen, wenn ich gewönne, bekäme ich 
Schokolade. — Ich hatte wirklich alle Mühe, mein Erstaunen zu be- 



meistern; doch fragte ich ihn mit gleichgültiger Miene, als ob es Spaß 
wäre, ob es ihm denn Vergnügen bereite, seinen Lehrer zu schlagen? 
Da erklärte er mir mit einigem Zaudern, daß es ihm ein besonderes 
Vergnügen sei, einen starken, ihm überlegenen Mann wie 
mich in seiner Gewalt zu haben. Kameraden seines Alters oder 



250 Erziehung zur Grausamkeit 



jüngere zu bewältigen, mache ihm kein Vergnügen. Augenscheinlich ver- 
schwieg er, daß ihn in diesem Falle das Gegenteil erregte. Als der Junge 
die Wette verlor, weinte er fast vor Mißvergnügen. Weil dieser Schüler 
ausgezeichnet lernte, sonst von großer Beiehrbarkeit war und mich aus 
psychologischen Gründen fesselte, so suchte ich seine nun ganz ausge- 
sprochenen sadistischen Gelüste mir gegenüber auf suggestivem Wege 
auszurotten. Leider gelang das in diesem Falle in geringem Maße. Der 
Junge suchte seine Gefühle zu bemeistern, gestand mir aber offen, daß 
sie weiterbestünden. Auch mit diesem Schüler stehe ich in Briefwechsel. 
Die Zukunft wird mir weitere Enthüllungen gestatten. 

Im 38. Band des Großschen Archivs für Anthropologie habe ich noch 
zwei Fälle angeführt, in denen meine Schüler auch körperliche Züchti- 
gung verlangten. Bei dem einen stellte sich dieses Verlangen als von 
seinem früheren Erzieher durch Schläge suggeriert heraus; es gelang 
mir, ihn durch Abreagieren der Suggestion und durch Kontrasuggestion 
zu heilen ; bei dem anderen war die masochis tische Perversität sozusagen 
organisch, und meine psychoanalytischen und suggestiven Versuche 
hatten nur minimalen und ganz temporären Wert. Beide Individuen, die 
nun junge Männer von 20 und 2 4 Jahren sind, habe ich nicht aus den 
Augen verloren. 

Wir sehen aus diesen Fällen, wie algolagnische Gefühle durch falsche 
Erziehung suggeriert, oft bei hereditärer Veranlagung gezüchtet und auf 
ihren Höhepunkt getrieben werden* können. Auch beim zehnjährigen 
Sacher Masoch ist, wie uns Schlichtegroll berichtet, eine algolagnische 
Szene, der er beiwohnte, haften geblieben. 

Ein wichtiger Faktor bei Verbreitung der Algolagnie ist bekanntlich 
die Prügelstrafe. Wir weisen auf Griechenland hin, wo Sadismus 
und Masochismus fast nie vorkamen (die spartanische Geißelung am 
Altar der Artemis war stoizistischer und religiöser Natur); Piaton und 
Plutarch waren Gregner der Prügelstrafe; sagte doch das alte griechische 
Sprichwort: „Wen das Wort nicht schlägt, den schlägt der Stock auch 
nicht. 44 Auch bei den alten Germanen war es nach Tacitus ein seltener 

I 

Fall, daß selbst Sklaven gepeitscht wurden. Und die alten Griechen und 
Germanen gelten uns doch noch heute als Muster edelsten und reinsten 
Menschentums. — Gezüchtet wurden algolagnische Gefühle erst durch 
den Sieg der jüdisch-christlichen Kultur mit ihrer Askese, ihrem 
Klosterwesen, ihrem salomonisch-sirachischen Prügelsystem in Schule 
und Haus, von dem uns Martin Luther, Thomas Platter, Erasmus AI- 
berus, Johannes Butzbach, Hans Sachs u. a. m. haarsträubende Fakten 



Erziehung zur Grausamkeit 251 



geben, ganz abgesehen von den Schrecken der Leibeigenschaft, der 
Hexenprozesse und der Inquisition. Diese systematische Züchtigung algol- 
agnischer Gefühle wird nun durch die kapitalistisch-christliche Zivili- 
sation fortgesetzt. Ist doch der Begriff christlich-kapitalistisch dem 
Inbegriff masochistisch-sadistisch fast gleichbedeutend. 

Die Philosophie des Christentums heißt: dulden, leiden, Martyrium, 
unten sein. Die Philosophie des Kapitalismus: herrschen, ruinieren 
und sich aneignen (Börse, Finanz), töten (Militarismus), Ausbeutung 
und Vernichtung des Schwächeren (Proletariat, Prostitution, Alkoholis- 
mus), — oben sein. Beide Philosophien ergänzen sich in ausgesproche- 
ner psychischer Algolagnie. 

Pädagogen und Psychiater müssen Riesenkräfte anwenden, um gegen 
unsere algophile Zivilisation zu kämpfen. Die Wissenschaft sinnt 
stets auf Mittel zur Bekämpfung sozialer Seuchen. Unsere psychiatri- 
schen Kliniken und Sanatorien sind überfüllt von Neurasthenikern. Die- 
sen Opfern unserer modernen Zivilisation hat die Psychotherapie trotz 
aller Gegner unleugbare Dienste geleistet. 

Was wir brauchen, ist die Erziehung zum Erzieher. Nietzsche sagte: 
„Erzieher erziehen! Doch die ersten müssen sich selbst erziehen." Und 
für diese schreibe ich. 



Über strenge Erziehung. 

Von Professor Felix Asnaourow. 



• 



Was helfen alle pädagogischen Kongresse und Erziehungstheorien, 
alle schönen Worte und Projekte auf dem Gebiet der Pädagogik, wenn 
das Hauptübel, das Stimulans zu unserer ganzen Zivilisation der Nieder- 
gangswerte, „die strenge Erziehung", bis zur Körperstrafe, in Schule 
und Haus von der Volksmoral und der Gesetzgebung geduldet, ja sogar 
verlangt wird? Das Verbrechen, das die Gesellschaft in der Vergangen- 
heit an ihren Kindern durch Züchtung minderwertiger Gefühle aus 
Unwissenheit begangen hat, wird in der Gegenwart dadurch vergrößert, 
daß man sich über die Allgemeinschädlichkeit der Körperstrafe im 20. 
Jahrhundert nicht mehr mit Unwissenheit entschuldigen kann. 

Wenn wir das Zeitalter der höchsten Menschenkultur, das griechische, 
und dio besten Männer bei den Römern mit dem Zeitalter unserer Nie- 
dergangskultur vergleichen, so sehen wir, daß Piaton, Plutarch, Cicero 
u. a. Gegner der Prügelstrafe waren, wogegen unsere pädagogische Weis- 
heit durchs ganze Mittelalter bis auf den heutigen Tag in den Sprüchen 
Salomonis gipfelt : „Wer die Rute spart, haßt seinen Sohn I Entziehe dem 
Knaben nicht die Zucht; wenn du ihn schlägst, wird er nicht sterben. Du 
schlägst ihn mit der Rute und rettest ihn vom Untergange. Rute und Zucht 
verleihen Weisheit." Von dieser „Weisheit" geben uns die Chronisten der 
Klosterschulen und die Bekenntnisse von Mönchen und „Heiligen" ein 
trauriges Zeugnis. Wir erfahren, daß es besondere Streichtage gab, 
an denen die Schüler die von ihnen gemachten und von den Lehrern 
addierten Fehler auf den Rücken aufgezählt bekamen. Ein Schüler des 
Klosters St. Gallen zündete an einem solchen Tage aus Angst vor Schlä- 
gen die Schule an. Luther berichtet, daß er vom Vater so gestäupt 
wurde, daß er ihn floh; „die Mutter stäupte mich einmal um einer ge- 
ringen Nuß willen, daß das Blut hernach floß"; auch in der Schule 
hatto er an einem Vormittage fünfzehnmal Rutenschläge erhalten. Eras- 
mus Alberus schreibt: „In der Zeit, als ich in die Schule ging, habe ich 
oft gesehen, wie man so greulich mit den armen Kindern umging; da 
stieß man ihnen die Köpfe wider die Wände, und man hat es mir 
auch nicht erspart". Die Berichte von Thomas Platter, Butzbach, Geiler 
von Kaisersberg u. a. m. geben uns Zeugnis vom damaligen Prügelsystem 
in Schule und Haus. Wenn Walter von der Vogelweide am Ende des 
zwölften Jahrhunderts noch sagt: 



Über strenge Erziehung 253 



„Niemand lenkt zur Kindeszucht mit Ruten, 

Wer zu Ehren kommen mag, dem ist ein Wort wie ein Schlag," 
ist hier noch von Ehre die Rede und es erinnert ans alte griechische 
Sprichwort: „Wen das Wort nicht schlägt, den schlägt der Stock auch 
nicht 1 '. Aber schon im 16. Jahrhundert hatte der Stock triumphiert, 

als Hans Sachs sprach: 

„Wer seinem Kind der Ruten spart, 
Der haßt sein' Sohn nach Feindes Art." 

Diese Ansicht hat ja bis heute noch so viele Anhänger, daß die Prügel- 
strafe in England und Deutschland bis jetzt noch nicht abgeschafft ist. 
Die Ansicht des Schusters Sachs von der Nützlichkeit der Körperstrafe 
als Erziehungsmittel hat in den genannten Ländern über die Ansichten 
eines Comenius, Ratke, J. Locke, Rousseau, Pestalozzi hinweg, ganz 
abgesehen von der gegenwärtigen maßgebenden Wissenschaft, bis heute 
die Oberhand behalten. Was Wunder, wenn beide Länder, was sexuelle 
Perversionen anbetrifft, an der Spitze der Zivilisation schreiten! Wir 
haben hier nur angedeutet, auf welcher Grundlage die noch heute gel- 
tende, von Gesetz und Pädagogik geduldete Körperstrafe sich entwickelte. 
Wenn eine solche Entwicklung vom Standpunkt einer Kultur, die sich 
zwischen zwei entgegengesetzten Polen entwickelte, und zwar: „Auge 
um Auge, Zahn um Zahn" einerseits und „Schlägt man dich auf die 
rechte Racke, so reiche die linke" andererseits, — ganz natürlich 
scheint, so wurde es beim Fortschritt der Wissenschaft den Psychologen 
und Psychopathologen immer klarer, welch bedenklicher Faktor die 
Körperstrafe bei Entwicklung sexueller Anomalien bildet; die bedeu- 
tungsYolle Rolle, die diese Strafe bei der Kindererziehung als Zuchtmit- 
tel für das kindliche Sexualleben zu spielen vermag, ist in ärztlichen 
Kreisen seit langem zur Genüge erkannt. Man weiß, daß das 
so verbreitete Schlagen auf das Gesäß geschlechtliche Erregungen 
und selbst Erektionen auf reflektorischem Wege auszulösen imstande ist. 
Es steht fest, daß die Körperstrafe eine große pathogenetische Redeutung 
bei der Entstehung jener geschlechtlichen Perversionen hat, die in der 
Wissenschaft als Sadismus und Masochismus bezeichnet werden, und die 
Schrenck-Notzing unter dem Namen Algolagnie = Schmerzgeil- 
heit zusammenfaßt, jener Perversionen, bei denen entweder Ausführen, 
Anschauen oder Erdulden gewaltsamer und grausamer Handlungen ge- 
schlechtliche Lustgefühle auslöst. Durch Rousseaus „Confessions" (Re- 
kenntnisse) drang die Algolagnie zum ersten Male in die große Öffent- 
lichkeit, obgleich sie inter muros schon längst gezüchtet wurde. Die 



•l 



254 Über strenge Erziehung 



unendlich große Literatur über diesen Gegenstand beweist, wie verbreitet 
die Algolagnie in unserem Kulturleben ist. Eulenburg hat in seinem 
Werk „Sadismus und Masochismus", das ich für eines der besten über 
diesen Gegenstand halte, die Grundmotive aufgedeckt und beleuchtet 
und drei Fundamental tatsachen psychosexueller Erfahrung festgestellt: 
i. Grausamkeit (oder genauer ausgedrückt, der Trieb, Schmerz zu- 
zufügen oder zu erdulden) ist mit der geschlechtlichen Begier in der 
Wurzel physiologisch und psychologisch verbunden. 

2. Die geschlechtliche Befriedigung im Geschlechtsakte selbst ist mit 
Grausamkeit verbunden. 

3. Die nach dem Geschlechtsgenusse (zumal beim Manne) sich gel- 
tend machende körperliche und seelische Reaktion entlädt sich in Wider- 
willen gegen den Genußteilnehmer und in verstärktem Antriebe zur 
Grausamkeit ihm gegenüber. 

Bei der Anwendung der Körperstrafe als Erziehungsmittel kommt 
nur der erste Punkt in Betracht. An einigen Beispielen aus meiner päd- 
agogischen Erfahrung und an einem interessanten Fall aus Dr. Michael 
Cohns Praxis könnten wir Punkt i erläutern. Es ist das Schreiben, in dem 
sich eine junge Stiefmutter an den Arzt wendet, um sich Aufschluß und 
Rat wegen des eigentümlichen Verhaltens ihres Stiefsohnes zu holen, 
eines im Alter von i3 — 14 Jahren stehenden Knaben. Es lautet: „Vor 
reichlich Jahresfrist heiratete ich mit 23 Jahren einen Witwer mit 
einem damals dreizehnjährigen Sohn. Mein Stiefsohn Hans ist ein 
großer, hübscher Junge und für sein Alter stark entwickelt. In der 
Schule folgt er mit Leichtigkeit, bringt auch im Betragen immer tadel- 
lose Zensuren nach Hause. Um so mehr wunderte ich mich, daß der 
Knabe mir gegenüber immer äußerst trotzig und unartig war, obgleich 
ich ihm mit Liebe entgegenkam, ihn wegen Unartigkeiten stets freund- 
lich ermahnte und verschiedentlich bat, doch ordentlich zu sein und 
sich auch mir gegenüber schicklich zu benehmen. Aber keine noch so 
gut gemeinte Ermahnung half etwas, im Gegenteil, er verschlechterte 
seine Manieren nur noch mehr. Niemals geschah es, daß er mir die 
kleinste Gefälligkeit freiwillig leistete; dennoch behandelte ich ihn 
stets liebevoll und vor allem habe ich ihn nie geschlagen. Zuletzt ver- 
zweifelte ich aber fast an der Trotzköpfigkeit des Jungen und bat seinen 
Vater, ihm den Standpunkt ordentlich klarzumachen. 

Mein Mann war über das Verhalten seines Sohnes sehr ungehalten, 
ermahnte ihn sehr eindringlich, und als auch dies nichts nützte, be- 
sorgte mein Mann eine tüchtige Reitpeitsche und verlangte von mir, 



Über strenge Erziehung- 255 



daß ich Hans bei nächster Gelegenheit eine ausgiebige, strenge und 
schmerzhafte Züchtigung verabfolgen solle. 

Mir war dieser Auftrag meines Mannes äußerst peinlich und unan- 
genehm, auch konnte ich mir nicht recht klar werden, wie ich die 
Züchtigung ausführen sollte; denn daß der Junge sich gutwillig von 
mir schlagen lassen würde, konnte ich mir nicht recht denken; denn 
ich bin nur mittelgroß, und mein Stiefsohn mit seinen jetzt i4 Jahren 
ist größer als ich. Trotzdem versprach ich meinem Mann, ihm seinen 
Willen zu tun; denn so konnte es mit Hans unmöglich weitergehen. 
Doch stellte ich meinem Sohn nochmals in aller Ruhe und Güte vor, 
von jetzt an sich eines tadellosen Benehmens zu befleißigen, widrigen- 
falls ich ihn sehr strenge züchtigen würde. Bei dieser Gelegenheit sah 
ich, daß mein Stiefsohn abwechselnd blaß und rot wurde; 
doch sagte er nichts, und ich hoffte schon, daß es ohne Strafe gehen 
würde. Doch sah ich bald meinen Irrtum ein und so kam denn bald 
der Moment, in dem ich notgedrungen die Reitpeitsche zur Hand 
nehmen mußte und ihm Strafe ankündigte. Ich stellte einen Stuhl ins 
Zimmer und befahl ihm kurz, sich darüber zu legen. Mir graute 
schon davor, daß mein Junge mir den stärksten Widerstand entgegen- 
setzen würde. Wie groß war aber mein Erstaunen, als der Junge, der 
sehr rot im Gesicht geworden war, sich plötzlich mit einem Ruck über 
den Stuhl legte und die befohlene Lage annahm, ja sogar selbst sein 
Jackett hochstreif te I Ich hätte ihm jetzt gerne die Strafe geschenkt, 
aber eingedenk der Worte meines Mannes, eine angekündigte Strafe auch 
unbedingt auszuführen und dieselbe auch so zu gestalten, daß sie wirk- 
lich schmerzhaft sei, beschloß ich, meinem Stiefsohn zwölf kräftige 
Hiebe zu geben und schlug dann auch kräftig auf ihn ein. Wohl schrie er 
jetzt bei jedem Schlag schmerzhaft auf, doch behielt er seine Lage bei und 



erhob sich erst vom Stuhl, als ich selbst ihn dazu auf forderte und ankün- 



digte, die Strafe sei zu Ende. Dann erhob er sich mit Tränen in den Augen, 
sah mich einen Moment ganz eigentümlich an, und 
dann, wie von einem plötzlichen Impuls erfaßt, er- 
griff er meine Hand und bedeckte sie mit Küssen, zu- 
gleich auch für sein Benehmen um Verzeihung bittend und sich für 
die Strafe bedankend. Ich war so erstaunt, daß ich zunächst keine 
Worte zur Entgegnung fand, dann aber die Reitpeitsche, die ich noch 
immer in der Hand hatte, beiseite warf und den großen Jungen liebe- 
voll an mich zog und sagte: „Na Hans, nun sei in Zukunft brav, daß 
ich dich nicht wieder schlagen brauche." 



256 Über strenge Erziehung 



Seit dieser Zeit ist er wie umgewandelt; so ungefällig wie er vorher 
war, so dienstfertig ist er jetzt, er tut alles, was er mir nur an den 
Augen absehen kann. Geht er fort, so fragt er jedesmal: Liebe Mama, 
kann ich dir etwas besorgen, hast du noch etwas für mich zu tun oder 
kann ich dir helfen? Besonders sieht er zu, d a ß e r m i r b e i m W e c h- 
seln von Fußbekleidungen Hilfe leistet, mir die Schuhe oder 
Stiefel zuknöpft oder schnürt oder umgekehrt, wenn ich nach Hause 
komme, die Gummischuhe abstreift usw. 4 ' . . . Eines Tages sucht die 
Mutter Hans in der Küche, und da „sah ich zu meinem Erstaunen, daß 
Hans sehr eifrig dabei war, meine Stiefel zu putzen. Er hatte den einen 
schon tadellos glänzend neben sich stehen und war dabei, den zweiten 
glänzend zu reiben. Zu meinem immer größeren Erstaunen zog er 
den allerdings kleinen und eleganten Stiefel an seinen Mund und 
küßte ihn." 

Soweit geht nach den Begriffen der Mehrzahl alles fein bürgerlich 
und normal vonstatten und das salomonisch-sirachische Prügelrezept er- 
weist sich als erfolgreich; der widerspenstige, bösartige Junge wird 
durch die Rute wie durch ein Wunder gezähmt, ja so gefällig, dienst- 
fertig und Untertan, daß er in christlicher Ergebung den Stiefel derer 
küßt, die ihn geschlagen; also die größte Dankbarkeit gegen die Stief- 
mutter für die durch die Strafe erfolgte Besserung bezeigt. Wer könnte 
auf ein so drastisches Beispiel des Erfolges der Rute noch etwas ent- 
gegnen? — Unser Standpunkt ist, versteht sich, von diesem etwas ver- 
schieden. Im Jungen sitzt der uns von Kindesbeinen durch „Aschen- 
brödel' 1 (das obendrein als bis zu den Knieen aufgeschürztes Mädchen 
abgebildet wird) und andere ähnlichen Erzählungen eingeimpfte „Stief- 
mutter-Komplex"; daß der Stiefmutter-Komplex mit dem Schläge- 
Komplex nahe verwandt ist und dadurch wiederum mit der Schule, wo 
geschlagen wird, in Verbindung steht, können wir täglich in Vierteln, 
wo viele Kinder sind, auf der Straße, am Schulespielen, wo die Haupt- 
rolle das Überlegen und Hauen spielt, beobachten. Daß hierbei sexuelle 
Faktoren mitspielen, können wir daran bemerken, daß die Kinder sofort 
aufhören zu spielen, ßobald sie sich beobachtet wähnen, was bei allen 
sonstigen Spielen nicht stattfindet. — Stiefmutter-Schläge-Schule-Kom- 
plex besteht nach meinen eigenen vielen Beobachtungen in jedem Kinde. 
In unserem Fall findet der Knabe keine Auslösung seiner passiven Phan- 
tasien durch die Stiefmutter, die schlagend gedacht wird und nun „liebe- 
voll" ist; das reizt den Knaben immer mehr; die Drohungen des Vaters 
lassen ihn auf die Erreichbarkeit seines Zieles fest hoffen; er wird im- 



Über strenge Erziehung 257 



mer trotziger. Endlich tritt der heißersehnte Moment ein: er wird 
übergelegt und verhauen. Kein Widerstand; er steht gar nicht mehr 
auf aus seiner erniedrigenden Lage; und als ihm das Ende der Prozedur 
angekündigt wird, bedeckt er die Hand seiner Peinigerin mit Küssen. Wir 
haben einen klassischen Masochisten vor uns, bei dem sich zum Maso- 
chismus noch Fetischismus gesellt, was ja schon Krafft-Ebing oft 
bemerkt hat; auch kann dieser Fetischismus durch zu lange „liebevolle" 
Zurückdrängung des masochis tischen Triebes als Ersatz entstanden sein. 
Jedenfalls paßt das salomonisch-sirachische Bild des nach der Züch- 
tigung brav und gehorsam gewordenen Knaben gar nicht zu unserem 
Bilde eines jungen Pervertierten. Daß dieser Junge nicht der einzige 
in seiner Art ist, bestätigt uns Moll 1 : „Ich kenne Fälle von Perversen, 
(Wann und wie wurden sie pervers? Der Autor) die in der Schule ab- 
sichtlich unrecht gehandelt haben, um bestraft zu werden und dabei 
Wollust zu empfinden." Die aus meiner Praxis angeführten Fälle in 
Groß* Archiv, „Archives de V Anthropologie Criminelle", Schriften des 

Vereins für freie psychoanalytische Forschung, Monatshefte für Päd- 
agogik und Schulpolitik, bezeugen dasselbe. — 

Daß es in unserem hier behandelten Falle mit dem Bravsein und dem 

Gehorsam von kurzer Dauer war, werden wir aus der Fortsetzung un- 
serer Erzählung sehen. Nach eingehender Beschreibung, wie Hans nun 
sich nicht mehr mit dem Küssen der Stiefel zufrieden gibt, sondern ihr 
und ihrer achtzehnjährigen Schwester nun direkt die Füße beim An- 
und Ausziehen der Stiefel küßt, fährt die Stiefmutter fort: „Aber was 
mich noch mehr wundert, ist, daß er oft, durchschnittlich alle acht 
Tage, es direkt darauf anlegt, Schläge zu bekommen. 
Er stellt dann irgend etwas an, daß ich gezwungen bin, ihn zu strafen. 
Er holt dann, wenn ich nur sage: „Hans, du mußt wohl schon wie- 
der Schläge bekommen ?!" — ohne weiteres die Reitpeitsche, 
überreicht sie mir, stellt einen Stuhl zurecht und legt 
sich darüber und bietet sich den Schlägen dar. Er kann 
bei der dann folgenden Züchtigung wohl oft die Schmerzäußerungen 
nicht unterdrücken, steht aber nie auf, bevor ich ihm gesagt habe, die 
Strafe ist zu Ende, gleichviel, ob ich ihm zehn oder zwanzig Hiebe er- 
teile, und die Hiebe sind so stark, daß sicher jeder Hieb einen Striemen 



hinterläßt; denn mein Mann hat mir gesagt: „Wenn er schon Schlag 
haben muß, so gib sie ihm auch so, daß er sie wirklich fühlt", — und 
so schlage ich denn mit aller Kraft zu, obgleich es mir unendlich leid 



1 Das Sexualleben des Kindes. 



17 



258 Über strenge Erziehung 



tut, ihm solche Schmerzen zu bereiten. (Sehr verdächtige Entschuldi- 
gung! Der Autor.) Kürzlich sagte ich auch noch einmal zu ihm: Hans, 
was ist es bloß mit dir, daß du immer Schläge haben mußt? Geht es 
denn gar nicht anders, und schmerzen die Schläge dich denn gar nicht?" 
Da sagte der große Junge zu mir: „Liebste Mama, ich weiß nicht , 
aber ich muß mitunter etwas anstellen, und ich habe dann 
nicht eher wieder Ruhe, als bis du mich geschlagen hast. Die Schläge 
schmerzen furchtbar, aber je mehr du mich schlägst, um so 
mehr halte ich von dir, strafe mich deshalb nur tüchtig, wenn 
ich unartig war 1 ." 

So geht es nun schon etwas über ein Vierteljahr, daß er jede Woche 
mindestens durchschnittlich einmal eine ausgiebige Züchtigung erhält, 
abgesehen von gelegentlich erteilten Ohrfeigen, und jedesmal küßt er 
dann innig die Hand, die ihm die Schmerzen zugefügt, und ist dankbar 
für dio erhaltene Strafe. Von meiner Schwester Grete, die nur gut 
vier Jahre älter ist als er selbst, nimmt er ebenfalls gerne Strafe ent- 
gegen. Er war dieser Tage unartig gegen sie gewesen und sollte Schläge 

dafür haben; ich selbst war aber wegen Unwohlseins nicht imstande dazu 
und sagto deshalb zu ihm: „Hans, du sollst deine Schläge von Tante 
Grete erhalten, gehe zu ihr und bitte sie, daß sie herkommt und dich hier 
züchtigt." (Warum „hier"? Der Autor.) Meine Schwester war schon 
öfter Zeuge gewesen, wenn er Hiebe bekam, und kannte daher die Straf- 
art. Bei meinen Worten wurde der Junge erst wieder ganz rot und 
zögerte etwas, ging dann aber zu meiner im Nebenzimmer weilenden 
Schwester, gab ihr die Reitpeitsche und sagte: „Tante Grete, Mama läßt 
bitten, du möchtest in ihr Zimmer kommen und mir dort mit der Reit- 
peitsche eine Tracht Schläge geben für meine Unart dir gegenüber." 
Meine Schwester antwortete darauf: „Nun, Hans, wenn du dich ent- 
schuldigst, bin ich zufrieden; dann will ich dir gern die Schläge schen- 
ken." Hierauf erwiderte der Junge: „Ach, Tante Grete, ich habe die 
Strafe verdient; bitte komm nur mit und strafe mich!" Jetzt folgte 
meine Schwester mit in mein Zimmer, Hans stellte den Stuhl zurecht 
und legte sich darüber, und meine Schwester fragte mich, wieviel Schläge 
sie ihm geben solle. Das ganze Schauspiel wirkte auf mich 
eigenartig, daß der große, kräftige Knabe, der fast 120 Pfund 



1 Einen weiteren psychischen Mechanismus, wie der Masochist seine Furcht, 
mit ihr aber auch die Überlegenheit des Stärkeren aufhebt und ad absurdum 
führt, hat Wexberg in diesem Bande hervorgehoben. (Rousseau und die Ethik.) 






Über strenge Erziehung 259 



wiegt, sich selbst sein Schmerzen slager zurechtstellte und sich 
daxüberlegte, um von seiner nur vier Jahre älteren Tante be- 
straft zu werden, und das junge, achtzehnjährige Mädchen, das vor Er- 
regung rot war, mit der Reitpeitsche in der Hand dabei stand. Ich sagte 
jetzt zu meiner Schwester: „Schlage ihn nur so lange, bis er selbst 
bittet, daß du aufhören sollst, und schlage kräftig zu!" Denn einerseits 
war ich sehr ärgerlich über die fortwährenden Unarten des Jungen, und 
zweitens wollte ich auch sehen, wie lange ihm die Schläge gefielen, denn 
bis dahin hatte er noch nie gebeten, die Strafe zu beenden. Meine Schwe- 
ster begann jetzt mit der Strafe, die ersten Schläge waren vielleicht nicht 
so stark, wie mein Junge sie sonst von mir erhält; doch nach einigen 
Hieben schlug Grete nun selbst kräftiger (I ) zu, weil der Junge 
keinen Laut von sich gab, und jetzt ertönte von seinen Lippen 
manches au und e, aber keine Bitte zur Beendigung 
der Strafe. Nach fünfzehn Schlägen fragte meine Schwester 
mich, ob sie aufhören solle; doch sagte ich: „Bleibe nur ruhig 

dabei, bis Hans dich bittet aufzuhören, und schlage fester zu, 

daß es durchkommt!" So ging die Züchtigung weiter, der Junge 

schrie bei jedem neuen Schlag auf, und die Tränen kamen ihm in 
die Augen, aber noch immer bat er nicht um Beendigung. Über diese 

Trotzigkeit war ich sehr aufgebracht und meiner Schwester schien es 
ebenso zu gehen ; denn sie schlug jetzt mit aller ihr zu Gebote stehenden 
Kraft auf ihn ein. Da endlich nach im ganzen zweiundzwanzig Schlä- 
gen bequemte er sich zu bitten: „Bitte, Tante Grete, halte ein, es ist 
wohl genug!" Sofort hielt Grete ein; doch beschloß ich jetzt, ihm noch 
einen kleinen Denkzettel zu geben und sagte daher zu ihm : „Hans, jetzt 
bitte Tante Grete, daß sie dir noch weitere drei besonders kräftige Hiebe 
gibt!" Ich sah, daß es dem Jungen schwer fiel, meinem Befehl nach- 
zukommen, und daß er zögerte; doch wie ich sagte: „Na, wird es bald! M 
wandte er sich schluchzend an meine Schwester mit den Worten : „Tante 

Grete, gib mir, bitte, noch weitere drei Hiebe, so stark, wie du schlagen 
kannst!" Die darauffolgenden drei Schläge, die seine junge Tante ihm 
mit voller Kraft erteilte, beantwortete er jedesmal mit lautem Schmer- 
zensschrei; aber nachher küßte er meiner Schwester nicht nur die 
Hände, sondern kniete auch vor ihr nieder und bedeckte ihre Füße mit 
Küssen und ergriff sogar ihren rechten Fuß und hob sich den Fuß 
selbst hoch und setzte denselben, nachdem er seinen Kopf ganz zur Erde 
gebeugt hatte, selbst in den Nacken." Und so weiter crescendo. Wie 
wir gesehen haben, wird in der Stiefmutter das sadistische Gefühl bald 

17* 



260 Über strenge Erziehung 



» 



geweckt; sie geht so weit, sich selbst krank zu melden, um dem „pikan- 
ten" Schauspiel einer algolagnischen Szene zweier Jugendlichen beizu- 
wohnen; ja, sie will gar nicht mehr aufhören, dieser Szene zuzusehen 
und verlängert sie auf grausame Art; auch das achtzehnjährige junge 
Mädchen denkt nicht daran, das Prügelmeister-Amt abzulehnen, sondern 
gerät in „heiligen Zorn" und Hitze. Wenn wir annehmen müssen, daß 
im Knaben masochistische Gefühle schon in frühester Jugend bestanden 
haben, wie diese bei fast allen Kindern durch den obenerwähnten 
„Schläge-Komplex" angezüchtet werden, so wird der entgegengesetzte 
sadistische Trieb in diesen Frauen erst während des Prozesses entfacht und 
gesteigert. Bei der Schwester wurde das algolagnische Gefühl durch ihr 
Beisein während der früheren Strafen entfacht, was mir von vielen Man- 

nem bezeugt wurde, in welchen Strafszenen in der Schule algolagnische 
Gefühle geweckt hatten, die aber später verschwanden, weil ihnen keine 
Gelegenheit zur Entfaltung geboten wurde. Havelock Ellis 1 er- 
wähnt u. a. einen Fall, wo ein noch nicht siebenjähriger Knabe öfters 
körperlichen Strafszenen beiwohnte und manchmal auch selbst ge- 
züchtigt wurde. Schon in diesem Alter löste der Anblick entblößter Kör- 
perteile schwache, aber eigentümliche Gefühle in der Magengegend und 

in den Nerven des Geschlechtssystems aus. Gegen das neunte Jahr bekam 
er während der Züchtigung eines Kameraden Erektion. Weil er von 
geschlechtlichen Dingen keine Ahnung hat, kann er sich solche Auf- 
regung nicht erklären. Die bloße Nacktheit eines Knaben hat keine 
Wirkung auf ihn; die Art der Strafe weckte in ihm ein Gefühl der 
Entrüstung gegen den Strafenden. Der Knabe machte die Bekanntschaft 
eines in seinem Alter stehenden Jungen und eines Mädchens, mit 
welchen er sich gern über „Schläge" unterhielt; keines der Kinder 
hätte Hang zur Grausamkeit. Das Faszinierende und sexuell Wirkende 
findet demnach seinen Kulminationspunkt erst dann, wenn die eine 
Partie unten ist, die andere oben; bei Halmenkämpfen tritt die letzte 
Wirkung erst dann ein, wenn der eine Hahn sich dem Sieger hilflos 
hingeben muß. Dasselbe gilt bei Ringkämpfen; die Zuschauer geraten 
in eine wahre Wut, wenn der Kampf als unentschieden abgebrochen 
wird, besonders wenn es die einzigen Kämpfer sind. In Schulen stehen 
die Jungen mit glänzenden Augen und schauen auf zwei sich balgende 

Kameraden, und wenn (was selten eintritt) ein dritter sie auseinander- 
bringen will, wird er daran gehindert; man will eben das letzte Oben 
und Unten in „eigentümliche" Gefühle ausschwingen lassen. Wie sexuelle 
1 Tlmpulsion Sexuelle. Paris, Mercure de France. 



Über strenge Erziehung 261 



Gefühle zu früh wachgerufen und in falsche Bahnen geleitet werden 
können, beobachtete ich in einer reichsdeutschen Schule, in der der 
Direktor „zur Erhaltung der Disziplin" das englische System, wie er es 
nannte, nämlich das Prügelsystem, eingeführt hatte. Die „Monitoren", 
Knaben von i5 — 16 Jahren, mußten jüngere Kameraden in einem be- 
sonderen Zimmer körperlich züchtigen ; nach obigem Beispiel kann man 
sich denken, was für Professoren der Algolagnie hier gezüchtet wurden. 
Jn diesem Institut blühte nun die Homosexualität, versteht sich nicht die 

„angeborene", sondern die temporäre; ein Lehrer erzählte mir, daß er 
während feeiner nächtlichen Dejouren fortwährend auf solche Fälle stoße, 
und zwar unter Monitoren und den von ihnen am selben Tage Gezüch- 
tigten. Jeder, der in einem Internat gelebt und die Augen offengehabt 
hat, kann von solchen Fällen erzählen; jedoch in Schulen, wo das 
salomonisch-sirachische „Disziplin "-System herrscht, da sind die sexuel- 
len Perversionen am stärksten verbreitet. Es nimmt einen wunder, daß 
dieses System in manchen Ländern noch Anhänger in Schule und Ge- 
setzgebung findet. Nachdem die Wissenschaf t durch ihre besten Jünger 
klargelegt hat, wie sehr „die strenge Erziehung" das Minderwertig- 
keitsgefühl im Menschen schafft, züchtet und zur Entfaltung bringt, 
wie sehr dadurch der Wert des Vollmenschen leidet und unsere ganze 
Kultur Niedergangswerte 1 hervorbringt, muß man sich fragen, ob Er- 
zieher und Gesetzgeber, die die Körperstrafe befürworten oder nur dul- 
den, nicht selbst algolagnisch belastet sind. Dann wären ja alle prakti- 
schen und theoretischen Beweise der Wissenschaft für diese Leute nicht 
maßgebend und die salomonisch-sirachische Perversion könnte ihre Or- 
gien ruhig weiter feiern unter dem Schutze ihres Sprossen, der christ- 
lich-kapitalistischen Zivilisation . 

1 Siehe Asnaourow: „Sadismus, Masochismus in Kultur und Er- 
ziehung'', Reinhardt, München, 1913. 



Der Kampf der Geschwister. 

Von Dr. A 1 i n e Furtmüller. 

Wir sind nach mancherlei Umwegen über die angelernte Phrase 
vom Unschuldsparadies der Kindheit, über die Dantesche Höllenschlucht 
der Sünder aus Wollust, die bei Freud die Kindheit darstellt, und über 
die universelle Kriminalität des Kindes vorläufig bei einer Auffassung an- 
gelangt, die uns die Kindheit als genau denselben Kampf um Behaup- 
tung erscheinen läßt, der das Leben jeder Kreatur ausmacht, nur noch 
unter erschwerenden Bedingungen. In der ganzen Schar von Vorgesetzten 
und Nebenbuhlern, als die ihm seine nächste Umwelt gegenübertritt, 
besteht die größte Spannung und geringste Distanz zwischen ihm 
und seinen Geschwistern, seinen unmittelbarsten Konkurrenten. Zwei 

Fragen, die eine diagnostischer, die andere pädagogischer Natur, ergeben 
sich aus dieser ersten Konstatierung. Erstens: welche Formen nimmt 
das Verhältnis zwischen Geschwistern an? und zweitens: welche Kon- 
Sequenzen erwachsen daraus für den Erzieher? 

Die gewissenhafte Beantwortung der ersten Frage allein würde die Bei- 
bringung eines Materials erfordern, das vom Extrem der feindlichen 
Brüder bis zur verzückten Zärtlichkeit Chateaubriands für Lucile oder 
von Jasmins Schwestern (aus Friedrich Huchs Roman „Geschwister 4 ') 
für den jüngeren Bruder alle Kälte- und Wärmegrade des Gefühls um- 
faßte. Was uns aber hier am meisten interessiert, wäre aufzuzeigen, 
wie in allen Beziehungen zwischen Geschwistern die Kampfbereitschaft 
durchscheint. 

Vom ersten Moment seiner Existenz an wird das jüngere Geschwister 
mit Mißtrauen und Eifersucht angesehen. Ein dreijähriges Kind meint, 
es werde seinem Brüderchen den Kopf abhacken; ein zweieinhalb jähriges 
erklärt, man solle das schreiende Neugeborene „wieder zurücktragen, 
von wo es gekommen ist". Wenn daneben Äußerungen der Befriedi- 
gung stehen wie: „0, da werde ich immer wen zum Spielen 
haben ! M so spielt da ganz deutlich die Hoffnung auf eine führende 
Rolle herein, und das kleine Mädchen, das in süßlichem Ton sagt: „0, 
das süße kleine Pupperll" fügt noch die mütterliche Pose 
hinzu, von der noch die Rede sein wird. Im Säuglingsalter 
bietet der Eindringling, sobald man sich einmal mit seiner 
Existenz abgefunden hat, keine besondere Gelegenheit zu Feind- 



Der Kampf der Geschwister 263 



Seligkeiten. Wohl aber gewöhnt sich das Ältere da an eine 
Art Hochgefühl der Überlegenheit und Selbständigkeit; die Wichtig- 
keit, mit der es Fremden berichten kann : „Wir haben ein Baby zu Hause, 
aber es schreit furchtbar und versteht noch gar nichts, was man ihm 
sagt", stellt es geradezu in eine Reihe mit den Erwachsenen. Da- 
zwischen kommen freilich eifersüchtige Regungen zum Ausbruch; man 
ist nicht mehr von soviel Aufmerksamkeit umgeben wie früher, man 
hat plötzlich Rücksichten zu nehmen, die es sonst nicht gab, man wird 

mit mehr Selbstverständlichkeit behandelt als das Kleinere, besonders 
in bezug auf Nahrung. Da kommt es dann in aller Gemütlichkeit zu 
kleinen Vorstößen wie dieser. Ein dreijähriges Mädchen fragt, warum 
der Kleine nicht noch zu trinken bekommt, er schreit doch gewiß vor 
Hunger; die Mutter antwortet, es gehe nicht. „Was geschieht dann?" 
Auf die Antwort, daß er dann zerspringen würde, kommt die ruhige, 
freundliche Bemerkung: „Er soll zerspringen." Schon in diesem 
Stadium macht sidi bei nicht gleichgeschlechtlichen Geschwistern die 
Spannung und Unruhe bemerkbar, die das Problem der Geschlechts- 
rolle begleiten. Da ist der Knabe, der sich nicht recht klar wird über das 
Fehlen des Penis beim kleinen Schwesterchen und — wie ja aus 

vielen Arbeiten bekannt — einerseits eine künftige Entwicklung 
beim Mädchen, anderseits ein mögliches Verkümmern bei sich selbst 
annimmt; da ist das Mädchen, das beim Brüderchen ein in seinen 
Augen unberechtigtes Plus wahrnimmt und außerdem unfehlbar von 
irgend jemand — Verwandten, Nachbarn, Dienstmädchen — die Be- 
merkung aufschnappt: „Ein Bub? Na alsol", dieses Stigma, mit dem 
Gedankenlosigkeit das Kind behaftet, lange bevor es aus eigener Erfah- 
rung die weibliche Rolle, die ihm das Leben vorbereitet, kennen lernt. 
Nun aber beginnt die böseste Periode im Geschwisterkrieg : die 
feindliche Invasion. Spiel und Arbeit sind nicht mehr ungestört, alles 
Eigentum ist gefährdet, ja die persönliche Sicherheit wird mitunter 
sehr unangenehm bedroht, und all dem gegenüber gibt es absolut keine 
Entschädigung, ja kaum den primitivsten Schutz. Das Jüngere ist 
noch „zu dumm" zu gemeinsamem Spiel, man hat nicht den geringsten 
Gewinn und recht viel Verlust von ihm und das einzige Vorrecht, die 
physische Überlegenheit, kann man nicht recht ausnützen, weil die 
Erwachsenen gleich dazwischentreten, wie die Sache interessant wird. 
Aber auch das Jüngere hat einen schweren Stand, doppelt hilflos, 
sowohl den Erwachsenen wie dem größeren Kind gegenüber, und 
fortwährend von allen möglichen Vorteilen ausgeschlossen, die dem 



264 Der Kampf der Geschwister 



Altern allein zugute kommen, bei Nahrung, Spielsachen, Spaziergängen 
und Vergnügungen. In diesem Stadium entsteht — besonders bei dem 
beengten Zusammenleben in der Stadt — jene dauernde, oft durchs Leben 
stets im Hintergrunde lauernde Gereiztheit der Geschwister gegen- 
einander, die jeder von uns schon in vielen Fällen beobachtet hat. 
Dagegen bietet die folgende Stufe des gemeinsamen Spielens und 
Lernens schon bedeutend mehr Gegengewichte. Die Interessengemein- 
schaft wächst, eine Art Klassengeist entwickelt sich, Geschwister be- 
ginnen in manchen Fällen gemeinsame Sache gegen Eltern oder Auf- 
sichtspersonen zu machen, und hier ist auch von Wichtigkeit, ob das 
Ältere Knabe oder Mädchen ist. Der ältere Knabe versucht mitunter, 
der Schwester gegenüber den Beschützer zu spielen und überläßt ihr 
mit etwas geringschätziger Großmut manchen Vorteil, versäumt aber 
nicht, sie von Zeit 141 Zeit das Recht des Stärkeren sehr fühlen zu 
lassen. Sie revanchiert sich dafür durch allerlei kleine Kunstgriffe 
mit einer geistigen Beweglichkeit, die erfahrungsgemäß jüngeren Schwe- 
stern selten fehlt. Ein kleines Mädchen pflegt vor der gemeinsamen 
Mahlzeit das Eßbesteck des Bruders, ein Patengeschenk, auf den eigenen 
Platz zu legen; ein anderes entwickelte krankhafte Appetitlosigkeit und 
bildete dann bei Tische den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die sonst 
den ersten Schulerfahrungen des Bruders gegolten hätte. Ich erinnere 
ferner an die von Gottfried Keller so entzückend ausgemalte Szene 
im Pankraz dem Schmoller, wo das Estherchen in der gemeinsamen 
Kartoffelbreischüssel sich durch künstliche Stollen und Abzuggräben 
die meiste Butter sichert, bis der schwerfällige, von verletztem Rechts- 
gefühl aufgestachelte Junge vom Essen davonläuft. Anders steht die 
Sache, wenn das Mädchen älter ist. Es ist merkwürdig, daß nur in 
seltenen Fällen die physische Überlegenheit hervorgekehrt wird, ob- 
wohl sie zweifellos besteht. Hingegen kommt hier eine ganz andere 
Linie zum Vorschein, die vorhin erwähnte mütterliche Pose. Die 
Schwester ßieht sich als Erzieherin und verantwortliche Aufsicht des 
Jüngeren an und versäumt keine Gelegenheit, ihre obrigkeitliche Pflicht 
mit Eifer zu erfüllen. Wenn ihre Aufsicht als lästig empfunden und 
mit undankbarer Widersetzlichkeit gelohnt wird, so kann sie sich 
als gekränkte Märtyrerin des Rechts und der Sitte fühlen. Es ist ganz 
merkwürdig, wie weit mitunter diese pädagogische Rolle getrieben 
wird. Ein zehnjähriges Mädchen pflegt stundenlang darüber nachzu- 
grübeln, durch welche Mitteln man gewissen Unarten seiner jüngeren 
Geschwister beikommen könnte, und leidet Qualen, wenn es machtlos 



Der Kampf der Geschwister 265 



mit ansehen muß, wie die Erzieher seiner Meinung nach grobe Fehler 
begehen. Wie sehr beim Spielen Über- und Unterordnung zutage 
treten, ist ja eine ganz bekannte Erfahrungstatsache und es wird 
selten vorkommen, daß von zwei Geschwistern nicht das ältere den 
Robinson, den Kutscher oder den Lehrer vorstellt, während das jüngere 
sich mit den bescheideneren Rollen des Freitag, des Fahrgastes und 
Schülers begnügen muß. 

Ich habe hier immer vollkommen normale Fälle vor Augen gehabt 
und zu zeigen versucht, wie sich der Kleinkrieg zwischen Geschwistern 
auch unter günstigen Verhältnissen nicht unterdrücken läßt. Oft ge- 
nug kommt es aber zu schärferer Ausprägung des Konflikts, die meist 
entweder auf Bevorzugung des einen Teils durch die Umgebung oder 
auf starkes Minderwertigkeitsgefühl bei dem einen Teil zurückgeht. 
Der letzte Fall ist eines der bekanntesten Märchenmotive; seltener zeigt 
es einen mißgestalten (hinkenden) Bruder, der dem schöneren jünge- 



ren nachstellt wie in den Räubern (oder in K. F. Meyers 
schönem Gedicht: „Der gleitende Purpur"); häufiger und volks- 
tümlicher ist das Motto von der bösen häßlichen Schwester, 
der Pechmarie, die die Goldmarie verfolgt; von Dreiäuglein 
und Einäuglein, die das schöne Zweiäuglein hassen, und un- 
zählige andere in allen Sprachen der Welt. Ich glaube nun nicht, 
daß sich ein Satz aufstellen lasse, Brüder vertrügen sich besser als 
Schwestern. Aber die Tatsache, daß die feindlichen Brüder mehr auf 
dem Gebiet des Dramas, des Romans und Epos', die feindlichen Schwe- 
stern aber mehr im Märchen zu finden sind, das dem Alltag nähersteht, 
findet vielleicht darin eine Erklärung, daß der Kampf zwischen Schwe- 
stern viel intimere Formen annimmt und mit kleinlicheren Mitteln 
ausgekämpft wird. Bezüglich des Problems der „nicht" feindlichen 
Brüder möchte ich auf den Vortrag Dr. Frischaufs „Über den jüngeren 
Bruder" hinweisen. 

Unter den Formen des Geschwisterwettbewerbs ist nun noch eine 
zu erwähnen, die gewöhnlich eine Mittelstellung zwischen dem offenen 
Krieg der Kinderstube und dem unterdrückten Messen und Vergleichen 
der Erwachsenen bildet. Das ist der Wetteifer in den Leistungen, die 
gewöhnlich die Schule und den Sport zum Ausgangspunkt nehmen. 
Die offen feindliche Stellung ist hier ja nicht weiter interessant. 
Wohl aber sind es die Fälle, in denen anscheinend gutes Einvernehmen, 
ja Zärtlichkeit herrscht. Da möchte ich zwei Gruppen unterscheiden. 
Jeder Lehrer kennt die Erscheinung, daß Leistungen von Geschwistern, 



266 Der Kampf der Geschwister 



sobald sie nicht ziemlich gleich gut sind, ganz auffallend voneinander 
abzuweichen pflegen, wobei aber das schlechte Extrem sich sehr wohl 
fühlt und mit seinem Widerpart gut auskommt. Die landläufige Er- 
klärung, es fehle ihm eben an Ehrgeiz, kann uns nicht befriedigen. 
Eher vielleicht die Annahme, daß es sich hier um eine Sicherung han- 
delt: der Schwächere verzichtet von vornherein darauf, die Konkurrenz 
überhaupt aufzunehmen, und kann auf diese Weise neben dem Be- 
gabteren, immerhin eine Art von Beachtung erweckend, bestehen. 
Den andern Fall beobachtet man an zärtlichen Gleichbegabten, wo 
mit ängstlicher Sorgfalt darüber gewacht und Buch geführt wird, 
daß die Leistungen nur ja bis ins einzelne gleich seien und gleich be- 
wertet werden. Ich habe Heulszenen erlebt, wenn zwei Schwestern 
in ihren Zeugnissen um einen Grad in einem Gegenstand von einander 
abwichen. Auch hier Sicherung: Wer weiß, wie wir zueinander stün- 
den, wenn es zwischen uns zu Differenzen käme! 

Was nun den pädagogischen, ich möchte fast sagen, therapeutischen 
Teil des Problems betrifft, nämlich das Verhalten der Eltern und Er- 
zieher zum Kampf der Geschwister, so möchte ich hier nur erwähnen, 
was ich für vermeidbar oder verfehlt halte, denn zu einer positiven 
Darlegung bedarf es gründlicher Durcharbeitung eines noch unvoll- 
ständigen Materials. Zwei Wege glaube ich aber für nicht richtig 
ansehen zu können. Da ist einmal das schiedsgerichtliche Verfahren, 
das oft von Eltern versucht wird; es soll mit aller Objektivität er- 
forscht werden, wer „recht" hat, wer „angefangen" hat, wem ein 
Gegenstand „gehört", wer wegzuräumen hat und so weiter. Damit ist 
aber niemandem geholfen, denn Recht gibt es nur eines und recht be- 
halten wollen beide Parteien; und den Herrschkonflikt, auf den es 
eigentlich im Grunde ankommt, schafft kein Schiedsgericht aus der 
Welt. Das Rechtsgefühl, das man bei Kindern so oft findet, ist selbst 
nichts als eine Waffe, und zwar sowohl Angriffs- wie Verteidigungs- 
waffe und wird unfehlbar gegen die Richter selbst gebraucht, sobald 
das Kind gesehen hat, daß es mit dem Rechtsuchen Eindruck macht. 
Ebensowenig verspreche ich mir von der ängstlichen Diplomatie, 
mit der Geschwister nur immer wieder daran erinnert werden, daß sie 
gefährliche feindliche Mächte sind; statt daß die Feindesstellung da- 
durch überbrückt würde, wird sie noch mehr betont, sozusagen offi- 
ziell anerkannt. Was hingegen wohl nicht schaden kann, ist der Hin- 
weis darauf, worin jedes dem andern nützlich und notwendig sein kann. 



Ängstliche Kinder. 

Von L. Erwin Wexberg. 

Die herkömmliche Auffassung der Kinderangst stellt diese Erschei- 
nung weit einfacher dar, als sie ist. Wenn man den Kindern nichts von 
Gespenstern und bösen Geistern erzählen würde, so meint man, würden 
sie sich vor ihnen nicht fürchten, und das dunkle Zimmer hätte seine 
Schrecken verloren. Nun zeigt sich aber, daß Kinder, die nie vom bösen 
Mann gehört haben, ebensogut wie andere zuzeiten mit den Kennzeichen 



der höchsten Angst aus dem Schlafe aufschrecken können. Andererseits 
sind es aber auch meist die schlimmen, d. h. die aufgeweckten, unbän- 
digen, die nervösen Kinder mit einem Wort, die am stärksten unter 
Angst zu leiden haben. Gelingt es nun in einzelnen Fällen, ohne den 
erschreckenden Popanz sein Auskommen zu finden, so handelt es sich 
gewiß um Kinder, die ohnehin von ruhiger Gemütsart sind und zur Angst 
nicht neigen, Kinder, die sich auch durch die grauenhaftesten Geschich- 
ten nicht hätten furchtsam machen lassen. Das wird sich aus unseren 
weiteren Ausführungen mit größerer Deutlichkeit ergeben. 

Daß aber tatsächlich auch die sorgfältigste Vermeidung von Ammen- 
märchen der Ängstlichkeit nicht vorbeugt, läßt sich nur durch eine ein- 
gehende Analyse der psychologischen Bedingungen der Kinderangst 
verstehen. Dann erst wird es gelingen, ihrer Herr zu werden; gleichwie 
wir in der Medizin erst von der Ätiologie einer Krankheit aus zur wirk- 
samen Therapie gelangen können. 

Die Schauermärchen können nicht die wesentliche Ursache der Angst 
sein. Ein Kind, das sich nachts vor einem Gespenst fürchtet, das es am 
Abend aus der Erzählung der Mutter kennen gelernt hat, muß schon 
bei der Erzählung jene wollüstigen Schauer durchgemacht haben, die 
das Kennzeichen seiner Empfänglichkeit sind. Diese Empfäng- 
lichkeit aber, die im Grunde nichts anderes ist als eben die „Ängstlich- 
keit" des Kindes, ist wesentlicher als der Inhalt der Erzählung, denn sie 
sucht die Eindrücke, wo sie ihr nicht geboten werden. Wenn es dem 
Kinde nicht angenehm wäre, von Gespenstern erzählen zu hören, 
so könnte man ihm das Material seiner Angstvorstellungen nicht ge- 
waltsam aufdrängen. 

Daß das Kind ängstlich ist, weil es nervös ist, ist an sich richtig und 
sagt doch nicht viel. Es sagt aber, wenn man es richtig versteht, das 



268 Angstliche Kinder 






eine: die Ängstlichkeit ist eine jener Eigenschaften, die zusammen ein 

den Ärzten heute wohlbekanntes Bild ausmachen, das sich beim Kinde 

schon ausprägt und beim Erwachsenen in den mannigfaltigsten und 

doch immer typischen Formen zum Ausdruck gelangt: den nervösen 

Charakter 1 . Wie aber dieser nervöse Charakter entsteht, und wie 

er zur Ängstlichkeit führt, soll nun des näheren erörtert werden. 

Wenn wir mit Adler die Psyche der Funktion eines orientierenden 
Organs zuweisen, das uns befähigt, uns in dem wirren Komplex der 

äußeren Eindrücke zurechtzufinden, so begreifen wir als eine Äußerung 
dieser orientierenden Funktion das Prinzip der Gegensätzlichkeit, auf 
dem unser Denken und Fühlen durchwegs aufgebaut ist. Das Kind, 
dem die Aufgabe erwächst, sich mit der Umgebung in irgendein Ver- 
hältnis zu setzen, muß zuerst das Gegensatz-Schema „Groß-Klein" an- 
wenden, dem sich dann die parallelen Reihen „Stark-Schwach", „Mäch- 



tig-Hilflos" zugesellen. Daß es selbst klein, schwach und hilflos ist, 
wird ihm durch die Behandlung, die es von den Erwachsenen erfährt, 
bald klar. Wenn nun das Kind durch mangelhafte körperliche Ent- 
wicklung einerseits, durch unzweckmäßige Erziehung andererseits be- 
sonders tief gestellt ist, so ergibt sich daraus ein Gefühl der Min- 
derwertigkeit, das für seine weitere psychische Entwicklung maß- 
gebend wird. Nun muß es alles daransetzen, seinen Rückstand auszu- 
gleichen, sich in den eigenen Augen und in der Schätzung der anderen 
zu erhöhen. Das Kind mißt und schätzt unausgesetzt die Distanz zwi- 
schen sich und den Erwachsenen, und je größer diese ist, desto 
stärker wird das Gefühl der Hilflosigkeit. Es sucht Auswege, Umwege, 
denn die Überwindung der Distanz auf geradem Wege erscheint ihm 
unmöglich. Im Spiel beginnt sich seine Phantasie zu entwickeln. 
Die Zukunft, die Rolle, die ihm als Erwachsenen zufallen wird, ist sein 
einziges Interesse. Zwischen Wunsch und Befürchtung, zwischen dem 
„wie schön wäre es, wenn . . ." und dem „wie wird es sein, wenn. . ." 
lebt es und sieht das Ziel und nicht den Weg dahin. So sucht es 
seinem Geltungstrieb innerhalb der engen Grenzen der Kinderstube sein 
Recht zu verschaffen, im Spiel, im Märchen will es das erleben, was es 
bei seinem Ideal, bei den Erwachsenen sieht. Es ist ein kurzer Weg 
des Ehrgeizes, der keine Arbeit kostet. Im Spiel können die Kinder 
sein, was sie wollen, ohne daß sie es erst werden müssen; und „ils 

1 Vgl. Alfred Adler: Über den nervösen Charakter; Wiesbaden 1912. 
Den in diesem Werke dargestellten Grundideen folgt unsere Darstellung 
in vielen wesentlichen Punkten. 



Ängstliche Kinder 269 



prendront toujours le beau röle" (Rousseau). Früher oder später 
erweist sich freilich dieser anscheinend so kurze Weg als ein Abweg, 
und jeder Erzieher weiß davon zu erzählen, wie schwer es ist, verspielte 
Kinder zur Arbeit zu zwingen, zu jener Arbeit, durch die sie das Ziel 
wirklich erreichen sollen, das sie im Spiel so oft halluziniert haben. Die 
phantastischen Träume vom künftigen Leben, die Größenideen der 
kindlichen Seele, die kritiklos sein muß, um nicht trostlos zu sein, bilden 
eine starke, konservative Macht in ihr. Die kindliche Phantasie hat 
kein Interesse an der Entwicklung, denn sie glaubt, das Ziel auf kürze- 
rem Wege gefunden zu haben. Real ist hier nur eines: der Affekt, der 
stärker ist, als die Wirklichkeit ihn geben könnte. Denn gewiß ist kein 
König so glücklich wie das Kind, das „König*' spielt. 

Aber die Phantasie hat noch andere Aufgaben. Wie sie das Persön- 
lichkeitsideal vergrößert, ausschmückt und in traumhaft greifbare Nähe 
rückt, so verfährt sie auch mit dessen Feinden, mit der Welt und ihren 
Gefahren. Das Kind hat gelernt, sich vor realen Gefahren zu fürchten. 
Alle die unlustvollen Erlebnisse der ersten Jahre haben zusammenge- 
wirkt, um das Kind vorsichtig und mißtrauisch gegen Er- 
eignisse zu machen. Vorsicht und Mißtrauen aber äußern sich als 
Furcht in allen Fällen, wo das Kind eine Einbuße seines Wohlbefindens 
voraussehen kann. Auch das Unbekannte ist eine Gefahr, solansre es 
sich noch nicht als harmlos erwiesen hat. So vermag das Kind bald 
Freund und Feind in der leblosen und belebten Welt zu unterscheiden. 
Es fürchtet den heißen Ofen und den bellenden Hund, den Stock und 
das böse Gesicht des Vaters. Und es bedient sich der Angst, um sich 
vor all diesen Gefahren zu sichern, obwohl es weiß, daß es unter be- 
sonderem Schutze steht, daß der Vater nur schlägt, nicht tötet, und 
daß der Hund ihm nichts tun darf. Aber gerade weil es das weiß, 
muß es sich die Gefahren des wirklichen Lebens — jene Gefahren, die 
nicht mehr Vaters oder Mutters Händen gehorchen — viel größer aus- 
malen als sie wirklich sind. Wenn jene ursprüngliche Angst vor 
realen Cbeln einer primitiven biologischen Zweckmäßigkeit ihren Ur- 
sprung verdankte, so ergibt sich nun aus der phantastischen Vorstellung 
künftiger Möglichkeiten eine Angst, die in gewissem Sinne Selbstzweck 
ist, jene Angst, die zur Ängstlichkeit führt. Kritiklos wie des 
Kindes Größenideen sind seine Vorstellungen möglicher Gefahren. Wenn 
seine Phantasie ihn zum König macht, dann muß sie seine künftigen 
Feinde zu entsetzlichen Ungeheuern gestalten. Je größer sein Person- 
lichkeitsideal ist, desto mehr hofft es zu erreichen. Je größer aber die 



270 Ängstliche Kinder 



Ungeheuer sind, die das Kind fürchtet, desto mehr wird es gegen die 
Gefahren gesichert sein, die wirklich kommen müssen. 

Nicht daß das Kind das alles genau wüßte. Aber ein sicheres Gefühl 
zwingt es, Macht und Gefahr im gleichen Maßstab zu vergrößern. Wir 
wollen sagen : die phantastische Angst ist das notwendige 
Korrelat zu dem phantastischen Größenwahn des Kin- 
des. Beiden ist gemeinsam, daß sie das Kind in Situationen versetzen, 
die weit eindeutiger, weit radikaler sind, als die realen Möglichkeiten. 
Es sind Simplifikationen und Übertreibungen, wie sie das gegensätzliche 
Denken des Kindes hervorbringt, um sich selbst den Weg zu weisen. 
Und es sind Fragen an das Schicksal. Hier heißt es: So würde ich 
mich benehmen, wenn ich König wäre. Was werde ich wohl sein? — 
Dort heißt es: So würde ich um Hilfe schreien, wenn mir ein Geist 

t 

erschiene. Welche Gefahren drohen mir, die schlimmer wären als diese? 
Und die ständige Unsicherheit über die kommenden Dinge, die durch die 
Phantasie nur zeitweise beruhigt wird, zwingt zu ständiger Wiederholung 
phantastischer Situationen. 

Nun ist es freilich sonderbar, daß sich die Furchtsamkeit mit der 
hohen Selbsteinschätzung des Kindes verträgt. Die Vorstellung von 
Gefahren, so sollte man meinen, muß das Kind viel eher zum Helden- 
tum als zur Angst veranlassen. Oft geschieht das auch wirklich. Und 
ganz allgemein wird man bemerken, daß Knaben im Kriegsspiel, also 
dort, wo es sich um die Vorstellung realer, möglicher Gefahren handelt, 
mehr Mut als Angst zeigen, daß die Tapferkeit mit zu ihrem Größen- 
ideal gehört. Doch derselbe Knabe, der tagsüber als Indianer oder als 
Räuber die größten Heldentaten vollbrachte, gerät vielleicht nachts über 



irgendein unerklärliches Geräusch in helle Angst, sieht Gespenster und 
ruft nach der Mutter. Hier hat eben seine Phantasie einen andern 
Weg eingeschlagen. Es scheint die entgegengesetzte Richtung zu sein, 
und doch ist das Ziel dasselbe. Das ängstliche Kind will sich schwach 
und hilflos fühlen, um den Kontrast zwischen seinem Können und der 
drohenden Gefahr in die schärfste Form zu bringen. So greift es auf 
der einen Seite über die Grenzen des Möglichen, des Irdischen hinaus, 
andererseits verzichtet es auf die Möglichkeiten der Selbsthilfe, die 
es besitzt. „Was würde geschehen, wenn ich wehrlos wäre? — Die 
andern müßten mir helfen." So findet das Kind auch hier den Aus- 
weg, dazu aber bedarf es der Angst. 

Daß dem Kinde selbst die Tendenz und die Bedeutung seiner Kunst- 
griffe bewußt werde, können wir nicht erwarten. Es ist unmöglich, 




von den psychischen Erlebnissen der Kinder, so wie sie wirklich sind, 
Kenntnis zu erlangen, und nichts von dem, was wir darüber sagen, ist 
wörtlich zu nehmen, d. h. in dem Sinne, wie dasselbe bei dem Erwach- 
senen gelten würde. Zwischen den Kindern und uns besteht fast so 
wenig Gemeinsames wie zwischen einem Hund und seinem Herrn. Und 
doch sagen wir: der Hund „liebt" seinen Herrn. Hier dürfen wir nicht 
vergessen, daß bei jeder solchen Behauptung der Vorbehalt zu ergänzen 
ist: wenn der Hund wie ein Mensch fühlen könnte. Beim Kinde lautet 
der Vorbehalt : wenn das Kind wie ein Erwachsener denken könnte. 
Das kindliche Analagon zum „Denken" des Erwachsenen wird uns im- 
mer ein dunkler Begriff bleiben. Aus Freuds Forschungen über 
die Mechanik des unbewußten Denkens kann man ersehen, wie fremd 
uns primitive Denkvorgänge sind. Trotzdem gelingt es, aus den Äuße- 
rungen und Handlungen der Kinder den Schlüssel zu finden, der uns 
erlaubt, die kindliche Geheimsprache annähernd zu übersetzen. Was 
wir dann in der Übersetzung finden, ist gültig, sofern wir nicht ver- 
gessen, daß es nur eine Übersetzung ist. In diesem Sinne kann man 
versuchsweise die Phantasien der Kinder so betrachten, als ob es 
Phantasien von Erwachsenen wären. Aber wo wir Erwachsenen bewußt 
ein Zeichen setzen, das sagt: bis hierher reicht die Realität, was jetzt 
kommt, ist meine Phantasie — dort besteht beim Kinde nichts als eine 
dunkel gefühlte Niveaudifferenz. Aber diese ist vorhanden. Das Kind 
hört Märchen anders an als die Erzählungen von Tatsachen. Das „Es 
war einmal' bedeutet ihm den Sprung vom Wirklichen zur Phantasie, 
und wer die Leichtgläubigkeit der Kinder ernst nimmt, kann wohl die 
Überraschung erleben, daß sie ihm den Faden einer Märchenerzählung, 
der sie bis dahin gläubig gelauscht hatten, plötzlich aus der Hand neh- 
men und auf eigene Faust weitererzählen, was ihnen eben einfällt. Aber 
das Kind fürchtet sich auch ganz anders vor einem Automobil auf der 
Straße als vor dem Gespenst, das es im dunklen Zimmer halluziniert. 
Dort läuft es davon und bringt sich in Sicherheit, es wird oft wunderbar 
selbständig, wenn es weiß, daß die Erwachsenen ihm nicht helfen 
können; hier, vor dem Gespenst, wagt es sich nicht zu rühren und ist 
beruhigt, wenn die Mutter zu ihm kommt. Der Geist hat nicht mehr Re- 
alität als ein Märchen, das man ihm erzählt, nicht mehr als ein lebhafter 
Traum. Und nur der Umstand, daß dem Kinde der gedankliche 
Sinn des „Als ob" noch nicht geläufig ist, täuscht uns über die Bedeu- 
tung seiner lebhaften Ausdrucksbewegungen. Darum ist sein Tun 
immer bezeichnender als seine Mimik, seine Sprache und sein Denken. 



272 Ängstliche Kinder 



Und darum können wir auch nicht erwarten, daß ihm die Zielsicher- 
heit seines Benehmens klar zum Bewußtsein kommt. Aber diese unbe- 
irrte Richtung auf das Ziel, die der seelischen Spiegelung und des 
sprachlichen Ausdrucks nicht bedarf, ist eben das, was wir beim Kinde 
Instinkt nennen. 

Die „nächtliche Angst" (pavor nocturnus), an der nervöse Kinder oft 
jahrelang leiden, muß ihre Erklärung in Träumen finden, die denselben 
Sinn wie das Gespenst ersehen verraten. Dafür sprechen zum Beispiel 
auch folgende Fälle: Ein kleines Mädchen von sieben Jahren schreckt seit 
langer Zeit oft des Nachts aus dem Schlaf auf, unter höchster Angst, die 
durch folgenden Traum hervorgerufen ist: sie ist auf einem Spielplatz, 
ringsum auf den Bänken sitzen die Mütter und Kindermädchen, in der 
Mitte spielt sie mit anderen Kindern. Plötzlich blickt sie auf und sucht 
unter den Frauen nach ihrer Mutter. Sie geht von einer zur andern, 
hält jede für die Mutter und erkennt erst zuletzt, daß sie es nicht ist. 
Unter steigender Angst erwacht sie, die Angst dauert fort; schließlich 
weckt sie die Mutter, die in demselben Zimmer schläft, unter dem Vor- 
wände, sie müsse auf den Topf gehen. Dieser oft wiederkehrende Traum 
wird durch seine Fortsetzung im Wachen selbst gedeutet. Er kann 
nur einen Sinn haben: Wie wäre es, wenn ich keine Mutter hätte, die 
darüber wacht, daß mir nichts geschieht? Aber das Kind hat kein In- 
teresse, diesen Gedanken in dieser Form zu produzieren. Denn es hat ja 
die Mutter, und schon der Gedanke, die Mutter könnte sterben, den man 
etwa aus dem Traum herauslesen möchte, ist von der Realität so weit ent- 
fernt, daß man besondere Triebfedern ahnt, die gewiß nicht von gestern 
stammen. Auf jeden Fall weist der Traum in die Zukunft. Sicher wird 
einmal eine Zeit kommen, in der es gilt, auf den Schutz der Mutter zu 
verzichten und „erwachsen" zu sein. Dann wird sie sich nicht mehr 
verlassen dürfen, daß ihr nichts geschehen könne, weil eben die Mutter 
da ist. Wie wird sie bestehen, wenn sie auch dann noch so klein und 
schwach und hilflos wäre wie jetzt? Geschichten von armen Waisen- 
kindern, die sich ja stets bei denen, die noch ihre Eltern haben, der größ- 
ten Beliebtheit erfreuen, mögen diesen Phantasien der Kleinen reichliches 
Material geliefert haben. Und im Traum tritt nun die Angst als War- 
nung ein ; sie ist ein mächtiger Antrieb, groß und selbständig zu werden, 
so zu tun, als ob sie keine Mutter hätte. Und nach dem Erwachen 
sucht sich die Kleine wenigstens für jetzt noch der Mutter zu versichern, 
indem sie sie weckt und mit ihr spricht. 

Ganz ähnlich ist ein anderer Fall: Ein vierjähriger Knabe ruft oft 



Ängstliche Kinder 273 



nachts aus dem Schlaf die Worte: „Mama, gib acht auf mich!" Eine 
Traumerzählung kann er nicht geben. Aber der Ausruf läßt nur eina 
Deutung zu: offenbar schwebt er im Traum in irgendeiner Gefahr, vor 
der ihn die Mutter schützen soll. Die Gefahr aber ist von ihm als der 
schlimmste der möglichen Fälle vorgestellt, und sie führt ihn zu der 
Frage: Wie werde ich bestehen? 

Diesen beiden Kindern ist in ihrem Wesen einiges gemeinsam: beide 
sind ausgesprochen „schlimme" Kinder. Das Mädchen spielt beson- 
ders gern mit Knaben und liebt alle Spiele, die ihm die Mutter verboten 
hat. Der Knabe ist wild, ungehorsam und respektlos, dabei intelligent. 
Praktisch am wichtigsten ist dies: die Mütter der beiden Kinder sind 
schlechte Erzieherinnen, nervöse Frauen, die sich den Erziehungs- 
pflichten teils ungeschickt, teils widerwillig unterziehen und viel von der 
so unbedingt erforderlichen Ruhe und Gleichmäßigkeit in der Behand- 
lung ihrer Kinder vermissen lassen. Darauf werden wir noch zurück- 
kommen. 

Wir sagten oben: die Phantasie ist das spezifisch Kindliche, die 
konservative Macht der Kindheit, die den Fortschritt der schrittwei 



Erziehung hemmt. Das, was wir „kindisch" nennen, ist nichts anderes,, 
als die Weltfremdheit des Kindes, das, von der Realität abgewandt, ( 
verspielt, ungebärdig, den geduldigsten Lehrer zur Verzweiflung bringen 
kann. Wäre das Kind ganz so, dann hätte die Pädagogik keine Aus- 
sichten. Sie müßte verzichten, und keine Macht der Welt wäre im- 



stande, das Kind kulturfähig zu machen. Aber es gibt Bundesgenossen 
der Erzieher im kindlichen Seelenleben. Das geistesgesunde Kind 
hat immer einen Teil seines Interesses der Realität zugewandt. Die un- 
mittelbare Umgebung und die Gegenwart erzwingen sich seine Auf- 
merksamkeit. Das Kind hat auch ein reales Leben, in das es mit seiner 
ganzen Persönlichkeit eintritt, und hier wird es uns verständlicher und 
zugänglicher. Wenn wir voraussetzen, daß auch hier der Geltungs- 
trieb als Folge des Minderwertigkeitsgefühls als Hauptmotiv wirksam 

sein muß, nur daß er hier auf praktisch erreichbare Ziele gestellt ist, 
so können wir nach unseren vorausgegangenen Überlegungen nicht fehl- 
gehen . 

Das reale Leben wird dem Kinde zum Kampfplatz. Wer Kinder ob- 
jektiv beobachtet, nicht nur vom Standpunkt des Erwachsenen, der 
„Ruhe haben will", wird bald begreifen, daß all die kleinen Konflikte, 
über die Kinder weinen und schreien, in Wut geraten und trotzen, so 
rasch sie auch vergessen sind, im Augenblick bittern Ernst bedeuten. 

18 



274 Ängstliche Kinder 



Man darf die Affektäußerungen nicht darum unterschätzen, weil sie 
noch keine Nachwirkungen haben. Der Schluß, daß es „nicht tief 
geht", wäre wohl beim Erwachsenen berechtigt, der viel von der Elasti- 
zität des Kindes verloren hat; bei diesem sicher nicht. Das Kind ist un- 
glücklich, wenn es weint, so gut es glücklich ist, wenn es im nächsten 
Augenblick lacht. Aber immer glaubt man ihm die Heiterkeit, nie 
den Schmerz, selbst bei nervösen Kindern nicht, wo dieser meist über- 
wiegt. Das Gefühl, immer den kürzeren zu ziehen, sei es durch or- 
ganische Schwäche, sei es durch harte oder sorglose Behandlung, wird 
ihnen unerträglich. Und weil es ihnen auf keine Weise gelingt, sich 
auf direktem Wege durchzusetzen, so finden sie Umwege, Kunstgriffe, 
durch die sie ihr Ziel erreichen. Gerade seine Schwäche ist dem Kinde 
die geeignetste Waffe, seine Ansprüche durchzusetzen. Je mehr es 
seine Hilfsbedürftigkeit hervorkehrt, desto mehr sind die Erwachsenen 
seiner Umgebung in seinen Dienst gebannt. Hat das Kind einmal diesen 
Weg gefunden, hat es einmal die Erfahrung gemacht, daß es bloß 
zu weinen braucht, um liebevoll behandelt zu werden, daß es bloß 
Schmerzen zu äußern braucht, um die Erwachsenen besorgt und sich 
zum Mittelpunkt zu machen, dann ist es unerschöpflich in immer neuen 
Listen und Tücken, durch die es sich seiner Macht über die Großen ver- 
sichern kann. Denn dann ist ihre Kraft die seine, und es ist wie der 
König im Schachspiel, der selbst begrenzte Mittel hat, und um dessen 
Schutz doch das ganze Spiel geht. So wird das Kind launisch, wider- 
spenstig, es erhebt seinen Willen zum Herrn des Hauses und erpresst Ge- 
horsam durch Schreien. Niemand erkennt die „Nervosität" der Erwach- 
senen besser als das nervöse Kind. Die Schwäche der Großen ist der 
Hebel, durch den es sich ihre Kraft zunutze macht. Ich habe Kinder 
gesehen, die bloß durch den Kunstgriff des unstillbaren durchdringen- 

den Geschreies, das Entsetzen der Umgebung, bedingungslose Herrscher 
der Familie waren. 

Manchen Kindern gefällt es, in der Nacht, die gemeinhin Waffen- 
stillstand bedeutet, Stichproben darauf zu machen, ob ihnen die Er- 
wachsenen auch jetzt zu Diensten stehen. Möglicherweise zwingt sie das 
Bewußtsein absoluter Hilflosigkeit im Schlafe, das sie durch Erleb- 
nisse kennen gelernt haben, zu besonderen Vorkehrungen, ähnlich wie 
es bei erwachsenen Nervösen unter ähnlichen Umständen zur Schlaf- 
losigkeit kommen kann. Diese Kinder wecken die Mutter aus dem 
Schlaf, angeblich, um ein Bedürfnis zu verrichten, oder sie wachen 
mitten in der Nacht auf und stellen eine gleichgültige Frage — wie spät 



Ängstliche Kinder 275 



es sei oder dergleichen. Man täte unrecht, dies als Bosheit zu be- 
zeichnen. Nicht die Erwachsenen zu quälen ist das Ziel. Das ist bloß 
das Mittel. Sie wollen sich ihrer Macht versichern, die ihnen oft so 
bereitwillig zugestanden und oft wieder unter Züchtigungen genommen 
worden ist. Die übliche Erziehung läßt die Kinder ganz im unklaren 
über ihr Verhältnis zu den Erwachsenen. Bald behandelt man sie wie 
Sklaven, bald wie Könige. Bald folgt man ihnen aufs Wort und lieb- 
kost sie überdies, bald zeigt man ihnen aus irgendeinem Grund, den 
sie nicht würdigen können, daß man stärker ist als sie. Kein 
Wunder, daß sie keine Gelegenheit ungenutzt lassen, um sich zu 
orientieren, um die Grenzen ihrer Macht kennen zu lernen und 
möglichst weit hinauszuschieben. Und dann ist Angriff die beste Ver- 
teidigung. 

Zu diesen Kriegslisten des nervösen Kindes gehört nun auch die Angst. 
Der oben geschilderte Angsttraum der siebenjährigen Kleinen, der in 
weiter Perspektive die Gefahren des künftigen Lebens zeigte, war 
zugleich geeignet, ihre gegenwärtige Lage zu verstärken. Denn er 
führte dazu, daß sie die Mutter weckte, und so konnte sie sich immer 
wieder überzeugen, daß Mütter dazu da sind, ihren Kindern stets 
zur Verfügung zu stehen — wie die Mütter auf dem Spielplatz im 
Traum. 

Und all die vielen Kinder, die sich allein im dunkeln Zimmer fürchten, 
die nur einschlafen können, wenn die Mutter neben dem Bette sitzt, 
die vielen, die es nicht wagen, auf der Straße zu gehen, und getragen 
werden wollen, sie alle sind eben solch kleine Tyrannen, wie unser 
furchtsames kleines Mädchen. Sie wollen furchtsam sein. Angst 
zu haben ist viel leichter, als sich krank zu stellen, und viel ungefähr- 
licher als Weinen und Schreien. Denn die Angst ist straflos, die Eltern 
suchen zu trösten und zu beruhigen, und die kindlichen Phantasien 
erhalten eine Würde, die ihnen gar nicht zugedacht war. Nicht als 
ob dieser aktuelle Zweck der Angst schon ausreichen würde sie zu 



schaffen: dazu bedarf es der grundlegenden Zielsetzungen und Voraus- 
sichten, von denen wir oben sprachen. Aber daß das Ergebnis dieser 
tieferen seelischen Regungen auch noch im realen Leben praktisch ver- 
wertbar ist, daß die Angst, die dort der weitblickenden Sicherung des 
Persönlichkeitsgefühls dient, hier im Alltag dasselbe Ziel, die persön- 
liche Geltung, unterstützt — daraus schöpft erst die Kinderangst ihre 
hartnäckige Energie, dadurch wird sie zum Schrecken des Erziehers. 
Denn der aktuelle Sinn der Affektverstärkung, die in den Phantasien 

18* 



276 Angstliche Kinder 



der krassen Ausmalung künftiger Möglichkeiten dient, lautet: die un- 
bedingte Herrschaft über die Erwachsenen. 



Wir sind uns über die psychologische Bedeutung der Kinderangst 
klar geworden. Die praktischen Konsequenzen, die sich laus der Er- 
kenntnis ergeben, können hier nur mit wenigen Worten angedeutet 
werden. 

Mehr als je muß auf die Verhütung der Ängstlichkeit das 
Hauptgewicht gelegt werden. Weil die Ängstlichkeit einen Teil von 
dem nervösen Charakter des Kindes bildet, so begegnen sich die Vor- 
beugungsmaßregeln der Ängstlichkeit und der Nervosität. Eine liebe- 
volle, gleichmäßige — vor allem gleichmäßige! — und um keinen 
Preis strenge Erziehung wird in den meisten Fällen das Ziel einer 
gesunden Entwicklung nicht verfehlen. Die alte Rousseausche Regel: 
Kinder weder zum Gehorsam noch zur Herrschsucht zu erziehen, ihnen 
den Begriff der Unterordnung in der einen wie in der andern Richtung 
überhaupt fernzuhalten, verdient von unserm psychologischen Standpunkt 

aus neu hervorgehoben zu werden. Das Ideal des gehorsamen Kindes 
ist ein Aberglaube: wo es erreicht wird, war es unnötig, wo es nicht 
erreicht wird, gibt es immer neue Gelegenheiten zu Konflikten, aus 
denen das Kind um den Preis seiner psychischen Gesundheit als Sieger 
hervorgeht. 

Bei kränklichen Kindern sollte mehr als bisher darauf gesehen werden, 
daß sie nicht unter übertriebener Sorgfalt und Pflege zu leiden haben: 
solche Entbehrungen werden doppelt gefühlt, wenn sie das Kind als die 
Folgen Beiner eigenen Minderwertigkeit erkennt. (Czerny). 

Was die vielgescholtenen Märchen und Schauergeschichten anlangt, 
so werden sie bei Kindern, die in unserm Sinne erzogen sind, ganz 
wirkungslos bleiben. Und mit dem wollüstigen Schauer des nervösen 
Kindes fallen sie von selbst fort, wenn das Kind gesund ist und keinen 
Sinn für solche Reizmittel hat. 

Auch bei Kindern, die durch verfehlte Erziehung schon nervös und 
ängstlich sind, kann nur eine allgemeine Besserung der Nervosität Er- 
folg versprechen. Die Angst selbst ist zu tief in der Seele des Kindes 
verankert, als daß sie ihm durch irgendeinen Kunstgriff entrissen 
werden könnte. Sie gehört mit in das Gefüge des nervösen Charakters 
und läßt sich nicht getrennt behandeln. Wenn man bedenkt, daß das 
Kind ein tiefes Interesse hat, ängstlich zu sein, so wird man von selbst 



Ängstliche Kinder 277 



von dem Versuch abstehen, es durch Abhärtung, Gewöhnung oder 
kaltes Wasser eines Bessern belehren zu wollen. Denn die Angst ist, 
im Zusammenhang mit den Zielen und Richtlinien des nervösen Kindes 
betrachtet, keine Schwäche, sondern eine Stärke des Kindes. Es handelt 
sich also um jene neurotischen Ziele und Richtlinien, die gemildert und 
mit der Realität versöhnt werden müssen. Hier kann nur eine grund- 
legende Änderung des Erziehungssystems im oben geschilderten Sinne 
helfen. Wenn das Kind in anderer Umgebung ganz andere Lebensbe- 
dingungen vorfindet, wenn es unter Menschen lebt, die es nicht schlagen 
und nicht verzärteln, die ihm nicht befehlen und nicht gehorchen, die 
ihm seine Wünsche erfüllen, bevor es sie als Befehle geäußert hat, aber 
seine Launen mit Stillschweigen übergehen, — dann wird es seine Listen 
und Kunstgriffe als nutzlos und unnötig erkennen und wird ein gesunder 
Mensch werden, der ßich in der Welt zurechtfindet. 



Selbsterfundene Märchen. 

Versuch einer psychologischen Bearbeitung von Schüleraufsätzen. 

Von Dr. Carl Furtmüller. 

L 

Die folgende Untersuchung behandelt 36 Märchen, die von den 
i3 — 1 1\ jährigen Schülerinnen einer Mittelschulklasse als deutsche Haus- 
arbeit geliefert wurden. Das Thema hatte gelautet: „Ein selbsterfun- 
denes Märchen"; irgendwelche nähere Angaben oder Bedingungen waren 
nicht hinzugefügt worden. Gleichzeitig stand ein zweites Thema zur 
Wahl, ein Zwang zum Märchenerzählen wurde also nicht ausgeübt; 
trotzdem hat die große Mehrheit der Mädchen sich für diese Arbeit 
entschieden. 

Als die Lehrerin, die dieses Thema gestellt hatte, mir gesprächsweise 
hievon erzählte, entstand in mir der Gedanke, eine psychologische Be- 
arbeitung und Verwertung der gelieferten Märchen zu versuchen. Mir 
schwebte dabei das Problem vor, zu untersuchen, wieviel man durch 
Durchforschung von Schülerarbeiten nach psychoanalytischen Gesichts- 
punkten über den Inhalt des Seelenlebens der Verfasser in Erfahrung 
bringen könne. Gerade dieses Märchenthema schien mir für ein solches 
Experiment besonders günstig, weil es einerseits völlige Freiheit läßt, 
andrerseits doch eine genügend breite Vergleichsbasis verspricht. 

Die Ausführung meiner Absicht wurde mir von der Lehrerin in 
freundlichster Weise ermöglicht. Sie gab mir nicht nur Gelegenheit, 
die Arbeiten kennen zu lernen, sondern sie beantwortete auch nach 
Möglichkeit meine in einzelnen Fällen gestellten Fragen nach den per- 
sönlichen Verhältnissen der Schülerinnen. Sie konnte dies tun ohne die 
leiseste Scheu, eine Indiskretion zu begehen, da mir nicht nur die 
betreffenden Mädchen völlig unbekannt sind, sondern ich auch nicht 
einmal ihre Namen erfuhr. 

Ich hätte daran denken können, lieber meinen eigenen Schülern dieses 
oder ein ähnliches Thema zu stellen, da die persönliche Kenntnis der 
Schreiber ein Eindringen in den unbewußten Inhalt ihrer Arbeiten ge- 
wiß erleichtert hätte. Zweifellos wäre in diesem Fall der Ertrag der 
Deutungsarbeit reichlicher gewesen, ebenso sicher aber ist, daß die 
Reinheit des Experiments getrübt worden wäre: es hätte sich schwer 
auseinanderhalten lassen, wieviel von den Resultaten Ergebnis der spe- 



Selbsterfundene Märchen 279 



ziellen Untersuchung, wieviel Niederschlag meiner sonstigen Beobach- 
tungen gewesen wäre. Auch scheint es mir für eine Nachprüfung und 
wissenschaftliche Erörterung meines Versuchs von Wichtigkeit, daß 
jetzt der Leser dem Material (annähernd) unter denselben Bedingungen 
gegenübertritt wie ich selbst. Wie hemmend sich freilich der Mangel 
an persönlichem Material fühlbar machen muß, ist ja für jeden mit 
psychoanalytischer Arbeit auch nur oberflächlich Vertrauten von vorn- 
herein klar; überdies wird sich in meiner Untersuchung selbst an 
einigen Beispielen zeigen, wie sehr der Eindruck sofort an Plastizität 
gewinnt, wenn über die Schreiberin oder ihre Lebensverhältnisse cha- 
rakteristische Daten bekannt sind. Andrerseits kann bei einer Arbeit 

wie der vorliegenden die Breite der Untersuchung bis zu einem gewissen 
Grade den Mangel der Tiefe kompensieren: was an sich bedeutungslos 

und uninteressant schiene, gewinnt unter Umständen einen charakte- 
ristischen Wert durch die Gegenüberstellung der Arbeiten anderer Schü- 
lerinnen. 

Die Untersuchung beschränkt sich bewußt auf den einen schon her- 
vorgehobenen Gesichtspunkt und schließt alles andere (z. B. den Versuch 
einer ästhetischen Charakterisierung und Wertung der gelieferten Mär- 
chen) aus. Ein Problem schiene allerdings als Vorarbeit für das 
Hauptthema nicht unwichtig zu sein: die Frage nämlich, inwieweit die 
Arbeiten rein reproduktiv sind, und inwieweit sich, wenn schon nicht 
in den verwendeten Motiven, so doch in ihrer Verknüpfung, Selbständig- 
keit zeige. Ich glaubte aber, von dieser Nachforschung, die sehr weit- 
läufig geworden und durchaus keines vollen Erfolges sicher gewesen 
wäre, beruhigt absehen zu dürfen. Die Kinder waren ja durch das 
Thema indirekt darauf hingewiesen, den Vorrat ihnen bekannter Mär- 
chenmotive zu verwenden. Die Zahl der jedem Kind geläufigen Motive 
und Verknüpfungen ist aber sehr groß. So setzt also das Erfinden eines 
Märchens bei dem Kinde ein bewußtes oder unbewußtes Wählen unter 
vielen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten voraus und durch 
die Wahl, die es trifft, charakterisiert sich das Kind. 
Und es handelt sich jetzt nur darum, den Schlüssel zu finden, der uns 
diese unbewußte Selbstcharakteristik verstehen lehrt. 

Da lag es nahe, nach dem Vorgange Riklins 1 an eine symbolische 
Ausdeutung der Märchen zu denken. Aber das hätte geheißen, auf 
die von mir geplante spezielle Untersuchung von vornherein verzichten* 

1 Franz Riklin, Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. (Schriften 
zur angewandten Seelenkunde, Heft 2.) 



280 Selbsterfundene Märchen 



Denn da die Symbolik im Material liegt, so hätten natürlich die mit 
diesem Material arbeitenden kindlichen Märchen nichts Neues ergeben 
können. Und da die Symbole vielgestaltig, die Ausdeutungsergebnisse 
aber notgedrungen recht eintönig sind, so hätte man auch nicht daran 
denken können, zu einer Erfassung des charakteristischen Gehaltes 
des einzelnen Märchens zu gelangen. Außerdem wäre die Frage immer 

offen geblieben, ob die sexuelle Symbolik auch wirklich von den Mäd- 
chen — bewußt oder unbewußt — verstanden worden sei* Ich ziehe 
daher die Symbolik im engeren Sinne nur in einzelnen Fällen als Hilfs- 
mittel heran. 

Es handelte sich also darum, nach einem andern Schlüssel zu 
suchen, mit dem man, von den Märchen ausgehend, das Seelen- 
leben der Verfasserinnen erschließen könnte. So entstand in mir 
der Gedanke, die Grundgedanken der individualpsychologischen Me- 
thode Alf red Adlers auf die vorliegende Auf gäbe anzuwenden. Nach Adler 
liegt der Angelpunkt für das Verständnis einer individuellen Psyche in 

dem Verständnis des unbewußten Lebensplanes, den sie verfolgt. So 
vielgestaltig er sein kann, sein Endziel ist immer die endgültige Er- 
höhung der Persönlichkeit. Den Weg zu diesem Ziel versucht jeder 
Mensch auf gewissen für ihn charakteristischen Bahnen, die Adler Leit- 
linien genannt hat. Den Ausgangspunkt des ganzen Prozesses bildet 
ein in organischen und in sozialen Ursachen wurzelndes Gefühl der 
Minderwertigkeit, dessen Kompensation versucht wird. So ergab sich 
mir also die Aufgabe, zu untersuchen, ob sich aus dem Märchen der un- 
bewußte Lebensplan der Schreiberinnen wenigstens andeutungsweise 
erraten oder doch eine oder die andere charakteristische Leitlinie er- 
schließen lasse; nebenbei war darauf zu achten, ob über Grad und Her- 
kunft des Minderwertigkeitsgefühls etwas zu erfahren sei. Bei dieser 
Art der Betrachtung mußte selbstverständlich dem Gegensatz zwischen 

Ausgangspunkt und Zielpunkt des Märchens besondere Bedeutung zu- 
kommen . 

Der Tragweite der zu erhoffenden Ergebnisse waren dabei natürlich 
von vornherein enge Grenzen gewiesen. Darauf mußte schon eine 
allgemeine Erwägung hindeuten: Die Deutung eines isolierten Mär- 
chens wird ebenso wie etwa die einer isolierten Symptomhandlung immer 
problematisch bleiben müssen; ihre zwingende Kraft erhalten Deutungen 
ja erst dadurch, daß viele Einzelzüge, aneinandergereiht, immer wieder 
nach derselben Richtung weisen. Dazu kommen noch die speziellen 
Fehlerquellen, die aus der Art des gestellten Themas fließen. Daß 



Selbsterfundene Märchen 281 



die Schülerinnen Märchen zu schreiben hatten, hatte gewiß den überaus 

wichtigen Vorteil, daß sie höchst persönliche Dinge erzählten ohne 
das Bewußtsein, befragt zu sein und über sich etwas auszusagen. Ande- 
rerseits liegt aber in der Aufgabe die Aufforderung, der Phantasie ohne 
Rücksicht auf die Wirklichkeit die Zügel schießen zu lassen; ja im 
Wesen des Märchens liegt geradezu der Gegensatz zur Realität. Nun zeigt 
uns gewiß gerade die individualpsychologische Methode, welch außer- 
ordentliche Bedeutung die Erforschung der Phantasien für die Erkenntnis 
des Seelenlebens gewinnen kann. Aber ihre volle Auswertung setzt doch 
immer voraus, daß wir die Wechselbeziehung zwischen Phantasie und 
Realität verfolgen können. Unrealisierbare Phantasien hat jeder Mensch, 

die charakteristische Besonderheit des einzelnen aber liegt nicht nur 
in der Art seiner Phantasien, sondern auch in dem Grade, in dem sie 
seine Einstellung zur Wirklichkeit beeinflussen. Da wir nun in unserm 

Fall mit wenigen Ausnahmen nichts weiter vor uns haben als das vereinzelte 
Phantasieprodukt, so werden wir schwer entscheiden können, ob es sich 
um eine augenblickliche Konstellation oder um eine dauernde Einstellung, 
um ein versuchsweises Austasten der Zukunft nach einer bestimmten 
Richtung oder um eine festgewordene Leitlinie handelt; wir werden 
nicht sondern können, was an dem sich uns darbietenden Seelenbild 
in Fluß und was in Ruhe ist. Nicht übersehen darf auch werden, daß 
die Art des Themas es mit sich bringen mußte, daß die Mädchen sich 
in ihre eigene Märchenzeit zurückversetzten; so mögen Probleme, die 

in Wirklichkeit schon ganz oder nahezu erledigt sind, momentan 
wieder zu voller Aktualität erwacht sein. Diese Bedenken kommen je- 
doch eigentlich nur so lange in Betracht, als man die Erforschung der 
Individualität der einzelnen Verfasserinnen ausschließlich ins Auge faßt; 
und die kann wohl auch nicht das Ziel einer solchen Kollektivunter- 
suchung sein. Die Lage wird bedeutend günstiger, wenn man sein 
Augenmerk mehr darauf richtet, gleichsam einen Querschnitt durch 
die seelische Situation der betreffenden Altersklasse zu erhalten. Da 
bekommt dann jede Deutung wenn auch nicht individuellen, so doch 
exemplifikatorischen Wert; denn was im Einzelfalle vielleicht bloß 
das augenblickliche Auftauchen einer Möglichkeit gewesen ist, die in 
der psychischen Entwicklung dann nicht weiter verfolgt wurde, ist 
sicher in vielen andern Fällen konsequent festgehalten und zur leiten- 
den Idee des Individuums gemacht worden. Und so kann uns unsere 
Untersuchung vielleicht einen Überblick geben über die Probleme, die 
Mädchen auf dieser Entwicklungsstufe beschäftigen, und über die Wege, 



282 Selbsterfundene Märchen 



die sie sich versuchsweise als möglich vorzeichnen. Welchen Weg die 
einzelne dann wirklich gehen wird, müssen wir unentschieden lassen. 
Wir haben es mit Mädchen in einer Periode zu tun, in der ihre 
wichtigsten Gegenwartsinteressen noch in Elternhaus und Familie ver- 
ankert sind, in der sich aber schon der Blick öffnet in eine Zukunft, 
die darüber hinaus führen soll. Werden wir also das Familienmotiv 
in der Regel erwarten dürfen, so werden uns doch die Märchen auffällig 
sein, in denen es ausschließlich herrscht. Wir werden da eine etwas 
verlangsamte psychische Entwicklung zu vermerken haben oder viel- 
leicht auch daran denken müssen, daß die Verfasserin vor dem Gedanken 
an die Zukunft ängstlich zurückweicht. Dieser Gruppe von Familien- 
märchen habe ich eine andere gegenübergestellt von solchen Märchen, 
in denen sich schon die Grundzüge eines Lebensplans erkennen lassen. 

In einer Mittelgruppe habe ich die Märchen vereinigt, die die eine oder die 
andere charakteristische Leitlinie verraten, ohne daß man aus ihnen 
eigentlich einen Lebensplan herauslesen könnte. 

Ich beginne mit dem kindischesten der gelieferten Märchen 1 . 

1. Der naschhafte Hans. Die Mama bietet der Tante Indianer- 
krapfen an; dabei stellt sich heraus, daß Hans das Schlagobers heraus- 
genascht hat. Er wird nun auf doppelte Weise bestraft. Zuerst kauft die 
Mama anderes Backwerk, bestimmt es aber nur für seine Schwester Trude. 
Die brave Trude aber gibt dem Bruder doch davon. Dann kommt ein wie 
Knecht Ruprecht gekleideter Mann und gibt für Hans ein Paket ab. Dieser 
findet darin voll Freude lauter Indianerkrapfen. Aber — sie sind kaschiert 
und in jedem steckt ein Zettel mit einem Sprüchlein gegen die Naschhaftigkeit. 

Also ein Geplänkel aus der Kinderstube. Beachtenswert ist, daß nicht 
darauf verzichtet wird, die Schwester durch einen kleinen Zug ins 
hellste Licht zu setzen, obwohl darunter die Konsequenz der Handlung 
leidet. 

Nicht unähnlich in der Anlage, führt uns doch das folgende Märchen 
in weit tiefere Konflikte ein. 

2. Bestrafte Grausamkeit. Der guten, fleißigen und gehorsamen 
Berta steht die böse, faule und schlimme Emma gegenüber. Die Ermahnungen 
der Schwester bleiben nutzlos; die Eltern drohen, sie in eine Erziehungs- 
anstalt zu geben. Trotzdem versteht sie es, sich bei den Leuten beliebt 
zu machen. Nach einer kurzen Zeit der Besserung verfällt sie wieder in 
ihre alten Fehler. Einst quält sie aus Mutwillen eine Raupe. Zur Strafe 
wird sie selbst in eine Raupe verwandelt. Die Eltern finden statt der Tochter 

• ■ ■ • 

1 Die Rücksicht auf den Umfang der Arbeit hat mich genötigt, den wörtlichen 
Abdruck der oft recht hübsch erzählten Märchen durch sorgfältige Inhaltsangaben 
zu ersetzen. 



Selbsterfundene Märchen 283 



die Raupe im Bett und geben sie in eine Schachtel. In der Nacht von 11—12 
Uhr kann sie sprechen und da sagt sie ihren Eltern, daß sie nur erlöst 
werden kann, wenn man sie acht Tage lang fasten läßt. 

Schon die gehässige, dabei neiderfüllte Schilderung der Schwester 
muß auffallen. Mehr Licht kommt für uns in dieses Märchen, wenn 
wir erfahren, daß dio Erzählerin in der Schule durch ihr schwerfälliges 
Sprechen so aufgefallen ist, daß man sie angewiesen hat, einen Arzt 
aufzusuchen. Die Schwester hat allerdings gemeint, zu Hause beim 
Schimpfen gehe es ganz gut. Wir finden also die Verfasserin im Mär- 
chen wohl doppelt wieder. Einerseits ist sie die brave Tochter, deren 
Tugenden von den Fehlern der Schwester so stark abstechen, andererseits 
ist sie die arme, wehrlose, von der Schwester gequälte Raupe, die nicht 
einmal ihr Leid klagen kann. So finden wir Minderwertigkeit und 
Kompensation nebeneinander dargestellt. An der Schwester wird gründ- 
lich Revanche geübt, sie wird mit dem Leiden bestraft, durch das 
sich die Schreiberin benachteiligt fühlt. 

Das Thema der ungleichen Geschwister kehrt noch einmal wieder, 
allerdings aus der Kindersphäre herausgerückt und daher ohne so schar- 
fes Hervortreten persönlicher Beziehungen. 

3. Die beiden Brüder. Von zwei Brüdern ist der eine reich und 
herzlos genug, den andern, der arm ist, nicht zu unterstützen. Dieser hilft einst einem 
kleinen Berggeist und erhält zum Lohn ein wunscherfüllendes Feuerzeug. Dadurch 
gelangt er zu Wohlstand. Aus Neid stiehlt es der reiche Bruder, aber ihm wird es zum 
Unheil und er kommt um sein Vermögen. Reuig bringt er das Feuerzeug 
zurück und der gute Bruder unterstützt ihn nun. 

Diesen Märchen treten andere gegenüber, die uns Bilder ungetrübter 
geschwisterlicher Liebe zeigen. So 

4« Das verbotene Zimmer. Hansel und Oretel sind arm und müssen 
betteln; sie finden Aufnahme bei einer Frau, die ihnen Nachtlager gewährt 
und sie vor ihrem Mann, dem Menschenfresser, versteckt. Am anderen 
Morgen sollen sie elf Zimmer kehren, das zwölfte jedoch nicht betreten. 
Sie tun es doch und finden darin einen goldenen Wagen mit davorgespanntem 
Hirsch. Sie fliehen auf ihm und entgehen den Verfolgungen dadurch, daß 
das Mädchen durch Zaubersprüche erst sich und den Bruder in einen Rosen- 
strauch verwandelt und dann die Enten eine Brücke über den See bilden läßt. 
Durch die Zauberkraft des Wagens werden sie reich. 

Bei näherem Zusehen merkt man da freilich, daß trotz aller Betonung 
geschwisterlicher Eintracht Bruder und Schwester keineswegs gleich 
behandelt sind. Die Schwester ist es, die die Zaubersprüche kennt und 
die alles vollbringt, was zu ihrer und des Bruders Rettung führt. Der 
männliche Partner ist völlig in die passive Rolle des Schützlings hinab- 



284 Selbsterfundene Märchen 



gedrückt. Daß es sich um elternlose Kinder handelt, könnte als 



loses 



regt, an solchen Zügen nicht achtlos vorüberzugehen, wenn man z. B. 

von einem siebenjährigen Mädchen erfährt, welches, möge es nun gehörte 
Märchen nacherzählen oder selbst welche erfinden, nie unterläßt, eine 
bestimmte Wendung einzufügen: am Schlüsse stirbt die Mutter. 

Auch ein Märchen geschwisterlicher Liebe, aber bei völliger Ver- 
tauschung der Rollen, ist 

5. Der gute Bruder. Die Schwester ist von einer Hexe entführt 
worden. Dem Bruder hilft nun eine Fee, seine Patin, die Schwester zu retten. 
Das Unternehmen ist sehr schwierig: er muß drei Bedingungen erfüllen und 
drei Versuchungen siegreich bestehen. 

Die Märchen 4 und 5 zeigen in unentwickelter Form, noch in die 
Familienbeziehungen eingesponnen, den Gegensatz zwischen gesteigerter 
Aktivität und höchster Passivität der Frau, der uns später noch ein- 
gehend beschäftigen wird. In Nummer 5 speziell scheint die Gestalt 
des Bruders, wir wissen nicht, ob nur nach außen hin oder auch pro 
foro interno, nur die Hülle zu sein für das allgemeine männliche Ideal 
der Verfasserin, so daß dieses Märchen in Beziehungen tritt zu der 
Gruppe der Märchen vom rettenden Helden (Märchen 22 — 25). 

Wir gelangen jetzt zu einer Reihe von Märchen, in denen das Ver- 
hältnis zwischen Kindern und Eltern eine Rolle spielt. Bei Geschichten, 
die die Mädchen von vornherein für die Schule geschrieben haben, wird 
es nicht wundernehmen, daß dieses Verhältnis im allgemeinen mit lese- 
buchmäßiger Korrektheit dargestellt wird. 

6. Die guten Elfen. Ein kleines Mädchen muß sich und die kranke 
Mutter durch Verkauf von Erdbeeren und Blumen ernähren. Eines Nachts 
kommt ein hellblaues, bekränztes Wesen durchs Fenster herein und nimmt 
sie mit zum Tanz der Elfen. Dort setzt man ihr auch ein Kränzlein 
auf und diesen Kranz trägt sie noch am Morgen, als sie in ihrem Bette 
erwacht. Er ist aus Gold und Edelsteinen. Durch seinen Verkauf kommt sie 
zu Geld und kann jetzt für die Mutter einen Arzt holen. 

7« Ein Weihnachtsmärchen. Am Weihnachtsabend geht ein kleines 
Mädchen aus dem Dorf in die Stadt, um für die schwerkranke Mutter einen 
Arzt zu holen. Auf dem Wege betet sie vor einem Heiligenbilde und schläft 
dann ermüdet ein. Sie fühlt, wie sie als Schneeflocke gegen den Himmel 
getragen wird. Dort gibt ihr das Christkind ein Fläschchen mit Arznei. Als 
sie erwacht, ist sie vor ihrem Hause. Bauern haben sie halb erstarrt im 
Walde aufgefunden. Ihre Himmelfahrt scheint also ein bloßer Traum ge- 
wesen zu sein. Aber nein, sie hat das Fläschchen, und kaum hat die Mutter 
von der Arznei genommen, so ist sie auch schon gesund. 



Selbsterfundene Märchen 285 



8. Der Erdgeist Ein braver Junge, der Sohn eines armen Holzhauers, 
ein Sonntagskind, fängt einst im Walde einen Zwerg und zwingt ihn, ihm Schätze 

9 

zu geben. Die bringt er seinen Eltern. 

An Betonung kindlicher Liebe, ja Aufopferung lassen es also diese 
Märchen gewiß nicht fehlen. Das hindert aber nicht, daß die tatsäch- 
lichen Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt werden. Die Eltern erscheinen 
als die Schwachen und Hilfsbedürftigen, die Kinder werden zu Rettern 
in der Not und die Eltern müssen eigentlich dankbar zu ihnen hinauf- 
sehen. Hieher gehört wohl auch 

9. Im Reich der Elfen. Ein Holzhackerbub pflückt Blumen. Da 
steht plötzlich ein Zwerg vor ihm und sagt, es seien Elfen, die er getötet 
habe. Er muß jetzt mit zur Elfenkönigin und diese verzeiht ihm unter der 
Bedingung, daß er ihr einen kostbaren Ring aus dem See hole. Er tut das 
Verlangte und schläft dann müde auf einer Wiese ein. Als er erwacht, 
stehen seine Eltern bei ihm. Seine Mutter hält das Ganze für einen Traum. 
„Doch Berchtold wußte das besser." 

In diesem letzten Satz scheint mir der psychologische Kern des 
eigentlich ganz ergebnislos verlaufenden Märchens zu liegen. Dadurch 
daß der Held etwas Außerordentliches erlebt hat und durch das „Besser- 
wissen' 4 erhebt auch er sich über die Eltern. 

Übrigens fehlt auch das direkte Hervorbrechen der Konfliktstimmung 
den Eltern gegenüber nicht gänzlich. 

10. Der verkannte Hans. Ein Müller hat drei Söhne. Der jüngste, 
Hans, ist „ein verschlossener Junge, der immer arbeitet, wenn er sich allein 
glaubt". So gilt er für faul und wird von allen verachtet, und als der 
Vater einst von einem Männchen einen Wunschstab erhält, wünscht er, Hans 
solle sich verirren. Hans kommt in den Wald zu dem Männchen, arbeitet 
bei ihm und bleibt mehrere Jahre dort. Dann will er wieder zu seinen 
Eltern und erhält vom Männchen als Lohn einen Wunschring. Er trifft 
dann einen seiner Brüder, der ihn aber nicht erkennt. Von ihm erfährt er, 
daß die Familie völlig verarmt ist. Als Hans weg war, habe seine Arbeits- 
kraft überall gefehlt und es sei nichts mehr von der Stelle gekommen. 
Jetzt gibt sich Hans zu erkennen, kehrt zu seinen Eltern zurück und mit 
Hilfe des Wunschringes zaubert er dem Vater eine Mühle her. 

Wir haben hier also ein ähnliches Schema, wie in den vorausgehen- 
den Märchen, nur ist das ganze Verhältnis stark vergiftet. Wir haben 
es mit einem trotzigen („verschlossenen") Kind zu tun, das selbst einen 
falschen Schein wider sich hervorruft, um dann im Gefühl der ver- 
folgten Unschuld schwelgen zu können. Den sich so entwickelnden 
Revanchegelüsten wird im Märchen eine ins Grandiose gesteigerte Be- 
friedigung: es zeigt sich, daß das verkannte Kind die eigentliche Stütze 
der ganzen Familie war. Daß die Verfasserin nicht davor zurück- 



286 Selbsterfundene Märchen 



schreckt, zur Erlangung dieser Revanche den Vater und die ganze 
Familie ins Unglück zu stürzen, deutet auf Haß- und Racheregungen 
gegen die Eltern. 

An den Schluß dieser Gruppe stelle ich ein Märchen, das durch eine 
Tatsache aus den persönlichen Verhältnissen der Schreiberin eine inter- 
essante Aufhellung erfährt. 

11. Die Zauberhacke. In einem Wald lebt ein armer Holzhauer. 
Er hat einen Sohn; seine Tochter ist seit Jahren verschwunden. Einst rettet 
er einem Zwerg das Leben und dieser gibt ihm aus Dankbarkeit den Rat, 
für die Waldfrau Heilkräuter zu sammeln. Von ihr erhält er nach einem 
Jahr eine Zauberhacke, mit deren Hilfe er bald zu einem wohlhabenden 
Holzhändler wird. Als sein Sohn und die Waldfrau erkranken, pflegt er 
beide. Vor ihrem Ende gibt ihm die Waldfrau einen Brief an den Zwerg 
mit und jetzt stellt sich heraus, daß dieser die verschwundene Tochter ist. 
Jetzt ist sie aus der Verzauberung erlöst und auch der Sohn wird wieder gesund. 

Das Mädchen, das dieses Märchen verfaßt hat, hat einen blinden 
Bruder, der infolge seiner Begabung und seines Fleißes trotz seines 
Gebrechens den normalen Studiengang als öffentlicher Schüler ver- 
folgen kann. Es ist ohne weiteres klar, daß unter diesen Umständen der 
Knabe im Mittelpunkt der elterlichen Sorgfalt und Liebe stehen muß. 
Auf diesen unvermeidlichen Umstand reagiert nun das Mädchen mit 

einem Gefühl der Zurückgesetztheit und das kommt im Märchen 
in prägnanter Steigerung dadurch zum Ausdruck, daß die Tochter 
überhaupt verschwunden ist. Aber da bahnt sich auch schon die 
Kompensation an. Sie ist in einen Zwerg verwandelt, also in einen zwar 

kleinen, aber doch mächtigen Mann, sie rettet ihren Vater aus seiner 
Not und führt schließlich auch die Genesung des Bruders herbei. 

Bei einem Rückblick auf die Gruppe der Familienmärchen scheint 
mir ein Zug als fast ausnahmslos allen gemeinsam besonders hervor- 
zutreten. Wir sind es ja gewohnt, von Märchen einen glücklichen Aus- 
gang zu erwarten. Sobald nun konkrete Personen ins Spiel kommen, 

läßt sich dieses Gesetz genauer fassen. Das Märchen geht gut aus, 
heißt dann immer: Es gelingt dem Helden, sich über diese Personen 

zu erheben. 

ii. 

Wir wenden uns jetzt der Gruppe von Märchen zu, aus denen nicht 
ein eigentlicher Lebensplan abgelesen werden kann, sondern in denen 
nur eine oder die andere Leitlinie charakteristisch hervortritt. Es 
liegt in der Natur der Sache, daß sich gerade in dieser Gruppe am 



Selbst erfundene Märchen 287 



schwersten ein roter Faden wird festhalten lassen, der von einem Mär- 
chen zum andern führt. 

Ich beginne mit einem Märchen, das in mancher Beziehung mit der 
ersten Gruppe verknüpft ist. 






1Z. Ein Märchen. Ein junger Bursch zieht fröhlich durchs Land. 
Von einem blauen Vogel geführt, kommt er zu einem prächtigen Palast. 
Bei seinem Anblick werden die strengen Wächter heiter und freundlich 
und sagen ihm, hier wohne die Königin Vorsicht. Das Land sei glücklich, 
eine so treffliche Herrscherin zu haben, nur eine sei noch besser als sie, 
ihre Tochter, die Weisheit. Diese erscheint und ihre ernsten Züge er- 
heitern sich beim Anblick des Fremden, der sich nun als der Frohsinn 
zu erkennen gibt. Sie fordert ihn auf, hier zu bleiben und sagt ihrer Mutter 
daß jetzt eine ungetrübt glückliche Zukunft vor ihnen liege. Denn wo Weisheit 
und Frohsinn vereint sei, müsse alles gut gehen. 

Wenn auch das allegorische Gewand die Ausdeutung erschwert, so 
treten persönliche Beziehungen klar genug hervor. Es ist sehr verständ- 
lich, daß gerade die Vorsicht als charakteristische Eigenschaft der 
Mutter hervorgehoben wird. Und es überrascht uns auch nicht mehr, 
daß bei aller respektvollen Behandlung der Mutter die Tochter doch als 
die höherstehende erscheint. Übrigens scheint es auch an direkten 
Vorwürfen gegen die Mutter nicht zu fehlen. Denn wenn die Verfasserin 
über Weisheit erzählen läßt: „Oh, das, was man in der Welt unter 
Erziehen versteht, ist sie nicht worden. Sie hat nur immer das schöne 
Vorbild gehabt", so stellt sie offenbar ihr pädagogisches Ideal der Er- 
ziehung, die sie tatsächlich erfährt, entgegen. Im übrigen erblicken 
wir in der Schreiberin eines der Mädchen, die von sich selbst fest- 
stellen, daß sie das Leben zu schwer nehmen. „Nur ist sie traurig" 
heißt es von Weisheit; und sie selbst sagt zu Frohsinn: „Wer auch so 
sein könnte wie du, immer denke ich, das hättest du so machen können, 
dies so." Daß dem melancholischen Mädchen dann der männliche 
Frohsinn gegenübertritt, hat wohl auch seine tiefere Bedeutung und 
verrät uns die Vorstellung, die sich die Verfasserin von der Rolle 
macht, die die Geschlechter im Leben zu spielen haben. 

13. Die Gründung von Pechdorf. Ein armer Schuster wandert 
durch den Wald, um für seine letzten zwei Kreuzer Pech zu holen. Trotz- 
dem gibt er einen Kreuzer noch einer Bettlerin, die ihm zum Dank einen 
Pechtopf schenkt. Es stellt sich dann heraus, daß dieser Topf nie leer 
wird und die mit diesem Pech geklebten Schuhe besonders gut sind. So 
bekommt er viel Arbeit, wird ein wohlhabender Mann und der Gründer 
einer Ansiedlung. Als er einst wieder durch den Wald geht, steht an der 
Stelle, wo er damals die alte Bettlerin traf, eine schöne Fee und sagt ihm, 



288 Selbsterfundene Märchen 



sie habe in jener Verkleidung sein Herz prüfen wollen, um ihm dann zu 
helfen. 

Für uns bildet natürlich die Gestalt der Fee das Zentrum des Mär- 
chens. Es ist nicht schwer einzusehen, welche Lebensauffassung sich 
da vorbereitet. Der Verfasserin schwebt offenbar das Ideal der vor- 
nehmen Dame vor, die sich in patronessenhafter Huld zu den Armen 
herabläßt, um ihnen beizustehen, aber wohlgemerkt nur dann, wenn sie 
es auch verdienen. 

In der Grundtendenz verwandt ist 

14. Das Märchen vom Bergsee. Die Treue hat in einem Tal 
ihren Wohnsitz aufgeschlagen und herrscht ruhig und glücklich über brave 
Untertanen. Da wandert der Riese Unnutz ein; er hetzt das Völkchen auf, 
wirft die Parole „Freiheit und Reichtum!" unter die Leute und es kommt 
zum Aufruhr. Im Augenblick der höchsten Not erscheint der König der Berge; 
Unnutz wird in einen Felsen verwandelt, das Tal in einen See, die Bewohner 
aber werden auf Fürbitte der Treue geschont und wohnen von neuem unter ihrer 
Herrschaft an den Ufern des Sees. 

Also ein politisches Märchen. Als solches nimmt es unter den geliefer- 
ten Arbeiten eine Sonderstellung ein; es ist das einzige, das den ego- 
zentrischen Standpunkt verläßt und sich allgemeineren Problemen zu- 
wendet. Das deutet zweifellos auf eine gewisse Enge des Gesichts- 
kreises der Schülerinnen, die dieser Altersstufe eigentlich nicht mehr 
natürlich sein sollte. Die schroff antirevolutionäre Tendenz ist es, die 
dieses Märchen dem vorausgehenden verwandt macht; auch hier das 
Postenfassen auf Seiten der Vornehmen und Mächtigen, um sich so über 
die Masse zu erheben. So darf man als wesentlichsten Zug der beiden 
Märchen vielleicht eine realistische Umwandlung und Abschwächung 
des Prinzessinnenideals ansehen, von dem später zu handeln sein wird. 

15« Ein Weihnachtsmärchen. Eine arme Wäscherin sagt ihrem 
kleinen Mädchen, das Christkind komme nur zu den Reichen. Daraufhin 

w 

geht die Kleine mit ihrer Puppe zur Stadt, um die Puppe zu verkaufen und 
so reich zu werden. Überall abgewiesen, schläft sie endlich auf einer Bank 
ein. Im Traum wird sie vom Christkind zum lieben Gott geführt. Eine 
reiche Nachbarin findet sie auf, trägt sie nach Hause und bereitet ihr dann 
eine Bescherung. 

Die Heldin des Märchens stellt sich also eine Aufgabe, die weit über 
ihre Kräfte geht; aber gerade dadurch, daß sie zu schwach ist und 
zusammenbricht, gelangt sie schließlich doch an ihr Ziel. Wir sehen 
hier eine Leitlinie ausprobiert, die unter den so unendlich zahlreichen 
und für den Psychologen so wichtigen Methoden, sich seinem Ziel 
auf Umwegen zu nähern, eine der raffiniertesten ist, eine Methode, die 



Selbsterfundene Märchen 289 



von äußerlich überenergischen Mädchen nicht zu selten in Anwendung 
gebracht wird. Es ist gleichsam ein Mit-dem-Kopf-durch-die- Wand- 
Rennen mit einem Hintergedanken. Man weiß sehr wohl, daß man 
durch die Wand nicht hindurch kann; aber man rechnet damit, daß, 



hat man sich erst den Kopf gründlich angeschlagen, schon Leute 
kommen werden, die einen mitleidig und doch respektvoll dort hin- 
bringen, wohin man gelangen will. 

Genau genommen nennt sich übrigens diese Geschichte zu Unrecht 

ein Märchen: das Wunderbare, das erzählt wird, stellt sich ja dann 
als Traum heraus. Geradezu um einen bewußten Gegensatz zum Mär- 

chen handelt es sich bei 

16« Ein Märchen. Die Königin hat sich auf der Jagd verirrt. Ermüdet 
läßt sie sich unter einem Baume nieder. Da steht plötzlich ein Zwerg vor ihr 
und sagt ihr, sie sei in einem Zauberbereich und sie könne nur nach Hause 
kommen, wenn sie drei Aufgaben erfülle. Sie müsse einen Zweig mit gelben 
Früchten ganz in den Wipfeln des Baumes brechen, sie müsse den Weg 
gehen, den er hergekommen sei, und sie müsse zu einer Insel gelangen, die mit- 
ten in einem See liege. Durch die Hilfe eines Vogels gelingt es ihr, die 
Aufgaben auszuführen. Plötzlich hört sie Gelächter und schlägt die Augen 
auf, ihr Mann mit dem Jagdgefolge steht vor ihr. Sie hat nur geträumt. 
Jetzt muß sie selbst lachen. 

Statt eines Märchens also Verspottung des Märchens. Die Verfasserin 
protestiert gegen die ihr gestellte Aufgabe, offenbar weil sie ihr als 
zu kindisch erscheint. Das Charakteristische dabei ist, daß ja auch ein 
anderes Thema zur Wahl stand, daß diese Schülerin sich aber für das 
Märchenthema entscheidet, eigens um dagegen protestieren zu können. 
Daneben drängt sich die Vermutung auf, daß dieses Mädchen, das es 
ablehnt, ein Lebensbild ohne Rücksicht auf die Realität zu entwerfen, 
seinen Mitschülerinnen vielleicht an Reife voraus ist, daß es in der 
Anpassung seines unbewußten Lebensplans an die Forderungen der 
Wirklichkeit weiter gelangt ist als die anderen. Es muß dahingestellt 
bleiben, welches dieser beiden Momente das entscheidende ist. 

17. Vom braven Schneiderlehrling. Der Schneiderlehrling be- 
schenkt einen Bettler und wird deshalb von seinem geizigen Herrn barsch 
zurechtgewiesen. Im weiteren Verlaufe der Geschichte wird der Junge reich- 
lich belohnt, erhält einen Palast und heiratet eine Prinzessin. Der Meister 
wird bestraft, indem seine Kinder sich in Disteln verwandeln. 

So wird die Tugend belohnt und das Laster bestraft — eine höchst 
moralische Geschichte. Bei schärferem Zusehen allerdings erweist sich 
diese Moral als höchst fragwürdig. Es werden die Wege der Tugend 
und des Lasters ausgetastet und die Entscheidung fällt für die Tugend, 

19 



290 Selbsterfundene Märchen 



eben, weil hier Belohnung zu winken scheint, und zwar eine recht 
große Belohnung für eine recht kleine Leistung. Und wie es eine 

theologische Ansicht gab, die es zu den Hauptfreuden der Seligen 
rechnete, daß sie die Qualen der Verdammten betrachten könnten, so 
wird auch hier der Triumph des Guten dadurch vervollständigt, daß 
der Böse aufs grausamste bestraft wird, ja sogar seine unschuldigen 
Kinder werden ins Verderben hineingezogen. Wir dürfen übrigens mit 
der jugendlichen Schreiberin nicht zu hart ins Gericht gehen, denn eine 
Zergliederung gar mancher moralindurchtränkten Jugendschrift würde 
kein besseres Resultat ergeben. Jedenfalls aber zeigt uns dieses Märchen 
eine bedenkliche Kehrseite des „braven Kindes" und weist den Erzieher 
darauf hin, welche Behutsamkeit bei der Erziehung zur Ethik erforder- 
lich ist. 

18. Wie der Fuchs den Löwen besiegte. In Abwesenheit des 
Löwen nistet sich der Fuchs in dessen Höhle ein. Durch List gelingt es ihm, 
dem Löwen Furcht einzujagen und ihn in die Flucht zu treiben. 

Diese Freude an dem Sieg des Schwachen über den Starken, des 
Kleinen über den Großen ist etwas dem eigentlichen Kindesalter ganz 
Natürliches; das Kind, das unter dem Gefühl seiner eigenen Kleinheit 
und Schwäche leidet, spricht sich mit solchen Geschichten Mut zu. 
In dem Alter aber, in dem die Verfasserin dieses Märchens steht, 
verrät das Festhalten an dieser Leitlinie doch so etwas wie die Voraus- 
siebt, daß man auch im späteren Leben klein und schwach bleiben und 
auf die Mittel des Kleinen und Schwachen angewiesen sein werde. 
Offenbar ist die Schreiberin von der Vorstellung beherrscht, daß ihr 
Geschlecht ihr diese Rolle im Leben zuweise. 

19. Vom Häslein, das auf Wanderschaft ging. Das Häslein 
will trotz Abmahnung seiner Eltern in die weite Welt. Verschiedene unan- 
genehme Abenteuer schrecken es aber bald ab und es ist froh, wieder zu 
Hause zu landen. 

Der Ausgangspunkt ist hier ähnlich wie beim vorigen Märchen, aber 
das Resultat ist hier ein Zurückweichen; das Elternhaus soll Schutz 
gewähren gegen die Gefahren des Lebens. Diese Philosophie der Vor- 
sicht kann uns nicht überraschen, ist doch unsere Erziehung, vor allem 
die häusliche, in hohem Maße eine Erziehung zur Vorsicht, ja zur 
Feigheit. Das ist aus praktischen Gesichtspunkten heraus wohl zu 
begreifen. Man übersieht dabei nur, daß diese Vorsicht, wo sie wirklich 
Wurzel geschlagen hat, viel tiefer geht als man will und ahnt, daß sie 
bei jeder, auch der kleinsten Handlung und Entscheidung, die das Leben 
fordert, hemmend und bremsend wirkt. 



Selbsterfundene Märchen 




III. 

Die dritte Gruppe der Märchen, der wir uns nun zuwenden, ist nicht 
nur die größte an Zahl, sondern auch die geschlossenste und interessante- 
ste. Allen diesen Märchen, in denen sich ein klarer skizzierter Lebens- 
plan erkennen läßt, ist ein Zug gemeinsam: Das Motiv der Prinzessin. 
Das ist bei Märchen an sich gewiß nicht überraschend, obzwar ja die 
Märcbenliteratur auch andere Möglichkeiten bietet. Aber durch die 
Häufigkeit dieses Motivs in der Märchenliteratur wird die psycholo- 
gische Bedeutung der Prinzessinnenidee nicht widerlegt, sondern im 
Gegenteil auf sie hingewiesen. Alfred Adler hat sie uns verstehen 
gelehrt als eine der wichtigsten und folgenschwersten Formwandlungen 
der männlichen Leitlinie bei Mädchen. Die unverhüllte Formel des 

männlichen Protestes: „Ich will ein Mann seinl" wird in dieser Schroff- 
heit natürlich in dem Moment zusammenbrechen müssen, in dem das 

Mädchen sich über die Unabänderlichkeit seiner Geschlechtsrolle klar 

wird 1 . Aber es wird sich nun sehr leicht die Ersatzformel einstellen: 

„Wenn ich schon kein Mann bin, so will ich doch als Frau herrschen, 
will Königin, Prinzessin sein!" Auch diese Fassung wird beim Fort- 
schreiten der Entwicklung noch manche Änderung und Abschwächung 
erfahren müssen, immer aber wird eich der bedenkliche Ursprung dieser 
Leitlinio dadurch erweisen, daß sie die Frau, die von ihr beherrscht 
wird, zu unerfüllbaren Ansprüchen an das Leben treibt, daß sie ihr die 
Anpassung an die Realität erschwert oder unmöglich macht. Im Mär- 
chen nun wird die Spannung zwischen Realität und Lebensplan über- 
wunden, es zeigt uns, wie die Heldin Prinzessin wird. Nur in vier 
Fällen wird diese Spannung von vornherein gemildert, indem es sich 
um die Erlösung verwunschener Prinzessinnen handelt, und nur in einem 
Fall ist die Heldin von Anfang an wirklich Prinzessin, allerdings 
krank und dem Tod verfallen. 

In der Prinzessinnenidee liegt natürlich auch ein Vorwurf gegen die 
Eltern versteckt, die es versäumt haben, ihrem Kinde diese herrschende 
Stellung in der Welt vorzubereiten. Dieser Vorwurf kommt manch- 
mal deutlich zum Ausdruck. Das verbindet diese Gruppe mit der ersten. 

Am bezeichnendsten und bekanntesten in dieser Hinsicht ist die 
„Phantasie von den niederen Eltern", über die Otto Rank im „Mythus 

von der Geburt des Helden" 2 ausführlich gehandelt hat. Die Größenidee 

1 Cf. meine Ausfuhrungen in dem Aufsatz : „Die psychologische Bedeutung der 
Psychoanalyse", IL 



1 Schriften zur angewandten Seelenkunde. Heft 5. 



1* 



292 Selbsterfundene Märchen 



wird verwirklicht, indem die wirklichen Eltern in die Rolle von Zieh- 
eltern herabgedrückt werden. Dies finden wir in 

£0. Im Reich der Elfen. Brave Fischersleute finden eines Tages 
vor ihrer Hütte ein kleines Mädchen, das ein goldenes Kettchen um den Hals 
trägt. Sie ziehen es als ihr eigenes Kind auf. Nach dem Tode der vermeintlichen 
Eltern muß das Mädchen auswandern. Ein Zwerg spricht die Weinende an 
und führt sie ins Elfenreich. Hier erfährt sie von Titania ihre Geschichte. 
Sie ist ein Königskind und es galt, sie der Rache eines Zauberers zu entziehen. 
Sie bleibt im Elfenreich, bis die Stunde ihrer Rückkehr ins Elternhaus gekommen 
ist. Da zeigt ihr dann eine goldene Kugel den Weg zum Königspalast; die 
Eltern erkennen sie und sind voll Freude. Sie heiratet einen Prinzen und bei 
ihrem ersten Kind ist Titania Patin. 

Die Bereitwilligkeit, auf die Eltern zu verzichten, zeigt sich noch 

deutlicher in 

21. Die Wald fee. Ein Holzhacker hilft einer alten Frau; diese ent- 
puppt sich dann als schöne Fee und verlangt von ihm auf fünfzehn Jahre seine 
Tochter. Nach langem Zögern willigen die Eltern ein. Es wird uns jetzt 
die Erziehung bei der Waldfrau, streng und liebevoll zugleich, geschildert. 
Nach fünfzehn Jahren erzählt sie dem Mädchen seine Geschichte und schickt 
es dann in den Wald, damit es dem König auf der Jagd begegne. Dieser macht 
sie zu seiner Frau und sie nimm* jetzt ihre Eltern zu sich. 

Die beiden letzten Märchen haben noch einen Zug gemeinsam: Die 
Vorbereitungs- und Wartezeit bei einer Fee. Man darf wohl annehmen, 
daß sich in diesem Aufenthalt die Schulzeit symbolisch darstellt, be- 
sonders wenn man bedenkt, daß im zweiten Märchen das Erzieherische 
eigens betont ist. Als Mittelglied zwischen Elternhaus und Leben, 



als Wartezeit wird in diesen Jahren die Schule empfunden. 

Wir haben schon in diesen zwei Geschichten gesehen, wie sich den 
Mädchen als nächstliegendes und aussichtsreichstes Mittel zur Ver- 
wirklichung ihres Lebensplans die Heirat darbietet. Aber die Taktik, 
die dabei gewählt wird, kann grundverschieden sein. Der eine Typus 
kommt am schärfsten zum Ausdruck im Motiv der verwunschenen 
Prinzessin. Hier ist die Heldin durch die angenommene Voraussetzung 
zur vollsten Passivität verdammt, zugleich aber so hochstehend und 
begehrenswert, daß die größten Heldentaten und Mühsale des Helden 
durch ihren Besitz noch immer überreichlich belohnt werden. So sind 
Minderwertigkeitsgefühl und Kompensation in demselben Zuge gezeich- 
net. Wir stoßen hier wieder auf eine der psychologisch so bedeutsamen 
Methoden, sich einem Ziel, zu dem der gerade Weg versperrt scheint, 
auf Umwegen zu nahern. Zuerst wird die Passivität als charakteristisches 
Merkmal der weiblichen Rolle aufgefaßt und peinlich empfunden. 






Selbsterfundene Märchen 293 



Dann entsteht der Gedanke, aus diesem Mangel eine Waffe zu schmie- 
den und gerade die Passivität als Mittel zu gebrauchen, um zur 
Herrschaft, um nach oben zu gelangen. („Männlicher Protest mit 
weiblichen Mitteln".) Jetzt zu den einzelnen Märchen dieser Art. 

r 

22. Das versunkene Schloß. Ein Zauberer hat das Schloß ver- 
wunschen und unter die Erde gesenkt. Nur ein reiner, edler Jüngling soll 
es erlösen können. Nach langen Jahren kommt endlich Prinz Hadubrand, 
vollbringt das Werk, wobei er unglaubliche Mühen und Abenteuer zu be- 
stehen hat, und wird der Gemahl der Prinzessin. 

23« Der Zauberwald. In der Nähe des Königsschlosses liegt ein 
Zauberwald. Als die Prinzessin ihn trotz des Verbotes betritt, wird sie in 
ein Reh verwandelt. Einst jagt ein fremder Prinz als Gast des Königs in 
diesem Walde, schießt ein Reh an, ohne es zu töten, und läßt es mitleidig 
nach Hause bringen. Das Tier beginnt zu sprechen und sagt ihm, es könne 
erlöst werden, wenn er ihm den Kopf abhaue. Als der Prinz das getan hat, 
steht eine schöne Jungfrau vor ihm, mit der er sich dann vermählt. 

Nicht um eine verwunschene, sondern um eine kranke Prinzessin 

handelt es sich in 

24. Der fremde Prinz und die goldenen Früchte. Im Garten 
des Schlosses lustwandelt täglich die Königstochter und freut sich an den 
schönen Blumen und dem Gesang der Vögel. Eines Tages bleibt der Garten 
leer, die Vögel verstummen, die Blumen lassen die Köpfe hängen — die 
Prinzessin ist krank und die Ärzte geben keine Hoffnung. Da zieht ein 
fremder Prinz vorbei, erfährt die traurige Kunde und möchte die Prinzessin 
retten. Ein Zwerg steht ihm mit seinem Rat bei. Auf einer öden Haide muß 
er einem Bären die Lanze in den Rachen rennen, dann weiter vordringen 
bis zu einem Baum und von diesem goldene Früchte pflücken. Die bringt 
er der Prinzessin. Genesung. Heirat. 

Es ist bemerkenswert, wie in diesem Märchen die Bedeutung der Hel- 
din ganz besonders unterstrichen ist. Nicht nur, daß der fremde Prinz 
durch den Gedanken an sie zu außerordentlichen Taten angespornt 

wird ; die Gefahr, in der sie schwebt, wirkt auf die ganze Natur ein, auf 
Blumen und Vögel. Eine dichterische Darstellung des Gedankens: 
„Wenn ich sterbe, so steht die Welt still." 

Das nächste Märchen erzählt nicht von einer Prinzessin, sondern 

von einem Bauernmädchen; aber es gehört doch hieher. Die bloße 

Existenz der Heldin bei voller Passivität genügt schon, um den Mann 

zu den höchsten Opfern anzuspornen. 

X5. Der verwunschene Prinz. Ein Prinz soll eine häßliche Prin- 
zessin heiraten, liebt aber ein Hirtenmädchen. Da er von ihr nicht lassen 
will, verwünscht der König ihn und sie. Sie wird eine häßliche Kröte, er 
muß als Rabe im Mond leben, bis ihn ein anderer Vogel zur Erde bringt. 



294 Selbsterfundene Märchen 



<< 



Lange Jahre harrt er in Treue aus. Endlich führt ihn ein Aeroplan auf die Erde 
zurück. Der Zauber ist gebrochen und die beiden heiraten. Der Vater ist 
schon längst aus Gram und Reue gestorben. 

In allen diesen Märchen muß infolge der Passivität der Heldin die 
Gestalt des männlichen Retters mehr in den Vordergrund treten, so daß 
oft schwer zu entscheiden ist, worauf eigentlich der Hauptton fällt: ob 
auf die Unterstreichung der weiblichen Passivität, ob auf das Hinein- 
denken in eine männliche Heldenrolle, oder vielleicht auf den Gedanken: 
„So würde ich handeln, wenn ich ein Mann wäre; die Männer freilich 

handeln ganz anders 1 

Dem gegenüber wird in einer Reihe anderer Märchen gerade die 
Aktivität der Heldin betont; die Frau erscheint als die Retterin. 
So 

16« Die gute Fee. Ein fleißiges Arbeitermädchen schläft müde ein. 
Im Traume erscheint ihr eine Fee und führt sie zu einer Quelle, schöpft 
Wasser in einen Becher und sagt ihr, daß dieses von wunderbarer Heilkraft 
sei. Den Becher hat sie beim Erwachen noch bei sich und er wird als Fa- 
milienheiligtum aufbewahrt. Jahre danach erkrankt der Königssohn; sie geht 
mit dem Becher zum Palast; ihrer Schönheit wegen lassen die Wachen sie 
durch und der wunderbare Trank bringt dem Prinzen Genesung. Heirat. 

27. Das Eichhörnchen. Eine junge Schäferin hat von einem wunder- 
tätigen Eichhörnchen gehört, das tief im Walde leben soll. Mancher schon 
hat sich auf die Suche begeben, alle sind unverrichteter Dinge zurückgekehrt. 
Sie hat in der Zeitung von der Jungfrau von Orleans gelesen und will auch 
Außerordentliches vollbringen. So macht sie sich auf den Weg. Nach tage- 
langer Wanderung betet sie unter einem Baum (vgl. Jeanne d'Arc!), und 
bald darauf steht sie vor einem prächtigen Schloß. Die Fee sagt ihr, 
gerade auf jenem Baume sitze das Eichhörnchen und das Zauberwort sei 
„Hörnihopp!". Das Eichhörnchen war ein verwunschener Prinz, der jetzt 
erlöst ist. Nach kurzer Wartezeit Hochzeit in Paris. 

Den beiden Märchen ist noch ein interessanter Zug gemeinsam. 
Die überirdische Frau, die das Mädchen zu einer Quelle führt und 

# 

ihr das wundertätige Wasser zeigt, gemahnt uns an die Geschichte der 
Bernadette von Lourdes; auch der Name „Maria" taucht auf, allerdings 
als Name des Mädchens („Mariechen.' 1 ) Im zweiten wieder haben wir 
den direkten Hinweis auf die Jungfrau von Orleans als Vorbild. In 
beiden macht sich also ein mystisch-religiöser Zug geltend, mit dem 
dann der Schluß, die Heirat, seltsam kontrastiert. Es werden also 

zwei entgegengesetzte Leitlinien ausgeprobt, und um der unbequemen 
Entscheidung auszuweichen, werden sie ohne Rücksicht auf ihre Unver- 
einbarkeit gleichzeitig in Anwendung gebracht. 

Von diesen beiden Märchen unterscheidet sich das folgende durch die 



Selbsterfundene Märchen 295 



spezifisch weibliche Art der Aktivität, die in ihm hervortritt, durch 
die angriffsweise vorgehende Koketterie, die sich in ihm verrät. 

28. Prinzessin Erika. Eine schwäbische Prinzessin hat einen höchst 
grausamen Vater. Weil sie seinen Untertanen Gutes tut, wird sie von ihm 
verjagt. Sie gerät in die Macht einer bösen Fee, die sie auf einem ein- 
samen Schloß von einem Drachen bewachen läßt. „Dieses Tier fand nun 
bald großen Gefallen an der Prinzessin . . . Auch Prinzessin Erika fand 
den Drachen nicht so schlimm, als sie erst dachte." Sie kommt auf den 
Gedanken, er sei vielleicht ein verzauberter Mensch, und beschließt ihn zu 
fragen. Tatsächlich ist er ein verzauberter Komödiant und er kann Er- 
lösung finden, wenn ihn ein Mädchen heiratet. Erika entschließt sich dazu 
und sie leben lange Zeit als wandernde Schauspieler. Endlich kehren sie nach 
Schwaben zurück. Der böse Vater ist tot. Sie wird Königin und ihr 
Mann steht ihr zur Seite. 

Auch hier haben wir widersprechende Zielsetzung vereinigt (Prin-. 
zessin-Schauspielerin). Es ist wohl kein Zufall, daß dies gerade in den 
Märchen der Fall ist, die die Aktivität der Heldin besonders unter- 
streichen. Diese Aktivität wird eben von vornherein als der weiblichen 
Rolle eigentlich widersprechend empfunden. Das letzte Märchen weist 
übrigens den beiden vorhergehenden gegenüber einen neuen Zug auf: 
die Heldin erscheint nicht nur als Retterin des Mannes, ihre Ehe 
ist ein Herabsteigen und am Schlüsse hebt sie dann den Mann 
zu sich empor. Die falsche Wertung, die am Ausgangspunkte des 
männlichen Protestes steht, wird also durch die entgegengesetzte falsche 
Wertung ersetzt, die Frau wird als über dem Manne stehend ange- 
nommen. Gerade diesen Formwandel des männlichen Protests kann 
man bei Frauen häufig beobachten und es ist leicht zu verstehen, welche 
Vorteile er bietet: da der Hauptton auf die eigene Wertung, also auf 
einen inneren Vorgang gelegt wird, sind direkte Zusammenstöße mit 

der Realität ausgeschlossen. Die Prinzessinnenidee, konsequent fest- 
gehalten, muß unfehlbar an den Tatsachen des wirklichen Lebens 

scheitern; dagegen kann eine Frau sehr wohl ihr ganzes Leben lang 

so handeln, als ob sie sich zu ihrem Mann herabgelassen hätte und als 

ob sie ihn zu sich emporheben wollte. Freilich braucht man sich eine 

Ehe, in der die Frau von solchen Gedanken beherrscht ist, nur vorzu- 

zustellen, um zu begreifen, daß diese Leitlinie dafür indirekt zu 

nicht minder bedenklichen Konflikten führen muß. 

Zunächst war uns also die Ehe einfach als das wichtigste Mittel 

zur Verwirklichung des Lebensplans entgegengetreten und als solches 

war sie rein positiv gewertet worden. In „Prinzessin Erika" ist zum 

erstenmal «in noues Thema anaeschlao-en : Die Ehe ist immerhin etwas. 



296 Selbsterfundene Märchen 



was auch Opfer fordert. Diese Bedenken und Schwierigkeiten kommen 
in einer andern Reihe von Märchen noch viel deutlicher zum Ausdruck. 






Daß sich solche Erwägungen überhaupt verraten, kann zunächst ge- 
wiß als Zeichen der größeren geistigen Reife der betreffenden Mädchen 
gedeutet werden. Die andern haben in der Ehe nichts gesehen als einen 
erwünschten Gegensatz zu ihrem jetzigen Zustand, sie haben die Ehe 
gewissermaßen in abstracto bejaht; die Bedenklichen zeigen, daß sie 
sich mit dem Problem wirklich beschäftigt haben. Für ihre endgültige 
psychologische Beurteilung allerdings würde es auf zwei Momente 
ankommen: einmal darauf, ob die Schwierigkeiten, die sie stutzig 
machen, objektiv gegebene sind oder ob sie auf einer tendenziös ent- 
stellten Auffassung vom Verhältnis der Geschlechter beruhen, und dann 
darauf, wie ihre endgültige Entscheidung ausfällt, was wir aus den 
psychologischen Momentaufnahmen, als die wir diese Märchen auf- 
fassen, allerdings nicht entnehmen können. 

29« Die verwunschene Prinzessin. Ein Jüngling liegt am 
Meeresstrand. Da taucht ein wunderschönes Weib aus den Fluten; voll 
Liebe will er sie umfangen, doch schon ist er in einen Fisch verwandelt. 
Sie war einst eine Prinzessin, die „fast alle" Freier abwies. Ein Zauberer 
hat sie aus Rache verwunschen und sie kann nur erlöst werden, wenn ihr 
ein Jüngling widersteht. Dies gelingt erst, als sie einst einen schönen 
Jungen flehentlich darum bittet. Er muß alle Kraft zusammennehmen, um 
standhaft zu bleiben. Jetzt aber ist sie erlöst und sinkt an seine Brust mit 
dem Ausruf: „Ich bin nun deine Sklavin!" 

Auffallend ist die besonders gesteigerte Darstellung der Macht der 
Frau: ihr zu widerstehen, ist das Schwerste, was ein Mann leisten 
kann. (Die Verfasserin ist ein häßliches Mädchen.) Der Widerstand 
gegen die Ehe zeigt sich in der Abweisung der Freier. Am Schluß 
erfahren wir auch den Grund dieses Widerstandes: die Frau wird die 
Sklavin des Mannes. 

30. Ein Märchen. Der Tochter eines Mannes, der in der Gegend 
der „Zauberer vom See" heißt, erscheint ein Meergreis und bittet sie, mit 
ihr hinabzusteigen in die Fluten und den kranken Königssohn zu retten. 
Sie werde unten ein glanzvolles Leben haben, allerdings müsse sie auf die 
Freuden der Welt verzichten. Sie willigt ein. Genesung. Heirat. 

In der Vermählung mit dem Seeprinzen haben wir einen sym- 
bolischen Ausdruck dafür, daß die Ehe ein Hinabsteigen bedeutet; 
außerdem verlangt sie den Verzicht auf die Freuden des Lebens. 

31. Ein Märchen. Ein Bauernmädchen wird von einer Hexe in einen 
Falken verwandelt. In dieser Gestalt fliegt es einem schwermütigen Prinzen 
zu, wird sein unzertrennlicher Begleiter und bringt ihm Trost und Aufheite- 



Selbsterfundene Märchen 297 



rung. Als er den Falken zurücklassen will, um eine lange Reise zu unter- 
nehmen, erzählt dieser seine Geschichte und sagt, er könne gerettet werden, 
wenn ein Mann seinetwegen ein Jahr lang auf alle Freuden der Welt verzichte. 
Der Prinz erfüllt die Bedingung. Erlösung. Heirat. 

Zwischen diesem Märchen und dem vorhergehenden besteht ein Zu- 
sammenhang : die Verfasserin des ersten hat bei der Abfassung des zwei- 
ten mitgewirkt. Und tatsächlich finden wir wichtige Gemeinsamkeiten: 
in beiden Fällen erscheint die Heldin als Retterin (vom Tod, aus Schwer- 
mut) und in beiden Fällen spielt das Entsagungsmotiv eine wichtige 
Rolle. Seine entwickeltere Form zeigt es offenbar im zweiten Märchen, 
wo es sich als Forderung gegen den Mann kehrt. Wir können hier 
eine Einstellung im Entwicklungsstadium beobachten, die dann in fixier- 
ter Form im psychischen Leben erwachsener Frauen oft eine große 
Rolle spielt und die uns auch aus der Frauenliteratur wohl bekannt ist: 
die Forderung nach dem „reinen Mann". (Vgl. auch Märchen 22, wo 
nur ein „reiner, edler Jüngling" die Erlösung vollbringen kann.) Es 
ist leicht einzusehen, welch treffliche Handhabe diese Forderung einer 
Frau mit aufgepeitschtem männlichen Protest bietet, um den Mann 
herabzusetzen und zu demütigen ; um so mehr als, wenn dieser Mann wirk- 

lieh gefunden ist, seine Unerfahrenheit in Liebesdingen neue Angriffs- 
punkte bieten wird. 

Nicht uninteressant ist es, zu verfolgen, wie in unserem Falle diese 
Forderung der Entsagung entstanden ist. Die Verfasserin wird als 
ein kokettes, gern flirtendes Mädchen geschildert; es wird den Eltern 
im allgemeinen nicht leicht, mit ihm fertig zu werden, dafür entschließen 
sie sich manchmal zu recht energischen Eingriffen. So hat sie z. B. 
ihre sehr kokette Frisur aufgeben und durch eine Haartracht von fast 
klösterlicher Einfachheit ersetzen müssen. Sie selbst also wird zur 
Entsagung gezwungen und sie sucht jetzt ihr durch diesen Zwang ge- 
drücktes Persönlichkeitsgefühl wieder aufzurichten, indem sie diesen 
Imperativ in sehr verschärfter Form den andern entgegenhält. Das 
zeigt sich nicht nur in den beiden Märchen, auch bei der Besprechung 

von Dichtwerken läßt sie gelegentlich merken, daß sie in diesem Punkte 
intransigent ist 1 . 

Die Widerstände gegen die Ehe, die wir beobachten konnten, können 
so stark werden, daß sie zur völligen Ablehnung der Ehe führen. Wir 

1 Wie wichtig solche Zusammenhänge für die individuelle Entwicklung 
der Ethik werden können, habe ich in meiner Schrift „Psychoanalyse und 
Ethik", E. Reinhardt, München, 1912, zu zeigen gesucht 



298 Selbsterfundene Märchen 



erhalten dann Märchen, in denen auf die Verwirklichung der Prin- 
zessinnenidee verzichtet wird, weil die daran geknüpfte Bedingung 
der Ehe unerträglich erscheint. 

3%. Die schöne Hirtentochter. Eine Hirtin bemerkt, daß eine 
Kuh sich jeden Tag für einige Zeit von der Herde entfernt. Einst folgt sie 
ihr und gelangt zu einem prächtigen Schloß. Dort tritt ihr der Junker ent- 
gegen und fragt sie, ob sie seine Frau werden wolle. Sie willigt ein, er 
zeigt ihr das ganze Schloß, dann wiederholt er seinen Antrag, knüpft aber 
jetzt die Bedingung daran, sie dürfe ihm nie zürnen. Sie heiraten. Als sie 
Kinder bekommt, werden sie ihr von ihrem Mann weggenommen; zweimal läßt 
sie sich das schweigend gefallen, beim dritten Kind empört sie sich. Da 
wird der Mann traurig, sagt, wenn sie nicht gezürnt hätte, so wäre ein 
Zauber, der auf ihm laste, gebrochen worden. Jetzt müssen sie sich trennen; 
sie kehrt wieder zu ihrer Herde zurück. 

Die Ehe bereitet der Frau also ein Griseldenschicksal ; sie aber 
will sich dem nicht fügen und läßt lieber die Ehe daran scheitern. 
Daß bei der Katastrophe die Kinder eine Rolle spielen, ist schon des- 
halb sehr wichtig, weil dieses Märchen und Märchen 20 die einzigen 
sind, in denen dieses heiklen Punktes Erwähnung getan wird. Daß 
im Märchen 20 die Erzählung nicht mit der Heirat abgebrochen, sondern 

bis zur Taufe des ersten Kindes weitergeführt wird, kann man wohl 

positiv werten und als eine Bejahung des Mutterberufes auffassen. Hier 
dagegen nähern sich die tastenden Phantasien der Verfasserin einem 
tendenziösen Kunstgriff: die Kinder werden gegen den Mann ausgespielt. 

33. Auf dem Seegrund. Im See wird ein Fest gefeiert ; dabei er- 
zählt der Seekönig den Seinen folgende Geschichte: Sein Sohn hat einst 
ein Fischermädchen geliebt und sie ist ins Seereich herabgestiegen. Aber 
die Sehnsucht nach der Oberwelt hat sie nicht verlassen. Der liebende Prinz 
wandte sich nun an ein altes Meerweib um Rat, und dieses hat ihm gesagt, 
er könne seiner Gemahlin die Rückkehr ermöglichen, wenn er „die größte 
Schmach auf sich nehme" und sich in einen Fisch verwandeln lasse. Und 
wirklich hat er dadurch die Geliebte gerettet. Sie steht wieder am Strand, vor 
der Hütte ihrer Eltern und erblickt in den Wellen einen Fisch, der sie mit 
sprechenden Augen anschaut. 

Wir treffen hier auf lauter uns schon bekannte Motive. Daß die 
Heirat ein Herabsteigen bedeutet, wird wie in Märchen 3o durch die 
Vermählung mit einem Seeprinzen symbolisiert. Die Macht und der 
Werl der Frau kommt zum Ausdruck in der Größe des Opfers, das 
für sie gebracht wird, ist aber außerdem noch in der Schlußsituation 
markant dargestellt: Der in einen Fisch verwandelte Geliebte sieht 
zu ihr hinauf. 

Wegen seiner großen Analogie zu diesem Märchen reihe ich hier 



Selbsterfundene Märchen 299 



ein anderes an, in dem allerdings gerade das Motiv der Ehe fehlt und das 
daher streng logisch in der Gruppe der Familienmärchen hätte er- 
scheinen müssen. 

34. Das Fischermädchen. Ein armes Fischermädchen lebt glück- 
lich und zufrieden bei ihren Eltern. Einst schläft sie im Boot ein; eine Nixe 
holt sie ins Nixenreich herab und dort wird sie von der Königin liebevoll 
aufgenommen und erzogen. Sie. aber kann die Sehnsucht nach oben nicht 
verwinden und bittet endlich um die Erlaubnis zur Rückkehr, die ihr gewährt 
wird. Frohes Wiedersehen mit den Eltern. 

Die Verfasserin ist eines der unbemitteltsten Mädchen der Klasse, 
der Vater ist ein kleiner Handwerker. Der Gedanke, der aus dem 

Märchen zunächst hervorleuchtet, ist also der: Wie wäre es, wenn du 

reiche und vornehme Eltern hättest? Der Schluß zeigt dann bewußtes 

Festhalten an den gegebenen Verhältnissen. Damit steht ein ausgeprägt 

kleinbürgerlich-häuslicher Zug in Zusammenhang, der sich in folgender 

Schilderung des Fischerhauses ausspricht: „Der Fußboden wurde beinahe 
jeden Tag frisch gescheuert, das Holzgeschirr immer rein gerieben. 41 

In den beiden letzten Märchen erscheint das unheimliche Seereich 

als der Gegensatz zum vertrauten Elternhaus; es vertritt wohl das 

Leben, das einerseits lockt und reizt, andrerseits aber durch seine Un- 
ermeßlichkeit und Fremdheit schreckt. 

Wir haben uns dem tieferen Sinn der behandelten Märchen vor 
allem dadurch zu nähern gesucht, daß wir sie als Orientierungs versuche, 

als Ausproben verschiedener Möglichkeiten der Zukunft auffaßten 1 . 
Wir gelangen nun zu einem Märchen, in dem eine ganze Reihe solcher 
Versuche gewissermaßen systematisch aneinandergereiht sind und das 
uns daher zu dem Versuch einer eingehenden Analyse ermuntert. Haben 
wir uns bisher mit einem Herausgreifen einzelner Züge begnügt, so 
wollen wir diesmal zu einer vollständigen Deutung des ganzen Zusam- 
menhangs zu gelangen suchen. 

35« Die Windsbraut. Liese, ein kleines Mädchen, hat alles, was ihr 
Herz begehrt, „nur keine Prinzessin ist sie". So zieht sie eines Morgens aus 
und beschließt, nicht zurückzukehren, ehe sie Prinzessin geworden sei. Sie 
trifft eine Biene^ die sie auffordert, zum Bienenstock mitzukommen und dort 
Prinzessin zu werden. Aber Lieschen kann nicht hinein, weil der Eingang 
zu klein ist. Dann wird sie von einer Ameise in einen Ameisenhügel geführt, 
um dort Prinzessin zu sein. Dort aber ist es so finster, daß sie seufzt und 
jammert. Der Ameisenbär hört ihre Klagen und will sie befreien, wenn 
sie dann seine Frau werde. Lieschen verspricht es; als sie aber dann das 

1 Wie es Adler ffür den Traum festgestellt hat. S. „Über den nervösen 
Charakter" 1912 und „Traum und Traumdeutung", Österr. Ärzteztg., Wien 1913. 



300 Selbstcrfundcne Märchen 



häßliche Tier sieht, läuft sie schnell weg. Auf der Landstraße trifft sie einen 
merkwürdigen Mann, so dünn wie Kartenpapier, mit zwei Köpfen, einem oben 
und einem unten. Er kommt aus dem Kartenland und sucht eine Prinzessin; 
ihre vier hat der Wind wollen blasen lehren, aber sie waren so zart, daß sie 
gleich tot hinstürzten. Bekomme er jetzt keine neue, so werde er das ganze 
Land umblasen. Liese folgt dem Kartenmann und der Wind führt sie als 
seine Braut auf sein Luftschloß. Der Wind ist sehr vergnügt darüber, daß 
sie nicht so schwächlich ist wie die anderen Prinzessinnen es Agaren; bald 
kann sie besser blasen als er und noch heute sagen die Menschen, wenn 
es recht heftig weht: Die „Windsbraut" kommt. 

Die Heldin zieht also aus, um einen klar ausgesprochenen Lebens- 
plan zu verwirklichen, was ihr nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen 
auch gelingt. Das Ziel, das sie schließlich auch erreicht, ist: Prinzessin 

zu werden. Nun haben wir ja die Prinzessinnenidee als Ersatzvor- 
Stellung kennen gelernt für den ursprünglichen Gedanken: „Ich will 
ein Mann sein.' 4 Setzen wir jetzt einmal versuchsweise das ur- 
sprüngliche Ziel an Stelle des sekundären ein. Die Heldin zieht also 
aus, um ein Mann zu werden, um sich als Mann durchzusetzen. Damit 
wird uns das Abenteuer beim Bienenstock sofort sehr verständlich. 
Um sich als Mann zu erweisen, müßte sie in die Öffnung hinein- 
kommen; das kann sie natürlich nicht, weil ihr das dazu nötige Organ 
fehlt. Um die Niederlage zu bemänteln, wird die Schuld von der 
Heldin weggeschoben; nicht, weil ihr etwas mangelt, kann sie die Auf- 
gabe nicht erfüllen, sondern weil die Öffnung zu klein ist. Die Szene 
im Ameisenhaufen behandelt dann dasselbe Problem in anderer sym- 
bolischer Einkleidung. Diesmal jedoch war die Kleinheit der Öffnung 
kein Hindernis, sie ist hineingekommen — aber es gefällt ihr nicht 
drinnen, es ist zu finster. Also sie kann nicht nur kein Mann sein, 
sie möchte auch gar nicht, wenn sie könnte — die Trauben sind ihr zu 
sauer. Gibt sie aber die männliche Leitlinie auf, dann muß sie ein 
Weib sein, muß sie heiraten. Doch der Ameisenbär ist so häßlich, 
die Ehe scheint ihr unerträglich — sie läuft davon. Die Situation 
scheint ausweglos zu sein : die männliche Rolle kann sie nicht, die weib- 
liche will sie nicht spielen. Betrachten wir nun die glückliche Lösung, 
die sich trotz alledem darbietet! Sie wird die Braut des Windes. Wenn 
wir an Mörikes Gedicht: „Jung Volkers Lied" denken: 

Und die mich trug im Mutterleib, 
Und die mich schwang im Kissen, i 
Die war ein schön frech braunes Weib, 
Wollte nichts vom Mannsvolk wissen. 



Selbsterfundene Märchen 301 



Sie scherzte nur und lachte laut, 

Und ließ die Freier stehen: 

Möcht' lieber sein des Windes Braut 

Denn in die Ehe gehen! 

Da kam der Wind, da nahm der Wind 

Als Buhle sie gefangen: 

Von dem hat sie ein lustig Kind 

In ihrem Schoß empfangen 

so können wir hierin vielleicht eine neuerliche Ablehnung der Ehe, 
jedenfalls im allgemeinen eine Ablehnung des normalen Frauenschick- 
sals sehen. Der Hauptakzent aber scheint mir auf ihrer Stellung zu 
den Kartenmenschen zu liegen. Sie will sich von ihrer Umgebung da- 
durch unterscheiden, daß sie nicht so haltlos, so schwankend ist wie 
diese, daß sie mit festen Füßen auf der Erde steht als ein Mensch, 
„den nichl so leicht etw r as umwirft' 1 . Also eine recht nüchterne, realisti- 
sche Lebensauffassung ; aber unsere Analyse zeigt, welches Pathos hinter 
der Nüchternheit eines „praktischen" Mädchens stecken kann. Auf 
diese Weise kann sie es doch noch dazu bringen, eine Herrscherrolle in 

ihrem Kreise zu spielen, kann so ihre Prinzessinnenidee verwirklichen, 
kann in gewissem Sinne ein Mann werden, ja mehr als ein Mann. Das 
wird am Schlüsse auch noch sexualsymbolisch ausgedrückt: sie kann 
besser blasen als der Wind. 



1 



IV. 

Das Märchen, zu dem wir jetzt gelangen, habe ich aus zwei Gründen 
an den Schluß der ganzen Reihe gestellt. Einmal, weil es sich inhalt- 
lich von allen anderen wesentlich unterscheidet, dann aber, weil ich 
an ihm den Beweis zu erbringen hoffe, daß die von mir befolgte Methode 
nicht willkürlich ist, sondern sich tatsächlich den in den Märchen nie- 
dergelegten psychischen Inhalten nähert. 

36. Die Rache der Zwerge. Die Zwerge sind von den Elfen beraubt 
worden. Zur Rache rauben sie jetzt die Elfenkönigin Silberweiß. Glück- 
licherweise werden die Bedingungen ihrer Rettung von Mondstäubchen be- 
lauscht und den Elfen verraten. Am Strande des Sees treffen sie ein kleines 
Mädchen, das sich erbietet, die schwierige Aufgabe zu übernehmen. Sie 
hat eine außerordentlich große Zahl der schrecklichsten Abenteuer zu be- 
stehen, wobei ihr ein Wunderfläschchen gute Dienste leistet. Endlich bringt 
sie Silberweiß zu den Elfen zurück. Sie wird von den Elfen beschenkt und 
lebt glücklich weiter im Walde. 

Was diesem Märchen seine Sonderstellung verleiht, ist der Umstand, 



302 Selbsterfundene Märchen 



daß hier nicht wie in den anderen der Frau ein männlicher Partner 
gegenübertritt, sondern daß beide Hauptrollen von Frauen besetzt sind. 

Es ist wohl zweifellos, daß jeder Psychoanalytiker aus diesem auffal- 
lenden Zug auf eine homosexuelle Einstellung der Verfasserin schließen 
wird; ebenso zweifellos aber ist es, daß die meisten Laien und die 
wissenschaftlichen Gegner eine solche Deutung mit Kopfschütteln als 
vorschnell ablehnen würden. Zufälligerweise sind gerade über dieses 
Mädchen einige Tatsachen bekannt geworden, die die Diagnose auf 
homosexuelle Einstellung schlagend bestätigen. 

Sie hat die letzten Ferien mit ihren Eltern bei einer befreundeten 
Familie verbracht und zwischen ihr und der Tochter des Hauses, einem 
bedeutend älteren, mehr als zwanzigjährigen Mädchen, hat sich eine 
zärtlich-schwärmerische Freundschaft entwickelt. Nächtliche Herzens- 
ergüsse, Mondscheinschwärmereien spielten dabei eine große Rolle. Die 
Eltern suchten den Verkehr ein wenig abzudämpfen, stießen aber dabei 
auf den heftigen Widerstand des Mädchens, das dann überhaupt jede 
Gesellschaft mied und allein in den Wald eilte. 

So erkennen wir also in der Elfenkönigin Silberweiß die ange- 
schwärmte Freundin, in dem feindlichen Zwergvolk die störenden Ver- 
wandten. Auch eine Reihe von Einzelzügen wird uns klar. Die Freun- 
din lebt unverstanden und einsam inmitten ihrer Angehörigen: Silber- 
weißchen wird von den Zwergen auf eine Insel mitten in einem weiten 
See entführt. Die Mondscheinszenerie kehrt im Märchen wieder und 
Mondenstäubchen bringt wichtige Kunde zu den Elfen. Wie die Ver- 



fasserin einsam in den Wald hinauseilt, so lebt auch die Heldin des Mär- 
chens einsam im Wald. 

Auch in die Entstehung dieser homosexuellen Einstellung erhalten 
wir einigen Einblick durch Stellen aus Briefen des Mädchens. Einmal 
spricht sie davon, daß ihr zuviel ihr Wille getan wurde, als sie noch 
klein war. Dann sagt sie, sie sei ein Eisenkopf, das habe sie von ihrem 
Papa ererbt. Wir können daraus schließen, daß das Mädchen zwischen 
einer nachgiebigen Mutter und einem sehr energischen Vater steht. 
Eine solche Situation ist geeignet, in dem Kinde sehr große Ansprüche 
zu erwecken, es aber bei der Durchsetzung dieser Ansprüche auf Um- 
wege zu drängen. Andererseits wird sich bei einem solchen Mädchen 
die Wertung des Männlichen als des Starken, des Weiblichen als des 
Schwachen besonders stark festsetzen. Den gesteigerten Drang, sich 
durchzusetzen, zu gelten, zu herrschen kann man allen Personen gegen- 
über, mit denen sie in Beziehung steht, nachweisen. Von ihrer Stel- 



Selbsterfundene Märchen 303 






lung im Hause sagt sie: „Ich beherrsche im großen genommen jetzt 
meine ganze Umgebung"; das erreiche sie nicht etwa dadurch, daß sie 
trotze, bis sie ihren Willen habe, sondern indirekt, auf Umwegen. In 
der Schule ist sie eine sehr ehrgeizige, fleißige Schülerin, die aber mit- 
unter starke Trotzregungen gegen ihre Lehrer verrät. Auf ihre Mit- 
schülerinnen sieht sie von oben herab. „Trotzdem ich mir so oft denke, 
daß ich genau dasselbe sei wie alle andern Mädel, so 
fühle ich mich manchmal, eigentlich immer, aber manchmal ganz be- 
sonders, direkt erhaben über die ganze Klasse. Ich sehe auf sie herab, 
fast mitleidig. . . . Ich fühle immer deutlicher, je älter ich werde, ich 

bin anders wie alledieMädel, ich habe mit ihnen nichts 
gemein." Diese Stelle enthält nicht nur einen schlagenden Ausdruck 

ihrer Größenideen, in den von mir gesperrten Sätzen wird, wer auf 
solche Dinge zu achten gewohnt ist, eine unmittelbare und kaum ver- 
hüllte Äußerung des männlichen Protestes erkennen. Ein solches Mäd- 
chen wird für Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau wohl kaum 
viel Sympathien übrig haben. Direkt ist hierüber nichts bekannt, aber 
wenn sie einmal ihre Abneigung gegen die französische Sprache darauf 
zurückführt, daß sie alles, was mit Frankreich und den Franzosen 
zusammenhänge, aufs allertiefste hasse, so dürfen wir den Grund dieses 
Hasses wohl in der französischen Erotik suchen, von der ja Backfische 
eine sehr abenteuerliche Vorstellung zu haben pflegen. 

Das Aufkeimen jener überzärtlichen Sommerfreundschaft ist uns 
jetzt wohl verständlich; handelt es sich doch dabei um eine erwachsene 
junge Dame, um eine Altersgenossin ihrer jugendlichen Lehrerinnen. 
Wir begreifen, welche gewaltige Erhöhung ihres Persönlichkeitsgefühls 
aus diesem vertraulichen Umgang zu holen war. Wir werden aber 
allerdings erwarten müssen, daß das Mädchen auch in diesem Falle die 
herrschende, d. h. die männliche Rolle in Anspruch nehme. Und das 
finden wir im Märchen vollauf bestätigt. Die Freundin erscheint darin 
zwar als Königin, aber als Königin der Elfen, also als zwergenhaft klein; 
sie ist gefangen und hilflos. Das kleine Mädchen aber ist ihre helden- 
hafte Retterin und besiegt mit Hilfe des Zauberfläschchens (Sexual- 
symbol?) die furchtbarsten Feinde. 

Mit der Konstatierung dieser homosexuellen Einstellung soll natür- 
lich keineswegs gesagt sein, daß dieses Mädchen sich zu einer aus- 
gesprochenen Homosexuellen entwickeln müsse. Eine solche Einstel- 
lung ist ja im Backfischalter recht häufig, wenn auch freilich nicht in 
so ausgeprägter Weise wie hier. Gerade wenn man, wie es hier ge- 



304 Selbsterfundene Märchen 



schehcn ist, die Homosexualität nicht als den Ausdruck einer spezifi- 
schen sexuellen Veranlagung, sondern als ein Hilfsmittel und eine Aus- 
drucksform des männlichen Protestes auffaßt, wird man es gut ver- 
stehen können, daß bei geänderter Situation diese Leitlinie durch eine 

andere ersetzt wird. Allerdings werden wir auch nach eventuellem 
Verschwinden der Homosexualität immer darauf gefaßt sein müssen, 
daß bei entstehenden psychischen Schwierigkeiten der schon einmal ge- 
bahnte Weg neuerdings eingeschlagen wird. 



Ich bin weit entfernt, die Ergebnisse dieser Durchforschung der 
Märchen zu überschätzen. Eines aber, glaube ich, ist doch erreicht 
worden: diese Märchen haben aufgehört, bloße Schulaufsätze für uns 
jzu sein, sie erscheinen uns auch nicht mehr als leere und bedeutungs- 
lose Spiele der Phantasie, sondern wir fühlen in ihnen lebendiges Leben 
pulsieren; wir können aus ihnen Konflikte, Wünsche, Pläne, Zukunfts- 
perspektiven herauslesen, wir haben zum Teil Einblicke erzielt, die ohne 
die von uns geübte Art der Betrachtung auch bei genauer persönlicher 
Bekanntschaft mit den betreffenden Mädchen unzugänglich geblieben wären. 

Versuchen wir, aus der Buntheit des Materials einen Gesamteindruck 

herauszuheben, so drängt sich uns vor allem eine Beobachtung auf: 

überall, wo die Gedanken sich mit der Zukunft beschäftigen, spielt 

nicht nur die Ehe eine große Rolle, sondern das Problem der Zukunft 
und das Problem der Ehe werden geradezu miteinander identifiziert; 

es tritt nicht nur nichts neben die Ehe, auch, wo sie abgelehnt 
wird, wird nichts anderes an ihre Stelle gesetzt, sondern es erscheint 
dann nur die Flucht ins Elternhaus möglich. Nur zwei Ausnahmen 
sind uns begegnet: in 28 wurde mit dem Beruf der Schauspielerin we- 
nigstens gespielt und bei 35 hatten wir den Eindruck, daß der Verfasse- 
rin eine selbständige Existenz außer der Ehe vorschwebe. Aber ein 
Gegner weiblicher Berufstätigkeit hätte keinen Grund, sich'dieses Ergeb- 
nisses zu freuen und etwa mit Befriedigung festzustellen, mit welcher 
Sicherheit und welch gesundem Instinkt diese Mädchen ihren wahren 
Beruf als Frau und Mutter ahnten. Denn abgesehen davon, daß die 
Erwähnung der Mutterrolle sich überhaupt nur zweimal findet, die 
Ehe selbst wird in allen Fällen, auch dort, wo sie nicht abgelehnt wird, 
an un realisierbare Bedingungen geknüpft. So zeigt uns diese Unter- 
suchung also einerseits, und zwar noch viel schärfer als andere ähnliche 
Beobachtungen, wie engbegrenzt sich dem Mädchen im Gegensatz zum 



Selbsterfundene Märchen 305 



Knaben die Zahl der Möglichkeiten darstellt, unter denen es zu wählen 
hat; andererseits, daß die Ehe, die in ihrem Zukunftsbild eine zentrale 
Stellung einnimmt, sie in der ihnen erreichbaren Gestalt zunächst nicht 
befriedigt. Nun haben wir uns ja von Anfang an vor Augen gehalten, 
daß der Charakter des Märchens auf ein Unterstreichen dieses Gegen- 
satzes zur Realität hindränge. Wir werden vielleicht vermuten dürfen, 
daß die positivsten Köpfe der Klasse gerade unter denen sind, die es 
vorzogen, kein Märchen zu schreiben; wir werden überzeugt sein, daß 
auch die Mehrzahl der Märchenerzählerinnen ihre Zielsetzung mit der 
Wirklichkeit schon in viel besseren Einklang gebracht haben, als es 
aus den Märchen hervorgeht; und wir können hoffen, daß im weiteren 
Verlauf ihrer Entwicklung den allermeisten die praktische Einfügung 
glücken wird. Aber das eine scheint sich uns bei alledem aus unserer 
Betrachtung unleugbar zu ergeben, daß das Mädchen in seine Rolle 
als Frau nicht natürlich und gleichsam von selbst hineinwächst, sondern 
daß dieses Bejahen der weiblichen Rolle nur das Resultat sein kann 
einer ganzen Reihe glücklich überwundener innerer Konflikte, daß zahl- 
reiche tastende Orientierungsversuche vorausgegangen sein müssen, daß 
ein tüchtiges Maß gesunder Resignation erworben sein muß. Die inne- 
ren Aufgaben, die das heranwachsende Mädchen zu lösen, die psychi- 
schen Schwierigkeiten, die es zu bewältigen hat, sind größer, als man 



gewöhnlich annimmt. Der Erzieher sollte daher imstande sein, die 
seelische Entwicklung seines Zöglings nicht nur mit Teilnahme, son- 
dern auch mit psychologischem Verständnis zu verfolgen, um ihm bei 
sich häufenden Schwierigkeiten ein Helfer sein zu können. 



'.0 



Psychologie der Berufswahl. 

Von Dr. Stefan v. Mäday. 

Die Frage der Berufswahl als eine öffentliche Frage beschäftigt erst 
seit einigen Jahren weitere Kreise. Teils waren es Pädagogen, die sich 
zur Aufgabe machten, für jedes Kind den Beruf auszuwählen, der 
seinen Fähigkeiten am besten entsprach l , teils Sozialpolitiker, die der 
Überfüllung einzelner Berufe vorzubeugen strebten 2 , endlich auch Indu- 
strielle, die ihr Arbeitermaterial besser gesiebt haben wollten 8 . 

Im Anschluß an diese rein praktischen Bestrebungen, die von Mün- 
sterberg in seinem neuesten Buche zusammengefaßt werden 1 , er- 
wachte auch das theoretische Interesse an dem Gegenstand: auf Max 
Webers Initiative begann der Verein für Sozialpolitik großangelegte 

Nachforschungen über Berufswahl und Berufsschicksal der Arbeiter. 

Auch diese Unternehmung soll letzten Endes der Praxis : der günstigeren 
Gestaltung des Schicksales der einzelnen dienen; doch wird diese Mate- 
rialiensammlung vorerst jahrelang in vielen Betrieben fortgesetzt, ohne 
daß den Mitarbeitern die Art einer künftigen praktischen Anwendung 
bekannt wäre, so daß diese Arbeit als eine rein wissenschaftliche gelten 
kann 5 . 

Meine Untersuchungen über die Psychologie der Berufswahl, von 
deren augenblicklichem Stand ich hier in knapper Form berichten will, 
sollen vor allem den Zwecken der differentiellen Psychologie dienen. 

Der eine Mensch unterscheidet sich vom anderen in sehr vielen, viel- 
leicht in mehreren Hunderten von Merkmalen. Es ist unabsehbar, ob 



1 Ratschläge für Studenten. Herausgegeben von der Lese- und Redehalle 
der deutschen Studenten in Prag. II. Teil. Prag 1906. — Parsons, Frank: 
Choosing a vocation. Boston 1909. 

2 Berufswahlkonimission der Deutschen Landeskommission für Kinderschutz 
und Jugendfürsorge in Böhmen, Prag; und andere. 

• Taylor, Frederick: Principles of scientific management. Harper & Co. 
1909. 

4 Münsterberg, Hugo: Psychologie und Wirtschaftsleben. Leipzig, 
Barth, 1912. S. 23-^10. 

• Weber, Max: Archiv für Sozialwissenschaft, Bd. 27—29. — Unter- 
suchungen über Auslese und Anpassung . . . der Arbeiter . . . Schriften 
des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 133-135. — Herkner, Heinrich: 

Probleme der Arbeiterpsychologie. Ebenda Bd. 138. 



Psychologie der Berufswahl 307 



und wann wir mit der von Stern, Lipmann, Baade und Mar- 
g i s ausgearbeiteten genauen Methode der Psychographie zur Ver- 
gleichung mehrerer Persönlichkeiten und zur Aufstellung von Typen ge- 
langen werden. Darum habe ich einen abgekürzten Weg eingeschlagen, 
als ich mich auf die Erforschung eines einzigen Merk- 
mals beschränkte und mir vornahm, in der Folge auch andere Merk- 
male der Reihe nach zu untersuchen, falls sich meine Methode als 
fruchtbringend erweisen sollte. , 

Meine Untersuchung stimmt mit den älteren charakterologi- 
schen Forschungen darin überein, daß sie ein Merkmal von vorne- 
herein für wesentlich erklärt; sie unterscheidet sich aber dadurch von 
den charakterologischen Arbeiten, daß sie nicht eine mehr oder weniger 
hypothetische, jedenfalls nur in der Theorie bestehende Eigenschaft, 

wie Temperament, Emotionalität, ethischen Charakter u. dgl. zur 
Grundlage annimmt, mit deren größerer oder aber geringerer Lebens- 
wahrheit das ganze Gebäude steht und fällt. 

Ich habe mir die Frage gestellt: was ist an einem Menschen so 
wesentlich, daß sogar der Laie die Menschen nach diesem Merkmal 
klassifiziert? Es gab Zeiten, wo man auf die Frage: „Was ist Hein- 
rich?" die Antwort erhalten konnte: „Deutscher"; oder: „Katholik"; 
oder: „Edelmann"; oder auch: „Ein tapferer Mann". Auch heute sind 
bei einzelnen Völkern die Nation, die Religion, der Stand, und bei den 
primitiveren vielleicht Charaktereigenschaften das Ausschlaggebende. 
Sicher ist aber in der Kulturmenschheit von heute, die 
auf Grund der Arbeitsteilung organisiert ist, der Beruf das Merk- 
mal, das die Individuen am meisten charakterisiert; 
denn auf die Frage: „Was ist Heinrich?" erfolgt fast immer eine Ant- 
wort wie „Kaufmann" oder „Beamter". 



In zweiter Linie aber unterscheidet sich meine Untersuchung von 
den früheren dadurch, daß das als wesentlich vorangestellte Merkmal: 



der Beruf des Menschen, nicht unmittelbar als Einteilungs- 
grund dient; ich werde also die Individuen nicht ohne weiteres als 
Landwirte, Handwerker, Kaufleute, Beamte, Ärzte klassifizieren. Denn 
der Beruf eines Menschen ist zwar ein Merkmal, das gerade für diesen 
Menschen wesentlich ist; doch stehe ich er kenn tnis theoretisch auf dem 
Standpunkt, daß wir vom Menschen mehr als bloße Merkmale zu er- 
kennen vermögen. 

Ebenso wie man sagt, daß der Mensch seinen Beruf ausfüllt, kann 
man auch sagen: der Beruf füllt den Menschen aus. Weil 

20* 



! 



308 Psychologie der Berufswahl 



aber Mensch und Beruf ihr Dasein ganz verschiedenen Naturgesetzen 
verdanken, so werden sie sich gegenseitig auch bei der bestmöglichen 
Auswahl und Anpassung wohl niemals vollkommen ausfüllen 
können. Denken wir uns die Individualitat des Menschen als ein Gefäß, 
den Beruf als einen Gegenstand, der nie genau in jenes Gefäß hinein- 
paßt, so wird immer eine Seite des Berufes unversorgt und ein Stück 
der Individualität unerfüllt bleiben. Die unversorgten Seiten 
des Berufes, d. h. die Anforderungen, die, als etwas Fremdes ge- 
fühlt, nie zum Inhalt des Individuums werden, wirken als lästi- 
ges Anhängsel, als unangenehmer Reiz; ebenso wirkt 
der unausgefüllte, beschäftigungslose Teil der Individua- 
lität als unlustvoller Reiz. Auf diese starken und fast lebenslänglichen 
Reize erfolgen meistens sehr kräftige Reaktionen, wie Nebenerwerb, 
Sport und Spiel, oder auch Vernachlässigung des Berufes, nervöse Er- 
krankungen, Berufswechsel. 

Wenn wir das Verhältnis des Menschen zu seinem Be- 
rufe betrachten, so gibt es da einen praktischen und einen theoreti- 
schen Standpunkt. 

I. Der praktische Standpunkt ist entweder 

1. ein ethischer (Frage: Wie soll sich der Mensch zu seinem Be- 
rufe stellen?) oder 

2 . ein pädagogischer (Frage : Wie soll man gute Berufsmenschen 
erziehen?) oder 

3. ein sozialpolitischer (Frage : Wie kann und soll die Ar- 
beitsteilung und die Berufswahl beeinflußt werden?), endlich 

l\. ein kultureller (Frage: Wie soll der Berufsmensch vor der 
Einseitigkeit des Fachmannes bewahrt werden?). 

II. Der theoretische Standpunkt ist entweder 

5. ein psychologischer (Frage: In welchem Verhältnis steht 
der Mensch zu seinem Berufe?) oder 

6. ein soziologischer (Frage : In welchem Verhältnis stehen 
die Berufsgruppen zueinander und zu den andersartigen menschlichen 
Gruppierungen ?) . 

Der psychologische Standpunkt (5) umfaßt wieder zwei Möglich- 
keiten; entweder 

A) steht die Individualität im Mittelpunkte der Betrach- 
tung (Frage: Wie verhält sich ein bestimmter Mensch oder Menschen- 
typus zu den verschiedenen Berufen?) oder 



Psychologie der Berufswahl 309 



B) steht der Beruf im Mittelpunkte (Frage: Wie verbalten 
sich die Menschen zu einem bestimmten, z. B. dem Soldatenberuf?). 

Die erstere Frage (A), die auf die Erforschung der Individualität aus- 
geht, löst sich im Sinne des vorhin Gesagten in folgende Teilfragen auf: 

a) Auswahl des Berufes, 

b) Anpassung an den Beruf, 

c) Nichtanpassung an den Beruf, schließlich ist noch 

d) eine genetisch-psychologische Frage zu stellen: die Entwick- 
lung des Verhältnisses zum Beruf während des Lebens. 

Bevor ich mich der Erörterung dieser Fragen (B, a, b, c, d) zuwen- 
den werde, will ich den Gang meiner — leider noch ziemlich unvoll- 
ständigen — Untersuchungen schildern. 

Vor dreizehn Jahren entwarf ich eine Klassifikation von Begabungs- 
typen, die gleichzeitig Berufstypen waren; weil ich die Richtigkeit 
meiner Einteilung nicht beweisen konnte, habe ich sie auch nicht ver- 
öffentlicht. 

Vor vier Jahren begann ich als Lehrer an einer Militär-Realschule 
eine Umfrage über die Berufswahl und einige verwandte 
Fragen. Auf diese Umfrage erhielt ich aus drei Militärschulen 
im ganzen 4i9 Antworten. 

Dieselbe Umfrage ließ ich in etwas abgeänderter Form in Zivil- 
Schulen durchführen. Auf diese Umfrage erhielt ich aus acht Schu- 
len Antworten von 1181 Knaben und 85 Mädchen. 

Der bereits um ein Jahr früher erschienene Fragebogen der 
Ungarischen Gesellschaft für Kinderforschung über 
das Interesse der Kinder gelangte leider erst später in meine 
Hände. Dieser Fragebogen ist etwas systematischer als der meinige, 
doch enthält er den Beruf betreffend nur eine einzige Frage, während 
ich vier solche Fragen gestellt habe: 

1. Welchen Beruf möchten Sie am liebsten ergreifen? 

2. Wenn dieser erste unmöglich wäre, welchen Beruf möchten Sie 
dann wählen? Diese Frage nach einem Ersatzberuf ist wich- 
tig, weil durch sie der Einfluß der Umgebung auf das Kind, der sich 
in der Antwort auf die erste Frage meistens offenbart, unwirksam ge- 
macht wird. Wenn sich das Kind dort bemüht hat, vernünftig, d. h. 
als künftiger Staatsbürger zu antworten, so wird es sich hier doch als 
Kind verraten: die durch die Erziehung begonnene Verdrängung der 
spielerischen Triebe und Wünsche kann durch die zweite Frage 



310 Psychologie der Berufswahl 



wenn es noch nicht zu spät ist — für einen Augenblick durchbrochen 
werden. 

3; Fragte ich nach dem Berufe des Vaters oder der Mutter; 
auch das ist eine wichtige Kontrolle für die Motive der Berufswahl. 

l\. Stellte ich folgende Fragen: Möchten Sie gerne beim Militär dienen? 
Wieviel Jahre lang? Bei welcher Waffe? 

Der Militärberuf nimmt unter sämtlichen Berufen eine Sonder- 
Stellung ein. Wollte man die Berufe in zwei große Gruppen teilen, 
so würde man nicht weit fehlgehen, wenn man den Soldatenberuf in die 
eine, alle anderen Berufe in die andere Gruppe einteilen würde. Denn 
jede menschliche Tätigkeit setzt sich aus Kampf und 
aus Arbeit zusammen. Die Tendenz der Entwicklung führt vom 
Kampfe weg und zur Arbeit. Zwar enthalten heute noch viele Be- 
rufe (wie der des Advokaten, des Kaufmannes) bedeutende Kampf- 
Komponenten, doch ist die Arbeits-Komponente so ziemlich die über- 
wiegende. Nur der Soldatenberuf hat sich als fast reiner 
Kämpfer-Beruf erhalten, außer ihm nur noch wenige, wie der 
der Jäger, Polizisten, Berufs-Rennfahrer. 

Außerdem nimmt aber der Soldatenberuf noch in einer anderen Be- 
ziehung eine Sonderstellung ein. Es ist der einzige Beruf, 
der an jeden Mann herantritt, mit dessen Möglichkeiten 
bei der allgemeinen Wehrpflicht — jeder einzelne rechnen muß. Hier 
übersehen wir also sämtliche Individuen — miteinander wohl vergleichbar 
in ihrem Verhältnis zu einem einzigen Beruf. (In Mädchenschulen 
wurden die den Militärberuf betreffenden Fragen selbstverständlich 
nicht gestellt.) 

Die Umfrage der Ungarischen Gesellschaft für Kinderforschung 
brachte etwa 4ooo Antworten, die sich in den Händen des Seminar- 
direktors Ladislaus Nagy befinden. Ich hoffe, daß es mir mög- 
lich gemacht werden wird, die den Beruf betreffenden Antworten 
auch dieser Umfrage zu bearbeiten. 

Umfragen ähnlichen Inhalts (meist in der knappen Form: „Was 
willst du werden, wenn du einmal groß bist?") wurden bereits vor 
vielen Jahrzehnten von einzelnen Pädagogen durchgeführt, und es würde 
sich lohnen, alle solchen Antworten bezw. Schulaufsätze zu sammeln 
und zu verarbeiten. 

Eine neue Art der Fragestellung wurde durch den Gymnasialprofes- 
sor Dr. Oppenheim im „Verein für freie psychoanalytische For- 
schung" in Wien angeregt. Es sollen hier rückblickend alle 



Psychologie der Berufswahl 311 



Berufe angegeben werden, die sich das Kind jemals ge- 
wünscht hat. Auf diese Umfrage wurden mir aus fünf Schulen 
Antworten von 118 Knaben und 57 Mädchen in freundlicher Weise zur 

Verfügung gestellt. 

Zu dieser Art der Fragestellung muß ich allerdings bemerken, daß 
bei ihr die Fehlerquellen der Umfragemethode noch durch die Fehler- 
quellen der Gedächtnisleistung vermehrt werden. 

Endlich habe ich im vorigen Jahre eine Umfrage an Erwach- 
sene gerichtet. Im ganzen versandte ich 1000 Abzüge und erhielt 
bis heute 107 Antworten; eine recht befriedigende Zahl, wenn man be- 
rücksichtigt, daß es immerhin eine Arbeit ist, meine 52 Fragen zu be- 
antworten. Weil mir noch immerfort neue Adressen zugesandt werden, 
so plane ich eine Neuauflage mit 1000 Abzügen. Ich bin jedem dank- 
bar, der mir Ratschläge zur Verbesserung des Fragebogens oder aber 
Adressen von Personen zukommen läßt, von denen eine aufrichtige Be- 
antwortung meines Fragebogens erwartet werden darf. 

Auch für eine Kritik meines Unternehmens bin ich dankbar: doch 






sind mir selbst so viele Schwächen und Fehlerquellen meiner Methode 
bekannt, daß man mir schwerlich etwas Neues wird darüber sagen 
kennen. Die entscheidende Frage ist die: Hat die ganze Unternehmung 
samt ihren Fehlern einen Wert? Lohnt sie die Mühe, die ich und 
meine Gewährsmänner und -frauen daranwenden? Diese Frage muß 
wohl mit aller Entschiedenheit bejaht werden. 

Das erhaltene Material ist von einer ungeahnten Reichhaltigkeit; 
der Grundsatz, lieber zu viel als zu wenig zu fragen, bewährt 
sich glänzend. Durch diese vielen Fragen wird jeder gezwungen, über 
Dinge nachzudenken, über die er vielleicht nie in Ruhe nachgedacht 
hat ; und entgejit ihm etwas Wichtiges bei der einen Frage, so gibt ihm 
die nächste Gelegenheit, es nachzuholen. Und ebenso ist es mit der Ver- 
stellung, der größten Feindin psychologischer Forschung: auch die 
Verstellung erschöpft sich, und der Wahrheitswert einzelner Antworten 
läßt sich oft auf Grund der übrigen Antworten einschätzen. Im gan- 
zen dürften aber wissentlich unaufrichtige Antworten kaum vorkom- 
men; eher Selbsttäuschungen. Einige drücken mir in einem Begleit- 
schreiben ihren Dank aus, daß ich ihnen zum Klarwerden über sich 
selbst und zur Aussprache Gelegenheit geboten habe. 

Nun entsteht die Frage: Wie will ich dieses vielgestaltige Material 
bearbeiten? Eine statistische Bearbeitung im Sinne der Korrela- 
tionsberechnung dürfte einigermaßen lohnend sein — ich will 



312 Psychologie der Berufswahl 

sie jedenfalls versuchen — , doch ist gegen die Anwendung von statisti- 
schen Methoden in diesem Falle vieles einzuwenden. Das Material ist 
nicht genügend gemischt, um ein verkleinerter Ausschnitt aus der Bevöl- 
kerung zu sein, auch nicht genügend gleichartig, um irgendeine Men- 
schengruppe zu repräsentieren. Es sind vorwiegend Unzufriedene und 
Berufswechsler, die sich für diese Umfrage interessieren, und so muß 
ich fürchten, durch die statistische Bearbeitung ein ganz falsches Bild 
zu erhalten. 

Viel lohnender ist es, das Material zum Studium von Individu- 
alitäten zu verwerten. Auch ohne statistische Zusammenstellung 
muß es dem, der sich in jedes einzelne Lebensschicksal einfühlend zu 
versenken versteht, gelingen, gewisse Zusammenhänge zu entdecken. 
Ich will den großen Einfluß der Umgebung und des Zufalles nicht un- 
terschätzen ; doch drängt sich mir die Erkenntnis auf, daß dieses 
äußere Lebensschicksal zum großen Teile gerade von diesen inneren 
Eigenschaften mitbedingt ist. 

Trotz diesen Erfahrungen, die mich vor dem massenweisen Durch- 
einanderschütteln von Individualitäten warnen, habe ich den Plan, wenig- 
stens der Form nach Exaktes zu liefern, noch nicht völlig aufgegeben. 
Ich bereite eine dritte Umfrage vor, deren Fragebogen einen Auszug 
aus dem vorigen darstellen soll. Nun sollen durch geeignete Be- 
obachter möglichst viele Individuen einer einzigen 
Berufsgruppe, z. B. nur Soldaten oder nur Ärzte, beschrieben wer- 
den. So will ich wohl vergleichbare und statistisch einwandfreie Daten 
sammeln. Sollte jemand in der Lage sein, eine größere Anzahl ver- 
läßlicher Gewährsmänner zu sammeln, die alle einem bestimmten Be- 
rufe angehören, so würde ich einen solchen Vorschlag mit großem Dank 
entgegennehmen und meine Untersuchung mit gerade diesem Berufe 
beginnen. 



Leider ist es mir heute noch nicht möglich, über bestimmte Resul- 

täte der besprochenen Umfragen Einzelheiten zu berichten. Ihre stati- 

tische Bearbeitung ist im Zuge; wäre sie übrigens abgeschlossen, so 

önnte ich mich auf dem beschränkten Räume, der mir zur Verfügung 

eht, doch nicht in die Mitteilung und Deutung der Zahlen einlassen. 

h will heute nur einige augenfällige Erscheinungen erwähnen. 

Vorhin habe ich die Psychologie des Berufes in fünf Fragen gefaßt; 

ersto will ich die genetische Frage nach der Entwicklung zu beant- 

•ten suchen. 



Psychologie der Berufswahl 313 



Die Entwicklung scheint etwa dieselben Stufen einzuhalten, die 
Nagy 1 oder Claparede 2 für das kindliche Interesse festgestellt 
haben; besonders auffällig tritt in der Berufswahl die Entwicklung 
vom Konkreten zum Abstrakten (z. B. erst Lokomotivführer, dann In- 
genieur), von der Subjektivität zur Objektivität (z. B. erst ein großer 
Herr, dann Kaufmann) und von der Unbestimmtheit zur Spezialisie- 
rung (z. B. erst Weltreisender, dann Marineoffizier) hervor. 

Ebenso, wie sich Karl Groos in seinen Werken über das Spiel a 
die tiefere Aufgabe gestellt hat, die Triebe der jungen Tiere und des 
Menschenkindes zu erforschen, so muß uns auch die Frage nach 
der Berufswahl diesem bedeutsamen Problem näherbringen. 

Nichts ist in den Antworten von Kindern bis zum 10. oder 12. Lebens- 
jahre allgemeiner als die Lust an der Ortsveränderung. Be- 
wegungslust kann dies kaum genannt werden, denn sie ist ja meistens 
eine passive. Fahren, Kutschieren, Fliegen, Lokomotivführer, Kon- 
dukteur sein, scheint den Kindern das größte Glück zu bedeuten. Dieses 
Phänomen, in dessen Analyse ich mich diesmal nicht einlassen kann» 
bleibt ziemlich unverständlich, solange man sich mit dem Triebleben des 
Kindes nicht gründlich auseinandergesetzt hat. 

Eine zweite Erscheinung ist das ganz allgemeine Interesse an 
technischen Dingen; es beginnt oft mit 5 — 6 Jahren, unfehlbar 
mit 10 oder 11 und dauert — wie es scheint — nahezu bis zum Ende 
der Schulzeit, also bis zum 17. und 18. Jahre. 

Eine dritte Erscheinung ist die Kampf- und Rauflust, der 
ich bereits eine besondere Umfrage über den Krieg 4 gewidmet 
habe. Die Kämpferberufe, wie Soldat, Polizeimann, Jäger, erstrecken 
sich ebenso wie die technischen fast über die ganze Jugendzeit; doch 
scheinen sie etwas früher zu beginnen und früher aufzuhören. 

Weil die technischen Beschäftigungen für das Kind gleichbedeutend 
mit Arbeit sind, so sieht man hier die beiden großen Kultur- 

1 Nagy, Ladislaus: Psychologie des kindlichen Interesses. Pädagog. Mono- 
graphien Bd. IX. Leipzig, Otto Nemnich, 1912. S. 31. 

* Claparede, Eduard: Kinderpsychologie und experimentelle Pädagogik. 
Leipzig, joh. Ambr. Barth, 1911. S. 178. 

3 Oroos, Karl: Die Spiele der Tiere. 2. Aufl. Jena, Gustav Fischer, 
1907. — Die Spiele der Menschen. Ebenda, 1899. — Der Lebenswert des Spiels. 
Ebenda 1910. 

4 Mäday, Stefan v.: Schüler-Enquete über den Krieg. Zeitschrift für 
Philosophie und Pädagogik, 19. Jahrg., 1. bis 3. Heft (1911). 



314 Psychologie der Berufswahl 



faktoren: Kampflust und Arbeitslust im Wettstreite 
miteinander. Diesem Problem will ich eine besonders eingehende 
Untersuchung widmen. 

Die Besprechung der anderen vier Fragen würde hier zu viel Raum 
beanspruchen. So will ich nur noch auf einige Fingerzeige, die ich 
beim Durchblättern der Antworten auf meine letzte Umfrage erhielt, 
hinweisen. 

Erstens fiel mir die Häufigkeit von nervösen Erkrankungen 
im Jugendalter bei einem großen Teil der leistungsfähigsten Men- 
schen auf. 

Zweitens die feindliche Stellung zum Vater oder zur 
Mutter. 

Diese beiden Punkte weisen darauf hin, daß das Problem der Be- 
rufswahl auch auf psychopathologische Methoden angewiesen 
ist. Als solche Methode ist vor allem die Psychoanalyse geeignet, 
umsomehr, als wir das, was wir über die psychische Einstellung des 
Kindes gegen die Außenwelt und besonders gegen die Eltern wissen, 
zum größten Teile den Forschungen Freuds und Adlers verdanken. 

Ich kann es nicht unterlassen, an dieser Stelle einer interessanten 

Arbeit Wilhelm Stekels 1 zu gedenken. Stekel unterscheidet 

fünf Formen der freiwilligen, d. h. nicht sozial bedingten Berufs- 
wahl: 

i. Identifizierung mit dem Vater; z. B. „der Sohn eines 
Arztes will auch Arzt werden, weil er den Vater bewundert und liebt". 

W 

2. Differenzierung vom Vater; z. B. „Söhne von Kauf- 
leuten, also von Menschen, die einen recht materialistischen Beruf 
haben, wenden sich einem mehr idealistischen Berufe zu. Sie werden 
Dichter, Maler oder Philosophen". 

3. „Versuch, die erotischen und kriminellen Triebe zusublimie- 
ren, d. h. die kulturfeindlichen Triebe werden unterjocht und in den 
Dienst der Kultur gestellt"; z. B. ein Chirurg, der von Haus aus Sadist 
war und in blutrünstigen Phantasien geschwelgt hat. 

4. Die Berufswahl stellt sich in den Dienst der unbewußten 
Neigungen, z. B. ein Fußfetischist wird Schuster. 

5. Der Beruf dient zum Schutze oder zur Sicherung gegen un- 
bewußte Neigungen; z. B. ein Mensch mit kriminellen Trieben 

1 Stekel, Wilhelm: Berufswahl und Kriminalität. Archiv für Kriminal- 
anthropologie und Kriminalistik. Bd. 41, S. 268 bis 280 (1911). 



Psychologie der Berufswahl 315 



wird Richter, um seine schwachen moralischen Anlagen immerfort üben 
und jene niederhalten zu können. 

Diese St ekel sehen Berufstypen sind sicher lebenswahr, doch dürf- 
ten sie kaum alle Fälle erschöpfen. Es muß hervorgehoben werden, 
daß der Mensch neben den unbewußten, kulturfeindlichen Trieben 
Gott sei Dank — auch solche Triebe besitzt, die das Licht des Be- 
wußtseins nicht zu scheuen brauchen. Als einfachstes Beispiel seien 
die zahlreichen Kinder angeführt, die unter der Einwirkung ihres Eß- 
triebes Köche oder Zuckerbäcker werden wollen. Vielleicht wird es 
mir einmal gelingen, die Berufswahl vieler Menschen aufTriebe 
zurückzuführen. 



Die Ansicht, daß man einen Menschen nur als Ganzes begreifen 
kann, wird durch den Einblick in die Lebensschicksale vieler Menschen 
immer von neuem bestätigt. Ich sehe von Tag zu Tag mehr ein, daß 
unsere differentiell-psychologische Forschung, wenn sie sich nur auf 
einzelne Fragen beschränkt, bloßes Stückwerk ist. Darum bin ich ent- 
schlossen, auch noch die langwierige psychographische Methode 
vielleicht in einer etwas vereinfachten Form — zu Hilfe zu nehmen 
und mit dem Beistand von Mitarbeitern, die mir immer willkommen 
sind, eingehende Lebensanalysen möglichst vieler In- 
dividuen durchzuführen. 



Zur Berufswahl. 

Von Friedrich Thalberg. 

Kurz bevor sich die Schultore für lange Ferienwochen schließen, 
haben die Schüler der höchsten Klasse ihre schwerste Aufgabe zu 
lösen: die Matura stellt sich den jungen Leuten als eine Klippe, ein 
gefährliches Vorgebirge dar, hinter dem sich ihnen ein verheißungs- 
volles Land auf zu tun scheint. Aber auch viele junge Leute niedrigen 
Bildungsgrades schließen zu diesem Zeitpunkte ihre Schuljahre ab, um 
sich praktisch oder theoretisch für das Erwerbsleben vorzubereiten. 
Kaum aber hat der Jüngling oder das junge Mädchen die neue Welt, 
die außerhalb der Schule liegt, betreten, so werden sie vor die erste, 
ernste Lebensfrage gestellt: vor die Berufswahl. Es ist aus vielen 
Gründen für die meisten eine verwirrende Frage; die jungen Menschen 
erschrecken oft vor der Vielfältigkeit der Möglichkeiten und können keine 
klare Vorstellung von ihrem künftigen Leben gewinnen. Dem äußeren 
Scheine nach steht der Jüngling, das junge Mädchen hier wirklich vor 
einem Problem, dem sie nicht gewachsen sind, zu dessen glücklicher 
Auflösung sie von der Natur nicht entsprechend ausgerüstet wurden. 
Wie soll der junge Mensch eine Wahl unter Dingen treffen, zu denen 
er noch nicht in ein persönliches Verhältnis treten, die er nur vom 
Hörensagen oder durch oberflächliche Anschauung kennen lernen 
konnte. Und wie schwerwiegend, verantwortungsvoll ist seine Wahl! 
Bei der ausgebreiteten Arbeitsteilung unserer Gesellschaft, wo von jedem 
einzelnen eine außerordentliche Gewandtheit und Erfahrung auf dem 
kleinen Felde gefordert wird, auf dem der Betreffende einen äußerst 
intensiven Anbau treiben muß, um zu einem günstigen Ergebnisse zu 
gelangen, ist der Berufswahl eine ebenso große Aufmerksamkeit, wenn 
nicht noch eine größere zuzuwenden, wie einem Entschlüsse zu einer 
Ehe, die leichter zu trennen ist als die Verbindung zwischen einem Men- 
schen und seinem Berufe. Umsatteln heißt heute, eine neue, viele 
Jahre dauernde Lehrzeit und eine damit verbundene Erwerbslosigkeit 
auf sich nehmen; umsatteln bedeutet in allen Fällen den meist nicht 
unansehnlichen Verlust des Lernaufwandes für den ersten Beruf; um- 
satteln heißt eine gänzliche Veränderung der Lebensgewohnheiten, oft 
des Wohnortes, sogar der Heimat durchführen. Alles dies sind 
Gründe, die das Verbleiben in der einmal erwählten Berufskategorie 



Zur Berufswahl 317 



wünschenswert erscheinen lassen, und die demgemäß die Vorsicht bei 
der Berufswahl kategorisch verlangen. 

Immer wieder wird dann die Frage aufgeworfen, wer und wie weit 
man überhaupt die Richtung der Wahl als Außenstehender beeinflussen 
darf, um dem jungen Menschen das Wählen zu erleichtern und ihn 
in seiner materiellen Lage zu fördern. Darüber ist man sich heute 
wohl im allgemeinen klar, daß Zwang durch die Angehörigen 
nur selten gut verläuft, sei es nun, daß sich der elterliche Wille durchzu- 
setzen vermag, sei es, daß der junge Mensch den auf ihm lastenden 
Druck überwindet. Im ersteren Falle ist Trotz und Gehässigkeit, die 
Unlust zum Beruf, die Folge. Im zweiten Falle haben Eltern oder Vor- 
münder nichts anderes erreicht, als dem jungen Menschen den Weg er- 
schwert zu haben; sie haben ihm Hindernisse und Leiden verursacht, 
ohne dem Erwünschten näher gekommen zu sein. Auch hier wurden die 
gegenseitigen Beziehungen geschädigt, und zu den Mißlichkeiten, die 
jeder Erwerbsberuf mit sich bringt, ist die Unerträglichkeit des Fa- 
milienzerwürfnisses hinzugefügt. 

Aber soll man die ganze Verantwortung der Entscheidung der jugend- 
lichen Unerfahrenheit überlassen? Den Nichtausgerüsteten sorglos in 
den Kampf ziehen lassen? Und bei diesen Fragen stößt man auf das 
Problem, dem diese Zeilen gewidmet sind. Die Wehr- und Urteilslosig- 
keit des an der Pforte des Erwerbslebens Stehenden ist durchaus nicht 
so weitgehend, wie man anzunehmen geneigt ist. Die moderne Psycho- 
logie ist der Ansicht, daß der junge Mensch intuitiv seine Lage erfaßt, 
daß er zu einer Lebensarbeit gelangen will, die ihm 
Sicherheit, Befriedigung und Inhalt gewähren wird. 
Der junge Mensch ist von der Natur ausgerüstet unter allen Betätigungs- 
möglichkeiten die Tätigkeit herauszufinden, die er nie wieder aufgeben 
möchte, die „seiner Bestimmung" entspricht, seinen „Beruf 11 
darstellt, zu dem „er auserwählt" ist. Nicht nur hervorragend 
künstlerisch Begabte haben einen so scharfen Instinkt für ihren 
Lebensberuf, vielleicht Lebenszweck, sondern auch in jedem einzelnen 
liegen Fähigkeiten verborgen, die im richtigen Wirkungskreis außer- 
ordentlich wohltätig zu wirken vermögen. — Es ist die junge individual- 
psychologische Schule, die sich glücklich in diesem Sinne mit dem Pro- 
blem der Berufswahl auf Grund ihrer wissenschaftlichen Basis beschäf- 
tigt hat. 

Ausgehend von Betrachtungen über Minderwertigkeit von Organen, 
über Unsicherheitsgefühle und Sicherungsbestrebungen im Seelenleben 



318 Zur Berufswahl 



des Kindes, gelangt Dr. Adler dazu, alles psychische Geschehen als 
Versuche zur Annäherung an ein errichtetes Ziel aufzu- 
fassen. In einem Vorwort, das er zu der ersten Nummer einer zwang- 
losen Reihe von Schriften 1 verfaßt hat, sagt er: „Mit dieser dürf- 
tigen Selbsteinschätzung baut das Kind unter undeutlichen Erkennt- 
nissen seinen Lebensplan. Den hält es um so fester, je stärker 
sein Minderwertigkeitsgefühl nach Kompensationen drängt." Diese 
Ausgleichsbestrebungen sind der positive, aktive 
Zug des Seelenlebens, die den Unerfahrenen die individuell 
richtige Beurteilung ermöglichen. Der Beruf, in dem ein Mensch 
volle Befriedigung finden kann, muß ihm die Ausgleichung für 
seine Minderwertigkeit bieten, deren er sich mehr oder weniger be- 
wußt ist. Wem diese Vorstellung nicht ganz verständlich erscheint, 
der denke nur, wie der körperlich Schwache bemüht sein wird, Hebel- 
vorrichtungen zu gebrauchen, ja zu ersinnen; wie unscheinbare Menschen 
auffallende Kleider-, Masken-, Bart- oder Haartrachten erdichten, um 
ihre Mängel zu verdecken. .Und ist dies nicht schon beinahe Berufs- 
wahl? Was trennt den ersten vom Mechaniker oder Maschineningenieur, 
was den letzteren vom Schneider, Friseur — oder um einige Oktaven 
in der intellektuellen Tonleiter höher gegriffen: vom Schauspieler? 
Nichts als ökonomische Umstände! 

Wie oft aber sind es gerade die ökonomischen Umstände, die gegen das 
Ergreifen des einen oder das Verwerfen des andern Berufes sprechen? 
Ich glaube jedoch, daß unsere Zeit gerade diesen Verhältnissen einen 
zu großen Wert beimißt; vor allem sind die Möglichkeiten in ein und 
demselben Beruf sehr mannigfaltig, so daß man eigentlich nie von einem 
schlecht tragenden Beruf, sondern höchstens von einer schlecht tragen- 
den Form eines Berufes sprechen kann. Ferner ist ein Mensch, der für 
einen Beruf besondere Vorliebe fühlt, stets mehr oder minder ein Schöp- 
fer in demselben und vermag manches bis zu einem gewissen Grade 
günstiger für sich zu gestalten. Schließlich wird auch jeder für den 
Preis innerer Befriedigung auf ein oder den andern Vorteil verzichten, 
weil schließlich jede Erwerbstätigkeit ein Aufgeben geringerer Werte 
um höherer Werte willen (an individuellem Maße) gemessen ist. 

Wenn man aber nach dem Gesagten annehmen muß, daß jedem Men- 
schen eine bestimmte Tätigkeit zugeordnet ist, eine Tätigkeit, die ihm 
eine Kompensation für seine Minderwertigkeiten, eine 
Befriedigung seiner Sicherungstendenz bietet, so ist damit noch 

1 „Schriften des Vereins für freie psychoanalytische Forschung." 



Zur Berufswahl 319 



nicht gesagt, daß sich der betreffende Mensch seines Lebensplanes und 
seines Zieles bewußt ist, daß er seine Gefühle restlos zur Geltung bringen 
könne, oder daß das, was er sich durch die logische Funktion seines 
Seelenlebens zurechtgelegt hat, sich mit seinem sensorischen Ich im Ein- 
vernehmen befinde. Im Gegenteil, es wird dies ein Idealfall sein, der zur 
Gänze wohl überhaupt nicht erreicht werden dürfte. Hemmungen ver- 
schiedenster Art, äußere Einflüsse, entgegenwirkende innere Strömungen, 
die ihrem Ursprünge nach wohl auch auf das erwähnte Ziel zurückzu- 
führen sind, die aber direkt von Zwischenzielen, von Interessen unter- 
geordneterer Natur herrühren, beeinträchtigen den klaren Ausblick und 
drängen die nach außen strebende Auflösung in das Dunkel des Unter- 
bewußtseins zurück. Dieser Kampf stellt sich dann als ein Konflikt 
dar, von dem sich der Betreffende nicht ohne weiters und von selbst 
erlösen kann, und es tritt dann der so oft an jungen Leuten beobachtete 
Fall ein, daß sie selbst nicht wissen, was sie wollen; von Unruhe oder 
Leichtsinn getrieben, sind sie bereit, das erste zu ergreifen, was sich 
ihnen bietet, oder zu was sie von Unwissenden gedrängt werden. Alle 
„verfehlten Berufe", viele „verpfuschte Leben*' gehören in diese 
Gattung; sie sind daher mehr auf Unwissenheit der Eltern, Naturmiß- 
achtung oder Leichtsinn als auf Unerfahrenheit zurückzuführen. 

Diese Ausführungen lassen nun die Beantwortung mancher praktischer 
Fragen zu: ob und wie man einen Einfluß auf den jungen Menschen 
geltend machen solle, und wer hierzu die geeignete Persönlichkeit 
sei. Die geschilderten Wirren in der jugendlichen Psyche, die Be- 
deutung des Entschlusses für die Zukunft des betreffenden Menschen 
lassen eine solche Beeinflussung wünschenswert erscheinen, gerade weil 
der völlig freie Entschluß durchaus nicht immer den „natürlichen Beruf" 
wenn ich mich so ausdrücken darf — erwählt. Was nun die Person 
des Ratgebers anlangt, so gilt, daß nicht in erster Linie seine allgemeine 
Erfahrenheit in Betracht kommt — ein oft mißbrauchtes Wort, eine 
Eigenschaft, deren sich auch der Lebensblindeste gerne rühmt — , 
sondern seine psychologischen Fähigkeiten. Denn nicht was der junge 
Mann oder das junge Mädchen wählen soll, muß man raten; sondern 
wie sie wählen sollen, darauf allein kommt es an. Geburtshelfer des 
Bewußtseins werden ist die Aufgabe des Lehrers und Vaters, denn Be- 
wußtmachung ist die größte, wenn nicht einzige Wohltat, die dem 
psychisch Gefesselten erwiesen werden kann. Man räume die un- 
nützen Hemmungen weg, man betrachte die geheimen Triebkräfte, 
die das Seelenleben des jungen Menschen bewegen und hebe die Auf- 



320 Zur Berufswahl 



lösung des Problems, die in dem Hilflosen selbst gelegen ist, aus den 
Tiefen des Unterbewußtseins «an die sonnenhelle Oberfläche des Bewußt- 
seins. In der schon angeführten Einleitung sagt Dr. Adler: „Die un- 
erschöpfliche Kraft des menschlichen Forderns und Begehrens quillt 
aus der Heiligkeit der leitenden Idee", und damit ist die 
Brücke von unserm besondern Falle, der Berufswahl, zur Allgemeinheit 
des psychischen Handels geschlagen. Die Heiligkeit der leitenden Idee 
ist ein Prinzip des Individualismus, der aber nicht Gleichgültigkeit und 



Sorglosigkeit, sondern Achtung und Verständnis für andere Individuen 
gebieterisch fordert. 



Kindliche Phantasien über Berufswahl 

Von Dr. Josef Kramer. 

In einem Aufsatze „Psychologie der Berufswahl 4 ' (Monatshefte für 
Pädagogik und Schulreform, IV. Jahrg., 12. Heft) stellt Dr. St. von Ma- 
day ein Fragenschema auf, um das Verhältnis des Menschen zum Berufe 
von allen Seiten beleuchten zu können. Die praktische Betrachtung 
zerfällt in eine ethische, sozialpolitische und kulturelle, die theoretische 
in eine psychologische und soziologische. Die vorliegende Abhandlung 
will sich mit einem Detailproblem befassen, mit der zur psychologischen 
Betrachtung gehörenden Detailfrage: „Wie verhält sich ein bestimmter 
Mensch zu den verschiedenen Berufen", d. h. „Welchen Beruf will ich 
wählen?'* Einschränkend muß ich hier noch hinzufügen, daß es sich 
nicht um endgültige Berufswahl handelt, sondern um Phantasiespiele 
der Kinder, die sich einen bestimmten Beruf erträumen. Die Unter- 
suchung wird also in erster Linie eine Untersuchung der kindlichen 
Psyche sein, speziell eine Aufdeckung ihrer Leitlinien, die uns eine neue 
Bestätigung der Adlerschen Theorie bringen wird. 

Das der Untersuchung zugrunde liegende Material stammt aus einer 
Reihe von Aufsätzen von Mittelschülern, in denen die Frage: „Was 
ich am liebsten werden möchte", beantwortet wurde. Natürlich ist 
das gelieferte Material nicht genügend Grundlage für die Untersuchung; 
es bedarf noch einiger Ergänzungen. In vielen Fällen zeigt sich, 

daß erst die engste Vertrautheit mit der Lebenslage und den Erlebnissen 
des Kindes den richtigen Einblick ermöglicht. 
Zu den wichtigsten Ergänzungen gehört: 

I. Die Kenntnis des Berufes und der sozialen Stellung des Vaters, resp. 
der Mutter oder Verwandter, die in der Familie eine besondere Rolle 



spielen, der Konfession, der materiellen Lage und überhaupt des Milieus 

der Familie; 

II. Einblick in den Gesundheitszustand und das Tempo der geistigen 
und körperlichen Entwicklung des Kindes von früher Jugend an. Ge- 
rade dieser Punkt verlangt einen besonderen Kontakt des Untersuchenden 
mit der Familie; 

III. wäre auch die Kenntnis der Lektüre erforderlich, die in gewissen 
Lebensaltern besonderen Eindruck auf das Kind gemacht hat. In 
einigen Fällen finden wir sogar als Rechtfertigung des gewählten 
Berufes den Hinweis auf die Lektüre. 

21 



322 Kindliche Phantasien über Berufswahl 

Neben diesen notwendigen Ergänzungen dürfen auch einige Fehler- 
quellen nicht übersehen werden, die gegen den Willen der Verfasser 
der Aufsätze den Wert des Materials beeinträchtigt haben: 

i. Wegen der raschen Entwicklung und Änderung des Gesichts- 
kreises finden wir oft eine Geringschätzung der früheren Wünsche. 
Dem Umstand kann zum Teil bei der Stellung des Themas begegnet 
werden . 

2. Bei höherem Alter spielt die Nähe der wirklichen Berufsentschei- 
dung eine Rolle. Daher darf es uns nicht wundern, wenn fallenge- 
lassene Wünsche verschwiegen werden, deren Nichterfüllbarkeit 
schmerzt. Dieses Verschweigen ist in den meisten Fällen wahrscheinlich 
ein unabsichtliches. Man rührt eben nicht gern daran. 

3. Von der größten Wichtigkeit aber ist es, daß es sich hier um Tag- 
träume handelt. Nicht jeder Tagtraum verdichtet sich zur konkreten 
Berufsvorstellung. 

Damit haben wir uns auch dem ersten Hauptteil unserer Untersuchung 
genähert. Wir haben es nicht mit endgültig entscheidender Berufswahl 
zu tun, sondern mit Tagträumen der Kinder. Aus welchen Quellen 
stammen diese Tagträume? Was ist ihre treibende Kraft? Was be- 
deutet die freiwillige kindliche Berufswahl? Die Antwort auf diese 
Frage dürfte den in den Adlerschen Theorien Bewanderten nicht über- 
raschen. Der Beruf ist für das Kind ein regelmäßiges, untrennbares 
Merkmal der Großen. Der Wunsch des Kindes, einen Beruf ausüben 
zu können, bedeutet also indirekt: „Ich will groß sein, den Erwachsenen 
ebenbürtig". Die kindliche Phantasie spiegelt sich demnach eine Wunsch- 
erfüllung vor. Aber nicht die allgemeine Wunscherfüllungstendenz als 
solche ist das Interessante, sondern die Art, die uns in die Differenziert- 
heit der kindlichen Seele Einblick gewährt. 

Die kindliche Berufswahl im allgemeinen und der gewählte Beruf 
im besonderen zeigen, wie das Kind auf seine Gesamtlage, auf seine 
Stellung in der Familie, sein körperliches und geistiges Befinden und 
seine Neigungen reagiert. Auf dem Wege der Tagträume sucht es sich 
aus der Situation, die ihm seine Minderwertigkeit den Erwachsenen 
und oft auch seinen Altersgenossen gegenüber aufzwingt, zu retten. 
Der gewählte Beruf gibt uns also gewöhnlich nicht Antwort auf die 
Frage: „Was will ich sein, wenn ich groß bin?", sondern eher: 
„Was möchte ich jetzt sein?", und besonders: „Wie würde ich 
mich dabei verhalten?" Bei der Ausmalung der dabei ausführbaren und 
daher in der Phantasie auch schon ausgeführten Taten fühlt sich das 



Kindliche Phantasien über Berufswahl 323 



Kind den Erwachsenen ebenbürtig, das Spiel der Phantasie erlöst es mit 
Überspringung aller Realität aus dem drückenden Gefühl seiner Minder- 
wertigkeit, ja es fühlt sich sogar den Großen überlegen. 

Zur Stellung des Kindes in der Familie wäre noch folgendes zu be- 
merken: Das Kind, an dem die Erwachsenen ihre Autorität und ihre 
Erziehungskunst versuchen, fühlt sich stets in einer teils bewußten, 
teils unbewußten Opposition, es leidet unter dem Zwange. Bei leb- 
haften Kindern spielt das eine größere Rolle, da sie leichter in Kon- 
flikt mit ihrer Umgebung geraten. Daraus ergibt sich oft eine dau- 
ernde Trotzstellung. Wenn nun etwa der Vater in übertreibender 
Drohung sagt: „Wenn du es so weiter machst, kannst du höchstens 
Schuster oder Schneider werden", dann kann er als Antwort nach 
einiger Zeit eine Berufsphantasie des Kindes entdecken wie in einem 
tatsächlichen Falle: „Ich will ein Mann sein, der die Tramwayschienen 
ausputzt", oder, „der im Winter das Eis vom Trottoir abkratzt". 
Das Kind schlägt den Vater, indem es seine Befürchtungen übertrumpft. 
Natürlich können hier noch weitere Motive mitspielen. 

Bei Betrachtung des körperlichen Befindens neben dem gewählten 
Beruf finden wir, daß besonders Krankheiten oder dauernde Schwäche- 
zustände das Kind veranlassen, tagtraumweise seinen Zustand zu über- 
winden. Das eine sucht nach den Mitteln dazu, es will z. B. 
durch ausgiebige Nahrungsaufnahme nach eigener Wahl stärker werden, 
dann erscheinen Berufe wie Zuckerbäcker oder Koch erstrebenswert; 

t oder ein dauernd krankes Kind will Arzt werden; das andere wählt 
sich einen Beruf, der die Überwindung dieses Zustandes zur Vorbe- 
dingung hat, es will Soldat, Räuber oder Seefahrer werden. 

Aber auch frühzeitige Neigungen spielen eine Rolle. Dem lebhaften 
Wollen entspricht kein Können. Und so sehen wir wieder, wie die 
einen an den Weg denken, ihr Ziel zu erreichen; der zukünftige In- 
genieur spielt gerne mit dem Steinbaukasten oder interessiert sich für 
den Mechanismus seiner Spielzeuge. Die andern stellen sich von vorn- 
herein die Erfüllung vor. Einer sieht sich als großer Maler ; dabei aber 
bringt er im Zeichenunterrichte vor lauter Tändeln und Spielen trotz 
seiner Begabung keine ordentliche Zeichnung zuwege. 

An diese Erörterung will ich noch eine Vermutung anknüpfen. Die 
realen Forderungen des Lebens treten an das Kind von Jahr zu Jahr 
in schärferer Formulierung heran. Und dabei erkennt es bald, daß 
noch härtere Forderungen im späteren Leben seiner harren. Es soll 
einmal alles das nicht tun, was ihm jetzt Vergnügen macht, dafür aber 

21* 



324 Kindliche Phantasien über Berufswahl 



einen Beruf ausfüllen und arbeiten. Trotzdem spielt es mit dem Ge- 
danken, das und jenes zu sein. Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint 
die kindliche Berufswahl wie ein Ausdruck der Furcht vor den realen 
Forderungen des Lebens, Furcht vor dem Beruf und seiner Arbeit, zu- 
gleich aber auch als Vorbereitungstendenz, wie man dieser Forderungen 
/ Herr werden könnte. Wie sich der Neurotiker hunderterlei gefährliche 
Situationen und sein Verhalten dabei ausmalt, um im gegebenen Falle 
automatisch ein bestimmtes, ihn sicherndes Verhalten an den Tag legen 
zu können, immer mit dem heimlichen Wunsch: „Aber lieber wäre e» 

mir, ich käme nicht in Lage", so auch das Kind. Der Unterschied be- 
steht nur darin: während der Neurotiker mit der Möglichkeit rechnet, 
tritt der Beruf an das Kind als eine wenn auch ferne Gewißheit hin. 
Es wird sich auf jeden Fall damit abfinden müssen. Oft flüchtet es zu 
einer Probe durch das Spiel und kommt dann zu dem teilweise künstlich 
herbeigeführten Resultat: Soldat oder Kondukteur sein ist gar nicht so 

unlustig. Ich kann dabei wirklich schießen oder Karten zwicken. 
Nach dieser allgemeinen Betrachtung will ich mich der Betrachtung 

des Materials im besonderen zuwenden. 

Die erste Person, die dem Kinde als Angehöriger eines Berufes ent- 
gegentritt, ist in den meisten Fällen der Vater. Es fragt sich nun, in 
welcher Weise das Kind auf dieses Bild des Berufes reagiert. Die 



frühesten Berufsphantasien erscheinen auf den ersten Blick sehr ab- 
weichend vom väterlichen Beruf. Auffallend ist die überwiegende 
Zahl der mit dem Verkehr zusammenhängenden Berufe (unter 27 Schü- 
lern einer Klasse: 10; unter 44 einer andern : 3i). Das mag einerseits auf 
die bei den meisten Kindern wahrnehmbare Freude am Fahren und an 
rascher Fortbewegung überhaupt zurückzuführen sein, andererseits aber 
ist die Beziehung auf die Eltern, speziell auf den Vater, unverkennbar. 
Das Kind hat Gelegenheit genug, zu sehen, mit welcher Vorsicht, 
Ängstlichkeit und Nervosität seine erwachsenen Begleitpersonen, ja selbst 
der Mächtigste in der Familie, die Fahrbahn überschreiten und sich auf 
der Straße bewegen, während die Lenker der Fahrzeuge von den Fuß- 
gängern anscheinend keine Notiz nehmen und in königlicher Ruhe ihres 
Amtes walten. Ja, sogar stehenden Pferden nahe zu kommen gilt als 
gefährlich, während ihrer der Kutscher doch in aller Gemütsruhe Herr 
ist. Die Furcht vor den Gefahren des Verkehrs scheint also die Erwach- 
senen, speziell aber den sonst so mächtigen Vater herabzusetzen, der 
Lenker des Fahrzeuges erscheint als der Überlegene. Nicht zu unter- 
schätzen ist auch die Sinnfälligkeit des Gesamtbildes der Straße mit 



Kindliche Phantasien über Berufswahl 325 






ihrem importierenden Verkehr, neben dem der einzelne und natürlich 
auch der Vater höchst unbedeutend und klein erscheint. Nicht einmal 
seine warnende Stimme kann er oft im Straßenlärm vernehmbar machen. 

Diese Sinnfälligkeit des Berufsäußeren scheint auch die nächst höhere 
Zahl der gewählten Berufe zu erklären, die vielen Soldaten (unter 
27 Schülern: 16, unter 44: 16). Vielleicht ist auch hier die Beziehung 
auf den Vater nicht von der Hand zu weisen. Das auffallende Äußere, 
das Tragen der Waffen, deren Wirkung dem Kinde oft drastisch genug 
geschildert wird, dann gar das Bild ganzer Truppen, die bei dem Klange 
der Militärmusik in gleichem Schritt dahinmarschieren, erwecken in 
dem Knaben Vergleiche zwischen Mann und Mann, die nicht gerade zu- 
gunsten des zivilen Vaters ausfallen müssen, und wäre er selbst wohl- 
habender Fabrikant oder hochgestellter Staatsbeamter. Von dem wirk- 
lichen Machtbereich eines Berufes und seinen Funktionen hat natürlich 
das Kind auch keine annähernde Vorstellung und seine Phantasien be- 
schäftigen sich meist nur mit einer auffallenden Funktion, mag sie 
auch im ganzen Umkreis der Berufsfunktionen die untergeordnetste 
Rolle spielen. 

Vielleicht wären hier auch die verschiedenen Abenteurer berufe anzu- 
fügen. Dieses kindliche Ideal gehört anscheinend schon einer späteren 
Zeit, der Zeit des Schulbesuches und somit der eigenen Lektüre an. 
Es wurde schon früher betont, welche Rolle die Sinnfälligkeit selbst 
unbedeutender Handlungen beim Kinde spielt. Wenn der Vater eine 
Kiste mit Hammer und Stemmeisen öffnet oder irgendeinen lange ver- 
mißten Haken neu in die Wand schlägt, verleiht ihm das einen größeren 
Nimbus, als wenn er berichtet, daß er eine Geschäftsbilanz erledigt habe 
oder daß ihm eine schwierige Diagnose geglückt sei. Nun ist das 
Abenteurerleben voll von solchen imponierenden Tätigkeiten, ja diese 
sind meist noch größer als die angesehensten Taten des Vaters. Der 
Aggressionstrieb spiegelt direkten Kampf ums Leben vor, der natürlich 
immer mit dem eigenen Siege endigt. Und die Aussicht, von Berufs 
wegen viele Dinge tun zu dürfen, ja sogar zu müssen, die im Hause ver- 
boten sind, erfüllen das Kind mit einem Rausch von Größenträumen 
und -möglichkeiten, denen der Beruf des Vaters und auch seine außer- 
beruflichen Funktionen nicht leicht etwas Ebenbürtiges an die Seite zu 
setzen haben. Deutlich tritt hier das Streben „oben zu sein 44 , höher sogar 
als der Vater, hervor. 

Mit zunehmender Reife und größerer Kenntnis der realen Machtver- 
hältnisse nimmt dieser Kampf oft noch greifbarere Formen an. Wir 



326 Kindliche Phantasien über Berufswahl 



finden hier Fälle, wo sich der Knabe entweder direkt dem Beruf des 
Vaters zuwenden will, aber er will ihn in einer höheren Form ausüben, 
oder er wählt einen mit jenem zusammenhängenden, wenn er dadurch 
den Vater übertrumpfen kann. So will der Sohn eines in bescheidenen 
Verhältnissen lebenden kleinen Staatsbeamten ohne Matura selbst Staats- 
beamter werden, aber nur nach Absolvierung der juridischen Fakultät. 
Diese Rivalität fühlt sich vielleicht entschuldigt durch den naheliegenden 
Wunsch des Vaters, der Sohn solle es einmal besser haben als er. 
Der Sohn eines Fabriksdirektors, dessen Wagen in den südlichen Wiener 
Bezirken in großer Zahl zu sehen sind, hört wahrscheinlich öfters von 
der Pferdemisere seines Vaters; er will Pferdehändler werden, „um 
jeden Tag neue Pferde zu haben". — Ein Knabe, dessen Vater in unter- 
geordneter Stellung lebt, dabei streng religiös ist und, wie er selbst be- 
tont, den Kindern wiederholt christliche Lebensregeln mit ziemlichem 
Nachdruck nahelegt, will selber Geistlicher werden. Hier spielt noch 
ein zweites Motiv mit, das später erörtert werden soll. — Der Vater eines 
Schülers ist Schuldiener an einer Volksschule. Der Knabe schmeichelt 
sich mit dem Gedanken, wie schön es wäre, wenn sein Vater ihm die 
Ehrenbezeigung leisten und seinen Befehlen zu Diensten stehen müßte, 
er will Lehrer werden. — Der Sohn eines Zimmermalers möchte 
akademischer Maler sein. — Der Sohn eines Hauptmanns, also eines 
Mannes, der „des Kaisers Rock" trägt, dem Kaiser „dient", möchte 
ebenfalls dem Kaiser dienen, aber in größerer persönlicher Nähe und 
mit größerer persönlicher Unentbehrlichkeit, er will Hofkoch werden. 
Zugleich erreicht er damit noch ein zweites Ziel. Der Vater ist, wie mir 
aus Gesprächen bekannt ist, ein Freund guter Tafeln. Im Hause nimmt 
man ihm dieses Lieblingsthema seiner Gespräche übel. Der Sohn er- 
scheint hier als der Alliierte des dem Vater feindlichen Teiles der 
Familie, er will selber den höchsten Ansprüchen der Kochkunst ge- 
nügen können, aber nicht für den Vater. 

Schon aus den wenigen bisher angeführten Beispielen scheint hervor- 
zugehen, daß sich das Kind über das ihm zunächst stehende Normal- 
maß des Berufes, den Vater, durch Größenträume erhebt. Von diesem 
Standpunkt aus ist es gleichgültig, ob einer schreibt: „Dann wollte 
ich Österreichs größter Feldherr werden, der noch viel Größeres leistete 
als Prinz Eugen und eine Weltmonarchie gründete", oder ob einer 
Kutscher werden will, um auf der Straße zu herrschen. In einem 
Falle erscheint der Beruf des Vaters direkt als letztes Refugium. Ein 
Schüler will in bunter Abwechslung General, Kondukteur, Chauffeur 



Kindliche Phantasien über Berufswahl 327 

des deutschen Kaisers und Schauspieler werden und schließt seine 
Arbeit: „Wenn aber mein Talent nicht ausreichen sollte, werde ich 
doch noch den Beruf meines guten Papa ergreifen". 

Später tritt neben die Autorität des Vaters eine andere und hilft, 
sie noch mehr herabzumindern, die Autorität des Lehrers. Nicht mehr 
der Vater oder die Person, die ihn vertritt, hat in vielen Fällen das 
letzte Wort zu sprechen, sondern der Lehrer. Die Erscheinung, daß 
viele mit dem Eintritt in die Schule Lehrer werden wollen (27:12, 
44^ 7), beweist neuerdings unsere frühere Vermutung, daß die Knaben 
nach einem Weg über den Vater hinaus suchen. Zugleich sehen wir 
auch schon wieder das Streben, dieser neuen Autorität Herr zu werden. 
Der erste Schritt ist der, daß sie sich dieser gefürchteten Person in der 
Phantasie gleichstellen ; die angeführten Gründe vieler für den neuen Be- 
ruf zeigen ferner deutlich zugleich ein Darüberhinausgehen. Wenn ein 
Schüler Lehrer werden wollte, um „seine Klasse durchprügeln", oder 
„mit dem Rohrstaberl die Fingerknöchel der Schüler bearbeiten zu kön- 
nen", so heißt das neben dem leicht verständlichen Streben, über seine 
Kameraden zu herrschen und seine sadistischen Regungen zu befriedigen, 
nicht gerade, daß er seinem Lehrer nachahmen will; denn er hat 
wohl in den seltensten Fällen solche Erfahrungen gemacht, er weiß 
vielmehr sehr gut, daß derartige Dinge dem Lehrer verboten sind, 
selbst bei der größten Renitenz der Schüler. Er aber möchte einer 
sein, der es sich erlauben kann. Ähnlich steht die Sache, wenn sich 
einer diesem Beruf zuwenden will, „um in den Heften der Schüler 
recht viel rot anstreichen" oder „im Katalog blättern zu können". 
Noch deutlicher wird diese Tendenz dadurch, daß sich viele sehr bald 
wieder von diesem Ideal als von einem überholten abwenden. Wir 
finden da zweierlei Wege. Als der primitivere erscheint der, daß auf 
den Lehrer irgendein anderes beliebiges Berufsideal folgt wie Offizier, 
Marinesoldat oder Pilot. Schärfer gehen die zu Werke, die dann einen 
Beruf wählen, der aus dem Unterricht selbst hervorgegangen sein 
dürfte. Vielleicht sind es oft gerade nicht erfüllte Ideale des Lehrers, 
denen er beim Unterricht lebhaftere Farben zu verleihen wußte. Wir 
finden, daß auf den Lehrer mehrere Male Berufe folgen, die mit dem 
Reisen zusammenhängen, Entdeckungsreisende und Forscher auf ver- 
schiedenen Gebieten. Auch der Ingenieurberuf erscheint zweimal. Das 
Gesagte gilt natürlich nicht nur von der Volksschule, sondern auch vom 
Gymnasium. In dieser späteren Zeit treten auffallend oft Berufe hervor, 
die mit einem ausgiebigen Gelderwerb zusammenhängen, vielleicht eine 



328 Kindliche Phantasien über Berufswahl 



Rückwirkung der bescheidenen Gehaltsverhältnisse der Lehrer. Ein 
interessantes Beispiel ist folgendes: Der Sohn eines wohlhabenden 
Notars will vor seinem Eintritt in die Schule Lehrer werden. Die 
Gespräche der Eltern und der ältere Bruder, der die Schule besucht, 
haben dieses Ideal großgezogen. Als er selbst einige Jahre in der 
gleichen Lage ist, findet er, daß der Beruf seines Vaters gar nicht zu 
verachten sei, und er beschließt, Notar zu werden. Die Erklärung 
ist einfach. Zuerst stellt er der väterlichen Autorität die höhere des 
Lehrers gegenüber. Als er sie aus eigener Erfahrung kennt, findet er, 
daß der früher zurückgestellte Vater, der sich wenigstens eines höheren 
Einkommens erfreut, doch dieser bloßen Schulautorität vorzuziehen sei. 
Interessant für den Erzieher erscheint auch die Frage, inwieweit 
diese kindlichen Zukunfts träume Eignungen oder Minderwertigkeiten 
reflektieren. Nach der Adlerschen Lehre von der Organminderwertig- 
keit wird es uns nicht wundern, wenn manche Berufe erstreben, die 
ihnen gerade am wenigsten zu liegen scheinen. Ein Knabe, der nach 
der Aussage seines Vaters seit frühester Jugend sehr schwächlich und 
blutarm war und an großer Gedächtnisschwäche litt, sucht aus diesem 
Zustand, der ihn auch unter seinen Altersgenossen herabsetzen mußte, 
einen Ausweg. Der elterliche Rat, ausgiebig zu essen, und sein körper- 
liches Verlangen veranlassen ihn, nacheinander den Beruf eines Zucker- 
bäckers, eines Käsehändlers und eines Salamimannes zu wählen. Da 
könnte er die ihm zusagenden Dinge zur Genüge essen. Er tut es auch 
in seiner Phantasie; ja er tut es soweit, daß er sich, ebenfalls in seiner 
Phantasie, bereits riesig stark fühlt; denn der nächste gewählte Beruf 
ist ? ,Räuber in den Urwäldern Amerikas". Mit dem Eintritt in die Volks- 
schule bricht dieses Ideal zusammen. Jetzt leidet er besonders unter 
seiner Gedächtnisschwäche und sofort entschädigt er sich dafür da- 
durch, daß er Volksschullehrer werden möchte, der doch alles wissen 
muß. Aber auch das Ideal körperlicher Tüchtigkeit läßt ihm keine 
Ruhe, er will zwar nicht mehr „Räuber in den Urwäldern Amerikas" 
werden, die größere Erfahrung hat ihm vielleicht schon die Schwierig- 
keit dieses Berufes vor Augen geführt. Dafür hat es ihm der immerhin 

erreichbare Beruf des wetterfesten Seebären, eines Marinesoldaten, an- 
getan. Dabei ist er sich des Gegensatzes zwischen seiner allgemeinen 
Minderwertigkeit und seinem Ideal bewußt geworden, denn er schließt 
seine Arbeit mit dem resignierten Satz: „Leider wird keines von 
diesen meinen Idealen je verwirklicht werden können und über meinen 
wirklichen Beruf wird demnächst ein Familienrat entscheiden." (Er 



Kindliche Phantasien über Berufswahl 329 



stand damals am Ende der l\. Gymnasialklasse.) — Ein anderer, eben- 
falls sehr schwächlicher und unterernährter Schüler aus armer Familie 
setzt mit kühnen Größenträumen ein. Zuerst will er einer der berühm- 
testen Feldherrn werden, dann akademischer Maler, Professor, Doktor, 
wozu er bemerkt, daß ihm besonders die Titel gefielen, andere Gründe 
zu seiner Wahl habe er nicht gehabt. Unter diesen angeführten Be- 
rufen verdient einer noch spezielles Interesse, nämlich der eines akade- 
mischen Malers, da der Knabe schon frühzeitig hochgradig kurzsichtig 
wurde. Später wollte er ganz allgemein ein Mann werden, dem man ein 
Denkmal setzte. Nach der Lektüre des Karl May fühlt er sich als den 
Haupthelden aller Geschichten, nach der Lektüre des Romans „Soll 
und Haben" erscheint ihm der Kaufmannsstand als das Höchste und 
füllt seine Träume aus; jetzt aber, erklärt er, da er älter geworden sei, 
könne er sich eigentlich für keinen Beruf entscheiden; nur daran halte 
er fest, das Gymnasium zu absolvieren, das übrige überlasse er der 
Zeit; wenige Wochen später meldeten die Eltern seinen Austritt 
aus dem Gymnasium und gaben ihn in eine Lehrerbildungsanstalt, 
ohne daß er dagegen Einsprache erhoben hätte. Ja, er scheint sich dort 
jetzt sehr wohl zu fühlen. — Ein früher schon erwähnter Schüler 
wollte in Reaktion auf die häusliche christliche Erziehung nach einem 
kurzen Kindertraum, der ihn Kutscher sein ließ, Priester werden, 
weil er da oft zu vielen sprechen könne, und er schildert, wie er nach 
dem Besuch der Kirche zu Hause, auf einem Sessel oder Tische stehend, 
sich bemühte, die Worte des Geistlichen zu wiederholen. Charakte- 
ristisch ist es nun, daß dieser Schüler nie dahin zu bringen war, 
einen korrekten oder zusammenhängenden Satz zu sprechen. Aber er 
wollte Redner vor einer großen Menge sein. Diese Schwerfälligkeit 
der Zunge paarte sich mit einer auffallenden Stumpfheit der Sinnes- 
organe. Unter seinem schwer zu schulenden Gehör litt er in den alten 
Sprachen und sein Auge, das noch dazu mäßig kurzsichtig wurde, 
war in den Naturwissenschaften nicht imstande, gewöhnliche Dinge 
auf den ersten Blick zu erkennen. Dasselbe zeigte sich bei der Be- 
schreibung von Bildern im Deutschunterrichte. Nun wählt er als end- 
gültigen Beruf einen, der einen scharfen, raschen Blick und eventuell 
auch ein feines Gehör zur Voraussetzung hat, er will Arzt werden. 
Er will also einer sein, der weiß, wie körperliche Fehler behoben 
werden können. — Dasselbe zeigt sich auch bei einem anderen Schüler, 



der kurz erzählt: „In meiner Kindheit war ich viel krank, darum 



wollte ich Arzt werden. 14 — Ich komme jetzt noch einmal auf den 



I N 



330 Kindliche Phantasien über Berufswahl 



schon erwähnten Offizierssohn zurück, der Hofkoch werden wollte. 
Er fiel allgemein durch seine übermäßige Dicke auf, die ihn schwer- 
fällig und unbeweglich machte. Dabei litt er nach der Aussage der 
Eltern seit früher Jugend an andauernder Appetitlosigkeit. Daß hier 
eine ausgesprochene Organminderwertigkeit zugrunde liegt, ist klar. 
Aber er wählt gerade einen Beruf, der ihn in die Lage versetzt, an den 
feinsten Tafelgenüssen teilzuhaben. 

Andererseits zeigt sich oft in den gewählten Berufsarten eine be- 
stimmte, geistige Eignung oder es kommt die Gesamtattitüde zu Wort, 
So will z. B. ein Schüler, der in der Klasse als einer der besten 
Zeichner gilt, schon in früher Jugend Baumeister werden, der große 
Paläste, Kirchen und Türme baut, später erscheint ihm der Beruf 
eines Maschinenbauingenieurs sympathisch. — Ein anderer guter Zeich- 
ner der Klasse will in frühester Jugend Damenschneider werden, wegen 
„Schick", was deutlich auf besondere Ausbildung des optischen Sinnes 
und, nebenbei bemerkt, auf eine spezifisch weibliche Attitüde hinweist. 
Später will er Ingenieur und Maler werden. — Noch ein zweiter will 
als Kind Schneider werden, doch wird darüber später noch zu reden 
sein. — Solche Berufe, die auf eine spezielle Begabung zurückzu- 
führen sind, können aber noch mehr abseits liegen. So finden wir 
einen anderen Schüler, der in seiner Jugend Feuerwehrmann werden 
will, aber dann plötzlich große Leidenschaft für die Malerei entwickelt. 
Wenn wir die Schilderung seiner Vorliebe für die Feuerwehr lesen, 
so finden wir sofort, daß es ihm nur am richtigen Namen für seinen 
Lieblingsberuf gefehlt hat. Er sagt: „Wenn ich als Kind die Feuerwehr 

blasen hörte, ließ ich wohl mein liebstes Spielzeug stehen und lief so 
schnell wie möglich ans Fenster, um mit meinem Blick noch ein 
Stückchen des vorbeieilenden Wagens erhaschen zu können." Auf- 
fallend erscheint mir die Wendung „mit meinem Blick erhaschen", 
also mit dem Gesichtssinn Besitz ergreifen von den Dingen. Dann 
schildert er den Eindruck, den die fahrende Feuerwehr auf ihn machte. 

w 

wenn er das „Glück" hatte, gerade auf der Straße zu sein. „Da ergriff 
mich die allgemeine Erregung und ich konnte mir keinen schöneren 
Beruf denken, als mit blitzendem Helm auf dem Wagen zu stehen, . . . 
und Menschen aus Qualm und Rauch zu retten. 1 ' Auch hier wieder das 
optische Element und besonders charakteristisch erscheint die Wendung 
„aus Qualm und Rauch retten", statt des näherliegenden „aus dem 
Feuer retten". 

Im Anschluß daran drängt sich uns die Frage auf, inwieweit sich 



Kindliche Phantasien über Berufswahl 331 



die Knaben ihrer sexuellen Rolle bewußt sind. Daß uns ein Material 
wie das vorliegende, das ja aus Schulaufsätzen besteht, keine direkten 
Anhaltspunkte bietet, darf uns nicht wundern. Umso wertvoller muß 
uns daher jeder unabsichtliche Anhaltspunkt sein, wo der Schreiber 
selber den Zusammenhang nicht erfassen konnte. In einer einzigen 
Arbeit spielt der Gedanke an Frau und Familie herein und da sonderbar 
genug. Der Schüler stellt sich vor, er wäre, Kapitän eines Kriegsschiffes 
und schildert nun in nervöser Abwechslung und voll Sucht nach Sen- 
sation alle möglichen Erlebnisse, Abenteuer und Heldentaten, die er 
ausführen möchte, und wäre glücklich, wenn er nach seiner Rückkehr 
dafür belobt würde. „Ich führe dann gleich zu meiner lieben Frau 
und den Kindern und brächte Freude in das so geliebte Haus. Bei der 
Trennung würde ich sie durch das Versprechen trösten, bald wieder 
zu kommen." Der Gedanke an häusliches Glück wäre also ganz 
schön, nur dürfte es nicht zu lange dauern. Gegen den Schmerz einer 
Trennung sichert er sich durch die Vorstellung der schönen Rolle, die 
er dabei spielen könnte und charakteristisch ist es, daß er dann im 
weiteren Verlaufe der Arbeit sofort seine Teilnahme an einer Seeschlacht 
schildert. Wenn also der Schüler seinem voraussichtlichen Schicksal 
als Ehemann nicht entrinnen zu können glaubt, so sichert er sich wenig- 
stens durch die Wahl eines Berufes, der von Amts wegen seine Rolle 
als Ehemann auf ein Minimum reduziert. Zugleich zeigt sich hier s 
auch das bei Neurotikern häufige Streben, die geliebte Person durch 
Fernebleiben, hier sogar verschärft durch das Verweilen in gefährlichen 
Situationen, beherrschen zu wollen. — Anders erscheint der Fall eines ! 
Schülers, der von seiner eigentlichen Rolle noch weiter abzuweichen 
scheint. Sein ganzes Äußeres, sein Gehaben und seine Sprechweise 
erscheinen als eine übertriebene Nachahmung des Mädchenhaften. Dazu 
kommt noch eine zärtliche Freundschaft zu einem Kameraden, durch 
die er sich von den übrigen völlig abschloß, um nur einem zu gehören. 
Und nun lesen wir, daß er in seiner frühesten Jugend am liebsten 
Graf sein wollte, „immer von Glanz umstrahlt". Er dachte sich das 
Grafsein wie „ein Kleid, das man nur anzuziehen brauchte", und 
alles war erledigt. Wäre dieser Schüler ein Mädchen, so hätte er sein 
Ideal viel geradliniger erreichen können, das Ideal einer mondänen Dame, 
die, „von Glanz umstrahlt", das, was ihr in der Gesellschaft Wert 
verleiht, tatsächlich anziehen kann oder die soziale Stellung ihres Mannes 
oder ihre Abstammung wie ein Kleid trägt. Später schien es ihm be- 






gehrenswert, Schneider zu sein, und zwar, wie aus seinem Wunsch, 



332 Kindliche Phantasien über Berufswahl 



schöne Kostüme 'herstellen zu können, hervorgeht, Damenschneider. 
Obwohl er diesen Beruf als Kindheits träum angibt, kann er doch im 
Alter von i5 Jahren nicht umhin, ihn mit einem Hinweis auf Poiret 
zu rechtfertigen, dessen Vorträge auf ihn großen Eindruck machten. 
Nach dieser Periode „der Seide und des Samtes" hörte er vom Theater 
und die Erzählungen davon scheinen seine Phantasie mit unklaren 
Bildern dessen, was dort zu sehen sei, angefüllt zu haben. Da kommt 
er auf den Gedanken, Souffleur zu werden, d. h., er wollte, von den 
andern ungesehen, selbst besser als die andern alles sehen können, 
ein deutlicher Ausdruck weiblicher Neugierde überhaupt und der Neu- 
gierde dieser Altersstufe im besonderen. Als er hört, daß dies nicht so 
leicht sei, will er wenigstens Programmverkäufer oder Saaldiener sein. 
„Dann wollte ich eine Zeitlang ins Kloster gehen oder Arzt werden." 
Beide Berufe sehen im Zusammenhange mit den vorausgegangenen 
auf den ersten Blick wie der Ausdruck eines Katzenjammers nach 
den früheren Träumen aus; der erste bedeutet direkte Abkehr von den 
Genüssen der Welt, natürlich auch vom Theater, und der andere er- 
scheint mehr von der Seite der menschlichen Leiden, also als Bußberuf, 
erfaßt zu sein. Aber in beiden Berufen wird noch ein weiterer uns 
schon bekannter Zweck erreicht. Mönch sein bedeutet, auf die von der 
Natur zugedachte Rolle freiwillig verzichten unter einer höheren Recht- 
fertigung; Arzt sein heißt, wie beim Souffleur, alles aus nächster 
Nähe von Berufs wegen sehen zu können, ohne weitere Verpflichtung. 
Als er dann im Alter von i3 Jahren zum erstenmal wirklich die Oper 
besuchte, geht Ihm eine neue Welt auf. Sein heißester Wunsch wird 
es, dort oben auf der Bühne zu stehen, von allen bewundert zu werden 
und zwar als der Erste dort zu stehen. Ein deutliches Sich-zur-Schau- 
stellen-wollen, um die andern zurückzudrängen. Gelingt ihm die- 
ser Plan nicht, dann wjll er lieber in einer Kanzlei sitzen und auf 
den Hofratstitel warten. Wir erkennen aus dieser Zusammenstellung 
deutlich die Verschiebung der Leitlinie auf ein weibliches Ziel. 
Einige Züge dieser Aufzeichnung scheinen noch auf ein anderes, bei 
manchen Kindern häufiges Ideal zu weisen, auf den Gottheits träum. 
Gott ist unsichtbar, kein Mensch kann ihn mit Augen sehen, aber er sieht 
alles und hält alle Fäden in der Hand, ohne ihn kann nichts geschehen. 
Diese Funktionen hat bis zu einem gewissen Grade auf der Bühne 
der Souffleur. Gott ist einzig, nichts kann sich mit ihm messen, alle 
bewundern sein Werk. Das gilt auch von dem, der als erster auf der 
Bühne steht. In der Zeit, als die früheren Größenideale des Schülers 



Kindliche Phantasien über Berufswahl 333 

zusammenbrechen, finden wir das Mönchsideal. Er will auf gutem 
Fuß mit Gott stehen, wenn er schon selbst nicht Gott sein kann. 
Andere Arbeiten zeigen deutlich sadistische Züge, die sich in ver- 
schiedenen Berufsarten ausleben wollen. Der eine will Jäger werden, 
um bei einer Treibjagd, d. h. gesichert gegen jeden Angriff, recht 
viel Tiere erschießen zu können. Ein anderer will, wie schon erwähnt, 
Schullehrer werden, um mit einem Rohrstaberl die Fingerknöchel der 
unaufmerksamen Schüler bearbeiten zu können; ein dritter will das- 
selbe, um im Katalog blättern zu können, was bekanntlich vor der 
Abschaffung des Kataloges in der Klasse oft Furcht und Zittern her- 
vorrief. — Auf derselben Stufe steht der, der Lehrer werden will, einfach 
um die Kinder prügeln zu können. Wieder ein anderer will Kondukteur 
werden wegen des Kartenzwickens. Die mit dem hier zutage tretenden 1 
Trieb verbundene Feigheit weist sie also auf möglichst wehrlose Ob- l 
jekte. Versteckt zeigt sich dieser Trieb, wenn sich einer z. B. wünscht, 
Seemann zu sein, „um Menschen, die mit der Gewalt der Elemente 

ringen, aus höchster Not retten zu können'*, oder Feuerwehrmann, 
um „Menschen aus Rauch und Qualm retten zu können", da die 
Ausübung dieser Berufe unmittelbar die Leiden anderer zur Voraus- 
setzung hat. — Andere Berufsarten zeigen direkte Beziehung auf 
das Sexuelle, so, wenn ein Schüler Aufspritzmann werden wollte, 
„um den Leuten zwischen die Füße spritzen zu können", oder wenn 
ein anderer Ingenieur oder Maschinist werden möchte, „um an den 

kleinen Bestandteilen der Maschine herumhantieren zu können". In 
beiden Fällen ist "weniger der gewählte Beruf an und für sich als 

die Ausdrucksweise das Auffallende. Ein Schüler, der in Galizien 
aufgewachsen ist, wollte dort Rauchfangkehrer werden, „um in den 

landesüblichen Kaminen herumrutschen zu können", was deutlich an 
den Sexual jargon des Volkes erinnert. 

Am Schlüsse dieser Untersuchung wäre noch eine Frage von In- 
teresse, die Frage nach den Gründen des wiederholten Berufswechsels 
im allgemeinen. Für einzelne Fälle wurde die Erklärung an der 
entsprechenden Stelle schon gegeben. Dabei zeigte es sich, daß der 
Berufswechsel oft nur ein scheinbarer ist. Ein bestimmtes, wenn 
auch unklar geschautes Ziel steht von Anfang an vor Augen, nur der 

Weg dazu, der über den Beruf führt, liegt noch im Dunkeln. Das 
wiederholte, unsichere Tasten verrät Mangel an Erfahrung. Deutlich 
zeigt sich das in dem Beispiel, wo der Weg vom Feuerwehrmann zum 
Maler führt, und zum Teil in dem Fall, wo die weibliche Leitlinie 



334 Kindliche Phantasien über Berufswahl 



dominierend hervortrat. In einer anderen Reihe von Fällen wäre es 
nicht so leicht, ein bestimmtes Ziel sofort mit Namen zu nennen. 
Wir haben Fälle, wo Knaben im Alter von i4 bis i5 Jahren auf 
acht bis neun Berufsideale, und Knaben von 12 bis i3 Jahren auf 
sechs bis sieben zurückblicken, wobei wir ruhig annehmen können, 
daß in den meisten Fällen die Zahl weit höher ist. Daß nicht alle in 
den Aufzeichnungen erscheinen, hat seinen Grund oft in der geringeren 
Intensität oder kürzeren Dauer einzelner Berufsträume. Doch ist die 
Vermutung nicht abzuweisen, daß selbst in den nicht ganz klaren 
Fällen eine noch genauere Kenntnis aller Faktoren, die das Leben 



des Kindes beeinflußt haben, eine einheitliche Leitlinie zu finden wäre. 
Als allgemeinstes Ziel war in den angeführten Fällen das „Obensein- 
wollen' * unverkennbar. 

Wenn wir die Mitteilungen der Schüler daraufhin untersuchen, was 
nach ihrer Erinnerung den Wechsel der Ideale veranlaßt hat, finden 
wir einige charakteristische Motive. Das Häufigste ist die Furcht vor 
den Gefahren, die mit einem bestimmten Beruf verbunden sind. Das 
gilt besonders von den Abenteurerberufen und jenen anderen, mit 
deren Ausübung Lebensgefahr verbunden ist. Nachdem man einige 

Zeit in Größenträumen geschwelgt hat, meldet sich ernüchternd der 
Verstand. So fürchten sich ein Weltreisender und ein Löwenbändiger 
vor den Gefahren ihres Berufes, ein Marineoffizier vor dem Ins- Wasser- 
fallen, ein Pilot vor dem Abstürzen, ein Lokomotivführer vor dem 
schweren Dienst und vor einem Eisenbahnzusammenstoß, ein Jäger 
vor den Wilddieben usw. Aber auch bei ungefährlicheren Berufen 
zeigt sich oft eine gewisse Feigheit. Ein Arzt hat Angst vor den 
nächtlichen Visiten und beschließt, Kaufmann zu werden; ein Pferde- 
bahnkutscher findet das lange Stehen lästig und will gewöhnlicher 
Kutscher werden; der früher erwähnte Schüler, der Hof koch werden 
wollte, gibt diesen Beruf auf, weil er hört, daß die Köche im Sommer 
viel unter der Hitze zu leiden hätten; einer, der Kaiser werden wollte, 
erfährt schließlich, daß er in dieser Stellung nur viel Sorgen, Kummer 
und Arbeit habe, und beschließt dann, Jäger und Gutsbesitzer zu 
werden. Ein Fall, wo die Angst nahezu als treibende Kraft erscheint, 
ist folgender: Ein Schüler will Jäger werden, hört aber von den Ge- 
fahren dieses Berufes und sieht darauf im Aviatiker sein Ideal. Aber 
er liest zu oft von verunglückten Berufsgenossen und beschließt, Latein- 
professor zu werden. Aber auch das ist nicht von langer Dauer. „Ich 
fürchtete, dieser edle Beruf könnte meiner Gesundheit schaden." Und 



Kindliche Phantasien über Berufswahl 335 



da er im Kampfe um alle seine Ideale unterlegen ist, sich aber die 
Niederlage nicht eingestehen will und sich doch als obenstehend fühlen 
muß, beschließt er zuletzt, vorläufig keinen Beruf zu ergreifen, sondern 
ein „anständiger Mensch" zu werden. — Ein weiteres Motiv für die 
Berufsänderung, das dem eben besprochenen sehr nahe verwandt ist, 
erscheint als rein praktische Erwägung und Abschätzung verschiedener 
Ideale. Dabei finden wir vielfach direkten Hinweis auf Gelderwerb. 
Ein Schüler, der Geschichtsprofessor werden wollte, gibt diesen Beruf 
auf, weil er erfährt, daß in diesem Fach jetzt die Aussichten schlecht 
seien. Ein Jäger will Ingenieur werden, weil er hört, daß er als 
solcher viel Geld verdienen kann; zwei wollen Gutsbesitzer werden, 
ebenfalls in der Erwartung großen Einkommens. 

Wenn wir neben einzelnen Schülern mit überreichen Berufsidealen 
auch wieder solche finden, die erklären, sie wüßten nicht, was sie 
werden wollten, was auch bei den vorliegenden Aufzeichnungen zwei- 
mal der Fall war, so dürfte die Antwort nach der früheren Unter- 
suchung nicht schwer sein. Es wurde schon anfangs festgestellt, daß 
es sich ausschließlich um Tagträume handelt, um Spiele der Phan- 
tasie, die sich nicht immer in bestimmten Berufsvorstellungen zu 
fixieren brauchen. In immer wechselnden, nie klar festgehaltenen 
Bildern ziehen die verschiedenen Möglichkeiten an der Seele des Kindes 
vorbei, ohne daß es einmal ernstlich mit seiner Phantasie zugreift; 
denn es hat Angst vor der endgültigen Entscheidung und ist also auf 
dieselbe Stufe zu stellen wie ein Kind mit übermäßig vielen Berufs- 
idealen. Und wenn wir dann auf unsere Frage: „Was willst du werden?" 
die Antwort hören: „Ich weiß es nicht", oder: „Darüber habe ich 
noch nicht nachgedacht", können wir das aufs Wort glauben; denn 
das Nachdenken müßte zu einer zeitweiligen Entscheidung führen, und 
der will man eben ausweichen. Die Angst vor den realen Forderungen 
eines Berufes und des Lebens überhaupt ist zu groß. Diese Angst 
stammt aber nicht allein aus der Seele des Kindes, sondern oft genug 
wecken Eltern und Erzieher Größenträume, deren vorausgefühlte Un- 
erreichbarkeit den Konflikt verschärft. Aufgabe des Erziehers wäre 
es, dem Kinde erreichbare Ziele nahezubringen, es zu veranlassen, 
daß es seine Kräfte an diesen Forderungen mißt, abwägend vergleicht 
und sich so Schritt für Schritt klarer wird über den Umkreis und 
die Qualität seiner Kräfte. 



Ein Beitrag zur Psychologie der ärztlichen Berufswahl 



>> 



Von Dr. Alfred Adler. 

Ein Arzt erzählt folgendes: 
Anläßlich des schrecklichen Schiffsunglücks der „Titanic" konnte 
ich an mir die Ergriffenheit deutlich beobachten. In meinen freien 
Stunden fand ich mich oft im Gespräch über das Unglück, und vor- 
wiegend war es die Frage, die von mir immer wieder aufgenommen 
wurde, ob man nicht doch ein Mittel hätte finden können, um die 
Untergehenden zu retten. 

Eines Nachts wache ich aus dem Schlafe auf. Als richtiger Psycho- 
loge lege ich mir die Frage vor : warum ich, der sonst ein guter Schläfer 
ist, diesmal aufgewacht sei? Ich fand aber keine befriedigende Antwort, 
fand mich vielmehr kurze Zeit darauf in emsigem Nachdenken, wie 
man die Untergehenden der Titanic hätte retten kön- 
nen. Bald nachher — es war 3 Uhr — schlief ich ein. 

In der nächsten Nacht wachte ich wieder auf. Ich sah auf die 

Uhr, es war y*3 Uhr. Flüchtig kamen mir Gedanken über die son- 
stigen Theorien der Schlaflosigkeit, unter anderm fiel mir auch die Mei- 
nung eines Autors ein, daß man, einmal an ein Aufwachen aus dem 
Schlafe gewöhnt, leicht wieder um die gleiche Zeit erwachen kann. Aber 
mit einem Male wußte ich intuitiv, wie es sich mit meinem Aufwachen ver- 
hielt. Um 1 / 2 3 Uhr war die Titanic untergegangen. Ich hatte die Fahrt 
im Schlafe mitgemacht, hatte mich in die schreckliche Situation des 
Unterganges eingefühlt und war also schon zweimal des Nachts er- 
wacht, als das Schiff unterging. 

Auch in der zweiten Nacht nahmen meine Gedanken die Richtung, 
ein Mittel zu finden, wie man sich in einer solchen Situation retten 
könnte, sich und die anderen. Fast gleichzeitig erriet ich, daß hier 
der vorbeugende und vorbereitende Versuch einer Si- 
cherung am Werke war, der in gleicher Weise der Vorsicht wie dem 
Ehrgeiz dienen sollte. Ich verstand auch ohne weiteres, daß die Amerika- 
fahrt — ein altes Ziel meiner Sehnsucht — in sinnreicher Weise 
den Kampf um meine wissenschaftliche Repräsentation symbolisierte. 
Und wie im Wachen, so tat ich auch im Schlafe. Ich war auf der 

1 Aus: Adler, „Individualpsychologische Beiträge zur Schlafstörung", Fort- 
schritte der Medizin, 1913. 



Ein Beitrag zur Psychologie der ärztlichen Berufswahl 337 



Suche nach einem Mittel zur Rettung, und ich stellte die sinnfälligste 

Situation her, um mich zur Gegenwehr zu rüsten und zu mobilisieren: 

Einfühlung in die stärkste Gefahr und Nachdenken! 

Leicht war auch zu verstehen, daß diese Art, auf Gefahren meiner 

Person und mir Nahestehender zu reagieren, meine persönliche Attitüde 
sein mußte. Und bald fand ich den Zusammenhang. 

Ich bin ja Arzt. Es gehört also zu meinen Obliegenheiten, gegen 
den Tod ein Mittel zu finden. Damit aber war ich schon auf mir be- 
kanntem Boden. Der Kampf gegen den Tod gehörte nämlich zu den 
stärksten Antrieben meiner Berufswahl. Wie so viele von den Ärzten, 
bin auch ich Arzt geworden, um den Tod zu überwinden. 

Aus meiner Jugendgeschichte erinnere ich mich an mehrere Er- 
eignisse, in denen mir der Tod nahe schien. So hatte ich aus einer 
Rachitis außer einer Schwerbeweglichkeit jene gemilderte Form von 
Stimmritzenkrampf erworben, die ich später als Arzt oft bei Kindern 
antraf, wo Verschluß der Glottis beim Weinen eintritt, so daß ein 
Zustand von Atemnot und Stimmlosigkeit das Weinen unterbricht, 
bis sich nach Lösung des Krampfes das Weinen wieder fortsetzt. Der 
Zustand der dabei eintretenden Atemnot ist höchst unangenehm, wie 
ich aus meiner Erinnerung weiß; ich dürfte damals noch nicht zwei 
Jahre gewesen sein. Die übertriebene Furcht meiner Eltern und die Be- 
sorgnis des Hausarztes waren mir nicht entgangen und erfüllten mich, 
abgesehen von der Peinlichkeit der Atemnot, mit einem Gefühl, das 
ich heute als Gefühl der Unruhe und der Unsicherheit bezeichnen 
möchte. Ferner erinnere ich mich, daß ich eines Tages, kurz nach 
einem solchen Keuchanfall Gedanken hatte, wie ich, da bisher kein 
Mittel gefruchtet hatte, dieses lästige Leiden beseitigen könnte. Auf 
welchem Wege ich dazu kam, ob die Anregung von außen kam oder 
ob ich allein die Idee ausheckte, kann ich nicht sagen: ich beschloß, 
das Weinen ganz einzustellen, und sooft ich die erste Regung zum 
Weinen verspürte, gab ich mir einen Ruck, hielt mit dem Weinen 
inne und das Keuchen verschwand. Ich hatte ein Mittel gegen das 
Leiden, vielleicht auch gegen die Todesfurcht gefunden. 

Kurze Zeit später, ich war drei Jahre geworden, starb mir ein 
jüngerer Bruder. Ich glaube, die Bedeutung des Sterbens verstanden 
zu haben, war fast bis zu seiner Auflösung bei ihm und wußte, als 
man mich zu meinem Großvater schickte, daß ich das Kind nimmer 
sehen werde, daß es im Friedhof begraben würde. Meine Mutter holte 
mich nach dem Leichenbegängnis ab, um mich nach Hause zu bringen. 

22 



338 Ein Beitrag zur Psychologie der ärztlichen Berufswahl 

Sie war sehr traurig und verweint, lächelte aber ein wenig, als mein 
Großvater, um sie zu trösten, einige scherzende Worte zu ihr sagte, 
die sie wahrscheinlich auf weiteren Kindersegen verweisen sollten. 
Dieses Lächeln konnte ich meiner Mutter lange nicht verzeihen und 
ich darf aus diesem Groll wohl schließen, daß ich mir der Schauer 
des Todes sehr wohl bewußt gewesen bin. 

Im vierten Lebensjahre kam ich zweimal unter einen Wagen. Ich 
entsinne mich, daß ich mit Schmerzen auf einem Diwan erwachte, 
ohne daß ich wußte, wie ich dorthin gekommen war. Ich muß also 
wohl in Ohnmacht gefallen sein. 

Mit fünf Jahren erkrankte ich an einer Lungenentzündung und 
wurde vom Arzte aufgegeben. Ein zweiter Arzt schlug doch eine Be- 
handlung vor und ich war in wenigen Tagen gesund. Man hatte in der 
Freude über meine Genesung noch lange Zeit über die Todesgefahr 
gesprochen, in der ich angeblich geschwebt hatte; seit dieser Zeit ent- 
sinne ich mich, daß ich mir stets meine Zukunft als Arzt vorgestellt 
habe, d. h. ich habe ein Ziel festgesetzt, von dem ich 
erwarten durfte, daß es meiner kindlichen Not, 
meiner Furcht vor dem Tod ein Ende machen konnte. 

Es ist klar, daß ich von dieser Berufswahl mehr erwartet 
habe, als sie leisten konnte: den Tod, die Todesfurcht über- 
winden, das hätte ich eigentlich von menschlichen Leistungen nicht 
erwarten dürfen; bloß von göttlichen. Die Realität gebietet aber zu 
handeln. Und so war ich gezwungen, im Formen Wechsel der leiten- 
den Fiktion so weit mein Ziel abzuwandeln, bis es der Realität zu 
genügen schien. Da kam ich zur ärztlichen Berufswahl, um den Tod 
und die Todesfurcht zu überwinden 1 . 

Aus der Berufswahlphantasie eines etwas zurückgebliebenen Knaben, 
die sich auf ähnlichen Eindrücken — Tod einer Schwester und Kränk- 
lichkeit in früher Kindheit, Bekanntschaft mit dem Tod — aufbaute, 
erfuhr ich, daß dieser Knabe beschlossen hatte, Totengräber zu werden, 
um, wie er sagte, die andern einzugraben und nicht selbst eingegraben 
zu werden. Das starre gegensätzliche Denken dieses später neurotischen 
Knaben — oben oder unten, aktiv oder passiv, Hammer oder Amboß, 
flectere si nequeo superos, Acheronta movebol — haben mittlere Mög- 
lichkeiten nicht zugelassen, seine kindische rettende Fiktion ging im 
Nebensachli chen auf das Gegenteil. 

1 Über die Bedeutung des Todes für das Philosophieren s. P. Schrecker, 
Bergsons Persönlichkeitsphilosophie, E. Reinhardt, München 1912. 



Ein Beitrag zur Psychologie der arztlichen Berufswahl 339 



Aus jener Zeit meiner Berufswahl, etwa aus dem fünften Lebensjahre, 
datiert folgendes Erlebnis: Der Vater eines Spielkameraden fragte - 
mich, was ich werden wolle. Ich gab zur Antwort: „Ein Doktor I" 
Der Mann, der vielleicht schlechte Erfahrungen mit Ärzten gemacht 
hatte, erwiderte darauf: „Da soll man dich gleich an dem nächsten 
Laternenpfahl aufhängen ! " Selbstverständlich ließ mich — eben wegen 
meiner regulativen Idee — diese Äußerung völlig kalt. Ich glaube, ich 
dachte damals, daß ich ein guter Arzt werden wolle, dem niemand 
feindlich gesinnt sein sollte. 

Kurz nachher kam ich in die Volksschule. Meine Erinnerung sagte 
mir, daß ich auf dem Weg in die Volksschule über einen Friedhof 
gehen mußte. Da hatte ich nun jedesmal Furcht, und sah es mit 
großem Mißbehagen, wie die andern Kinder harmlos den Friedhofs weg 
gingen, während ich ängstlich und mit Grauen Schritt vor Schritt setzte. 
Abgesehen von der Unerträglichkeit der Angst, quälte mich der Ge- 
danke, an Mut den andern nachzustehen. Eines Tages faßte ich den 
Entschluß, dieser Todesangst ein Ende zu machen. Als Mittel wählte 
ich wieder die Abhärtung. (Todesnähe I) Ich blieb eine Strecke 
hinter den ajidern Kindern zurück, legte meine Schultasche an der 
Friedhofsmauer auf die Erde und lief wohl ein dutzendmal über den 
Friedhof hin und zurück, bis ich dachte, der Furcht Herr geworden 
zu sein. Später glaube ich den Weg ohne Angst gegangen zu sein. 

Dreißig Jahre später traf ich einen ehemaligen Schulkameraden, mit 
dem ich Kindheitserinnerungen aus der Volksschule austauschte. Es 
fiel mir dabei ein, daß derzeit jener Friedhof nicht mehr bestehe 
und ich fragte, was aus dem Friedhof, der mir solche Beschwerden 
gemacht hatte, geworden sei. Verwundert antwortete mir mein ehe- 
maliger Kamerad, der langer als ich in jener Gegend gewohnt hatte, 
daß auf dem Wege zu unserer Schule niemals ein Friedhof ge- 
wesen sei. Da erkannte ich, daß die Erinnerung an die Fried- 
hof sgeschichte eine dichterische Einkleidung für 
meine Sehnsucht war, die Angst vor dem Tod zu über- 
winden. Sie sollte mir ähnlich wie in anderen Lebenslagen 
zeigen, daß man den Tod und die Todesangst überwinden könnte, 
daß es ein Mittel geben müsse, und dies wirkte wie 
ein kraftvoller Zuspruch, daß es mir gelingen könnte, in 
schwierigen Lebenslagen ein solches Mittel gegen den Tod zu finden. 
So kämpfte ich gegen meine Kindheitsfurcht, so bin ich Arzt geworden 
und so sinne ich auch jetzt noch Problemen nach, die mich gemäß dieser 



340 Ein Beitrag zur Psychologie der ärztlichen Berufswahl 



psychischen Eigenart anziehen, was bei der Titanic-Katastrophe in her- 
vorragendem Maße der Fall war. 

Ja mein Ehrgeiz ist so sehr durch diese leitende Fiktion, den Tod 
zu überwinden, festgelegt, daß ihn andere Ziele wenig aufstacheln 
können. Es kann vielmehr leicht der Eindruck erweckt werden, als 
mir in den meisten Beziehungen des Lebens der Ehrgeiz fehlte. 
Die Erklärung für dieses double vie, für diese Spaltung der Persön- 
lichkeit, wie es die Autoren nennen würden, liegt darin, daß der 
Ehrgeiz ja nur ein Mittel darstellt, keinen Zweck, so daß 
er bald benützt, bald beiseite geschoben wird, je nachdem das vor- 
schwebende Ziel bald mit diesem Charakterzug, bald ohne ihn leichter 
zu erreichen ist." 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 1 . 

I. 

Unus multorum (Dr. D. E. Oppenheim). 

Im Winter 1910 erschoß sich in Wien ein Gymnasiast aus vornehmer 
Familie, nachdem er einen schlechten Semestralausweis erhalten hatte. 
Das traurige Ereignis wurde zum Anlaß einer scharfen Preßfehde gegen 
unsere Gymnasien und ihre Lehrer. Damals schrieb ich meinen Aufsatz 
über Schülerselbstmord. Das praktische Bedürfnis nach Verteidigung der 
Schule gegen ihre Widersacher hatte ich damit befriedigt. Mein theo- 
retisches Interesse war längst durch andere Aufgaben gefesselt. So 
kommt es, daß ich auch heute über Schülerselbstmord nur das zu sagen 
weiß, was ich vor drei Jahren veröffentlicht habe. Es ist bis jetzt nur 
wenig beachtet worden. Aber für meinen Standpunkt fochten mit der 
Propaganda der Tat die jugendlichen Selbstmörder. Immer wieder hörte 
man von Volksschülern und Schülerinnen, die bei unbedeutendem Anlaß 
Hand an sich legten. Immer mehr schwand dadurch die Neigung, den 
Schülerselbstmord als das traurige Privileg der Mittelschule, insbesondere 
der Gymnasien, zu betrachten. Immer deutlicher erkannte man, daß 
Schülerselbstmord und Schule oft genug gar keine Beziehung zueinander 
haben. Und selbst dort, wo ein Zusammenhang erkennbar ist, beginnt 
man zu fragen, wie Strafen und Mißerfolge, die von den meisten Schülern 
mit glücklicher Leichtigkeit ertragen werden, den und jenen aus dem 
Leben treiben können. Als eine eindringliche Formulierung dieser Frage 
kann vielleicht mein Schriftchen noch immer einiges Interesse beanspru- 
chen. Jedenfalls gilt auch für dieses Problem der Grundsatz: Prudens 
interrogatio di midi um est veritatis. 



Zur Prüfung einer wissenschaftlichen Frage besitzt nach landläufi- 
ger Meinung der die meiste Berechtigung, dessen Person von der Ent- 
scheidung am wenigsten berührt wird. Nur von ihm erwartet man 
leidenschaftslose Beharrlichkeit, Objektivität, Voraussetzungslosigkeit 
und wie all die schönen Tugenden des guten Richters heißen. 

1 Aus den: Diskussionen des Wiener psychoanalytischen Vereins. 1. Heft. 
„Über den Selbstmord, insbesondere den Schülerselbstmord." Bergmann, 
Wiesbaden, 1910. 60 Seiten. 



342 Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 



Gilt es also, Ursachen und Verhütung der Schülerselbstmorde zu 
erforschen, dann gebührt am wenigsten Beachtung dem Lehrer, selbst 

dem, dessen eigene Tätigkeit noch von keinem jener unseligen Ereig- 
nisse beschattet wurde. Vielleicht dürften sich die berufsmäßigen Ver- 
treter der Schule dieser Entscheidung fügen, wenn sie zugleich für die 
beruf s freudigen Bekämpfer unseres Schulwesens verbindlich wäre. Ihnen 
gegenüber, die gerade in den Augenblicken leidenschaftlichster Er- 
regung, wenn wieder ein Schüler als Opfer einer unbegreiflichen Lebens- 
verachtung gefallen ist, mit aller Beredsamkeit des Hasses, mit der 
ganzen Macht der Tagespresse gegen die „mörderische*' Schule pre- 
digen, darf der Lehrer wenigstens das Recht des andern Streitteiles 
geltend machen. 

Ist die Schule, die berufen war, mit stiller, aber kraftvoller Arbeit 
der Zukunft unserer Kultur Richtung zu geben und so die Gegenwart 
zu richten, nun selbst zur Angeklagten erniedrigt, so soll es ihr wenig- 
stens nicht gänzlich an Verteidigung fehlen. In diesem Sinne wurden 
die folgenden Zeilen geschrieben; möge ihnen auch in diesem Sinne 
zu wirken nicht gänzlich versagt sein! 

Wenn der Selbstmord als die Verneinung des stärksten der mensch- 
lichen Triebe, des Triebes nach Selbsterhaltung, für unser Gefühl 
immer normwidrig ist, so gilt das in noch höherem Grade von dem 
Kinderselbstmord, da wir beim Kinde mit der unverbrauchten Lebens- 
kraft auch unzerstörbaren Lebenswillen vereinigt glauben. 

Diese gefühlsmäßige Beurteilung findet ihre volle Bestätigung in den 
Zahlenreihen der Statistik. Hier zeigt sich, daß die erdrückende Über- 
zahl der Selbstmörder in einem Alter von mehr als i5 Jahren aus dem 
Leben scheidet. Unter den normwidrigen Lebens Verächtern bilden also 
die unter i5 Jahren eine Abnormität zweiter Ordnung. Und daß diese 
Klasse von Selbstmördern durchaus nicht parallel mit der Gesamtzahl 
der Selbstmorde anwächst, muß die Überzeugung ihrer Eigenart noch 
stärker befestigen. 

Darum vermag eine Erklärung, die für die Selbstmorde Erwachsener 
genügt, noch nicht die Kinderselbstmorde völlig verständlich zu machen. 
Wohl aber ist es berechtigt, diese Fälle zusammen mit den Selbstmorden 

von Personen zwischen i5 und 20 Jahren als einheitliches Problem 
zu behandeln und so die Untersuchung des Kinderselbstmordes zur 
Frage nach den Gründen des Selbstmordes im jugendlichen Alter zu 
erweitern. 

In den öffentlichen Diskussionen erfährt aber die Frage zugleich 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 343 



mit dieser Verbreiterung eine bedeutende Verengung, indem nur die 
jugendlichen Selbstmörder, die eine Schule besuchen, in Betracht ge- 
zogen werden und ihre Tat als „Schülerselbstmord" rubriziert wird. 
Gegen diesen Begriff erheben sich aber Bedenken, die möglichst klar 

und scharf auszusprechen mir nicht überflüssig scheint. 

Die Erörterungen, die von den jüngsten Schülerselbstmorden hervor- 
gerufen wurden, zeigten deutlich, daß der engere Begriff „Schülerselbst- 
mord" den weiteren „Selbstmord im jugendlichen Alter" aus dem allge- 
meinen Bewußtsein verdrängt und sich ganz an dessen Stelle gesetzt 
hat, so daß an die jugendlichen Selbstmörder, die keine Schule be- 
suchen, gar nicht gedacht wird. Aber damit ist noch nicht die ganze 
Verwirrung aufgedeckt, die mit dem unglückseligen Schlagwort „Schü- 
lerselbstmord" angerichtet wurde. 

In der stürmischen Entwicklungsperiode, die fast achtmal so viel 
Selbstmorde als das Kindesalter aufweist, in der Zeit vom i5. bis 20. 

Jahre, gibt es keine anderen Schüler als Mittelschüler, also Schülerselbst- 
morde nur an Mittelschulen. Darin liegt ein neuer Anstoß zur Ver- 
wechslung der Begriffe und Verhüllung der Tatsachen. Wie der „Schü- 
lerselbstmord" den „Selbstmord im jugendlichen Alter" vergessen macht, 
so wird er selbst vergessen über dem „Mittelschülerselbstmord". Der 
allein bleibt dem allgemeinen Bewußtsein lebendig als ein blutiges 
Schreckgespenst, das mit abscheulicher Grausamkeit nur unter der Blüte 
unserer Jugend mordet. 

Man wird diese Darstellung der in unserer Frage herrschenden Irr- 
tümer Übertreibung schelten. Aber man erinnere sich nur der Diskussi- 
onen, die in jüngster Zeit durch die Selbstmorde Wiener Mittelschüler 
erregt wurden. Mußte nicht erst ein Communique unseres Unterrichts- 
ministeriums erscheinen, um daran zu erinnern, daß Selbstmorde auch 
von Lehrlingen und Handlungsgehilfen begangen werden? 

Je mehr aber der Schülerselbstmord an die jugendlichen Selbstmörder 
anderer Lebenskreise vergessen läßt, desto stärker wirkt die im Be- 
griff selbst liegende Aufforderung, jedesmal, wenn ein Schüler frei- 
willig aus dem Leben geschieden ist, das Motiv seiner Tat in seinem 
Verhältnis zur Schule zu suchen und dieser die Schuld an dem traurigen 
Ereignis aufzubürden. 

Wie trüglich dieser am Worte „Schülerselbstmord" haftende Schein 
ist, wie oft der Lebensverachtung des jungen Selbstmörders jede Be- 
ziehung auf die Schule fehlt, und wie oft, auch dort, wo sie vorhanden 
ist, bei genauerer Prüfung statt eines verursachenden ein veranlassendes 



. 



344 Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 



Motiv zutage tritt, das wäre leicht zu zeigen. Aber es wird besser 
sein, auf die Enthüllung der die Selbstmordfrage verwirrenden Irrtümer 
die wirklichen Tatbestande in geordneter Reihe folgen zu lassen. 

Der Selbstmord im jugendlichen Alter ist eine soziale Erscheinung, 
die viel weiter zurückreicht als die Eintagshistoriker unserer Tages- 
blätter ahnen. Er brauchte nicht erst von neronisch gestimmten 
Gymnasiallehrern herangezüchtet zu werden. Man darf ihn auch nicht 
mit den Augen des Lokalberichterstatters als österreichische oder gar 
als Wiener Spezialität ansehen. Sein Verbreitungsgebiet ist die moderne 
Kulturwelt und gemeinsam mit ihr ist er erwachsen. 

In der Renaissance, jener Epoche, da aus dem Rruch mit der 
jüngsten und der Rückkehr zur ältesten Vergangenheit die moderne 
Kultur entstand, so reich, aber auch so verwickelt, ruhelos und wider- 
spruchsvoll wie nie eine zuvor, da taucht auch schon die furchtbare 
Paradoxie des Kinderselbstmordes auf und einer der ersten und scharf- 
sichtigsten Männer moderner Geistesprägung, Michael Montaigne, 
hat dieses Phänomen als trauriges Zeichen seiner Zeit gewürdigt. 

In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts sind die 
Fälle schon so zahlreich, daß sie zu statistischer Aufzeichnung heraus- 
fordern. Und so läßt sich für Preußen die Statistik des Kinderselbst- 
mordes bis zum Jahre 17^9 zurückverfolgen. In ihren Zahlenreihen 
ist eine Bewegung nach aufwärts deutlich wahrzunehmen. Zwischen 
den Jahren i883 — 1905 stieg die Selbstmordziffer, d. h. das Verhält- 
nis der jugendlichen Selbstmörder zu 100 000 Altersgenossen, von 7.02 
auf 8.26. Doch fehlt glücklicherweise die dem Selbstmord der Er- 
wachsenen eigene Stetigkeit der Zunahme. Es gibt starke Rückschläge, 
die erst in jahrelangem, allmähligem Anwachsen ausgeglichen werden. 

Die Übersicht über die geschichtliche Entwicklung des Kinderselbst- 
mordes hat uns auch den Blick auf die geographische Verbreitung 
des traurigen Phänomens eröffnet. Wir haben es im Frankreich M o n - 
t a i g n e s gefunden und brauchen nur hinzuzufügen, daß es auch heute 
in diesem Lande zu finden ist. Wie in Preußen und im übrigen 
Deutschland sind die jugendlichen Selbstmörder in der Schweiz, in 
Italien und England Gegenstand statistischer Beobachtung. 

Die Gründe eines Übels von solcher Verbreitung und so hohem 
Alter können weder zeitlich noch räumlich eng beschränkt sein. Sie 
können daher nicht in Schuleinrichtungen liegen, die erst der aller- 
neuesten Zeit entstammen und nur in Österreich Geltung haben. Aber 
gesetzt den Fall, die harte Schulzucht wirke in der Tat so lebens- 



Drei Beiträge zum Problem de« Schülerselbstmords 345 



feindlich, wie es von vielen behauptet wird, womit läßt es sich er- 
klären, daß die Selbstmorde unter der Jugend überhandnehmen, während 
gleichzeitig das Prinzip der Milde gegen die Schwachen, das sich bereits 
alle Einrichtungen des öffentlichen Lebens erobert hat, auch vor den 
Toren der Schule nicht Halt macht? 

Und wenn auch unsern Schülern noch immer nicht gegönnt ist, ein 
freies Leben, ein Leben voller Wonne zu führen, ein sanfteres ist 

ihnen jedenfalls zuteil geworden, und werfen sie es dennoch häufiger 

von sich als früher, so darf darum die Schule kein Vorwurf treffen. 

Aber selbst die Zunahme der Schülerselbstmorde können wir 

keineswegs als feststehende Tatsafche gelten lassen. Zwar steht uns 

leider statistisches Material nicht für österreichische, sondern nur für 
preußische Schulen zur Verfügung. Aber die sind gewiß nicht milder 
als die unsern. Wird doch sogar die körperliche Züchtigung, die bei 
uns ganz verboten ist, dort bis zur Oberstufe der sogenannten „höheren"» 
d. h. unserer Mittelschulen, gehandhabt. Trotz dieser schneidigen Schul- 
zucht war die Zahl der an Preußens niederen und höheren Schulen im 
Jahre 1905 begangenen Selbstmorde nicht größer als im Jahre i883» 
Sie betrug beidemale 58. 

Eine Zunahme der Selbstmorde ist aber auch dann nicht nach- 
weisbar, wenn die Statistik auf die höheren Schulen, das Gegenstück 
unserer vielgefürchteten Mittelschule, beschränkt wird. Im Jahre i883 
endeten 19 Schüler dieser Anstalten durch Selbstmord, dagegen im 
Jahre 1905 nur 18. 



Über die Zeit zwischen 1869 und 1881 urteilte eine vom Unterrichts- 



minister von Goßler im Jahre i883 berufene Untersuchungskom- 
mission, der auch Rudolf Virchow angehörte, daß in dem vor- 
gelegten statistischen Material „nicht die mindeste Spur für die vielfach 
behauptete Zunahme der Selbstmorde unter den Schülern höherer 
Unterrichtsanstalten" zu entdecken sei. 

Das Gutachten zeigt, aus welchem Grunde es eingeholt wurde. Es 
galt, die Anklagen zu prüfen, die schon damals und sogar im Lande 
der Autorität, in Preußen, wegen der Schülerselbstmorde gegen die 
höheren Schulen öffentlich erhoben wurden. 

Auch diesem gefährlichsten Kampfmittel ihrer Feinde hält also die 
Mittelschule fast durch ein Menschenalter stand. Das mag ihren Ver- 
teidigern eine Ermunterung sein, im Streite auszuharren. 

Mit der Aufstellung eines neuen Beweismittels zugunsten der befeh- 
deten Schule wollen wir sogleich unserer eigenen Mahnung Folge leisten. 



346 Drei Beitrage zum Problem des Schulerselbstmords 



Die Selbstmordziffer für jugendliche Personen ist im Jahre 1905 
um 1.26 höher als i883. Auf Rechnung der Schülerselbstmorde kann 
diese Steigerung nicht gesetzt werden. Denn sie sind, wie bereits er- 
wähnt wurde, 1905 nicht zahlreicher als i883. Der Selbstmord kann 
sich demnach nur unter dem Teil der Jugend, der keine Schule mehr 
besucht, sondern im praktischen Leben steht, ausgebreitet haben. 

Also scheint die Schule, und zwar auch die Mittelschule, auf die 
Zunahme der Selbstmorde nicht, wie immer behauptet wird, fördernd, 
sondern weit eher hemmend einzuwirken. Eine endgültige Entscheidung 
über den Einfluß der Mittelschule auf die Selbstmordbewegung ließe 
sich freilich nur durch eine statistische Untersuchung auf breitester 
Grundlage gewinnen. Ihre Durchführung müssen wir natürlich unserer 
statistischen Zentralkommission überlassen, ihre Methode aber glauben 
tvir andeuten zu dürfen. 

Man zählt einerseits alle Mittelschüler, anderseits die gleichaltrige 
Jugend der andern Lebenskreise und bestimmt innerhalb jeder dieser 
zwei Klassen, der wievielte Teil ihrer Gesamtzahl in einem Jahre durch 
Selbstmord endet. 

Die Anzeichen, die uns die preußische Statistik geliefert hat, be- 
rechtigen uns zu der Vermutung, daß die Selbstmordziffer in beiden 
Gruppen gleich oder sogar auf Seite der Mittelschüler niedriger sein 
wird. Mögen wir bald der zustandigen Behörde eine vollgültige Be- 
stätigung zu danken haben I 

Eines aber kann schon jetzt als Binsenwahrheit gelten, daß näm- 
lich die Schule mindestens nicht die einzige Macht ist, die jugendliche 
Personen aus dem Leben treibt. Davon zeugt nicht nur die gewaltige 
Menge junger Selbstmörder, die zur Zeit ihrer Tat die Schuljahre bereits 
hinter sich hatten, das läßt sich, trotz des trügerischen Scheins, den 
das Wort verbreitet, auch für die Schülerselbstmorde nachweisen. 

Die Statistik der an den preußischen Schulen vorkommenden Selbst- 
morde zieht auch deren Motive in den Kreis ihrer Beobachtung. 



1 

Leider unterläßt sie es dabei, „harte Behandlung durch Lehrer" von 
„harter Behandlung durch Eltern und Angehörige" zu scheiden. 
Auf Grund argwöhnischster Prüfung dieses Materials konnte der 

preußische Psychiater Eulenburg 1 doch nur für 37 0/0 aller Fälle 
einen ursächlichen Zusammenhang mit Furcht vor der Bestrafung eines 

1 Schülerselbstmorde. A. Eulenburg, Sonderabdruck aus dem V. Jahr- 
gang der Monatsschrift für pädagogische Reform „Der Säemann" 1909. B. O. 
Teubner, Leipzig. 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 347 

■ 

Schulvergehens oder Kränkung wegen mangelhafter Schulerfolge ver- 
muten. 

Mithin sind die Schülerselbstmorde, die ihren Namen verdienen, 
weil sie durch die Schule motiviert sind, bei weitem in der Minderzahl. 

Aber die Schule hat doch selbst nur als Vorbereitung auf das 
Leben Daseinsrecht; ist darum nicht jeder einzelne Fall, wo die Schule 
Lebensflucht bewirkt, eine furchtbare Paradoxie? 

Gewiß! Aber gerade das paradoxe Mißverhältnis zwischen der 
Nichtigkeit der Motive und der unvergleichlichen Schwere des Ent- 
schlusses verbindet diese Schülerselbstmorde mit den andern Fällen von 

Kinderselbstmord, von denen sie gewöhnlich sorgfältig geschieden 
werden. 

So gut wie eine Schulstrafe kann auch eine häusliche Züchtigung 
durch die Angst, die ihr vorausgeht, oder die Kränkung, die ihr folgt, 
augenblicklich zum Selbstmord treiben. Und wenn sogar das Verbot, 
die Kirmesse zu besuchen, oder die Verweigerung der Teilnahme an 
einer Treibjagd oder an der Rübenarbeit einen Jungen zum Selbstmörder 
machen kann, so blicken wir in eine Eigenart kindlichen Seelenlebens, 

die zum mindesten vorläufig jeder Berechnung spottet, und das Rätsel 
der Schülerselbstmorde verschwindet in den weit umfassenderen Rätsel- 
fragen der Psychologie und Psychopathologie des Kindes. Denn patho- 
logisch ist mindestens ein Teil der jugendlichen Selbstmörder. Das ist 
gerade für die Spezies, die uns besonders interessiert, zweifellos erwiesen. 
Eine von Eulenburg geführte Untersuchung über 320 an 
Preußens höheren Schulen begangene Selbstmorde, der genaue amt- 
liche Berichte über jeden Fall zur Grundlage dienten, ergab bei ioo/o 
der Fälle ausgesprochene Geistesstörung. „Es würden ihrer", fügt der 
Autor hinzu, „vermutlich noch mehr sein, wenn wir nicht gerade nach 
dieser Richtung hin, wo es auf spezifisch ärztliche Bekundungen an- 
kommt, von den vorliegenden Berichten vielfach im Stich gelassen 
würden". (S. 12.) 

Unter den sicher pathologischen Selbstmördern, deren Geschichte 
Eulenburg genauer erzählt (S. i3 ff.), verdient ein Abiturient, der 
sich am Tage der schriftlichen Reifeprüfung auf dem Friedhof erschoß, 
besonderes Interesse. Wie viel edle Entrüstung über die mörderische 
Prüfungspein ließe sich aus dieser traurigen Begebenheit schöpfen, 
wüßte man nicht, daß der bedauernswerte Junge seit fünf Jahren 
„wegen kranker Nerven" in ärztlicher Behandlung stand und erblich 
belastet war. 



348 Dr. 



Der Fall ist aber auch aus einem andern Grunde lehrreich. Er 
bildet gewissermaßen ein Mittelglied zwischen Selbstmorden, die auf 
eine akute psychische Erkrankung folgen, und solchen, wo zwar diese 
fehlt, aber „eine angeborene, mehr oder minder schwere neuropathische 
Belastung, eine konstitutionelle Veranlagung in Form von Inferiorität 
oder Minderwertigkeit" (S. i5) nachweisbar ist. Zu dieser zweiten 
Gruppe gehören nach Eulenburg von jenen 320 genau beschrie- 
benen Fällen mindestens 5,7, das sind fast 180/0. 

Viele der hier eingereihten Selbstmörder stammten aus Trinker- 
familien oder waren in anderer Art erblich schwer belastet. Hatte die 
geistige Abnormität schon bei einem oder gar einigen von den älteren 
Familienmitgliedern zum Selbstmorde geführt, so verstärkte sich die 
Macht der erblichen Belastung durch die suggestive Kraft des Vor- 
bildes, über die wegen ihrer außerordentlichen Bedeutung später aus- 
führlicher gehandelt werden soll. Hier aber verweisen wir auf die Ent- 
wicklungsstörungen, die der jugendliche Geist im Kreise einer abnorm 
gearteten Familie notwendig erleidet. 

Wenn nun ein Knabe, den Umstände wie die eben geschilderten 
zur Minderwertigkeit herabgedrückt haben, den Anforderungen der 
Schule nicht entspricht, und, statt gegen den Mißerfolg mit erneuter 
Anstrengung anzukämpfen, das Spiel verloren gibt und sich tötet, trägt 
dann die Schule Schuld an seinem Untergang? 

Mit der wunderbaren Geistesklarheit des Sterbenden, die einst 
naive Frömmigkeit als Sehergabe verehrte, hat einer jener Unglücklichen 
die Frage beantwortet. Es war ein 16 jähriger Knabe, ein uneheliches 
Kind, daher nach der Mutter benannt, vom Vater auch nach der 
Legitimierung des Verhältnisses nicht anerkannt und hart behandelt. 
Als er die Versetzung in die Obersekunda der Realschule, auf die er 
mit gänzlich unbegründeter Selbsttäuschung gehofft hatte, nicht er- 
reichte, erschoß er sich. In seiner Tasche fand man eine Visitkarte 
mit folgenden Zeilen: „Liebe Eltern! Verzeiht mir. Ich wußte es 
wirklich nicht, daß es so kommen sollte. Mein schwacher Charakter 
läßt es wieder nicht zu, diese Schmach zu ertragen. Dr. E. (der Ordi- 
narius der Klasse) sei auf das beste gegrüßt." So läßt der Unglückliche 
auf das Bekenntnis seiner Schwäche als sein letztes Wort den Abschieds- 
gruß für den Lehrer folgen. Tieferschüttert flüstern wir: Have, anima 
Candida ! 

Wie aber erscheinen uns jetzt die Zeitungsschreiber, die solche 
Fälle — es gibt ihrer nur allzuviele — mit einem von keinerlei Sach- 



Drei Beiträge zum Problem des Schulerselbstmords 349 

kenntnis getrübten Urteil und daher erstaunlich einfach darstellen: 
Schülerselbstmord — die Schule ist schuld I 

Doch besser als mit denen zu streiten, die nicht belehrt sein wollen, 
ist es für uns, selbst neue Belehrung zu suchen. 

Fast bei einem Viertel der 32 o Schülerselbstmorde, über die sich 
Eulenburg auf Grund der Akten ein Urteil bilden konnte, lag der 
Keim der Katastrophe in dem Mangel der für höhere Schulen nötigen 
Begabung. (S. 17.) So viel Opfer fordert also die Verständnislosigkeit, 
mit der Kinder von ihren Angehörigen in eine Bahn gezwungen werden, 
auf der sie selbst bei ehrlichem Bemühen nur Mißerfolge erreichen 
können. Und sind nicht auch diejenigen Opfer zu nennen, welche 
erst kostbare Jugendjahre daran setzen müssen, die höheren Schulen 
zu überfüllen, ehe sie für ihre gescheiterte Existenz einen Unterschlupf 
suchen dürfen? 

Und wie leicht ließe sich all dies herbe Unglück der ,,Vielzu- 
vielen" vermeiden, wenn 'die Eltern den Warnungen der Lehrer Gehör 
schenken wollten, oder, da dies doch nur selten erreichbar ist, den 
Lehrern im Verein mit psychologisch gebildeten Schulärzten die Be- 
fugnis eingeräumt würde, körperlich und geistig ungeeignete Schüler 
zu ihrem eigenen Heil möglichst rasch vom Studium auszuschließen. 

Doch die wackern Rufer im Streit um die Schulreform haben ja 
ein ganz schmerzloses Mittelchen parat. Zwar die große Haupt- und 
Gliederreform, die Reform der alten Mutter Natur, die mißbräuchlich 
noch immer neben fähigen auch unfähige Köpfe in die Welt setzt, 
wagen selbst diese rosenroten Optimisten nicht zu versprechen. 

Aber sie wissen sich zu helfen. Wollen die Köpfe nicht zu der 
Schule passen, dann paßt man eben die Schule den Köpfen an, solange, 
bis sich gar keine Reibung mehr ergibt. Jeder Hutmacher trifft solch 
ein Kunststück, und unsere weisen Schulreformer sollten es nicht zu- 
stände bringen? Der Weise versteht alle Handwerke, lehrten die alten 
Stoiker. Dies viel verlachte Paradoxon findet nun eine allermodernste 
Bestätigung. 

Unsere Schüler werden, da sie nicht nur Schulinteressen haben, 
vielleicht auch bei der neuen bequemen Hutfasson Selbstmorde ver- 
üben. Sicher aber wird ein Mord begangen werden an dem geistigen 
Leben des Volkes. Kleinmütige Bedenken 1 Vorwärts mit dem Schlacht- 
ruf: Schulreform, vorwärts im Klassenkampf der Enterbten im Geiste! 

Indes, das Satyrspiel der Schulstürmer und -stürzer soll uns nicht 
die Tragik der Schülerselbstmorde vergessen machen. 



350 Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 



Wie der verhängnisvolle Widerstreit von Sollen und Können das 
Leben vieler braver, aber unbegabter Schüler zerstört und ihre vom 
Ehrgeiz verblendeten Eltern mit schwerer Schuld belädt, haben wir 
gesehen. Betrachten wir jetzt den nicht minder mörderischen Zwiespalt 
zwischen jugendlichem Wollen und Müssen. 

Seine zahlreichen Opfer — in Preußen 81 unter 320 (S. 17 und 
20 ff.) — sind Menschen von guter, mitunter hervorragender Bega- 
bung, die infolge einer überhasteten Entwicklung in ihren Leistungen 
und Genüssen gereifte Männlichkeit zu betätigen streben, nach ihren 
Jahren aber als unmündige Schulknaben zu leben gezwungen sind. Für 
die verderbliche Frühreife dieser Bedauernswerten die Schule verant- 
wortlich zu machen, wird auch ihren erbittertsten Anklägern nicht 
einfallen. Scheint doch das gerade Gegenteil, der verdummende Einfluß 
unserer höheren Lehranstalten auf bedeutende Geister, von zuständiger 
Seite zum Range eines Naturgesetzes erhoben zu sein. Und wer wüßte 
nicht, wie viel berühmte Schwachköpfe von Klopstock bis Nietz- 
sche aus dem einzigen Schulpforta hervorgegangen sind? 

Wenn also unsere Schulstuben von hypermodernen Poeten, ultra- 
revolutionären Politikern, übermenschlichen Philosophen und mit allem 

Menschlichen vertrauten Liebeshelden bevölkert sind, so ist dies die 
Wirkung der Gesellschaft, die schwer und schmerzlich nach Erneuerung 
ihres ganzen Lebens ringt und in ihren Riesenkampf auch die Jugend 
und gerade die Jugend hereinzieht. Aber warum läßt sich die Schule ihre 
Zöglinge so entreißen? Statt vieler Gründe diene zu ihrer Rechtfertigung 
nur einer und der einfachste. Wie kurz erscheint im Zeitraum eines 
Jahres die Frist, die der Schule für ihre Arbeit an der Jugend gesetzt 
ist. Die ganze übrige Zeit wirken die gesellschaftlichen Mächte, vor 
allem das elterliche Heim, aber auch die Geselligkeit, die öffentliche 
Meinung, die neue Literatur und Kunst. 

Da mithin die Schüler nicht gehindert werden können, recht früh 
modern zu werden, wäre es da nicht besser, die Schule, die ängstliche 
Glucke folgte ihren Entlein in das ungewohnte Element und finge 
selber an, lustig im Fahrwasser der Moderne zu plätschern? Hat sie 
dann erst ihren Schützlingen jede Tätigkeit und jede Tat als unge- 
schminkte Äußerung der Persönlichkeit freigegeben, wo gibt es dann 
noch Verkümmerung oder gar lebensgefährlichen Konflikt? 

Ja, solch eine moderne Musterschule wäre wirklich ganz ungefährlich, 
so ungefährlich, daß ihr unsere munteren Jungen, die das Schulgesetz 
brauchen, schon um es zu übertreten, weit aus dem Wege gehen würden. 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 351 



So wenigstens erwarten es die echten Schulmeister, die unsere Jugend 
kennen und an sie glauben trotz allem. 

Vielleicht aber wären, auch ohne daß wir uns zur Zertrümmerung 
unserer überlieferten Schulformen entschließen, einige vorbeugende 
Maßregeln gegen den Schülerselbstmord durchführbar. 

Daß für die Ätiologie der Schülerselbstmorde das häusliche Leben 
die entscheidenden Momente liefert, dagegen Mißerfolge in der 
Schule niemals mehr als Veranlassungen zum Ausbruch der Katastrophe 



bieten, ist eine Erkenntnis, für die wir unsere Leser vielleicht nicht 
zu gewinnen vermochten, da wir in gewollter Beschränkung mit unsern 
psychologischen Betrachtungen nur in der Oberwelt des Bewußten 
forschten, und die Fahrt in jene Tiefen, wo „die Mütter" alles seelischen 
Lebens, die unbewußten Gedanken und Wünsche, hausen, den rechten 
Meistern im Reiche der Geister überließen. Aber schon unsere flüch- 
tigen Streifungen haben den Einfluß häuslicher Verhältnisse auf die 
Schülerselbstmorde wenigstens soweit erwiesen, daß die Forderung, 

mit der Prophylaxe im Hause zu beginnen, begründet erscheint. 

Während der Lehrer in verhältnismäßig kurzer Zeit viele Kinder 
gleichzeitig beobachten muß, dabei vor allem die intellektuellen An- 
lagen zu %ehen bekommt, dagegen in alle tieferen Regungen schon darum 
nur selten eindringt, weil sie häufig vor ihm absichtlich verschlossen 
werden, kann im Elternhause jedes einzelne Kind beliebig lang und dabei 
in ungekünstelter Haltung beobachtet werden. Da läßt sich auch das 
Aufsteigen eines schweren seelischen Konflikts wahrnehmen und eine bis 
zur Katastrophe führende Verschärfung hindern. Aber diese Gelegenheit 
wird keineswegs nach Gebühr benützt. So erfuhr E u 1 e n b u r g (S. 1 4), 
als er zu einem 19 jährigen Oberprimaner, der Selbstmord verübt hatte, 
gerufen wurde, „daß dieser junge Mann schon seit Monaten mit Eltern 
und Geschwistern kein Wort mehr gewechselt und im Hause völlig 
sich selbst überlassen offenbar in schwerer Melancholie gelebt hatte". 

Was das Elternhaus zu beobachten versäumt, wird gewöhnlich 
auch der Schule verborgen bleiben. Bekommt sie aber die nötigen 
Winke, so vermag sie gewiß vieles zu tun, um einen übermäßig 
erregten Knaben vor einer Verzweiflungstat zu bewahren. So segen- 
reiches Zusammenwirken ist jedoch nur erreichbar, wenn aus den 
Herzen der Eltern das krankhafte Mißtrauen gegen die Schule schwindet, 
wenn sie entschlossen sind, mit ihr treue Bundesgenossenschaft zu 
schließen, statt wider sie ein grimmiges Trutzbündnis zu schmieden. 
Vielleicht wäre das ersehnte Vertrauen leichter zu gewinnen, wenn die 



352 Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 



Schule das gefährliche Vorrecht, über Schülerleistungjen unwiderrufliche 
Urteile zu fällen, verlöre und zur Erledigung von Beschwerden Über- 
prüfungskommissionen eingerichtet würden. Man gebe nur einem 
Schüler, der sich zu hart oder gar ungerecht beurteilt fühlt, das Recht, 
sein besseres Wissen vor einer zweiten Instanz in einer Prüfung zu 
bekunden. 

Auch der gehässigste Zeitungsschreiber wird dann nicht behaupten 
können, ein Lehrer habe mit dem „nicht genügend", das er schrieb, 
ein Todesurteil unterzeichnet. (Vgl. Dr. H. Fischl: „Die Klassi- 
fikationssorgen", Die Zeit Nr. 2790, 2. Juli 1910.) 

Vom Standpunkt einer den tiefsten und unbewußten Seelenregungen 
zugewandten Psychologie ist es wohl platte Selbstverständlichkeit, daß 
auch mit der Änderung des Klassifikationswesens, die wir soeben be- 
fürwortet haben, unsere Mittelschüler nicht allen Grund zum Selbstmord 
verlieren würden, ja daß die wahre und letzte Ursache einer solchen 
Tat häufig gar nicht zu ermitteln ist und daher noch viel weniger mit 
vorbeugenden Maßregeln beseitigt werden kann. 

Doch es wäre schon viel gewonnen, wenn man den jungen Selbst- 
mordkandidaten das Sterben schwerer zu machen suchte. Zwar ist es 
richtig, daß ein Mensch, der bereits fest entschlossen ist, f aus dem 
Leben zu scheiden, jedes seiner Absicht entgegenstehende Hindernis zu 
überwinden weiß und auch vor den schrecklichsten Vernichtungsmitteln 
nicht zurückscheut. Doch ebensowenig kann bestritten werden, daß 
Gelegenheit nicht allein Diebe macht, sondern auch Selbstmörder, und 
daß Gelegenheit zum Selbstmord dem geboten ist, der seinen Tod 
jederzeit durch eine geringfügige Augenblickshandlung sicher schmerz- 
los und ohne ekelerregende Verstümmelung und Entstellung herbei- 
führen kann. Allen diesen Bedingungen entspricht die Schußwaffe 
so vollkommen, daß sie ihrem Besitzer den Gedanken an Selbstmord 
geradezu aufnötigt oder, wie die Psychologen sagen, suggeriert. Aus 
eben diesem Grunde verzichtete ein uns bekannter Hochschüler zur 
Zeit, als er unter starken Verstimmungen litt, auf den zierlichen Re- 
volver, der ihm in den Gymnasial jähren ein liebes Spielzeug gewesen 
war. 

Als ein rechtes Gegenstück zu diesem vorsichtigen jungen Mann 
erscheint uns jener im vergangenen Winter vielgenannte Wiener Knabe, 
der sein freies Verfügungsrecht über die väterliche Waffensammlung 
dazu benutzte, sich die geeignetste Todeswaffe auszuwählen. Natürlich 
darf man ohne genaue Kenntnis der nähern Umstände nicht behaupten, 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 353 



daß der Gedanke an die Waffensammlung schon den aufkeimenden 
Entschluß zum Selbstmord begünstigt hat. Jedoch das Gegenteil, die 
Unwesentlichkeit gerade dieses Faktors, wäre wohl noch weit schwerer 
zu erweisen. Und so bleibt der traurige Fall nur zu geeignet, jene 
Väter zu belehren, die bisher meinten, der Revolver gehöre in die 
Tasche eines rechten Jungen nicht anders als die Taschenuhr. 



Indes, die Schußwaffe erzeugt nur darum einen suggestiven Reiz, 
weil sie die Möglichkeit des Selbstmordes in sich verkörpert. Der 
Schütze, der ihn an der eigenen Person verwirklicht, übt eben darum 
noch weit stärkere Suggestion. Zur vollen Einsicht in diese vom 
Selbstmörder ausgehende Suggestionsgewalt ist aber noch folgende 
Erwägung nötig: Unter den zahlreichen Mitteln, die zur Selbstver- 
nichtung verwendet werden, besitzt suggestive Kraft nur ein eigent- 
liches Mord Werkzeug wie der Revolver, also nicht der Strick und die 
Phosphorhölzchen, der Fluß und das dreistöckige Haus. Wohl aber 
lockt jeder Selbstmord, mag er wie immer vollbracht sein, zur genauen 
Nachahmung. 

So werden in einer englischen Stadt, deren Namen ich leider ver- 
gessen habe, Selbstmorde durch Herabstürzen von einer Brücke immer 
nur nach jahrelangen Pausen, dann aber gleich serienweise, verübt 
(nach Dr. Baer, Der Selbstmord im Kindesalter). Noch viele andere 
Tatsachen zeigen, daß der Selbstmord ansteckend wirkt. Förmliche 
Selbstmordepidemien sind schon aus dem Altertum bezeugt. Vom 
Ende des 5. vorchristlichen Jahrhunderts beginnen sich die Selbst- 
morde in Athen auffällig zu mehren, sicher unter Mitwirkung des 

Vorbilds, das der wirkliche oder bloß geglaubte Selbstmord des 
großen Themistokles darbot (R. Hirzel, Der Selbstmord, Archiv 
für Religionswissenschaft, 1908, S. 91). Gleichzeitig machte unter 
den unverstandenen Frauen Athens, Stheneboia, die Heldin einer 
euripideischen Tragödie, für den Schierlingsbecher Propaganda (S. 102). 



Im 3. und den folgenden Jahrhunderten, der Epoche des Hellenismus, 
wird in der Zentrale dieser Kultur, in Alexandria, die Flucht aus dem 
Leben zu einem alltäglichen Ereignis. Es genügte, daß ein pessimistisch 
gestimmter Hedonist, Hegesias, mit dem Beinamen 7retöi\>dvaTo<;, der 
Todesprediger, in seinen Vorträgen das Elend des Daseins und das Recht 
auf Selbstbefreiung eindringlich erörterte, um eine Menge junger Leute 
zur praktischen Betätigung dieser lebensverneinenden Lehre zu bewegen. 
Wie eine Selbstmordepidemie durch Massensuggestion entsteht, tritt 
hier mit höchster Klarheit zutage. 



23 



354 Drei Beitrage zum Problem des Schülerselbstmords 



In der großen Pflanzstätte der hellenistischen Kultur, im kaiser- 
lichen Rom, wird das Recht auf freigewählten Tod zu einem Dogma 
der in den Fragen der Weltanschauung stoisch, in der Politik re- 
publikanisch gesinnten Opposition. 

Cato von Utica, der unversöhnliche Gegner des Diktators Cäsar, 
der den Sturz der Republik nicht überleben wollte, ist der Heilige und 
Märtyrer, dem diese Gemeinde in den Tod folgt. Doch haben manche 
Familien außerdem noch eine eigene Selbstmord tradition, so zwar, daß 
sich z. B. eine Fannia tötet, weil ihre Mutter und Großmutter, die 

beiden Arriae, freiwillig gestorben waren (a. a. 0. S. io4, i). 

Blicken wir nun auch auf die neueren Perioden der Sitten- und 
Geistesgeschichte, so berichtet die berühmte Elisabeth Charlotte, 
die scharfsichtige und unbefangene Beobachterin der Zeit Ludwigs 
des XIV., bereits im Jahre 1696 in einem Briefe an die Kurfürstin 
Sophie von Hannover: „Daß Engländer sich selbst ermorden, ist gar 
gemein bei ihnen" (a. a. 0. S. 80, Anm. 3), wir können nach Montes- 
quieu ergänzend hinzufügen, „ohne daß man einen Grund ersinnen kann., 
der sie dabei bestimmt" (Esprit des lois XIV, 12, nach Hirzel S. 80, 
3). Das Fehlen individueller Motive ist ein sicherer Hinweis auf 
die Wirkung einer Massensuggestion. Diese zu üben waren schon 
Hamlets melancholische Bemerkungen über Sein oder Nichtsein wohl 
geeignet. Dazu kam im Jahre 1668 der Bioftävatoc;, eine in London 
herausgegebene Verteidigungsschrift zugunsten des Selbstmordes, die 
merkwürdigerweise einen Geistlichen von der Paulskirche zum Ver- 
fasser hatte. 

Wie mit der Verbreitung der englischen Geistesbildung auch die 
englische Lebens Verachtung an Boden gewinnt, läßt sich wiederum 
aus den Briefen Elisabeth Charlottes nachweisen. 1 7 1 8 schreibt 
sie an die Raugräfin Luise: ,So fangen unsere teutschen die Englischen 
maniren ahn, sich selbst umbs leben zu bringen, daß Konnten sie 
woll bleiben lassen" (a. a. 0. S. 80, 3) und 1722 berichtet sie dem 
Herrn von Harling: „Die grosse mode zu Paris ist nun, daß man sich 
selber umbbringt" (S. 83, 4)- In Deutschland erreicht die Selbstmord- 
epidemie erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. 
Diesmal war es nicht ein Philosoph, sondern ein urgewaltiger Dichter, 
der junge Goethe, der, freilich ohne es zu wollen, die Rolle des 
Treioiftctvaroq, des Todespredigers, spielte. Seines Werthers „viel- 
beweintem Schatten" folgten viele gleichgestimmte Jünglinge ins Grab. 
Und wem folgte Werther? Der Dichter beantwortet die Frage, indem, 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 355 



er auf das Pult dieses Selbstmörders die Emilia Galotti hinlegt (a. a. 
0. S. 101, 5). Und das Urbild Werthers, der durch seinen Selbst- 
mord berühmt gewordene junge Jerusalem? Der war gewiß nicht 
zufällig auch im Leben ein Nachahmer der Engländer (a. a. 0. S. 
8i, 3, nach Goethes Werke 26, i56 und 219). Sein freiwilliges Ende 

machte auf den befreundeten Goethe um so tieferen Eindruck, 
da ihm selbst der Gedanke an Lebensflucht bereits gefährlich nahe 
getreten war. Und auch er stand damals im Banne eines großen Vor- 
bildes. Es war der römische Kaiser Otho, der sich erstach, weil er im 



Thronstreit gegen Vitellius unterlegen war (a. a. 0. S. io3, 2, nach 
Goethe 26, 221 f.). So schließen sich vor unsern Augen die Selbstmorde 
vom Altertum bis auf unsere Zeit zu einer einzigen Kette zusammen, 
in der ein Glied alle folgenden mit sich zieht, und die Kraft, die sie 
aneinander schmiedet, heißt Suggestion. 

Sich ihr zu entziehen, vermag ein Individuum um so weniger, je 
kleiner die Widerstandskraft ist, über die seine psychische Organisation 
verfügt. Das Kind muß daher suggestibler sein als der Mann, gegen- 
über dem Selbstmord so gut wie in allen anderen Dingen. Tatsächlich 
zeigt sich der Einfluß der Suggestion bei vielen Kinderselbstmorden 
mit erschreckender Deutlichkeit. Wir erwähnen nur zwei besonders be- 
zeichnende Fälle, die in Baers Untersuchung: „Der Selbstmord im 
Kindesalter" verzeichnet sind. 

Ein iß jähriger Knabe, berichtet Voisin, erhängte sich, nachdem 
er drei Kreuze auf die gegenüberliegende Wand gemalt und zu seinen 
Füßen Weihwasser aufgestellt hatte. Ganz so hatte sich vier Wochen 
zuvor sein Onkel, der sich oft berauschte, nach dem Frühstück erhängt. 
Bei dem Begräbnis eines Knaben, der sich aus unbekannter Ursache 
erhängt hatte, äußerte — so erzählt Durand — einer der Chor- 
knaben, die dem Sarge folgten, zu seinem Kameraden, er wolle sich 
auch durch Erhängen töten, und führte seine Absicht vier Tage 
später aus. 

Natürlich wird die suggestive Wirkung solcher Selbstmorde, die das 
Kind in seiner nächsten Umgebung miterlebt, nur schwer behoben 
werden können. Doch ereignet es sich wenigstens nicht allzu häufig, 
daß ein Kind unter die Herrschaft derartiger Eindrücke gerät. 

Wohl aber liest heutzutage fast jedes Kind die Zeitung oder darf 
doch zuhören, wenn sie vorgelesen oder ihr Inhalt erzählt und 
besprochen wird. So erfährt es immer wieder von Selbstmorden seiner 
Altersgenossen. Und wenn sich noch die Herren der Presse auf kurze 

23» 



356 Drei Beitrage zum Problem des Schülerselbstmords 



Berichte beschränken wollten. Aber da werden alle näheren Umstände 
der Tat behaglich ausgemalt und das Mitleid mit dem armen Opfer 
bedenklich aufgestachelt. Im Laufe der von Tag zu Tag fortge- 
sponnenen Erörterung wird der Selbstmörder zu einem unschuldig 
Gemordeten, nach den Mördern wird eifrig gefahndet und bald sind sie 
auch gefunden. Die bösen Lehrer sind es. Ihre kaltherzige Grausamkeit 
hat den hoffnungsvollen Knaben getötet. Er starb als Märtyrer für 
die Freiheit der Schule. 

Und nun erwäge man die Wirkung einer solchen Preßkampagne, 
die kein Phantasieerzeugnis ist, sondern im letzten Winter nur allzu 
bittere Wirklichkeit wurde, man bedenke ihre Wirkung auf einen 
Knaben im stürmischen Entwicklungsalter, der sich als Mann zu 

fühlen beginnt und für diesen neu gewonnenen Stolz die allerreichste 
Befriedigung sucht. Konnte er sie in der Schule nicht erringen, hier 
wird ihm ein Weg gewiesen, sie gegen die Schule zu ertrotzen. Er 
folgt dem Wink und greift zum Revolver. So sorgt die Presse mit 
ihrem geräuschvollen Kampf gegen Schülerselbstmord und Schule, daß 
immer neue Opfer fallen und ihr der Stoff für neue Klagen und An- 
klagen nicht ausgeht. 

Ich habe meiner Verteidigung der Schule in Sachen des Schüler- 
selbstmordes nichts hinzuzufügen. Meine sehr verehrten Herren Gegner! 
Hier ist die Anklagebank. Ich bitte, nehmen Sie Platz! 



IL 
Dr. med. AlfredAdler. 

Der Wert statistischer Erhebungen soll keineswegs geleugnet werden, 
solange sie darauf gerichtet sind, ein Bild zu entwerfen über die 
Häufung der Selbstmordfälle und über begleitende Umstände. Schlüsse 
zu ziehen, sei es über die psychische Individualität, sei es über die 
Motive des Selbstmordes, ist auf Basis der Statistik allein unmöglich. 
Man wird da leicht zu voreiligen Anschuldigungen von Institutionen 
oder von Personen kommen, solange die treibenden Motive in ihrem 
vollen Umfang unbekannt bleiben. Soziales Elend, Mängel von Schul- 
einrichtungen, Fehler der Pädagogik, zahlreiche andere schwache 
Punkte unserer Kultur können dabei zur Aufdeckung kommen. 

Aber wird uns daraus etwa die psychologische Situation 
des Selbstmörders, etwa die Dynamik klar, die ihn aus dem Leben 
treibt? — Wenn wir wissen, daß die dichtest bevölkerten Gegenden 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 357 

die relativ größte Zahl der Selbstmörder aufweisen, daß gewisse Monate 

den höchsten Stand der Selbstmörderziffern zeigen, lernen wir daraus 

auch nur ein einziges zureichendes, was sage ich? — erklärendes 

Motiv kennen? Nein. Wir erfahren nur, daß der Selbstmord, wie 

jede andere Erscheinung auch, dem Gesetze der großen Zahl folgt, 
daß er mit anderen sozialen Erscheinungen Verknüpfungen aufweist. 

Der Selbstmord kann nur individuell begriffen wer- 
den, wenngleich er soziale Voraussetzungen und 
solche Folgen hat. 

Dies erinnert an die Entwicklung der Neurosenlehre. 

Und auch, daß man, solange nicht volle Klarheit über die psycho- 
logische Konstellation des Selbstmordes und über das Wesen der Mo- 
tive herrscht, an ein Verständnis oder gar an eine grundlegende Heilung 
nicht denken kann. 

Und selbst wenn sich auf sozialem Wege ein Mittel fände, ver- 
einzelt Selbstmorde zu verhüten, wie es die Aktion der Heilsarmee in 
London versucht, indem sie Aufrufe erläßt, die Selbstmordkandidaten 
zu sich ladet, um ihnen Trost und Hilfe zu spenden; selbst wenn es 
gelänge, praktisch die Zahl der Selbstmorde, sei es durch Vertiefung 
der Religiosität, durch verbesserte Pädagogik, durch soziale Reformen 
und Hilfeleistungen einzuschränken; so bliebe es dennoch ein ver- 
dienstliches Werk, den psychischen Mechanismus, die geistige Dynamik 
des Selbstmordproblems klarer gestellt zu haben. Einerseits wegen der 
Möglichkeit einer individuellen, weiterhin durch das Mittel der Päda- 
gogik und der sozialen Reform allgemeinen Prophylaxe. Andererseits, 
weil offenbar das psychische Gefüge des Selbstmörders im Zusammen- 
hang steht mit psychischen Zustandsformen und psychischen Ein- 
stellungen anderer Art, vor allem solchen der nervösen und psychi- 
schen Erkrankungen, so daß im Falle des Gelingens einer derartigen 
Zusammenhangsbetrachtung Ergebnisse des einen Problems zu Nutzen 
des anderen verwertet werden könnten. 

Dieser Versuch der Zusammenhangsbetrachtung wird wesentlich 
unterstützt durch die Volksmeinung, die jedesmal geneigt ist, dem 
Selbstmörder den Milderungsgrund der Unzurechnungsfähigkeit zuzu- 
billigen; aber auch durch Ergebnisse aus der Psychiatrie, den Zu- 
sammenhang von Geisteskrankheit und Selbstmord betreffend. 

Aus welchem Material kann ein Nervenarzt, der sich der individual- 
psychologischen Untersuchung bedient, Erkenntnisse sammeln, um die 
Fragen des Selbstmordes zu lösen? 



358 Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 



Der gelungene Selbstmord vereitelt ja eine direkte Einsicht, etwa 



durch Befragen oder Reaktionsprüfung. Bleiben in diesem Falle nur 
Aufzeichnungen und Auskünfte der Umgebung, die mit Vorsicht auf- 
zunehmen sind und höchstens Bedeutung erlangen können, wenn sie 
mit grundlegenden psychologischen Ergebnissen übereinstimmen. Ins- 
besondere was Ansichten der Umgebung anlangt, ist die Tatsache 
festzuhalten, daß sich die unglaublich empfindliche Na- 
tur des Selbstmörders stets verkleidet und in Geheimnis hüllt. 

Bleiben also nur die Fälle von mißlungenem Selbstmord und die 
überaus häufigen unausgeführten Selbstmordregungen, die einer Er- 
forschung durch die Individualpsychologie zugänglich sind. Frei- 
lich kompliziert sich dabei das Problem, weil diese Fälle gewöhnlich 
den Kompromißcharakter tragen, so daß sie im Zweifel stecken bleiben 
oder ungeeignete Mittel wählen und, während sie den Tod suchen, 

gleichzeitig auf Rettung bedacht sind. 

Immerhin ist dies der einzige Weg, um Sicherheit darüber 
zu erlangen, welcher Art die Menschen sind, die den Tod 
suchen und welche Motive sie dabei bewegen. Da kann 
ich nun mit Bestimmtheit sagen, der Entschluß zum Selbstmord tritt 
unter den gleichen Bedingungen ein, unter denen sich der Ausbruch 
einer nervösen Erkrankung (Neurasthenie, Angst- und Zwangsneurose. 
Hysterie, Paranoia) oder ein nervöser Einzelanfall vollzieht. Ich habe 
diese „neurotische Dynamik" in einigen Arbeiten, „Über neu- 
rotische Disposition" und „Psychischer Hermaphroditismus im Leben 
und in der Neurose 44 beschrieben, die als Fortsetzungen meiner „Studie 
über Minderwertigkeit von Organen (Urban und 
Schwarzenberg, Wien 1907) anzusehen sind 1 . Die leitenden Ge- 
danken dieser Arbeiten sind folgende: 

Jedes Kind wächst unter Verhältnissen auf, die es 
zu einer Doppelrolle zwingen, ohne daß es diesen Sachver- 
halt mit seinem Bewußtsein erfaßt. Wohl aber mit seinem Gefühl. 
Einerseits klein, schwach, unselbständig, entwickelt es Wünsche nach 
Anlehnung, Zärtlichkeit, Hilfe und Unterstützung. Und bald fügt es 
sich dem Zwange, der den Schwachen zum Gehorsam, zur Unterwerfung 
verpflichtet, wenn er Trieb-Befriedigungen und die Liebe seiner Pflege- 
personen erlangen will. Alle Züge des erwachsenen Menschen von Unter- 
würfigkeit, Demut, Religiosität, Autoritätsglauben (Suggestibilität, Hyp- 

1 Siehe diesen Band. Zusammengefaßt und erweitert im „Nervösen 
Charakter", Bergmann, Wiesbaden, 1912. 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 359 



notisierbarkeit und Masochismus beim Nervösen) stammen aus diesem 



ursprünglichen Gefühl der Schwäche und stellen psychische Zustands- 
bilder dar, denen offensichtlich bereits geringe Spuren von Aggression 
anhaften, Versuche etwas von Geltung und Triebbefriedigungen aus der 
Umwelt für sich zu gewinnen. 

Zur gleichen Zeit, insbesondere aber deutlich im Laufe der Ent- 
wicklung, tauchen Züge des Eigenwillens auf, ein Hang zur 
Selbständigkeit, Großmannssucht, Trotz machen sich 
mehr und mehr geltend und treten in Kontrast zu den anderen 
Zügen des Gehorsams. Ja, man merkt bald, daß diese Kontrast- 
stellung, offenbar unter dem Druck der Außenwelt, bei Entfaltung 
des kindlichen Ehrgeizes, groß zu werden und seinen Trieben Befriedi- 
gung zu gewähren (Eß trieb, Schau trieb z. B.), sich stetig steigert. 
Die Quelle dieser Kontraststellung der Charakterzüge 
liegt in dem inneren Widerspruch zwischen Unter- 
werfung und der Tendenz der Triebbefriedigung. Das 
Kind merkt sehr bald, daß in seiner kleinen Welt vorzugsweise die 

Kraft gilt und findet dafür in der großen Welt reichliche Bestätigung. 
Und so behält es von den Zügen des Gehorsams nur diejenigen bei, die 
ihm Nutzen bringen, sei es einen Gewinn an Liebe, an Lob, Verzärtelung 
oder Belohnung. Leider führt gerade diese Art von Lebensbeziehung 
des Kindes leicht auf Abwege, und kann aus dem Unbewußten heraus 
in tendenziöser Weise Situationen schaffen, in welchen der 

späterhin Erwachsene geradezu auf die Hilfe anderer ange- 
wiesen ist. Solche Kinder werden in jeder Art Kränklichkeit, Unge- 
schicktheit, Ängstlichkeit, Schwachheit, im Leben, in der Schule, in 
der Gesellschaft ihre Beziehungen so einrichten, daß man sich ihrer 
annimmt, Mitleid zeigt, daß man ihnen hilft, sie nicht allein läßt usw. 
Gelingt ihnen dies Vorhaben nicht, so fühlen sie sich beleidigt, zurück- 
gesetzt, verfolgt. Eine ungeheure Überempfindlichkeit 
wacht darüber, daß nicht die eigene Schwäche ent- 
larvt werde. Immer ist es ein Schicksal, Pech, die schlechte Er- 
ziehung, die Eltern, die Welt, die Schuld an ihrem Unglück tragen, 
und in dieser Absicht steigern sie ihre Wehleidigkeit zur Hypochondrie, 
Weltschmerz und Neurose. Und noch mehr! Ihre Sehnsucht nach 
Mitleid, nach Bevorzugung kann so intensiv werden, daß sie die Krank- 
heit als Mittel schätzen lernen, einerseits um das Interesse der Umgebung 
auf sich zu lenken, andererseits als Vorwand, um jeder Ent- 
scheidung auszuweichen. Diese Furcht vor jeder Ent- 



360 Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 



Scheidung (die Prüfungsangst des Nervösen), die ihn 
nichts zu Ende bringen läßt, ihn gleichzeitig aber 
mit höchster Ungeduld und Hast erfüllt, die ihm das 
Warten (auf die Entscheidung, auf den Erfolg) zur größten 
Qual macht, wird nur erklärlich, wenn man die un- 
geheuren Größenideen des Unbewußten kennt und das 
Gefühl von deren Unerf üllbarkei t bei ausgesprochen 
nervösen Personen. 

Diese intrapsychische Spannung, der dialektische Umschlag aus dem 
Schwächegefühl des Kindes in Großmannssucht, wird begleitet, aber 
auch behütet durch dauernde Affektlagen der Ängstlichkeit, der Un- 
sicherheit, des Zweifels an den eigenen Fähigkeiten. Und dies um 
so mehr, je größer die dynamische Wirkung des Kontrastes, je hyper- 
trophischer die Züge des Ehrgeizes und der Eitelkeit sich ausgestalten. 

Die Individualpsychologie ermöglicht es, durch Reduzierung dieser 
psychischen Überspannung auf die Anfänge in der Kindheit die Ur- 
sachen anzugeben für deren Bedeutung, außerordentliche Kraft und 
Haltbarkeit. Ich konnte in allen Fällen, bei Nervösen, außer- 
ordentlich befähigten Menschen und bei den einer 
Untersuchung zugänglichen Selbstmördern den Nach- 
weis erbringen, daß sie in den Anfängen der Kindheit ein 
besonders vertieftes Gefühl der Minderwertigkeit be- 
saßen. Als Ausgangspunkt dieses Gefühls habe ich schon vor Jahren 
eine angeborene Minderwertigkeit von Organen und 
Organsystemen angeschuldigt, welchen zufolge das Kind 
beim Eintritt ins Leben durch Kränklichkeit, Schwäche, Plumpheit, 
Häßlichkeit und Deformität, sowie durch Kinderfehler (Bettnässen. 
Stuhlschwierigkeiten, Sprachfehler, Stottern, Augen- und Gehörano- 
malien) ins Hintertreffen gerät x . 

Der von diesem Gefühl der Minderwertigkeit ausgehende stürmi- 
sche Versuch zur Überkompensation, gleichbedeutend mit 
Oberwindung des Fehlerhaften durch angestrengtes Training des Ge- 



1 Neuerlich hat B a r t e 1 (Wien), einen Spezialfall dieser Organminderwertig- 
keit, die lymphatische Konstitution in Zusammenhang mit Selbst- 
mord gebracht. In der weiten Fassung, die ihr dieser Autor gegeben hat, 
wird sie sich, ebenso wie die von mir hervorgehobene Organminderwertigkeit 
auch als Grundlage von Neurosen entpuppen. Der Schlüssel zum Verständnis 
des Zusammenhangs liegt in beiden Fällen in dem kindlichen Gefühl der Minder- 
wertigkeit. 



Drei Beitrage zum Problem des Schülerselbstmords 361 



hirns, gelingt recht häufig, nicht aber ohne dauernd Spuren dieses 
Zusammenhangs und der Mehrleistung in der Psyche zu hinterlassen. 
Der ehemalige Bettnässer wird zum Rei nl ich keitsf exen und Blasen- 
athleten, das Kind mit unwillkürlichen Stuhlabgängen zum Hyper- 
ästheten, die ursprüngliche Schwäche und Empfindlichkeit der Augen 
prädestiniert zuweilen zum Maler und Dichter, und der Stotterer De- 
mosthenes wird zum größten Redner Griechenlands 1 . Dabei begleitet 
sie alle auf ihrem Lebenswege eine unbezähmbare Gier nach Erfolg, 

und ihre dauernde Überempfindlichkeit sucht ihnen die Kultur- 
höhe zu sichern. Rachsucht, Pedanterie, Geiz und Neid begleiten 
diese Entwicklung, ebenso auch Züge von ausgesuchter Mannhaftigkeit. 

sogar Grausamkeit und Sadismus. 

Nur eine Relation noch kann diese Spannung verstarken, und sie 

ist es gerade, die den pathologischen Gestaltungen dieser ins Gegen- 
sätzliche umschlagenden Dynamik ihre höchste Weihe gibt. Sie geht 
aus dem häufig anzutreffenden psychischen Hermaphrodi- 
tismus hervor. Die Doppelrolle verleitet viele der Kinder, eine nahe- 
liegende Analogie mittelst einer falschen, aber aus 
Tatsachen geschöpften Wertung herzustellen, eine Analogie, 
der seit altersher ein großer Teil der Menschheit unterlegen ist, und 
die eine ganze Anzahl der feinsten Köpfe, — ich nenne nur Schopen- 
hauer, Nietzsche, Moebius, Weininger — mit geistreichen 
Sophismen zu stützen gesucht haben : ich meine die Gleichstellung 
von Zügen der Unterwerfung mit Weiblichkeit, der 
Bewältigung mit Männlichkeit. Dem Kinde wird diese 
Wertung recht häufig aus den Familienbeziehungen und aus der Um- 
gebung aufgezwungen. Es kommt dann bald so weit, daß jede Form 
von Aggression und Aktivität als männlich, Passivität als weiblich 
empfunden wird. Dann geht das Streben des Kindes dahin, aus Ge- 
horsam zu Trotz, aus der Folgsamkeit heraus zu Bösartigkeit, kurz aus 
den normalen Bahnen der kindlichen Fügsamkeit und Weichheit zu 
aufgepeitschten Bestrebungen der Großmannssucht, der Starrköpfig- 
keit, des Hasses, der Rachsucht zu gelangen. Kurz, in den geeigneten 
Fällen (bei starkem Gefühl der Minderwertigkeit) setzt ein toller männ- 
licher Protest ein, bei Knaben wie bei Mädchen. Selbst die körper- 
lichen Schwächen und Fehler des Kindes werden dann nicht ver- 
schmäht, wenn sie als Waffen dienen können, um sich etwa durch 

Kränklichkeil, Kopfschmerzen, Bettnässen usw. das dauernde Interesse 
1 S. auch I. Reich, Kunst und Auge, Österreichische Wochenschrift 1908. 



362 Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 

und eine gewisse Herrschaft über die Umgebung zu sichern. So 
wird aus dem Unbewußten heraus eine Situation ge- 
schaffen, in der die Krankheit, ja selbst der eigene 
Tod gewünscht wird, teils um den Angehörigen 
Schmerzen zu bereiten, teils um ihnen die Erkennt- 
nis abzuringen, was sie an dem stets Zurückgesetzten 
verloren haben. Nach meiner Erfahrung stellt diese Konstellation 
die regelmäßige psychische Grundlage dar, die zu Selbstmord und 
Selbstmordversuchen Anlaß gibt. Nur daß in späteren Jahren 
meist nicht mehr die Eltern, sondern ein Lehrer, eine 
geliebte Person, die Gesellschaft, die Welt als Ob- 
jekt dieses Racheaktes gewählt wird. 

Kurz anführen muß ich noch, daß eine der wichtigsten Triebfedern 
zu diesem männlichen Protest die häufig anzutreffende Unsicherheit 
des Kindes über seine gegenwärtige oder zukünftige Geschlechts rolle 
ist. Aus dieser Unsicherheit heraus, die das double vie, die Bewußt- 
seinsspaltung, den Zweifel und die Unentschlossenheit der Nervösen 
vorbereitet, drängt es Mädchen und Knaben mit ungeheurer Wucht 
zum männlichen Protest in jeder Form. Aus diesem heftigen 
Streben stammen alle Formen der Frühsexualität und 
des Autoerotismus, die Masturbation wird zur 
Zwangserscheinung, und ein unablässiges Drängen 
nach „männlich" scheinender Betätigung der Sexua- 
1 i t ä t (unter anderem : Don Juan, Messalina, Perversionen, 
Inzest, Notzucht usw.) verankert sich als prägnantes Symbol 
des männlichen Protestes. Die Liebe selbst artet aus in eine 
unstillbare Gier nach Triumph, die Befriedigung des Sexualtriebes 
findet eine sekundäre Verwendung zum Zweck des Beweises der Männ- 
lichkeit oder auf einer psychischen Nebenlinie — wie im Falle 
der Masturbation — zum Zweck der Selbstbeschädi- 
gung im Sinne eines Racheaktes 1 . Damit aber wird 
ein weiteres Vorbild geschaffen für eine etwaige 
spätere Selbstmordkonstellation, die Wollust des Selbst- 
mordes tritt an die Stelle der Masturbationslust 2 . 



1 und des Ausweichens vor Entscheidungen. 

8 Auffallend häufig findet sich jugendlicher Selbstmord als scheinbarer Ab- 
schluß eines vergeblichen Ringens gegen den Masturbationszwang, der in 
scheinbar überzeugender Weise dem Patienten das Gefühl seiner Ohnmacht 
dartut. In ähnlicher Art verstärkt beim weiblichen Geschlechte die Beschwerde 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 363 



Die Selbstmordidee taucht unter den gleichen Konstellationen auf 
wie die Neurose, der neurotische Anfall oder die Psychose. Selbstmord 
und Psychose wie die Neurose sind Ergebnisse der gleichen psychischen 
Konstellation, die durch eine Enttäuschung oder Herabsetzung bei 
Disponierten eingeleitet wird und die das alte Gefühl der Minderwertig- 
keit aus der Kindheit wieder zum Aufflammen bringt. Selbstmord 
wie Neurosesind Versucheeinerüberspannten Psyche, 
sich der Erkenntnis dieses Minderwertigkeitsge- 
fühls zu entziehen und treten deshalb zuweilen ver- 
gesellschaftet auf. In anderen Fällen wirkt ein konstitutionelles 
Moment (die Starke des Aggressionstriebes) oder Beispiele richtung- 
gebend. Der ,, Heredität" kann in gleicher Weise vorgebeugt werden, 
wie den Manifestationen selbst, und zwar durch die Individualpsycho-* 
logie. Sie deckt das kindliche Gefühl der Minderwertigkeit auf, 
führt es von seiner Überschätzung auf das wahre Maß zurück, indem 
sie falsche Wertungen korrigiert, und stellt die Revolte des männ- 
lichen Protestes unter die Leitung des erweiterten Bewußtseins. Selbst- 
mord wie Neurose sind kindliche Formen der Reaktion 

auf kindliche Überschätzung von Motiven, Herab- 
setzungen und Enttäuschungen. Und so stellt der 
Selbstmord — ganz wie die Neurose und Psychose 
eine Sicherung vor, um in unkultureller Weise dem 
Kampf des Lebens mit seinen Beeinträchtigungen zu 
entgehen. 



III. 

Dr. phil. Karl Molitor (Dr. Carl Furtmüller). 

Die Frage der Schülerselbstmorde ist für den Pädagogen von außer- 
ordentlicher Bedeutung; nicht nur wegen des erschütternden Ein- 
drucks der vereinzelten Fälle, in denen der Knabe oder Jüngling sein 
Leben gewaltsam beendet, sondern in viel umfassenderem Sinne. Jedem 
Falle von Selbstmord wird ja eine ungleich größere Zahl von Fällen ent- 
sprechen, in denen ähnliche Ursachen zu nervösen Erkrankungen oder 
doch zu psychischen Depressionen von längerer oder kürzerer Dauer 
führen. Sollten sich also aus dem Studium des Selbstmordproblems 

der Periode das „herabsetzende Gefühl der Weiblichkeit". Bekanntlich steigern 
sich um diese Zeit sowohl die nervösen Beschwerden als auch die Selbstmord- 
fälle, eine deutliche Bestätigung der obigen Ausführungen. 



I 



364 Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 

praktische pädagogische Folgerungen ableiten lassen, so kämen diese 
nicht nur wenigen besonders Gefährdeten, sondern überaus vielen ein- 
zelnen und unserm Erziehungswesen als Ganzem zugute. 

Die Beziehungen zwischen Schule und Selbstmord sind ja heute 
schon mehrmals interessant und tiefschürfend erörtert worden. Da 
hat sich zunächst, wie zu erwarten, gezeigt, wie seicht und gedankenlos 
die dilet tierenden Vulgärpädagogen urteilen, die in manchen Zeitungen 
ihre Tribüne finden und die bei jedem Fall von Schülerselbstmord von 
vornherein ein Verschulden des Lehrers annehmen und gewissermaßen 
auf Mord oder mindestens fahrlässige Tötung plädieren. Ob indi- 
viduelles Verschulden vorliegt, muß im einzelnen Fall gewissenhaft 
untersucht werden und wird untersucht, von vornherein wahrschein- 
lich ist es durchaus nicht. Handelt es sich doch bei dem, was die 
Statistik als „Motiv" des Selbstmordes anführt, höchstens um das 
auslösende Moment und zeigt doch die Durchleuchtung einzelner Fälle, 
daß als solches auslösendes Moment Mißerfolge und Zurücksetzung, 
wie sie im heutigen Schulbetrieb (und wohl in jedem Schulbetrieb) ganz 
unvermeidlich und gewissermaßen statistisch voraussagbar sind, durch- 
aus genügen. 

Mit dieser Feststellung aber ist für den Pädagogen die Frage na- 
türlich nicht erledigt, sondern hier beginnt sie erst. Wären die Be- 
Ziehungen zwischen Selbstmord und Schule wirklich so grobschlächtig, 
so könnte man dieses Problem mit Staatsanwalt und Disziplinarunter- 
suchung lösen. So aber gilt es, feinere Fäden zu entwirren. 

Wir können bei dem Problem zwei Fragen unterscheiden. Wir 
haben gesehen, daß Schulerlebnisse nur bei solchen Individuen zum 
Selbstmord führen werden, die schon vor dem konkreten Ereignis 
unter schwerem psychischen Druck stehen. Und da ergibt sich die 
Frage: Trägt das Schulleben im allgemeinen dazu bei, diesen psychi- 
schen Druck zu erhöhen? Dann aber wurde schon darauf hingewiesen, 
welche Heiltendenzen die Schule entwickeln, wie gerade das Verhält- 
nis zur Schule, zum Lehrer unter Umständen den Knaben aufrechthalten 
kann. Und da ergibt sich die zweite Frage: Kommen in unserem 
heutigen Schulbetrieb diese Heiltendenzen zur vollen Geltung? 

Die erste Frage muß ohne Zweifel nachdrücklichst bejaht werden. 
Hat Professor Freud die Forderung erhoben, daß die Schule den 
Knaben besser behandeln müsse als das Leben den Mann, daß man an 
die Jugend nicht dieselben Anforderungen stellen dürfe wie an die 
Erwachsenen, so muß man den tatsächlichen Zustand eher so charakteri- 






Drei Beitrage zum Problem des Schülerselbstmords 365 



sieren: die Schule mutet dem Schüler oft sehr viel mehr zu, als der 
Erwachsene — es sei denn unter dem äußersten Zwang der Verhält- 
nisse — je ertragen würde. Unser Klassifikationssystem schafft in 
seiner Trias von Einzelnoten, Konferenzergebnis und Zeugnis für den 
schwachen Schüler ein System der schriftlichen Festlegung und amt- 
lichen Beglaubigung seiner Mißerfolge, das für den schwer Lernenden 
zu einer seelischen Folter werden kann. (Das ist natürlich nicht 
der Normalfall.) Dieser Zustand greift oft auch auf Erwachsene über; 
es gibt ja ganze Familien, die an einer förmlichen Schulneurose 
leiden und in denen der Ausfall einer lateinischen Schularbeit Stürme 
der Verzweiflung oder der Freude hervorruft. 

Diese Verhältnisse sind es, die die heftigsten Angriffe gegen die 
heutige Mittelschule hervorrufen. Und doch geschieht ihr damit eigent- 
lich schwer Unrecht. Nicht die Schule als solche ist es, die diese Zu- 
stände schafft, sondern die Rolle, die ihr von der Gesell- 
schaft zugewiesen wird. Unsere Mittelschule ist ja erst in 
zweiter Linie Erziehungs -und Lehranstalt; in erster Linie ist sie ein 
Institut zur Erwerbung von Berechtigungen. Immer mehr 
drängt die Entwicklung dahin, das Reifeprüfungszeugnis zur conditio 
sine qua non nicht nur für jede höhere Laufbahn, sondern sogar für,,, 
ganz untergeordnete Anstellungen im Staatsdienst und bei großen Unter- 
nehmungen (Bahn u. dgl.) zu machen. Die Tendenz, die dem zugrunde 
liegt, ist klar: Die sozialen Ober- und Mittelschichten wollen auf diese 

Weise ihren Söhnen eine möglichst große Zahl von Futterplätzen von 
vornherein sichern. Und tatsächlich hat heute so mancher junge Mann 
mit der Ablegung der Maturitätsprüfung den größten Teil seiner Lebens- 
arbeit bereits hinter sich; das andere besorgt dann der Onkel oder 
der Taufpate. Nur daß sich diese so wohl ausgedachte Einrichtung 
furchtbar rächt: der natürlichen Bedeutung der Knaben- und Jüng- 
lingsjahre wird so eine künstliche und ungesunde hinzugefügt: nicht 
wie sich das Individuum in dieser Zeit entwickelt, kommt in Be- 
tracht, sondern was es leistet, und zwar auf Gebieten leistet, die 
seiner späteren Lebensaufgabe oft ganz ferne stehen. 

Hier ist der Kopf des Wurms. Das Berech tigungswesen drückt un- j y 
serer ganzen Schule einen ungesunden Charakter auf. Sie macht den Leh- 
rer zu einem Werkzeug der sozialen Auslese und zwingt ihn dadurch 
geradezu, streng, oft hart zu sein; denn läßt er locker, so heißt das, 
daß überhaupt nur mehr die soziale Stellung der Eltern und gar nicht 
die Begabung und Leistungsfähigkeit des Individuums entscheiden soll. 



366 Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 



Das bringt ihn in eine Doppelstellung zu den Schülern, denen er einer- 
seits Erzieher und Freund, andererseits Richter und Vertreter der 
Staatsgewalt sein soll. Das vergiftet sein Verhältnis zu den Eltern, 
die dem Manne, der ihrem Kind so viel nutzen und schaden kann, in 
den seltensten Fällen mit voller Offenheit gegenübertreten. Das bringt 
ihn auch oft dazu, gewissermaßen zum Trainer zu werden und den 
schwachen Schüler zu immer neuer Arbeit anzufeuern, um ihm den 
schweren Schaden des Versagens zu ersparen, um Schwachbegabte 
um jeden Preis durchzudrücken. 

Nur kurz möchte ich darauf hinweisen, daß die Verhältnisse noch 
dadurch verschärft werden, daß unsere Schule Massenschule, daß in 
gewissen Gegenden, z. B. Wien, die Überfüllung der Klassen geradezu 
Regel ist. Dadurch wird die Bewältigung des Stoffes erschwert, die Kon- 
kurrenz verschärft, in einzelnen Punkten eine auch vom Lehrer als 
unnatürlich straff empfundene Disziplin erfordert, das Individualisieren 

fast unmöglich. Auch aus dem Grunde, weil, was als Berücksichtigung 
der Individualität eines nicht völlig normalen Schülers gemeint ist, 
von der öffentlichen Meinung der Klasse sehr leicht als ungerechte 

Bevorzugung aufgefaßt wird. 

Welchen Druck diese Zustände auf den nervös Veranlagten oft aus- 
üben müssen — selbst unter Voraussetzung wohlwollender Gerechtig- 
keit und pädagogischen Verständnisses seitens der Lehrer — und wie 
gefährlich die ganze Situation werden kann, wird uns vor allem dann 
klar werden, wenn wir uns an die Ausführungen Dr. Adlers über 
die Rolle erinnern, die das Gefühl der Minderwertigkeit bei psychi- 
schen Krisen spielt. Und man kann nicht leugnen, daß die heutige 
Mittelschule bei einer nicht zu kleinen Gruppe von Schülern in 
hohem Grade auf die Verstärkung dieses Minderwertigkeitsgefühls hin- 
wirkt und das Selbstbewußtsein untergräbt, statt es zu fördern. Und 
dies einfach durch die Kraft der Tatsachen, so daß der Lehrer, denke 
man ihn so tüchtig wie man wolle, nur mildern, aber nicht aufheben 



kann. Unsere ministerielle Reformpädagogik vermag dagegen schon 
gar nichts, weil ja ihre oft dankenswerten, aber nicht immer konse- 
quenten und auf den Grund der Dinge gehenden Erlässe doch 
vor allem die Funktion haben, die öffentliche Aufmerksamkeit 
davon abzulenken, daß unser Mittelschulwesen materiell gerade- 
zu ausgehungert wird und deshalb z. B. die Überfüllung unserer 
Wiener Schulen ein schon jahrelang dauernder schreiender Mißstand 
ist. Und an eine Aufhebung des Berechtigungswesens ist schon gar 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 367 



nicht zu denken; wo davon gesprochen wird, handelt es sich immer 
nur darum, die Verteilung der Berechtigungen auf die einzelnen Schul- 
typen zu ändern, nicht aber den Zustand abzuschaffen, daß die Be- 
urteilung der Leistungsfähigkeit eines erwachsenen Mannes oft vor- 
wiegend davon abhängt, wie er, mitunter vor mehreren Dezennien, auf 
der Schulbank bestanden hat. 

Diese in unserer Schuleinrichtung beruhenden Mißstände werden in 
ihrer Wirkung durch psychologische Momente auf Seite der Eltern 
und der Lehrer nur noch verstärkt. Die an und für sich schon zu 
große Bedeutung des Schulzeugnisses wird von vielen Eltern noch 
übertrieben, und nur grotesk-komisch kann man es nennen, wie von 
manchen Eltern der „Durchfall" geradezu als ernstes Unglück be- 
trachtet wird, auch wenn die daraus sich ergebende Notwendigkeit, 
den Unterhalt des Knaben ein Jahr länger zu bestreiten, keine oder 
doch keine beträchtliche Rolle spielt. Nichts ist charakteristischer für 
die unser Leben beherrschende Beamtenpsychologie, als der in solchen 
Fällen übliche Jammer: er „verliert ein Jahr". Denn das ist ja richtig 
nur für die künftige Aktivitätszulage, aber nicht für die geistige und 
körperliche Entwicklung. Im Gregenteil, man rettet dem Knaben ein 
oder mehrere Jahre seiner Jugend, wenn man ihm Zeit läßt, statt ihn 
unter ständigem Druck von Klasse zu Klasse zu hetzen, bis die ge- 



fürchtete Katastrophe doch endlich eintritt, und zwar zu einem Zeit- 



punkt, wo der Schüler sich schon gewöhnt hat, im Hintertreffen zu 
stehen, und wo auch aus Unterrichts technischen Gründen die guten 
Seiten des Repetierens stark hinter den schlechten zurücktreten. Eine 
Aufklärung der Eltern in dieser Beziehung würde den Kindern manche 
schwere Ängstigung ersparen und dem Gespenst des „schlechten Schul- 
zeugnisses" den größten Teil seiner Schrecken nehmen. Ein noch 
viel gefährlicheres Spiel spielen die Eltern, die ihr Kind trotz wieder- 
holt und deutlich ausgesprochener Abneigung in einer bestimmten 
Studienbahn gewaltsam festhalten. Anders ist natürlich die Rolle des 
Durchfallens in den obersten Klassen der Mittelschulen, wo der Jüng- 
ling sich schon mit aller Kraft über die Mittelschule hinaussehnt, und 
wo der Gedanke, ein Jahr länger in Verhältnissen bleiben zu müssen, 
denen man innerlich fremd geworden ist, auch ohne von außen kom- 
mende Verstärkungen des Quälenden genug hat, um bei gegebenen 
Vorbedingungen eine Krise herbeizuführen. 

Die Lehrer wieder, für die das Versagen eines Teiles der Klasse etwas 
durchaus Normales, fast prozentual Vorausberechenbares ist, sind ia 



368 Drei Beitrage zum Problem des Schülerselbstmords 



Gefahr, sich nicht immer ganz klar zu machen, wie diametral ent- 
gegengesetzt die Auffassung desselben Ereignisses beim Schüler ist; 
sie glauben daher mitunter, die Schrecken des Durchfalls zur Er- 
höhung der pädagogischen Wirkung unterstreichen oder gar übertreiben 

zu müssen. Überhaupt läßt sich folgendes beobachten: Dem Lehrer 
machen natürlich disziplinar und pädagogisch die Schüler am meisten 

zu schaffen, die am widerstandsfähigsten sind und den Disziplinar- 
mitteln der Schule mit einer gewissen Ruhe gegenüberstehen. Unwill- 
kürlich nun stuft sich von hier aus das Gesamtbild der Klasse, das 
der Lehrer sich macht, und der Ton, den er anschlägt, ab und so 
kommt es, daß er die Empfindsamen oft rauher anfaßt, als ihnen gut 
ist, nur weil er sich des Eindrucks, den seine Worte auf sie machen, 
nicht bewußt wird. 

Nicht unerwähnt darf aber bleiben, daß noch gar oft diese Er- 
zeugung eines Gefühls der Minderwertigkeit auch bewußt und plan- 
mäßig befördert wird, und zwar auf Grund „ethischer Grundsätze* 4 . 

Alle, die die Schule zum Werkzeug politischer und religiöser Re- 
aktion machen wollen, fordern ja als oberste Leistung der Schule die 

„Erziehung zum Gehorsam". Die konsequenten Vertreter dieser Rich- 
tung gehen direkt auf das Brechen des Individualwillens aus. Nur 
beispielsweise erwähne ich die an manchen Provinzanstalten ausge- 
heckten Regeln und Verbote, die in das Privatleben der Schüler schmerz- 
lich eingreifen und für die niemand einen anderen Zweck erkennen 
kann als den, die Schüler ihre capitis diminutio recht fühlen zu 

lassen: „Die Leute sollen lernen, sich fügen". Diese Behandlung der 
Schüler ist übrigens nur ein Spiegelbild der Behandlung, die die Lehrer 
sich bis vor wenig Jahrzehnten bieten ließen. In diesem Sinne schon 
sind die immer weitergreifenden Organisationsbestrebungen der Lehrer- 
schaft ein wahrer Segen für die Schule: denn wer selbst ein willens- 
starker Mensch mit aufrechtem Rücken ist, wird auch solche er- 
ziehen wollen. In jedem Sadisten steckt ja eine masochistische Kom- 
ponente. 

Das Thema hat es mit sich gebracht, daß ich zuerst und recht aus- 
führlich bei den schädlichen Momenten unseres Schullebens verweilen 

mußte. Ich möchte aber dadurch keineswegs die Ansicht erwecken, 
als hielte ich diese Schädlichkeiten für überwiegend. Im Gegenteil, 

ich bin fest überzeugt, daß im Schulleben an. und für sich wichtige 

Heilfaktoren liegen, die auch heute zur Geltung kommen, wenn auch 

ihre Wirkung nicht ganz ausgeschöpft, ja teilweise gehemmt wird. 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 369 

Ich denke da mit Dr. Sadger und Prof. Freud daran, daß die 
Schule dem Knaben wichtige persönliche Anknüpfungen vermittelt, 
daß sein aktives und passives Liebesbedürfnis hier Nahrung findet, 
daß sie seinem Gefühlsleben die Expansion über das Elternhaus hinaus 
ermöglicht. Besonders bei vorübergehender oder dauernder Entfrem- 
dung zwischen ihm und seinen Angehörigen wird er hier Ersatz finden 
können, und zwar insoferne in sehr günstiger Form, als hier zwischen 
einer größeren Anzahl von Individuen eine Art äußerliche Intimität 
geschaffen wird, die es aber dem einzelnen völlig freistellt, die Bande 
mit dem und jenem fester oder lockerer zu knüpfen. Der in der Familie 
herrschende „Zwang zur Liebe" fällt hier also weg. Diese Ersatz- 
funktion der Schule geht auch daraus hervor, daß die Anhänglichkeit 
an die Familie und die Liebe zu den Schulgenossen meist in umgekehr- 
tem Verhältnis steht: Muttersöhnchen sind schlechte Kameraden und 
wem der Vater das Ideal geblieben ist, der sucht es nicht im Lehrer. 

Das Gesagte zeigt schon, daß ich die Beziehungen zu den Mit- 
schülern für ebenso wichtig halte wie die zu den Lehrern. Auch die 
einstige Führerstellung des Vaters kann ja mindestens teilweise einem 
älteren, frühreifen Mitschüler zufallen. 

Wie wirken nun unsere Schuleinrichtungen auf das Verhältnis der 
Mitschüler untereinander? In mancher Richtung direkt schädlich. Die 
einst übliche Erziehung zur Angeberei zwar kann wohl als im großen 
und ganzen überwunden angesehen werden. Aber das Prüfungswesen 
mit seiner Konkurrenzatmosphäre besteht weiter, Neid und Eifersucht 
auf der einen, überhebung und Selbstgerechtigkeit auf der anderen Seite 
fördernd. Besonders zu bedauern ist es, daß heutzutage die kameradschaft- 
lichen Beziehungen sich rein naturwüchsig, ohne positiv fördernden Ein- 
fluß des Lehrers entwickeln, entweder in den Freistunden außerhalb der 
Schule oder in den Erholungspausen, wo der Lehrer meist nur als 
passives Aufsich tsorgan anwesend ist. Daß dadurch oft Personen sehr 
zweifelhaften Wertes, meist vorübergehend, eine Führerrolle spielen 
können, ist noch das geringere Übel. Aber, was gerade für unsere 
Frage in Betracht kommt, dadurch finden oft die von Adler gekenn- 
zeichneten Charaktere, für die die Stütze des Kollegialitätsgefühls von 
besonderem Werte wäre, keinen Anschluß, ja ihre Schwerfälligkeit 
und Schüchternheit machen sie oft zur Zielscheibe des Spottes. So 
kann in ihren Entwicklungsgang ein neues verhängnisvolles Moment 
kommen. Heute kann da der Lehrer nur zufällig und meist nicht sehr 
wirksam eingreifen. Ein wesentlicher Fortschritt wird erst dann zu 

24 



370 Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 



erzielen sein, wenn die Schule neben einer Arbeitsgemeinschaft auch 
eine Erholungsgemeinschaft wird. 

Hierzu haben wir in der Pflege des Jugendspiels, die sich allerdings 
auf dem Papier imponierender ausnimmt als in Wirklichkeit, gewiß 
einen hoffnungsvollen Ansatz. Doch treten hier die persönlichen Be- 
ziehungen hinter dem Sportlichen meist fast ganz zurück und da- 
durch, daß das Jugendspiel in vielen Fällen dem Turnlehrer oder einem 
wissenschaftlichen Lehrer, der die betreffenden Schüler sonst gar nicht 

kennt, überlassen wird, wird dieses rein Technische noch mehr in 
den Vordergrund gerückt. Für unseren Zweck könnten nur solche 
Leibesübungen wirklich in Betracht kommen, die von selbst auch 
geselligen Zusammenschluß mit sich bringen, wie Wanderungen, Ru- 
derfahrten, unter positiver Mitwirkung, nicht nur passiver Leitung 
von solchen Lehrern, die mit den Schülern auch wissenschaftlich 
arbeiten. Schon heute üben die leider so seltenen Schulausflüge den 
wohltätigsten Einfluß auf Schüler und Lehrer. 

Ich brauche nicht eigens hervorzuheben, daß diese Erweiterung der 
Schule zur Erholungsgemeinschaft auch das Verhältnis zwischen Lehrer 
und Schüler von Grund aus ändern und die gemütliche Distanz zwischen 

ihnen erheblich verringern würde. Trotz der vorhandenen Ansätze glaube 
ich nicht, daß allzuviel in dieser Richtung geschehen wird, und zwar 
weil zu jeder pädagogischen Reform Geld gehört. Solange die Unter- 
richtsverwaltung für solche Betätigung an den „Idealismus der Lehrer- 
schaft" appelliert, statt sie in die Lehrverpflichtung einzubeziehen 
und entsprechend zu entlohnen, wird, von vereinzelten Ausnahmen 
abgesehen, dieser Teil der Erziehertätigkeit wenig oder doch nicht mit 
voller Energie gepflegt werden. Schon aus dem Grunde, weil, beson- 
ders in den großen Städten, die meisten Lehrer zu zeitraubender Neben- 
beschäftigung genötigt sind 1 . 

Damit sind wir übrigens bei einem anderen Punkt, der die Wirk- 
samkeit unserer Schule aufs nachteiligste beeinflußt. Wer sich für 
hundert und mehr Jungen persönlich interessieren soll, wenn auch nur 
flüchtig, braucht Zeit. Unsere Lehrer haben nie Zeit. Außer der 
Stunde nicht, weil sie Opfer des Korrekturwahnsinns sind und weil 
die Zeit, die noch bleibt, oft bis zur äußersten Erschöpfung vom Neben- 

1 In den drei Jahren seit der ersten Veröffentlichung dieser Arbeit haben die 
in den beiden letzten Abschnitten geschilderten Verhältnisse eine entschiedene 
Wendung zum Besseren erfahren, wenn auch natürlich noch manches zu 
wünschen übrig bleibt. 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 371 

erwerb in Anspruch genommen wird. In der Stunde nicht, weil ein 
immer erweiterter Lehrstoff bei gekürzter Unterrichts- und häuslicher 
Arbeitszeit erledigt werden soll. Die Folge davon ist, abgesehen von 
gesteigerter Nervosität unseres Schullebens, daß der Unterricht in vielen 
Fächern zu einem förmlichen Dahin jagen wird, daß der Lehrer die 
Sorge um die Erledigung des Lehrstoffes nie los wird. Das führt einer- 
seits freilich zu einer fruchtbaren Ausnutzung der Zeit und nötigt zu 
einer Vervollkommnung des didaktischen Könnens. Andererseits aber 
verschwindet dadurch der Pädagog, der sich an den ganzen Menschen 
wendet, immer mehr hinter dem bloßen Unterrichtstechniker. Und da 
er für die vielen einzelnen keine Zeit hat, arbeitet er immer mehr mit 
dem Abstraktum der „Klasse". Er will die „Klasse" dahinbringen, 
daß sie Tüchtiges leistet, das ist sein Ehrgeiz; leistet der schwache 
Schüler seinen Versuchen, ihn vorwärts zu bringen, längeren Widerstand, 
so entsteht der persönlich und sachlich sehr begreifliche vVunsch, 
ihn zu entfernen, weil er das „Niveau der Klasse" drückt. So kann 



ein für seinen Beruf begeisterter und zur Gesamtheit seiner Schüler 
liebevollei Lehrer sehr hart gegen den einzelnen werden. 

Hier scheinen mir die Gründe zu liegen, warum die Pädagogen, 
wie Professor Freud sie wünscht, heute so selten sind. Die Lehrer 
werden durch ihre ganze Stellung und durch die Art des Unterrichts- 
betriebs in die entgegengesetzte Bahn gedrängt. Die in der Öffentlich- 
keit so oft gehörte Meinung, alle Übelstände der Schule seien auf päda- 
gogische Unfähigkeit der Lehrer zurückzuführen, gibt für eine richtige 
Beobachtung eine unstichhaltige Erklärung. Selbstverständlich kann ein 
hervorragendes * pädagogisches Talent auch heute fruchtbare Wirksam- 
keit entfalten. Aber eine Masseninstitution wie die moderne Schule 
kann bei ihren Organen nicht exzeptionelle Begabung voraussetzen, 
sondern sie muß so organisiert und von solchem Geist erfüllt werden, 
daß auch der tüchtige Durchschnitt allseitig befriedigend seines Amtes 
walten kann. 

Haben die vorstehenden Ausführungen die mannigfachsten Fragen 
des Schullebens berühren müssen, so glaube ich mich doch keiner Ab- 
schweifung vom Thema schuldig gemacht zu haben. Die psychische 
Förderung oder Hemmung durch die Schule hängt eben von den ver- 
schiedensten Faktoren ab. Jetzt gilt es noch, zu fragen, ob eine Selbst- 
mordprophylaxe im engern Sinn durch die Schule möglich ist. 

Da möchte ich vor allem nachdrücklich hervorheben, daß mir eine 



mechanische Prophylaxe, wie man sie in Wien versucht hat, dadurch, 



24 



372 Drei Beiträge zum Problem des Schillerselbstmords 



daß man „Selbstmord verdächtigen" Schülern das schlechte Zeugnis 
nicht ausfolgt oder sie am Tage der Zeugnisverteilung von ihren 
Eltern abholen läßt, gänzlich verfehlt erscheint. Einerseits setzt 
man sich der Gefahr aus, gerade die wirklich Gefährdeten zu 

übersehen; andererseits wird dadurch geradezu die Vorstellung ge- 
züchtet, der Selbstmord sei eine gewissermaßen normale, je- 
derzeit zu erwartende Reaktion auf schlechte Schulerfolge. So 
wird dem Gedanken des Selbstmords neue suggestive Kraft zuge- 
führt und in manchem vielleicht die schlummernde Idee erst ausge- 
löst. Die suggestive Wirkung ist es übrigens auch, die jeden ausge- 
geführten Selbstmord zu einer eminenten Gefahr macht; finden wir 
doch häufig, daß einer, dem Selbstmordgedanken vielleicht schon lange 
vertraut waren, die Tat erst ausführt, wenn er jemand findet, dem er 
sie nachtun kann. Dieser Umstand mahnt zur äußersten Vorsicht 
und zu großem Takt bei der Untersuchung vorgekommener Selbst- 
morde durch die Schulbehörden, vor allem aber bei der Diskussion 
in der Presse. Die sensationelle Art, wie nur allzuviele Zeitungen 
diese Dinge besprechen, die Märtyrergloriole, mit der ein solcher Un- 
glücklicher gern umgeben wird, können leicht dem einen Opfer ein 
anderes nachziehen. Damit soll nichts gegen freieste Meinungsäuße- 
rung und gegen schonungslose Kritik der Schulzustände, wo man 
diese für die Schuldigen hält, gesagt werden. Aber, wer sich seiner 
Verantwortung bewußt ist, wird sagen, was er zu sagen hat, ohne den 
Fall in die bengalische Beleuchtung der Sensation und des Skandals 
zu stellen. 

i 

Sprechen wir dieser mechanischen Verhütung des Selbstmords die 
Chancen ab, so ist es vielleicht möglich, daß der kluge Lehrer in 
vielen Fällen indirekt rechtzeitig vorbauen kann. 

Sehr oft sind Trotz und Rachsucht (gegen Eltern oder Lehrer) 
die eigentliche Triebfeder des Selbstmords. Nun ist in einem 
solchen Fall natürlich keineswegs ausgemacht, daß für diese Gefühle 
auch eine objektive Berechtigung vorlag. Vielmehr deutet eine solche 
Motivation öfter gerade darauf hin, daß die betreffende Person 
dem Herzen des Schülers nahe gestanden hat. Aber das darf man 
sich nicht verhehlen, daß gerade die „Trotzigen** wohl die sind, die in 
unserer Schule meist am allerunz weckmäßigsten behandelt werden. Wo 
Gehorsam um jeden Preis das Erziehungsideal ist, wird ja natürlich 
Trotz zu einem Verbrechen, das den Schüler gewissermaßen ächtet. 
Aber auch sonst wird über derartige Reaktionen meist als über etwas 



Drei Beiträge zum Problem des Schülerselbstmords 373 



ganz Irrelevantes hinweggegangen. Und gerade hier könnte in vielen 
Fällen der Lehrer sehr wohltätig eingreifen, wenn er nach dem Anlaß, 
der den Trotz hervorgerufen hat, nicht einfach wartet, bis die Reaktion 
abgelaufen ist, sondern selbst daran arbeitet, den gemütlichen Kontakt 
wieder herzustellen. Natürlich kann nicht darin, daß er seiner Autorität 
etwas vergibt und von berechtigtem Tadel etwas zurücknimmt, das 
Heilmittel liegen, sondern nur darin, daß er persönliche Anteilnahme 
am Schicksal des Schülers durchblicken läßt. 

Der Lehrer, der sich gewöhnt, seine Schüler aufmerksam zu be- 
obachten, wird auch den Typus bald herausfinden, der nach Dr. Adler 
besonders gefährdet ist. Unbeholfen hei t, Schüchternheit, leichtes Er- 
röten sind die Merkmale, die zuerst bei ihnen auffallen. Die scheinbar 
widerspruchsvolle Verbindung stark betonter Indolenz und Gleichgültig- 
keit mit übergroßer Empfindlichkeit ist ein besonders charakteristischer 
Zug. Hier wird eine eingehende, nicht auf die Lernerfolge beschränkte, 
sondern den Charakter berücksichtigende Besprechung mit den Eltern 
oft sehr viel Gutes stiften können; sie ist schon deshalb notwendig, 
weil solche Schüler oft zu Hause ein ganz anderes Bild bieten als in der 
Schule. So könnte psychologisch geschulter Blick des berufsmäßigen 
Erziehers auch die häusliche Behandlung günstig beeinflussen. 

Ich bin mir bewußt, daß dieser bescheidene Versuch, Erkenntnisse, 
die mit Hilfe der Psychoanalyse gewonnen wurden, pädagogisch zu 
verwerten, diejenigen nicht befriedigen wird, die wollen, daß die Rede 
der Wissenschaf t ja, ja, nein, nein, sei. Denn eine Universalprophylaxe 
gegen Schülerselbstmorde gibt es nicht. Wer aber eingesehen hat, daß 
der Vereinfachung unserer Erkenntnisse ihre Vertiefung vorhergehen 
muß, der wird, glaube ich, den Eindruck gewinnen, daß von der 
psychoanalytischen Forschung aus manche belebende Welle in den 
oft ach so trägen Strom unserer wissenschaftlichen Pädagogik dringen 
kann. Gegenüber der Gefahr der Veräußerlichung und Mechanisierung, 
die die experimentelle Methode — an ihrem Orte von unbestrittenem 
Verdienst — mit sich bringt, finden wir hier ein Gegengewicht: die 
Möglichkeit, ja den Zwang zu immer weiterer Vertiefung. 



Der Kampf des Kindes gegen Autorität. 

(Ein mißglückter pädagogischer Versuch.) 

Von Dr. Friedrich Lint. 

Unter den Schülern einer vierten Gymnasialklasse, die ich zu Anfang 
des Schuljahres übernahm, befand sich einer, der von meinem Vor- 
gänger als Halbnarr bezeichnet wurde. In den ersten Wochen zeigte 
sich außer einer übergroßen Nervosität und einer häufigen, unmoti- 
vierten Ängstlichkeit nichts Auffallendes. Erst nach ungefähr sechs 
Wochen gab es eine Katastrophe, deren Ursprung ins letzte Schuljahr 
zurückreichte. Der Schüler hatte vor Schluß des letzten Schuljahres 
im Turnsaal aus einem Wertsachenkästchen einem Schüler der achten 
Klasse eine Geldbörse mit einigen Kronen und einem Ring entwendet. 
Zufällig sah nun der Bestohlene die Börse in der Hand des Quartaners 
und machte davon die Anzeige. Der Täter leugnete. Erst als ihm vor- 
gehalten wurde, daß alle angegebenen Merkmale und besonders der 
Firmendruck im Innern stimmte, mußte er den Diebstahl zugeben, 
leugnete aber, von Geld oder Ring etwas zu wissen. In diesem Stadium 
der Untersuchung wurde die Sache mir mitgeteilt und ich bemühte 
mich, durch entsprechendes Vorgehen den Schüler zu einem Geständnis 
zu bringen, d. h. ihm zu einem Strafmilderungsgrund zu verhelfen. 
Ich sicherte ihm im Falle eines Geständnisses die weitgehendste Be- 
rücksichtigung zu und versuchte wie ein älterer Kamerad, der eine 
peinliche Angelegenheit aus der Welt zu schaffen hat, auf ihn einzu- 
wirken. Er spielte die Rolle des unschuldig Verdächtigten mit großer 
Meisterschaft, erbot sich, einen Eid abzulegen und erklärte schließlich: 
„Herr Professor, ich sehe, daß Sie mir jetzt nicht glauben wollen. 
Aber wir haben heute nachmittag Beichte; fragen Sie mich nach der 
Beichte; dann werden Sie doch glauben, daß ich nicht lüge." Ich 
mußte ihm mitteilen, daß seine Glaubwürdigkeit vor und nach der 

Beichte für mich dieselbe sein müßte, und setzte die Arbeit fort. 
Schließlich gestand er. 

Nach dem Sachverhalt hätte der Schüler eigentlich ausgeschlossen 
werden sollen; da mir aber der Direktor in der Behandlung der Ange- 
gelegenheit vollständig freie Hand gelassen hatte, beschloß ich, die 
Sache fallen zu lassen und zwar aus zwei Gründen. Erstens interessierte 
mich das weitere Verhalten des Schülers, der ja sonst meiner Be- 
obachtung entzogen gewesen wäre, und das Experiment, auf ihn einzu- 



Der Kampf des Kindes gegen Autorität 375 



wirken, hatte sehr viel Verlockendes. Zweitens war es schwer, von 
dem Vorfall dem Vater Mitteilung zu machen, da sich der Knabe sonst 
vielleicht zu einem verhängnisvollen Schritt hätte hinreißen lassen 
können. Und hier muß ich etwas weiter ausgreifen und einiges ein- 
fügen, was ich teilweise vom Vater selber weiß, teilweise bei der 
Kleinheit der Schulstadt durch Bekannte gelegentlich über die Ver- 
hältnisse im Elternhaus erfahren konnte. 

Der Vater hatte selbst fast das ganze Gymnasium absolviert, aber 
verschiedene Unglücksfälle in der Familie zwangen ihn, sein Studium 
kurz vor dem Ende abzubrechen und sich einem Gewerbe zuzuwenden. 
Sein unbefriedigter Bildungsdrang und wahrscheinlich auch das Schick- 
sal seiner glücklicheren Schulkameraden, von denen sicher mancher 
in äußerlich höher bewertete Schichten emporstieg, ließen ihn sein 
Schicksal als den schwersten Schlag seines Lebens empfinden. Von 
allen seinen Kindern hoffte er gerade in diesem Knaben das verwirk- 
licht zu sehen, was ihm versagt geblieben war. Als er sich selbständig 
machen konnte, begann er, durch ungeheuren Eifer und rastlose Arbeit 
in seinem Berufe den Schicksalsschlag wettzumachen, und brachte es 
tatsächlich zu einem ganz ansehnlichen Vermögen, aber die Erziehung 
der Kinder litt darunter. Nicht nur er, sondern auch seine Frau arbeite- 

ten den ganzen Tag im Geschäft und er suchte das, was er bei Tag 
an pädagogischer Arbeit versäumt hatte, in den wenigen Abendstunden 
durch Intensität zu ersetzen, wobei er bei den geringfügigsten An- 
lässen vor den härtesten Strafen nicht zurückschreckte. Die Kinder 
sollten ihn auch in seiner Abwesenheit fürchten. Gewöhnlich führte 
unser Quartaner tagsüber die Aufsicht über die Geschwister, wenn 
er auch nicht der Älteste war, und der Vater versicherte wiederholt, 
er könne, wenn er diesen zu Hause wisse, unbesorgt seiner Arbeit nach- 
gehen, da er ihn vollständig ersetze. Nichtsdestoweniger blieb aber 
auch er nicht von den väterlichen Prügeln verschont, die von einer 
Brutalität waren, daß man tagelang ihre Spuren sehen konnte. 

Es war nun auf keinen Fall ratsam, dem Vater die weitere Gerichts- 
barkeit über den Knaben zu überlassen. Und so blieb er in der Schule. 
Die Sache wurde als nichtgeschehen betrachtet und ich versuchte, ihn 
unbemerkt im Auge zu behalten. Er antwortete darauf dadurch, daß 
er beim Unterricht keinen Blick von seinem Lehrer abwandte, sich 
in den Pausen von seinen Kameraden möglichst absonderte und sich 
so in der Nähe des Lehrers selber unter Beobachtung stellte, als 
wollte er zeigen: Sieh selber, wie korrekt ich mich verhalte. 



376 Der Kampf des Kindes gegen Autorität 



Nach einigen Wochen aber herrschte in der Klasse eine seltsame 
Unruhe. Es stellte sich heraus, daß von einem unbekannten Täter 
die verschiedenartigsten Dinge, Schulrequisiten, Kappen usw. zum Teil 
versteckt oder überhaupt entwendet wurden, und zwar immer in den 
entscheidenden Momenten, Schularbeithefte vor der Arbeit, Reißzeuge 
vor der Geometriestunde, Kappen bei schlechtem Wetter vor dem Weg- 
gehen. Untersuchungen führten zu keinem Resultat. Einigemale lenk- 
ten zwar Spuren des Verdachtes auf unseren Schüler, aber nachzu- 
weisen war ihm nichts und, wenn man ihn ins Gebet nahm, wußte 
er die Unmöglichkeit seiner Täterschaft in einer gut vorbereiteten 
Rede nachzuweisen, in der hin und wieder auch andere Mitschüler 
mit Dingen belastet wurden, von denen bisher niemand wußte. Als 
die Schüler aufgefordert wurden, eine Art Selbstpolizei zu üben, hörten 
die Vorfälle auf. Daß er wirklich der Täter war, stellte sich erst später 
heraus. 

Nach diesem Intermezzo schlug er eine neue Taktik ein. Er fing an, 
vor den Augen der ganzen Klasse Dinge zu entwenden, die dem 
Unterricht dienten, speziell Mineralien, die während der Stunde von 
Bank zu Bank gingen. Diese verteilte er an einzelne Mitschüler, 
ohne sich etwas zu behalten, so daß manche eine hübsche, kleine Samm- 
lung damit anlegten. Für seine Handlungsweise war noch der Umstand 
charakteristisch, daß der Fachlehrer selbst die Schüler, die er als Samm- 
ler kannte, ziemlich reichlich mit Mineralien beschenkte, wenn sie 
darum baten. Durch seine Erfolge ermutigt, wagte er es einmal, 
beim Experimentiertisch fast vor den Augen des Lehrers ein wertvolles 
Mineral zu entwenden und rasch einem andern zuzustecken, der es 
in seiner Verblüffung und auch, um den Mitschüler nicht preiszugeben, 
zu sich nahm. Da bei der Zeugenschaft der ganzen Klasse ein Zweifel 
nicht möglich war und der Lehrer offiziell die Anzeige erstattete, 
konnte er nach all dem Vorgefallenen nicht mehr in der Klasse belassen 
werden 

Der ganze Fall ist nicht deshalb interessant, weil er irgendwelche 
neue Einblicke in die Seele des Kindes brächte, sondern weil er wie 
an einem arrangierten Schulbeispiel alle dem Individualpsychologen 
wohlbekannten Züge aus dem Kampf des Kindes gegen jede Autorität 
in seltener Häufung und Verschärfung zeigt. Der Knabe ist in keiner 

Situation gesonnen, die moralischen Forderungen der Umwelt zu 
seinen eigenen zu machen; denn ihr oberster autoritativer Imperativ 
ist im Vater verkörpert, der es nicht nur trotz aller guten Absichten. 



Der Kampf des Kindes ge^en Autorität 377 



nicht verstanden hat, ein fruchtbares Verhältnis zu seinem Kinde zu 
gewinnen, sondern ihm jetzt als Feind gegenübersteht, der wohl über 
erstrebenswerte Machtmittel verfügt, aber doch an vielen Stellen schwer 
verwundbar ist. Die heimliche Trotzstellung des Knaben ist eine fort- 
währende, schlagfertige Kriegsbereitschaft. 

Betrachten wir das Verhältnis des Knaben zum Vater zu Beginn der 
Geschichte. Akademische Bildung, die ja die Absolvierung des Gym- 
nasiums zur Voraussetzung hat, erscheint diesem als das Höchste. 
Dieses Ideal möchte er in seinem Sohne verwirklicht sehen und scheut 
dabei selbst vor der rohesten Züchtigung nicht zurück. Ein schlechter 
Zensurschein versetzt ihn einmal in solche Wut, daß der Knabe mehrere 
Tage mit Striemen an den Händen und im Gesicht herumgeht. Irgend 
jemand, der davon Kenntnis erhält, erstattet an die Ortspolizei eine 
anonyme Anzeige wegen Überschreitung des väterlichen Züchtigungs- 
rechts; die Folge ist, daß der Vater wiederholt vorgeladen wird, eine 
Reihe von peinlichen Verhören zu bestehen hat und als angesehener 
Bürger und Ehrenmitglied verschiedener Institutionen Gefahr läuft, 
mit dem Gericht in Konflikt zu kommen. Der Knabe hat also durch 
sein Nichtlernen, auf das der Vater automatisch mit Prügeln reagierte, 



diesen in die denkbar peinlichste Situation gebracht. Daran ändert 
auch die Tatsache nichts, daß ein entgegenkommender Polizeibeamter 
nach mehreren Auseinandersetzungen die Sache niederschlägt und sich 
der Vater schließlich aus Ärger über das Ganze durch eine noch aus- 
giebigere Tracht Prügel rächt. Nur hütet er sich jetzt, ins Gesicht 
oder auf die Hände zu schlagen. Der Knabe weiß jetzt, wie er dem 
Vater Scherereien bereiten kann. Daneben sieht er ganz deutlich, was er 
für diesen, der sich ja, wie auch die Mutter, den ganzen Tag im G 



schäft aufhält, bedeutet, wenn er ihn tagsüber bei den Geschwistern 
vertritt und seiner Autorität durch Püffe Nachdruck verleiht. Und 
schließlich sagt er damit noch: Was der Vater kann, bringe ich auch 
zustande. Als Antwort auf das Bildungsideal des Vaters leistet er trotz 
seiner nicht geringen Begabung fast nichts, orientiert diesen wieder- 
holt falsch über seine Erfolge in der Schule, was er um so leichter 
tun kann, als sich dieser fast nie Zeit nimmt, selbst nachzufragen» 
Während des Semesters arbeitet er fast nichts und bringt es dann vor 
Semesterschluß in wenigen Wochen auf durchaus genügende Leistungen. 
Er beweist also seinem Vater, daß man dessen Bildungsideal sehr billig 
erreichen kann, und entwertet es dadurch. Das zweite, worauf der 
Vater sehr großes Gewicht legt, ist der Umstand — und das betonte 



378 Der Kampf des Kindes gegen Autorität 



er in Gesprächen jedem gegenüber — , daß er Fleiß und Ehrlichkeit 
für die Grundpfeiler seiner Existenz hielt und sich so ein nicht unbe- 
deutendes Vermögen erworben habe. Der Knabe zeigt Neigung zum 
Diebstahl. Er gelangt zu Besitz, aber nicht durch Arbeit und Ehrlich- 
keit, sondern durch Schlauheit. Aber nicht einmal der Besitz hat 
viel Verlockendes für ihn, er verschenkt die Mineralien und hat auch 
bei der anfangs erwähnten Geschichte den Ring verschenkt. Also wieder 
ein entwertetes väterliches Ideal. Dabei hat er noch eine gefährliche 
Waffo in der Hand, er kann dem Vater dadurch höchst peinliche 
Augenblicke verschaffen. 

Nach der Aufdeckung der ersten Diebstahlsaffäre ist die Situation 
des Knaben folgende. Er hat eben getan, was der Vater so sehr verab- 
scheut, ohne daß er zur Züchtigung schreiten könnte; denn er erfährt 
nichts davon. Jetzt ist er ihm über. Allerdings ist der Sieg nur ein 
halber, da die Wirkung auf den Vater ausbleibt. Sein Lehrer hat sich 
für ihn auf seine Seite gestellt und erscheint ihm als Bundesgenosse 
gegen jenen. Das Bündnis ist aber kein ganz verläßliches, denn 
es kam seltsam genug zustande. Der Lehrer hat ihn doch eigentlich 

besiegt, indem er ihn zum Geständnis brachte, aber zugleich war es 
ein Waffenstrecken, da er die Angelegenheit nicht disziplinariter, 
sondern in camera caritatis erledigte, was den Übeltäter doch einiger- 
maßen überraschte. Ferner darf noch ein Faktor nicht übersehen 
werden, sein Verhältnis zu den Mitschülern. Trotz aller Diskretion 
in der Behandlung des Falles scheinen die Schüler bald darüber orientiert 
gewesen zu sein. Wenn jener nun auch den Triumph hatte, daß er 
trotz der Bedeutung seines Vergehens straflos blieb, sich also in bevor- 
zugter Stellung fühlen konnte, deren er sich gelegentlich auch rühmte, 
so war seine Gesamtlage doch keine besonders angenehme, da ein Schü- 
ler, der stiehlt, von den andern nicht gerade mit der größten Herz- 
lichkeit behandelt wird, und er in unserem Falle doch eine Zeitlang 
vor der ganzen Klasse den Bußfertigen spielen mußte, um sich den 
Lehrer zu sichern. Nun muß er natürlich trachten, wieder irgendwie 
die Klasse unterzukriegen. Würde er nach den naheliegenden Mitteln 
greifen, etwa nach besonderen Leistungen oder anderen Dingen 
die einen Schüler unter seinesgleichen beneidenswert erscheinen 
lassen, so würde er ja in der Richtungslinie seines Vaters handeln und 
sich dadurch besiegt geben. Er will die Klasse unterkriegen und spielt 
ihr einen Schabernack um den andern, ohne daß sie ihm etwas anhaben 
kann. Ja, er versagt sich sogar den Genuß nicht, daß er bei den 



Der Kampf des Kindes gegen Autorität 379 



folgenden Verhören Einzelheiten zur Sprache bringt, die einigen nicht 
gerade angenehm sein können. Er scheint in seinem Gedächtnis Buch 
zu führen über die unbedeutendsten Kindereien der andern, um sie 
im gegebenen Augenblick mit der Verschlagenheit eines Reineke Fuchs 
in perspektivischer Vergrößerung anzudeuten. So fürchtet ihn die 
ganze Klasse. Aber auch dem Lehrer, der doch mit einer gründlichen 
Änderung in seinem Verhalten rechnen müßte, dreht er eine Nase. 
Er gibt den Kampf auch nicht auf, als der Unfug unmöglich ge- 
macht wird. Was er früher heimlich getan hat, tut er jetzt offen. 
Wenn er jetzt fremdes Eigentum an sich nimmt, so will er in erster 
Linie allen seinen Mut zeigen, zweitens entkräftet er das Odium des 
Diebes, das auf ihm lastet, wenn er in einem blassen Scheine von 
Räuberromantik den Stärkeren Dinge weggnimmt, um sie den Schwäche- 
ren, die nicht den Mut haben, zu schenken. Ferner macht er dadurch 
auch seine Mitschüler zu Mitschuldigen. Zum mindesten kann er 
damit rechnen, daß sie ihn aus Mitleid oder auch aus Klassensolidarität 

nicht preisgeben. Besonders schlecht kommt dabei der Lehrer weg, 
der nun nicht nur mehr von ihm allein, sondern nahezu von der ganzen 

Klasse hinters Licht geführt werden muß. 

Der Kampf geht also von Haus aus gegen den Vater, bald aber wird 
der weitere Träger der Autorität, der neben dem Vater steht, mit ein- 
bezogen und weiters die übrige Klasse, die mit den in ihr herrschenden 
Moralbegriffen einen Verbündeten der Autorität darstellt. Im weite- 
ren Verlauf wird mit neurotischer Fingerfertigkeit die Kampfkon- 
stellation so geändert, daß die Feinde nach und nach, der Lehrer durch 
das Niederschlagen der ersten Affäre und durch den darauf folgenden 
Anblick des Bekehrten und die Mitschüler durch Mitschuld zu Kompli- 
zen gemacht werden und als einziger Feind schließlich der Vater auf 
dem Plane zurückbleibt, der ja am Schlüsse nach dem letzten Vorfall 
auch als der Hauptbetroffene und der am meisten Geschlagene erscheint. 



Kindheitserinnerungen einer ehemals Nervösen. 

I. 

Ich erinnere mich sehr genau an den ersten Schnee, den ich fallen 
sah — es wird beiläufig um das vierte Lebensjahr herum gew 
sein — und an die Antwort, die ich bekam: Es schneit ja immer 
so im Winter. Aus derselben Zeit weiß ich, daß vor meinem Bett- 
chen eine spanische Wand ihren Platz hatte, die hingestellt wurde, 



wenn es zum Schlafen ging. Bunte Bilder prangten darauf; besonderen 
Eindruck machte mir ein finsteres Männergesicht mit einem 
martialischen Schnurrbart, das mir als „Ritter Blaubart" vorge- 
stellt wurde. Dazu sang die Tante, die wir im Hause hatten, eine 
gänzlich ungebildete Person — sie konnte weder lesen noch schreiben, 
dafür aber war sie von einer gehörigen Roheit und wurde von mir 

tüchtig gehaßt — , das Verschen: 

„Das ist der Ritter Blaubart, der schon die sechste Frau hat, 

Der Teufel weiß, warum; der Teufel weiß, warum." 
Dazu wurde mir die Geschichte des mordlustigen Herrn ser- 
viert; was ich mir dabei dachte, weiß ich zwar nicht mehr, aber vielleicht 
wurde schon damals der Keim zur Neurose gelegt, die mich Jahre 
später befallen sollte. Noch nicht vierjährig ging ich in den Kinder- 
garten; dort wurde ich wegen meiner Schlimmheit meist 
den Buben zugeteilt, — zu meiner großen Freude, denn 
schon damals fühlte ich mich mehr Bub als Mädel. Zum besse- 
ren Verständnis muß ich hier noch anführen, daß ich als Zwillings- 
kind zur Welt kam mit einem Brüderchen, das nach drei Tagen starb. 
Der Schmerz im Hause soll groß gewesen sein, denn alles sehn- 
te sich nach einem Knaben und jetzt blieb nur das Mäd- 
chen; Mädchen wurden in der Familie sehr gering ge- 
schätzt, was ich häufig hörte. Ich trachtete, das insoweit gut 
zu machen, als ich es so trieb, daß ich oft genug zu hören bekam: 
„Ganz wie ein Bub oder noch ärger I " Ein Tadel, der mein höchster 
Stolz wurde; denn ach, wie gern wäre ich ein schlimmer Bub ge- 
wesen. Noch bevor ich lesen konnte, lernte ich, da mein Gedächtnis 
ein sehr gutes war, mit Leichtigkeit den „Struwelpeter" auswendig, 
der sich mir so fest einprägte, daß ich seine schönen Verse noch heute 
hersagen kann. Freund Struwelpeter wurde mein Ideal; 



Kindheitserinnerungen einer ehemals Nervösen 381 



o Gott, diese langen Nägel und Haare, wie gefielen sie mir! und der 
Schmutz dazu — wer es auch so gut haben könnte! Ich spielte 
nacheinander sämtliche Rollen aus diesem lehr- 
reichen Bilderbuch. Ich wurde der Suppenkaspar, der keine 
Suppe löffeln wollte, dann kam der bitterböse Friederich; „ich fing 
die Fliegen in dem Haus und riß ihnen die Flügel aus 4 '; auch der 

Zappelphilipp wurde inszeniert, aber nur einmal; denn als ich da das 
Tischtuch heruntergerissen hatte, entfachte ich einen derartigen Sturm, 
daß ich mich dem doch nicht mehr auszusetzen traute. 
Noch vor Schulbeginn lernte ich lesen; damit erschloß sich dem 

fünfjährigen Kinde die reine Wunderwelt der Märchen. Nun gab es 
etwas, womit ich zu zähmen war: ein Buch war mir jetzt alles, das 
Kostbarste und Liebste. Noch heute, nach so vielen Jahren, kann 

ich nicht ohne freudige Rührung an das Entzücken denken, 
das die Märchen bei mir wachriefen. Nie im Leben habe ich solches 

Glück wieder gefühlt, solche himmlische Seligkeit empfunden, wie 
in dieser glücklichen, längst entschwundenen Zeit. Dabei fiel es mir 
damals nicht schwer, diese Herrlichkeiten zu verlassen und in das 

reale Leben hinabzusteigen. Ich entwickelte so um das achte Jahr 
einen erheblichen Hang zur Grausamkeit. Ich wuchs mit einer 
jüngeren Schwester zusammen auf, die ein sehr sanftes, ruhiges und 
fügsames Kind war. Ich hatte sie sehr lieb, beschützte sie, wo ich nur 
konnte, und unser Verhältnis ist bis heute ein gutes geblieben. Auch 

zwei Cousins, beiläufig in unserem Alter, kamen oft ins Haus; da war 
nun dieselbe Geschichte: der eine, wild und keck, mein liebster Spiel- 
gefährte, der andere, gut und brav, war der Gespiele der Schwester. 
Der schlimme Cousin, ich will ihn August nennen, war ein wahrer 
Ausbund, zu allen Bubenstücken bereit. Jeden Donnerstag gab es 
in unserm Haus beim Selcher Schweineschlachten; drei bis 
vier arme Schweinchen mußten ihr junges Leben lassen und ich und 
der liebe August waren eifrige, ja man kann sagen begeisterte Zu- 
schauer und Zuhörer. Ich glaube nicht, daß ich je im Theater mehr 

hingerissen war als damals bei dieser Exekution. Sooft das Beil auf den 
Kopf eines Tieres fiel, ich erinnere mich genau des dumpfen Tones, 
mit dem es geschah, und sooft es jämmerlich quietschte, brachen 
wir oben in ein Freudengeheul aus; wir gingen nicht eher vom Fenster 
fort, als bis das Tier zu unserer Genugtuung ganz zerlegt war. In 
der späteren Neurose strafte sich das mit greulichen Mordphantasien, 
in denen ich immer Menschen zerlegte oder zerlegen sah. Auch das 



382 Kindheitserinnerungen einer ehemals Nervösen 



Zahnausziehen, das bei den Barmherzigen Brüdern in Wien 
gratis ausgeübt wird, wobei jeder freien Zutritt hat, war ein beliebtes 
Schauspiel; aber am eigenen Leibe wollte ich es lieber nicht kennen 
lernen, sondern ich sah nur fürs Leben gern zu. Das Gebrüll der 

Menschen dabei war mir liebliche Musik und die schauderhaften 
Grimassen gefielen mir womöglich noch besser. Auch da ist die 

Strafe nicht ausgeblieben. Ich habe bis heute eine wahnsinnige Furcht 
vor dem Zahnarzt, gehe nur im äußersten Notfall hin und brülle bei 
der leisesten Berührung, bin überhaupt unglaublich schmerzempfind- 
lich, was bei meiner sonstigen körperlich sehr gesunden Konstitution 
einen höchst lächerlichen und affektierten Eindruck macht. Das 
Schweineschlachten wurde nun von mir als Spiel weitergetrieben, 
und was dabei alles mit unterlief, war schon sehr gewagtes Spiel. 
Man griff sich gegenseitig unter Röcke und Kleider, quitschte dabei 
wie ein Schwein und benahm sich auch oft wie ein solches. Ruhiger war 
schon das schöne Spiel „Hochzeit", aber nie war ich die Braut, 
immer der Prediger, der das Paar traute. Im bloßen Hemd, mit einem 
alten Zylinderhut meines Papas auf dem Kopfe, einen künstlichen 
Blumenstock in den Händen tragend, schritt ich gravitätisch dem Zug 

voran, beim Ofen wurde Halt gemacht, das junge Ehepaar hinter den- 
selben geschoben und nun begann die würdige Zeremonie; ich hielt 
eine lange Rede — was ich da zusammmensprach, weiß ich natürlich 

nicht mehr — , die Braut mußte laut weinen; so hatte ich es bei wirk- 
liehen Hochzeiten gesehn und so befahl ich es auch hier; dann ergriff 

ich ein Staberl oder einen Teppichklopfer, der bei mir überhaupt eine 
große Rolle spielte — ich trug ihn als Abzeichen meiner Macht 
wie der König das Zepter — , und wichste dem jungen Paar eines über, 
daß ihm Hören und Sehen verging. Nun waren sie Mann und Frau 
und gewöhnlich rauften dann gleich die Neuvermählten mit mir weiter. 
Noch eines Spiels erinnere ich mich genau; allerdings war es gerade 
kein passendes Kinderspiel. Ich hatte oft die Erwachsenen belauscht, 
wenn sie von Entbindungen erzählten, auch war, als ich neun Jahre 
zählte, noch ein Schwesterchen angekommen, das allerdings nur acht 
Tage lebte; doch hatte ich da allerlei bei der Niederkunft meiner 

Mama beobachtet und das wurde nun trefflich benützt. Auch hier 
spielte ich nie die Wöchnerin, immer war ich der Doktor, 
der im kritischen Moment geholt wurde. Wieder trat der Zylinder in 
Aktion, der mir gewöhnlich bis auf die Nase rutschte. Nur mit dem 
kurzgeschürzten Hemd bekleidet, den Nudelwalker als Klistierspritze 



Kindheitserinnerungen einer ehemals Nervösen 383 



unter dem Arm und mit einem spanischen Rohr als Spazierstock, 
so trat ich in die Wochenstube, hinter mir mein Assistent, ein kleiner 
dürftiger Knabe, der von mir seines mißgebildeten Schädels halber 
„Schafskopf" genannt wurde und eigentlich Hans hieß. Hansl trug 
eine Wasserflasche in der Hand und mußte immer helfen; ich glaube, 
ich degradierte ihn da unbewußt zur Hebamme. Natürlich durfte 
er nur untergeordnete Dienste leisten, der Herr und Meister war ja 
immer ich. Stöhnend lag die arme Patientin auf Sesseln gebettet da, 
ich erklärte den Fall für höchst gefährlich und die sofortige Operation 
für unvermeidlich. Ich hob ihr das Hemd in die Höhe, Hansl mußte die 

Wasserflasche über ihren Unterleib entleeren und jetzt erblickten unter 
großem Geschrei und Getöse drei bis vier Puppenkinder das Licht der 
Welt. Sie wurden mit Jubel empfangen, aber nicht von mir; immer 
waren es Knaben, die geboren wurden, Mädchen verachtete ich 
viel zu sehr. Um die Säuglinge kümmerte ich mich nun weiter gar nicht 
mehr, sie konnten getrost verhungern. Überhaupt mochte ich 
Puppen nicht, besudelte sie, schnitt ihnen die Leiber auf oder zer- 
brach ihnen gar die Köpfe, kurz ich behandelte sie elend. Dafür 

stand mein Sinn nach andern Spielereien, und bekam ich sie nicht 
geschenkt, so machte ich lange Finger und stahl sie; so einmal den 
Nachbarskindern nach und nach einen ganzen Eisenbahnzug. Ge- 
wehre, Pistolen, Säbel, Trommeln und Trompeten 
waren meine Lieblingsspielsachen, auch eine alte Briefträger- 
kappe hatte ich aufgegabelt, mit der ich stolz paradierte. Aus 
dieser Zeit blieb mir eine Antipathie gegen große Damenhüte; ob- 
wohl sie sehr kleidsam sind, setze ich sie noch heute ungern auf, 
weiß sie auch nicht mit Schick zu tragen. Daß Krieg-, Raube r- 
und Indianerspiele mir sehr zusagten, ist doch selbstverständ- 
lich. Als Feldherr war ich Napoleon, siegte immer und die Feinde 
erhielten eine Tracht Prügel; als Räuber gab ich Rinaldo Rinaldini 
„In des Waldes tiefsten Gründen 44 , wobei ich dieses bekannte Lied mehr 
gefühlvoll als schön sang. Wehe dem, der mir da in die Hände fiell 
Nach der Lektüre von Indianerbüchern verwandelte ich mich sogar in 
den Häuptling „Roter Schädel", der täglich den Kriegspfad beging, 
nie die Friedenspfeife rauchte und immer die Streitaxt ausgrub. Am 
ärgsten wurden von mir die „Squaws" behandelt; ich stellte sie an 
den Marterpfahl und verurteilte sie gar oft zum Tode. Blutige Schlach- 
ten wurden da geliefert und manche Schramme und manches ausge- 
rissene Büschel Haar zeugte von unsern Heldentaten. Meine Eltern 



384 Kindheitserinnerungen einer ehemals Nervösen 



waren manchmal verzweifelt über meine Rauflust; — etwas davon 
ist noch heute in mir lebendig, hie und da ein kleiner Streit 
pulvert mich ganz nett auf, und ich gehe ihm nicht aus dem Wege. 
Auch Schule wurde abgehalten, natürlich war ich der Herr Lehrer. 
Die Schüler konnten noch so dumm antworten; das war mir gleich- 
gültig, aber folgen mußten sie auf den Wink und dasitzen wie die Öl- 
götzen; dann bekamen sie gute Noten. Im Schwung war auch das 
Krüppelspiel. Blind, taub und stumm stellte man sich oder 
man torkelte mühselig aus dem Prater heim, mit einwärts gekrümmten 
Füßen, furchtbar hinkend, und war stolz, wenn das die Leute bedauernd 
bemerkten. Solcher Art waren meine Revolten gegen die mir „aufge- 
zwungene" Mädchenrolle. — Auch da folgte die Strafe buchstäblich 
auf dem Fuße; in späteren Jahren war ich fußleidend; manchmal 
konnte ich kaum gehen. Auch eine Abneigung gegen elegantes, auf- 
fallendes Schuhwerk trat bei mir auf, ich konnte nur derbe Stiefel 
vertragen. Das dauert bis auf den heutigen Tag an. Ein feiner 
Beobachter war ich, was die Art des Sprechens anbelangt. Stammelte 
oder stotterte jemand, dann war er verloren. Ich konnte das meister- 
haft nachmachen. Daß die alte Tante, die bei uns war, falsche Zähne 
hatte, wußte ich längst. Um sie nun recht zu ärgern, schnitt ich 

mir ein Gebiß aus Orangenschalen zurecht und ahmte damit ihre nicht 
sehr ansprechende Art des Redens nach. Ich war, wie man sieht, zu 

einem unangenehmen Bengel herangewachsen. Nur die Lektüre be- 
hrte mich, glaube ich, vor vollständiger Verrohung. Da wurden doch 

edlere Gefühle in mir rege, da merkte ich, daß es doch noch Besseres 
gab als Raufen, Schimpfen und die Leute ärgern. Die Schule gab 
mir wenig zu schaffen. Ich lernte ziemlich leicht, hatte aber keine 
guten Zeugnisse, denn wenn mir einige Lehrgegenstände — und das 
waren vor allem weibliche Handarbeiten, Mathematik, Zeich- 
nen und Geometrie — nicht zusagten, ließ ich sie einfach links liegen 
und machte mir gar nichts aus den schlechten Noten. Ich mußte 
aber trotz alledem nie eine Klasse repetieren, denn in einigen Fächern 

entsprach ich sehr gut, besonders in Weltgeschichte, die mich mächtig 
anzog, gewiß vor allem, weil da viel gerauft und gestritten wurde. 
Ich las auch mit gespanntem Interesse Geschichtliches und weiß heute 
noch auf diesem Gebiete recht gut Bescheid. Aber die Märchen behielten 
in der Kinderzeit doch den Vorzug. Das erste war „Hansel und Gretel". 
Wie klug war die Gretel und wie albern der kleine Hansel! Und 
wie wußte Gretel immer zu helfen und ihn herauszureißen. Hübsch 



Kindheitserinnerungen einer ehemals Nervösen 385 



fand ich auch den „Fischer fcmd seine Frau". Die Klage des Armen: 



9t 



Meine Frau, die Ilsebill, will nicht so, wie ich wohl will", die so 



oft wiederkehrt, amüsierte mich höchlich. Frau Ilsebill war mit nichts 
zufrieden, immer höher stiegen höchstdero Wunsche und, als sie end- 
lich beim lieben Gott anlangte, der sie auch noch werden wollte, 
da saß sie auf einmal wieder dort, wo sie hergekommen war, in Armut 
und Elend. Auch die „Prinzessin auf der Erbse 14 , die so nobel ist, daß 
sie unter awanzig Federbetten eine Erbse spürt, war sehr bewunderns- 
wert. Die eine kann nicht genug bekommen, die andre zwingt die 
Menschen durch ihre Faxen zur Anerkennung ihrer Oberhoheit. Sie 
kriegt sogar einen Prinzen, der sich in diese großartige Vornehmheit 
sterblich verliebt. In „Tausendundeiner Nacht 1 * war es hauptsächlich 
Scheherezade, die mir gefiel, da sie entschieden gescheiter ist als der de- 

spotische, blutgierige Sultan ; auch die getreue Sklavin in „Ali Baba und die 
vierzig Räuber" erregte mein Wohlgefallen; war sie doch klüger 

als die Männer und rettete ihrem Herrn Leben, Geld und Gut. 

Diese Vorliebe für das Phantastische, wenn es auch manches Unheil 

für mich im Gefolge hatte, bewahrte mich gottlob vor mancher 
sogenannten Mädchenlektüre, was ich aber gar nicht bedauern 

kann. In späteren Jahren, so um das i/j. Lebensjahr, las ich das 



Nibelungenlied und die herrliche „Gudrun". Beide Gesänge machten 
auf mich den tiefsten Eindruck. Natürlich war es vor allem Brun- 
hild, die mein ganzes Herz gewann. Überhaupt gefielen mir die 
Germanen, vielleicht, weil ihre Frauen eine so hohe, geachtete Stellung 
einnahmen. Sogar in den Krieg durften sie mitziehen, diese Glück- 
lichen. Auch die Spartaner hatten meine große Sympathie, weniger 
ihrer schwarzen Suppe wegen, sondern weil ihre Frauen und Jung- 
frauen den Männern gleich geachtet waren. Ich glaube, beide Ge- 
schlechter wurden fast gleich erzogen und, wenn ich nicht irre, mußten 

Knaben und Mädchen nackt gehn, was mir damals sehr recht gewesen 
wäre; denn ich sah mich äußerst gern im paradiesischen Zustand. 
Ich halte diese Neigung des Entblößens für eine männliche Unver- 
schämtheit und protestierte damit gegen die „Mädchenkleidung". An 
meinem i4- Geburtstag bekam ich Schillers Werke und das wurde eine 
Schwärmerei, ich glaube, für das ganze Leben. Leider kam dann 
noch die böse Leidenschaft, Mordgeschichten zu verschlingen. Die 
Zeitungen wurden mit Heißhunger genossen, noch in meiner Kinderzeit 
las ich die schauerlichen Gerichtsverhandlungen des Hugo Schenk und 
lange ging mir dieser Unhold nicht aus dem Sinn, desgleichen „Jack 

25 



386 Kindheitserinnerungen einer ehemals Nervösen 



der Aufschlitzer". Meine Kinderzeit ging ihrem Ende entgegen. Noch 
vor Schluß derselben, in meinem 12. Jahre brach eine schwere Neu- 
rose bei mir aus, die mich mit allen Martern der Hölle bekannt machte. 



IL 

Der „Wurstelprater" war in meiner Kindheit wirklich noch ein 
Kinderparadies. Daher ging es denn auch zu allen Jahreszeiten mit 
Ausnahme des Winters in den Prater; und was konnte man nun da 
alles erleben I Wie Sindbad der Seefahrer kam man sich vor, fast 
täglich entdeckte man Neues, Wunderbares. Da wurden die Märchen 
lebendiges Leben, da konnte man sie schauen, anstatt in Büchern zu 

lesen. Vor allem sah man Brobdignac und Liliput, Riesen und 
Zwerge. Wie traurig war man da manchmal, daß man weder ein 
Zwerg bleiben, noch ein Riese werden konnte. Das waren schon die 



ersten unerfüllbaren Wünsche. Dann kamen die „Ringelspiele" 
Schade, daß man nicht den ganzen Tag dort verweilen konnte! Wie 
hübsch war die Fortuna, ein Riesen fräulein, das noch heute in der Mitte 
eines Karussells steht. Und erst der „Chinese" mit langem Bart 
und Zopf! Der gute Herr mißt fast zwei Stockwerke, ist also von 
einer respektablen Höhe. Die meisten Kinder hatten eine Höllenangst 
vor ihm. Er sieht wirklich fürchterlich aus mit dem grimmen Blick 
und dem erhobenen Zeigefinger, der einen halben Meter lang ist und 
sich von selbst bewegt. Aber ich ängstigte mich gar nicht vor dem 
großen Kerl, ich blickte ihn liebevoll und bewundernd an; ich glaube, 
er war damals der Held meiner Träume und meine erste Liebe» 
Sooft ich konnte und durfte, fuhr ich dort mit der rasselnden 
Eisenbahn, und zwar als Lokomotivführer. Auf der Maschine stehend, 
sah ich den geliebten Freund aus nächster Nähe. Seine Kugelaugen, 
die so groß waren wie Männerfäuste, glotzten auf mich herunter, die 
lange goldene Kette, die er majestätisch um den Hals trug, blitzte 
und funkelte und das Brokatgewand spielte in allen Farben. Nicht 
weit vom Chinesen logierte die Dame ohne Unterleib. Die gab mir 
nun viel zu denken, da war manches Rätsel für mich zu lösen. Ich 
hätte nicht übel Lust gehabt, mit ihr die Rolle zu tauschen; wie 
fein und vornehm, ohne Unterleib zu sein, — was für 
häßliche Sachen ersparte man sich da! — Nur aus Kopf und Brust zu 
bestehen: wie gut und leicht mußte sich's da leben! In der Nachbar- 
schaft sah man den „sprechenden Kopf". Der war mir aber unheimlich, 



Kindheitserinnerungen einer ehemals Nervösen 387 



und ich spürte schon vor der bloßen Abbildung heimliche Schauer. 
Eine Monstrosität war fast ständig zu sehen, die ich zwar nur abge- 
bildet sah, aber auch da hatte man schon genug: es waren zusammen-* 
gewachsene Kinder; sie hießen die „Zwillinge von Lacona". Der 
Ausrufer pries als besonderes Wunder an ihnen, daß sie nur einen 
Unterleib hätten. Dort stand ich immer lange Zeit und konnte mich 
von dieser Bude nicht trennen; war ich doch auch ein Zwilling und 
hatte oft von der Mama gehört, daß sie, als sie mit mir in der Hoffnung 
war, auch so eine Abnormität gesehen habe: es waren Negerinnen und 
hießen „Die Nachtigallen 44 . Weiters sagte sie dann, es sei ihr vor 
Abscheu und Ekel derart übel geworden, daß sie fast ohnmächtig 
hinausgeführt werden mußte. Auch habe sie sich vor einer ähnlichen 
Mißgeburt lange Zeit gefürchtet und sie erinnerte sich der Geschichte 
wieder lebhaft, als sie dann selbst Zwillinge bekam. Ich hörte oft 
in meiner Kindheit von dem Aberglauben des „Verschauens 
oder Versehens 44 : nur ein Grund mehr, sich vor der 
Schwangerschaft zu fürchten. Auch Herr Robelkoff, der 
lebende Rumpf, steht wieder vor mir. Ich sah ihn als Kind in Wirk- 
lichkeit. War das ein Greuel! Ohne Arme und Beine geboren, nur 
ein unförmliches Stück, auf dem ein großer runder Kopf mit einem 
Vollmondgesicht saß, so wurde er vor der Schaubude herumgetragen. 
Neben ihm stand immer seine hübsche Frau, und angeblich hatten 
sie sechs blonde Kinder, die dort um das Paar herumsprangen. Die 
lauten Zweifel, die ich darob von den Herumstehenden hören mußte 
und die nicht sehr zarten Andeutungen, wie das wohl möglich wäre, 
waren gerade nicht das Passendste für meine Kinderohren. Sehr ver- 
lockend war auch Präuschers Museum, das ich zu meinem Schmerze 
nur von außen besehen konnte; aber auch da lernte man schon das 
„Gruseln 44 . Ich erinnere mich an ein Bild, „Siegfrieds Tod 44 vor- 
stellend: Der grimme Hagen tritt zur Leiche, da fließt in Strömen 
Siegfrieds rotes Blut! Auch Schlachtenbilder waren da zu sehen, 
eins immer gräßlicher, blutrünstiger als das andere. Und doch stand 
ich immer wie gebannt dort und konnte mich fast nicht losreißen. 
Doch gleich in der Nähe war wieder etwas ganz Außerordentliches, 
eine Löwen- und Schlangenbändigerin Madame Henriette 
Willart; sie hieß mit dem Vornamen wie ich: welch gute Vorbedeutung! 
Eine großgewachsene hübsche Frau mit aufgelöstem langen Haar, in 
einem roten, goldverzierten Samtkleid: so stand sie da und ließ sich 
von den Leuten neugierig anstarren. Riesenschlangen ringelten sich um 



25* 



388 Kindheitserinnerungen einer ehemals Nervösen 



ihre Taille, gewöhnlich zwei oder drei stattliche Exemplare, ich stand 
da wie angeschmiedet ; jetzt wäre ich wieder am liebsten 
Dompteuse geworden. Auch die lange Hetzpeitsche 
hatte mirs angetan, die die Madame in den Händen hatte. 
Damit ließ sichs nicht schlecht hauen: welche Versuchung für 
mich! Einmal lud mich die Bändigerin, gewiß gerührt von meinem 
bewundernden Kinderblick, ein, die Schlangen doch näher zu besich- 
tigen und zu berühren. Ich tat es auch wirklich, wenn auch mit 

starkem Grauen. Meine Hand fuhr über den kalten, glatten Schlangen- 
leib, ich fühlte seine Kälte mich förmlich durchdringen, und als gar 
eine der Schlangen den Rachen weit aufsperrte, züngelte und mich mit 
den kleinen Äuglein anfunkelte, wich ich zu Tode erschrocken zurück. 
Ich hatte genug von diesem ehrenvollen Beruf. So gern ich sonst 
die Tierwelt habe und so warm ich mich noch heute dafür interessiere, 
vor Schlangen habe ich noch immer einen starken Widerwillen; weder 
ihre schönen Bewegungen noch ihre lebhaften Farben können mich dazu 
bewegen, sie zu bewundern und um keinen Preis nehme ich eines 
dieser Kriechtiere in die Hand, obwohl ich sonst fast vor keinerlei 
Getier einen Abscheu habe und alles mögliche, Insekten, Schmetter- 
linge, Käfer usw. anfasse, was mir oft staunenden Respekt von seiten 
meiner Geschlechtsgenossinnen eingetragen hat, die fast alle vor derlei 
einen Ekel haben. — Ich hatte auch große Freude an Pflanzen und 
hielt mir immer Blumen, die ich auch jetzt noch ungemein liebe. 

Auch eine kleine Menagerie hatte ich zu Hause: Vögel, Goldfische und 
Salamander. Die Vögel richtete ich ab, sie mußten mir aus dem Mund 
fressen, sich auf meine Hand setzen und auf Befehl singen. Ich 
hatte sie sehr gern und hielt sie gewöhnlich jahrelang. Als ich sehr 
jung schon verdienen mußte, wurden diese kleinen Liebhabereien auf- 
gegeben, was mich bitterlich schmerzte. — Noch eines Gebäudes im 
Wurstelprater erinnere ich mich, das jetzt schon verschwunden ist: 
das alte Zaubertheater des Kratky Baschik. Ich kannte den Zauberer 

selber, es war ein steinalter ehrwürdiger Herr, immer schwarz geklei- 
det, mit langem eisgrauen Haar und Bart. Die Plakate waren schon 
gräßlich genug, sie waren an jeder Straßenecke zu sehen: Der Tod 
in langem, weißem Schleiergewand hielt einen Ritter an der Kehle. 

Wie mußte es erst in dem Wundertempel drinnen zugehn! Aber 
ich erhielt nie die Erlaubnis, einer Vorstellung beizuwohnen, was von 
meinem Papa sehr klug war; denn ich weiß genau, daß die Bilder, 
die außen auf dem Theater gemalt waren, bei meinen argen Angst- 



Kindheitserinnerungen einer ehemals Nervösen 389 

anfallen, eine bedeutende Rolle spielten. Es waren ober auch 
wahre Höllen- Breughels dort zu sehen und nicht nur Kinder konnten 
davor erschrecken. Ein großer, grüner Höllenrachen war da aufgerissen 
bis zur Unmöglichkeit, in den taumelte eine Menge unseliger Menschlein 
hinein, dann kamen abgehauene Häupter in Massen, und was der- 
gleichen schöne und erbauliche Dinge mehr waren. Meine ersten 

furchtbaren Weinkrämpfe bekam ich vor diesen Kunstwerken, und 
noch in der Nacht plagten mich die bösen Geister. 



Nervöser Charakter, Disposition zur Trunksucht 

und Erziehung. 

Dr. med. Vera Eppelbaum und Dr. med. Charlot Straßer. 

Das neue Licht, welches die weitausschreitende psychologische For- 
schung der letzten Jahre uns gebracht hat, warf seine Reflexe auch 
auf die Wege der pädagogischen Arbeit, und wenn ihr durch diese 
Fortschritte in vielem geholfen wurde, so haben sich darum die Auf- 
gaben nicht vermindert, sondern gerade vermehrt und sind viel kompli- 
zierter geworden. 

Wenn der Erzieher schon beim gesunden Kinde mit Charakterzügen, 
wie Neid, Trotz, Lügenhaftigkeit, Grausamkeit, Jähzorn, Feigheit, 
Schüchternheit usw. zu rechnen hat, so finden wir sie beim krankhaft 
veranlagten Kinde, wie sich aus den Krankengeschichten der späteren 
Patienten entnehmen läßt, in höherem Maße ausgeprägt. Nicht das 
gesund veranlagte Kind macht dem Erzieher am meisten zu schaffen, 
sondern gerade dasjenige, das nachher sich in der Richtung einer be- 
stimmten Krankheitsgruppe weiter entwickeln kann. Gerade dort hätte 
der Pädagoge erst recht individualisieren sollen, wo vielleicht in der 
Zukunft, mit dem zunehmenden Alter des Kindes, dem Psychiater oder 
Individualpsychologen die Aufgabe zufällt, systematisch zu behandeln 

und die Indikation für die von ihm einzuschlagende Methode, nach 
der von ihm gestellten Diagnose und nach den Spezialerfahrungen über 
die betreffende Krankheitsgruppe, in die er seinen Patienten oder 
Zögling einreiht, zu wählen. 

Die Trunksucht spielt eine so gewaltige Rolle im Volks- und Kultur- 
leben, daß es dem Psychologen zu denken geben sollte, ob das Ziel, sie 
zu bekämpfen, damit erreicht sein kann, wenn mit dem Alkoholismus 
als mit einer vollendeten Tatsache, als mit einem in sich abgeschlossenen 
Zustande gerechnet wird. 

Die Mittel, die im Kampf gegen Folgen des übermäßigen Alkohol- 
genusses bis jetzt meist verwendet wurden, bewegten sich nur in der 
angedeuteten, einen Richtung. Man gründete Mäßigkeits- und Abstinenz- 
vereine, griff zu gesetzgeberischen Maßnahmen, verbreitete Ersatz- 
getränke usw. Die eminente Bedeutung und die gewaltigen Erfolge 
der Antialkoholbewegung sind nicht zu bestreiten. Wenn wir ein Übel 



Nervöser Charakter, Disposition zur Trunksucht und Erziehung- 391 

erkennen, müssen wir auch das Übel als solches, als Symptom, be- 
kämpfen. Allein, — jede rationelle Behandlungsmethode einer Krankheit 
verlangt nicht nur die symptomatologische Therapie, sondern, daß man, 
wenn irgend möglich, die Krankheit mit ihren Wurzeln ausrotte. Den 
Versuch allerdings, etwas radikaler in der Alkoholfrage vorzugehen, 
machte man, indem man, beispielsweise in der Schweiz im neuen 



Zivilgesetz Bestimmungen schuf, daß entweder der Trinker, oder aber 
die Kinder aus dem Hause des Trinkers fortgenommen werden sollten. 
Hierzu eine Zwischenfrage: Würde es dem Psychologen einfallen, 
zu glauben, daß die Entfernung des alkoholischen Vaters oder die Ent- 
fernung der Kinder selbst immer ohne jegliche Wirkung auf den 
Lebenslauf der Kinder bleiben dürfte? Wird nicht manch ein Kind 
ein derartiges Erlebnis wie den Vater zu verlieren oder aus dem 
elterlichen Hause entfernt zu werden, in irgendeiner Form in seiner 
Zukunft empfinden, es verwenden? Zunächst dürfte dies von der 
psychischen und physischen Gestaltung des Kindes abhängen. Es kann 
durch derartige Vorkommnisse günstig beeinflußt werden, aber es 
könnte der Fall eintreten, daß ein Kind, das vorher auch im trunk- 
süchtigen Vater ein Vorbild sah, durch die Beiseiteschaffung des Vaters 
nicht nur die für es nützliche Sanierung und Befreiung aus mißlichen 
Verhältnissen erkannte, sondern zugleich auch sehr stark den Vater 
als eine Art Märtyrer glorifizierte und, wenn es gar noch seine an 
Stelle des Vaters eingesetzten Erzieher nicht lieben sollte, trotz aller 
Fürsorge sein früheres Vorbild buchstäblich verfolgen wird. Selbst- 
verständlich geben wir hier nur eine vereinzelte von vielen Möglich- 
keiten, und die Realität bildet so unzählige ähnliche Varianten, daß 
wir mit dem einen Beispiel nur zeigen wollten, wie es mit der An- 
wendung des Gesetzes ohne individualpsychologische Vertiefung allein 
nicht getan ist, und wie vor allem dem speziell neurotisch veranlagten 
Kinde die Möglichkeit, später zum Alkohol zu greifen, dadurch im 
Grunde nicht genommen ist. 

Aber auch eigentliche pädagogische Vorschläge zur Bekämpfung 
der Trunksucht wurden gemacht, z. B., die Kinder zu lehren, daß 
die berauschende Wirkung alkoholischer Getränke häßlich sei, und 
Ähnliches. Auf diese Art pädagogischer Prophylaxe weiter einzugehen, 
dürfte nicht von Nöten sein, weil der Einwand dagegen auf der Hand 
liegt. Abgesehen davon, daß manches Kind aus bekanntem kindlichen 
Trotz und aus Neugierde gerade dadurch zum Alkohol gebracht wird, 
daß man ihn auf so unterstrichene Weise verbietet, könnten die Aus- 



392 Nervöser Charakter, Disposition zur Trunksucht und Erziehung 



Führungen des Lehrers eben darum gegen dessen Person im Sinne 
eines neurotischen Kunstgriffes verwertet werden. Das Kind, beson- 
ders das neurotisch veranlagte Kind, könnte allzu leicht in Versuchung 

geraten, die autoritär vorgebrachte Belehrung von der Häßlichkeit 
und Schädlichkeit der Berauschungsmittel gegen den Lehrer auszu- 
spielen und ihn dieserweise zu entwerten. 

Das, was bis jetzt gegen den Alokoholismus getan wurde, und dessen 
gewaltige Erfolge, wie gesagt, nicht in Frage kommen dürften, ging, 
wie uns scheint, darum nicht auf den Grund, weil es auf der ein- 
seitigen Anschauung fußte, daß die Trunksucht als ein in sich ab- 
geschlossenes Krankheitsbild zu betrachten sei. Bergs on sagt in 
seiner Einführung in die Metaphysik 1 : „Wir versetzen uns 
gewöhnlich in die Unbewegtheit — in der wir einen Stützpunkt für 
die Praxis finden — und wir streben, die Bewegtheit vermittelst 
ihrer wieder zusammenzusetzen. Wir erhalten so nur eine ungeschickte 
Nachahmung, eine Fälschung der wirklichen Bewegung." Auf der 
Suche nach praktisch verwendbaren Hilfsmitteln, die uns einen Stütz- 
punkt in der Praxis bieten sollten, übersah man, daß die Trunksucht 
ein Symptombild ist, das auf der kontinuierlichen Basis menschlichen 
Seelenlebens aufgebaut wurde und, weil es auf solcher Basis ruht, 
seine Vergangenheit und Zukunft, seine intuitive Aktivität haben muß. 
„Die Bewegung aber ist es, die früher ist, als die Unbewegtheit . . ."* 

In den folgenden Ausführungen stützen wir uns auf die Arbeit 
von Vera Eppelbaum 2 , die an einer Reihe von Fällen nachwies, 
wie der Alkoholiker, gleich dem Neurotiker, „an einem einheitlichen 
Lebensplane bewußt und unbewußt mit verschiedenen Mitteln zu einem 
bestimmten Ziele hinarbeitet", und wie der Alkohol als Kunstgriff 
zur Hebung des Persönlichkeitsgefühls benutzt wurde. 

Anschließend möchten wir kurz einen Fall aus der Praxis des Dr. 
Strasser streifen: Der hünenhaft gebaute Patient, der unter einer 
Magen-Darmminderwertigkeit in den ersten Kinder jähren viel zu leiden 
hatte, fühlt sich im Kontrast zu seiner außerordent- 
lichen Statur seit seiner frühesten Kindheit als Feigling, als, 
wie er selbst sagt, unmännlich, und versucht sich nach seinen frühesten 
Erinnerungen in bezug auf seinen Alkohol ismus diese Unmänn- 
lichkeit dadurch zu verbergen, daß er die Trink- 

1 Henri Bergson: Einführung in die Metaphysik, Jena, Eugen Diederichs, 1912. 
1 Vera Eppelbaum: Studie über das Assoziationsexperiment mit besonderer 
Berücksichtigung der Alkoholiker. (Erscheint demnächst.) 



Nervöser Charakter, Disposition zur Trunksucht und Erziehung 393 

sitten seiner Umgebung nachahmt. Er schildert selbst, 
daß er mm ersten Glas Bier aus dem gleichen Grunde griff, wie zur 
ersten Zigarette, um sich zu beweisen, daß er endlich groß geworden 
sei. Er sucht in der Folge seinen ausschließlichen Verkehr unter 
Korpsstudenten, und in diesem Milieu betrinkt er sich jeweilen dann, 
wenn er vor irgendeine männliche, direkte Entscheidung gestellt wird, 
wie etwa die Durchführung seines Berufes — er ist ursprünglich 
Kaufmann — oder die Bestehung seines Examens — er studiert 
später Chemie. Er klammert sich während seiner Studienzeit an den 
Ehrenkodex der deutschen Korps (um sich seine Männlichkeit zu be- 
weisen), und in schwerer Betrunkenheit provoziert er einen ihm harmlos 
gegenübersitzenden Menschen dadurch, daß er ihn, assoziativ angeregt 
durch einen Kneifer, der auf des Angerempelten Nase sitzt, mit „Knei- 
fer!" tituliert. Als den Patienten am folgenden Tage die ganz schwere 
Pistolenforderung in nüchternem Zustande trifft, ist er völlig erschüt- 
tert und versucht nun zu revozieren, nicht etwa aus dem Gefühl, 
daß er mindestens eine Ungezogenheit begangen hat, sondern aus 
Angst, — er versucht also, seinerseits zu „kneifen", was auch von 
dem Beleidigten und seinem Korps formell angenommen wird. Das 
Erlebnis verwertet Patient von nun an immer dann, wenn der alte 
Konflikt in ihm, der Kontrast zwischen seiner äußeren, starken, männ- 
lichen Gestalt und der inneren Leistungsunfähigkeit und Unentschlossen- 
heit ihm bewußt werden will, um sich zunächst unerbittlich herab- 
zusetzen, bis er es nicht mehr aushält, zum Alkohol greift und in 
der gehobenen Stimmung des Rausches über sein inneres Elend sich hin- 
wegnarkotisiert, — bis der nüchterne Morgen ihm die doppelte Nieder- 
lage, das erneute Elend wieder vor Augen hält und solange an ihm 
nagt, daß er aufs neue den Vorwand findet, sich sinnlos zu betrinken. 
Charakteristisch ist auch, daß nicht der Alkoholismus ihn später zum 
Arzte führt, sondern schwere hinzutretende neurotische Symptome, 
zwangsartige Selbsterniedrigungs- und Selbstmordgedanken, die aber 
genau den nämlichen Zweck verfolgen wie sein Alkoholismus, das 
Gefühl der Niederlage zu betäuben und andererseits aus der Niederlage 
ein Stimulans zu gewinnen, sich emporzuraffen und das Persönlich- 
keitsgefühl zu sichern, indem er die Schuld an seinem Zustande auf 
das Krankhafte und Zwangsartige seines Handelns verschiebt. Als 
Kunstgriff dient die Ablenkung auf Zwangsgedanken ebenso wie die 
Narkose durch den Alkohol. Zusammenfassend könnte man sagen: 
Der große Wuchs des Patienten war die Verkörperung des großen 



394 Nervöser Charakter, Disposition zur Trunksucht und Erziehung 



Mannes, seiner großen Persönlichkeit, des Helden in ihm, — die 
psychisch empfundene Schwäche aber verlangte nach gesteigerten Be- 
weisen seiner Männlichkeit, schuf das erhöhte Persönlichkeitsideal und 
brachte alle die Konflikte, die er, statt sie auf direktem Wege, statt durch 
Kraft und männliche Entschlossenheit zu lösen, auf Umwegen, in der 
Alkoholnarkose und in der Zwangsneurose zu umgehen suchte. 

Nehmen wir also, wie im vorigen angeführt, den Alkoholismus nicht 
als einen in sich abgeschlossenen Zustand, sondern, gleich wie die 
menschliche Psyche mit all ihren Äußerungen sozusagen entwicklungs- 
geschichtlich, so sehen wir, wie mangelhaft wir vorgingen, wenn wir 
den Kampf mit dem Alkoholismus an sich führten. Rechnen wir 
also nicht mit dem Zustand, sondern mit der Basis, 
auf welcher dieser Zustand aufgebaut wurde. Über- 
sehen wir nicht das Ganze vor dem Teil. 

Es ergibt sich nun von selbst, daß es von größter Bedeutung sein 
müßte, denjenigen anders zu lenken, von dem man voraussetzen könnte, 
er werde zum Alkohol greifen. Also nicht dem Alkoholiker sollte ge- 
holfen werden, sondern demjenigen, der es werden wird. Wir meinen 

damit, daß die Beschäftigung mit der Alkoholfrage, wenn nicht aus- 
schließlich von einem anderen Standpunkte angeschaut, so doch we- 
nigstens mit in die Hände des Pädagogen gelegt werden sollte. 

Aus welchen Kindern später Alkoholiker werden, kann nun freilich 
nicht ohne weiteres bestimmbar sein. Wir wissen, daß die Kinder 
der Trinker oft zu Alkoholikern werden, aber wir wissen auch, daß 
nicht jeder Trinker Alkoholiker zu Eltern hat. Damit ist uns noch 
nicht viel gesagt. Die Krankengeschichten der späteren Trinker, das 
heißt der Kranken, die wir schon unter dem Bilde des Alkoholismus 
vor Augen bekamen, zeigen uns, daß ihre Charakterzüge im Alter 
Verstärkungen derjenigen vor dem Alkoholmißbrauch und als solche 
die nämlichen sind, wie die eines neurotisch Veranlagten, ja, eines 
eigentlich gesunden Kindes. 

Eines liegt dem Gesunden, wie dem Neurotiker, wie auch dem Alko- 
holiker gemeinsam zugrunde, daß sie „einen einheitlichen fixen Punkt 
außerhalb ihrer selbst gefunden haben" 1 , und ihm nachstreben, um 
ihr Persönlichkeitsgefühl höher zu halten, um sich zu behaupten. 
„Das konstitutionell minderwertige Kind mit seinem Heer von Übeln 
und Sicherheiten wird seinen fixen Punkt schärfer herausarbeiten und 
höher ansetzen, wird die Leitlinie deutlicher ziehen und wird sich 

1 Adler: Über den nervösen Charakter. 1. s. S. 32. 



Nervöser Charakter, Disposition zur Trunksucht und Erziehung- 395 



ängstlicher oder prinzipieller an sie halten. In der Tat ist der Haupt- 
eindruck bei Beobachtung eines neurotisch disponierten Kindes der, 
daß es um vieles vorsichtiger zu Werke geht, mit allerlei Vor- 
urteilen, daß ihm die Unbefangenheit der Wirklichkeit 
gegenüber mangelt, ferner, daß seine Aggressionsstellung eine 
aufgepeitschte ist, indem es entweder erobernd oder durch Unterwerfung 
zur Beherrschung einer Situation gelangen will" 1 . 

Auf verschiedene äußere Mittel, die das Kind, und besonders das 
neurotische Kind, benutzt, um sich zur Geltung zu bringen, hat Adler 
in seinem Buche über den nervösen Charakter hingewiesen. (Angst, 
Kleinheitsgefühl, Schwäche, Ungeschicklichkeit, Trotz, Herrschsucht, 
Nörgelei, pedantische Wünsche, Stolz, Neid, G«iz, Grausamkeit usw.) 
Weitere Arbeiten der Schüler Adlers bestätigten seine Behauptun- 
gen. Vera Eppelbaum 2 betonte, daß der Alkoholismus ein Symp- 
tomenbild ist, das erst durch sich hinzugesellende toxische Wirkungen 
uns den Schein eines in sich abgeschlossenen Krankheitsbildes weist. 
Die Sucht nach Alkohol ist in der neurotischen Psyche ein Kunstgriff, 
wie viele andere Kunstgriffe und Bereitschaften. Dem Pädagogen dürfte 
die Aufgabe zufallen, mit diesen Kunstgriffen zu rechnen. 

Wenn der Pädagoge mit dem nervösen Charakter des Kindes zu tun 
hat, braucht er, wie aus obigem zu schließen sein dürfte, keine Rücksicht 
darauf zu nehmen, ob das betreffende Kind später die neurotische Angst 
suchen, oder ob es den Alkohol als Narkotikum, als Kunstgriff wählen 

wird. Er braucht keine Differentialdiagnose zu stellen. Er behandelt 
nicht eine bestimmte Krankheit, sondern er hat sich mit Charakter- 
zügen zu beschäftigen, und diese sind, wenn wir Neurotiker und Alko- 
holiker mit den Gesunden vergleichen, bei den beiden ersteren nur 
deutlicher herausgestrichen. Die Hauptsache ist, daß der Pädagoge 
das neurotische Kind erfaßt. 

Es gibt nun verschiedene Mittel und Wege, welche die psycho- 
logischen Schulen dem Pädagogen weisen . Für die Gesamtzusam- 
menhänge, welche die ganze Persönlichkeit eines Kindes bilden, mit 
ihrem Vorausdenken in die Zukunft, — denn davon hängt es ab, ob die 
Pläne des Kindes seiner Persönlichkeit entsprechend gelenkt, ob das 
Vorausdenken den richtigen Weg geleitet wird, — ist es von Belang, welche 

1 Adler: Über den nervösen Charakter. 1. s. S. 32. 

1 Vera Eppelbaum: Studie über das Assoziationsexperiment mit besonderer 
Berücksichtigung der Alkoholiker. 1. c. 



396 Nervöser Charakter, Disposition zur Trunksucht und Erziehung 

Methode der Pädagoge wählen wird, ob die der Suggestion, Ana- 
lyse oder Intuition. 

v 

Die Vertreter der suggestiven Beeinflussung bei erzieherischen 
Aufgaben verlangen vofla Lehrer, daß seine Persönlichkeit erzieherisch 
wirke und erst dann in dieser Weise zu wirken aufhöre, wenn die in- 
tellektuelle Festigung des Kindes weit genug gediehen sei. Abgesehen 
davon, daß die Entscheidung darüber, ob die intellektuelle Festigung 
schon eintrat, kaum zu treffen ist, sollte die Persönlichkeit des Leh- 
rers keine direkte Rolle spielen. Eine zweckmäßige Erziehung 
verlangt geradezu das Zurücktreten der Persönlich- 
keit des Lehrers hinter seine Absichten. Die ganze Ent- 
wicklung der Psyche des Kindes hängt ab von der Gestaltungsweise und 
Intensität des Kampfes zwischen seiner inneren psychischen sowie physi- 
schen Konstitution und seiner äußeren Umgebung. Das Kind kann durch 
ein suggestives Eingreifen des Lehrers bei seiner psychischen Mo- 
dellierarbeit, die es durch das Sichmessen und Vergleichen mit seiner 
Umgebung fördert, aus dem Gleichgewicht gebracht und auf verfehlte 
Wege gewiesen werden, in dem Sinne, als das zu Suggerierende sehr 
leicht seiner Individualität nicht zu entsprechen vermag. 

Auch die Psychanalytiker haben den Versuch gemacht, den 
Kampf gegen den Alkoholismus nach ihrer Methode zu vertiefen. So 
versucht der Schüler Freuds, Ferenczi 1 den Nachweis zu er- 
bringen, daß der Alkoholismus die Folge und nicht die Ursache der 
Neurose ist. Er versuchte, tiefer auf die Ätiologie einzugehen, und be- 
tonte, daß er den Alkoholismus nicht als fertiges, in sich abgeschlossenes 
Krankheitsbild betrachte. Nur verfiel er dabei in eine neue, irrige 
Annahme. Wohl fixierte er das Zustandsbild des Alkoholismus nicht 
mehr als solches, dafür aber fixierte er einen anderen Zustand, ein 
Symptomenbild, das er als Ätiologie bezeichnete. Er wies auf einen Zu- 



sammenhang zwischen sexuellen Erlebnissen und der Sucht nach AI- 
kohol zu greifen. Er betonte auf diese Weise die Wichtigkeit, auf die 
Entwicklung des menschlichen Seelenlebens zum Verständnis eines 
Krankheitsbildes einzugehen und stabilisierte dabei einen anderen, dis- 
kontinuierlichen Zustand. Als Therapie schlug er vor, die Psychanalyse 
zu diesem Zwecke anzuwenden, den zu Grunde liegenden Komplex, den 

1 S. Ferenczi: Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der 
Paranoia. Ferner: Alkohol und Neurosen. Antwort auf die Kritik von Professor 
Dr. E. Bleuler. (Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische For- 
schungen. III. Band. Leipzig und Wien. Franz Deutike. 1912.) 



Nervöser Charakter, Disposition zur Trunksucht und Erziehung- 397 



er als ätiologisches Moment betrachtete, frei zu machen, der verdrängten 
Libido zur Befriedigung zu verhelfen und damit den Patienten von der 
Flucht in den Alkoholismus abzulenken. Die Analyse ist für ihn das 
Heilungsmittel, das die Ursache der Flucht in die Narkose aufdeckt und 
neutralisiert. 

Analyse weist uns nur auf die Einzelzusammenhänge im 
menschlichen Seelenleben, nicht aber auf den Gesamtzusammen- 
hang in der psychischen Konstitution überhaupt. Mit der Analyse 
verfällt man in den nämlichen Fehler, den man bei Betrachtung des 
Alkoholismus als eines abgeschlossenen Zustandes gemacht hat. Die 
Analyse ist eine Zerstückelung. Solange wir also mit Methoden vor- 
gehen werden, die das Zerfaserte als Ganzes sehen, werden wir in der 
Behandlung einer Seelenkrankheit nie zu einem radikalen Mittel ge- 
langen. Suggestion, wie wir im vorigen zu zeigen versuchten, und Ana- 
lyse tragen, wenn sie für erzieherische Zwecke dienstbar gemacht wer- 
den sollen, beide den nämlichen Fehler in sich, daß sie die menschliche 
Seele in stabile Zustände auflösen und aus dem Stabilen in das Nicht- 
stabile, aus der Unbewegtheit in die Bewegung übergehen wollen. 
Bergs on sagt in seiner Einführung in die Metaphysik: „Analysieren 
besteht darin, ein Ding durch etwas auszudrücken, was es nicht 
selbst ist 1 . 1 ' 

Wenn der Pädagoge der kindlichen Seele gegenübertritt, muß er 
sich zweier Aufgaben bewußt sein: erstens, das Kind vom Standpunkte 
des Kindes aus als eine für sich abgeschlossene Einheit, und zweitens, 
diese Einheit als Produkt verschiedenartigster äußerer Einwirkungen, 
die gerade diese Einheit bilden, zu betrachten. Je lebhafter die Wechsel- 
wirkungen der kindlichen Seelenregungen mit dem äußeren Leben sind, 
desto ausgeprägter entwickelt sich sein Lebensplan, desto eigenartiger 
modelliert sich sein Charakter, diese seine Einheit. „Das innere Leben ist 
alles dies zugleich: Mannigfaltigkeit von Qualitäten, Kontinuität von 
Fortschritten, Einheit der Richtung 1 ." Das innere Leben verändert sich 
beständig, bleibt nie stabil; „es gibt keinen seelischen Zustand, so 
einfach er auch sei, der nicht jeden Augenblick wechselt 2 ." Betrachten 
wir die Entwicklung des seelischen Geschehens von diesem Stand- 
punkte aus, so bleibt der einzige Weg, den man gehen sollte, um in 
die kindliche Psyche einzudringen, der der Intuition, der in- 
tellektuellen Einfühlung, des intellektuellen Mit- 

1 Bergson: Einführung in die Metaphysik, 1. c. 
1 1. c. S. 27. 



J 



398 Nervöser Charakter, Disposition zur Trunksucht und Erziehung 

leben s. Unabhängig von dieser Gedankenrichtung Bergs on scher 
Philosophie betonte Adler die entwicklungsgeschichtliche Auffassung 
zum Verständnis des menschlichen Seelenlebens und schuf sich daraus 
die Leitlinie einer Charakterlehre, deren Wichtigkeit für die Therapie 
er ganz besonders herausarbeitete. 

Nur durch die intuitive Befähigung des Pädagogen, durch das Hinein- 
fühlen in den kindlichen Lebensplan, durch die Mitarbeit des Erziehers 
an der Umgestaltung der Lebensziele seines Zöglings, kann es ihm 
glücken, die Bildung von Kunstgriffen in Form von verschiedenen, 
ausgeprägten, gesteigerten Charakterbereitschaften zu vermeiden, wie 
beispielsweise (was uns in vorliegender Arbeit besonders interessierte) 
der Sucht nach dem Narkotikum, etwa dem Alkohol, um die Schwan- 
kungen zwischen Realität und Persönlichkeitsideal gewaltsam zu über- 
sehen, sie sich nicht bewußt werden zu lassen, sich ihretwegen zu be- 
täuben, vorzubeugen und einer derartigen einseitigen Entwicklung in 
der Richtung nach der Krankheit hin prophylaktisch zu begegnen. 

Der Pädagoge darf zu diesem Zwecke dem Kinde nicht seine eigene 
Weltanschauung aufdrängen, wie er es eventuell bei Anwendung der 
Suggestion versucht hätte, — auch darf er nicht analytisch vorgehen 
und auf diese Weise einzelne Stücke aus dem Gesamtzusammenhange 
des Innenlebens herausreißen, mit dem unbeweglich Gemachten speku- 
lieren und die Übersicht über das. Ganze verlieren, sondern er muß sich 
intuitiv in die Beweglichkeit der psychischen Vorgänge versetzen. „Von 
der Intuition kann man zur Analyse gelangen, aber nicht von der 
Analyse zur Intuition 1 ." 

Wird erst der Pädagoge den Weg der Intuition betreten, und wird 
er sich in die Lebensziele des Kindes hineinfühlen, vermag erst einmal 
der Erzieher so zu handeln, als ob er die betreffende kindliche Kon- 
stitution selbst in sich trüge und seine Aufgabe darin zu erkennen, 
nicht den Mitmenschen, sondern den Menschen, das Indivi- 
du um erziehen zu wollen, dann gelingt es ihm, durch seine Mitarbeit 
die Umgestaltung des kindlichen Lebensplanes zu fördern und einem 
zur Trunksucht disponierten Kinde also die Möglichkeit zu nehmen, 
den Alkohol ebenso wie die anderen Ausdrucksformen der Neurose in 



der Zukunft als Kunstgriff zu verwenden. 



1 Bergson: Einführung in die Metaphysik, 1. c. S. 30. 



Schlußwort. 

Was wir in diesem Bande einem geneigten und geschulten Leser 
vorlegen, ist nicht mehr als das Ergebnis eines Jahrzehnts, auf dem 
Boden der Individualpsychologie erarbeitet. Die Größe des Arbeits- 
gebietes zeigt sich in der Fülle der Probleme. Deren Auswahl scheint 
uns durch unseren Standpunkt und durch die Forderung des Tages 
gegeben. Die stattliche Anzahl unserer Mitarbeiter erklärt sich aus 
dem unabweislichen Bedürfnis, Ärzte und Erzieher auf einem gemein- 
samen Arbeitsgebiet zu sammeln. 

Die Einheitlichkeit unserer Grundanschauungen, kraft deren wir 
den Anspruch einer selbständigen Forschung und Weltanschauung 
vertreten, liegt in dieser Sammlung ebenso klar zutage als in der Arbeit 
„Über den nervösen Charakter" (Wiesbaden, Bergmann 191 2) und 
in den „Schriften" (München, E. Reinhardt). Kleine Änderungen 
in einzelnen älteren Arbeiten dieser Sammlung erwiesen sich als not- 
wendig durch die Fortschritte unserer Wissenschaft. 

Wissenschaft und Praxis der Kindererziehung sind nur bei gemein- U 
samer Tätigkeit wachstumsfähig. Was die bisher vorliegenden Arbeiten 
unserer Richtung zusammenhält und verbindet, ist die empirisch ge- 
wonnene Grundanschauung von der richtunggebenden Zielsetzung im 
kindlichen Seelenleben, derzufolge alle Phänomene einer planvollen 
Linie des Lebens entsprechen. Individualpsychologie ist für uns jenes 
künstlerische Bestreben, das uns instand setzt, alle Ausdrucksbewe- 
gungeu im Zusammenhange eines einheitlichen Werdens anzuschauen. 
Und so ergibt sich für die Praxis der Erziehung als wichtigste Voraus- 
setzung: durch Aufhellung des unerkannten Lebensplanes und Re- 
vision desselben den Sinn für die Wirklichkeit zu schärfen und krank- 
hafte, unsoziale Ausartungen durch Änderung des selbstgeschaffenen 
Systems zu beseitigen. 

Der vorliegende Band darf wohl als ein bescheidenes Abbild dieser 
Bestrebungen an die Aufmerksamkeit der Berufenen appellieren. 

Dr. Alfred Adler. 



1 



Verlag von Ernst Reinhardt in München 

• 

SCHRIFTEN DES VEREINS FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE 
FORSCHUNG 

HERAUSGEGEBEN VON DR. ALFRED ADLER 



Bisher 



erschienen: 



Heft 1. Dr. Carl FURTMÜLLER, Psychoanalyse und 

Ethik. Eine vorläufige Untersuchung. 48 Seiten 
Preis M. 1. 

Heft 2. Otto KAUS, Der Fall Gogol. 86 Seiten Preis 

M. 2. 

Heft 3. Paul SCHRECKER, Henri Bergsons Philosophie 

Persönlichkeit. 64 Seiten Preis M. 1.50 
Heft 4. Felix ASNAOUROW, Sadismus, Masodiismus 

in Kultur und Erziehung. 40 Seiten Preis M. 1.20 



In Vorbereitung sind folgende Hefte: 

Alfred ADLER, Homosexualität und Neurose. — Mastun* 
bation und Neurose. 

Robert FRESCHL, Nietzsches Lebens*» undSchaffenswerk. 

Hermann FRISCHAUF, Zur Psychologie des jüngeren 
Bruders. 

Gustav GRÜNER, Die Mutterleibsphantasie. <Mit einer 
teilweisen Psychoanalyse von Shakespeares „Hamlet".) 

Leopold Erwin WEXBERG, Über die Angst. 

Nicolaus WIRUBOFF, Über die Zwangsneurose. 



Verlag oon (Ernft «Reinljarbt in <Dtfin$en. 1 



fScvkc oon allgemeinem 9nlereffe. 



3Künd)cn 



tf afuntriffenfd)affeti, SMfanfdjauung. 

Eignet, «., faUflatt. ©n ftuiturbüb aus prctyiftorifcfjer 8cit. 8°. (220 ©.) 1910. 

2)0. 4.—, gebb. JDS. 5.50 

3m Safce 1311 tourbe ber fcallftätter Salzbergbau burd> bie Äönigin (Slifabety 
eröffnet, toobei fid? ergab, bog bie gunbftätte bereits früher einer auSgebeljnten 
©enüfcung unterworfen getoefen ift tiefer ben Äelten §ugefcfyriebene öergbau 
reicht ettoa 2500 gafce bor (SfjriftuS jurüd. $ie in ben bernarbten Stellen be$ 
SaljbergeS feibft nrie in bem benachbarten ©räberfelbe aufgefunbenen ©erzeuge 
unb fonftigen GJegenfiänbe, aum £eü bon fyjfjer ©djönljeti, finb 8«i«9«n ehemaliger 
Shiltur, bie l)ol)e Sichtung einflößt. — S)ie ©djrift ift eine toidjtige JBereidjeruug 
ber präfyjtorifdjen Literatur; fie erhinbet unb fafet jufammen, unb jroar auf ©runb 
eigener gorfdjung unb ber großen Literatur. $ie fcräger ber fcallftattperiobe in ©e- 
banlen &u befugen, iljr ßeben unb treiben gu betrauten, ift ber auägefprodjene 8»ea\ 

8iiwiWli, Dr. $an3, Die $ertuttft Ie9 aReufd)ettaefdjled)t» in ben «nfd) 

ungen betriebener Seiten. 8°. . (43 @.) 1911. SDW. —.50 

fcacquä, Dr. «bgar, tet ftefoettbenggebante unb feine «eftyidjte Dom Altertum 

bis jur SReuaeit bargefteOt. 8°. (IV u. 119 ©.) 1904. SD«. 2.— 

Übet bie $efdud)te be* «ntmkflung3geban!en3 bor Karmin ift bie Literatur 

febr gering. $ie borliegenbe Sdjrift gibt ^luljüge aus ben ©djriftftellern be3 

Altertum* unb be« Mittelalter! unb bilbet baburdj eine boraüglidje ©infüfjrung in 
bie SRaterie. 

Sfiföberg, Dr. 8K., Sie Otaffenmerfmale ket 3uben. Sine (rin jütyiung in tyre 
Hnttyropologie. SKit42Saf.inffnnftbrud. (272©.) 1913. SRI. 6.— , gebb. 3Kf. 6.50 

$ie auf ßreng hnffenfdjaftlidjer 83etoei«füf)rung fu&enbe 3)arftellung, ju melier 
bie bon bielen Anthropologen in (Europa, Afien, Afrita unb ftmerifa gefammelten 
2Jtoterialien unb bie bon bem ^erfaffer feibft an mel)r benn 30CX) jübifcfyen (Ein- 
geborenen bon bier Erbteilen borgenommenen 9ftef jungen benufct tourben, lommt au 
bem ©rgebntö, bafj baS gubentum eine Religion toar unb nod) ift, aber niemals 
eine fltoffe. $a3 ^od)intereffante «8er! bürfte unameifelfjaft bad Jöefte barfteüen, 
totö über biefe grage jemals* oeröf fentlidit toorben ift. 

3ftaditiföe SBodjenfdjrift, 13. gebruar 1913. 

ftlammptx, Dr. $., Sie SBijjenftfjaft trat 8e*en. »iologifdj^Dtlofo^ifc^e 
Setradjtungen. (309 ©.) 1913. SKI. 4.50, gebb. DK. 6.— 

$er JBerfaffer gibt nidjt nur eine ©iologie im naturtmffenföaftlidjen ©inne, 
fonbern jieljt bie Sftujjannjcnbung für ba$ fieben. (5r oermittelt nict)t nur eine 
gülle oon Äenntniffen, fonbern gibt eine Sebenölunbe, bie burd> bie gehobene 
Sprache unb eble iarftellung einen öftr)eti{d)en (Äenu& bietet 

göret, 9(itg., ^tuf., ^aö SinneSlebett ber 3nf eften. Sine (Sammlung bon ex- 
perimentellen unb lritifd)en ©tubien über ^nfeften - $ft)c^ologie. SDtit jroei 
Safein. gr. 8°. (XV u. 393. ©.) 1910. Über}, ö. SJtoria ©emon. 9)if. 7.— 
— Stafette gebunben. SDW. 8.50 

%en QJnntbftocT biefel öud)eö bilben goreld berühmte ..Exp^riences sur les 
sensations des Insectes", oon benen ^)earöle^ eine englif^e Aufgabe oeran- 
ftaltete. SWaria ©emon ^at baä Söerl nac^ biejen beiben ausgaben in« 5)euif(^e 
überjet^t, ber 55erfa[fer ^at e8 fotgfalttg burd)gefel)en unb mit jatyreidjen ^ufä^en 
unb einem neuen Kapitel öerfeljeu, fo ba& e3 bad ßebenSmer! be« SBerfafferS auf 
bem Gebiete ber gnfeltenpfrjdjologie enthält 3)a« ©uaj wirb nid^t nur bem 
gaa^gele^rteu, fonbern jebem naturttiffenfc^aftlic^ intereffierten £aien einen Ijofyen 
(jienuß bereiten. 

x 



2 *RaturiDin«n[$aften, SDeltanfdjaunng. 




Rotel, «tafl., $tof ., $te (»ftdjifdjeit gäftfgteiien bet «meifcn unb einiger anbeter 
3nfeften; mit einem 21nt)ang über bie (Sigentttmlicfyfeiten be3 ©erudjfinneS 
bei jenen 2ieren. Sorttage, gehalten ben 13. Slugujl 1901 am 5. inter- 
nationalen 8oologen*JSongre6 ju ©erlin. 4. mit ber 2. gleid)lautenbe Auf- 
lage mit 1 XafeL 8°. (53 ©.) 1907. SR!. 1.50 

— «eben tttib Sob. ©n »ortrag. 8°. (26 6.) 1908. SKI. —.80 

ein offene« ©elenntni* eine« mutigen greibenfcrS, bet ein 2tbtn nad) bem 
lobe nidjt lennt unb bafüt eintritt, ba$ fieben auf biefer Srbe möglich gut unb 
febön ju gepalten. $er AufjaJ iß lefenSwert, tüte alles, wa3 ber gebet ftoreia 
entflammt. 8entralblatt für Herüenijeiltunbe, 1908, $eft 20. 

fcenrici, $tof. $uim, »otn »eiftetfllaubett jut ®eiftc3ftcH|ett. ©n ®efäid)t$- 

unb ©eben! burf) bet ©eifteSentroicflung $ut natürlichen Söeltanfdbauung mit 
jaljlreicfyen beigaben unferer Stifter unb ®enfer. gr. 8°. (VII u. 444 ©.) 
1910. SR!. 6.—, gebb. SKI. 7.50 

(Eine ©efd)ict)te unferer geiftigen Äultur öon ben erfreu töeaungen bed (fceijrer- 
glauben* ber 9toturmenfcr)eu bis ju ben Uaffifdjen $)id)tern unb 3)enfern ber Reu- 
,eit, bie uns münbig gemacht tjaben, im ©rlennen unb im ©Raffen. Äeine trodene 
liftorifÄe $arftellung, fonbern antegenb jum ©elbftbenten unb burcr)sogen öon 
j'ablreidjen »elegftellen ber beften ©crjriftftelier. 

Mcntfrfjcl, Dr. tfrnft, SaS Scben beS efifjtoafferS. (Sine gemeinoerflänblidje 
Biologie. SRit 229 »bbilbungen im lejt, 16 SJoDbilbern unb einem farbigen 
Sitelbilb. 8°. (IV u. 336 6.) 1909. ftobbb. 9JW. 

„Au* ber Statur" Dorn 15. April 1909. $iefe* 8uct) ifl eine SBioloqfe im 
bejten ©inne be* ©orte«. Xer Berfaffer $at ben inftematifd)en ©cficbt«pun!t 
gang in ben §inteigrunb treten laffen unb fdulbert und anjdjaulirf) unb fiar, tote 
bie einzelnen fiebenSfunftionen bon ben üerfdnebenarrtgcn öewobnem be« ©ü> 
waffer« ausgeübt werben. 3n erfter £inie befd)äftigt er fidj babei mit ber Xier- 
weit, fo ba& bet 2itcl bei ©ucr)e$ richtiger ba3 ©ort „»erleben" enthalten foUte. 
Xie Urtiere ober qjrotojoen werben in einem befonberen ftapitel abQebanbelt. 
$er Sterbt wirb burcrj jat)lreicr)c Abbilbungen erläutert. Söir lönnen ba3 ßBet! a\* 
juoerlöffige (Einführung in baS (Gebiet ber ©iologie bejieuä empfehlen. 

„«promett)eu3" Dom 2. guni 1909. Durcr) bie gfille be$ ©elbftgefcljenen 
regt baö ©ucr) an §u (Klier SRaturbetr atr)tung, wät)renb e3 burd) bie SRenge beS 
äeitgemäfc fnneingearbeiteten wijfenjdjaftlieben Materials, bem QJcfjalte nadj gleidj- 
lommt einem £el)rbucrj ber allgemeinen ©üjjwafferjoologie. 

Selber, Dr. Slbolf (gtctbutg ».), Somatct (Stubie über bie ©eföidjte feinet 

ßebenS unb ©enfenS. gr. 8°. (62 ®